Wahnsinn

Inhalt

  • Psychose: Urzustand der Psyche
  • Wahnsinn Macht
  • Amok
  • Massen-Trance
  • Wahnsinn: in uns

letzte Überarbeitung: 29.05.2019

Psychose: Urzustand der Psyche

Ich träume: also bin ich!

„Wenn ich arbeite, werfe ich mich ins Leere. In etwas das stärker ist als ich.“ Joan Miró – Fotos: Ateliers-Wände von Joan Miró, Palma de Mallorca, Jäger 2018

– „What gives this art its power, is that it makes us dream.“ Clottes 2016

Die Guajiro in Venezuela nutzen den Begriff Alapühaa, der mit dem Wort „träumen“ übersetzt wird, um einen Weg zu beschreiben, der in die Welt der Doppelgänger, Geister und Götter führt. Dort könne man sehen, was geschehen wird. Für die Guajiros sind solche „Träume“ Gebote. Sie verlangen z.B. weit entfernten Menschen zu Hilfe zu eilen. Folgte man diesem Befehlen nicht, geschehe ein Unheil (Perrin 2001).

Zustände von Besessenheit und Trance auslösende Rituale wurde bei allen steinzeitlich lebenden Völkern beschrieben. Möglicherweise haben daher unterschiedliche Variationen psychotischer Zustände den Übergang der affenartigen zur modernen menschlichen Psyche begleitet (McGilchrist ,  Jaynes).

Leseprobe: Mutiges Träumen. Wie Schamanen die Realität erträumen. Villodo 2008

Noch vor 3.000 Jahren scheinen psychotische Zustände völlig normal gewesen zu sein

In der „Ilias“ wird von Homer ein Held geschildert, der unter Wahnvorstellungen litt. Dieser Achilles hörte Stimmen, halluzinierte, neigte zu impulsiv-irrationalem Verhalten, verfiel im Stress widerstreitender innerer Befehle in einen „katatone“ Lähmungszustand, aus der ihn nur die Auslösung einer unkontrollierbaren Aggressions- und Hassattacken befreien konnte. Ähnliche  Zeichen einer klassischen Schizophrenie waren bereits bei seinem König Agamemnon aufgetreten, der vor dem Kriegszug seine geliebte Tochter Iphigenie geopfert hatte, weil ein von ihm fantasiertes Trugbild der Göttin Artemis es von ihm verlangt hatte. Alle in dieser Sage geschilderten Persönlichkeiten waren von „göttliche“ Bildwesen beherrscht , die in Träumen „heilige“ (allerdings manchmal ziemlich unverständliche) Wort von sich gaben, und die sich der Menschen, in denen sie agierten, wie Marionetten bedienten, um sich untereinander zu bekämpfen. So redete die Fürstin Helena nicht mit einer alten Sklavin, die vor ihr stand, sondern mit einer Göttin, von der die Sklavin gerade besessen sei, und ihr Ehemann Hektor erkannte in dem Rat seines vermeintlichen Bruders sofort die Bösartigkeit einer anderen, feindlich gesinnten Göttin, die sich sicher gerade des Bruders bemächtigt habe.

Frühe Menschen

Die moderne Menschheit entstand vor vielleicht 300.000 Jahren. Vor 200.000 Jahren wanderten dann die robusten Neandertaler nach Europa.

Die ersten Homo-sapiens Menschen folgten vor etwa 150.000 Jahren (Callaway 2018, Hublin 2017). Aber erst vor 60.000 Jahren ein wanderte eine größere Zahl ein. Vor 40.000 Jahren entstanden die ersten Siedlungen von Homo sapiens in Europa, vor 30.000 Jahren emigrierten die Vorläufer der Aborigines nach Australien, und vor 15.000 Jahren wanderten die ersten Einwanderer nach Amerika.

Vergleich: Höhlenkunst & Autismus. Humphrey 1998

Erinnerungen an solche sehr unterschiedlichen Migrationswellen, die zu starken Vermischungen untereinander und mit anderen Frühmenschen führten, tragen alle Menschen in Ihren Erbstrukturen (Gibbons 2017a, Gibbons 2017b , Vortrag: Pääbo)

Vergleich: Höhlenkunst & Autismus. Humphrey 1998

So beeinflussen die 2-3% der Erbmasse, die von Neandertaler stammen, bei Europäern und Asiaten u.a. den Stoffwechsel und die Regulation des Körperfettes, und bringen u.a. ein Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen mit sich. Afrikaner tragen keine Neandertaler Gene, möglicherweise aber Gene anderer Früh-Menschen, die bisher noch nicht bekannt sind.

Der Gehirnschädel von Homo sapiens hat sich seit mehr als 50.000 Jahren nicht mehr anatomisch verändert, aber die Art wie sein Inhalt genutzt wird muss rasante Wandlungen durch laufen, und zu merkwürdigen Geisteszuständen geführt haben.

Die Psyche früher Künstler

Symbolisch darstellende Kunst kam nicht erst mit Homo sapiens nach Europa. Schon die Neandertaler beschäftigen sich „mit dem Jenseits ihrer Vorstellungen“.  Sie sollen auch in der Lage gewesen sein, Höhenkunst zu erschaffen. Möglicherweise hinterließen sie vor 64.000 Jahren Linien in spanischen und französischen Höhlen Handabdrücke, rote gefärbte Muster und symbolische Zeichen. Wenn bereits Neandertaler in der Lage waren, sich symbolisch auszudrücken, müssen die Ursprünge von Sprache, menschlicher Wahrnehmung und Denkvermögen einhunderttausende von Jahren zurückliegen. (Hoffmann 2018)

Venus-Figur aus Catal-Höyük, Hürriyet 15.09.2016

Die Bedeutung des Totenrituals nahm bei Homo Sapiens (gegenüber den Neandertalern) deutlich zu: Verstorbene wurden sorgfältiger gebettet und erhielten erstmals Grabbeigaben. Gleichzeitig mit dem Auftreten der frühen bildenden Kunst wurden auch Musikinstrumente erfunden: einfache Flöten und Harfen aus Knochen und Sehnen. Und begleitend zu Musik, Rhythmus und Tanz  entwickelten sich Modifizierungen der wahrgenommenen Realität, die in der Malerei und der plastischen Darstellung auch visuell vermittelt werden konnten.

