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Systemkrisen-Angst

Angst spricht nicht. Angst herrscht.
Martin Saar, Die Zeit, 03.09.2015

Angst entsteht durch Überinformationen.

Wird das Gehirn von Daten-Müll überschwemmt, entsteht Angst. Die Einzelinformationen können dann nicht mehr sinnvoll eingeordnet werden. Die Situation erscheint unklar und chaotisch. Nimmt die Ungewissheit zu, kippt das Angst-Gefühl ab in Aggression, Panik oder Depression.

Das Angst-Gefühl unterbricht Handlungen, die auf der Basis anderer Gefühle (Wut, Neugier …) ausgeführt werden. Es signalisiert die Bitte um Sicherheit. Und die Sehnsucht nach Vertrauen und nach Aussonderung sinnloser Information auf das Wesentliche. Damit wieder gehandelt werden kann.

Angst verlangt nach Ruhe und Scherheit. Nicht nach mehr Ratschlägen einer Presse, die davon lebt durch Überinformation Angst auszulösen. Bild: RKZ 22.09.2022

Gelingt es einen Feind zu benennen, keimt wieder Hoffnung auf. Denn das Böse kann dann isoliert, abgewehrt und vernichtet werden. „Handeln können“ reaktiviert die Lebensgeister, u.a. durch die Ausschüttung des Hirnhormons Dopamin. Die Angst weicht Mut. Und dem Willen, das zu bekämpfen, was bedrohlich erscheint.

Marketing, Demagogie und Propaganda nutzen diese einfachen Reaktionsmuster aus. Sie verweisen auf konkrete „Problembären“, die erschlagen werden müssen. Dann werde alles wieder gut, wie es zuvor war. Die Betroffenen, die in Angst leiden, nehmen die Produkte, Dienstleistungen, Rituale und Befehle, die Sicherheit zu bieten scheinen, dankbar an. Sie opfern sich auf für große Ziele. Und sie ziehen, wenn nötig, willig in den Krieg – gegen wenn oder was auch immer.

Damit Sicherheitsillusionen entstehen können, müssen „Wahrheit & Lüge“, „richtig & falsch“, „gut & böse“ klar getrennt werden. Damit steigt im unübersichtlichem Informationschaos der Bedarf an Expert:innen, die im Heuhaufen des Datenmülls die „eindeutigen Tatsachen“ finden (Fakten-Booster, Fakten-Checker, Propaganda-Sucher, u.ä. …)

Diese Wissenschafts-Priester:innen haben eines gemeinsam: Sie leiten aus der Analyse von Einzelfakten und Daten Wahrheiten ab, die ihre Grundüberzeugungen bestätigen. Und sie begründen die Notwendigkeit zu handeln oder die Sinnlosigkeit unerwünschter Ansichten.

Angst könnte auch ein Wegweiser sein

In Angst ist die rationale Verarbeitung neuer Informationen schwierig. Aber das Gefühl könnte als Hinweis aufgefasst werden, hektisches Handeln und Suchen zu unterbrechen. Ruhe einkehren zu lassen, um die Lage, wie sich entfaltet, unaufgregt und aufmerksam zu betrachten.

Sich so zu verhalten erfordert Selbstvertrauen. Oder stützende Beziehungen. Dann kann es gelingen, Angst in andere Gefühle zu wandeln. Zum Beispiel in Ärger, Trauer oder Wut. Oder vielleicht sogar in Neugier.

Es kann Sehnsucht aufkeimen, die Situation in ihrem Zusammenhang besser zu überblicken. Oder für sich selbst klarer bewerten zu können. Dann weitet sich der angst-typische Tunnelblick. Möglichkeiten, die sich bieten, werden bewusst. Neue Informationen können abgewogen und im persönlichen Bezug verstanden werden.

Das erfordert Geduld und Vertrauen zu sich selbst. Und den Wunsch zu erforschen, wie die Zahl der Möglichkeiten vermehrt werden kann.

