Religion

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Dietrich Bonhoeffer

Religiöse Vorstellungen kommen bei Tieren nicht vor. Sie müssen sich im Rahmen der menschlichen Evolution entwickelt und zu Überlebensvorteilen geführt haben. Möglicherweise stabilisierten sie den Zusammenhalt immer größerer sozialer Gruppen. Und senkten das Risiko für Gewaltakte innerhalb des Sozialverbandes. (Boyer 2002, 2008).

Uroborus: Die Schlange des ewigen Werdens und Vergehens

Schon vor 40.000 Jahren konnten sich Neandertaler und ihre afrikanischen Zuwanderer (Homo sapiens) bei ihren  Beerdigungszeremonien vorstellen, dass sich hinter der sichtbaren Welt eine weitere verbergen könnte. Warum sonst hätten sie sich um einen Verstorbenen kümmern sollen?

Menschen unterscheiden sich besonders von anderen Lebewesen durch ihre Fähigkeit, liebevolle Beziehungen einzugehen (Maturana 1996).  Dafür spricht auch, dass in Tests zum allgemeinen Denkvermögen und Erfassen von Situationen Schimpansen genauso gut abschneiden wie Kleinkinder. Ihnen fehlen allerdings Sozialkompetenzen, die bei Menschen bereits sehr früh auftreten (de Waal 2015): Schon einjährige Kinder erfassen intuitiv, was jemand denkt, wünscht oder plant, und handeln entsprechend.

Menschen sind zu intensiven Bindungen fähig, die auch dann stabil bleiben, wenn sie sich längere Zeit, vielleicht sogar Wochen oder Monate, nicht sehen. Dieses Verhaltensmuster wird unter anderem von dem Hormon Oxytocin geprägt, das u.v.a. die zwischen-leibliche Verbindung zwischen Mutter und Neugeborenem vermittelt. Aber auch nach dem Sex wird Oxytocin ausgeschüttet: wenn Paare nach einem Orgasmus in liebevoller Umarmung einschlafen. Und auch Dopamin ist wichtig für Bindungsverhalten. Dopamin vermittelt ein Belohnungs-Gefühl bevor eine Leistung erbracht wurde, von der erwartet wird, das sie zu einer Bedarfsbefriedigung führen wird. Was Lebewesen beglückt, ist also nicht die Erfüllung eines Bedürfnisses, sondern die Vorstellung ein beglückenden Zukunft. Bei Menschen kann die Dopamin-Ausschüttung schon durch die Vorstellung eines – nicht gegenwärtigen – geliebten Menschen aktiviert werden. (Saploski 2011)

Allein ein inneres Bild eines „angebeteten“ Menschen verleiht Kräfte, die „Berge versetzen“ können (Chapais 2013). Diese grandiose Leistungsfähigkeit scheint im menschlichen Gehirn stabil und kultur-unabhängig angelegt zu sein (Porges 2007, Tomasello 2008).

Es ist nur ein kleiner Schritt von der Vorstellung, dass ein Geliebter weit entfernt kämpft und mit reicher Beute zurückkehren wird, zu dem Glauben, dass auch der verstorbene Stammesfürst nun in ewigen Jagdgründen umherstreift und sich weiterhin um seine Sippe sorgt. Zumal er den Ur-menschen weiterhin in Träumen oder verklärten Geisteszuständen erschien und sprach, ermahnte und drohte.

Besonders begabte Menschen konnten als Schamaninn/en, Zauberer oder Heilerinn/en das Unsichtbare deutlich erkennen und deuten, und – wenn nötig – die Stimmen der längst Verstorbenen auch in sich selbst aufrufen. Wir würden solche Menschen heute vielleicht als psychisch labil bezeichnen. Berauscht von Pilzen, Räucherwerk und Trommeln waren sie von mystischen Kräften besessen, und konnten, noch besser als die weniger Trance- Begabten, mit den Ahnen und Geistern in Kontakt traten. (s. Wahnsinn)

Die ersten klar erkennbaren Göttinnen und Götter

Seit 30.000 Jahren erschufen Menschen weibliche und männliche Idole und Tiergestalten, die ihnen möglicherweise heilig waren, oder die dazu dienen sollten, das nicht sichtbare zu beschwören. Die ersten durch bleibende Zeugnisse eindeutig identifizierbaren Göttinnen und Götter sind aber nur 10.000 Jahre alt.

Möglicherweise lohnte es sich erst für sesshafte Bauern, einer verstorbenen Stammesmutter oder einem großen Krieger einen bleibenden Grabhügel (Zikkurrat) zu errichten, dessen Geist dann die Bewirtschaftung der umliegenden Felder beaufsichtigte. Erst dann entstand die Notwendigkeit, Symbole zu erfinden, Altäre zu errichten und Opfergaben zu erbringen.

Die vielleicht älteste Göttin, die in den ersten Städten in Anatolien (Katalhöyük, und ggf. zeitgleich in Armenien) verehrt wurde, lebt bis heute als „Mutter Gottes“ unter wechselnden Namen: Kybele, Isis, Mater ideae, Maria uva.