Im Gegensatz zu Neandertalern, die nur in sehr kleinen Gruppen umher zogen (Bergström 2017, Prüfer 2017), lebten Homo sapiens Menschen in relativ großen Stammes-Netzwerken.

Der Kit, der die Homo sapiens-Verbände zusammen hielt, spiegelt sich in den ersten Menschen-Darstellungen, wie der elf Zentimeter kleinen Venus von Willendorf, deren Mütze oder Frisur dem Typenkopf der ebenfalls ausgestorbenen Kugelkopf-Schreibmaschine ähnelt. Wie auch bei der wesentlich älteren, kopflosen Venus von Hohefels und anderen frühen Frauen-Figuren wird die Betonung großer Brüste, eines ausladenden Beckens und eines gewölbten Bauch rituell bedeutsam gewesen sein. Vielleicht als Auslösung rauschhafter Erinnerungen bei Helden, die sich angesichts ferner Belohnungen, in eine nahe Todesgefahr begeben mussten?

Kunst: Magisches Mittel zur Macht

Der Psychologe Nicholas Humphrey verglich die Kunst von Höhlenmalereien mit den Zeichnungen eines autistischen Mädchens, und er fand erstaunliche Parallelen: einen starken Naturalismus, das Erfassen von Bewegung bei gleichzeitiger Tendenz, einzelne Teile zu betonen.

Die Existenz von Höhenzeichnungen darf seiner Meinung nach nicht als ein Beweis für die Existenz moderner Gehirne gedeutet werden. Sie können auch von Menschen erschaffen worden sein, deren Geisteszustände sich von heute normal-gesunden Geisteszuständen stark unterscheiden. Die von Humphrey beobachtete Nadja z.B. war nicht sprachfähig: Sie konnte die Zeichnungen, die sie  erstellte, nicht benennen. (Humphrey 1998)

Der Hirnforscher Ramachandran beschrieb acht Prinzipien, die den Reiz eines zweidimensionalen Bildes ausmachen.

Das Wichtigste:
Unwesentliches weggelassen und Wichtiges überhöhen.
Ramachandran 1999

Das für eine bestimmte Situation Entscheidende erstrahlt damit stärker, als es in der Realität möglich sein könnte. Mehrdimensionale Realitäten werden in zweidimensionale verwandelt und in den ZuschauerInnen entsteht wieder die Illusionen vieler Dimensionen, die aus sicherer Distanz betrachtet werden. Die Macht der Schamanen bestand u,a. darin, in anderen Menschen (sonst nicht sichtbare) Wirklichkeiten zu erzeugen, zu beeinflussen und zu bannen, und so deren Spüren, Fühlen und Denken zu beherrschen.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Humphrey und Ramachandran kamen auch die Archäologen Jean Clottes (s.u.) und David Lewis-Willams, die archaische europäische und jüngere Höhlenzeichnungen der San in Süd-Afrika zueinander in Bezug stezten. Beide interessierten weniger die Fragen, „Was“ (Beschreibung), „Wann“ (Chronologie), und „Wie“ (Techniken) Kunst entstand, sondern vielmehr „Warum“ (in welchem Sinn-Zusammenhang).

Möglicherweise drücken sich Menschen in vergleichbaren Geisteszuständen sehr ähnlich aus. In ihren Vergleichen fand Williams und Clottes in zeitlich und räumlich auseinander liegenden Kunstwerken, Indizien für das Gleiche: Für visionäre Verzerrungen und stilisierte Formen und Muster, die für psychotische Zustände sprechen. Schamanen suchten solche Zustände veränderter Realitätswahrnehmung bewusst auf, um dann in eine Welt einzutauchen, in der sich das Alltags-Bewusstsein verlor. Sie versetzten sich durch Rituale, Tänze oder Halluzinogene in Trancezustände und irrten dann durch das unsichtbare Paralleluniversum. Anschließend versuchten sie das, was sie dort erlebten, durch künstlerisches Schaffen oder prophetische Erzählungen wiederzugeben. Diese Kunstformen seien also Zeugnisse schamanistischer Ausdrucksweisen oder psychotischer Zustände. Und bei modernen Menschen läge die Schwelle zur Psychose-Auslösung nur etwas höher.

“The diversity of subjects represented demonstrated indeed a general stage of mind, and not a search of a particular  animal or theme.“  Clottes 2016

Das Risiko für Psychosen wird durch das Erleben psychologischer Traumata erhöht. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens psychotischer Störung lag bei Flüchtlingen in Schweden 66% höher als bei Migranten aus ähnlichen Regionen, die aber nicht geflüchtet waren. Und sie waren bei Frauen wie bei Männern etwa 3,6x so hoch wie bei Personen, die in Schweden geboren wurden. Ausgelöst wurden diese Störungen möglicherweise durch psychologische Traumata, Missbrauch, Gewalt, sozioökonomische Probleme, Stress, Unsicherheit, Diskriminierung und soziale Isolation. (Hollander 2016)

Aber auch ohne ein singuläres Trauma können Belastungen, Sauerstoffmangel oder Schlafentzug psychisch stabile Menschen in den Wahnsinn treiben. So beschrieb der Bergsteiger Jeremy Wenzel wie beim Anstieg an der Südflanke des Mount Everest bei einer Höhe über 7.000 m „Jeannie“ auftauchte (Windsor 2008). Über seine rechte Schulter sah er aus dem Augenwinkel seinen neuen Begleiter den Rest des Tages immer ein paar Meter hinter sich. Später beim Abstieg verschwand Jeannie so plötzlich er gekommen war.

