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Tschüs Freiheit?

Freiheit wird nicht geschenkt.

„Wissenschaftler und Ärzte haben gesagt, dass der Gesundheitspass an sich keine medizinische Bedeutung hat, sondern dazu dient, Menschen zur Impfung zu zwingen. Ich glaube eher das Gegenteil: Das heißt, der Impfstoff ist ein Mittel, um die Menschen zu einem Gesundheitspass zu zwingen, nämlich zu einem Instrument der Kontrolle und Verfolgung sämtlicher Bewegungen der Personen.“ (07.10.2022, Rede vor dem römischen Senat am 22.10.2021)

Freiheit wird errungen. Oder genommen.

Das Pickelhauben-Paradox:

Deutschland hat sich verändert,
und das nicht zu seinem Vorteil.

Die Pandemie brachte wieder zum Vorschein,
was längst überwunden schien.

Die Freiheit befindet sich auf dem Rückzug …

(Deutschland sucht)
in der Pandemie bei Methoden Zuflucht,
die direkt aus seiner Vergangenheit
zu stammen scheinen. …
Es ist so wie mit Kindern, denen man einredet,
wenn sie nicht brav ins Bett gingen,
komme der Schwarze Mann.

Wer glaubt, es nicht mit mündigen Bürgern,
sondern mit Kindern zu tun zu haben,
für den ist Selbstverantwortung ein Schimpfwort.


Eric Gujer, Chefredakteur,
NZZ, 18.09.2021
Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Heinrich Heine (1853-54)

„Freiheit“?

Welche Freiheit ist hier gemeint?

Die Abschaffung der „3-G-Regeln + Maulkorb“? Die Wiedereinführung der alten 1-G-Regel (Gesund + ungehindert atmen und kommunizieren)? Die Erhebung des Grundgesetzes über den Infektionsschutz? Nein, sicher nicht: Denn der Spruch steht auf einem FDP-Wahlplakat im September 2021. Freiheit soll wohl eher so etwas bedeuten: „Freies Wachstum für unsere Wirtschaft“ oder „Freie Fahrt für freie Bürger in Elektro-SUV’s“ … oder so ähnlich.

Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Andreas Gassen:
„Ich habe fast den Eindruck, hier wird versucht ein Narrativ dauerhaft zu etablieren.“
ZDF 20.09.2021: https://twitter.com/morgenmagazin/status/1439848607134408704

Freiheit „ist“ nicht.

Freiheit wird: Gleich einem Raum voller Möglichkeiten, der sich ausdehnen kann. Oder der schrumpft. Wie eine Landschaft, die erforscht werden kann, oder durch Mauern begrenzt wird. Wie ein Garten, in dem gehandelt werden kann, um das zu verwirklichen, was der Mühe wert scheint.

Was einzelne Personen jeweils für sich als Freiheit empfinden, muss völlig unterschiedlich sein. Denn es ist abhängig von dem jeweiligen, persönlichen Wohlfühl-Ort zwischen Spannungsfeldern:

Bilder und Graphik: Jäger, 2020

Fest, ordentlich, unverändert (starr) — Chaotisch, dynamisch, grenzenlos (haltlos)

Ungebunden, abenteuerlich, gefährlich (riskant) — Geborgen, abhängig, geschützt (erdrückend)

Das persönliche Empfinden für Freiheit setzt sich aus vielen unterschiedlichen Aspekten und Facetten zusammen. Denn in jedem Menschen spielt eine innere Fußballmannschaft (hierrarchisch geordnete Verhaltens-Programme). Jedes dieser (in der Entwicklungsgeschichte und in der Kultur gewachsenen) Körper-Systeme, beruht auf anderen Bedarfen, und begründet verschiedene und manchmal radikal vom Rest (der anderen Mitspieler) abweichende Weltsichten. Das kann zu Konflikten führen. Zum Beispiel, wenn ein rationaler Hirnanteil frei entscheiden will, dem Leben ein Ende zu bereiten, und der Bauch nach einem guten Essen verlangt.

Etwas wirklich „frei“ wollen (überwiegend aus eigener Motivation heraus) kann also nur dann relativ störungsfrei gelingen, wenn alle inneren (fordernden) Anteile gleichermaßen beteiligt sind. Aber wann ist das schon der Fall?

