23. Juni 2020

Gesundheitsreligion oder Tianxia?

Das Wesentliche:

Der chinesische Philosoph Zhao Tinyang hält die Mittelmeer-Religionen für sterbenskrank. In China dagegen entstehe eine neues Wertesystem auf der Grundlage 3.000 Jahre alter chinesischer Philosophie. Sein wiederbelebtes Konzept heißt „Tianxia“: Welt-Innenpolitik.

Im amerikanisch-europäischen „Westen“ entwickelt sich zeitgleich ein Gemisch aus „Wissenschaftskult- und Gesundheits-Religion“. Das Befolgen strenger Regeln und Ritualen. Diese Ersatzreligion soll die Menschen hoffen lassen, dass es besser werde, oder wenigstens so bleibe wie es ist (Gesundheitsminister Spahn, 26.07.2020).

Allerdings sind „im Westen“ Wissenschaft-Hierarchien und Finanz-Kapital dem „gesunden Moralsystem“ übergeordnet. Die neuen Werte dienen Interessen. Das schwächt ihre Glaubwürdigkeit.

Bei Tianxia dagegen soll die (konfuzianische) Moral bestimmend sein.

… Die Bürger vertrauen der Regierung weitgehend – sie respektieren alles, was von oben kommt, sie halten sich an die Vorschriften, sie mucken nicht auf, zumindest nicht öffentlich. … Umgekehrt .. vertraut die Regierung den eigenen Bürgern kaum. Sie kommuniziert nicht offen, ihre harten Maßnahmen werden nicht klar begründet. … Man scheint davon auszugehen, dass die Leute nur dann verantwortungsvoll handeln werden, wenn man sie wie Primarschüler behandelt. … das Vertrauen der Bürger in die Regierung ist auch der Not geschuldet – sprich: der Angst. … Wir haben im Zeichen von Sars-CoV-2 noch keine Herden-Immunität erreicht, wohl aber kurzfristig eine Herden-Mentalität! … Aber diese Art des Konformismus wird auch wieder abnehmen, Anzeichen dafür gibt es bereits. …“ Interview O. Zimmer, NZZ

Gesundheit als höchstes Staatsziel.

In der Covid-19-Krise wurde „Gesundheit“ zum wichtigsten moralischen Wert überhöht. Alle anderen gesellschaftlichen Bereiche (Wirtschaft, Kultur, Recht u.v.a.) mussten sich unterordnen. Und es soll auch künftig nötig sein, „uneinsichtige Menschen“ zu ihrem Glück zu zwingen.

Heute gilt als „gesund“, wenn ausgewählte Krankheiten erfolgreich durch Produkte oder Dienstleistungen bekämpft werden konnten.

Früher schien jemand gesund zu sein, wenn sie, oder er, trotz Belastungen, weder Gesundheitsprodukte kaufen noch einen Arzt rufen mussten. Jetzt werden dagegen, um Virus-Epidemien vorzubeugen, technische Lösungen angestrebt. Veränderungen der Verhältnisse und sicher-gesund-flexibles Verhalten spielen kaum noch eine Rolle. (Ottawa Charta 1988)

Die Übernahme der Macht durch „Doktor*innen oder Kommissar*innen der Volksgesundheit“ wäre der folgerichtige Höhepunkt der bereits erfolgten Medikalisierung aller Lebensbereiche, durch stetig und krisenstabil wachsende Marktangebote. (Nefiodow 2020)

Noch vor 250 Jahren musste ein Kapitän alle Ärzte von Bord weisen, um eine Seuche erfolgreich behandeln zu können (Cook 1776) – Nun träumen einige Mediziner*innen von der Übernahme des Kommandos. Um dem Kurs der quasi-religiöse, linearen-monokausalen Kriegsmedizin des 19. Jahrhunderts zu folgen, und in die Vision der „post-humanen“ Algorithmen-Herrschaft zu segeln (s.u.)

Die Religionen, die über Jahrtausende den gesellschaftlichen Takt vorgegeben haben, wurden in der Moderne schrittweise ersetzt durch Formate, die uns rationaler erscheinen. … jetzt kommen Corona und die Virologie ins Spiel. Der Mensch ist nun doch ein komplexes Lebewesen, das seine Lebensbedingungen nicht unter Kontrolle hat. Aber statt den Kontrollverlust zu nutzen und zu fragen, welches Menschen- und Weltbild wäre denn wirklich dem heutigen Wissen angemessen, springen wir auf den nächsten Zug auf. Die Virologie wird mit der Epidemiologie und damit mit Computersimulationen aufgerufen, den Menschen als Virusträger zu entziffern. Simulationen, Hochrechnungen und Statistiken sind unsere neue Religion und sollen uns jetzt endlich von der menschlichen Freiheit entlasten. Sie gaukeln uns vor, wir könnten die Zukunft vorhersagen und kontrollieren, können wir aber nicht. Markus Gabriel. Fokus 29.05.2020

Das ur-alte chinesischen Bild des Hirten (die konfuzianische Hierarchie), die den Ochsen (das Kapital) am Nasenring führt. Bild: Tuschezeichnung, um 1955, Künstler unbekannt, Privatbesitz

Neo-Konfuzianismus in China: Jetzt auch im Westen?

