1. Home
  2. /
  3. Blog
  4. /
  5. Selber denken in der...

Selber denken in der Krise

Wichtig ist: nicht aufhören zu fragen. The important thing is not to stop questioning. Curiosity has its own reason for existence. Einstein

Meist denken wir fremd.

Und tun das, was wir sollen – dem folgend, was aufgeschrieben wurde.

Wir glauben denen, die die Wahrheit kennen. Reagieren auf Herausforderungen mit angelernten Handlungsroutinen. Halten uns an Anweisungen. Und hoffen, dass es „so“ gut wird.

Fragen offenbaren Unsicherheit.

Befehlen folgen und handeln geschieht ohne Zeitverlust. Im Gegensatz zu Innehalten und sich interessiert umschauen.

Fragen werden daher nur toleriert, wenn genügend Zeit zur Verfügung zu stehen scheint. Oder wenn Unwissende Antworten suchen, die andere seit langem besitzen. Wird aber etwas, was allgemein als „richtig“ akzeptiert wurde, hinterfragt, macht man sich unbeliebt. Denn Zweifel, an dem was getan werden muss, könnten Problemlösungen verzögern, oder gar die Sicherheit einer gewohnten Weltsicht ins Wanken bringen.

Entweder ist es richtig, falsch, sinnlos oder imaginär. G. Spencer-Brown

Wenn immer alles es so ist, wie es war, wären Fragen überflüssig. Taucht aber plötzlich eine Situation auf, die es so noch nicht gegeben hat, versagen Weisheiten, die nur auf vergangenen Denkmustern beruhen.

An solchen Weggabelungen kann man stehenbleiben und staunen. Und erkennen, dass etwas (noch) nicht verstanden wird.

Bieten die gewohnten Gewissheiten dann keine Lösung, sind neue Ideen nötig. Also entstehen aus Fragen Erklärungsmodelle, die ausprobiert werden, sich als fehlerhaft erweisen, zu neuen Fragen führen, und zu veränderten Experimenten. 

Ausprobieren macht Spaß. Ohne die vielen offenen Fragen gäbe es nur Religionen, und keine Wissenschaft. (Rovelli 2019).   

„Betrachte die Welt von einem anderen Standpunkt“ „Take the world from another point of view“  Interview (Video) Richard Feynman (1918-1988)

Meditative Ruhe? Archaische Bedrohung? Nur Sand, Muscheln, Steine?
Bewertungen sind nur im Innern des Betrachters. Bild Jäger, Juist 2019

Die Kunst des Fragens

Die Grundlage jeder guten Frage ist „Nicht-Wissen“. Niemand hat je etwas gelernt, was er vorher schon wusste.

Am besten sind Fragen gepaart mit Neugier, um etwas herauszufinden. Sobald jemand aber glaubt zu wissen, wie es „wirklich“ sei, stirbt der Entdeckerdrang. Werden dagegen neue Fenster aufgestoßen, eröffnet sich eine neue unbekannte Welt, in der wieder neue Fragen aufkeimen.

Es gehört Mut dazu, Un-sicherheit ertragen, und über die eigene Beschränktheit zu lachen. Allerdings kann das Wissen um Nicht-Wissen auch zufrieden machen: weil es den Freiheitsraum erweitert.

Neugierig forschende Menschen fühlen sich auch in Situationen wohl, in denen andere Einsamkeit empfinden würden. Und sie haben weniger Bedarf an besserwissenden Dogmen und esoterisch-religiösem Geschwurbele. (Kanazawa 2015, 2016)

Gerade in Gefahr: Fragen!

statt: vorschnell antworten.

Bei Covid-19 geschah 2020/2021 das Gegenteil: hektischer Aktionismus, Tunnelblick, Dogma, politischen Dampf, Kampf-Euphorie, Kriegs-Metapher, Stress.

Zusammenhänge, Beziehungen und Wechselwirkungen waren unwichtig. Stattdessen wurde und wird „gegen“ etwas gekämpft: gegen Probleme, Mikroben, Terroristen oder Andersgläubige.