Es gibt keinen „freien Willen“

ebenso wenig wie „wahre Kartoffeln“. (Dörner 2006). Darin sind sich heute (zumindest) die Natur-Wissenschafter:innen einig. Schopenhauer prägte den Begriff des Willens im 19. Jahrhundert für eine unbestimmte Lebensenergie, die alles (was wachse und sich entfalte) durchdringe. Deshalb wirke sie auch in uns, und stehe deshalb eben nicht unter unserer Kontrolle. Seither versuchen immer neue Philosoph:innen (vergeblich) ein „ICH“ zu definieren oder zu lokalisieren, das dennoch völlig selbstständig bestimmte Entscheidungen treffen könne. Die Suche muss vergeblich bleiben, weil das Gehirn, dessen frontaler Anteil in unserer Kultur meist überbewertet wird, letzlich nur ein Teil des Bewegungsapparates ist. Also ohne die Fähigkeit in Bewegung Beziehungen einzugehen, nicht existiert. Viele Bewegungsentscheidungen (z.B. wann ein Fuß gesetzt oder angehoben werden muss) treffen aber kein Gehirnteile, sondern die elastischen Strukturen und Netze der Bindegewebes-Verspannungen.

Noch komplexer wird es mit dem (begrenzten) Willen und seiner (relativen) Freiheit, wenn Menschen als Superorganismen betrachtet werden: Riesenkolonien von Viren, Bakterien und Zellen die untereinander (schwingend) zusammenwirken, und Entscheidungen in Gesamtklängen treffen, die bewussten Hirnfunktionen völlig verborgen bleiben.

Das Bewusstsein interpretiert Bewegung im Nachhinein als autonom und frei, obwohl sie bereits Millisekunden vor bewussten Prozessen gebahnt wurde. Bewusste Interventionen können einen Bewegungsfluss nur unterbrechen. Zum Beispiel um auf etwas Neues zu reagieren oder sich gegen etwas zu wehren. Häufig kommen solche bewussten Reaktionen reichlich spät, abrupt, und sind nicht sehr effektiv. Elegante, fließende, gewandte Bewegungen (zB. beim Klavierspiel oder beim Tanz) fließen unbewusst. Sie können dabei wohlwollend betrachtet werden, ohne sie zu steuern.

Amae: Das Recht unmündig sein zu dürfen

Amae ist ein japanisches Wort für ein besonderes Wohl-Gefühl, bei dem Un-Freiheit mit Genuss verbunden ist. Abgeleitet wurde der Begriff von »amaeru«: sich anlehnen, kuscheln und sich verwöhnen lassen. Der japanische Philosoph Takeo Doi hielt Amae für ein zentrales, handlungsleitendes Gefühl. (Doi 1982) Grob könnte man Amae mit »mütterlicher Geborgenheit« übersetzen, einem inneren Zustand, der sich aus dem Vertrauen in eine sichere Abhängigkeit sozialer Kontakte vermittelt. Amae ist ein elementares Gefühl, das tief verletzt werden kann, wenn sich innige Beziehungen auflösen. Dann folgt auf Amae Trauer und Verzweiflung, wie es beispielsweise nach den Lügen geschah, die die Atomkatastrophe von Fukushima begleiteten.

Aber selbst dann sorgte der in sehr früher Kindheit erworbene Respekt vor sozialen Beziehungen dafür, dass andere nicht durch zu große Gefühlsausbrüche belästigt wurden. Amae ist mehr als die Zurückhaltung von Gefühlsäußerungen: Es erfüllt die Funktion eines Sicherheitskonzeptes. Takeo Doi skizziert Amae so:

  • »Der Mensch hat ein Recht auf Abhängigkeit.«
  • »In Abhängigkeit lässt es sich wohl ergehen …«
  • »Das Kind, das von seiner Mutter geliebt wird, hat ein Recht das auszuleben.«
  • »Der Freiraum des Handelns des Kindes ergibt sich aus dem Schutzraum der Mutter.«
  • »Das Kind darf verwöhnt werden und ist dann sorglos entspannt.«

Amae, die Lust, das fröhliche Baby einer großen Mutter sein zu dürfen, steht nicht im Widerspruch zur Leistungsforderung: Die Mutter ist streng, setzt klare Grenzen und sagt, was zu tun ist. Aber sie ist wahrhaftig, verläßlich und täuscht nicht.