Im ersten großen Epos der Menschheit wird die Zivilisierung des Tier-Mannes durch die Frau beschrieben: Gilgamesh um 2.000 v.u.U. Und weiter die beginnende Epoche der Zerstörung der Natur zur Festigung menschlicher Macht. Und schließlich die endgültige Beseitigung des Eros-Herrschaft durch einen immer gott-ähnlicheren Fürsten.

Im zweiten Teil des Epos geht es dann um das Ende des „ewigen“ Kreislaufes von Werden und Vergehen. Um die Geburt einer linearen Vorstellung von einem einzigartigen Leben, das beginnt und wieder endet: Es sei denn, man fände als besonders Mächtiger ein Schlupfloch und würde (wie Gilgamesh) selbst „göttlich“.

Spätere Schöpfungsmythen (Enuma Elish u.a. um 1.700 v.u.Z.) erschufen sich starke einheitliche Volks- oder Staatsgötter, die sich den Lebenden als von Gott besessene Fürsten zeigten, durch deren Münder Gott direkt sprach und Gesetze diktierte (u.a. Hammurapi).

Sich als Auserwählte auf der Seite des jeweils stärksten Stadt-Gottes zu wähnen, brachte den ersten, blutrünstigen Staaten der Menschheit entscheidende Vorteile im Kampf mit räuberischen Nomaden, deren Götter schwächer zu sein schienen. Das starke Gemeinschaftsgefühl der Städter, die ihren allmächtigen Gott auf ihrer Seite wussten, garantierte, dass für die höhere Wahrheit alle persönlichen Interessen untergeordnet wurden.

Wenn ein großer Mann oder eine wichtige Frau starben, wurden sie zu Halb-göttern ernannt. Daher wimmelten nach wenigen Jahrtausenden in den polytheistischer Religionen zahllose Wesen, die den Menschen übergeordnet waren, sich aber allesamt sehr menschenähnlich verhielten, und die sich von ihren fernen Instanzen ständig – und oft auch launisch, bösartig und willkürlich – in das Leben auf der Erde einmischten.

Modere Religionen sind dreitausend Jahre jung

Der kleine Fisch fragte : ‚Ich habe immer vom Meer gehört, aber was ist das, dieses Meer? Und wo ist es?‘ Und die Fischkönigin antwortete: ‚Du lebst, bewegst dich und hast dein Sein im Meer. Das Meer ist in dir und außerhalb deiner, du bist aus Meer gemacht, und du wirst im Meere enden. Das Meer umgibt dich als dein eigenes Wesen.‘“ Inayat Khan

Das modernes religiöses Weltbild ist linear mit einem starkem Ich, das sich entschieden kann zwischen Gut und Böse. 

Die ersten modernen Religionen räumten auf mit dem Chaos der inneren Stimmen von Gottheiten, die immer wieder von den Menschen Besitz ergriffen und sie irrational lenkten. Sie vertrieben die Geister, Teufel und olympischen Machtgestalten, die ständig als innere Gewalten in Unwesen trieben. Die Menschen begannen sogar in Einzelfällen sich selbst erkennend, bewusster zu denken. Sie waren es manchmal sogar leid, von inneren unbewussten Mächten tyrannisiert zu werden: Odysseus z.B.

Religionen ersetzen die alten Besessenheit-Kulte durch ein neues „rationales“, allumfassendes Prinzip, das außerhalb der menschlichen Körper und Gehirne, die ganze Natur regierte und durchflutete.

Zustände der Besessenheit erforderten u.a. ein starkes Seitenhirn, in dem Stimmen gehört und erinnert wurden. Rationalität dagegen machte sich stärker breit, wenn die frontalen Anteile des Gehirns den Rest des Denkorgans beruhigten.

Von einer höheren Macht besessen sein, wurde nicht mehr toleriert, es sei denn in Ausnahmen bei bestimmten, anerkannten Propheten oder bei einem zweifelsfreien Sohn oder einer Inkarnation Gottes.

Der erste Religionsgründer war der Pharao Amenophis IV. (um 1340 v.u.Z.) der „in der Wahrheit lebte“ und sich Echen-Aton nannte (Nagib Machfus). Seine Ideen konnten sich damals noch nicht durchsetzen: Er wurde nach seinem Tod als Ketzer aus den Ahnenreihen der Pharaonen gestrichen. Aber offenbar erkannten Sklaven sehr unterschiedlicher ethnischer Herkunft, in Echan-Atons externem Gott eine vereinigende Kraft, die sie vielleicht drei- oder vierhundert Jahre später zu einer gemeinsamen Flucht befähigte. Damit war das Samenkorn gelegt, aus dem später die großen westlich-monotheistischen Religionen erwachsen sollten.

