Sitzend verarmen

Die meiste Zeit verbringen moderne Menschen sitzend.
Bildschirm schauend, lesend, tippend oder maussteuernd.

Natürliches Hocken. Bilder Jäger, Laos 2020

Dabei nimmt die Lesefähigkeit ab und die Handschrift verkümmert (NZZ 29.11.2024):

„Wir schreiben heute privat und beruflich so viel wie nie zuvor. .. Zum Stift greifen wir vor allem noch für Notizen, To-do-Listen, Kondolenz- und Geburtstagskarten sowie für Unterschriften, die in vielen offiziellen und rechtlichen Kontexten weiterhin nötig sind .. Die schenken dem Schreiben von Hand so wenig Beachtung wie nie zuvor in ihrer 150-jährigen Geschichte.“

Die Handfunktionen sind aber menschentypisch. KI-Algorithmen sind Schachmeistern überlegen. Aber schon ein zweijähriges Kind kann Schachfiguren besser setzen als die besten Roboter. (Wolpert 2026)

Kinder werden zum Sitzen gezwungen. Schon im Kindergarten und dann noch konsequenter in der Schule. Für die Bewegungskompetenz ist das sehr ungünstig. Denn die Atmung wird eingeschränkt und der natürliche Fluss zwischen Motorik und Nervenfunktion gehemmt.

So züchten moderne Kulturen den Aufstieg spezialbegabter Stubenhocker. Diesen Geeks sind virtuelle Realitäten vertrauter, als die inneren und äußeren Systeme, in denen sie atmen, und die sie sind. Deshalb gewinnt die Analyse toter Daten immer mehr an Bedeutung. Während menschen-spezifische Fähigkeiten, mit Lebendem in Beziehung zu treten, (u.a. in der Erziehung), vernachlässigt werden. Deshalb scheinen Testergebnisse bei Kindern vielen wichtiger zu sein, als deren Entwicklungschancen.

Der gesellschaftliche Stellenwert algorithmen-gesteuerter Realitäten steigt, und der gelebter Wirklichkeiten nimmt ab:

„…Unsere Gehirne wurden von einem System gekapert,
um die Welt zu manipulieren,
anstatt sie zu verstehen …“ (McGilchrist Oktober 2021)

Sitzende Geek

Geeks erfahren wenig, aber können Einzelinformationen mit KI in riesigen Datenbanken zu kompliziert-strukturierten Gebilden verknüpfen. Das, was sie sehen, beruht letztlich auf vertrauten leblosen Unterscheidungen, wie 0 und 1. Übertragen auf die Realität, benötigen Geeks eindeutige Begriffszuordnungen wie „Test positiv oder negativ“. Aber schon bei der Interpretation dessen, was ein Test-Ergebnis aussagen kann oder nicht, geraten sie häufig ins Schleudern. Das Management lebender Systeme und der Umgang mit unbekanntem Nicht-Wissen sind ihnen fremd. Besonders dann, wenn die Zahl der beteiligten Einflussfaktoren unendlich groß ist.

Geeks glauben, Nicht-Wissen vernachlässigen zu können. Denn dann können komplexe, sich wandelnde Gebilde, wie Menschen, in Daten umgerechnet werden. Um ihr Verhalten so zu kontrollieren und zu steuern. Allerdings halten solche nicht-spezifischen Effekte nicht lange an. Deshalb müssen Ängste immer wieder aufs Neue ausgelöst werden, um sie dann durch Folgeprodukte zu nehmen. Oder die Berieselungsprogramme und 3D-Brillen müssen so programmiert werden, dass sie ähnliche tiefe Eindrücke hinterlassen, wie Weihrauch, Gebete und Gesänge eines katholischen Gottesdienstes.

Die Kultur des Sitzens

Hajo Eickhoff: https://www.hajoeickhoff.de/kleine-historie-des-sitzens

Zitat (Hajo Eickhoff): „Einst eine Besonderheit, ist Sitzen in modernen Gesellschaften eine Alltäglichkeit. Banal und gewöhnlich. Und doch – bei Betrachtung eines Sitzenden mit unbefangenem Blick – bizarr, fremdartig, denn die biologische Auszeichnung des Menschen im Tierreich ist das aufrechte Stehen und Gehen. …

Aus der Sesshaftwerdung resultiert ein Gestell mit unterschenkelhoher horizontaler Ebene – der Thron. Ein Ursprung ist der Opferstein. Auf Steinplatten opferten einst Gemeinschaften zum Zweck der Besänftigung der Götter einen Menschen. Als sie dazu übergehen, Tiere zu opfern, zerfällt der Opferstein in die Elemente Thron und Altar. Der Altar wird Opfertisch für das Tier, der Thron Opferstuhl für einen Menschen, den König, der nicht mehr getötet wird, denn sein Opfer ist seine Unbewegtheit in der Sitzhaltung.