Wir wissen mittlerweile, dass unsere Software (Kultur) die körperliche Hardware (Hirn-, Sinnes- und Bewegungsapparat) sehr deutlich prägt: In Hirnscannern leuchten bei Menschen, die ihre frühste Kindheit in Japan erlebt haben, Belohnungszentren auf, wenn eine sich verbeugende Gestalt gezeigt wird. Im Westen dagegen ist psychische Stabilität oft mit der Vorstellung eines kompetenten, freien »Ichs« verbunden, der »Lonely Cowboy Mentalität«. Deshalb leuchten bei Amerikanern in Hirnscannern die Belohnungszentren auf, wenn eine eher kämpferisch aufgerichtete Silhouette eines Menschen erscheint. Je nach kultureller Prägung verändern sich so die Hirnstrukturen und die Art des geistigen Zustandes, der durch die Oszillation der Hirn- und Körperzellen erzeugt wird.

Seelenlose Un-Freiheit

Hausschweine: Zeichnungen von F.K. Wächter (www.fkwaechter.de).

Des Verhaltensforscher Konrad Lorenz befürchtete eine „Verhausschweinung des Menschen“. Er beschrieb einen starken Trend hin zu stumpfer Triebbefriedigung und zu rein vegetativer Lebenserhaltung: „Ein, Aus, Sex, konsumieren, herum-hocken und sich ablenken lassen“. Eben wie Hausschweine, die bewegungsarm in wetterfesten Unterständen nicht weiterdenken als bis zur Stall-grenze, und die sich nicht mehr erhoffen, als unmittelbare Bedürfnisbefriedigungen.

Alle domestizierten Tiere besitzen deutlich weniger Hirnmasse und Nervenzellverknüpfungen (Synapsen) im Vergleich zum Wildtypen. Wildert man Haustiere (wie Schafe oder Ziegen) wieder aus, bleibt es bei der geringeren Ausdifferenzierung des Gehirns. (Kruska 2005).

Gefangenen Tieren, die ihrer Schlachtung entgegendämmern, würde Intelligenz auch nichts nutzen. Im Gegenteil, sie würden sich nur unnötig sorgen, über ein Schicksal, dass sie ohnehin nicht verhindern können. Intelligenz dagegen brauchen Wölfe, die auf ihren Schleichwegen durch ein Revier schlau, teamfähig, flink und geschickt die Jagdpächter austricksen.

Wenn Hirnzellen und Nerven nicht mehr benötigt werden, baut sie das Immunsystem radikal ab (und oft unwiederbringlich). Besonders drastisch kann das bei Manteltieren beobachtet werden: sobald sie am Meeresboden ein ruhiges Plätzchen gefunden haben, an dem sie für den Rest ihres weiteren Lebens verweilen werden, verdauen sie alle Nervenzellen.

Nerven werden in unserer Kultur zunehmend weniger durch Bewegung trainiert, dafür aber immer intensiver mit Informationen überflutet (WWW, Web-2, Medien, Propaganda, Werbung, …). Das konnte Konrad Lorenz nicht vorausahnen. Sonst hätte er vielleicht von der Gefahr der „Ver-ameisung“ gesprochen. Denn Ameisen stehen uns (in ihrem Verhalten) als erfolgreiche soziale Eroberer der Erde deutlich näher als vielen anderen Tieren. Zumindest, wenn man es aus der Perspektive der Organisation von Staaten betrachtet. Alle Ameisen tun genau das, was sie sollen. Dabei chatten sie ununterbrochen: sie tauschen banale Mini-Informationen aus, zu dem was gerade eben noch war. Aber (wie andere brave Staatsbürger) verschwenden sie keine Gedanken an das Gesamtgewusel. (Wilson 2013)

Die beschriebenen (aus meiner Sicht negativen) Entwicklungstrends werden möglicherweise beschleunigt durch das massive und aktive Vorgehen der Gesellschaft gegen ihre Kinder. Eine Störung des Zeit-Fensters essentieller kindlicher Entwicklung muss sich langfristig auswirken. Vielleicht könnte daher das zurzeit laufende gesellschaftliche Experiment der Domestizierung kindlichen Freiheitsdrangs tatsächlich zu vielen braven „neuen“ Menschen führen, die gerne nur das tun, was sie sollen. Und denen größere Freiheiten außerhalb der unmittelbarer Bedürfnis- und Ablenkungs-Befriedigung eher Angst erzeugen würden: Selber-denken oder -bewegen, oder gar Neu-denken oder -bewegen.

Biomedizinischer Sicherheitsstaat?

Seit 2020 werden die bis dahin üblichen Freiheiten, die u.a. im Grundgesetz festgeschrieben sind, eingeschränkt. Denn der Schutz vor Infektionen stehe höher als Menschenrechte (z.B. als die der Kinder, wie deren Rechte auf Bildung, ungehinderte Entwicklung und Unversehrtheit).