Visionen von „Gesundheitsdiktaturen“, deren Anweisungen gläubig und willig gefolgt wird, erinnern mich an die Renaissance des Neo-Konfuzianismus in China.

Die chinesische Führung reagierte auf die Covid-19-Epidemie sehr konsequent. Ihr ging es offenbar weniger um die Bedrohung durch „ein Virus“, als um die Chance das neo-konfuzianische Staatsmodell zu festigen. Man definierte (und überhöhte) einen starken, äußeren Feind. Und verdrängte zugleich andere Faktoren, die Atemwegsinfektionen begünstigten, und für den Ausbruch mitverantwortlich waren (u.a. die Luftqualität in Wuhan).

Im so ausgerufenen (scheinbaren) Krieg wurden die Freiheitsrechte radikal eingeschränkt, und in kurzer Zeit eine perfekte Überwachung und lückenlose Kontrolle der gesamten Bevölkerung etabliert. Die Hierarchie des Parteiapparates erwies sich als leistungsstark, und der chinesische Kapitalismus musste sich unterordnen. Das chinesische Gemisch aus konfuzianisch-geprägter Staatsmacht, und dem am Nasenring geführten Ochsen (Kapital) scheint aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Einige sprechen schon von einer Trendwende zum „Asiatischen Zeitalter“ (GFP 26.05.2020)

Das chinesische Modell der neo-konfuzianischen Kontrolle des Kapitalismus strahlt nicht nur auf Nord-Korea, Vietnam und Laos, deren Staatssysteme dem Chinas ähneln. Es könnte darüber hinaus auch an Attraktivität gewinnen in den wirtschaftsstarken, semi-autonomen Regionen von Hongkong und Taiwan, die (noch) erheblich vom „westlichen Kapital“ beeinflusst werden. Aber auch in Ländern, denen konfuzianische Moral nicht fremd ist, deren politische Eliten aber nach westlichem Vorbild vom Kapitalismus dominiert werden: Japan, Taiwan, Hongkong, Thailand, Süd-Korea.

Wenn sich das neokonfuzianische Modell als erfolgsversprechend herausstellen sollte, könnte es die Welt beherrschen.

Denn „der Westen“ hat nichts Vergleichbares zu bieten. In „westlichen Industriegesellschaften“ wird die Staatsmoral vom Finanzsystem beherrscht. Die Politik erscheint folglich oft als korrupt oder korrumpierbar. Sie kann „das Volk“ (ohne Werte- und Moralsystem) nicht mehr durch ein übergeordnetes, allgemein akzeptiertes Wertesystem zusammenhalten. Daher entsteht jetzt der Versuch auch im „Westen“ den Konfuzianismus im Rahmen „einer (vorübergehenden?) „Gesundheits-Religion“ nachzuäffen:

Wie im Konfuzianismus werden in der Gesundheits-Notstands-Regierung Kontroll-Rituale zelebriert. Unbewusst wird dabei die Kernaussage des Konfuzius übernommen:

Es sei unbedeutend, ob es ein abstraktes Konzept (tatsächlich) „gibt“ (Wahrheit, Gott, Geist …) – Wichtig sei allein, sich (sehr streng) so zu verhalten, „als ob“ es eine solche Vorstellung tatsächlich „gäbe“. Und darauf zu achten, dass die (in frommen Glauben ausgeführten) Rituale wirksam „seien“. (Littlejohn 2007)

Zum Beispiel wäre es aus konfuzianischer Sicht völlig unerheblich, ob Atemschutzmasken beim Einkaufen wirklich vor „Grippeviren“ schützen, und auch die Untersuchungen, warum sie das nicht tun, interessieren nicht. (Bin-Reza 2012) Nötig ist es nur, das die Betroffenen ihre Angst behalten. Dass sie glauben, Fehlverhalten schade. Und dass man daher das tue, was man solle.

Es drängen sich noch weitere Ähnlichkeiten zwischen Gesundheits-Notstand und Neo-Konfuzianismus auf, bei der Kinder- und Frauen-Feindlichkeit, der Ordnungsamts-Strenge, den schmerzhaft-einprägsamen Ritualen uva. – Emotion, Spaß, Liebe, Spiel, Lachen – all das hat angesichts ernsthafter Frömmigkeit keine Bedeutung.