Österreichische Forscher analysierten inzwischen über achtzig psychotische Episoden aus der deutschen Bergliteratur, und fanden heraus:

„dass es eine Gruppe von Symptomen gibt, die rein psychotisch sind, d.h., dass sie zwar mit der Höhe zusammenhängen, jedoch weder auf ein Höhenhirnödem noch auf andere organische Faktoren wie Flüssigkeitsverlust, Infektionen oder organische Erkrankungen zurückzuführen sind … Soweit bekannt, verschwinden die Symptome vollständig, sobald die Alpinisten die Gefahrenzone verlassen und vom Berg absteigen. Sie erleiden keine Folgeschäden. … Diese Erkenntnis erlaubt es uns, vorübergehende Psychosen an ansonsten völlig gesunden Menschen genauer zu untersuchen, das kann uns wichtige Hinweise zum Verständnis psychiatrischer Krankheiten wie zum Beispiel der Schizophrenie geben“, (Hüfner 2017)

Literatur

  • Bergström, Anders; Tyler-Smith, Chris (2017): Paleolithic networking. In: Science (New York, N.Y.) 358 (6363), S. 586–587.
  • Callaway, Ewen (2018): Israeli fossils are the oldest modern humans ever found outside of Africa. In: Nature 554 (7690), S. 15–16.
  • Clottes, Jean (2016): What Is Paleolithic Art? Cave Paintings and the Dawn of Human Creativity. Chicago: University of Chicago Press. Online verfügbar unter http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=4437849.
  • Gibbons, Ann (2017a): Busting myths of origin. In: Science (New York, N.Y.) 356 (6339), S. 678–681.
  • Gibbons, Ann (2017b): Neandertal genome reveals greater legacy in the living. In: Science (New York, N.Y.) 358 (6359), S. 21.
  • Hoffmann, D. L.; Standish, C. D.; García-Diez, M.; Pettitt, P. B.; Milton, J. A.; Zilhão, J. et al. (2018): U-Th dating of carbonate crusts reveals Neandertal origin of Iberian cave art. In: Science (New York, N.Y.) 359 (6378), S. 912–915.
  • Hollander, Anna-Clara; Dal, Henrik; Lewis, Glyn; Magnusson, Cecilia; Kirkbride, James B.; Dalman, Christina (2016b): Refugee migration and risk of schizophrenia and other non-affective psychoses: cohort study of 1.3 million people in Sweden. In: BMJ (Clinical research ed.) 352, i1030.
  • Hublin, Jean-Jacques; Ben-Ncer, Abdelouahed; Bailey, Shara E.; Freidline, Sarah E.; Neubauer, Simon; Skinner, Matthew M. et al. (2017): New fossils from Jebel Irhoud, Morocco and the pan-African origin of Homo sapiens. In: Nature 546 (7657), S. 289–292.
  • Hüfner, Katharina; Brugger, Hermann; Kuster, Eva; Dünsser, Franziska; Stawinoga, Agnieszka E.; Turner, Rachel et al. (2017): Isolated psychosis during exposure to very high and extreme altitude – characterisation of a new medical entity. In: Psychological medicine, S. 1–8.
  • Humphrey, Nicholas (1998): Cave Art, Autism, and the Evolution of the Human Mind. In: Cam. Arch. Jnl 8 (02), S. 165.
  • Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, pdf-downloadVideo-Vortrag, – Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of Julien Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239 – Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download 
  • McGilchirst: The Master and his Emissary (2010), The Divided Brain and the Search for Meaning: Why We Are So Unhappy (2012)
  • Perrin, Michel (2001): Les praticiens du rêve. Un exemple de chamanisme. 1. éd. Quadrige. Paris: Presses Univ. de France (Quadrige, 328).
  • Prüfer, Kay; Filippo, Cesare de; Grote, Steffi; Mafessoni, Fabrizio; Korlević, Petra; Hajdinjak, Mateja et al. (2017): A high-coverage Neandertal genome from Vindija Cave in Croatia. In: Science (New York, N.Y.) 358 (6363), S. 655–658. .
  • Ramachandran VS, Hirstein W: The Science of Art. A Neurological Theory o Aesthetic Expierience. Journ. of Cociousness Studies, 1999, 6(&-7):15-51.
  • Principles of artistic experience („Was macht Kunst aus?“):
    1. Peak shift principle: Überspitzen mit unbewusstem Super-Stimulus: Venus-Figuren.
    2. Allocation attention – isolating a singel cue: Etwas heraus-isolieren, etwas betonen
    3. „Aha!“ sensation, perceptional grouping: Eine Gestalt in Betrachter entstehen lassen.
    4. Extraction of contrast: Kontraste (Linien, Flächen, Farben) verstärken
    5. Puzzle-Problem solving: Im Betrachter etwas entstehen lassen, was im Bild nicht ist.
    6. Abhorrence of suspicious coincidences: Abscheu unnatürlich-regelmäßiger „Zufalle“
    7. Metaphors of Art: Bild steht für einen Sinnzusammenhang
    8. Symmetry: Ausgewogenheit – alles gesund-lebende erscheint symmetrisch. 
  • Windsor, Jeremy S. (2008): Voices in the air. In: BMJ (Clinical research ed.) 337, a2667: “After leaving .. a strange feeling possessed me that I was accompanied by another … The “presence” was strong and friendly. In its company I could not feel lonely, neither could I come to any harm, it was always there to sustain me on my solitary climb up the snow covered slabs. Now as I halted and extracted some mint cake from my pocket, it was so near and so strong that instinctively I divided the mint into two halves and turned round with one half in my hand to offer it to my “companion.”

Wahnsinn und Macht

… die Liebe zur Macht ist der Dämon des Menschen. Nietzsche

Trance-artiges Irre-sein wird durch Stress ausgelöst

Es ist ein Notfallprogramm. Aktiviert wird es in dramatischen Situationen, wenn rationales Denken, empathisches Fühlen oder friedliches Miteinander-reden wirkungslos zu sein scheinen. Dann hilft nur noch „Alles oder Nichts“: entweder der unausweichliche Selbstmord oder ein (unwahrscheinlicher) Sieg.

So spülen ausweglose Krisen immer wieder „durchgeknallte Exzentriker“ an die Macht, die sich dann für Gott halten.

