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Schwangere und Kinder schützen

Menschen sind geprägt durch Liebe und Beziehung.

Die Entwicklung eines Menschen wird bestimmt durch den Zeitraum vor, während und nach der Geburt. Der Verlauf der ersten 1000 Tage ist entscheidend für das ganze Leben.

Die Bedeutung der Schwangerschaft

Vor der Geburt besteht ein Organismus, in dem eine ungetrennte Zweiheit keimt. Es gibt weder anatomisch noch physiologisch eine Mutter, die von einem Kind getrennt wäre, sondern einen Menschen in einem hochkomplexen Zustand, der sich auf eine spätere Trennung vorbereitet. Diese eine Form des Lebens besteht, bis sie durch einen äußeren Eingriff oder durch die Geburt getrennt wird.

Dieser Zustand ist im Detail unfassbar. Vergleichbar vielleicht mit der Kernteilung (Mitose) in einem einzelligen Lebewesen. Dabei wird im Inneren eine Teilung vorbereitet, während die äußere und die innere Struktur so lange ungetrennt bleiben, bis neue Funktionen ausgereift sind.

Hélène Delforge, Quentin Gréban: Mama. Ars edition, München 2019, ISBN 978-3-8458-2992-0

Während der Schwangerschaft gleicht der Fötus einem Organ (wie dem Gehirn), das durch eine (wenige Zellen dünne) Membran begrenzt wird. Mit allen anderen Organen ist es untrennbar im Stoffwechsel verbunden, wird von ihnen durchdrungen und geprägt.

Eine ähnliche Einheit anatomisch getrennter Organe besteht zwischen den beiden Großhirnhälften erwachsener Menschen, die unabhängig voneinander agieren können, und doch untrennbar verbunden sind, in natürlicher Funktion und Wechselwirkung harmonisch zusammenklingen.

Das ruhige Zusammenwirken aller Körperfunktionen einer Frau ist die Grundlage für das Entstehen ungestörter, komplexer Schwingungen, Rhythmen, Modulation und Klangfarben, die für Leben typisch sind. Denn aus einer endlichen Anzahl einzelner Elemente entstehen unendliche Kombinationen.

Die Entwicklung wachsenden Lebens wird von allen Körperfunktionen, deren Wechselwirkungen und der Umwelt geprägt. Schädigende Einwirkungen können sich in dieser verletzlichen Lebensphase lebenslang auswirken. Stress kann beim Fötus zu kurz- und langfristigen neurologischen Entwicklungsverzögerungen führen oder die Anfälligkeit für psychische Störungen in der späteren Kindheit erhöhen.

Die Feten durchlaufen gegen Ende der Schwangerschaft eine sehr sensible Phase der epigenetischen, neuronalen, hormonalen, genitalen, und immunologischen Entwicklung. Schädigungen in diesem Zeitraum beeinflussen u. v. a. die genetische Ausprägung von Erbanlagen.

Umweltgifte, Medikamente und deren Zusatzstoffe verändern die Immunfunktion der Schwangeren. Sie verschlechtern die Chancen für die Immunentwicklung nach der Geburt.

Ob und wie externe Einflüsse stören, zählt meist zum „unbekannten Nichtwissen“. Besonders wenn sie auf Funktionszusammenhänge im Zellkern und in den Mitochondrien wirken. Bei medizinischen Interventionen in hochkomplexe Zusammenhänge ist der Nutzen oft fraglich. Oft sind die möglichen Schäden und Wechselwirkungen nicht untersucht und wirken sich ggf. lebenslang aus.

Der Schutz schwangerer Frauen hat daher einen besonders hohen Stellenwert. Daher hat – besonders während der Schwangerschaft – der Grundsatz medizinischen Handelns eine herausragende Bedeutung: „Zuerst nicht schaden!

Geburt, Trennung und innige Beziehung

Die Geburt verwandelt eine ungetrennte Einheit in eine Beziehung zweier selbstständiger Wesen (Symbiose). So, als entstünde aus einem Klang mit unterschiedlichen Begleitschwingungen eine Resonanz der Klänge zweier Instrumente.

Vor der Geburt bereiten sie die unterschiedlichen Körperfunktionen allmählich auf eine Trennung vor. Sie wird vollzogen, wenn die Hirnfunktionen der Mutter und des Kindes sich schlagartig verändern, noch während die Nabelschnur pulsiert (Abfall des Dopamin- und Endorphinspiegels bei der Mutter und Anschalten der Flutlichtanlage im Gehirn des Kindes). Im Gegensatz zu allen Schafen oder Kühen, lassen große Affen die Nabelschnur auspulsieren, während sie das Kind annehmen.

