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Selber Denken in Informationskriegen

Kriegsführer erzählen von den Guten und dem Bösen:

  • Dort vor uns steht ein Feind.
  • Er versteht nur die Sprache der Gewalt.
  • Er muss isoliert, bekämpft und vernichtet werden.
  • Kriegführen ist alternativlos.
  • Unser Sieg rechtfertigt Mittel und Schäden.

Die Massen haben nie nach der Wahrheit gedürstet. Sie wenden sich von Beweisen ab, die nicht nach ihrem Geschmack sind, und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn der Irrtum sie verführt. Wer sie mit Illusionen versorgen kann, ist leicht ihr Meister; wer versucht, ihre Illusionen zu zerstören, ist immer ihr Opfer. Gustave le Bon (1841-1931), sinngemäß übersetzt.

Kriege produzieren Antworten

und blockieren Fragen. Das ist hochgefährlich.

The important thing is not to stop questioning.
Albert Einstein

NZZ vom 23.03.2022: „Als Russland am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, wurden nicht nur weitreichende Wirtschaftssanktionen beschlossen und Militärbudgets aufgestockt. Auch die Tech-Riesen reagierten. Google und der Facebook-Mutterkonzern Meta schlossen russische Staatsmedien von der Möglichkeit aus, auf ihren Plattformen durch Werbung Geld zu verdienen. Dann sperrten sie die Kanäle der Kreml-Auslandssender Russia Today und Sputnik für Nutzer in europäischen Ländern. Endlich nimmt der Westen den Informationskrieg ernst. Doch Zensur ist der falsche Weg.“

Der Fixierung auf einen Feind folgt zielorientiertes Handeln: gegen Krebs, gegen Bakterien, gegen Viren, gegen Schädlinge, gegen Terroristen, gegen Imperien, gegen Psychopathen, gegen Religionen oder gegen Schurken-Staaten. Über-Informationen, Marketing, PR oder Propaganda verkünden Wahrheiten oder Halb-Wahrheiten und entlarven die Lügen der Gegenseite.

Des-Information, Verschweigen, Verdrehen, Über-Höhen und Deep-Fake-News gehören dabei zum legitimen Waffenarsenal. Denn Angst und Schrecken bewirken, dass auch Zögerliche schließlich so handeln, wie sie sollen. Es entsteht eine Problemlöse-Trance, in der nur das von Bedeutung ist, was im Scheinwerfer-Kegel steht, während die Bühne im Dunkel versinkt.

Internet und Massenmedien sind die hocheffizienten Massenablenkungswaffen der Moderne:

If you can’t convince them: confuse them! Wenn du sie nicht überzeugen kannst: Verwirre sie!“ Murphy’s law

In Kriegen ruhig bleiben?

Ruhe, Zurücktreten, Abstand, Reflektieren, Hinterfragen, Umschau, Weitblick sind unnötig, wenn das Böse eindeutig zu sein scheint. Denn bei unmittelbarer Gefahr ist Zaudern nicht erlaubt.

Die Suche nach friedlichen Möglichkeiten und gewaltfreien Alternativen bleiben in Kriegen solange uninteressant, wie noch genügend Waffen zur Verfügung stehen. Die Realität in ihrer ganzen Komplexität betrachten höchstens Heer-Führer oder Chefärzt:innen. Soldat:innen oder Patient:innen bleiben die wirklichen Zusammenhänge verborgen.

Meist denken wir fremd.

Meist tun wir das, was wir sollen. Wir folgen, dem was irgendwo aufgeschrieben wurde. Wie Kinder, denen eingebläut wurde, die einzig richtige Lösung stünde immer im Kleingedruckten am Ende des Übungsbuches. Man müsse also nur Auswendiglernen, was Besser-Wissende als Wahrheit verkünden.

Fast alle Menschen glauben deshalb viele eindeutige Wahrheiten zu kennen. Und sie reagieren auf die täglichen Herausforderungen mit angelernten Handlungsroutinen. Sie halten sich an Anweisungen, und hoffen, dass es „so“ gut werde. Weil sich die Einstellung in der Vergangenheit bewährt hat.

Anders Denken

„You can analyse the past, but you need to design the future.
Du kannst die Vergangenheit analysieren, aber du musst die Zukunft gestalten“ Edward de Bono

Zu versuchen etwas vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen „selber zu verstehen“, gilt in Notsituationen als verrückt. Graustufen zwischen Schwarz und Weiß zu betrachten, ist verdächtig. Nicht geradeaus zu denken, gilt seit Beginn der Multikrisen als suspekt:

„Wenn es eine ‚Zeitenwende‘ in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik geben soll, dann braucht sie ein umfassendes Verständnis von menschlicher Sicherheit, das alle Beiträge zum Frieden einschließt …, denn Sicherheit, Frieden und Entwicklung bedingen einander.“ Martin Vehrenberg, Konsortium Ziviler Friedensdienst 25.03.2022

Graphik Jäger 2020, angelehnt an einen Essay von Edgar Wunder (1998): Die horizontale Linie („Innen“) beschreibt die eigene Einstellung, zwischen dogmatischer Enge (links) und vorurteilsfreien, offenem Weitblick (rechts). Die vertikale Linie („Außen“) symbolisiert eine Idee, die im Gespräch oder über ein Medium herangetragen wird, und der man entweder zustimmen kann oder nicht. Daraus ergeben sich vier (grob skizzierte) Möglichkeiten des Kommunikationsverhaltens. „Links oben“: Bestätigung im Glauben etwas zu wissen. „Links unten“: Falsches erkennen, und entweder andere überzeugen oder sie bekämpfen. „Rechts oben“: Ausprobieren, weil es tatsächlich „so“ sein könnte. „Rechts unten“: Neugierig gemeinsam etwas untersuchen und erforschen.

Völlständiger Artikel (Literatur, Links)

Gerade in Gefahr: Selber Denken!

„Betrachte die Welt von einem anderen Standpunkt“
„Take the world from another point of view“
Interview (Video) Richard Feynman (Physiker, 1918-1988) 

Letzte Aktualisierung: 26.03.2022