Pandemie Müdigkeit

“ … Psychologen (haben) ein neues Phänomen entdeckt, die „Pandemic Fatigue„. Viele Menschen sind es leid, sich weiter mit Corona zu beschäftigen, sind demotiviert und wollen keine zusätzlichen Informationen, sondern Ruhe … Manchmal geht diese Haltung damit einher, dass sie weniger bereit sind Coronaauflagen zu folgen.“ Süddeutsche Zeitung 14.11.2020

Folgt der großen Verunsicherung gähnende Gleichgültigkeit?

Wer in Angst erstarrt, sehnt sich nach Sicherheit. Und versucht sich durch ideologische Dogmatisierung zu stabilisieren. Die schützt zwar auch nicht vor dem Tod, aber man kann wenigstens etwas aktiv bekämpfen: seien es Viren oder Andersdenkende. Man glaubt in diesen Kriegen auf der richtigen Seite zu stehen und hofft auf den Sieg. Alle einströmenden Informationen werden dann so gefiltert, dass sie den angenommenen Standpunkt weiter belegen. Bis er alternativlos erscheint.

„Wer die Presse seiner Gruppe liest und das Radioprogramm seiner Gruppe hört, wird in seiner Gefolgschaft konstant bestärkt. Diese Menschen lernen mehr und mehr, dass ihre Gruppe recht hat, dass ihre Aktionen gerechtfertigt sind, und deswegen verstärkt sich ihre Gefolgschaft. Gleichzeitig enthält solche Propaganda Elemente der Kritik und Zurückweisung anderer Gruppen, deren Ansichten nie von den Mitgliedern der jeweils anderen Gruppe gelesen oder gehört werden. So sehen wir, wie sich vor unsren Augen eine Welt geschlossener Seelen selbst erschafft, eine Welt, in der jeder nur mit sich selbst spricht, in der jeder sich konstant der eigenen Überzeugungen versichert und sich mit dem Übeln beschäftigt, die ihm andere antun – eine Welt, in der niemand mehr dem Anderen zuhört … (mit einer) … totalen Abwesenheit von Sinn.“ Jacques Ellul, Übersetzung Dirk Pohlmann

Und so folgte im Frühjahr 2020 dem Schrecken, dass man sterben könne, langsam die Hoffnung. Mit angepasstem Verhalten und dem Konsum medizinischer Produkte werde es sicher bald wieder gut.

Ist das so?

Die weisen Affen symbolisieren Selbstschutz. Eine Voraussetzung für innere Ruhe. (Foto Jäger 2018, Wat Saket, Bangkok, Thailand) Der Journalist Milosz Matutschek interpretiert die Affen in Covid-19-Zeiten anders: Seine Affen dürfen zunehmend nicht mehr „sehen, hören, sagen“. Aber trotzdem denken sie dann noch, für sich, im Stillen. Die Affen im Wat Saket wollen aber nicht mehr denken. Und sie wollen auch nicht handeln. Ihr erleuchteter Buddha im Hintergrund ist leer und am Alltag nicht interessiert.

Für eine ähnlich fundamentale Krise, wie wir sie heute empfinden, fantasierte der französische Schriftsteller Michel Houellebecq 2015 eine überraschend einfache Lösung: Die Unterwerfung unter eine „modernisierte“ Einheitsreligion. Houellebecq dachte an eine Variante des Islam. Aber er übersah das Naheliegendere: die Macht des Gesundheitsmarktes.

Kommentar von Lucien Scherer, NZZ 03.11.2020:
Niedergang der Diskussionskultur in Zeiten von Angst und braver Gesinnung

„Ich bin überzeugt, wenn wir gemeinsam diesen harten schwierigen Corona-Winter hinter uns gebracht haben, wird auch die Bereitschaft steigen, dieses Impfangebot anzunehmen und sich impfen zu lassen“, Jens Spahn am 23.11.2020 bei einem Besuch eines Impfstoffherstellers in Dessau.

Was macht den Gesundheitsminister da so sicher? Stumpfen die Menschen nicht nach immer wieder neu-entfachter Dauerangst ab? Hoffen sie dann nicht weniger auf „Magische Kugeln“, die die Welt retten sollen? Könnte es sein, dass viele von ihnen die tägliche mediale Überflutung nicht mehr ertragen können? Dass sie dem gebetsmühlenartig Wiederholten nicht mehr vertrauen? Und sich einfach nach Ruhe sehnen?

Was wird geschehen, wenn immer mehr Menschen nichts mehr hören, nichts mehr sehen und auch nichts mehr sagen wollen? Wenn Risken, die sich nicht ändern lassen, verdrängt und vergessen werden? Wenn viele einfach wieder unbeschwert von Ängsten leben wollen? Wenn sie irgendwie, in der Krise einen Weg finden wollen, um für sich allein irgendwie im Chaos oder in gesellschaftlicher Starre zurecht zu kommen?

Wäre das hochgefährlich? Weil sich Pandemie-Müdigkeit in Impf-Müdigkeit wandeln könnte?

Drei müde Mönche. Oder doch hellwach? Foto Jäger 2018, Wat Saket, Bangkok, Thailand.

Coronoia oder Rhinozeritis?

1959 führte Eugène Ionesco (1909-1994) das Stück Rhinocérus auf. Seine „Nashörner“ waren Symbole für Mitläufer einer totalitären Gesellschaft. Fast unmerklich schlossen sie sich im Zuge einer wachsenden Bewegung freiwillig der „Rhinozeritis“ an: Einer verfremdeten Mischung aus Faschismus, Gleichgültigkeit und Opportunismus. Alle ließen es widerstandslos geschehen. Jeder versteckte sich hinter der wachsenden Mehrheit. Alle machten am Ende mit. Nur der Held der Geschichte, Bérenger gab nicht auf.

Denn Ionesco war Optimist: Er glaubte, Eigenverantwortung könne totalitäre Regime verhindern:

... Bérenger „Sie sind verrückt geworden, die Welt ist krank, sie sind alle krank.“
Daisy (seine Freundin): „Wir werden sie nicht heilen.“
Bérenger: „Wie im selben Haus bei ihnen wohnen?“
Daisy: „Man muss vernünftig sein. Man muss einen Modus Vivendi finden, man muss versuchen, sich mit ihnen zu verständigen.“
Bérenger: „Sie können uns nicht verstehen.“
Daisy: „Man muss es trotzdem versuchen. Es gibt keine andere Lösung.“
Bérenger: „Verstehst du sie denn?“
Daisy: „Noch nicht. Man muss versuchen, ihre Psychologie zu verstehen, ihre Sprache zu lernen.“
… vor dem Schluß:

Bérenger: „Ich werde mich gegen die ganze Welt wehren. Ich bin der letzte Mensch, ich bleibe es bis zum Schluß. Ich gebe nicht auf“.
… Vorhang.

Drei thailändische Affen, die meine Bücher bewachen (Bild: Jäger 2020)

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Letzte Aktualisierung: 01.12.2020