Begleitung bei Angst

Viele empfinden Trauer über völlig sinnlose Kriege, Ärger über kurzfristige Problemlöse-Hektik oder Wut über die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch ungebremmste Gier. Sie haben Angst, dass der Irr-Sinn die Oberhand gewinnt. Dass die vielen kleinen, lokalen Initiativen engagierter Menschen scheitern könnten.

Trotzdem gibt es Menschen, die ruhig bleiben. Die andere in ihrer Angst begleiten, zuhören, sich sorgen und sie halten. Die Ängstliche darin bestärken, beim Gegen-an-kämpfen eine Pause einzulegen. Die Sehnsucht, Kreativität und Phantasie anregen. Und Wege suchen:

  • Verstehbarkeit und Planbarkeit der Zukunft,
  • Selbstvertrauen und Selbstwert,
  • Sinn, Beziehung und Zusammenhang.

Die Tanks dieser Bedarfe sind verbunden: Sinkt das Vertrauen in die Sicherheit in der Zukunft, kann der Selbstwert ansteigen. Oder ein Sinn erkennbar sein. Sind alle drei Töpfe leer, ist es am einfachsten, etwas zu entdecken, was über den unmittelbaren Ich-Bezug hinausgeht. Etwas das der Mühe wert scheint.

Das Reden über die Probleme in den Krisen schafft neue Probleme – so wie Kriege immer neue Kriege erzeugen. Dafür gebiert die Suche nach Lösungen neue Ideen – so wie Frieden zu Frieden führt.

Wege aus der Angst in Multikrisen

Alle Facetten der Krisen des „Zeitalters des Menschen“ ( Anthropozän) gehören untrennbar zusammen. Sie zeigen sich als Krankheitssymptome der Biosphäre.

Die zielgenaue Interventionen menschlichen Handelns versagen zunehmend. Die Strategie ein Einzel-Problem zu isolieren, um es zu erschlagen, schafft neue Schäden. (Evolutions-biologisches Beispiel: Antibiotika-Resistenz)

Da Gesellschaften immer weniger durch Werte und Ethik zusammengehalten werden, gewinnen Angsterzeugung, Drohung, Ablenkung und Krieg an Bedeutung. Weiter ungebremstes Wachstum wird wird die Krisen verschärfen.

Der Tiger macht aus Angst Angst. Yüan Shih-chen, 1938

Eine Chance für unsere Gattung bestünde darin, dass immer mehr Menschen ein System-Verständnis entwickelten, oder es besser wiederentdecken würden. D.h. wenn immer mehr die Ökosysteme verstünden, die uns ausmachen, und die uns umgeben.

Wir müssten uns radikal von jeder Form von Gewalt abwenden, und uns für stabile, resiliente Friedensordnungen einsetzen: in der Politik, in der Medizin, in der Gesellschaft …

Politik müsste sich dem Wohl und der Gesundheit der Biosphäre unterordnen. Das beutetete ein Abschied von Wachstum und ein eindeutiger Wandel unserer Gattung vom Krankheitserreger zum Nützling.

Der Bremer Hirnforscher Roth schrieb 2021, dass jeder wirkliche Wandel (zB. hinsichtlich tatsächlichem Umwelt-Verständnis) eine „intrinsische Belohnung“ erfordere, die sich, „gespeist aus tiefer Überzeugung, nicht in ihrer Wirkung erschöpft“.

Um aus der Ängstlichkeit herauszufinden sollten wir nicht nur Druck machen, gegen all den Irrsinn, der uns zunehmend begegnet. Denn das ermüdet. Dagegen könnte aus sinnvollen Zukunfts-Visionen ein Sog entstehen.  

Sondern einen Sog entwicklen aus sinnvollen Zukunfts-Visionen. Und selbst: Ruhig bleiben, sich bewegen, Leben genießen und selber-denken.

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Letzte Aktualisierung: 30.09.2022