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Religiöse Renaissance?

Persönliche Erfahrungen mit dem Islam und dem Christentum im Süden Tansanias.

Sehnsucht nach Sinn

Im Feudalismus ließen sich die Könige von katholischen Priestern begleiten, so wie zuvor die keltischen Fürsten von Druiden. Diese Spezialisten für das Überirdische segneten die heiligen Kriege, in der Gewissheit, dass Gott auf ihrer Seite stand. Das aufstrebende Bürgertum war weniger an gottgefälligen Werken interessiert, sondern vor allem an einem Volk, das an die Alternativlosigkeit von entfremdeter Arbeit und Ausbeutung glaubte. Dafür standen den frühen Kapitalisten dann protestantische oder jüdische Geistliche zur Seite. Sie predigten die Pflicht zur Knechtschaft im irdischen Jammertal, und beteten für die Gewinne der „Pfeffersäcke“.

Frömmigkeit. Bild: Rien Poortvliet: Das Erbe, Paul Prey Verlag. ISBN 3-490-44111-7

Andere staatstragende Religionen, wie der chinesische Konfuzianismus, der indische Buddhismus oder der persisch-geprägte Islam, hatten angesichts des Aufgehens der kapitalistischen Hefe immer weniger zu bieten. Sie gerieten ins Hintertreffen.

Ihre Gesellschaften wurden von seelenlos-wertefreie-unmoralischem Profitstreben überrollt. Es schien nur eine Frage kurzer Zeit zu sein, bis auch in rückständigen Regionen, das Erstrahlen des kapitalistischen Konsumfeuerwerks mit seinen bunten Facetten die mittelalterlich-merkantil-geprägten Religionen wegspülen würde. Selbst in den Ölscheich-Republiken, weil dort kapitalistische Wachstumsgier und mittelalterlicher Fundamentalismus theoretisch zu Konflikten führen müssten.

Aber diese Hoffnungen des kapitalistisch geprägten Nord-Westens erwiesen sich als Trugschluss.

Während in den industrialisierten Ländern nach dem Niedergang klassischer Religionen nach Ersatz gesucht wird, erlebte der totgesagte Konfuzianismus eine Auferstehung. (Gesundheitskult und Tianxia). In China versucht man (gemäß des asiatisch-antiken Bildes eines fröhlichen Jungen auf einem braven Ochsen) dem Kapitalismus ein moralisches Kontrollsystem überzustülpen. Im Westen dagegen lies man den sich immer größer aufblähenden Stier frei herumlaufen, ohne dass es jemand wagte, ihm einen Nasenring anzulegen.

Der häufig totgesagte und als Terror-Brutstätte bekämpfte Islam scheint sich erstaunlicherweise weiter zu verbreiten, obwohl er doch eigentlich für die Moderne wenig zu bieten hat. Jedenfalls zerbrach die Ayatollah-Herrschaft im Iran weder durch Krieg noch durch Sanktionen. Und keines der Ziele der Interventionskriege des Westens im Irak, Libyen, Syrien, Jemen wurde erreicht. In Afghanistan erlebte die amerikanisch-europäische Allianz 2021 ihre größte Niederlage seit Vietnam. Und 2022 muss sich der Westen auch aus Mali zurückziehen. Der „Krieg gegen den Terror“, den die USA nach den Ereignissen des 09.11.2001 anzettelten, verlief zwar äußerst blutig, teuer, verlustreich und zerstörerisch (IPPNW 2020, Guillard 2021). Aber er blieb erfolglos.

Der Kapitalismus westlicher Prägung steckt in der Klemme.

Erfunden wurde der Kapitalismus vor über vierhundert Jahren in Amsterdam von gottesfürchtigen Kaufleuten. Bis heute herrscht er weltweit als dominierende Gesellschaftsform. Aber spätestens seit Anfang des zweiten Jahrtausends ist er mit einem Gleichgewicht der Biosphäre nicht mehr vereinbar. (Kraus 2020). Der Versuch das Wesen des Kapitalismus („grenzenloses Wachstum“) durch einen „Großen Umbruch (Great Re-Set)“ zu retten, wirkt deshalb hilflos.

