Reine Schönheit

Vergoldetes Gift (Botox): … Das weiße Pulver ist nicht nur hochgiftig, sondern auch sehr teuer …  Ein lukratives Geschäft für Pharmafirmen. Die Zeit 18.01.2017

Was ist schon fröhliches Lachen angesichts atemberaubender Schönheit?

Das Gesicht ist das wichtigste Kommunikationsorgan des Menschen. Es verändert seine Erscheinungsform mit zunehmendem Erleben, weil  Muskeln, die häufig betätigt werden, Hautbereiche in charakteristische Falten ziehen. Wer viel lacht, bildet andere Falten aus als jemand, der traurig und niedergeschlagen durchs Leben zieht.

Botox 2011 3
Günther M, Jäger H: Faltenglättung mit BTX. DDD 2011, 10:608-611

Das Gesicht beginnt mit zunehmenden Jahren die gelebten Erfahrungen zu spiegeln und offenbart anderen daher zunehmend Persönlichkeitsmerkmale, die mit einem jugendlichen Gesicht leicht überspielt werden können. Auf manche gelebten Erfahrungen könnte man rückblickend allerdings auch gut verzichten. Im natürlichen Alterungsprozess lässt die Elastizität der stützenden Kollagen-Strukturen der Haut nach, besonders schnell bei Rauchen, Stress, Adipositas und auszehrenden Krankheiten.

Um dem Gesicht eine jugendlichere Form zu verleihen, werden in bestimmten Regionen, die für den Kontakt mit anderen eine Signalwirkung ausstrahlen (Lippen, Mundwinkel, Umgebung der Augen) mit sehr feinen Nadeln Injektionen oder Unterspritzungen vorgenommen, z.B. mit Hyaluronsäure oder dem Nervengift Botulinumtoxin (Botox). Im Ergebnis erscheinen die betroffenen Hautareale gestrafft, die für die Person bis dahin charakteristischen markanten Gesichtsstrukturen werden abgeflacht. Die Beweglichkeit des Gesichtes, die Mimik wird maskenhaft eingeschränkt, es kann unter Umständen attraktiver wirken, „bildschön“.

Emotion
Freude (Bild: Jäger, Tan. 1983)

Nach Injektionen zeigt sich ein erster „Lift“-Effekt nach etwa drei Tagen. Die Wirkdauer insgesamt hält etwa vier bis sechs Monate an. Kurzfristige, bei sachgerechter Ausführung sehr seltene Risiken bestehen in allergischen Reaktionen oder Blutergüssen. Bei ungenügenden Hygienestandards sind auch Wundinfektionen oder – wenn die Maßnahme im Ausland unter unhygienischen Bedingungen erfolgt – Übertragungen von Viren möglich (u.a. HBV, HCV, HIV).

Auswirkungen von Botox auf die Verarbeitung von Emotionen

Die Nervenversorgung des Gesichtes und die Steuerung der Versorgung innerer Organe bildet eine funktionelle Einheit. Der sensible und der motorische Gesichtsnerv (Nervus facialis und Nervus trigeminus) gehören wie der Hauptversorgungsnerv der Organfunktionen (Nervus vagus) zu der Gruppe der sogenannten Kiemenbogennerven. Sie erhielten, unsere Urahnen an Land krochen und keine Kiemen mehr benötigten, eine neue Aufgabe erhielten. Während Schlangen nur mit drei „Worten“ kommunizieren können (Beißen, Fliehen, Totstellen), kann die Sprache der Emotionen solche Primitivreaktionen ausbremsen, um anderen Artgenossen die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen.

Diese wichtige Interpretation der Welt wird innerhalb der Säugetierfamilie anderen durch Nerven und Muskeln vermittelt, die den Nacken, das Gesicht, den Rachen und den Kehlkopf versorgen. Damit können Tiere schnüffeln, piepsen und schlucken, und Menschen vermitteln weltweit auf die gleiche Weise Angst, Wut, Trauer, Ekel, Langeweile, Überraschung und Freude.

Botox-Injektionen im Gesicht stören diese, bei Menschen besonders ausgeprägte, Kommunikationsfähigkeit. Sie scheinen zu einer vorübergehenden, milden Form „der Blindheit“ gegenüber Signalen zu führen, die aus sozialen Zusammenhängen der Welt stammen (Havas 2010, Davis 2010). Nach einer Botoxinjektion in den Muskel „currugator supercilii“ (oberhalb der Nasenwurzel) verlangsamt sich die Geschwindigkeit des Verstehens emotional-negativ geladener Sätze, wie „taumelnd, nach einer heftigen Auseinandersetzung mit diesem halsstarren Idioten, schlägst du die Autotür zu„.

