23. Juni 2020

Gesundheit, Religion, Tianxia

Gesundheits-Kult

Ich glaube, dass diese mRNA-Technologie ein ähnlicher Quantensprung ist wie früher die Erfindung der Antibiotika.“ Daniela Behrens, Gesundheitsministerin Niedersachsens dpa 29.07.2021

Glaubensbekenntnisse müssen nicht rational sein. Es reicht die Illusion von Gewissheit zu stärken. Selbst dann, wenn man offensichtlich keine Ahnung hat von dem, was man da redet.

Vermutlich hat sich die Gesundheitsministerin noch nie mit dem Paradigmenwechsel der Physik vor einhundert Jahren beschäftigt. Deshalb verwechselt sie eine grundlegende Veränderung wissenschaftlichen Denkens mit der Entdeckung der Ausscheidung des Schimmelpilzes Pencillium. Besonders peinlich ist, dass sie offenbar noch nicht der Pandemie gehört hat, vor der uns ihr Gesundheitsministerin eigentlich bewahren sollte: Die Verbreitung von Keimen, die gegen alle Antibiotika resistent sind.

Evolutionsgeschichtlich war der von ihr so genannte „Quantensprung der Erfindung der Antibiotika“ möglicherweise ziemlich kurz. Wird es mit der Beglückung der Menschheit mit lukrativen mRNA-Produkten gegen alles Mögliche ähnlich sein?

Taugt Gesundheit als Ersatz-Religion?

Manche Religionen erzeugen paradiesische Visionen. Von Orten, deren Existenz man sich bildlich vorstellen kann. An Gemeinschaften der Gläubigen und Seeligen, die bis in den Tod immer taten, was sie sollten. Andere Religionen, wie der Konfuzianismus, verlangen nur, dass man sich so verhalten solle, als ob es die jeweiligen Vorstellungen übergeordneter Zusammenhänge tatsächlich gäbe. Wieder andere, wie die Vedanta oder der „rein-ursprüngliche“ Buddhismus, verzichten sogar vollständig auf Illusionen und Phantasien.

Die Ethik dieser alten Religionen befindet sich im freien Fall.

Denn sie bieten keine Alternative mehr angesichts gewinn-maximierender Wirtschaftssysteme, die die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten systematisch zerstören. Viele Gesellschaften spalten sich auf und drohen zu zerfallen. In den amerikanisch-europäischen Ländern sind keine Visionen mehr erkennbar, die Menschen anziehen könnten, und für die es lohnte, sich zu engagieren. Das Feuerwerk medialer Ablenkung durch immer neue virtuelle Events wird nur vorübergehend wirksam sein, solange die Krise noch nicht an ihrem Tiefpunkt angekommen ist. Aähnlich wie „Brot und Spiele“ vor dem Untergang Roms. Der mediale Brei kann die spirituelle Leere, , die sich in den Wachstums-Gesellschaften breitmacht, immer weniger verdecken.

Die Neuerfindung des „nachhaltigen“ Kapitalismus („Wirtschaft & Klima ohne Krise“) braucht einen neuen Kult: Die Ausrufung „des menschlichen Lebens an sich“ als höchstes Glaubensziel.

Allerdings hat diese Ideologie außer einer gewaltigen Ankurbelung einer digital-medikalisierten-grünen Wirtschaft nicht viel zu bieten: an Werten, an Sinn oder an Zukunftsperspektiven. Ihr fehlt eine Vision, die Menschen in Handlungsprozesse ziehen würde, die evolutionäre Chancen für für unsere Spezies eröffneten.

Was ist gesund?

Vor sehr langer Zeit galt jemand als gesund, wenn sie oder er keine Schamanen, Hexen, Quacksalber oder Kräuter-Männlein aufsuchen musste.

