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Reise ins Hochrisikogebiet

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach in das Corona-Hochrisikogebiet Tansania. Besonders wegen der Verbreitung der Omikron-Variante.

Bild: Seit Februar 2020 wird für Afrika vorausschauend eine Katastrophe angekündigt. Der Screenshot stammt aus einem Aufklärungs-Clip aus Burkina Faso, der im Auftrag internationaler Organisationen erstellt wurde. Mir wurde das Video Anfang März 2020 zugeschickt. Damals gab es Covid-19 nur in Wuhan. In dem dramatisch aufgezogenen, bewegten Comic tobt ein Todes-Virus durch afrikanische Dörfer und Städte und killt unbarmherzig. Jemand rappt dazu (siehe Text im Bild): „Die Gerüchte (Corona sei harmlos) werden dazu führen, dass ganz Afrika beerdigt wird“.

Vorfreude

Wegen einer Einladung aus einer Region, in der ich früher einmal lebte, nehme ich die Risiken gern in Kauf. Ich sage zu, buche, beantrage das Visum und bleibe auf alles gefasst.

Ich bereite mich auf Unabsehbares vor, und wiederbelebe verrostete Sprachkenntnisse. Gegen Covid glaube ich geimpft zu sein (J&J vier Monate zuvor).

Kurz vor Abflug erfolgt eine elektronische Anmeldung bei der tansanischen Gesundheitsbehörde, die ein negatives PCR-Test-Ergebnis verlangt. Am besten auch einen nur wenige Stunden alten Antikörper-Schnelltest.

Im Flieger erhalte ich von den Damen (trotz einer FFP2 auf meiner Nase) eine bequemere (in Plastik einschweißte) OP-Maske. Später wird bei den Schlafenden freundlich toleriert, wenn die OP-Masken unter Nase oder Kinn abrutschen.

Dar es Salaam

Im Airport Dar es Salaams stehen Corona-Warnschilder, Desinfektionsflaschen und Aufforderungen Masken zu tragen. Reisende, die nicht korrekt angemeldet sind, oder die (bei dem elektronischen Fiebercheck) auffallen, müssen sich erneut schnell-testen lassen. Alle anderen werden nach kurzem, freundlichen Gespräch registriert und durchgewunken. Beim Zoll- und Wachpersonal hängt (hitzebedingt) der OP-Mundschutz schon mal unter der Nase.

Nach der Gepäckausgabe tragen die meisten Reisenden nur noch Kinnschoner, um den Schweiß aufzufangen. Und vor dem Airport sind die Masken überwiegend verschwunden. Ich sehe aber auch (japanische anmutende Reisende), die weiterhin zusätzlich zu FFP2 Gummihandschuhe und Skifahrerbrillen tragen.

Tansanier:innen am Airport verhalten sich so, wie ich es in Erinnerung habe: zugewandt, locker und höflich, besonders wenn jemand Swahili radebrecht. Irgendetwas Ungewöhnliches (Nervosität, Angst, Stress) scheint nicht in der Luft zu liegen.

Im Hotel redet man im Mini-Nachrichtenblock des TV-Programms über Plastik-Müll, und das vor kurzem erlassene Gesetz des Plastiktüten-Verbots. Dann wird über das Omikron-Virus berichtet. Das Virus sei besonders gefährlich, und man solle sich impfen lassen solle.

Am Folgetag fällt beim Stadtbummel auf, dass nur sehr wenige Menschen Stoff- oder OP-Masken tragen. Viele müssen es offenbar: Kellner:innen, offizielle Dienstleister, Bank- oder Hotel Angestellte, Menschen in höherer Position oder Personen, die professioneller als andere erscheinen möchten.