Wenn „Psychotiker“ in ihrer Raserei riesige Reiche zerstören und damit die Grundlage für neue Machtstrukturen legen, wie Alexander, Qin Shihuangdi, oder Dschingis Khan, erhalten sie den Beinamen „der Große“.

Lässt man gestörte Persönlichkeiten (Hitler oder Napoleon) nur lange genug wirken, ziehen sie ihre eignen und viele andere „Untertanen“ in bodenlose Abgründe:

Minard
Graphische Darstellung des Russland-Abenteuers 1812-1813 durch Charles Joseph Minard: Die Mannschaftsstärke der „großen Armee“ Napoleons in Richtung Moskau (braun von links nach rechts, etwa 400.000) und von Moskau zurück (schwarze Linie, zuletzt ~10.000). Bild: Wikipedia

Ist Krieg ein psychologisches Phänomen?

Sicher nicht, denn die gegenseitig kriegstreibende Dynamik wird durch raubtierartige Industrie- und Militärinteressen bestimmt. Allerdings befinden sich die jeweiligen „roten Knöpfe“ häufig in in der Reichweite kranker Persönlichkeiten, die für rationale oder fühlend-empathische Hirnprogramme wenig zugänglich sind.

Narzissmus und Macht
Wirth H.J.: Narzissmus und Macht, Psychosozial-Verlag 2011

Was in solchen psychisch labilen Macht-Menschen vorgeht, wurde von dem Psychologen und Psychotherapeuten Hans-Jürgen Wirth sehr detailgenau untersucht und beschrieben: Sie sind in ihrem Wesen schwach, und gerade deshalb hoch-aggressiv. Gäbe es eine Möglichkeit, ihnen so viel Sicherheit zu bieten, dass sie es wagen könnten, mehr „zu sich zu kommen“, würden sie vielleicht friedlicher werden, weil sie sich mehr um ihre eigentlichen Bedürfnisse kümmern könnten.

Diktatoren begeben sich nicht in Verhaltenstherapien. Sie empfinden sich sich nicht als krank, sondern eher als gott-ähnlich.

Trance beruhigen

Menschen in Trance sind weder für rationale Argumente, noch für Gefühle, noch für übergeordnete Gesetze zugänglich. „Gegen“ Trance vorzugehen, ist (sofern man den anderen nicht erschlagen will) das Dümmste, was man tun kann, weil es den Stress verstärkt, der Trance auslöst.

Wirksamer wäre es, labile Persönlichkeiten zu beruhigen. Dazu müsste man ihnen zweierlei signalisieren: dass sie weiterhin in ihrem jeweiligen Bereich die „Größten“ bleiben dürften, und sich gerade in relativer Sicherheit befänden.

Es ist bei einem therapeutisch-wirksamen Verhalten angesichts von Wahnvorstellungen nicht nötig, auf die jeweiligem Wahngebäude einzugehen. Es reicht meist völlig aus, die irren Lebenswelten freundlich-distanziert so anzunehmen, wie sie eben sind. Dann kann man beginnen, miteinander (in Sicherheit) Tee zu trinken. Und so entstehen später Räume, in denen man ohne Trance (mit Gefühlen oder mit Rationalität) kommunizieren kann.

Was tun, wenn der Schwachsinn regiert? 

Viele, die klar denken und sich trauen, die Realität anzuschauen, ohne sich abzulenken, fühlen sich angesichts sinnloser Gier, Wahn, Zerstörung und Krieg wütend oder traurig. Und zugleich schwach und hilflos. Sie wissen nicht, wie sie handeln könnten.

So wie ich, oder der chinesische Philosoph Zhuangzi vor 2.300 Jahren:

… wenn die ganze Welt auf dem falschen Weg ist, … was soll ich tun?
Wenn es mir nicht gelingen kann (zu überzeugen oder etwas zu verändern)
… ist es besser, aufzugeben … Aber wenn ich es nicht versuche, wer dann?

Amok

Meist geschieht das in großen Gruppen, die sich im Massenwahn einem höheren Ziel verbunden fühlen, oder nur einfach gemeinsam besoffen sind. Aber gelegentlich knallen auch vereinzelte Eigenbrötler durch, und reißen aus Frustration und Hass viele Unbeteiligte in den Tod.

Diese einsamen Wölfe scheinen im Stress neben sich zu stehen. Vielleicht erleiden sie einen Ich-Verlust und hören befehlende Stimmen, die sie in ihrer Raserei lenken:

  • Im Juli 2011 ermordete Anders Breivik in Norwegen siebenundsiebzig Menschen. Er glaubte auserwählt zu sein, um das Christentum vor der Islamisierung zu retten. 
  • Im März 2015 starben beim Absturz des German Wings Fluges 9525 alle einhundertfünfzig Insassen. Der Co-Pilot Andreas Lubitz sei depressiv gewesen, sagt man.
  • Im Juni 2016 erschoss Omar Mateen neunundvierzig Menschen in einem Nachtclub in Orlando. Möglicherweise weil er Menschen anderer sexueller Orientierung hasste oder religiösem Fanatismus verbunden fühlte.
  • Im Juli 2016 ermordete Mohamed L. Bouhlel mit einem Lastwagen über vierundachtzig Menschen während einer Festveranstaltung an der Uferpromenade. Er war bisher nur als Kleinkrimineller aufgefallen, und seine Motive blieben zunächst unklar. Der Spiegel vermutete, „er könne auch psychisch krank gewesen sein„.

Natürlich sind Amokläufer  „psychisch krank“.

Es ist nicht gesund, die Kontrolle über sich zu verlieren und in Hassattacken viele andere zu töten. Aber ebenso natürlich sind solche Menschen voll verantwortlich und schuldfähig, zumindest wenn es bei ihnen zuvor auch klare Momente gab, in denen sie das, was sie taten, nüchtern planten.

Amok?