In der Antike nannte man einen beweglichen Körper (und den mit ihm verbundenen Geist) „gesund“, wenn er fähig sei zu

  • „schwerer Bewegung“ (Bewältigung großer Belastungen), und gleichermaßen zu
  • „leichter Bewegung“ (Müheloser, schwebender Eleganz tänzerischer Anmut) (Fehr1979)

Gesundheit war das Ergebnis sinnvollen Verhaltens und förderlicher Umstände. Aus dieser Lebensphilosophie entwickelte sich allmählich die Medizin. Als eine Form des Nachsinnen, um durch kluges Verhalten den Ausgleich und die Mitte zu finden. (lat. meditatio, medius, altgriechisch: μέδομαι medomai). Die Medizinphilosoph:innen betonten so die Harmonie körperlicher Funktionen (Mehr).

Während sich in dieser Zeit Religionen um das „Heil von Seele und Geist“ sorgten, begannen erste Wissenschafts-Philosoph:innen Alt-bekanntes zu hinter-fragen, fröhlich zu forschen und nachzudenken.

Erst vor einem halben Jahrhundert rückten Gesundheitsziele in den Vordergrund. Gesundheit sollte nun (staatlich gefördert) durch geeignetes Verhalten angeregt und durch schützende Verhältnisse gefördert werden. Zugleich sollten die Praxen und Kliniken durch wirksame und überprüfbare Therapien die Krankheitslast senken. Auch diese Zeit ist vergangen.

Heute gilt es als gesund, wenn bestimmte Labortests günstig ausfallen, und verordnete Medizinprodukte konsumiert werden. Persönliche oder gesellschaftliche „Gesundheitsziele“ sind kaum noch erkennbar, oder gar nicht mehr.

Gesundheits-Kult

Wie jedes ideologische System bringt auch der Gesundheits-Kult einen Strauß von Ritualen, Dogmen, Regeln und Gesetzen mit sich, deren Einhaltung durchgesetzt und erzwungen werden muss. Und ebenso wie bei anderen Kulten, wird er ergänzt durch den Kampf gegen Bedrohungen, Geister, unsichtbare Bedrohungen, Ungläubige und Feinde.

„Der Krieg hat sich geändert: Interne Dokumente der amerikanischen Gesundheitsbehörde verlangen neue Kommunikation,“ (u.a. weil die Delta Variante auch von Geimpften verbreitet werde). “ ‘The war has changed’: Internal CDC document urges new messaging.“

The Washington Post 30.07.2021

Scan: Dt. Ärzteblatt 26.07.2021, 118(29-30): B1180

Das Ambiente der Zelebrierung einprägsamer Rituale ist Teil der Wirkung.

Die Wirkung der Art der Anwendung einer Heil-Methode wird meist unterschätzt. Sie kann (z.B. bei der Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebenstagen) besonders stark sein und die Wirkung spezifischer Effekte (die auf den Bestandteilen des Arzneimittels beruhen, das die Mutter verabreicht) übertreffen. Später sind es die nicht-spezifischen Effekte der Arzt-Patient-Beziehung, die das Immunssystem stark beeinflussen.

Man sollte sie besser Systemeffekte nennen, da sie alle Körper-Zellen einbeziehen. Die Fähigkeit zur Beruhigung von Organfunktionen ist säugetiertypisch. Bei Menschen sind sie besonders stark ausgeprägt, weil wir uns ein ferne Zukunft ausmalen können. Systemeffekte beruhen auf der unbeussten Auslösung eines Sicherheitsgefühls: z.B. aufgrund des Vertrauens auf die Kompetenz und das Wohlwollen der Ärzt:innen (oder Schaman:innen oder Priester:innen): Durch ihr heilsames Handeln werde es wieder gut sein.

Mehr

Für die Auslösung solcher Effekte (die den spezifischen Effekt der Wirksubstanz begleiten) ist es tatsächlich nötig, dass der Arzt auf dem Bild des Ärzteblattartikels wirklich ein „Halbgott in Weiß“ ist, und nicht (gespielt von einer Hilfkraft) nur so ausschaut.

Die Handlung (das Pieksen) könnte jeder Angelernte ausführen. Eigentlich benötigte man Ärzt:innen hier nur zur Aufklärung und in der Rufbereitschaft, falls es zu plötzlichen schwere Nebenwirkungen kommen sollte. Für ärztlich-aufklärende Gespräche wäre aber kein weißer Kittel erforderlich. Und sie finden oft ohnehin nicht statt, weil es für die Einwilligung ausreicht anzukreuzen, dass man den Aufklärungszettel des „Grünen Kreuzes“ gelesen habe.