Such-Bild: Wo steht der Mann mit der Maske? Tinga-Tinga-Kunst-Markt in Dar es Salaam, unbekannter Künstler, Foto: Jäger, Januar 2022

Die Straßen und Märkte sind überfüllt. Eilig Hastende schlängeln sich durch wirbelig-chaotisches Gewusel. An den Rändern schwatzen die meisten, andere hängen ab, rufen Waren aus, schieben Karren oder schlafen tief und erschöpft. Mini-Taxis und Busse sind proppenvoll gestopft mit verschwitzen Menschen, Saatgut-Säcken, Reisegepäck, Körben mit Räucherfischen oder Hühnern. Das Klima ist so wie immer: schwül und heiß: ideal für Viren und Bakterien, um in Aerosolen durch die Luft zu flirren.

Am nächsten Tag sitze ich über zwölf Stunden eingepfercht in einem Überlandbus, bei dem die Klima-Anlage ausgefallen ist. Ich mache mir Sorgen um den Käse in meinem Rucksack, den ich einem Ausländerehepaar mitbringen will. Schon im Hotel hatte ich bei einem Stromausfall Schwierigkeiten, die Kühlkette einzuhalten. Jetzt im Bus wird es kritisch.

Afrikanische Gesundheitsprobleme

Erschöpft aber wohlbehalten erreiche ich mein Ziel, ein kleines Kaff, das fast nur aus einer Kirche, dem Krankenhaus und ein paar Krämerläden besteht. Dort werde ich freundlich aufgenommen und komme im Gästehaus unter. Am nächsten Tag werde ich vorgestellt, schaue das Krankenhaus an, höre viel zu, stelle Fragen, mache mich mit dem Alltag vertraut und bereite mich auf meine geplanten Unterrichtseinheiten vor.

Das Hospital verfügt über achtzig Betten, die aber nur zur Hälfte belegt sind. Registriert werden etwa 1.000 Geburten pro Jahr. Man erzählt, dass es bisher erst einen bestätigten Covid-Fall bei einer älteren Dame gegeben habe, die unter hohem Blutdruck litt. Die Covid-Diagnose sei im August 2021 im Nachhinein durch PCR bestätigt worden. Der Patientin sei im Hospital trotz anderer Therapien Sauerstoff-pflichtig gewesen, man habe sie deshalb (mit Sauerstoff) verlegt, und auf dem Transport sei sie verstorben. Im ganzen Jahr 2021 habe man nur selten grippe-ähnliche Fälle im Krankenhaus gesehen. Wie immer behandele man viele Infektionen der oberen Atemwege bei Klein-Kindern (und uva. natürlich auch Malaria in allen Altersklassen).

Die Hälfte des Krankenhauspersonals sei einmal (mit J&J) geimpft worden. Die Nachfrage sei eher zögerlich gewesen. Die vom Sinn der Impfkampagne überzeugte, europäische Ärztin, hatte sich als gutes Vorbild demonstrativ vor dem Krankenhaus-Personal nochmals mit J&J impfen lassen, obwohl sie gerade beim Heimaturlaub einen mRNA-Booster erhalten hatte. Sonst wäre die Impfrate, sagt sie, noch schlechter ausgefallen. Anschließend habe sie dann eine Woche arbeitsunfähig im Bett verbracht.

Im Alltag des Krankenhauses spielt Corona keine Rolle. Schnellteste, Masken (selbst FFP2) und auch PCR sind verfügbar, werden aber nicht gebraucht. Am Sonntag sehe ich viele bekannte Gesichter des Krankenhauspersonals in der überfüllten Kirche. Dort wird, eingebettet in rhythmische, emotionale, wortgewaltige Rituale, inbrünstig aus vollen Kehlen gesungen, so als ob es keine Aerosole gäbe.

Eine Woche später spreche ich auf der Weiterfahrt mit dem leitender Arzt eines Provinzkrankenhauses, an dem ich vor vierzig Jahren einmal gearbeitet habe. Auch hier sind von 180 Betten höchstens die Hälfte belegt. (Weil es in Missions-Krankenhäusern bessere Alternativen gibt? Oder weil sie zu arm sind, sich die Bezahlung zu leisten?) Die Geburtenzahl liegt dort bei über 4.000 pro Jahr.