Denn auch ein „digital-grün-ökologisch-nachhaltiges Wachstum“ wird (solange es wächst) die Lebensgrundlagen der Biosphäre in erdgeschichtlich relativ kurzer Zeit zerstören. Der amerikanisch-geführte Re-Set könnte die Fahrt in Richtung Kollaps sogar noch beschleunigen. Weil das Wachstum nicht abgebremst, sondern nur in andere profitable Bahnen gelenkt wird. Angesichts absehbarer Katastrophen fehlt dem christlich-westlichen Kapitalismus ein ethisch moralischer Überbau. Kultische Handlungen, die auf der „nackten Angst vor dem Tod“ beruhen und den Wert von „Gesundheit“ überhöhen, können den Mangel an friedlichen Visionen (für alle Lebensformen auf diesem Planeten) nicht ersetzen.

Mutter-Gottes-Religion (Magna Mater), die Konstantin I (306-337) mit dem Ur-Christentum verschmolz. Foto: Griechisch-Orthodoxe Kirche in Dar es Salaam, Jäger 2020

Möglichkeiten religiöser Renaissance?

Eigentlich müssten sich in dieser instabilen Phase der Menschheitsentwicklung den Religionen Chancen bieten: Denn die Sehnsucht nach Spiritualität wächst um so stärker, je mehr das, was geschieht, nicht mehr verstanden wird. Menschen brauchen gerade dann Visionen, wenn der Sinn verloren geht.

Papst Franziskus hat das erkannt, und benennt die existentiellen Krisen des westlichen Erfolgsmodells in seinen Enzykliken Fratelli tutti (3. Oktober 2020) und Laudato si‘ (24. Mai 2015). Aber den gutgemeinten Appellen folgen keine konsequenten Lösungsvorschläge, die die Wurzel des Übels (den Wachstumswahn des herrschenden Wirtschaftsmodells) betreffen würden. Von einer Neuauflage einer katholischen Befreiungstheologie, die auf der Seite der Armen den Kampf gegen Ausbeutung, Naturvernichtung und Profitgier aufnehmen würde, bleibt er weit entfernt.

Und das herrschende Finanz- und Industrie-Kapital interessiert sich ohnehin nicht mehr für die katholische Moral.

Besitzt vielleicht der Islam ein Potential für eine grundlegende Erneuerung, die ihn befähigen würde, den Kapitalismus sinnvoll zu kontrollieren?

Hass-Ideologie: Plakat-Titel „Giants of the World – Die Giganten dieser Welt“. Links: Fidel Castro, rechts Adolf Hitler. In der Mitte Osama Bin Laden, neben Muammar sl-Gaddhafi und Sadam Hussein. Wenn sie überhaupt etwas gemeinsam hatten, dann: über Leichen gehen, um ihre Macht zu erhalten. Bild: Jäger, Januar 2020, aufgenommen in einem Laden in Dar es Salaam, der Holz-Skulpturen der Makonde aus Süd-Tansania verkaufte.

Könnte er (ähnlich wie der Konfuzianismus) einen über dem Kapitalismus stehenden politisch-psychologischer Überbau bilden? So wie sein Gott im Mittelalter über der feudalen Wirtschaftsordnung stand? Oder wie es Michael Houellebecq in seinem Roman „Die Unterwerfung“ als reale Schreckensvision inszeniert?

Die gewalttätigen, frauen-feindlichen, reaktionären Dunkelmänner, die sich islamisch nennen, und die in vielen Ländern die Herrschaft an sich gerissen haben, lassen viele (auch mich) angesichts dieser Entwicklungs-Möglichkeit der Geschichte erschauern.

Es ist aber unverkennbar, dass der Islam sich auszubreiten scheint. Das kann nicht am Terror liegen, denn rohe Gewalt ist eher ein Krankheitszeichen, dass Hilflosigkeit und Schwäche signalisiert: Das Um-sich-schlagen einer sterbenden Ideologie.

Wenn der Islam „die Herzen“ vieler „normaler“ Menschen erreicht, muss es auch andere psychologische Gründe für seinen Erfolg geben. Und die würden nicht nur Männer, sondern möglicherweise auch Frauen betreffen.

Solche Zusammenhänge möchte ich besser verstehen.

Ich bin neugierig, wie sich das menschliche Bewusstsein in dieser weltweiten Notlage entwickeln könnte. Und so denke ich über weit zurückliegende Erfahrungen nach, und über aktuelle Eindrücke aus dem Süden Tansanias:

Artikel, Literatur, Links

Zur Zukunft abrahamitischer Religionen

Reise ins Hochrisikogebiet

Letzte Aktualisierung: 16.03.2022