Der Gottesstaat in Persien

Die erste erfolgreiche Welt-Religion entstammt aus Baktrien, dem heutigen Afghanistan. Dort hatte vor dreitausend Jahren der Prediger Zarathustra gegen den willkürlichen Mithraskult gewettert, an den wir uns bis heute u.a. mit dem Tannenbaum erinnern. Den Besessenheits-Kulten setzte Zarathustra einen klaren, reinen, allmächtigen, gleichbleibend-guten Gott (Ahura Mazda) gegenüber und einem schwächeren, launischen, bösartigen Teufel (Ahriman). Der Mensch besäße, so behauptete er, in einem Spannungsfeld zwischen Gut und Böse die Entscheidungsfreiheit, sich entweder zur Wahrheit (zu Gott) oder zur Lüge (zum Teufel) zu bekennen.

Diese alte Geschichte begegnet uns bis heute in allen Hollywood-Streifen, und sie wird auch nach wie vor bei allen virtuellen oder realen  Kriegsritualen gepflegt. Der Wanderprediger Zarathustra wäre schnell vergessen worden, wenn nicht Kyros, ein persischer König die neue Ideologie benötigt hätte. Er musste sein Fürstentum mit dem der Meder vereinigen, und brauchte daher ein den volks-bezogenen Göttern übergeordnetes Konzept. Seine neue Staatsreligion glich der echenaton-monotheistischer Sklaven, die sich damals in der babylonischen Gefangenschaft befanden. Folglich wurde er von diesen, als er sie befreite, als gott-gesandter Erretter gefeiert. Persien mutierte aber erst eine Generation später unter Dareios I zum ersten wirklichen Gottesstaat der Menschheit. Möglicherweise deshalb, weil der ehemalige Offizier Dareios sich durch einen Mord an einem Sohn des Kyros hochgeputscht hatte, und sich anschließend mit Legitimationsproblemen herumschlagen musste. Er benötigte daher eine besonders starke Glaubeskonstruktion, um den Vielvölkerstaat, der im zugefallen war, auch zusammenzuhalten (Holland 2008).

Das erste heilige Riesenreich der Perser und Meder währte nur wenige hundert Jahre, bis es von Alexanders Armee zerschlagen wurde. Im Befreiungskampf gegen die (olympisch-dionysos-kybele-orientierten) Mazedonen und Griechen, und später gegen den kaiserlich-römischen Gesetzes-Staat, festigte sich dann der jüdische Glaube. Der christliche speiste sich später aus vielen Quellen: Nazarener, Mater deum, Dionysos, Mithras, Kyniker, Jain, Buddhismus, Keltisch-germanische-Kulte, uva. Und schließlich erwuchs auf dem Boden, den das schriftlich fixierte Judentum und das arianisch-monotheistische Ur-Christentum bereitet hatten, der Islam, der wieder „alles“ zusammenfasste und vereinheitlichte: Ethik, Gesetze, Regeln, Verhaltensvorschriften, Rituale und Wahrheiten.

Dunkelreligion
Clodwig Poth: Die dunkle Seite der Religion

Im Osten ging die Religion andere Wege.

„Ich bin nicht. Na und?“ D. Suzuki. Zen-Buddhist

Dem Brahmanismus (dem heutigen Hinduismus) gelang es, die verschiedensten Trance-Götter in ein all-umfassendes, alles vereinendes Konzept hinüber zu retten. Alles was ist oder erscheint oder sich unsichtbar bemerkbar macht, sei Teil eines großen Ganzen, in dem aber das einzelne weiterhin wiedergeboren wird.

Die logische Konsequenz dieser Vorstellung war  Jain, die lebensabgewandte Religion Mahatma Gandhis, die die unsterbliche Seele erfand, und sie missionierend nach Europa brachte. Und der ebenfalls negativ-leidensorientierte Buddhismus, der vorübergehend zur Staatsreligion indischer und griechischer Königreiche aufstieg, und der auch intensiv in Richtung Europa missionierte. Und schließlich harte die Logik des Vedanta durch Shankara, der klar erkannt zu haben glaubte, dass alles einfach und schlicht Nichts sei.

Die chinesischen Religionen benötigten keinen Gott. Der Konfuzianismus beließ dem einfachen Volk den Glauben an die Ahnen, Volks- und Vermittlungs-Gottheiten, solange sie sich dem großen ethischen Prinzip des guten Handelns unterwarfen. Und der chinesische Buddhismus, verwarf schließlich heiliges Geschwafel über die Nichtigkeit des Nichts und orientierte sich an der Lebens-praxis: Ch’an (jap. Zen).

Ein Mönch fragte Fuketsu: ‚Ohne zu sprechen, ohne zu Schweigen, wie kann man da die Wahrheit ausdrücken?‘ Fuketsu bemerkte: ‚Ich erinnere mich immer an den Frühling in Süd-China. Die Vögel singen inmitten unzähliger Arten duftender Blumen.‘

Der religiöse Daoismus, der u.a. auch kritisch-philosophische Wurzeln hat (Zhunangzi),  gab sich schließlich später der Mystik hin, mit alchemistischen und auch christlichen Einflüssen, die dazu verhelfen sollten das Ganze bewusst zu erkennen und zu erleben und möglichst lange (körperlich) zu erleben.