Im Jahr 2021 habe es fünfzehn PCR-bestätigte Coronafälle gegeben: Ausschließlich bei Älteren und bei multimorbiden Patient:innen. Angaben zu Todesraten könne er keine machen, weil viele der vermutlich an Covid erkrankten Patient:innen wieder nach Hause gingen, oder aber (wenn es ihnen sehr schlecht ginge) weiter transportiert würden. Ob sie dann später überlebten, wisse man nicht. Im Jahr davor (2020) sei die Infektionsrate noch doppelt so hoch gewesen: etwa dreißig PCR-bestätigte Patient:innen. In beiden Jahren habe man sonst keine auffällige Anzahl an Grippe- oder Influenza-ähnlichen Erkrankungen bemerkt. Weiterhin gäbe es natürlich das Übliche: uva. Malaria, bakterielle Infektionen, Hochdruckerkrankungen, Unfälle …

USAid-Plakat in Krankenstationen. Überschrift:  „Dienstleistungen, Informationen, Empfehlungen zu Covid-19“ Inhalt etwa: „Bitte, bitte, bitte meldet uns Fälle!!“ Bild: Jäger Januar 2022

Internationale Hilfe

Der amerikanische Entwicklungsdienst USAid ist an beiden besuchten Krankenhäusern unübersehbar präsent. Andere Entwicklungshilfeinstitutionen scheinen deutlich weniger in Außenwirkung zu investieren. Das USAid-Programm „Boresha Afya“ („Die Gesundheit verbessern“) beschäftigt sich allerdings nicht etwa (wie man nach dem Titel glauben könnte) mit dem allgemeinen Wohl der Bevölkerung („Public Health“). Sondern es handelt sich ausschließlich um ein Programm zur Ausrottung von HIV-AIDS (konsequente Diagnose, Nachverfolgung, Therapie möglichst aller Fälle).

Nebenbei werden von USAid u.a. auch weniger gut finanzierte Programme gesponsert (u.a. zur Polio- oder Malaria-Ausrottung), wie man auf älteren, vergilbten Plakaten lesen kann.

Ganz aktuell geht es USAid aber jetzt vor allem um die Beseitigung des neuen Feindes: „Corona“.

Das tansanische Gesundheitsministerium ist inzwischen voll auf die international vorgegebene Corona-Policy von GAVI und WHO eingeschwenkt. Politik & Medien bemühen sich sehr, Aufmerksamkeit für Covid-19 zu erregen und das Impfen voranzubringen.

Außer im Fernsehen ist aber (zumindest in der Provinz, die ich erlebe), weder die Krankheit noch deren Folgen zu erkennen. Vielleicht sieht das in den Hochleistungs-Krankenhäusern der Hauptstadt anders aus.

Dort, wo ich Erfahrungen sammeln konnte, kann die Bevölkerung Corona nicht sinnlich erleben. Ganz anders als die häufigen, bekannten Alltagsinfektionen mit allen möglichen Viren, Parasiten und Bakterien. Früher war es z.B. relativ einfach, die Bevölkerung von der Gefahr von Kinderlähmung (und dem Nutzen einer Impfung) zu überzeugen, weil zahlreichen Menschen unübersehbar an spastischen Bewegungseinschränkungen litten. Corona dagegen ist unsichtbar.

Die meisten Tansanier, denen ich begegne, sind folglich nicht erkennbar an Covid interessiert. Ob jemand geimpft sei oder nicht, habe ohnehin keine Konsequenz, außer einem guten Gefühl. Also verhalten sich die meisten Menschen so wie immer, als ob es eine neue Epidemie nicht gäbe.