Die Bedrohung durch das Covid-19-Virus ist mehr als ein globaler Gesundheitsnotstand. Sie verschärfte die vorbestehenden sozialen, ökologischen, finanzkapitalistischen, ideologischen und staatspolitischen Krisen. Unter dem Vorwand öffentlicher Gesundheit wurde ein Regierungsstil durchgesetzt, der auf Notverordnungen zweifelhafter verfassungsmäßiger Richtigkeit beruht. Der Ausnahmezustand ist zum Normalzustand geworden. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Wenn grundlegende Krisen und Konflikte nicht gelöst werden (z.B. weil das Dogma wirtschaftlichen Wachstums hinterfragt wird), werden sie sich verschlimmern. Dann ist es für Regierende einfacher mit Scheinbedrohungen für angepasstes Verhalten zu sorgen. Und so ist absehbar, dass bei regelmäßigen Pandemien mit welchen Viren auch immer, immer wieder neue PCR-Tests verlangt werden, oder neue Impfungen, oder Impfauffrischungen. Und man wird natürlich auf nicht absehbare Zeit Menschen mit Masken (und anderen Regeln) daran erinnern, in was für viral-gefährlichen Zeiten wir leben, und wie wichtig es ist sich anzupassen.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben warnte vor solchen Regimes, die sich ganz (scheinbarer) Gesundheits-Sicherheit verschreiben. Ein biomedizinischer Sicherheitsstaat, steht im Widerspruch zu einem Leben, in dem sich Menschen (und insbesondere Kinder) entfalten können. Es sei „unmenschlich“, den Menschen auf das bloße Leben zu reduzieren, auf das Leben eines Pilzes oder eines Wurms, der im Namen der reinen Existenz Nährstoffe aufnimmt und Abfallstoffe ausscheidet. Ein Leben, das nur dem Überleben diene und jedes Risiko vermeide, habe keine Lebenskraft, keinen Sinn und kein Streben mehr. Werte, Tugend. Freundschaft, Liebe, Kunst, Poesie, Wissenschaft und Gemeinschaft würden zerfallen. Denn Leben brauche Risiko, um entstehen zu können. Die Furcht vor dem Tod sei keine Art zu leben. Eine Gesellschaft, die ihr Gesicht hinter einer Maske verbirgt, sich vom Prinzip der »sozialen Distanzierung« und einer sakralisierten Digital-Medizin leiten lässt, und die im ständigen Ausnahmezustand lebt, könne keine freie Gesellschaft sein. Was auf dem Spiel stehe, sei nicht weniger als die Abschaffung des öffentlichen Raums in seiner Gesamtheit. (Agamben 2021)

Auch der Psychologe Mausfeld hält die Debatten um Gesundheit nur für einen Vorwand. Denn Gesundheitsziele (Beispiel: „Weniger Fettsucht bei Kindern“) spielen keine Rolle mehr. Auch Vorbeugungsstrategien (wie geeignetes Verhalten und die Erhaltung gesunder Verhältnisse) werden nicht mehr thematisiert. Stattdessen instrumentalisierten „die Eliten .. die Corona-Krise für Massen-Manipulation und mehr Kontrolle“ (Mausfeld 2021) Dazu passt der Niedergang der „medizinischen Wissenschaft“ (Ioannides 2021, Schrappe, 2021), die zunehmend nur noch die Begründungen liefert, dass das, was ohnehin aus politisch-normativ-kommerziellen Gründen erfolgt, auch gut sei.

Schlechte Aussichten für die Freiheit

Die Führungsmacht des Westens droht ihre beherrschende Position zu verlieren. Das wird nicht kampflos geschehen, und es wird Europa mitreißen, möglicherweise in einen Abwärtsstrudel. Das kapitalistische System stabilisiert sich zurzeit immer wieder (noch) durch krebsartiges Weiterwachsen. Die evolutionäre Sackgasse, auf die die Biosphäre zusteuert, nähert sich rasant. „Grün-nachhaltiges“ Wachstum wird diesen Prozess nicht aufhalten, sondern eher noch beschleunigen. In dieser Situation ist dem Westen der Sinn abhanden gekommen. Es gibt kein (für mich) erkennbares positives Werte- und Moralsystem, dass mit einem „Weiter so“ (nahezu aller Parteien) des Westens vereinbar wäre. Der Reset des Kapitalismus mit Wumms & Bazooka „hat sich gelohnt“ (Olaf Scholz 03.06.2021) Zumindest für die Konzerne, die an Smart Health Care, Digitalisierung, neuen Energieprodukten etc verdienen. Allerdings fehlt dabei ein Vision, die die Bevölkerung mitreißen könnte, und die ihr das Neue Normal als ein lohnendes Zukunftsmodell (zumindest etwas) schmackhaft machen könnte.