Der Nutzen der Religion

The truly adult view is that our life is as meaningful,
as full and as wonderful as we choose to make it.” Richard Dawkins

Religion schafft in Bereichen Sicherheit, die der normalen Wahrnehmung nicht zugänglich sind. A-Thesisten glauben, das dort wo wir nichts erkennen, auch nichts sei. Diese reduzierte Wirklichkeit ist für die meisten Menschen nicht besonders attraktiv, weil in unserer Realität  offensichtlich mehr komplexe Zusammenhänge und Dynamiken wirken, als in Experimenten messbar sind. Und auch, weil sich der wissenschaftlich beschreibbare Raum unseres Erkennens stetig erweitert. Wir sehen in immer kürzeren Abständen immer mehr, was wir vorher nicht erahnen konnten.

Glaubenssysteme sind deshalb für viele ein nützliches Symbol der Realität, wie sie sein könnte. Das erlaubt ihnen, im Einklang mit der vermuteten Wirklichkeit, etwas als „gut und wahr“ erkanntes zu tun, z.B. durch die Ausführung eines Rituals. Damit erreichen sie ein intensives Gefühl der Verbundenheit und glauben auch die nahe, oder auch eine sehr ferne Zukunft günstig beeinflussen zu können.

Gewahrsein: Verbundenheit erkennen und erleben (Enlightenment, Erleuchtung, Satori, …)

Es ist überprüfbar möglich, den Horizont des Wahrnehmbaren durch Training zu erweitern (Lutz 2007). Die Mystiker aller Religionsformen bemühen sich daher um körperliche Übungen, die zu messbaren Veränderungen der körperlichen und geistigen Fähigkeiten führen: durch Meditation, Gebete, Singen, Dehnen, meditative Bewegungen, konzentrierende Körpertrainings: uva. bei Yoga, Dao, Konfuzianismus, Sufi-Islam, christlicher Mystik, Zen, Buddhismus, tibetischem Tantra, …

„Lass dich das ist dein Bestes!“. Ekkehard, christlicher Mystiker

Das Ziel bewegter Philosophie-Religionen ist es, durch stetiges, ernsthaftes Üben körperlich-geistige Kompetenzen zu erwerben. Die es dann ermöglichen, mehr von der Realität zu erleben, als es Menschen möglich wäre, die es bei der Alltagserfahrung belassen oder medien-berieselt nur das nötigste erfahren wollen: die unmittelbare Bedarf-Befriedigung. Um das erleben zu können, muss man sich auf einen religiösen Übungsweg einlassen, um ihn lernend nachzuvollziehen und ihn, wenn er persönlich nützlich zu sein scheint, auch zu üben.

„Bewusstseinserweiterung“ gleicht den verschieden Arten wie Musik gehört werden kann: Man kann es bei dem engen Frequenzbereich eines PC Lautsprechers belassen, oder mehr hören auf einer Stereo-Anlage, oder in ein Konzert gehen, oder schließlich sein Ohr trainieren und selber singen und musizieren. Oder schließlich als Spitzenmusiker ein „absolutes Gehör“ entwickeln. Je nachdem wie intensiv geübt wird, verschiebt oder verengt sich die Grenze des Erlebbaren.

Die religiösen Bemühungen um „Bewusstseins-Erweiterungen“ müssten sich (eigentlich und prinzipiell) positiv auswirken können, vorausgesetzt Menschen seien grundsätzlich „gut“. Das wäre die ethisch-wertvolle Seite der Religionen, die sich möglicherweise auch tatsächlich in der Evolution ausgewirkt hat. Denn die Menschen sind, aller heutigen Schreckensmeldungen zum Trotz insgesamt friedfertiger oder „zivilisierter“ geworden.  (Pinker 2011)

Das Risiko der Religionen ist die Wahrheit.

Religionen gründen sich auf Gewissheiten, die helfen, einen größeren Zusammenhang besser zu verstehen und zu beeinflussen.

Religiöse Wahrheit definiert sich aber besonders klar durch die Un-Wahrheit: Das ist der Glauben anderer, die die Wahrheit bisher noch nicht erfahren haben, oder sich noch in einem vor-religiösen Ur-Zustand des besessenen Heidentums befinden.

Da eine eigene religiöse Sicht die Richtige sein muss, kann die eines anderen nicht gleichzeitig zutreffend sein. Manchmal besteht noch Hoffnung, dass der andere sich doch, durch Einsicht und gute Argumente, schließlich zur richtigen Ansicht bekehren könnte. Sonst spricht man besser nicht über Glaubensdinge, sondern koexistiert nur, sich gegenseitig tolerierend.