Menschen, die plötzlich durchdrehen, randalieren oder toben und dabei ggf. andere umbringen, waren vielleicht einmal in der Evolution des Überlebens sozialer Gruppen nützlich:

  • wenn angesichts einer Übermacht von Feinden das eigene Leben im Interesse der Selektion der Sippe keine Bedeutung mehr besaß, oder

  • weil ungeachtet der eigenen Risiken andere aus höchster Gefahr gerettet oder auch gerächt werden konnten.

Indonesier nennen solchen anfallsartartig-gewalttätigen Irrsinn meng-amok oder meng-amuk. Ein ähnliches Verhaltensmuster, das Latah genannt wird, ist in Südostasien verbreitet. Dabei wird jemand, „der von einem Tiger erschreckt wird selbst zum Tiger“. D.h. er schreit und greift einen übermächtigen Feind so kompromisslos an, dass dieser, seinerseits erschreckt, wegläuft. (Winzeler 1995)

Kulturell anders ausgeprägt, aber diesen Geisteszuständen sehr ähnlich, sind Grisi Siknis (Miskitos/Nicaragua), Chakore (Panama oder „Mala de pelea“ in Puerto Rico), Tinku (Aymara), Pibloktoq (Inuit), Koro (Asien), Fits (Indien) u.v.a. 

Dazu zählen auch  „Psychosen“, die helfen sadomasochistische Praktiken zu ertragen, wie z.B. Kavadi Attam (Tamil Nadu) oderDatuk Chachar (Malacca).

In der afrikanischen Sprache Swahili nennt man es Uchawi (Sihiri, Ulozi). Gemeint sind damit unterschiedliche Formen von Besessenheit, die europäisch-abwertend meist als Hexerei übersetzt werden.

In mir lösten die ersten hautnahen Begegnungen mit Uchawi helles Entsetzen aus. Besonders wenn ich als Arzt danach eine Leiche begutachten musste. Meine Ängste steigerten sich dann noch, als mir dämmerte, dass jeder Mensch, so auch ich, zu diesem „schrägen“ (oder besser) archaischen Verhalten fähig sein könnte.

Je länger ich dann in anderen Kulturen lebte, erschien mir die übliche Klassifizierung dieser Zustände als „kulturgebundene Symptome“ (culture bound syndromes) als Obelix-artige Selbstberuhigung: „Die anderen spinnen!“.

Mittlerweile sind mir Trance-Zustände gut vertraut, und ich weiß, dass weniger als achtzig Stunden Schlafentzug oder bestimmte Mode-Drogen in der richtigen Dosierung auch bei mir ausreichen würden, um meine kulturell-spezifischen Varianten von Amok, Latah oder Grisi auszulösen.

Wenn ich daher von Amok-Katastrophen, wie den oben zitierten, erfahre, interessiert mich, was alles bei „diesem“ Menschen den Wahnsinn ausgelöst hat.

  • Wäre es möglich gewesen, „ihm“ frühzeitig zu helfen?
  • War es ein Einzelfall oder ein gesellschaftliches Symptom?
  • Oder steckt gar ein übergeordneter organisierter Irrsinn dahinter?

Amok als Symptom.

Reflexartig wird bei Terrorereignissen in den präsidialen Botschaften ein äußerer Feind fantasiert, mit dem man sich im Krieg befände, und den es zu besiegen gälte. Bei organisiertem-ideologischen Massenwahnsinn mag diese Ansicht vielleicht noch einen rationalen Kern enthalten, bei individuellen Einzeltätern, die bisher nicht oder wenig aufgefallen waren, macht sie keinen Sinn.

Gerade solche Einzeltaten zwingen dazu, das Schreckliche als ein Symptom einer Krankheit zu betrachten, die einen gesellschaftlichen Zusammenhang betrifft. Die vom Terror Bedrohten sind deshalb nicht schuld, aber sie und ihr Verhalten sind sehr wohl Teil eines Problemzusammenhanges, den sie beeinflussen könnten.

Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen wird sehr schnell nach einem äußeren Feind gesucht, der isoliert, bekämpft und vernichtet werden müsse. Dazu sind kurzzeitig Antibiotika, Chirurgie und Chemotherapeutika auch sehr nützlich. Sie allein aber heilen nicht. So wie immer mehr Polizei und Kampfeinheiten nicht für sozialen Frieden sorgen.

Bei Heilungsprozessen ist es mindestens ebenso nützlich, dass ein offensichtlich gestörter psychisch-körperlicher Prozess wieder zu seinem Gleichgewicht zurückfindet. Dazu sind die wichtigsten Voraussetzungen, mit der Problem-Löse-Trance des Vernichtens kurz aufzuhören, und die Situation so zu betrachten und anzunehmen, wie sie eben ist.

  • War es zum Beispiel Zufall, dass gerade eine französische Stadt getroffen wurde, in der besonders viele Super-Reiche ihr Leben genießen, und gleichzeitig andere in hoffnungslos abgehängten Stadtteilen hausen, die aufgegeben wurden?
  • War es ein Angriff auf die französischen Werte „Egalité, Fraternité und Liberté“ oder sind „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit“ in der modernen Marktgesellschaft inzwischen völlig sinn-entleert?
  • Gibt es eine Vision, die alle Menschen im Land begeistern könnte, oder geht es im reichen Europa nur noch darum, den Reichtum zu erhalten und abzuschotten und die Massen durch Medien und Events und Konsum abzulenken?

Der terroristische Albtraum löst natürlich Gefühle wie Panik, Ausgeliefert-sein und Schutzlosigkeit aus, die nach Sofortmaßnahmen schreien. Die immer neuen Bekämpfungsstrategien bringen aber ihrerseits polizeistaatliche Gefahren mit sich, und erzeugen vielleicht sogar neue Attentäter.

Es wäre also wichtig (mindestens zugleich) in einen qualitativen Umbau der Gesellschaft zu investieren. In gesellschaftliche Ziele, die „Egalité, Fraternité und Liberté“ wieder mit Sinn erfüllen. Und in eine menschliche Gesellschaft, die sozial und ökologisch nachhaltig und friedvoll gedeiht.