Trotzdem ist es ein Arzt, der an einem geweihten Ort ein Ritual durchführt. Denn bei Heilritualen ist es erforderlich, dass sowohl Anwender und Patient während der Handlung (unbewusst) an die starke spezifische Wirkung der Intervention glauben (und diese Gewissheit auch unbewusst durch Körperhaltung, Gestik und Mimik zweifelsfrei vermitteln). Heilrituale gehören daher immer „in hochkompetente Hände“.

Alles hoch-spezifisch wirkende (wie z.B. ein hochgereinigter Impfstoff mit mRNA, die in pygelierten Nanopartikeln verpackt ist) muss zwangsläufig auch nicht-spezifische Nebenwirkungen auslösen. Folglich werden der Pieks-Schmerz, die kleine Schwellung Arm, anschließende Müdigkeit oder gar Grippe, und selbst ernstere Erscheinungen, als sinnlich wahrnehmbar-einprägsame Signale der erwünschten spezifischen Wirkung interpretiert. Denn sie würden nicht auftreten, wenn nur eine Handcreme aufgetragen worden wäre. Man muss also unbedingt der ärztlichen Kunst vertrauen, um sich nicht um den Erfolg des Pieksens zu sorgen, wenn keine Nebenwirkungen wahrgenommen wurden.

Sünde muss bestraft werden

Rituale nehmen Ängste. Auch die, die zuvorbewusst (von anderen) erzeugt wurden. Sie wirken um so besser, je stärker der Psyche der Betroffenen leidet. Deshalb treten viele Religionen und Kulte auf die Spaßbremse. Denn es ist günstig, die Gläubigen erst in Hölle führen, bevor man sie mit „dem Paradies“ locken kann (Missions-Weisheit aus Tansania 1982)

Fröhlichkeit und Lebenslust sind den meisten Kulten suspekt. Vieles gilt als sündig, wonach eigene Bedürfnisse spontan verlangen würden. Auch die Ur-Religion des Kapitals, der Protestantismus war schon ziemlich freudlos. (Weber 1904/2010)

Der neue Gesundheits-Kult befördert das Angst-Gefühl. Andere menschentypische Gefühle (wie Neugier, Überraschung, Freude) sind ihm suspekt und werden wenn nötig verdrängt. Denn wer nicht neugierig fragt, wird auch nicht selber-denken.

Angst wird allerdings schnell verdrängt, weil sie als unerträglich empfunden wird. Und wenn das nicht gelingt, schlägt sie um in primitivere Reaktionsweisen wie Stress oder Panik. Politik und Marketing, die mit Angst jonglieren, versuchen daher die Angst stetig auf einem gerade noch erträglichen Niveau zu erhalten. Und das gelingt professionellen Expert:innen zunehmend perfekt durch

  • Propaganda (regelmäßige Wiederholungen und Einzelinformations-Verwirrung),
  • ständige Entdeckung immer neuer Gefahren,
  • Lobeshymnen auf Produkte und rituelle Handlungen, die vorübergehende Sicherheit-Illusionen bieten.

Was tun, wenn der Glaube trotzdem schwächelt?

Wenn ein großer Teil der Bevölkerung durch den neuen Kult nicht erreicht wird, ist der langfristige Erfolg des Glaubenssystems gefährdet.

So vermutete der bayrische Minister Hubert Aiwanger, 20% der Bayern würden sich nicht gegen Corona impfen lassen. Bei propagierten dritten Impfung gegen die Delta-Variante würden es sicher noch mehr sein. Und weil er diese Wähler:innen nicht verlieren wolle, lasse er sich auch nicht impfen. (RKZ 29.07.2021). Sein Ministerpräsident war fassungslos, konnte ihn aber als Koalitionspartner vor der Wahl nicht herauswerfen. In der Schweiz vermuten einige, die Zahl der Covid-Impfverweigerer könne bei 25% liegen. (NZZ 29.07.2021) Wenn es aber so viele sind, die nicht glauben wollen, wie soll dann dieser Glaube (dem eine Vision fehlt) die zunehmen gespaltenen Gesellschaften in der größten Fundamentalkrise seit dem 2. Weltkrieg zusammenhalten?