„Die chinesische Führung setzt auf die Akzeptanz der Bevölkerung für digitale Überwachung … Das Recht zu leben gibt es zum Preis einer totalen Transparenz im Privaten.“
Milcent C: Chinas Corona Chroniken. Le Monde Diplo Juni 2020

Niedergang und Wiederaufstieg des Konfuzianismus

Aufgehender Mond. Eingescannt aus „Chinesische Holzschnitte“. Inselbücherei, Leipzig 1954. Künstler dort nicht genannt

China war im Mittelalter dem Westen eigentlich weit überlegen.

Aber Kontrolliertheit und das Einzwängen in ein starres Korsett rituell-festgeschriebenen Handelns führte es in die Stagnation. Es ließ dem Westen den Freiraum für katholisch-gesegnete Kolonialeroberungen und den von protestantischen Gebeten inspirierten Kapitalismus.

Der Konfuzianismus wurde in China zum wesentlichen Entwicklungs-Hemmnis. Er erstickte die Gesellschaft mit sinnentleerter Bürokratie.

Erst nachdem die alten Strukturen (durch die „Kultur“-Revolution) komplett zerschlagen werden, konnte der Konfuzianismus neu entdeckt werden. Und schließlich als einzigartiges Modell einer Machtsäule neben Staat und Wirtschaft wiedererstehen. Für einen Konfuzianer ist es völlig belanglos, ob sich die KPCh „kommunistisch“ nennt. Wichtig ist nur, dass ein straff organisierter Beamtenapparat den parallel organisierten Staat und das Kapital beherrscht.

Im Westen zerfällt der moralische-protestantische Werte-Überbau gerade. Der moral-, wert-, sinn- und geist-lose Kapitalismus des westlichen Imperiums hat die Macht an sich gerissen, und zeigt sich mit einigen aggressiv-unkalkulierbar-bösartigen Fratzen an der Spitze. Die verbleibenden Religionen des Westens wirken demgegenüber zunehmend zahnlos.

Gesundheit als Neo-Religion?

Es ist also nicht verwunderlich, wenn einige (beflügelt durch die Covid-19-Krise) daran arbeiten, eine neue „Neue Normalität“ zu errichten. Getrieben von der Illusion so, durch Überhöhung von „Gesundheit“, den „Westen“ wieder moralisch aufzurüsten.

Allerdings sind die konfuzianischen Rituale nicht ganz so einfach übertragbar, wie es scheint. In Asien sind sie seit mehr als 2.500 Jahre etabliert. Sie werden dort von vielen geglaubt. Der Konfuzianismus ist in Asien, besonders in der selbst-disziplinierenden Variante des Mengzi, eine der erfolgreichsten Religionen. Durch seine Wiedererweckung in China vermitteln die Führer moralische Werte. Die Chance ist deshalb groß, dass dort die Massen folgen, und die Zweifler kontrollieren werden.

So aber, wie in Asien, wurden die westlichen Bevölkerungen nicht sozialisiert. Man glaubt hier nur vorübergehend an etwas Neues, solange man Angst hat. Die aber vergeht, auch wenn sie immer wieder neu erzeugt wird. Auch ein zeitlich unbegrenztes Tragen von albernen Doppelkinn-Schonern wird daran nichts ändern. Irgendwann wird man „Angst-Wahrheiten“ verdrängen, ignorieren oder verlachen.

Ein ganz anderer Grund ist, dass „Gesundheit“ im Westen kapitalistisch-gewinn-maximierend bestimmt wird. Das ist aber der „Gesundheit“ oft nicht zuträglich. Also könnten sich viele Patient*innen übersättigt und durch Gesundheitsprodukte beherrscht fühlen. So dass dann der Bedarf zunähme, sich so zu verhalten, dass man dem Gesundheitsmarkt möglichst aus dem Weg geht, in dem man einfach gesund lebt.

Wer durch Ausübung der Moral seinen Staat regiert, was für Schwierigkeiten könnte der haben? Wer aber nicht durch Ausübung der Moral den Staat regiert, was nützt dem die Moral? Zitat aus Konfuzius (Kung-Fu-Tse) Gespräche (Lun Yü): Übersetzung Richard Wilhelm, Deutscher Bücherbund 1954:

Chinas Wiedergeburt

Im 20. Jahrhundert zerfiel chinesisches Denken in tausend Stücke. Mao Tse Tung war vielleicht kein großer Philosoph, und auch kein langfristig erfolgreicher Religionsgründer. Aber unter seiner Führung wurde „das Alte“ konsequent zerschlagen, ohne sich sofort (wie in Hong Kong, Taiwan und Süd-Korea) mit „dem Fremden“ (dem westlichen Kapitalismus) zu vereinen. Stattdessen entstand in den Trümmern der Kultur ein Freiraum, der zur Selbstbesinnung zwang. Ohne das militärisch-hierarchisch organisierte Beamtentum der Partei zu gefährden, konnten die westlichen Errungenschaften des Kapitalismus rezipiert werden. Das ebenfalls westliche Konzept des „Kommunismus“ wurde dafür problemlos abgelegt.