Vergilbtes Krankenhaus-Plakat der Malaria-Bekämpfungs-Kampagne. Bild: Jäger Januar 2022

Tansanische Großfamilie

Auf der Weiterreise wohne ich drei Tage bei einer tansanischen Groß-Familie. Mein 74 Jahre alter Freund hat seinen kleinen KfZ-Betrieb an die Söhne abgegeben, und kümmert sich nur um eine weitläufige Landwirtschaft. Beim Bohnenpflanzen und beim anschließenden, fürstlichen Essen erzählen er und sein Frau, dass sie geimpft seien. Nur einmal (vermutlich J&J oder chinesisch oder russisch). Er wollte die Spritze, weil er, wie viele andere in seinem Alter hochdruck-krank ist. Seine Frau (gesund, 69 Jahre alt) ging einfach mit.

Eine Impf-Aufklärung habe es nicht gegeben. Wozu auch? In den Medien habe man doch erzählt, die neue unsichtbare Gefahr verlaufe tödlich, die Impfung schütze sicher, und sie sei völlig nebenwirkungsfrei. Das Gleiche habe auch der Pastor gepredigt. Das reiche doch.

Politischer Umschwung

Meine tansanischen Freunde, aber auch spätere Zufallsbekanntschaften (ein Minen-Manager, ein Hotel-Betreiber, Ärzte, Taxifahrer und Busreisende), erzählen erstaunlich übereinstimmend, dass sich die politische Situation in Tanzania nach dem plötzlichen, unerwarteten Ableben des Präsidenten Magufuli, am 17.03.2021, deutlich verändert habe. Obwohl die gleiche politische Partei an der Macht blieb. Magufuli sei radikal und bisweilen diktatorisch gegen (Beamten-)Faulheit, Korruption und zu starke ausländische Einflüsse vorgegangen: Ein sei ein populärer, aber auch umstrittener Saubermann gewesen, mit einem Hang zu Selbstherrlichkeit und Besserwisserei.

Magufuli stand der internationalen Corona-Politik sehr kritisch gegenüber: Er hielt nichts von PCR-Testen, und er wollte auch nichts von den weltweiten Impfkampagnen wissen (KTN-News-Video). Diejenigen, die eine Covid-Gefahr offen thematisierten, oder das Covid-Testen und -Impfen für nützlich hielten, seien ihm und seinem Team verdächtig regierungsfeindlich erschienen, und sie mussten staatliche Sanktionen fürchten.

International noch umstrittener sei jedoch seine Politik gewesen, Minenprojekte auszubremsen (besonders Gold, Tansanit-Edelsteine, Diamanten …). Bergbauanlagen wurden durch Militär abgesichert, und illegales Schürfen untersagt. Der Schwarzhandel sollte unterbunden werden. Lukrative neue Projekte (Ausbeutung seltener Erden und das Erschließen der Gasvorkommen vor der Küste ) seien nicht vorangekommen, wegen zu hoher Umweltrisiken und zu geringer Gewinnbeteiligung. Aber auch seine , Entscheidung, vielen ausländischen Expert:innen die Visa-Verlängerungen zu weigern (weil genug eigene Kompetenz im Land verfügbar sei) habe ihm in Ausland keine Freunde eingebracht. Die Regierung bot ausländischen Investoren reichlich Gründe, den Geldhahn zuzudrehen, was sich u.a. auf zwei Groß-Investionsprojekte ausgewirkt habe („Hygiene&Latrinenbau an allen Grundschulen Tansanias“, und „Weiterbau einer Eisenbahnstrecke von Dar es Salaam nach Dodoma“). Mit anderen Worten Anfang 2021 drohte die Staatspleite.

Kaum war Magufuli gestorben und die neue Regierung zusammengesetzt, habe sich seine Nachfolgerin international flexibler gezeigt. Das Schulprojekt werde wieder finanziert, und es gäbe (so schreiben die Zeitungen) frische Kreditaufnahmen für den Eisenbahnbau.

Die, mit denen ich gesprochen habe, hoffen, dass die alten, korrupten Zeiten (vor Magufuli) nicht zurückkommen werden. Man wünscht sich, die neue Präsidentin und ihr Team verhielten sich nur etwas klüger und elastischer im Orkan der Weltpolitik.