In Frankreich blieben mehr als 60% der Menschen der letzten Wahl fern, weil sie denen, die über sie bestimmen, offenbar nicht mehr vertrauen. Wenn aber selbst mit der medialen macht des Gesundheits-Kultes gelingt, die Herzen der Menschen zu erobern, bleibt dann nur das Mittel der Repression, damit ein Volk nicht auseinanderläuft oder rebelliert?

Zumindest Charlie Hebdo zweifelt am langfristigen Erfolg dieser Strategie:

Scan aus Charlie Hebdo 21.07.2021: „Impfausweis, schnell! Frankreich in der Diktatur, dieses Mal sind wir drin.“

Ganz so schlimm sei es noch nicht, schreibt der Kommentator Gérard Biard in der gleichen Ausgabe des Charlie Hebdo. Denn in der Zeitung Figaro habe er am 13.07. gelesen, dass in Frankreich weiterhin die Religionsfreiheit gelte. Wenn man also einer anderen als der Gesundheitsreligion anhänge, seien deren Kulte natürlich durch die Verfassung geschützt, und am dürfe daher auch weiterhin den Messwein (ohne Impfpass) schlürfen.

Mehr

Literatur

  • Fehr B: Bewegungsweisen und Verhaltensideale. Moreland Editions, Bad Bramstedt 1979
  • Weber M: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Hrsg. Kaesler D Beck, München 2010

Gesundheits-Religion oder Tianxia?

Das Wesentliche:

Der chinesische Philosoph Zhao Tinyang hält die Mittelmeer-Religionen für sterbenskrank. In China dagegen entstehe eine neues Wertesystem auf der Grundlage 3.000 Jahre alter chinesischer Philosophie. Sein wiederbelebtes Konzept heißt „Tianxia“: Welt-Innenpolitik.

Im amerikanisch-europäischen „Westen“ entwickelt sich zeitgleich ein Gemisch aus „Wissenschaftskult- und Gesundheits-Religion“. Das Befolgen strenger Regeln und Ritualen. Diese Ersatzreligion soll die Menschen hoffen lassen, dass es besser werde, oder wenigstens so bleibe wie es ist (Gesundheitsminister Spahn, 26.07.2020).

Allerdings sind „im Westen“ Wissenschaft-Hierarchien und Finanz-Kapital dem „gesunden Moralsystem“ übergeordnet. Die neuen Werte dienen Interessen. Das schwächt ihre Glaubwürdigkeit.

Bei Tianxia dagegen soll die (konfuzianische) Moral bestimmend sein.

… Die Bürger vertrauen der Regierung weitgehend – sie respektieren alles, was von oben kommt, sie halten sich an die Vorschriften, sie mucken nicht auf, zumindest nicht öffentlich. … Umgekehrt .. vertraut die Regierung den eigenen Bürgern kaum. Sie kommuniziert nicht offen, ihre harten Maßnahmen werden nicht klar begründet. … Man scheint davon auszugehen, dass die Leute nur dann verantwortungsvoll handeln werden, wenn man sie wie Primarschüler behandelt. … das Vertrauen der Bürger in die Regierung ist auch der Not geschuldet – sprich: der Angst. … Wir haben im Zeichen von Sars-CoV-2 noch keine Herden-Immunität erreicht, wohl aber kurzfristig eine Herden-Mentalität! … Aber diese Art des Konformismus wird auch wieder abnehmen, Anzeichen dafür gibt es bereits. …“ Interview O. Zimmer, NZZ

Gesundheit als höchstes Staatsziel.

In der Covid-19-Krise wurde „Gesundheit“ zum wichtigsten moralischen Wert überhöht. Alle anderen gesellschaftlichen Bereiche (Wirtschaft, Kultur, Recht u.v.a.) mussten sich unterordnen. Und es soll auch künftig nötig sein, „uneinsichtige Menschen“ zu ihrem Glück zu zwingen.

Heute gilt als „gesund“, wenn ausgewählte Krankheiten erfolgreich durch Produkte oder Dienstleistungen bekämpft werden konnten.

