Kriege in Westasien
In Persien kreuzten sich die antiken Handelswege Europas, Asiens und Indiens. Kulturell zählt die Region zu den reichsten und fruchtbarsten der Erde. Hier begann die Zukunft der zivilisierten Menschheit. Wird sie hier auch enden?
Die rohe Gewalt ohne langfristigen Plan anzuwenden, ist eine westeuropäische Idee, die sich seit dem 16. Jahrhundert bewährt. Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus waren sehr erfolgreich. Für ihre Raubzüge waren Kulturen, Zusammenhänge, Moral und Beziehungen zweitrangig. Bis heute zählt nur der Gewinn. Den Schaden müssen andere ertragen.
Gewalt ist ein Anzeichen von Hilflosigkeit.
Sie ist Menschen nicht angeboren. Unsoziale Brutalität erwächst aus gesellschaftlichen Konflikten, die zu psychischen Störungen führen. Wer dann gelernt zu haben glaubt, dass es bei Problemen notwendig sei, gewaltsam in komplexe Zusammenhänge hineinzuschlagen, erzeugt Probleme oder Katastrophen.
Es sei im Iran gelungen, so wurde stolz verkündet, die erste und zweite Führungsriege der Mächtigen zu ermorden. Kollateralschäden (bei Zivilisten, Kultur und Umwelt) habe man dafür in Kauf zu nehmen.
Jetzt herrschen im Iran jüngere Persönlichkeiten: an dezentralen Orten, in unbekannten Höhlen. Von diesen Verbitterten ahnt man, dass sie unberechenbar sein werden. Denn sie haben nichts mehr zu verlieren.
Diejenigen, die Westasien gewaltsam neu ordnen wollen, verfügen sicher über modernste Waffen und große Finanzmittel. Aber beides geht zur Neige.
Warum lernte man nicht aus vergangenen Fehlern?
Beispiele: Afghanistan, Irak 2003–2011, Vietnam, u. v. a.

Mechanisch-simple Interventionen in hochkomplexe, lebende Systeme führen immer wieder zu gewaltigen Katastrophen. Obwohl einer der Verantwortlichen kurz vorher den Eindruck vermittelt hatte, er habe verstanden, dass er wenig (bis nichts) begriffen habe:
„Es gibt bekanntes Wissen. Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie kennen. Wir wissen auch, dass es bekannt Unbekanntes gibt. Das heißt, wir wissen, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch das unbekannte Unbekannte – das sind Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“ (Donald Rumsfeld 2002)
Es schien, als habe er von einer amerikanischen Regierungskommission gelernt, die 1976 untersuchte, was geschieht, wenn Menschen unter enormem Handlungsdruck, in gutem Glauben in komplexe Zusammenhänge intervenieren, die sie (noch nicht) verstehen. Und wie sie durch Ignoranz gegenüber unbekannten Risiken ihre verschlimmern. Daraus folgerte man 1976: „Das, was bei der Planung des Programms nötig gewesen wäre, war ein Tag am Tisch, um mit Murphy’s Law ein Brainstorming zu veranstalten: ‚Wenn etwas schiefgehen kann, dann wird es das auch‘, um alle denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten, die man sich vorstellen kann, zu diskutieren. Das hätte es getan. Es hätte sicherlich eine Menge der Dinge aufgefangen, die schiefgelaufen sind – schließlich war es gar nicht so schwer, an sie zu denken.“ (Jacoby MG: The Swine Flu Affair Decision-Making on a Slippery Disease BMJ 2005;331:1276)

Vielleicht hatte Rumsfeld sogar das Buch vom „Schwarzen Schwan“ des Mathematikers und ehemaligen Börsenmaklers Nicolas Taleb gelesen. Der beschrieb, wie man aus einer jahrhundertelangen Beobachtung weißer Schwäne unzweifelhaft sicher schließt, dass es nicht-weiße Exemplare nicht geben kann (TINA-Prinzip).
Bis dann, jedes Mal wieder vollkommen unerwartet, ein einziger schwarzer Schwan auftaucht – und das ganze bisherige Weltbild zerfällt. Oder eine Herrscherdynastie auf dem Höhepunkt ihrer Macht plötzlich zusammenbricht.
Plötzlicher Untergang einer Supermacht
642 nach unserer Zeitrechnung verlor das Sassanidenreich seine letzte Schlacht. Nach über 400‑jähriger Herrschaft und einem gerade erfolgreich abgeschlossenen Krieg gegen Byzanz. Zu seinem Reich gehörten Jerusalem, Jemen, Ägypten, Libyen. Bis es von fanatischen, waffentechnisch unterlegenen Barfußsoldaten überrannt wurde.