Dazu müssten die bisher vorherrschenden, rein markt-wirtschaftliche Wachstumsziele langsam abgelöst werden durch Visionen, wie Menschen aller sozialen Schichten, Religionen und Kulturen, friedlicher zusammenleben könnten.

In Frankreich dagegen soll jetzt angesichts der neuen Terrorgefahr eine Milz mobilisiert und bewaffnet werden. Warum werden dort nicht tausende Sozialarbeiter*innen, Hebammen, Berufsausbilder*innen, Lehrer*innen, Kinderpädagog*innen u.v.a. rekrutiert, damit die Entwicklungschancen für Kinder verbessert und die ausgestoßenen Erwachsenen wieder in die Gesellschaft zurückfinden können?

Literatur

  • Schleicher H: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren: oder Anleitung zum subversiven Denken, Beck 2004
  • Winzeler RL: Latah in Southeast Asia: The History and Ethnography of a Culture-bound Syndrome, Cambridge University Press, 1995

Massen-Trance?

Dabei ist Trance eigentlich sehr nützlich. Als 4-Wheel-Drive des Gehirns, der normales Denken abschaltet, damit in Notsituationen konsequent gehandelt wird.

In Trance lösen sich Ich- und Zeitempfinden im Gemeinschaftsgefühl auf. Stress, Schmerz und Zweifel verschwinden, in einer absoluten Verschmelzung mit dem, was gerade geschieht. Alltags-Logik und Moral  werden aufgehoben, und es scheint möglich zu sein, mit dem Kopf durch eine Wand zu rennen.

Dieses Empfinden ist (vor der Wand) so schön, dass viele gerne und oft Alkohol oder Drogen in sich einfüllen, damit solche Zustände leichter ausgelöst werden.

Trance kann Leben retten

Ein bergsteigender Arzt beschrieb, wie (in großer Höhe am Mount Everest)  Jimmy zu im stieß und ihn beruhigte. Er werde es schon schaffen. Tatsächlich auf dem Gipfel angekommen, bestaunten dann beide das, im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubende Panorama. Und machten sich anschließend an den gefährlichen Abstieg, bei dem die meisten Himalaya-Gipfelstürmer zu Tode kommen. Als das Schlimmste dann überstanden schien, verabschiedete sich Jimmy wieder und verschwand. (Windsor 2008)

Ohne seinen Jimmy wäre Dr. Windsor vielleicht umgekommen, und niemand hätte dann etwas von ihm und seinem Begleiter erfahren

Massen in Trance können verwüsten

Hochriskant und lebensbedrohlich wird es, wenn viele Menschen gemeinsam in eine „Jimmy-Trance“ verfallen. Zum Beispiel weil sie so „wahn-sinnig gut drauf sind“, wie bei einer Massenparty, oder vor sich, nach einem Fußballspiel, plötzlich viele Feinde erkennen.

Dann ist es nötig, dass kluge, nüchterne, vorausschauend und rational-denkende Polizeikräfte besonnen handeln, und den Wahn in geordneten Bahnen und Fluchtwegen führen. Sonst kommt es leicht zu Katastrophen wie 2010 bei der Love-Parade in Duisburg oder im September 2015 in Mekka.

Noch gefährlicher wird es bei einer Massen-Hypnose, bei der die Ordnungshüter, die eigentlich beruhigend lenken und leiten sollten, an der Spitze „ihrer Lemminge“ selbst auf einen Abgrund zu rennen. Alexander der Große war darin ein Spezialist.

Oder noch schlimmer, wenn sie, selbst ganz ohne Trance und sehr berechnend-rational, ihre Wahn-Gemeinde anfeuern, weiter in die Irre zu laufen. Damit sie von deren Massen-(selbst)-morden profitieren können. Berglemming (Wikipedia)

Massen-Wahn-Phänomene gehören eindeutig zu den menschlichen Verhaltensweisen, und haben natürlich mit den possierlichen Lemmingen nichts zu tun. (Chitty 1996)

Literatur

Wahnsinn: in uns

1976 behauptete der Psychologe Julien Jaynes, dass bis vor wenigen tausend Jahren Geisteszustände, die wir heute als Schizophrenie bezeichnen und behandeln würden, für die Mehrheit der Bevölkerung normal gewesen seien.

Er denkt – Es lenkt. (Quelle: www.asmat.de)

Ihm war aufgefallen, dass Psychosen bei anderen großen Affenarten nicht vorkommen, also offenbar menschen-typisch sind. Er vermutete daher, dass die kulturellen Errungenschaften zu einer rasanten Anpassung des Gehirns an neue, soziale Zusammenhänge geführt hätten. Die notwendige Koordination der beiden Hirnhälften, sei dabei über Jahrtausende instabil gewesen, so dass Menschen von zwei inneren Persönlichkeiten geleitet worden seien. Ein „Ich“, das behauptete, aus freiem Willen heraus zu handeln, sei nicht vorhanden oder nur sehr schwach ausgeprägt gewesen.

Der Psychologe Nicolas Humphrey ging noch einen Schritt weiter und behauptete, dass den Menschen, die die genialen Höhlenmalereien hinterließen, begriffliches Denken weitgehend fehlte. Die Funktionsweise ihrer Gehirne habe eine geringe zentrale Kontrolle aufgewiesen, bei einer gleichzeitig hohen Fähigkeit, alles umgebende un-bewertet, spontan und fotographisch-klar zu spiegeln. Humphrey erinnerte das dem Autismus, mich eher an Geisteszustände, die Zen-Buddhisten oder Bewegungskünstler anstreben, um gleichzeitig glasklare Wachheit und gedanken-leere Ich-Losigkeit zu erleben.

Die Knochen der Frühmenschen zeigen, dass sich die grobe, äußere Form der Hirnstruktur seit über 200.000 Jahren nicht oder kaum verändert hat. Wie sich dieses fantastische Instrument der immer intensiveren Sozialisation anpasste, kann aber vor dem Hintergrund früher Schriften nachvollzogen werden.