China saugte, wie ein Schwamm, alles Wissen des Westens auf, und kopierte es. Alles was so von außen eindrangt, wurde aus dem Schwamm ausgepresst und in einem riesigen Kochtopf eingerührt, in dem (der fast vergessene) Rest einer uralten Suppe vor sich hin köchelte und einen würzigen Bodensatz bildete. Jetzt, im 21. Jahrhundert, wandelt sich die Suppe, für den Westen völlig überraschend und erschreckend, und bildet eine völlig neue Geschmacksrichtung aus.

Das gab es schon einmal in China: Vor 1.500 wurden die indischen Nichts-Philosophien aufgesogen: Ghandara-Buddhismus, Jain und Yoga in vielen verschiedenen Varianten. Konfuzianismus und Daoismus wurden scheinbar verdrängt. Einige hundert Jahre später wurden die Fremdlinge wieder vertrieben. Denn China hatte ihre Ideen gemeinsam mit den alten ursprünglichen Philosophien und in qualitativ völlig Neues verwandelt: in Chan (Ch’an, jap. Zen) und die Wudang-Kampfkünste.

Es wäre sicher zu einfach, die jetzige Rückbesinnung auf die alte Stärke Chinas als „Neo-Konfuzianismus“ zu bezeichnen, so als wende sich der chinesische Drache nur konservativ zurück.

Zwar gründet die neue chinesische Staats-Religion auf dem Kernelement des Konfuzianismus: Das es belanglos sei, ob es eine „dogmatische Wahrheit“ tatsächlich „gibt“, solange die Rituale so ausgeführt werden, „als ob“ es diese Wahrheit „gäbe“.

Es gibt aber Anzeichen dafür, das im Zusammenbruch der alten Weltwirtschaftsordnung in China ein fruchtbarer Humus entstanden sein könnte, aus dem vielleicht bisher unbekannte Pflanzen wachsen werden. Zum Beispiel hat der chinesischen Philosoph Zahao Tinyang (s.u.) den alten Begriff „Tianxia“ ausgegraben.

Tinaxia bedeutet „Land unter dem Himmel“ oder einfach „die ganze Welt“. Das Schriftzeichen symbolisiert eine Summe aller Teilsysteme, deren Erkennen jede Trennung in „Innen und Außen“ ad absurdum führt. Das westliche Denken, das nach einem wahren Endpunkt suche, veröde, weil ihm die Moral abhandengekommen sei. Und auch deshalb, weil es unnötige Energie in immer neue lineare Bekämpfungs-Strategien von „Heiden“ verschwende, und sich in der Gier des Fortschrittsglaubens erschöpfe. Längst überfällig sei dagegen integrierendes System-Handeln. In China könne es erwachsen. (Littlejohn 2007)

Nachäffen

Konfuzianische Moral und Sitte könnten zwar (formal und scheinbar) problemlos im Rahmen der Errichtung einer „westlichen Gesundheitsdiktatur“ kopiert werden. Michel Foucault ahnte diese Strategie voraus. Er bezeichnete „die Bannung der Pest“ als „Traum einer disziplinierten Gesellschaft“.

Allerdings beruht die aufkeimende „Gesundheits-Religion des Westens“, die einige bereits „Neue Normalität“ nennen, auf der wesentlich älteren Religion des linearen Denkens. Seit der neolithischen Bewusstseins-Revolution muss immer (wieder) irgendetwas einzelnes, von anderem getrenntes „isoliert, bekämpft und ausgerottet“ werden, damit das eigene unbegrenzt weiter wachsen kann. Nur auf der Basis dieses Glaubens lassen sich, im Rahmen angst-verursachter „Problem-Löse-Trancen“ Gesundheits-Produkte und Krankheits-Dienstleistungen massenweise verkaufen. Solange bis die Blase endloser Medikalisierung einmal platzen wird.

Mir kommt (das sich ankündigende westliche) „Gesundheits-Religionssystem“ gegenüber dem, was gerade an geistiger Erneuerung in Asien geschieht, ziemlich lächerlich vor.

Die Welt unter dem Aspekt des Tanxia zu begreifen, bedeutet, die Welt als Ganzes zum gedanklichen Ausgangspunkt der Analyse zu machen … Das bedeutet, Weltpolitik muss unter einem größeren Gesichtswinkel, als dem des Staates verstanden werden. Die Welt als Ganzes muss als Maßstab der Definition politischer Ordnung und politischer Legitimität dienen. Zhao Tingyang 2016, Suhrkamp 2020

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Letzte Aktualisierung: 27.07.2020