Früher schien jemand gesund zu sein, wenn sie, oder er, trotz Belastungen, weder Gesundheitsprodukte kaufen noch einen Arzt rufen mussten. Jetzt werden dagegen, um Virus-Epidemien vorzubeugen, technische Lösungen angestrebt. Veränderungen der Verhältnisse und sicher-gesund-flexibles Verhalten spielen kaum noch eine Rolle. (Ottawa Charta 1988)

Die Übernahme der Macht durch „Doktor*innen oder Kommissar*innen der Volksgesundheit“ wäre der folgerichtige Höhepunkt der bereits erfolgten Medikalisierung aller Lebensbereiche, durch stetig und krisenstabil wachsende Marktangebote. (Nefiodow 2020)

Noch vor 250 Jahren musste ein Kapitän alle Ärzte von Bord weisen, um eine Seuche erfolgreich behandeln zu können (Cook 1776) – Nun träumen einige Mediziner*innen von der Übernahme des Kommandos. Um dem Kurs der quasi-religiöse, linearen-monokausalen Kriegsmedizin des 19. Jahrhunderts zu folgen, und in die Vision der „post-humanen“ Algorithmen-Herrschaft zu segeln (s.u.)

Die Religionen, die über Jahrtausende den gesellschaftlichen Takt vorgegeben haben, wurden in der Moderne schrittweise ersetzt durch Formate, die uns rationaler erscheinen. … jetzt kommen Corona und die Virologie ins Spiel. Der Mensch ist nun doch ein komplexes Lebewesen, das seine Lebensbedingungen nicht unter Kontrolle hat. Aber statt den Kontrollverlust zu nutzen und zu fragen, welches Menschen- und Weltbild wäre denn wirklich dem heutigen Wissen angemessen, springen wir auf den nächsten Zug auf. Die Virologie wird mit der Epidemiologie und damit mit Computersimulationen aufgerufen, den Menschen als Virusträger zu entziffern. Simulationen, Hochrechnungen und Statistiken sind unsere neue Religion und sollen uns jetzt endlich von der menschlichen Freiheit entlasten. Sie gaukeln uns vor, wir könnten die Zukunft vorhersagen und kontrollieren, können wir aber nicht. Markus Gabriel. Fokus 29.05.2020

Das ur-alte chinesischen Bild des Hirten (die konfuzianische Hierarchie), die den Ochsen (das Kapital) am Nasenring führt. Bild: Tuschezeichnung, um 1955, Künstler unbekannt, Privatbesitz

Neo-Konfuzianismus in China: Jetzt auch im Westen?

Visionen von „Gesundheitsdiktaturen“, deren Anweisungen gläubig und willig gefolgt wird, erinnern mich an die Renaissance des Neo-Konfuzianismus in China.

Die chinesische Führung reagierte auf die Covid-19-Epidemie sehr konsequent. Ihr ging es offenbar weniger um die Bedrohung durch „ein Virus“, als um die Chance das neo-konfuzianische Staatsmodell zu festigen. Man definierte (und überhöhte) einen starken, äußeren Feind. Und verdrängte zugleich andere Faktoren, die Atemwegsinfektionen begünstigten, und für den Ausbruch mitverantwortlich waren (u.a. die Luftqualität in Wuhan).

Im so ausgerufenen (scheinbaren) Krieg wurden die Freiheitsrechte radikal eingeschränkt, und in kurzer Zeit eine perfekte Überwachung und lückenlose Kontrolle der gesamten Bevölkerung etabliert. Die Hierarchie des Parteiapparates erwies sich als leistungsstark, und der chinesische Kapitalismus musste sich unterordnen. Das chinesische Gemisch aus konfuzianisch-geprägter Staatsmacht, und dem am Nasenring geführten Ochsen (Kapital) scheint aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Einige sprechen schon von einer Trendwende zum „Asiatischen Zeitalter“ (GFP 26.05.2020)

Das chinesische Modell der neo-konfuzianischen Kontrolle des Kapitalismus strahlt nicht nur auf Nord-Korea, Vietnam und Laos, deren Staatssysteme dem Chinas ähneln. Es könnte darüber hinaus auch an Attraktivität gewinnen in den wirtschaftsstarken, semi-autonomen Regionen von Hongkong und Taiwan, die (noch) erheblich vom „westlichen Kapital“ beeinflusst werden. Aber auch in Ländern, denen konfuzianische Moral nicht fremd ist, deren politische Eliten aber nach westlichem Vorbild vom Kapitalismus dominiert werden: Japan, Taiwan, Hongkong, Thailand, Süd-Korea.