In den ältesten Schriften der Menschheit scheint immer „jemand“ (ein Geist, ein Ahne oder ein Gott oder eine Göttin) durch die handelnden Personen hindurch zu sprechen, oder sie durch Träume oder herrische Zwischenrufe zu lenken oder auch zu absurd-grausamen Reaktionen zu zwingen (Lugalbanda und Gilgamesh ~2.700 v.u.Z, oder Enuma Elish und Hammurapi ~1.800 v.u.Z.). Selbst in den ein- bis zweitausend Jahre später aufgeschriebenen Geschichten (Ilias, Thorah/Mose, Nevi’im/Propheten u.a.) wimmelt es von Menschen, die Geisteszustände aufweisen, die wir heute als „produktive Psychose“ bezeichnen würden.

Der zentrale Held der Ilias, Achilles, z.B. gälte nach heutiger Vorstellung als geisteskrank und dringend behandlungsbedürftig. Er litt unter Wahnvorstellungen, hörte Stimmen in sich, halluzinierte, verfiel in „katatone“ Lähmungszustände, neigte zu impulsiv-irrationalem Verhalten und zu unkontrollierbaren Aggressions- und Hassattacken. Sein Heerführer Agamenon litt an ähnlichen Störungen, und hatte bereits vor dem Kriegszug seine geliebte Tochter Iphigenie opfern müssen, weil es ein von ihm fantasiertes Trugbild der Göttin Artemis von ihm so verlangt hatte. Auch alle anderen Beteiligten waren beherrscht von Bildwesen, die sich schließlich untereinander bekämpfen, und sich dabei der Menschen, in die sie eindrangen, bedienten so als seien diese Marionetten. Die Betroffenen hielten das aber offenbar für ganz normal. So redete z.B. eine Frau (Helena) nicht mit einer alten Sklavin, die vor ihr stand, sondern mit einer Göttin, von der die Sklavin gerade besessen sei, und ein Mann (Hektor) erkannte in dem Rat seines vermeintlichen Bruders sofort die Bösartigkeit einer anderen, feindlich gesinnten Göttin, die sich sicher gerade des Bruders bemächtigt habe.

Die Schwelle zur Auslösung solcher Erscheinungen stieg vor zweitausendfünfhundert Jahren im weiteren Mittelmeerraum bei vielen Menschen aus weitgehend unbekannten Gründen an. Immer mehr Menschen begannen damit, selber zu denken, sich als handelnde Personen wahrzunehmen und die Gegebenheiten selbst kritisch zu hinterfragen, ohne auf die Träume der Einflüsterungen zu warten (Beispiel: Odysseus in Homers zweitem Epos).

Die den Herrschern übergeordneten Instanzen lebten dann nicht mehr in ihnen, sondern wurden in höhere, externe Räume verlagert, als Gottheiten außerhalb des Menschen.

Besonders radikal als Monotheismus: Zuerst in Ägypten in der Periode des Echnaton, dessen Anhänger später als Sklaven vertrieben wurden. Und kurz darauf mit Zarathustra, dem geistigen Vater des ersten Gottesstaates in Persien (Schmoekel, Kurtz, Assmann, Holland)

In anderen Erdteilen verzögerte sich der Wandel der Gehirnnutzung offenbar, z.B. bei den großen Kulturvölkern Lateinamerikas. Das könnte erklären, warum es so einfach war, dass eine kleine Gruppe goldgieriger Abenteurer unter Pizarro die hochgerüstete, disziplinierte 80.000 Mann-Armee des Inka besiegen konnte: Einfach, weil der lebende Gott Atahualpa, von dem alle Soldaten besessen waren, kurzerhand getäuscht und umgebracht wurde. Bei Bessenheits-zuständen können eben nur alt-bewährte Verhaltensmuster konservativ abgespult werden. Sie taugen aber nicht für Innovation und Kreativität, die angesichts völlig unerwarteter Dynamik nötig wäre.

Im Prinzip stellte sich Jaynes die Frühmenschen wie moderne Großstadtbewohner vor, die ebenfalls einen ununterbrochenen Strom elektronischer Botschaften empfangen, sich in virtuellen Realitäten verlieren, durch beides irrational und manchmal sprunghaft gelenkt werden, und sich dabei ständig erzählen, dass sie es seien, die da ihr Leben handelnd steuern. Mit dem kleinen Unterschied, dass die antiken Ur-städter diesen gewaltigen medialen Fluss  in sich noch selbst erzeugen mussten.

Auf Opa schlafen, um die Befehle zu erträumen. (Quelle www.asmat.de)

Solche Ur-Geisteszustände finden sich bei Völkern, die bis vor kurzem oder heute noch in der Phase des Jagens und Sammeln befanden oder noch befinden (in Brasilien, Nord-Amerika oder Papua).

Bei all diesen Menschen waren (oder sind noch) die Kommandos ihrer Häuptlinge, Väter/Mütter oder Könige/Königinnen als feste (nicht-bewusste) Programme abgespeichert. Ihre Aufgabe ist es, das alltägliche Geschehen kommentieren und bei Tabu-Gefährdungen dazwischen zu reden. Oder um in sozialen Stresssituationen als hilfreich-konservative Stimmen der Geister, Ahnen und Götter abgerufen zu werden.

Die Erklärungsversuche von Jaynes, wie sich das Zusammenspiel der beiden menschentypischen Großhirn-Hälften in seiner Funktion verändert haben könnte, sind heute durch die Ergebnisse der Hirnforschung überholt. Tatsächlich hat sich zwar die Art, wie die Hirn-Hemisphären zusammenspielen (kulturell-beeinflusst) erheblich verändert, aber anders als Jaynes es sich vorgestellt hatte. (McGilchrist)

Außerdem ist heute bekannt, dass alle Säugetiere mit ihren Mittelhirnstrukturen ein (Kern)-Bewusstsein erzeugen, d.h. sie bündeln alle Informationen innerer und nach außen gerichteter Sinnesorgane und vergleichen es mit einem inneren Bild, das “sie” symbolisiert, um zu beurteilen, ob das, was da geschieht, gut oder schlecht ist für “sie” ist. Höhere Säugetiere (Katzen, Hunde, …) können dieses Mini-Bewusstsein auch noch zu einfachen Gefühlen ausbauen, indem sie Vergangenheitsbilder und Zukunftsvorstellungen damit verknüpfen.