Sitzende Frau in Çatal Höyük. Museum of Anatolian Civilizations, Ankara

.. Tonfiguren aus Anatolien. Sie verkörpern hockend gebärende Fruchtbarkeitsgöttinnen, die von zwei Löwen flankiert werden. Die Göttinnen scheinen zu sitzen, hocken aber mit ihrem voluminösen Gesäß auf dem Boden. Die Komposition entspricht dem Löwenthron: die Löwenbeine als Thronbeine, die Schweife der Löwen als Rückenlehne, die Löwenköpfe als Armlehnen und der Schoß der Göttin als Sitzbrett.

Mit dem Haus – dem dritten Thronursprung – schneidet der Mensch aus dem Kosmos einen Raum heraus und separiert sich von den Göttern, indem er neben den Kosmos eine von Menschen gemachte Welt stellt. Um den Frevel zu mildern, erfindet er den Thron. Der Thronende hat in der Sitzhaltung nur eine Möglichkeit, zu überleben – er muss seine Lebensenergie nach innen lenken und in sich abbauen. Das macht ihn zum ersten mit Methode kultivierten Menschen, der sein psychisches Wissen verfeinert, innere Regungen bewusst erlebt und sie in anderen wiedererkennt. Mit dieser spirituellen Fähigkeit begabt, soll er – sitzend – die Trennung von den Göttern rückgängig machen.

So erweist sich der König als ambivalent: Er ist ein Geopferter und ein Wissender, ein Gesetzter und die politische Instanz seiner Gemeinschaft.

… Das heutige Sitzen entwickelt sich im Rahmen der Christenheit. Christus thront seit dem vierten Jahrhundert wie ein römischer Kaiser auf der Sella curulis, die die Christen zum Papstthron machen. Danach erhalten Bi­schöfe und Priester das Sitzrecht und im 9. Jahrhundert Mönche, die das Chorgestühl aus der Forderung des Benedikt von Nursia herleiten, an einem begrenzten Ort stehen, knien und sitzen zu können. Im 14. Jahrhundert erhalten die Vorsteher der Zünfte, Gilden und Patronate chorstuhlähnliche Sitze in der Kirche: erste nichtgeweihte Sitze – Profanstühle.

Erfinder des Alltagssitzens sind die Bürger Mitteleuropas um 1500. Mit ihrem gewonnenen politischen Einfluss und neuem Selbstbewusstsein machen sie den Königsthron zum Stuhl und übernehmen die Thron-Geste. Doch anders als Herrscher verbinden Bürger den Stuhl mit dem Tisch und entwickeln beide zu einer Disziplinareinheit und mächtigen Produktivkraft, die den materiellen Reichtum und die differenzierte Kultur Europas begründen, den Menschen aber auch spröde und leiblich brüchig machen.

Erst sind es Regierungsherren, dann wohlhabende Kaufleute, am Ende einer dreihundert Jahre währenden politischen Auseinandersetzung sind es alle Bürger, die den Thron zum Stuhl machen: Die Französische Revolution hebt das Sitzprivileg auf und um 1800 erhält jeder Bürger das Sitzrecht. Allerdings gibt es kaum Stühle, bevor dem Möbelbauer Michael Thonet die Technik des Holzbiegens gelingt und er 1859 den ersten Massenstuhl als Wiener Kaffeehaus-Stuhl in die Fertigung gibt, durch den der Stuhl um die Welt kreist und den Homo sapiens in seiner äußeren und inneren Verfassung zum Homo sedens wandelt.

Das Sitzen auf Stühlen ist ambivalent: Es verspannt die Skelettmuskeln und setzt den Atem herab, kippt das Becken und reduziert die Höhlung der Lendenwirbelsäule. Da verspannte Muskeln den Atem begrenzen, der die Muskeln anspannt, die wiederum den Atem begrenzen, und so fort, geraten Atmung und Muskulatur in einen negativen Kreislauf und geben dem Sitzenden ein niedriges Energieniveau und eine geringe leibliche Beweglichkeit.

Das macht sich die Schule zunutze: Schüler wachsen in den Stuhl hinein und lernen, sich zu verinnerlichen und Sinnesreize, die den Lernprozess stören, auszublenden, bis sie in der Lage sind, sich auf die Verfol­gung abstrakter Gedanken und logischer Opera­tionen zu konzentrieren. So zügelt das Sitzen Emotionen und fördert das Denken. Die Sedierung im Sitzen erweist sich als Beherrschung des Körpers, damit dieser nicht ausschweift, nicht in der Bewegung, nicht in den Emotionen. Das macht das Stuhlsitzen zu Europas Hauptwerkzeug der Kultivierung. ..“ Hajo Eickhoff 2013: https://www.hajoeickhoff.de/kleine-historie-des-sitzens

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Letzte Aktualisierung: 24.09.2026