Echo aus dem Neandertal?

Wir sind Mischlinge

Menschen und Schimpansen trennten sich erst vor fünf bis sieben Millionen Jahren. Ihre Erbinformationen unterscheiden sich nur um vier Prozent (Varki).

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Vor etwa 300.000 Jahren entwickleten sich dann moderne Menschen (Homo sapiens). Ihre kräftigeren Vettern, die Neandertaler- und Denisova-Menschen, wanderten vor mehr als 200.000 Jahren nach Europa und Asien, und passten sich dort an sehr widrige Umweltbedingungen an.

Vor 80.000 bis 40.000 Jahren zogen dann immer größere Homo sapiens-Gruppen aus Afrika in den Norden und Osten, vermutlich weil sie den Spuren von Wildtieren folgten (Dennell). Zeitgleich verringerte sich die Zahl der Neandertaler, die schließlich vor etwa 30.000 Jahren ausstarben.

evolution des bewusstseins
Evolution des Bewusstseins

Warum endete die Neandertaler-Kultur?

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Rhea, die Titanen-Tochter der Erdgöttin Gaia, Gattin des Titanen Cronos (der Zeit). Bild: Wiki-Commons

Zwischen der Ankunft „neuer Afrikaner“ und dem Ende der Neandertaler scheint ein Zusammenhang zu bestehen  (Benazi). Warum, wissen wir nicht.

Schleppten die Gäste aus den Tropen vielleicht Viruserkrankungen ein, gegen die sie selbst resistent waren, die Neandertaler aber nicht? (Wolff).

Oder wurden langwierige Kriege geführt? So wie sie in der griechischen Mythologie in der Titanomachie besungen wurden. In den Erinnerungen an das verlorengegangene Original-Epos (Titanomachy) werden die menschenähnlicheren Olympier als gesitteter oder „zivilisierter“ beschrieben, als die brutalen Titanen, die „schon länger auf der Erde lebten“ und noch (wie Cronos) ihre Kinder fraßen.

Solche Mythen vermischen, ähnlich wie Träume, Bilder und Erzählungen der Vergangenheit mit Fantasien und Gefühlen. Sie berichten nicht „wie es war“. Aber sie regen dazu an, sich vorzustellen, „wie es – auch – gewesen sein könnte“. (Vöhler).

Körperlich jedenfalls waren die Neandertaler ihren afrikanischen Vettern deutlich überlegen. Sie waren besser an die raue Umwelt angepasst, und in ihren handwerklichen und intellektuellen Fähigkeiten ähnlich gut entwickelt. Aus der Beurteilung der wenigen verbliebenen Knochen, ergibt sich, dass sie dem Wild nur in kleinen geschlossenen Familien-Verbänden nachstellten. Ihre Jagd, an der Männer wie Frauen gleichermaßen teilnahmen, war hoch-gefährlich, weil sie das Großwild direkt angriffen. (Laluenza-Fox)

Die Homo sapiens-Gruppen dagegen bildeten größere Sozialverbände. Sie scheinen beziehungsfähiger gewesen zu sein. Deshalb lebten sie in größeren, gut-koordinierten Gemeinschaften: Ein Teil der Gruppe jagte oder hütete Wildgetreide, und ein anderer verblieb im Lager und kümmerte sich um die Kinderaufzucht. Ihre Bindungen erwiesen sich auch dann als stabil, wenn sich die Stammesmitglieder lange Zeit nicht sehen und hören konnten. Sie müssen dazu fähig gewesen sein, innere Bilder geliebter Menschen in sich wachzurufen, um daraus Kräfte zu entwickeln, die „Berge versetzten“ (Chapais).

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Atlas, der letzte Titan, nach dem verlorenen Krieg gegen die Olympier. Nationalmuseum Neapel

In ihren Sippen übernahmen unterschiedliche Personen ganz verscheidene Aufgaben: Haushaltsmanagement, Kinderbetreuung, Nahrung sammeln,  Waffen herstellen, Wildgetreide-hüten, Jagen, Pläne schmieden, Geister beschwören oder Fische fangen.

Die gewaltigen Neandertaler mögen also die besseren Krieger und Jäger gewesen zu sein, aber Homo sapiens-Menschen handelten und kooperierten aufgrund der Aufteilung ihrer Geschlechterrollen wesentlich effizienter (Kuhn).

Das bleibende Ergebnis der Begegnung ungleicher Vettern

Neandertaler und Homo sapiens lebten etwa 10-20.000 Jahre in enger Nachbarschaft (Sankararaman). In dieser Zeit müssen sie sich sehr nahe gekommen sein: Denn etwa 1,5 bis 4 % der Gene der europäischer und asiatischer Menschen (Homo sapiens) stammen von ur-europäischen Vettern (Simonti).