Wenn sich das neokonfuzianische Modell als erfolgsversprechend herausstellen sollte, könnte es die Welt beherrschen.

Denn „der Westen“ hat nichts Vergleichbares zu bieten. In „westlichen Industriegesellschaften“ wird die Staatsmoral vom Finanzsystem beherrscht. Die Politik erscheint folglich oft als korrupt oder korrumpierbar. Sie kann „das Volk“ (ohne Werte- und Moralsystem) nicht mehr durch ein übergeordnetes, allgemein akzeptiertes Wertesystem zusammenhalten. Daher entsteht jetzt der Versuch auch im „Westen“ den Konfuzianismus im Rahmen „einer (vorübergehenden?) „Gesundheits-Religion“ nachzuäffen:

Wie im Konfuzianismus werden in der Gesundheits-Notstands-Regierung Kontroll-Rituale zelebriert. Unbewusst wird dabei die Kernaussage des Konfuzius übernommen:

Es sei unbedeutend, ob es ein abstraktes Konzept (tatsächlich) „gibt“ (Wahrheit, Gott, Geist …) – Wichtig sei allein, sich (sehr streng) so zu verhalten, „als ob“ es eine solche Vorstellung tatsächlich „gäbe“. Und darauf zu achten, dass die (in frommen Glauben ausgeführten) Rituale wirksam „seien“. (Littlejohn 2007)

Zum Beispiel wäre es aus konfuzianischer Sicht völlig unerheblich, ob Atemschutzmasken beim Einkaufen wirklich vor „Grippeviren“ schützen, und auch die Untersuchungen, warum sie das nicht tun, interessieren nicht. (Bin-Reza 2012) Nötig ist es nur, das die Betroffenen ihre Angst behalten. Dass sie glauben, Fehlverhalten schade. Und dass man daher das tue, was man solle.

Es drängen sich noch weitere Ähnlichkeiten zwischen Gesundheits-Notstand und Neo-Konfuzianismus auf, bei der Kinder- und Frauen-Feindlichkeit, der Ordnungsamts-Strenge, den schmerzhaft-einprägsamen Ritualen uva. – Emotion, Spaß, Liebe, Spiel, Lachen – all das hat angesichts ernsthafter Frömmigkeit keine Bedeutung.

„Die chinesische Führung setzt auf die Akzeptanz der Bevölkerung für digitale Überwachung … Das Recht zu leben gibt es zum Preis einer totalen Transparenz im Privaten.“
Milcent C: Chinas Corona Chroniken. Le Monde Diplo Juni 2020

Niedergang und Wiederaufstieg des Konfuzianismus

Aufgehender Mond. Eingescannt aus „Chinesische Holzschnitte“. Inselbücherei, Leipzig 1954. Künstler dort nicht genannt

China war im Mittelalter dem Westen eigentlich weit überlegen.

Aber Kontrolliertheit und das Einzwängen in ein starres Korsett rituell-festgeschriebenen Handelns führte es in die Stagnation. Es ließ dem Westen den Freiraum für katholisch-gesegnete Kolonialeroberungen und den von protestantischen Gebeten inspirierten Kapitalismus.

Der Konfuzianismus wurde in China zum wesentlichen Entwicklungs-Hemmnis. Er erstickte die Gesellschaft mit sinnentleerter Bürokratie.

Erst nachdem die alten Strukturen (durch die „Kultur“-Revolution) komplett zerschlagen werden, konnte der Konfuzianismus neu entdeckt werden. Und schließlich als einzigartiges Modell einer Machtsäule neben Staat und Wirtschaft wiedererstehen. Für einen Konfuzianer ist es völlig belanglos, ob sich die KPCh „kommunistisch“ nennt. Wichtig ist nur, dass ein straff organisierter Beamtenapparat den parallel organisierten Staat und das Kapital beherrscht.

