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Trost der Philosophie?

Pflicht schützt die Freiheit!

schreiben die grün-schwarzen Ministerpräsidenten Kretschmann und Söder in einem gemeinsamen Text (FAZ, 23.11.2021). Natürlich meinen beide (wie die zahllosen anderen Politiker:innen) zurzeit nur die „Impf-Pflicht“. Aber ganz allgemein gälte: „Sie (die Gesellschaft) droht dann zu zerbrechen, wenn er (der Staat) die Dinge treiben lässt“. Deshalb müsse der Staat „um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern … den Konflikt nun demokratisch entscheiden, und ihn aus der Gesellschaft herausziehen.“ Im „Neuen Normal“ werden sich sicher neue Sachzwänge geben. Aber die Bevölkerung wird dann bereits daran gewöhnt sein, Freiheit als eine Chance zu begreifen, das zu tun, was sie soll.

Dogma und Häresie

Ideologische Verlautbarungen langweilen

Der „Impfpflicht“ oder den „Kinderimpfungen gegen Covid“ zu widersprechen, gilt als ketzerisch. Deshalb sind den Medien die Stimmen abweichend-denkender Ärzt:innen oder Jurist:innen suspekt (Dr. Erich Freisleben, Prof. Matthias Schrappe, Dr. Ingrid Heimke, Prof. Kathrin Gierhake). Denn handelt es sich bei ihnen nicht um Pseudo-Expert:innen? Oder gar um Anders- oder Quer-Denkende? Also um Unbelehrbare, die uns vom alternativlosen Weg ausgewählter Wahrheiten in die Irre von Verschwörungstheorien führen wollen?

Kämpfe zwischen Dogmatikern enden immer mit dem Sieg der stärkeren, schlaueren und propagandistisch besser Aufgestellten. Solche Glaubenskämpfe lassen sich aber nicht ignorieren, denn sie dominieren die Medien und behindern die Entwicklung zukunftsbezogenener Visionen.

Angesichts der vielen Krisen, mit denen unsere Gesellschaft zurzeit konfrontiert ist, wäre eigentlich dringend kreatives und innovatives Denken nötig.

Wie finden wir zurück in sachliche, intelligente, ruhige, gewaltfreie, kreative, wertschätzende, zukunftsorientierte Kommunikationen?

Das Deutsche Netzwerk Evidenz basierte Medizin e.V. versuchte übergeordnete Themen anzusprechen, die die gesamte Gesundheitsvorsorge betreffen. Seine sorgfältig abgewogenen „Fünf Forderungen an die Gesundheitspolitik“, beziehen indirekt auch einen rationalen Umgang mit menschentypischen und umgebenden Mikroorganismen mit ein.

Besonders gilt das für die zentrale Forderung einer nicht-kommerziellen Basisgundversorgung der Bevölkerung im Rahmen gesellschaftlich finanzierter Daseinsfürsorge (GiB).

Damit würden auch die Interessen und Grund-Rechte der Bevölkerungsgruppen geschützt, die zurzeit besonders leiden: Kinder, Migrant:innen, Sozial-benachteiligte, Jugendliche, alleinerziehende Frauen, schwer erkrankte Menschen (mit Krebs, MS, Immunstörungen uva) und ältere Menschen.

Und außerdem verlangsamte die Erfüllung der Forderungen des EbM-Netzwerkes den rasanten Kompletumbau des Gesundheitswesens.

Aber: Hört da jemand zu?

Sachbezogene Diskurse werden immer schwieriger, oder sie verhallen ungehört.
Wäre es da nicht an der Zeit, sich grundsätzliche Gedanken zu machen?

Und

Trost zu suchen in der Philosophie?

Von nordamerikanischen Schaman:innen stammt das Bild der drei Adler, das besonders in schwierigen Situationen aufgerufen werden solle:

  • Ein erster Adler fliegt: Er handelt.
  • Ein Zweiter beobachtet, wie der erste fliegt: Er begleitet
  • Ein Dritter schwebt ruhig über den anderen beiden: Er erkennt und versteht Zusammenhänge.
Sokrates, Epikur und Seneca zu lauschen kann ungemein beruhigend wirken: https://www.youtube.com/watch?v=B7V5Ha2TBZk

Aus der Hektik des Handelns in die Betrachtung übergeordneter Metaebenen zu wechseln, kann sich für die Psyche als heilsam erweisen. Manchmal lösen sich dann Denk-Blockaden.

