Starke Paarbindung (Eros)

Die Sprache des Homo sapiens

Die Liebe bewegt das Weltall, geheimnisvoll, erhaben, dem Herzen Schmerz und Wonne zugleich. Di quell’armor ch’è palpito  dell’universo intero, misterioso, altero, croce e delizia al cor.  La Traviata

Eros Dynamo
Eros Dynamo. Links: Venus vom Hohlefels, Mammut-Elfenbein, (Fundort: Geißenklösterle-Höhle, Schwäbische Alb), Alter etwa 35-40.000 Jahre. Bild: Wikipedia, Rechts: Toter (?) Jäger mit erigiertem Penis, Lascaux, Alter: etwa 17.000 Jahre. Bild: Wikipedia

Die erste menschentypische Kommunikationsform

männlich
Männlich. Kropke 2001

Der evolutionäre Überlebenstrieb erfordert ein starkes Programm für das Gelingen der Partnerwahl und die Handlungen, die für die Reproduktion erforderlich sind. Diese Kommunikationsform muss den Einzelinteressen von Zellen und Organen übergeordnet sein, auch angesichts des Todes. Deshalb muss das zentrale Nervensystem sich für gelungenes Verhalten besonders belohnen.

Die Bonobos, die den Menschen näher stehen als die aggressiveren Schimpansen, nutzen Sexualität für die Stabilisierung komplexer sozialer Zusammenhänge.

Homo sapiens hat diese geniale Art sozialen Zusammenhalt zu sichern noch wesentlich verfeinert: durch Eros, die erste menschentypische Kommunikationsform. In der griechischen Schöpfungsgeschichte beginnt mit Eros die Dynamik universeller Entwicklung.

Die beiden Begleiter des Eros waren in der griechischen Mythologie Pothos und Himeros. Das bedeutet nicht etwa „Lust und Befriedigung“ (oder Sex), sondern „Sehnsucht und Verlangen“ (d.h. wenig Sex).

Bei Eros ist die Aussicht auf Belohnung besonders stark.

Dafür sind Frauen und Männer jederzeit (ohne Saison wie bei anderen Tieren) für (intensiven Sex) bereit.

weiblich
Weiblich. Kropke 2001

Eros, die Spannung zwischen Geschlechterrollen, schuf die Voraussetzung für die Bildung großer Sozialverbände. Männer- und Frauenrollen brachten den großen Nutzen, dass nicht ständig neu ausgehandelt werden musste, wie im Lager Suppe gekocht oder in weiter Ferne Mammuts zu jagen sind. Wie sich diese angeborene Sprache ausdrücken kann, wird kulturell sehr unterschiedlich in der Frühkindheit geprägt.

Eros entwickelte sich vor über 100.000 Jahren, als sich diese ersten Afrikaner vom Rest der Hominiden trennten. Sie konnten ihr Selbst außerhalb des Körpers spazieren gehen lassen, zur Geliebten oder dem Geliebten, zu den Kindern, zur Sippe. Im Prinzip wird bei Eros die „Mohrrübe des Glücksgefühls“, die der Dopamin Welle unmittelbar vor dem Sex entspricht, vor der Nase der „Esels“ erheblich weiter weg gehalten.

Die Erwartung der künftigen Belohnung rechtfertigt Heldentaten, Entbehrungen, ja selbst den Tod. Allein das „schöne Bildnis“ der 40.000 Jahre alten Venus von der Schwäbischen Alb, die reine Illusion beglückte bereits, d.h. erzeugt noch mehr Dopamin als der Sex selbst und spornte zu höchsten Leistungen an, die den Tod vergessen ließen. Mit Eros erhielt die Gruppenselektion (des Stammes) eine herausragende Bedeutung, gegenüber der individuellen Selektion „egoistischer Gene“. Bei unseren Schimpansen-Vettern muss bis heute das Alphatier sagen, was zu tun ist, sonst droht Gewalt.

Neandertaler waren mit ihrem vor-erotischen System unmittelbarer Herrschaftsausübung in der Lage, kleine jagende Familiengruppen zu bilden. Homo sapiens organisierte dagegen Stämme von mehreren hundert Personen mit Lagern, Großwild jagenden Männergruppen oder anderen, die Wildgetreide vor den Antilopenherden beschützten. Niemand musste einem Mann sagen, was er zu tun hatte, um als Held geliebt zu werden, und niemand einer Frau, was geschehen musste, damit sie vom erfolgreichsten Jäger schwanger werden würde.