Der Friede des praktisch-nützlichen Nebeneinander-her-lebens ist allerdings brüchig. Seit es Religionen gibt, sind sie mit Pogromen, Massakern und Kriegen vergesellschaftet. Dem relativen Frieden im inneren des Glaubenssystem steht Brutalität gegenüber: gegen die Ungläubigen. Alle Religionen brüten auch Dogmatiker aus, die die absolute Wahrheit zu erkennen glauben, gewaltsam missionieren, Ungläubige töten oder für die gute Sache auch sterben wollen. Oder die berechnend Religionen missbrauchen, um bei bösen Machtspielen die gläubigen Massen in die Irre zu leiten.

„Gott ist tot.“ Nietzsche

Nietzsche ist tot.

Nietzsche hatte, wenn man die Zeit betrachtet, die seit seinem Tod vergangen ist, offenbar unrecht: Die Religionen leben weiterhin, sie wachsen und gedeihen. Auch der Biologe Richard Dawkins, der glaubt die Welt würde besser, wenn wir mehr denken und weniger glauben, irrt vermutlich. Weil „Denken“ die Realität auf das Einzelne beschränkt, das zurzeit gedacht werden kann.

Sich stattdessen um einen Gesamtzusammenhang zu bemühen und zu versuchen diesen zu erfahren, kann sehr nützlich sein: kunstvoll, kreativ und schöpferisch. Und das ist keinesfalls (wie Dawkins meint) eine „Geisteskrankheit“.

Religionen müssen allerdings dringend „erwachsen“ werden: d.h. ihre jeweils absoluten Wahrheiten so weit abschwächen, dass sie Raum für mehr Toleranz bieten. Das forderte  schon vor 2.500 Jahren Konfuzius, einer der erfolgreichsten Religionsgründer: Man solle menschlich- und sozial gut handeln, so „als ob“ es Mächte gäbe, die das von einem verlangten.

Ethik ist wichtiger als Religion. Dalai Lama

Literatur

  • Assmann I.: Ägyptologe, Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler
  • Boyer P: Being human: Religion: Bound to believe? Nature 2008, 455:1038-1039 – Religion Explained, paperback, Basic Books, 2002 – Und Mensch schuf Gott [And Man Created God], Klett-Cotta, 2004
  • Chapais B: Monogamy, Strongly Bonded Groups, and the evolution of human structure. Evolutionary Anthropology 2013, 22:52-65
  • der Wahl F.: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. (Carl Hanser Verlag, München 2011, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote. Klett Cotta Verlag, 2015
  • Holland T: Persisches Feuer. Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa. Rowohlt 2011
  • Humphrey N.: Cave Art, Autism, and the Evolution oft the Human Mind, Cambridge Arch Journ, 1998, 8(2):165-91, pdf-download – Humphrey N.: Shamanism and cognitive evolution, Cambridge Arch Journ, 2002 (12):91-93, pdf-download
  • Lutz A et al.: Meditation and the Neuroscience of Consciousness in: Cambridge Handbook of Consciousness ed. Zelazo P., Moscovitch M. and Thompson E., 2007
  • Maturana und Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Deutsche Übersetzung von Kurt Ludewig. Frankfurt a. M. 2009, Ludewig K: Gespräche mit Humberto Maturana, 2006 (Org. Conversaciones con Humberto Maturana: Preguntas del psicoterapeuta al biólogo“ Temuco, Chile: Ediciones Universidad de La Frontera 1992)
  • Neumann E: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, 1949, mit Vorwort von C.G. Jung bei Walter Verlag 2004
  • Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, pdf-downloadVideo-Vortrag – Kommentare: Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download  – Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of Julien Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239
  • Kurtz P.: The affirmation of humanism
  • Llinas R: The “I” of the vortex, New York, 2001, Video 2012
  • Maturana und Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Deutsche Übersetzung von Kurt Ludewig. Frankfurt a. M. 2009, Interview 1992
  • Pinker St (2011): The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined
  • Porges S: The polyvagal Perspektive, Biol Psychol. 2007 74(2): 116–143. 
  • McGilchrist I.: Das geteilte Gehirn und  seine kulturelle Entwicklung 
  • Sapolski R: Dopamine ists not about pleasure but about anticipation, Fora-TV 2011
  • Schmoekel R: Die Indoeuropäer, Aufbruch aus der Vorgeschichte, Bublies-Verlag
  • Thomaselo, M: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation Suhrkamp, Berlin 2009,  Origins of Human Communication, 2008 (MIT Press, Cambridge (Mass.)/ London).

Macht zur Unterdrückung der Psyche

Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. Dalai Lama (Der Appell an die Welt, Benevento, 2015)

Manche Menschen tollen fröhlich suchend durch die Welt: respektlos, selbstbewusst, antiautoritär, neugierig, wissbegierig. Andere halten sich lieber an die Ermahnungen Ihrer Eltern, der Lehrer und der Autoritäten. Sie bestaunen ehrfürchtig das Erschaffene, dessen Gegenwart sie nur bescheiden tätig werden können. Und wieder andere  schreiben bürokratische Ordnungsregeln auf, die sie in Handbücher und Arbeitsanleitungen abheften.