All diese Hirnleistungen sind nicht angeboren, sondern entwickeln sich im Rahmen des Gestillt-werdens und der frühen Aufzucht. Kinder sind also bei Geburt zwar (manchmal) hellwach und können auch ihre Grundbedarfs-Befriedigung einfordern. Aber sie sind sich noch nicht bewusst. Und auch Erwachsene handeln im Alltag überwiegend nicht bewusst, d.h. sie lassen wie beim Gehen oder Autofahren einmal erlernte Programme automatisch ablaufen, während sie das “Ich” wie einen Scheinwerfer lenken, und meist nur einsetzen, um einen Handlungsfluss zu unterbrechen. Denn für alles andere (z.B. Klavierspielen) wäre das Mittelhirn-Ich viel zu langsam.

Es erscheint aber auch heute noch vielen Wissenschaftler absurd zu sein, dass es einmal Sprache, Schrift, Kultur und Staatswesen ohne ein starkes „Ich-Bewusstsein“ gegeben haben könnte. (Williams 2010).

Das mag daran liegen, dass diese Wissenschaftler/ innen zu viel denken, die Funktion des Ich-Bewusstseins überbewerten (Bräuer), und sich vor allem zu wenig bewegen. Wenn ich bewegungslos da-sitze und das Hirn ohne körperliche Rückmeldungen flimmern lasse, muss ich mir zwangsläufig ein „Ich“ schaffen, dass da eins nach dem anderen denkt, und die Dinge analysiert und bewertet. (Llinas).

Wenn ich mich dagegen im Verbund mit dem, was geschieht, elegant und verbunden bewege, ist sowohl ein “kontrollierend-befehlendes Ich“ als auch die bewusste Bewertung dessen, was da geschieht, eher hinderlich. (Wolpert)

Z.B. beim Jonglieren. Ein „Ich“ kann zwar scheinbar entscheiden, den ersten Ball zu werfen. Aber selbst dieser Befehl ist lange in der Hand angelangt, bevor das “Ich” sich erzählt, dass es gerade etwas entschieden habe. Schließlich hängt das “Ich” dem sogenannten Bereitstellungspotential vor einer Bewegung um 0,3 Sekunden nach. Wenn die Jonglierbälle dann fliegen, gibt es endgültig keinen Platz mehr für ein „Ich“. Wenn es doch mit Befehlen in dem Bewegungsfluss herumfummeln wollte, fielen die Bälle herunter. Selbst die Impulse der unbewussten Hirnprogramme, die am „Ich“ des Mittelhirns vorbeisausen, sind im schnellen Flug der bunten Kugeln vergleichsweise langsam, z.B. gegenüber den beteiligten Rückenmarksreflexen und den Signalen der Fasziendehnungen und -entdehnungen in den Armen und Händen. Jonglieren erfordert also klare Wachheit und Gedankenleere, aber sicher kein steuerndes “Ich-Bewusstsein”, dass vielen Wissenschafler*innen so wichtig zu sein scheint.

Elegante Bewegungen geschehen im Flow harmonischer innerer und äußerer Dynamik, bei dem “Ich” höchstens eine wohlwollende Betrachtung des Geschehens zukommt. Der noch intensivere Geisteszustand der Trance gleicht dann einem Sich-Verlieren in einen ich- und zeit-losen Zustand des Verbunden-seins. So entstehen Tanz, Musik, Gesang, Poesie, Malerei, Sport, mit einem Wort all das Schöne, zu dem die Menschheit fähig ist. Unter der Voraussetzung, all das geschieht ohne Stress und in einem geschützten Rahmen, der verhindert, dass in großer Not eine Sicherung durchbrennt.

Sonst entsteht Krankheit:

Psychosen oder Verzerrungen der Wahrnehmung, die mit einem Verlust des Realitäts-Bezugs einhergehen.

Im schlimmsten Fall entwickelt sich bei gestörter Großhirnkoordination Schizophrenie (griechisch: dem (σχίζειν, spalten), phrēn, phren- (φρήν, φρεν-, Gemüt, engl.: mind).

Möglicherweise können bestimmte Formen solche schweren psychischen Störungen als krankhafte Anpassungsstörungen im Rahmen der menschlichen Entwicklung interpretiert werden: Als Nebenprodukt der rasanten, „überstürzten“ kulturellen Evolution des menschlichen Gehirns. Aber warum wurden diese Schwächen, die eindeutig reproduktive Nachteile mit sich bringen, durch die Evolution nicht ausgelöscht?

Möglicherweise, weil es für das Überleben der Gruppen zeitweise durchaus sinnvoll war, unter starkem Stress weiterhin Halluzinationen und Ich-Verluste zu erleben. Denn immerhin kann Besessenheit ungeahnte Kräfte mobilisieren und Schmerzen unterdrücken.

Und außerdem standen “Psychotiker” noch viele Jahrhunderte als Schamanen, Weissager, Priester und Propheten in hohem Ansehen. Sie konnten schließlich, im Gegensatz zu den anderen, immer noch die Einflüsterungen höherer Mächte lauschen und dann davon erzählen.

Literatur

  • Assmann I.
  • Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download 
  • Humphrey N.: Cave Art, Autism, and the Evolution oft the Human Mind, Cambridge Arch Journ, 1998, 8(2):165-91, pdf-download – Humphrey N.: Shamanism and cognitive evolution, Cambridge Arch Journ, 2002 (12):91-93, pdf-download
  • Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, Video-Vortrag
  • Kurtz P.
  • Llinas R: The “I” of the vortex, New York, 2001, Video 2012
  • McGilchrist I.
  • Schmoekel R: Die Indoeuropäer, Aufbruch aus der Vorgeschichte, Bublies-Verlag
  • Holland T: Persisches Feuer. Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa. Rowohlt 2011
  • Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of Julien Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239
  • Wolpert D.
Letzte Aktualisierung: 20.08.2019