Die Bevölkerung des Herrschaftsbereiches war des endlosen Kriegführens einfach müde und hatte den Glauben an die Wahrheit der Staatsideologie verloren.
Wie andere große Mächte zerbrach das Sassanidenreich durch Implosion: durch ein zu heftiges Aufblasen des Rüstungswahns und des Kriegführens, gefolgt von einem Zerplatzen der Herrschaft infolge innerer Widersprüche.
Das kann jederzeit wieder geschehen. Heute sind die Risiken bei Implosionen deutlich höher. Den Angesichts des eigenen Untergangs könnten die Kriegstreiber verführt sein, möglichst viele andere mit in den Tod zu ziehen.
Worum geht es eigentlich bei den Kriegen in Westasien?
Um
- den Raub von Land, Wasser, Bodenschätzen, bis zum Ökozid?
- Geld und kapitalistisches Wachstum?
- die Sicherung von Handelsrouten?
- die Macht krimineller Mafia?
- Religionen, Kulturen oder vergilbt-archaische Dogmen?
- moderne Ideologien und Gesellschaftstheorien?
- Ethnien, die sich angeblich genetisch unterscheiden?
- Versuche, den Zerfall von Imperien aufzuhalten, oder um neue Imperien zu errichten?
- Suchtverhalten kranker Führungspersönlichkeiten, die mit dem Selbstmord spielen?
Ich weiß es nicht, und möchte es besser verstehen. Nicht, weil ich es beeinflussen könnte. Sondern um eine geeignete Einstellung zu den Turbulenzen zu finden, die auch mich betreffen. Es sind unsere Kriege, folglich kann die Lösung nur darin liegen, dass wir uns anders verhalten.
Indem wir wach innehalten, uns umschauen, Ruhe finden und versuchen, Zusammenhänge zu verstehen. Damit wandert der Fokus der Aufmerksamkeit von weit weg (vom virtuell, indirekt Erlebten) nach innen (zum direkt sinnlich-persönlich Spürbaren). Also weg von dem, was wir nicht ändern können, zu dem, was uns möglich ist und vielleicht weitere Möglichkeiten eröffnet. Etwas sinnvoll zu beeinflussen ergibt sich aus einer Verbindung, zu etwas anderem, Lebenden. Und Bezüge und Wechselwirkungen können nur dort geschehen, wo wir gerade sind.
Mit diesem Gedanken frustrierte schon vor vielen Jahren in Dar es Salaam der Wissenschaftler Issa G. Shivji wohlmeinende Entwicklungs-Expert:innen: „Wenn ihr Afrika wirklich helfen wollt, geht nach Hause und verändert eure krebsartige Gesellschaft!“ Rational glaubte ich schon damals, ihn verstanden zu haben, aber erst heute (nach vielen Erfahrungen des Scheiterns) spüre ich körperlich, dass er recht hat.
Konkret bezogen auf den Westasien-Wahnsinn 2026
Wie in allen Bereichen des Lebens, ist es immer möglich, für Friedenskunst zu wirken. Auch in diesem Fall. Gewalt, jeder Form, ist Ausdruck von Hilflosigkeit. Dagegen kann Schwaches machtvoll Erstarrtes umfließen oder manchmal allmählich auch wegspülen.
Mich stimmt es weiter optimistisch, wenn ich Menschen erlebe, die sich nach fried- und sinnvoller Gesellschaft sehnen und dafür etwas tun (wie in jeder anderen Situation).
Literatur zu Persien
- Bowersock G.W.: Die Wiege des Islam. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen. CH Beck 2019
- Jüdische, arianisch-monotheistisch-christliche und persische Herrschaft im Jemen bis zur Geburt Mohammeds. Islam als Essenz dreier Kulturen. U. a. Bedeutung von Isa Ibn Maryam (Jesus), Sunna&Shia, Beschneidung und Verständnis der bis heute engen Bindung der Huthi an Persien.
- Parker G.: The Persians, Reaktion Books 2023
- Überblick vom Mesolithikum bis zur islamischen Republik. Besonders erhellend für mich: Wie es radikalisierten Barfuß-Horden der arabischen Halbinsel gelang, innerhalb weniger Jahrzehnte die größte Macht zu überrennen, die sich (nach dem Sieg über Byzanz) überdehnt und den Bezug zur eigenen Bevölkerung verloren hatte.
- Holland T: Persisches Feuer 2011 u. a.
- Verhältnis der Völker Westasiens und Griechenlands. U. v. a. von der Frühgeschichte, Befreiung der jüdischen Elite in Babylon durch den gottgesandten Perser Cyrus II. Perserkriege, Alexander und seine Nachfolger, erster Heiliger Krieg der Makkabäer gegen die Fremdherrschaft der Griechen und später Roms.
- Weitere Literatur