Alle drei Strategien verbessern das Gefühl für Sicherheit. Über Fragen entwickelt sich lernend Selbstbewusstsein. Antworten zeigen einen Sinn, in dem alles eingebettet ist. Und Vorschriften zähmen das Chaos der Zukunft.

Unsere Welt wird für uns zunehmend komplex und unsicher: sie steckt voller Zufälle und drohender Katastrophen. Die alten Strategien unser Steinzeitvorfahren taugen nichts mehr und fristen ein eher kümmerliches Dasein bei der Vermarktung von Alltags-Esoterik.

Damals riefen die Jäger und Sammlerinnen die Geister von Ahnen, Göttern und Dämonen in sich auf. Zustände, die wir heute als Psychose bezeichnen und therapieren würden. In Träumen oder Trance-Ritualen hörten sie dann von inneren Mächten, was zu tun sei, weil es sich in der Vergangenheit so gut bewährt hatte. Dieses rückwärtsgewandte Denken reichte in immer differenzierteren Kulturen, in denen sich viel zu viel veränderte, nicht aus, um die Zukunft zu planen. Deshalb bevorzugte die Evolution diejenigen, die in der Lage waren, die inneren Stimmen in sich zu dämpfen und zu beruhigen. Und so setzten sich vor wenigen tausend Jahren schließlich drei neue Strategien durch: staatliche Gesetze, Religionen mit externen Göttern und fragen-stellende Wissenschaft.

Religionen verordneten den modernen Königen, die nicht mehr von guten Geistern besessen waren, übergeordnete verbindliche Regelsysteme, die deshalb nicht angezweifelt werden konnten, weil sie von einer über-menschlichen Macht kamen. Die staatlichen Rechtssysteme, die (später) zeitgleich in China und Rom eingeführt wurden, schrieben Handlungsanleitungen vor, deren Einhaltung durch Staatsbeamte garantiert wurden. Wissenschaft keimte kurz in der Antike auf, und konnte die alten, esoterisch-geheimen Trance-Kulte als Humbug entlarven. Sie erwies sich aber zunächst nicht als systemstabilisierend, und erblühte erst in der Renaissance, weil dann nicht nur die sozialen, sondern auch die rasanten technischen Entwicklungen ihre Leistungen und Planungssicherheiten erforderten.

Gesetz, Religion und Wissenschaft haben vieles gemeinsam

Alle drei beruhen auf definierten Worten und in Schriften niedergelegten Begriffen: am Anfang (bei ihrer Geburt) war das Wort (s.u.). Alle drei sind jeweils streng hierarchisch organisiert. Sie gründen sich auf hochausgebildeten Expert*innen, die die jeweiligen Regelsysteme durchschauen, und die die Wahrheit kennen.

Sie können von der nicht-anzweifelbaren Gewissheit Prinzipien ableiten, verstehen und diese dann im speziellen Fall oder im Detail anwenden. Deshalb scheint man ihnen vertrauen zu können, wenn sie die Menschen lenken und leiten.

Weil sie sich ähneln, sind auch die Übergänge zwischen Gesetz, Religion und Wissenschaft fließend: So beinhalten manche Religionen Rechtssysteme, manche Wissenschaft fußt auf absoluten Gesetzen, Lehrmeinungen und heiligen Büchern. Und bei allen dreien wird geglaubt, dass die Zukunft so ausfallen wird, wie es in dem speziellen Einzelfall vorhergesagt wird.

Natürlich gibt es Unterschiede

Wissenschaft trägt den Keim des skeptisch-kritischen Zweifelns in sich: Danach gibt es keine Wahrheit, sondern nur Beobachtungen. Die Natur-Gesetze sind so wie sie sind, weil sie sich immer wieder so zeigen: ohne erkennbaren Grund. In einem anderen (z.B. schrumpfenden) Universum könnten sie anders sein. Alle anderen Gewissheiten sind relativ vom Beobachter abhängig und heißen Hypothesen, Theorien und Modelle. Sie sollten wissenschaftlich stetig überprüft werden, damit sie in Paradigmen-wechseln in sich zusammenfallen können, und Platz machen für neue Modelle und Vermutungen.  Wissenschaftlicher Glaube (z.B. an die String Theorie, den Urknall, die Evolution, …) ist prinzipiell an der Realität überprüfbar.

Religiöser Glaube ist dagegen prinzipiell weder beweis- noch widerlegbar. Sein Erkennen ist reine Wahrheit, ein unvergängliches Wissensgebirge, das nicht verwelkt wie die, oft nur kurze Zeit blühenden, Blumen der Wissenschaftstheorien. Die Richtigkeit der Wahrheit wird bestätigt, wenn etwas genauso eintrifft, wie aufgrund des religiösen Glaubens erwartet wird. Trifft es aber nicht ein, besagt das nur, dass es an der Anwendung der Gläubigen haperte, oder dass die Entscheidungen der höheren Instanz einfach unergründlich sind. Das heißt, zu einem guten Glauben passt jede beliebige Realität. Das Besondere an der Wirklichkeit, die durch die Brille der Religion betrachtet wird, ist ihr unvergleichliche Schönheit. Das Eins-werden mit ihr kann sich sowohl über den Weg nach Innen erschließen (Mystik) oder die Beziehung nach Außen (Gebet).