Diejenigen, die den Priester:innen der offiziellen Wahrheiten nicht folgen, organisieren sich in Sekten, die gegen übermächtige Kirchen zu kämpfen glauben. In diesem Kampf des gegenseitigen Besser-Wissens, bleibt nur wenig Raum für vorurteils-freies Fragen:

“ .. Durch die Epidemie ist es zu einer Fragmentierung der Gesellschaft in Gruppen („Clans“) gekommen, die sich in erster Linie in der Abgrenzung gegenüber dem „Außen“ stabilisieren und das Interesse an der Integration discordanter, „nicht passender“ Meinungen verloren haben. .. Die dabei ins Spiel kommende Vorstellung von Wissenschaft als geschlossene Faktenordnung mit direkt ableitbaren Handlungsanweisungen beruht auf einem szientistischen ( und solutionistischen) Missverständnis dessen, was Wissenschaft darstellt – nämlich das konstitutive Prinzip des systematischen Zweifels, dass Wissenschaft als plurales Wissensregime ausmacht. Dieses Missverständnis erfüllt eine relativ präzise zu benennende politische Funktion: nämlich die der argumentativen Schließung und der Abwehr bzw. Abwertung von Kritik.“ Thesenpapier 7.0, Schrappe et.al 10.01.2021

Wahrheit und Lüge

Immer neue Realitäten entstehen, entfalten sich und werden wirklich. „Wahrheit“ oder „Unwahrheit“ dagegen sind, statisch, auf Vergangenes bezogen. Sie werden in dem Moment, in dem sie ausgesprochen werden, aktiv erstellt. Kinder erlernen diese Fähigkeiten mit etwa vier Jahren. Sie sind dann in der Lage, Kasperletheater zu verstehen,

D.h. sie können sich vorstellen, was im Kopf eines anderen vorgeht, der darüber nachdenkt, was sie wohl denken oder fühlen mögen. Ab diesem Zeitalter sind sie auch für Wahrheiten empfänglich. Sie lauschen den Botschaften von Lehrern und Eltern, die ihnen erklären, dass die Welt eben nicht so sei, wie sie von ihnen subjektiv erfahren wird, oder in ihrer Fantasie entsteht. Sondern vielmehr so, wie sie nach den Lebensmodellen der Erwachsenen zu sein hat.

Auch die Realität einer Pandemie ist nicht: sie wird. Sie entwickelt und verändert sich. Man kann solche dynamischen Prozesse begleiten, und, aus dem jeweils subjektiven Blickwinkel, die vielen Einflussfaktoren betrachten, denen sie unterworfen sind.

Unterschiedliche Bewertungen sind dann weder „wahr“ noch „unwahr“, sondern nur relativ plausibel oder relativ unwahrscheinlich.

Als (wahrscheinlich) „wahr“ kann man aus wissenschaftlicher Sicht nur bezeichnen, was nach zahllosen Überprüfungen bisher nicht widerlegt werden konnte. Zum Beispiel bestimmte Naturgesetze, die zu immer wieder gleichen Mess-Resultaten führen. Wir können deshalb annehmen, dass die Welt immer wieder, im Rahmen dieser Gesetzmäßigkeiten, neu entsteht.

Eine ganz andere Möglichkeit, etwas als „wahr“ zu erkennen, wäre die körperliche Wahrnehmung: In einem Moment die Dynamik und die Facetten des eigenen Selbst und des Umfeldes zu erleben und sich zu verbinden.

Sinkende Qualität kritischer Diskurse in Krisen

In Panik und in Stress kann man nicht kommunizieren. (s.u.: Vagus)

Man greift an, flieht oder bricht zusammen. In diesem Zustand können Information nicht sinnvoll verarbeitet werden. Man brüllt, um Macht zu demonstrieren, aber nicht um Erkenntnisse zu vermitteln,

Angst kann in ein anderes Gefühl gewandelt werden: in Neugier zum Beispiel. Auch dafür sind Informationen nicht hilfreich, sondern Sicherheit und Vertrauen.

Wird Angst nicht beruhigt, muss man sich an Scheinsicherheiten klammern: Ideologien, Dogmen, Rituale und Regeln.

Wenn es aber gelingt Angst ausklingen zu lassen, kann sich die Aufmerksamkeit weit öffnen, die Möglichkeiten wahrnehmen oder auf die Details zu schauen. Jetzt erst könnte man auf einer ruhigen und respektvollen Basis in einen Dialog treten, bei dem das Zuhören (um zu lernen) eine höhere Bedeutung erhielte, als das sagen (um zu überzeugen).