Im Westen zerfällt der moralische-protestantische Werte-Überbau gerade. Der moral-, wert-, sinn- und geist-lose Kapitalismus des westlichen Imperiums hat die Macht an sich gerissen, und zeigt sich mit einigen aggressiv-unkalkulierbar-bösartigen Fratzen an der Spitze. Die verbleibenden Religionen des Westens wirken demgegenüber zunehmend zahnlos.

Gesundheit als Neo-Religion?

Es ist also nicht verwunderlich, wenn einige (beflügelt durch die Covid-19-Krise) daran arbeiten, eine neue „Neue Normalität“ zu errichten. Getrieben von der Illusion so, durch Überhöhung von „Gesundheit“, den „Westen“ wieder moralisch aufzurüsten.

Allerdings sind die konfuzianischen Rituale nicht ganz so einfach übertragbar, wie es scheint. In Asien sind sie seit mehr als 2.500 Jahre etabliert. Sie werden dort von vielen geglaubt. Der Konfuzianismus ist in Asien, besonders in der selbst-disziplinierenden Variante des Mengzi, eine der erfolgreichsten Religionen. Durch seine Wiedererweckung in China vermitteln die Führer moralische Werte. Die Chance ist deshalb groß, dass dort die Massen folgen, und die Zweifler kontrollieren werden.

So aber, wie in Asien, wurden die westlichen Bevölkerungen nicht sozialisiert. Man glaubt hier nur vorübergehend an etwas Neues, solange man Angst hat. Die aber vergeht, auch wenn sie immer wieder neu erzeugt wird. Auch ein zeitlich unbegrenztes Tragen von albernen Doppelkinn-Schonern wird daran nichts ändern. Irgendwann wird man „Angst-Wahrheiten“ verdrängen, ignorieren oder verlachen.

Ein ganz anderer Grund ist, dass „Gesundheit“ im Westen kapitalistisch-gewinn-maximierend bestimmt wird. Das ist aber der „Gesundheit“ oft nicht zuträglich. Also könnten sich viele Patient*innen übersättigt und durch Gesundheitsprodukte beherrscht fühlen. So dass dann der Bedarf zunähme, sich so zu verhalten, dass man dem Gesundheitsmarkt möglichst aus dem Weg geht, in dem man einfach gesund lebt.

Wer durch Ausübung der Moral seinen Staat regiert, was für Schwierigkeiten könnte der haben? Wer aber nicht durch Ausübung der Moral den Staat regiert, was nützt dem die Moral? Zitat aus Konfuzius (Kung-Fu-Tse) Gespräche (Lun Yü): Übersetzung Richard Wilhelm, Deutscher Bücherbund 1954:

Chinas Wiedergeburt

Im 20. Jahrhundert zerfiel chinesisches Denken in tausend Stücke. Mao Tse Tung war vielleicht kein großer Philosoph, und auch kein langfristig erfolgreicher Religionsgründer. Aber unter seiner Führung wurde „das Alte“ konsequent zerschlagen, ohne sich sofort (wie in Hong Kong, Taiwan und Süd-Korea) mit „dem Fremden“ (dem westlichen Kapitalismus) zu vereinen. Stattdessen entstand in den Trümmern der Kultur ein Freiraum, der zur Selbstbesinnung zwang. Ohne das militärisch-hierarchisch organisierte Beamtentum der Partei zu gefährden, konnten die westlichen Errungenschaften des Kapitalismus rezipiert werden. Das ebenfalls westliche Konzept des „Kommunismus“ wurde dafür problemlos abgelegt.

China saugte, wie ein Schwamm, alles Wissen des Westens auf, und kopierte es. Alles was so von außen eindrangt, wurde aus dem Schwamm ausgepresst und in einem riesigen Kochtopf eingerührt, in dem (der fast vergessene) Rest einer uralten Suppe vor sich hin köchelte und einen würzigen Bodensatz bildete. Jetzt, im 21. Jahrhundert, wandelt sich die Suppe, für den Westen völlig überraschend und erschreckend, und bildet eine völlig neue Geschmacksrichtung aus.