Offenbar scheint die Verarbeitung emotionaler Informationen die Rückkopplung zu unbewusster muskulärer Aktivierung zu benötigen. Denn Nervenaktivität ist untrennbar in einem Kreis der Erregung mit einer Bewegungs-Aktivierung verbunden, und ebenso umgekehrt. (Baumeister 2016)

Erkrankungen, die die Nervenleitfähigkeit herabsetzen (Demyelinisierungsstörungen), Narkosemittel und Gifte (wie Botox) greifen in diesen Zusammenhang nervaler und muskulärer Rückkopplung ein, was zu messbaren psychologischen Veränderungen führt. Der Körper mit dem Zusammenspiel von Nerven und Muskeln in all seinen feinen Nuancen kann als ein Speichermedium für Emotionen verstanden werden.

Gefühle sind verkörpert

Wenn eine Person eine bestimmte Körperhaltung einnimmt, die bei ihr typischer Ausdruck eines Gefühls ist, so kann dieses Gefühl induziert werden, indem man die Person dazu bringt, genau diese Körperhaltung einzunehmen. Umgekehrt, wird diese Körperhaltung verhindert, so hindert man den Probanden daran, die jeweilige Emotion zu empfinden.

Personen die einen Stift quer mit den Zähne halten mussten, so dass sie automatisch die Lippen „lächelnd“ auseinander zogen, bewerteten einen Cartoon als lustiger, bzw. verstanden den Witz besser als es diejenigen taten, die den Stift mit den Lippen statt mit den Zähnen halten mussten und demzufolge zu einer weniger heitere Mimik gezwungen waren. Sätze mit unangenehmen Inhalt wurden von denjenigen, die am Lächeln gehindert wurden besser verstanden als von lächelnden Lesern. Innerhalb eines komplexen sozialen Gefüges sind unsere Mimik, Gestik, Körperhaltung und -bewegungen wie Farbgläser einer Brille durch die wir die Realität wahrnehmen. Entweder z.B. positiv getönt unter Ausblendung negativer Aspekte, oder umgekehrt.

Auch die Person, die Mimik wahrnimmt, wird durch den Gesichtsausdruck des anderen beeinflusst. Die Spiegelneurone seines Gehirns sorgen für die Aktivierung von Muskeln, die zu einem bestimmten Stimmungsbild passen und helfen so, den Gesichtsausdruck des Gegenübers richtig zu deuten. Beim bloßen Betrachten eines Vorgangs werden Signalmuster ausgelöst, die in ganz ähnlicher Weise entstünden, wenn der Vorgang als aktiv Handelnder ausgeführt würde. Deshalb begegnen wir einem freundlichen oder einem ärgerlichen Gesicht spontan und unbewusst mit einem ganz ähnlichen Gesichtsausdruck. Unsere Mimik passt sich der des anderen an. Dieser, u.a. durch die Spiegel-Neurone vermittelte Effekt, ermöglicht es, sich an die Mimik, die Gesten und die Körperhaltung des anderen anzugleichen.

Vor allem die Bewegungen der Hände und die Mimik, hier vor allem die mimische Muskulatur des Mundes, vielleicht auch der Augenwinkel, werden über die Spiegelneuronen registriert. Daraus ergibt sich, dass die Gefühle des anderen über den Weg der gemeinsamen Körperhaltung emotional nach-empfindbar gemacht werden. So entsteht Empathie, Verbindung und Beziehung. Menschliche Kommunikation ist daher weit mehr als Senden und Empfangen.

Wenn aber nichts gespiegelt werden darf (weil es ihm seine Kultur verbietet) oder kann (weil die Mimik durch Botox eingefroren wurde)?

In manchen Kulturen sollten Gefühle nicht offen zu Schau getragen werden. Dort müssen Kinder mühsam erlernen, ein „lächelndes“ Gesicht (chinesisch Mianzi) zu zeigen und das „wahre Gesicht“  zu verbergen (chinesisch Guanxi). In anderen Kulturen hängt man den Frauen einen Sack über den Körper, um sie daran zu hindern ihre Emotionen zu zeigen. Deshalb lernen Menschen, die in solchen Kulturen aufwachsen, besonders achtsam auf die Muskulatur der Augenwinkel und der Nasenwurzel, da diese der Willkür nicht zugänglich sind und weiterhin die Emotionen unverfälscht anzeigen.

Die modern-westliche Gesichter durch medizinische Eingriffe maskenartig erstarren zu lassen, ist wesentlich radikaler als eine Burka und den antrainierten Zwang dauerhaft zu Grinsen. Denn es werden gerade die essentiellen (unbewussten) Muskulaturanteile  gelähmt, die eine einen unverfälschten Blick in die Persönlichkeit zulassen könnten. Deshalb wird es wird es sehr schwierig oder gar unmöglich ein Gesichter zu lesen, zu deuten und sich empathisch auf den anderen einzuschwingen.