Nicht-religiöses Recht ist weder schön, noch wahr. Es ist nur so, wie es ist: Bei Rot bleiben die Autos stehen, bei Grün fahren sie, und zwar hier auf der rechten Straßenseite. In England wird dagegen bestraft, wer nicht auf der linken Straßenseite in den Kreisverkehr einbiegt und entsprechend zerbeult wird. Solche Regeln, so blödsinnig sie manchmal auch erscheinen mögen, verhindern unnötigen Streit und Blutvergießen. Sie schaffen Räume, in denen sich Wissenschaft und Religionen friedlich entwickeln können.

Ist Gott ein Irrtum?

Der Gott-Begriff ist nur manchen Religionen wichtig: Christentum, Islam, Judentum u.a. Andere kommen ohne ihn aus: Buddhismus, Jainismus, Vedanta-Monismus, Daoismus, Konfuzianismus u.a. Auch die Religionen oder Sekten, die direkte mystische Erfahrungen anstreben, benötigen kein von einer menschlicher Gestalt abgeleitetes Gottesbild, da sie etwas nicht benennbares, alles durchströmendes, in sich wahrzunehmen meinen: Zen, Gnostik, Sufi, u.a. Wieder andere Religionen bleiben intensiv mit schamanischer Trance verwoben: Shintō, Voodoo, Candomblé u.a. Auch die modernen, zum Teil fanatischen, gewaltbereiten, politischen Religionen, die alle mit der Silbe „-ismus“ enden, benötigen ebenfalls kein Gottesbild. Auch nicht die aus der Wissenschaft geborenen Kirchen und Sekten: Scientology, Morphogenetische Feldtheorien, Quantengravitations-Theologien, Glaube der parallelen Universen u.a. Und schließlich ist auch ein Großteil der universitären Wissenschaft eine Ideologie, die das Fragen verlernt hat. Die nur noch Wahrheiten lehrt, und dabei zu einer gottlosen Religion mutiert ist: erhaben, sanktionierend, predigend und keineswegs fröhlich. Dazu gehört auch die Religion des radikalen Glaube an eine „Nicht-Existenz Gottes“, eine religiöse Wahrheit, die darauf fußt, dass alles, was ist, sich in Laborexperimenten zeigt und sonst nirgends.

Wer ist verantwortlich für das viele Blutvergießen?

Unsere wesentliche Krankheit ist das vorschnelle Urteil, der dogmatische Glaube. Sextus Empirikus

Alle drei Formen des Dogma (Gesetz, Religion, Wissenschaft) verursachten Schäden. Die Römer und die chinesischen Dynastien rotteten radikal und schonungslos alles aus, was sich ihren Gesetzen widersetzte. Die monotheistischen Religionen sind für schreckliche Gewaltexzesse gegen Andersgläubige verantwortlich (Assmann 2013). Aber auch vom polytheistischen Hinduismus geht Gewalt aus (BBC 2010), und selbst der scheinbar friedfertige Buddhismus zog öfters in den Krieg (Victoria 2006). Weil dabei jeweils große Teile der Bevölkerung getroffen und ggf. „vernichtet“ wurden, waren die Opferzahlen immens. Das verschleiert allerdings die Tatsache, dass unsere nicht-dogmatisch-gläubigen Ur-Ahnen nicht friedfertiger waren: In der Frühzeit der Menschheit (vor den großen Weltreligionen) war das gegenseitige Umbringen deutlich beliebter als heute. In manchen Steinzeitvölkern lag die Wahrscheinlichkeit, als Mann eines natürlichen Todes ohne Gewaltanwendung zu sterben, bei nur 40%. Allerdings waren damals die technischen Möglichkeiten noch begrenzt: Es gab noch keine Drohnen, Minen und Lenkwaffen, so dass Töten noch mühsames, direktes Handwerk war (Pincker 2011).