Die neue (islamische) Präsidentin Samia lies sich kurz nach dem Tod Magufulis demonstrativ impfen, und organisierte Treffen mit Religionsgemeinschaften, um deren Unterstützung zur allgemeinen Impfung zu erhalten. Man erzählt sich, dass nach und nach auch die anderen Projekte wieder Fahrt aufnehmen würden, die der alte Präsident behindert hatte: u.a. berichtet man mir in Lindi, dass angeblich wieder an Planungen zur Erschließung der schwierig zugänglichen Erdgasvorkommen in der Tiefsee gearbeitet werde.

Private und öffentliche Einrichtungen an der Küste

Ein anderer Aspekt des Umgangs mit Corona zeigt sich mir beim Betreten einer privaten Praxis ehemaliger deutscher Entwicklungshelfer in Lindi. Dort tragen nicht nur die Praxisangestellten, sondern auch alle Patient:innen Masken, weil sie sonst nicht behandelt werden. Die Masken wurden extra von Schneider:innen in Lindi angefertigt, und können gewaschen und gebügelt werden. Covid-Fälle gäbe es in Lindi zwar auch nicht, aber die Masken schützen gut vor dem sonst oft zu engem Kontakt mit den Patient:innen z.B. beim Ultraschall. Man habe damit das Risiko allgemeiner Infektionsübertragungen in der Praxis erkennbar gesenkt (u.a. Mandelentzündungen, Bronchitis, und vielleicht sogar TBC etc). In der Stadt sehe ich aber niemanden, der mit Maske unterwegs ist.

Praxisinhaberin und -inhaber sind vom Nutzen der Impfung überzeugt. Das Virus sei auch in Tansania sehr gefährlich. In Dar es Salaam habe man zu Beginn der Pandemie vermehrt beatmungs-pflichtige Fälle in bestimmten großen Krankenhäuser gesehen. Hier in der Region sei allerdings alles so unauffällig geblieben wie immer. (Beide wurden in Deutschland mit mRNA geboostert. In ihrer Praxis impfen sie, wegen des zu großen Aufwands, nicht, sondern verweisen auf den Public Health Service).

Da die Verbreitungsbedingungen durch das extrem enge Geschiebe an allen öffentlichen Orten ideal für ein Virus seien, gäbe es (auch für sie) eigentlich nur zwei plausible Erklärungen für die fehlenden Erkrankungen bei einer potentiell tödlich verlaufenden Virusinfektion: Entweder sei das feuchtschwüle Hochsommer-Klima für die Virus-Verbreitung nicht besonders geeignet, oder (was wahrscheinlicher sei): 2020 und 2021 seien mindestens zwei Wellen einer Virus-Epidemie durchgelaufen, ohne dass es jemand bemerkt hätte, weil damals nicht systematisch getestet wurde. Auf die Frage, was (wenn denn eine der beiden Thesen zuträfe) der Sinn der Massen-Impf-Kampagne sei, meinten sie, es schade ja nicht, und Gefährdete (Kranke und Alte) seien vorübergehend besser geschützt, ernsthaft zu erkranken.

Am nächsten Tag erklärt mir der stellvertretende Leiter der örtlichen Gesundheitsbehörde, dass auch er bisher nichts von einer Covid-Epidemie in der Südregion gesehen habe. Man impfe deshalb, weil es Professoren und die Gesundheitsbehörde in Dar es Salaam so empfehlen würden, und die hätten ihre Daten sicherlich genau geprüft. Eines der drängenderen Probleme, mit denen er sich intensiv herumschlagen müsse, sei der intensive Missbrauch von Antibiotika, insbesondere auch auf dem freien Markt.