In Ermangelung eigener neuer Werte versuchen westliche Regierungen alt-bewährte östliche Ethik-Systeme nachzuäffen. Moralische Gesellschaftsvorstellungen, die im Osten nie beseitigt wurden, und die ggf. jetzt mit (einem domestizierten Kapitalismus?) eine Renaissance erleben könnten. Denn der Kern der chinesischen Bedohung ist, dass ein anderes Gesellschaftsmodell im Gegensatz zum USA geführten Kapitalismus erfolgreich sein könnte.

Aber die Strategie den konfuzianischen Glauben (mit seinen strengen Regeln) und Amae ( mit der Zufriedenheit in unmündiger Abhängigkeit) im Westen zu kopieren, wirkt (auf mich) lächerlich. Weil beides „irgendwie“ nicht genau passt, zu der hier gewachsenen Kultur, und deshalb zu Widersprüchen, und auch zu Randale führen muss.

Unsere Gesellschaft spaltet sich zunehmend auf. Man vertraut noch auf eine Mehrheit, die wählen geht, und steuerzahlend das politische System tragen soll, von dem einige wenige Steuer-Vermeider immer reicher werden. Ein immer größerer Anteil der Bevölkerung hat sich aber von der Politik abgemeldet und schweigt (noch). Viele Menschen glauben den Mächtigen nicht mehr, weil ihnen das, was sie täglich an Überinformation erleiden, manipuliert erscheint. Sie erleben, wie Propaganda und Realität auseinanderklaffen, und sind verwirrt. Dann hören sie genervt auf, etwas verstehen zu wollen, und sind nur noch daran interessiert, im diesem Chaos irgendwie mitzuschwimmen, und im Kleinen zu überleben. Sie wollen nur noch ihre kleine Freiheit in privaten Nischen zu sichern.

Andere dagegen radikalisieren sich. Die Aggression im Alltag nimmt zu. Selbst bei den Braven, die sich frühzeitig piksen ließen, um tief verängstigt, das Glück des versprochenen Placebo-Effektes genießen zu dürfen: „Jetzt ist alles gut!“. Nun erleben sie aber, dass nichts gut ist. Und auch für sie die Lebensgefahren keinesfalls gebannt sind. Und dass die Kontroll- und Zwangsmaßnahmen und Reglementierungen auch für sie (wenn auch vorübergehend anders) weitergehen werden (mit Masken, Kontrollen, Auffrischungs-Impfungen …) … Ohne Aussicht auf ein Ende des Theaters, weil nach der Wahl mit großer Sicherheit eine nächste Virus-Variante umlaufen wird. Das frustriert selbst die Braven und Gläubigen.

Foto: Jäger, Leibzig 18.09.2021, Linx-Demo.
Das „Gegen …!!“ ist klar. Aber „Wofür?“
Sinn, Ethik, Werte, Zukunft, Vision?

„Was man nicht machen darf, ist sich grundsätzlich gegenseitig für Vollidioten halten. Dann kommt es tatsächlich irgendwann zu einer gefährlichen Spaltung.“ Zeh J. zitiert in Kissler A.: „Deutschland hat es verlernt, zivilisiert miteinander zu streiten.“, NZZ 24.09.2021

Welche Freiheiten bieten sich uns – trotz allem?

… das Meer ist so groß, und unser Boot ist so klein. Bretonisches Fischergebet

Die Freiheit, der Raum der Möglichkeiten, scheint zur Zeit dramatisch zu schrumpfen (besonders für Kinder). Gegen diese Trends zu kämpfen, ist zurzeit wenig erfolgversprechend. Denn wenn sich (angesichts des Tsunami) der Blick tunnelartig verengt, droht die Gefahr weggespült zu werden.

In dynamischen Situationen, wachsen die Freiheitsgrade nicht, wenn den toten Details zu viel Bedeutung beigemessen wird. Einzelfakten, zu was auch immer (Virus, Test, Impfung, Finanzblase, Klima, Böden, Wasser, Plastik …) sind wichtig, aber sie ergeben (wie ein Haufen von Puzzelteilchen) keinen Gesamtzusammenhang. Die Menschheit krankt zurzeit an der Sicht auf tote Einzel-Details (und deren „Bekämpfung“), während uns die Fähigkeit zu Anschauung und Erleben des Gesamtzusammenhangs verloren gegangen ist.