Bevor das Kind wirklich komplett getrennt ist, und bevor das kindliche Herz die Sauerstoffversorgung des Gehirns vollkommen übernimmt, bildet sich eine neue Qualität einer Beziehung aus zwei (anatomisch getrennten) Leben, die weiterhin psychologisch eine Einheit bilden werden. Die Beziehung wird gleichermaßen in Wechselwirkung im Gehirn der Frau wie in der des Kindes geprägt, u. a. durch die Ausschüttung der Hirnhormone Oxytozin und Vasopressin. Sie sorgen dabei für zweierlei: eine starke Bindung nach innen und eine starke Abwehr nach außen.

Die frühe Prägung der Atmung im Uterus erklärt, warum Ausatmung beruhigt: Denn beim „Fruchtwasser-Auspusten“ spielte der Fetus nur, wenn das Umfeld gerade weich und die Atmung der schlafenden oder ruhenden Schwangeren langsam und gleichförmig ausatmete. Deshalb wird das Kind nach der Geburt durch eine lange Ausatmung der Mutter beruhigt: durch Flüstern, Singen, Babysprache, Lautmalereien oder Schmerz-Wegpusten. Ausatmen bleibt zeitlebens eine der wichtigsten menschentypischen Kommunikationsformen. Lange vor der Ausbildung von Worten.

Lange vor der Geburt wurde im Fetus die Fähigkeit trainiert, Einatmung geschehen zu lassen und aktiv auszuatmen: In Ruhephasen der Schwangeren erwacht der Fetus und dehnt sich mit den Beinchen aus und reckt sich in die dann weichen Bauchdecken. Dadurch entsteht ein passiver Zug am Beckenboden, der einen Unterdruck erzeugt, der Fruchtwasser einströmen lässt. Allmählich bildet sich dann ein Hirnaktivitätsmuster aus, das zur Ausstoßung des Fruchtwassers führt. „Ein“ erfolgt in diesem Spiel weitgehend passiv, das dagegen „Aus“ erfordert, wird aktiv gestaltet. Menschen, die überwiegend sitzen, ist dieses Grundmuster fremd.

Innige Beziehung (Bild Jäger 2015)

Wenn wir laufen, können wir es bewusst beobachten. Die Beckenbodenaktion lässt die Luft einströmen, das Auspusten kann bewusst variiert werden. Der Rhythmus der Atmung und das Gehen bleiben zeitlebens eng verzahnt: Andante (italienisch für ‚gehend‘) bezeichnet ein bewegt langsames Tempo der Musik, das sich wie ein ruhiges, gleichmäßiges Schritttempo anfühlt.

Das Neugeborene erlebt im Fluss der Ausatmung die Entspannung aufgedehnter Faszien (z. B. im Beckenboden) und löst die Muskelaktivität von Mund und Rachen. Dann entdeckt es reflexartig, dass bei aktivem Auspusten gewaltige Geräusche entstehen können, die Erwachsene zum Handeln zwingen.

Wird es dann beruhigt, entdeckt das Kind als Nächstes, dass es auch möglich ist, den Mund beim Ausatmen vollkommen gelöst geschlossen zu lassen, wobei eine leichte Vibration entsteht (mmmmmm). Wenig später öffnet es zufällig den Mund ganz weit und erlebt ausatmend ein Geräusch (aaaaaaaaaa), und schließlich kombiniert es dann beides, und daraus entsteht weltweit das Gleiche: mmmaaa mmmaaa mmmaaa mmmaaa. Aber natürlich nur in inniger Beziehung zu Mutter (denn sonst würde es schreien oder erstarren).

Erst später entstehen daraus allmählich mmmuuu oder mmmiii oder mmmooo (als Kombination aus a und u) und schließlich die Vielzahl möglicher Variationen von Vokalen und Konsonanten, aus denen sich dann, wie aus Bauklötzchen, erste stammelnde Worte oder Baby-Melodien formen (Tönen).

Beim Kind sorgt die Dehnung der Lungen für die Umstellung des Kreislaufsystems. Sein Gehirn beginnt, durchflutet von Noradrenalin, Informationen aufzusaugen wie ein Schwamm. Nerven, Bewegungsapparat und innere Regulationskreise beginnen sich in ständiger Rückkopplung auszubilden. Die Zellrhythmen differenzieren sich, und mit ihnen entwickeln sich Darmfunktion und Immunsystem.

Auch die Mutter erlebt eine drastische Umstellungsphase: Die Östrogen-, Progesteron- und Cortisolspiegel fallen ab, und die Adaptation an das Leben ohne Schwangerschaft verändert das Gehirn und die Immunfunktion.

Beide Beziehungspartner, die sich jetzt aufeinander einstellen müssen, sind anfangs instabil, verletzlich und schutzbedürftig.

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Letzte Aktualisierung: 18.07.2026