Während noch bei Schimpansen Frauen nach der Menopause sterben, liegen Eros, neben der starken Ausprägung sekundärer Geschlechtsmerkmale, auch andere wichtige biologische Veränderung zu Grunde: verführerische, junge Frauen konnten immer Sex haben und ältere Mütter konnten die Erziehung ihrer Söhne und Töchter prägen (Diamond 2006). In griechischen Mythen wurde Eros von Gaia, der Urmutter oder dem Chaos geboren und teilte die Welt in die dynamischen Elemente auf. Diese Form des Selbst spannt Gegensätze im Außen auf, die nur entstehen können, wenn sich entsprechende Gegensätze in der einzelnen Psyche entwickelt haben (Animus/Anima, Yin/Yang, Neumann 2004). Scheinbar geht es bei dieser Kommunikationsform um die Lust, Sex und der Vereinigung der Gegensätze im „Happy End“. Viel wichtiger ist aber die Dynamik der unendlich-langen Geschichte des Leidens vor der Erfüllung: „Sehnsucht und Verlangen“ halten die Sippe zusammen. Eros („Hochspannung“) bietet Leidenschaft und deutlich weniger Sex („Stromfluss“) als im faulen Paradies der Bonobos.

Bei erotischen Jäger-Räuber-Sammlern fungierten die Frauen als Standort-Managerinnen, die an vieles denkend den erfolgreichsten Helden liebten, jederzeit Sex haben konnten, schwanger wurden und als Großmütter die Kinder großzogen.

Dafür musste Erotik die Sprache der Emotion, den Kinderkram, ausbremsen: Schier endlos belastbare Helden, die das Ziel der Erfüllung vor sich haben, kannten keinen Schmerz. Und die Frauen schufen etwas sehr Ernstes, über das nicht gelacht werden darf: Die reine, erhabene, entrückte Schönheit.

Eros 1914
Ihr Blick verspricht es: Erst die Heldentat. Später dann Sex oder viele Tränen.
Bild: 1914, Fotograph unbekannt

In den Mythen erwuchs neben der Mutter die Geliebte, die Göttin der Liebe, des Krieges und der Jagd (Diana, Ishtar), die den starken wild-unbändigen Macho (Herkules), oder lieber den frei herumstreifenden Jäger (Adonis) belohnte oder sich von dem zärtlichen, potenten Hirten (Damusi) liebevoll befruchten lies, bevor dieser (meist früh) verstarb und dann betrauert wurde. Wenn der Held schwächelte, versagte oder gar feige floh, musste er kastriert oder zerstückelt werden. In dieser ursprünglichen Glückseligkeit durch Afrika, Europa, später auch Asien und schließlich Amerika streifenden Nomaden war Sex ein sakraler Akt, der symbolisch die Vereinigung des Bodens mit dem göttlichem Samen des Himmels zelebrierte, möglicherweise das dem damaligen Menschen heiligste Ritual.

Aus Sagen und Märchen wissen wir, wie Mutter-Göttinnen und Helden verehrt wurden, wie das Denken zyklisch kreiste („Alles was geht, kehrt wieder“), die Natur übermächtig und der Mensch wurde als abhängiges Baby empfunden. („Mother carry me, your child I will always be…“ amerikanisch-indianisch)

Man erlernte, dem Fluss der Rhythmen nicht nur zu lauschen, sondern ihn auch mit Flöten oder Harfen zu modulieren. Die Ahnen hatten noch keine große Bedeutung, da es entlang des Weges keine erreichbaren Begräbnisorte gab, die man aufsuchen konnte. Das Universum dieser Wandervögel bestimmte seit 30.000 v.u.Z. Urobos, das Eine, das sich selbst verschlingt, oder Gaia, das sich umwälzende Chaos, oder Nu, das in sich ruhende Urgewässer. Irgendwann kroch bei Indogermanen eine Schlange durch den Urobos als Zeichen menschlicher Gestaltungsmacht und schließlich schlängelte sich der Urobos-drache in Armenien, Tag und Nacht teilend und damit Gegensätze erzeugend durch sein eigenes Universum (Yin-Yang-Zeichen).

Erinnerungen an das längst versunkene Erotik-Paradies sind bis heute überall präsent: im Marketing, am Bahnhofskiosk und oder auf der Titelseite der täglichen Regenbogenpresse.

Moderne Helden

geben, wie seit Urzeiten, alles und stehen beim Fußball oder Formel-1-Rennen im höchsten Ansehen mit großen Chancen bei ihren Groupies.

Helden werden beweint
Helden müssen siegen, oder wirklich alles geben. Dann werden sie bejubelt oder beweint. Nur versagen dürfen sie nicht.

Moderne Objekte der Begierde

präsentieren sich weiterhin so das für sie kein Opfer zu groß erscheint. Dafür lohnt sich die Quälerei mit Botox, Chirurgie, Diäten und dem Zwang zu Trend und Mode.

Zerbröseln diese klaren Rollenverteilungen in der zunehmend grauen und virtuell sexualisierten Gesellschaft? Und verkommt liebevolle, verantwortungsbewusste Erotik immer mehr zur Randerscheinung?

Letzte Aktualisierung: 14.06.2019