Um die bestehenden Freiheitsgrade auszuloten, die sich uns bieten, halte ich es für sinnvoll, schonungslos alles der Realität wahrnehmen, was sich uns zeigt. Auch das, was sich nicht zeigt, weil es sich in der Raumzeit vor uns erstreckt, und noch völlig unbekannt ist. Interpretation und die persönliche Bewertung einzelner Aspekte verlören dann an Bedeutung. Ebenso wie Einzel-Bekämpfungsstrategien (wie all die Formen von Projektitis uva. „gegen ein Virus“, „gegen einen Teilaspekt der Umweltzerstörung“, „gegen Antibiotika Resistenzen“ …) Denn alle Einschätzungen dynamischer Situationen sind relativ und stehen auf wackeligem Grund.

Stattdessen könnte das Gesamtwohl der Biosphäre, die uns umgibt und durchdringt, die zentrale Aufmerksamkeit erhalten. Dann bestünde Freiheit darin, im Rahmen unserer Möglichkeiten, im Gesamt-Zusammenhang sinnvoll zu handeln (McGilchrist 2021): Für alle lebenden Systeme, für die Biosphäre der Erde, für unsere Kinder.

Die dafür notwendigen Freiheiten müssen erobert werden. Das wäre nur möglich durch Menschen, die angesichts der Sackgassen, auf die wir zusteuern, neu denken und handeln wollen. Ich glaube nicht an die Eröffnung von Freiheits-Spielräumen durch erfolgreiche Kämpfe. Sondern eher an allmähliche Verhaltensänderungen, die sich aus Zuhören, Kommunizieren und Verstehen ergeben – und aus Fragen: nach grundlegenden Werten und erreichbaren Visionen.

„… Eine Änderung müsste von den Bürgern ausgehen. Von Menschen, die erwachsen und rational werden wollen. Sie müssten eine ganz andere Welt wollen. Irgendwie wollen sie aber nun mal diese. Sie wollen eine Welt, in der Corona-Krisen möglich sind. Oder andere Krisen. Hauptsache irgendetwas, das sie von einem Leben in Freiheit abhält, einem Leben in echter, menschengemäßer, lebensgefährlicher Freiheit.“ Marcus Ludwig, Die Unfähigkeit zu bedauern, 23.09.2021.

Mehr

Literatur

  • Agamben G: An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik. Turia+Kant 2021
  • Doi T: „Amae – Freiheit in Geborgenheit. Zur Struktur japanischer Psyche“, Suhrkamp 1982
  • Dörner D et al: Warum es keine wahren Kartoffeln gibt und auch keinen freien Willen – oder: wie man aus einem Nichts ein Etwas macht, um es dann sofort wieder in ein Nichts zu verwandeln. 2006. Psychologische RundschauVol. 56, No. 3
  • Kruska D: On the Evolutionary Significance of Encephalization in Some Eutherian Mammals: Effects of Adaptive Radiation, Domestication, and Feralization, Brain Behav Evol 2005;65:73–108
  • Flusser V: Gesten, Bollmann 1993
  • Ioannides J: How the Pandemic Is Changing the Norms of Science – Tablet Magazine, 09.09.2021
  • Lewejohann L et al.: Wild genius-domestic fool? Spatial learning abilities of wild and domestic guinea pigs. Front Zool. 2010; 7: 9.
  • Llinás R: Enter the „i“ of the vortex,(Interview, 17.04.2007). Artikel
  • Lujan H.L.: Physical activity, by enhancing parasympathetic tone and activating the cholinergic anti-inflammatory pathway, is a therapeutic strategy to restrain chronic inflammation and prevent many chronic diseases, Medical Hypotheses 80 (2013) 548–552
  • McGilchrist Interview 09/2021Bücher, Literatur, Videos
  • Mausfeld R: Eliten instrumentalisieren Corona-Krise für Massen-Manipulation und mehr Kontrolle, Juni 2021
  • Myers T: Anatomy trains. Myofasziale Leitbahnen, UrbanFischer, 2010
  • Roach NT et al.: Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo, Nature 2013, 498: 483–486,
  • Schrappe MThesenpapier 8
  • Wilson E.O.: Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen, CH Beck, München 2013
  • Wolpert D et al.: Principles of sensorimotor learning, Nature Reviews neuroscience 2011, 740-751
Letzte Aktualisierung: 19.10.2021