Touristische Erholung vom Covid-Risiko

An der idyllischen verträumten Küste erwarte ich eigentlich nichts mehr von Covid zu sehen oder zu hören. Weil ich mir denke, dass der angenehme der Seewind Atemwegserkrankungen und Mücken ins Land verweht. Aber die Neugier treibt mich doch wieder in ein kleines Krankenhaus. Dort sei man sehr um Corona-Hygienemaßnahmen bemüht und erzählt stolz, dass man auch geimpft habe, damit die Krankheit, die man noch nicht gesehen habe, erst gar nicht ins Städtchen käme. Von 25:000 Einwohnern seien bisher nicht viele geimpft worden. Und die mit dem chinesischen Präparat. Aber das sei jetzt aufgebraucht. Genau Zahlen erfahre ich hier nicht.

Gesundheitsstation an der Ostküste Tansanias. Gebäude, Hygiene Installation und Liste Covid-geimpfter Personen. Bild: Jäger Januar 2022

Auf die Frage, ob er (wie gerade bei meinem Besuch) häufiger Stromausfälle erlebe, antwortet der Arzt: ja, dass sei so, besonders, wenn es gewittere und stark regnen würde. Aber sie hätten ja für die Sicherheit ihrer Elektrogeräte einen Generator. Und warum der nicht laufe? Das werde sicher nicht lange dauern, denn sie hätten schon jemanden losgeschickt, um Diesel zu kaufen.

In einem etwas abgelegenen Gesundheitsposten durfte ich dann doch in die Bücher schauen: dort wurden von etwa 11.000 Inselbewohner:innen 11 geimpft. Waren das Risiko-Patient:innen, Alte oder Kranke? Nein, nein: jeder und jede, die oder der den Pieks haben wollte, um sich sicher zu fühlen, konnte den kostenfreien Impfstoff bekommen, solange er verfügbar war.

Masai-Heiler, der Corona noch nie gesehen hat, und auch kein Vorstellung davon hat, was ein Virus sein soll. Mit unsichtbaren Verursachern von Husten-Schnupfen-Heiserkeit kenne er sich aber aus. Die Rinde eines Baumes aus dem Norden helfe da super. (Bild: Jäger Januar 2022)

Zurück in Dar es Salaam

Wieder nach einer langen verschwitzten Busüberlandfahrt in meinem Hotel angelangt, fülle ich die Einreiseanmeldung für das RKI und mein Heimat-Gesundheitsamt aus. Ich erfahre, dass die Gültigkeitsdauer meines vier Monate zurückliegenden J&J-Impfzertifikats während meiner Reise vom deutschen Gesundheitsministerium von sechs auf drei Monate reduziert wurde. Somit gelte ich jetzt als ungeimpft. Die Airline ist an einem Impfstatus aber ohnehin nicht interessiert, sondern verlangt von allen, ob geboostert oder nicht, den Nachweis eines negativen PCR-Test-Ergebnisses.

Bei dem staatlichen Zentral-Labor erhalte ich umgehend einen Termin zum PCR-Test-Abstrich, bei dem alles so sauber, korrekt und professionell abläuft, wie in einem europäischen Testzentrum. Das Ergebnis am Folgetag ist positiv. Also muss ich erneut im Hotel einchecken, und den Flug umbuchen.

Man sagt mir im Telefon-Gespräch mit dem Labor, es geschehe manchmal, dass auch bei einem kern-gesunden Menschen der Test positiv ausfalle, weil das Virus mittlerweile endemisch sei. In vergleichbaren Fällen falle ein Kontrolltest bei symptomlosen Menschen ohne Infektionszeichen nach drei Tagen meist negativ aus. Folglich erhalte ich einen zweiten Termin drei Tage später, so dass der Abflug (bei negativem Ergebnis) ein Tag später erfolgen könne.

Mitfühlender Hotel-Service für positiv getestete Gäste. Heißer Ingwer-Zitronen-Aufguß zum Inhalieren und Gurgeln. Bild: Jäger, Januar 2022

Das Hotel-Personal fühlt mit und kümmert sich rührend. Covid-Erkrankte sehe man im Hotel selten. Im Dezember sei es einmal einer ganzen Familie unmittelbar nach der Einreise richtig schlecht gegangen, und man habe sie ins benachbarte Krankenhaus bringen müssen.