Damit werden sowohl gesunde Personen, als auch Menschen die mit Botox im Gesicht behandelt wurden, mit Problemen konfrontiert, die bei Personen, die an einer Psychose leiden, beobachtet werden. Psychisch gestörte Menschen deuten neutrale Gesichter  statistisch häufiger negativer und freundliche Mimik öfter als neutraler (Kohler 2003). Eine andere Erkrankung (Moebius Syndrom – okulofaziale Parese) führt zu einer mimischen Starre, von Lähmungen von Gesichtsnerven. Moebius-Patienten können keine Gefühle mehr mimisch ausdrücken, ähnlich wie Menschen, die nach einem „Face Lifting“ eine Gesichts-Starre erleiden, und anschließend Kommunikationsstörungen und neuro-psychiatrischen Auffälligkeiten entwickeln. 

Denn  sie sind nicht mehr in der Lage zu „Spiegeln“ und können deshalb die vielfältigen Signale, die von der anderen Person ausgehen weder entschlüsseln, noch vernünftig und freundlich darauf reagieren.

Warum Botox, Hyaluronsäure und Lifting?

Eine starke, jugendliche und erotisch ausstrahlende Maske erhöht den „Marktwert“ und  das Selbstbewusstsein. Sie ist wichtiger als modische Kleidung, die den Körper vorteilhaft und begehrenswert verpackt. Das Gesicht kann Magie vermitteln und damit Macht über den, der es betrachtet, und wem es an innerer Magie mangelt benötigt deshalb eine Gesichtsmaske.

Bei schwacher Kraft zu Individualität ist es nicht so wichtig „sich zu zeigen“, sondern lieber einem bestimmten erotischen Typ zu entsprechen.

We human beings are love dependent animals. Maturana

Podcast und Bücher 

Literatur

  • Baumeister JC et al: Deeper than skin deep – The effect of botulinum toxin-A on emotion processing. Toxicon. 2016; 118:86-90.
  • Berbos ZJ, Lipham WJ. Update on botulinum toxin and dermal fillers. Curr Opin Ophthalmol 2010; 21: 387-395.
  • Briegel W. Neuropsychiatric findings of Möbius sequence – a review. Clin Genet 2006; 70: 91-7.
  • Davis, J. et al.: The effects of Botox injections on emotional experience. Emotion, 2010, 10(3), 433-440.
  • Dressler D., Saber FA. Botulinum Toxin: vom Medikament zum Toxin, Fortschr Neurol Psychiatr 2009, 77(Suppl.1): S49-54,
  • de Gelder B. Towards the neurobiology of emotional body language. Nature 2006; 7: 242-249.
  • Goldman A, Wollina U. Facial rejuvenation for middle-aged women: a combined approach with minimally invasive procedures. Clinical Interventions in Aging 2010; 5: 293-299.
  • Günther M., Jäger H.: Faltenglättung mit Botulinumtoxin. Der Deutsche Dermatologe 2011, 10:608-611
  • Hibbeler B, Siegmund-Schulze N. Schönheit hat ihren Preis. Dtsch Ärztebl 2011; 108: A-1468/B-1238/C-1234.
  •  Iacoboni M. Imitation, Empathy, and Mirror Neurons. Annu Rev Psychol 2009; 60: 653-70.
  • Kapoor R et.al. Facial Rejuvenation after intradermal botulinum toxin: Is it really the botulinum toxin or is it the pricks? Dermatologic Surgery, 2010, 36:2098-2105
  • Kleinhaus H, Verse T. Das „Penicillin des 21. Jahrhunderts“?. Hamburger Ärzteblatt 04/2011, 22-23.
  • Kohler CG, Turner TH, Bilker WB, et al. Facial Emotion Recognition in Schizophrenia: Intensity Effects and Error Pattern. Am J Psychiatry 2003; 160: 1768-1774.
  • Niedenthal PM. Embodying Emotion. Science 2007; 316: 1002-05
  • Porges SW. Die Polyvagaltheorie, Junfermann Verlag, 2010
  • Havas D et. al. Cosmetic use of bolulinum toxin-a affects processing of emotional language, Psychological Science, 2010, 21(7)895-900
  • Gelder B.Towards the neurobiology of emotional body language, Nature Reviews Neuroscience, 2006, 7:242-249
  • Neumann E: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Patmos 2004, Erstveröffentlichung 1949
  • Strack F, Martin LL, Stepper S. J Pers Soc Psychol 1988; 54, 768
Letzte Aktualisierung: 15.06.2019