Diese Art wissenschaflicher Diskurse verarmt in unserer Gesellschaft. Und das besonders dramatisch in der Krise. Warum sind Wissenschaftler:innen so oft unfähig sind fruchtbare Diskurse zu führen?

Graphik Jäger 2020, angelehnt an einen Essay von Edgar Wunder, 1998

Der Soziologe Edgar Wunder nennt die Kommunikationsstörung unter Wissenschaftler:innen „Skeptisches Syndrom“, und beschreibt damit einen Konflikt zwischen der inneren Einstellung und dem was, von Außen als Information, Erklärungsmodell, Hypothese herangetragen wird.

In der Graphik symbolisiert „Innen“ die eigene Einstellung, zwischen dogmatischer Enge und vorurteilsfreien, offenem Weitblick.

„Außen“ symbolisiert eine Idee, die im Gespräch oder über ein Medium herangetragen wird, und der man entweder zustimmen kann oder nicht.

Daraus ergeben sich vier Möglichkeiten des Kommunikationsverhaltens

  • Links oben: Bestätigung im Glauben etwas zu wissen.
  • Links unten: Falsches erkennen. Entweder überzeugen oder bekämpfen.
  • Rechts oben: Ausprobieren, weil es tatsächlich „so“ sein könnte.
  • Rechts unten: Neugierig gemeinsam etwas untersuchen und erforschen.  

Die Wirklichkeit wissenschaftlicher Diskussion rund um die Pandemie 2020/2021 sind verkeilt im unteren linken Feld. Welche Möglichkeiten bieten sich an, das zu verändern?

Mehr

Empfehlungen für kritisches Denken

gekürzt und sinnbemäß übersetzt

Bertrand Russel, 1872-1970

  1. Nie absolut sicher sein.
  2. Keine Evidenz vertuschen.
  3. Nie Denken abwürgen.
  4. Rational (emotionsberuhig und ideologie-arm) argumentieren.
  5. Kein Respekt haben vor Autoritäten.
  6. Keine Macht nutzen, um Meinungen zu unterdrücken
  7. Keine Angst haben exzentrisch zu erscheinen, denn jede akzeptierte Meinung war einmal exzentrisch.
  8. Mehr Spaß haben an intelligentem Dissens, als an passiver Zustimmung.
  9. Bei der eigenen Wahrheit bleiben.
  10. Nicht neidisch sein auf das Glück der Narren, die sich im Paradies des Wissens glauben.

Carl Sagan (1934-1996): Rules for Bullshit-Busting and Critical Thinking

  1. Unabhängige Bestätigung der „Fakten“.
  2. Alle sachkundigen Standpunkte einbeziehen.
  3. Wissenschaft kennt keine „Autoritäten“.
  4. Mehrere Hypothesen ausprobieren und verfolgen.
  5. Nicht (zu sehr) an einer Hypothese festklammern.
  6. Es messen, um es zu vergleichen.
  7. Prüfen, ob jedes Glied einer Argumentationskette funktioniert.
  8. Occam’s Rasiermesser anwenden: Im Zweifel die einfachere Hypothese wählen.
  9. Hypothesen versuchen zu widerlegen, besonders die liebgewonnenen.

Einstein

  • Imagination is more important than knowledge. Knowledge is limited. Imagination encircles the world.
  • It’s not that I’m so smart, it’s just that I stay with problems longer.
  • Great spirits have always encountered violent opposition from mediocre minds.
  • I believe in intuitions and inspirations. I sometimes feel that I am right. I do not know that I am.

 Literatur

  • Kanazawa S. et al: Happiness in modern society: Why intelligence and ethnic composition matter. J of Research in Personality, 59(2015):111-120
  • Kanazawa S  et al Country roads, take me home… to my friends: How intelligence, population density, and friendship affect modern happiness. Br J Psychol. 2016 Nov;107(4):675-697
  • Rovelli C: Die Geburt der Wissenschaft, Anaximander und sein Erbe. Rowohlt 2019
  • Schrappe M: Thesenpapier 7.0, 10.01.2021
  • Wunder E: Skeptic Syndrome 1998 / 2019, veröffentlicht auf skeptizismus.de (zurzeit nicht erreichbar).  PDF-Download
Letzte Aktualisierung: 15.01.2021