Es käme aber häufiger vor, dass Hotelgäste positiv getestet würden. Für diese Fälle gäbe es einen kosten-freien Service, der sich sehr bewährt hätte: Man stelle frisch gerebbelten Ingwer und Zitrone ins Zimmer. Beides solle man mit heißem Wasser aufgießen, den Dampf einatmen und gurgeln.

So liebevoll umsorgt, verbringe ich noch zwei Tage lesend und schwimmend am Pool. Eigentlich könnte ich die wunderschönen Sonnentage genießen.

Tue ich aber nicht. Stattdessen erinnere ich mich an den Soziologen Ivan Illich, der 1977 behauptete, die Zeit des natürlichen Sterbens sei vorbei. Und das, obwohl die Medikalisierung aller Lebensbereich damals erst langsam Fahrt aufnahm. Jetzt erlebe ich hautnah, dass die Zeit der natürlichen Gesundheit abgelaufen ist. Gesund ist nicht mehr, wer sich so fühlt, und deshalb keinen Bedarf verspürt, Gesundheitsprodukte zu konsumieren. Vielmehr gilt heute jemand als gesund (und damit für die Umwelt ungefährlich), wenn bei ihm (oder ihr) eine nicht durchschaubare Institution einen Marker bestimmt hat, dessen Aussagekraft und Grenzwerte im Dunkel liegen. Ich fühle mich ohnmächtig, wie die Figuren in Franz Kafka’s Roman „Der Prozess“: abhängig von einer absurden, lebensfeindlichen und sich verselbständigenden Bürokratie. Da ich nicht handeln kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als stoisch die Situation so anzunehmen, wie sie ist.

Covid-19-Testzentren in Dar es Salaam: Im Jahr 2020 vorgestelltes Gewimmel und 2022 eine beschaulich-ordentliche Sprechstunde im staatlichen Krankenhaus ohne Warteschlange (Bilder: Jäger Januar 2022, TingaTinga-Kunstmarkt und Sinza Palestina-Hospital)

Auch bei dem zweiten Test-Termin läuft alles sauber, ordentlich, penibel. Der junge Arzt arbeitet ohne Stress und befragt mich freundlich nach meinem (guten) Befinden, denn außer mir gibt es gerade keine weiteren Kunden.

Einen Tag später erhalte ich dann ein Testergebnis, das zu meinem erholten Gesundheitszustand passt. Damit darf ich dann bei der Airline online-einchecken.

Am Flughafen muss das negative PCR-Test Zertifikat der Gesundheitsbehörde vorgelegt und abgestempelt werden, sonst wird man nicht zum Check-in-Schalter vorgelassen. Auch die Airline ist an Impfung oder Impfzertifikaten nicht interessiert. Wichtig ist nur der negative PCR. Wer (dreimal geimpft oder geboostert) glaubt, auf den PCR verzichten zu können, gerät in erhebliche Schwierigkeiten. Später vor dem Boarding erklärt mir eine freundliche Mitarbeiterin des Boden-Personals, warum das so sei: Omikron werde doch von Geimpften, Geboosterten und Ungeimpften gleichermaßen übertragen, und das Virus wolle man nicht an Bord haben. Daher zähle nur der negative PCR.

Rückblick aus dem Hausarrest in Deutschland

In Afrika seien, so die offiziellen Zahlen, bisher elf Millionen „Infizierte“ gemeldet worden: also Personen, bei denen ein Covid-Test ausgefallen ist. Von diesen seien etwa 200.000 Menschen verstorben (Quelle: CDC Afrika). Wäre ich am Ende meiner Reise in Dar es Saalam bei einem Autounfall umgekommen, hätte man mich (mit meinem positivem PCR-Ergebnis) dazu gezählt.