Auch die Wissenschaft ist für massives Blutvergießen und vor allem für immense Umweltschäden  verantwortlich. Spätestens 1945 nach dem Abwurf der Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima stellte sich die Frage nach der ethischen und gesellschaftlichen Verantwortung der beteiligten Forscher (Brecht 1945, Kipphard 1964). Die Wissenschafts-Maschine hat daraus seither wenig gelernt. Alles wird entwickelt, was technisch möglich ist, auch wenn die Folgen für die nachfolgenden Generationen  (z.B. bei Nuklear-, Nano- oder Gentechnik) nicht überblickt werden können. Die Wissenschaft, so wie sie heute ist, beschleunigte den allgemeinen Trend, sich in der Wahrnehmung auf kleine, einzelne, tote Faktoren zu konzentrieren, und aus dem Einzelwissen heraus dann auf ein größeres Ganzes zu schließen. Oder das Ganze dabei völlig aus dem Blick zu verlieren (McGilchrist 2013). Das führte zu unethischen oder gedankenlosen Entwicklungen von Methoden, die gegen Menschen, andere Lebewesen und die Umwelt eingesetzt werden. Ohne diesen beschleunigten wissenschaftlichen Fortschritt (ohne ethische Kontrolle) wären die Klimakatastrophe und die Verseuchungen der Meere, der Böden und der Luft nicht erfolgt. Die Wissenschaft machte sich zum willenlosen Roboter globalisierter ökonomischer Dynamik. Der innere Antrieb aufzubegehren scheint bei ihr noch gering zu sein. Selbst in der Philosophie. Und die möglichen Korrektive des Rechts und der Religion („Bewahrung der Schöpfung“) schwächeln.

Ausblick

Die Vertreter aller drei Systeme könnten und sollten sich zusammensetzen, um zu erarbeiten, wie vergangene Schrecklichkeiten und Fehler in der Zukunft nicht mehr begangen werden. Denn alle drei Wege sind im Prinzip wertvoll: Religionen lenken den Blick auf die großen Zusammenhänge, die über den menschlichen Erfahrungshorizont hinaus für uns von Bedeutung sein können. Sie bieten einfach-überschaubare Modelle, an deren Schönheit sich Menschen orientieren, und in denen sie interessiert sinnvoll tätig werden. Wissenschaft (inklusive der kritischen Philosophie) muss dagegen die wesentlichen Fragen stellen und zweifelnd, skeptisch und neugierig weiterforschen. Während das Recht den Rahmen bieten sollte, in dem Religion und Wissenschaft kontrolliert gemeinsam sinnvoll wirken können.

Religionen, Recht und Wissenschaft verändern sich tatsächlich zaghaft. Mindestens zwei Religionsführer  sorgen sich um Gewalt, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung und fordern einen neue menschliche Ethik (Papst Franziskus, Dalai Lama 2015). So ähnlich wie in der Urreligion des Zoroastrismus, sollten Menschen: „gut denken, gut sprechen und gut handeln“, oder wie im Konfuzianismus ethisch-sittlich handeln, so als ob es höhere übersinnliche Instanzen gäbe (Littlejohn 2007)

Also müssten sich Religionen weniger mit dem beschäftigen, was „wahr“ ist, sondern mit dem, was sich für die weitere Menschheitsentwicklung „günstig und nachhaltig“ erweisen kann.

Wissenschaft dagegen müsste intensiver, von den engen Laborexperimenten, in denen die Realität auf wenige Faktoren reduziert wird, aufblicken zu Gesamtzusammenhängen. Sie müsste sich zunehmend (wie es die Quanten- und Astrophysik oder die Systembiologie tun) mit komplexen Systemen und deren Beziehungen beschäftigen. Sich ihrer sozialen Verantwortung stellen. Und über die Naturbetrachtung Wege aufzeigen, wie Menschen harmonisch in den Systemen, in denen sie geborgen sind, wirken können.

Rechtssysteme müssten einen einfachen und soliden Rahmen bilden, der sich an ethischen Werten und wissenschaftlichen Kriterien orientiert. Dazu müssten sie über den Tellerrand der Paragraphen hinausschauen und verstehen, was in der Wissenschaft (einschließlich der Philosophie) und Religion (einschließlich der Ethik) geschieht.

Was bedeutet das für mich?

Wenn ich neugierig frage, nehme ich mir vor nach dem Sichten der Details, mehr Pausen einzulegen. Und das Unfassbare wahrzunehmen, in dem das Beobachtete eingebettet liegt. Und festzustellen, dass ich von dem, was noch unbekannt ist, absolut nichts weiß. Radikales Nicht-Wissen fällt mir immer noch schwer, aber ohne Nicht-Wissen gibt es nichts Neues zu erlernen.

Fragen liebe ich mehr als Antworten. Aber die großen Wahrheiten bergen auch Schönheiten, in die ich noch viel zu wenig eingedrungen bin. Wenn ich zum Beispiel ein tief religiöses Musikstück höre und davon ergriffen bin, entsteht ein meditativer Wachzustand mit Glücksgefühlen. Den zu hinterfragen, würde ihn zerstören. Ich kann ihn aber auch genießen, und das Innen und Außen zugleich wahrnehmen, scheinbar verschmelzend.

Auch am Regelsystem zu arbeiten ist nötig, da es in Zeiten der Flucht und interkultureller Unsicherheit aus den Fugen geraten kann. Fragen und Antworten brauchen einen sicheren Rahmen, damit friedvollen Beziehungen gelingen können. Da ist viel zu tun.

Letzte Aktualisierung: 28.12.2019