In Asien ist der Anteil möglicherweise noch höher, da sich Neandertaler dort länger halten konnten. Dafür sprechen hohe Übereinstimmungen bei Genen, die zu einer besseren Anpassung an UV-Bestrahlung oder an große Höhen führten (Ding, Callawy).

Ob die heutigen Afrikaner dem archaischen Homo-sapiens-Urtyp entsprechen, wissen wir nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich ihrerseits mit noch unbekannten Menschen-Typen vermischten.

Früher nützlich heute gefährlich?

Die meisten Nachkommen von Neandertalern und modernen Menschen werden wegen ungünstiger Becken-Verhältnisse bereits bei der Geburt gestorben sein. Die schlanken Mischlings-Kinder aber, die trotzdem überlebten, besaßen besondere Fähigkeiten, die ihnen halfen, unter den widrigen nördlichen Klimaverhältnissen besser zu überleben: Eine genetisch vermittelte Abkürzung, die den aus dem tropischem Klima eingewanderten Menschen, notwendige Stoffwechselanpassungen an andere Umweltbedingungen vererbte. Diese Theorie könnte erklären, warum sich die Gene der ausgestorbenen Urmenschen so weit in Europa und Asien verbreiten konnten.

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Der Riese Pangu: „Das erste Lebewesen auf der Erde.“ Chinesische Mythologie. Bildquelle: Wiki

Gene kommen aber nicht nur in den Zell-Kernen, sondern auch in den Atmungsorganen der Zellen vor. Diese so genannten Mitochondrien, werden nur über die Mutter auf das Kind vererbt. Neandertaler Mitochondrien-DNA wurden in Menschen bisher noch nicht nachgewiesen (Forster). Folglich werden die Neandertaler-Gene von Männern stammen, die Sex mit Homo-sapiens-Frauen hatten, und deren Ungeborenen es erstaunlicherweise gelang, aus ihren Müttern zu schlüpfen, und die dann auch noch in einer menschlichen Sippe großgezogen wurden.

Die erhaltenen Neandertal-Gene steuern Funktionen der Haut, des Nervensystems, des Fettstoffwechsels und der Blutgerinnung. Die Anpassungs-Vorteile, die sie bewirkt haben müssen, stellen heute möglicherweise Gefahren dar (Science 2016):

  • Ehemaliger Vorteil: Bessere Heilung von Verletzungen durch verstärkte Blutgerinnung.
    • Heutiger Nachteil: Erhöhte Risiken für Thrombose und Schlaganfall.
  • Ehemaliger Vorteil: „Winterschlaf“ und „Sommer-Aktionismus“.
    • Heutiger Nachteil: Manisch-depressive Verhaltensformen.
  • Ehemaliger Vorteil: Einlagerung von Vorrats-Fett für lange Hungerperioden.
    • Heutiger Nachteil: Adipositas

Verbesserten oder verschlechtern Neandertal-Gene die Immunfunktion?

Die Ur-menschen-Gene führten möglicherweise zu Veränderungen des Immunsystems. Dabei könnten aggressive Komponenten stärker betont worden sein. Mit dieser angriffslustigeren Immunausstattung habe sich ggf. die Widerstandskraft gegen bestimmte Krankheitserreger verbessert. (Max Planck Inst., Dannemann)

Möglicherweise wurden so auch Heil-Vorgängen nach schweren Verletzungen, z.B. nach Großwildjagden, günstig beeinflusst.

Ein Immunsystem funktioniert aber nur dann effektiv und gut, wenn sich beruhigende und angreifende Bestandteile die Waage halten. Also müsste auch der Bedarf an bremsenden Bestandteilen der Immunfunktion bei Trägern von Neandertal-Genen zugenommen haben.

Dafür könnte sprechen, dass die Neandertaler-Gene, die heute noch in modernen Menschen nachweisbar sind, die Nikotin-Sucht fördern sollen. (Capra)

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Kopf eines Titanen. Nat. Arch. Mus. Athens. Bild: Wiki Commons

Vor 40.000 Jahren gab es in Europa und Asien keinen Tabak. Das Nikotin-Molekül passt aber in ein extrem wichtiges immunologisches Signalsystem:

Die Nikotin-Rezeptoren der Immunzellen erwarten normalerweise kein Gift aus Tabakqualm, sondern den Botenstoff Acetylcholin, der ihnen mitteilt, dass „die Welt da draußen“ gerade ganz in Ordnung sei. Und dass sie daher in Ruhe das tun sollen, wozu es sie gibt: für eine Genesung arbeiten.