In einigen afrikanischen Ländern sollen die Shut-down-Maßnahmen zu teilweise heftigen gesellschaftlichen Folgen geführt haben (Oxfam, 17.01.2022). In Tansania habe ich davon nichts bemerkt. Das Land hat viele Probleme, aber ob das Corona-Virus (oder die Maßnahmen zu seiner Eindämmung) dort zu den prioritären Problemen zählen, bezweifele ich.

Auf meiner Reise ist mir niemand hustend oder verschnupft aufgefallen. Von psychischen Störungen, die Coronaepidemien in anderen Ländern begleiten, habe ich auch nichts wahrgenommen. In allen Gesprächen zu medizinischen Themen wurde mir erklärt, dass es zur Zeit keine erkennbare Epidemie gäbe. Offizielle (Melde-)Zahlen seien sehr dünn und nicht aussagefähig. Man können weder begründet eine Gefahr zu behaupten oder auszuschließen. Aussagekräftige Studien konnte man mir auf meine Nachfragen nicht nennen. Möglicherweise, sagten mir Ärzt:innen, seien Corona-Varianten 2020 und 2021 in Wellen durchs Land gelaufen. Dabei habe sich die Bevölkerung vermutlich millionenfach infiziert, was bei milden Krankheitserscheinungen möglicherweise zu einer hohen Immunisierung geführt habe. Die Viren seien also mittlerweile endemisch verbreitet.

Den epidemiologischen Sinn der Covid-Impf-Kampagne konnte man mir in Tansania nicht erklären. Wenn „J&J“, und die alternativen russischen und chinesischen Impfstoffe, nur wenige Monate wirken sollen, was könnte dann das rationale Ziel dieser unsystematisch durchgeführten Aktion sein? Die Virusverbreitung verlangsamen? Die Zahl der Todesfälle bei Gefährdeten senken? Wer könnte das überpüfen?

Die gutgemeinte Forderung nach Freigabe der Impfpatente (PHMovement) u.a. für afrikanische Länder (um die Coronaimpfungen für sie verfügbarer zu machen) stehe ich nach der Reise noch skeptischer gegenüber als vorher. Denn für die mRNA-Technologie müsste erst eine riesige Kühlinfrastruktur aufgebaut werden. Das bedeutete bei der Instabilität des Stromnetzes außerhalb der großen Städte ein gewaltiges Investitions-Programm, von dem in erster Linie Firmen und Organisationen der industrialisierten Länder Institutionen des Nordens profitieren würden. Dann müsste man die Sicherheit und den Betrieb von aufzubauenden Produktionsanlagen garantieren, Kühlketten aufzubauen, für die nötige Ausbildung sorgen uva. Und außerdem kann erfahrungsgemäß jeder Piecks in suboptimalen, ungenügend kontrollierten Gesundheitseinrichtungen, auch Risiken mit sich bringen. (Mehr)

Aber die internationale Gemeinschaft hat offenbar ein klares Impfziel für Afrika vor Augen. Die NZZ schrieb am 15.02.2022, die WHO gehe davon aus, dass man die „die gesamte Weltbevölkerung impfen (müsse), um die Pandemie zu beenden … Die EU strebe bis 2023 eine weltweite Impfquote von 70 Prozent an. Bis Ende Juni 2022 wolle die EU die Lieferung von insgesamt 700 Millionen Dosen in die Entwicklungsländer abgeschlossen haben. Besonders für Afrika werde jedoch noch zu wenig getan. Daher wolle die EU bis zum EU-Afrika-Gipfel am 17. und 18. Februar ein zusätzliches Paket zur Impfunterstützung auf dem Kontinent verabschieden.“

Vielleicht hat die SPD Vorsitzende Saskia Esken ja Recht mit ihrer Einschätzung, dass der Impfstoff gerade deshalb so sicher sei, weil er „an Milliarden von Menschen getestet wurde, sozusagen in einem großen Feldversuch auf der ganzen Welt“. (ZDF Morgenmagazin, 27.12.2021, Video nicht mehr verfügbar).

Letzte Aktualisierung: 01.02.2022