Würde ich die Krise unserer Gattung Homo sapiens als „dritter Adler“ betrachten, sähe ich aktuell eine ernste Krankheit.

Eine Störung, die im planetaren Zusammenhang nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten abläuft, wie alle Krankheiten bei kleineren Lebewesen, die bisher in der Evolution beobachtet werden konnten.

Die Biosphäre wird rasant zerstört. Arten sterben, die Atmosphäre erwärmt sich, Meere, Böden und Luft werden vergiftet. Eine der vielen Folgen sind (bei Menschen wie bei Tieren) neue Krankheiten, die es bisher nicht gab. Die wesentlichen Ursachen dafür sind bekannt: insbesondere exponentielles, profit-orientiertes Wachstum.

Menschen können im Gegensatz zu anderen Lebewesen die Ökosysteme, die sie umgeben, und die sie ausmachen, verstehen. Also könnten sie – theoretisch – auch das Raubtier „Kapitalismus“ in etwas anderes verwandeln, und dafür sorgen, dass Menschen in allen System-Ebenen unserer Realität lebende Öko-Systeme nutzbringend und friedlich beeinflussen.

Dazu müssten Menschen sich allerdings wieder daran erinnern, dass sie in ihrer Frühzeit (bevor sie sich zu erfolgreichen Problembekämpfern verwandelten) Gesamtzusammenhänge verstehen konnten.

Sie müssten damit aufhören, alle Widerstände und Wachstumshindernisse als tote Nägel zu betrachten, nur weil sie einen (jeweils anderen) Hammer besitzen, mit dem sie Probleme erschlagen können. Stattdessen müssen wir, als Teil unserer Gattung, vermehrt erkennen, dass Ökosysteme verwoben, bunt, lebend und komplex sind.

Wir müssten die Welt wieder lieben lernen, statt sie zu zerstören.

Das einfache Verständnis aller Existenzformen als „in sich verwobene Systeme“ ist seit einem halben Jahrhundert Standard-Wissen der Physik und der Biologie. Menschen wechselwirken wie alle Lebewesen in komplexen, dynamischen, überwiegend friedfertigen, lebenden Öko-Systemen. Und sie bestehen zudem (als Superorganismen) aus Mikrobengewusel. Einzelne Viren, Bakterien, Mitaochondrien, Zellen gibt es in der Realität nicht: sie liegen nur tot in gekühlten Labor-Schälchen. Krankheiten sind folglich keine Kriege, sondern Beziehungs- und Kommunikationsstörungen. Von diesem Allgemeinwissen völlig unbeeindruckt sind Politik und Medizin aber immer intensiver an toten Einzelfaktoren interessiert. Denn man glaubt (mit tunnelartig fixiertem Blick) alles durch (+) und (-) erklären zu können.

Der animierte Comic eines Vortrages des englischen Psychiaters Ian McGilchrist beschrieb schon vor über zehn Jahren eine wesentliche Ursache, warum es der Gattung Homo sapiens gerade jetzt, auf dem Höhepunkt ihrer Zivilisation, psychisch zunehmend schlecht geht:

Ian McGilchrist: https://channelmcgilchrist.com. Publikation November 2021: The Matter with Things. Interview 21.09.2021

Weil Erkenntnisgewinn durch persönliches Erleben und Erfahren der Wirklichkeit an Bedeutung verliert.

Und stattdessen zunehmend Totes in Form von Datenausdrucken, Begriffen, Dogmen, Konzepten oder Konstrukten für die Realität gehalten wird.

Trotz des naturwissenschaftlichen Wissens um Gesamtzusammenhänge rutschen die „Problem-Trance-Medizin“ und die „wachstums-geilen Interventions- und Zerstörungsstrategien“ psychologisch zurück zur aggressiven Mechanik-Anbetung des Interventionismus des 19. Jahrhunderts.

Einzel-Daten (und damit einer virtuellen Ersatz-Wirklichkeit) einen höheren Stellenwert einzuräumen, als der Fähigkeit die jeweilige Gesamt-Realität zu verstehen, in der die Daten gemessen wurden, ist eine psychische Störung.

Ohne Linderung dieser Psychose wird die Gattung Mensch der evolutionären Sackgasse immer schneller entgegenrasen.

„Wenn die großen Massen sich von den traditionellen Ideologien entfernt haben, (und) nicht mehr an das glauben, woran sie zuvor glaubten .. (besteht) die Krise in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann …“ Antonio Gramsci, 1930

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Letzte Aktualisierung: 24.11.2021