Das gab es schon einmal in China: Vor 1.500 wurden die indischen Nichts-Philosophien aufgesogen: Ghandara-Buddhismus, Jain und Yoga in vielen verschiedenen Varianten. Konfuzianismus und Daoismus wurden scheinbar verdrängt. Einige hundert Jahre später wurden die Fremdlinge wieder vertrieben. Denn China hatte ihre Ideen gemeinsam mit den alten ursprünglichen Philosophien und in qualitativ völlig Neues verwandelt: in Chan (Ch’an, jap. Zen) und die Wudang-Kampfkünste.

Es wäre sicher zu einfach, die jetzige Rückbesinnung auf die alte Stärke Chinas als „Neo-Konfuzianismus“ zu bezeichnen, so als wende sich der chinesische Drache nur konservativ zurück.

Zwar gründet die neue chinesische Staats-Religion auf dem Kernelement des Konfuzianismus: Das es belanglos sei, ob es eine „dogmatische Wahrheit“ tatsächlich „gibt“, solange die Rituale so ausgeführt werden, „als ob“ es diese Wahrheit „gäbe“.

Es gibt aber Anzeichen dafür, das im Zusammenbruch der alten Weltwirtschaftsordnung in China ein fruchtbarer Humus entstanden sein könnte, aus dem vielleicht bisher unbekannte Pflanzen wachsen werden. Zum Beispiel hat der chinesischen Philosoph Zahao Tinyang (s.u.) den alten Begriff „Tianxia“ ausgegraben.

Tinaxia bedeutet „Land unter dem Himmel“ oder einfach „die ganze Welt“. Das Schriftzeichen symbolisiert eine Summe aller Teilsysteme, deren Erkennen jede Trennung in „Innen und Außen“ ad absurdum führt. Das westliche Denken, das nach einem wahren Endpunkt suche, veröde, weil ihm die Moral abhandengekommen sei. Und auch deshalb, weil es unnötige Energie in immer neue lineare Bekämpfungs-Strategien von „Heiden“ verschwende, und sich in der Gier des Fortschrittsglaubens erschöpfe. Längst überfällig sei dagegen integrierendes System-Handeln. In China könne es erwachsen. (Littlejohn 2007)

Nachäffen

Konfuzianische Moral und Sitte könnten zwar (formal und scheinbar) problemlos im Rahmen der Errichtung einer „westlichen Gesundheitsdiktatur“ kopiert werden. Michel Foucault ahnte diese Strategie voraus. Er bezeichnete „die Bannung der Pest“ als „Traum einer disziplinierten Gesellschaft“.

Allerdings beruht die aufkeimende „Gesundheits-Religion des Westens“, die einige bereits „Neue Normalität“ nennen, auf der wesentlich älteren Religion des linearen Denkens. Seit der neolithischen Bewusstseins-Revolution muss immer (wieder) irgendetwas einzelnes, von anderem getrenntes „isoliert, bekämpft und ausgerottet“ werden, damit das eigene unbegrenzt weiter wachsen kann. Nur auf der Basis dieses Glaubens lassen sich, im Rahmen angst-verursachter „Problem-Löse-Trancen“ Gesundheits-Produkte und Krankheits-Dienstleistungen massenweise verkaufen. Solange bis die Blase endloser Medikalisierung einmal platzen wird.

Mir kommt (das sich ankündigende westliche) „Gesundheits-Religionssystem“ gegenüber dem, was gerade an geistiger Erneuerung in Asien geschieht, ziemlich lächerlich vor.

Die Welt unter dem Aspekt des Tanxia zu begreifen, bedeutet, die Welt als Ganzes zum gedanklichen Ausgangspunkt der Analyse zu machen … Das bedeutet, Weltpolitik muss unter einem größeren Gesichtswinkel, als dem des Staates verstanden werden. Die Welt als Ganzes muss als Maßstab der Definition politischer Ordnung und politischer Legitimität dienen. Zhao Tingyang 2016, Suhrkamp 2020

Mehr

Religion

Algorithmen

China

Literatur

Letzte Aktualisierung: 16.08.2021