In einem Actetylcholin-gedämpften Zustand handeln Immunzellen besonders effizient. Damit sinkt dann das Risiko, an einer maximalen Überreaktion des Immunsystems  zu versterben, z.B. an einer Sepsis. (Pavlov, Kim)

Besteht deshalb heute bei Trägern von Neandertaler-Genen ein höheres Risiko für überschießende Immunreaktionen? Z.B. für Allergien, Neurodermitis, Multiple Sklerose, u.v.a.?

Manie und Depression

Es spricht viel dafür, dass die archaischen Menschen (inkl. der Neandertaler) noch kein Ich-Gefühl kannten, das ihnen eine, von allem Anderem scharf abgetrennte, Wahrnehmung des eigenen Selbst ermöglicht hätte. Vermutlich gab es auch noch keine Konstruktion eines „freien Willens“. Stattdessen scheinen sich Urmenschen, in traum-ähnlichen Bewusstseins-Zuständen, in einer unlösbareren Einheit mit ihrer Umgebung erlebt zu haben (Humphrey, Jaynes).

Vielleicht waren damals auch manisch-depressive Geisteszustände normal. Heute bezeichnen wir Antriebslosigkeit und Überaktivität als „bipolare“ Krankheit, die behandelt werden muss (Westrin). Bei den frühen Jägern und Sammlern waren aber extrem wechselnde, psychische Einstellungen wichtig für das Überleben: In langen Hungerperioden des Winters wird es, besonders bei Frauen, sinnvoll gewesen sein, den Kreislauf zu drosseln. Um sich dann im Frühling und Sommer mit so viel Fleisch und Pflanzennahrung wie möglich, eine dicke Fettschicht anzulegen. (Sherman)

Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zwischen häufigeren Stimmungstiefs und einem eher aggressiv eingestellten Immunsystem: Denn die Darmbakterien und das Gehirn bilden einen engen Regelkreis, der durch Immunfunktionen verbunden ist. Störungen dieser Beziehungen können leicht zu Depressionen führen. (Cyran, Lyte, Smith)

Deshalb wäre es spannend zu erfahren, woher der Magenkeim Helicobacter pylori stammt, den der über 5.000 Jahre alte Gletschermann Ötzi mit sich herumtrug (Maixner). Hatten den seine Ur-Ur-Großeltern aus Afrika mitgebracht? Oder wurde er von der Neandertaler-Ur-Großtante vererbt?

Antropozän?

Mittlerweile, sagen uns die Geologen, sei das „Erdzeitalter der Menschheit“ angebrochen: das Antropozän.

Die Struktur der Erdkruste wird zunehmend durch unseren Einfluss geprägt, und die Evolution der Arten ist immer stärker kulturellen Einflüssen unterworfen. Der Planet wurde erfolgreich erobert und wird von uns beherrscht.

Wer aber – genau (!) –  sind wir?

Link

Literatur

Zitat

The hypothesis of the evolutionary origin of bipolar disorder (EOBD) ..  suggested that bipolar behaviors evolved in the northern temperate zone as highly derived adaptations to the selective pressures of severe climatic conditions during the Pleistocene. Given evidence of Neandertal contributions to the human genome, the hypothesis is extended (EOBD-R) to suggest Neandertal as the ancestral source for bipolar vulnerability genes (susceptibility alleles). The EOBD-R hypothesis explains and integrates existing observations: bipolar disorder has the epidemiology of an adaptation; it is correlated with a coldadapted build, and its moods vary according to light and season…  Individuals with seasonal affective disorder, which is related to bipolar disorder, have been shown to manifest a biological signal of season change similar to that found in hibernating animals. The involvement of the circadian gene network in the pathophysiology of bipolar disorder has been confirmed. Because selective pressures during the Pleistocene would have been greatest for women of reproductive age, they are expected to manifest winter depression more than males or younger females, which is the case. (This sex difference is also found in hibernating mammals.) Because it is hypothesized that the evolution of bipolar disorder took place in the northern temperate zone during the Pleistocene, it is not expected that individuals of African descent, lacking Neandertal genes, will manifest circular bipolar I disorder, and in fact, the incidence of bipolar disorder among black individuals is less than among whites. A definitive test of the hypothesis is proposed: It is predicted that the bipolar and Neandertal genomes will be more similar than the modern human and Neandertal genomes, and the modern human and San and Yoruba genomes will be more similar than the bipolar and San and Yoruba genomes. Failure to confirm these predictions will falsify the EOBD-R hypothesis. (Sherman JA: Evol. origin of EOBD-R, Med. Hypo. 2012, 78(1):113-22)

Bonobo

Chimp

Letzte Aktualisierung: 14.06.2019