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Ultimative Placebos

„.. Das raffinierteste, schmerzhafteste, teuerste, invasivste und zeitaufwendigste
aller Placebos erreicht den stärksten Effekt“, Harris 2020

Tagesanzeiger 11.05.2021:
„Der psychische Effekt der Impfung fährt mindestens genauso ein. – Mit der Covid-Impfung wird auch das Potenzial für eine neue Leichtigkeit injiziert.“ https://www.tagesanzeiger.ch/high-vom-impfen-652043311164

Angst-Stress-Panik, dann Hoffnung und Erlösungg

Eine Gruppe erfahrener Gesundheitswissenschaftler befürchtet, das „Gesetzgebungsverfahren zum vierten Bevölkerungsschutzgesetz” könne „der Ausgangspunkt für einen auf Permanenz gestellten Lockdown sein.“ (Matthias Schrappe u.a.: „Zentralisierte Willkür, 15.04.2021“)

Auch andere ahnen, der gerade durchlebte Albtraum werde nicht mehr enden. Denn die ergriffenen Maßnahmen sollen nur (in Teilen) zurückgenommen werden, wenn es „genau dieses Virus“ nicht mehr gäbe. Das wird aber nicht der Fall sein.

Wir werden mit dem Virus leben müssen. Daher werden mit fortschreitender Durchseuchung der Bevölkerung umso mehr positive Ergebnisse gemeldet werden, je mehr (gesunde) Menschen getestet werden. Wie üblich bei Virusinfektionen, werden sich die Varianten verbreiten, denen sich trotz aller Maßnahmen evolutionäre Chancen bieten. (Kustin T, medRxiv 09.04.2021)

Bildquelle: https://qqcitations.com/citation/182415. Übersetzung: „Habt keine Angst! Die Angst verhindert nicht den Tod. Sie verhindert das Leben. Solange ihr den Tod fürchtet, lebt ihr nicht.“

Natürlich werden spätestens ab dem Sommer (wie jedes Jahr) neue Atemwegs-Viren um die Welt schwappen, und auf Menschen treffen, deren Immunsysteme in diesem Winter nicht trainiert wurden. Auch für diese Viren werden Tests entwickelt werden, um sie dann zielgenauer bekämpfen zu können. Selbst wenn es so gelänge, einen Terroristen nach dem anderen ausrotten, warteten zahllose andere auf ihre Chance. Also läge es eigentlich nahe, nachzudenken … zum Beispiel, wie Gesundheit gefördert werden könnte, und die Fähigkeit, Krisen ohne Schaden zu bewältigen. (Resilienz)

Aber noch hoffen die meisten, das „Neue Normale“ würde dem alten gleichen, wenn erst alle geimpft wären. Ginge auch diese Hoffnung verloren, stiege die Zahl der Dauer-Verunsicherten und psychisch Kranken noch stärker. (Guardian 27.12.2020, Solé 2021)

„…wenn die Rückkehr zu einem „normalen“ Leben nur so zu gewährleisten ist, könnte das der Preis sein, den jeder einzelne von uns für das Ticket zur Teilnahme an diesem Leben zahlen muss„. Anastasisus, Rotenburger Kreiszeitung 29.12.2020

„Wenn der Arztbesuch glücklich macht“ (TAZ 14.04.2021)

Belohnende Hirnbotenstoffe (u.a. Dopamin) werden besonders dann ausgeschüttet, wenn ein langersehnte Belohnung unmittelbar bevor steht (Saplosky 2014). Einprägsam-schmerzhafte Rituale können dann weitere Hirnbotenstoffe freisetzen, die beruhigen (u.a. Endorphine). Denn etwas, das drastisch, schmerzhaft und erschreckend erlebt wird, brennt in der Erinnerung ein. Deshalb stechen, tätowieren, picksen und ritzen Schamanen seit der Steinzeit.

Nach solchen bedeutungsvollen Ritualen ist dann alles „wieder gut“ … solange, bis man sich wieder krank fühlt.

Lehrbuchwürdige Beschreibung eines Placebo-Phänomens:

“ … Es ist ein besonderer Tag für Anita Drews: endlich wird sie gegen Covid19 geimpft – und das sogar um die Ecke. Viele Menschen sind wie die Berlinerin dankbar, dass jetzt auch Hausärzte zur Coronaspritze greifen dürfen. Die Nachfrage übersteigt das Angebot mehrfach.“ Bild-Text rechts: „Ein Hoffnungsschimmer: Anita Drews kurz nach ihrer ersten Impfung bei der Hausärztin.“ Schluss-Satz: „… ‚Das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, aus dieser Isolation herauszukommen‘, sagt sie“ (die Hausärztin). “ ‚Das gibt mir Kraft für den Endspurt – noch durchhalten‘.“ (TAZ 14.04.2021)

Beispiel: Chirurgie als ultimativer Placebo

Prof. Ian Harris ist ein leidenschaftlicher, australischer Chirurg.

Er operiert und überprüft zugleich durch Studien, was er und andere tun. Chirurgie bezeichnet er als „ultimate placebo“. Denn invasive, schmerzhaft-einprägsame „Placebos“ wirkten noch besser als bunte (inhalts-leere) Tabletten oder Kügelchen.

Prof Dr. Ian Harris: Schnippeln für den Profit. Riva Verlag. München 2020
Video-Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=IzueFu1cq5U

In „beziehungslosen“ Chirurg-Patient-Beziehungen ist es möglich, Patient:innen geschickt zu täuschen, und ihnen eine Wirksamkeit vorzugaukeln, die nicht existiert.

Bei einem operativen „Placebo“, der Patient:innen ablenkt oder in die Irre führen soll, wirkt also nicht etwa die (leere) „bunte Pille“, sondern das starke Gefühl, man könne vertrauen, man werde nicht betrogen, und alles werde wieder so wie früher sein.

Weil diese Art von Betrug so gut wirkt, würden in England „Placebos“ von 70% der Ärzt:innen angewendet. In Deutschland (vermuten viele, wie ich) noch deutlich häufiger. Das aber widerspricht der ärztlicher Ethik.

Deshalb sollten (nach Ansicht von Harris) nicht nur bei der Zulassung von Medikamenten, sondern auch in der Chirurgie allen Neuerungen und Verfahren durch in die Zukunft gerichtete, langfristige Studien begleitet werden.

Tatsächlich aber beruhten die meisten chirurgischen Verfahren (wie er schreibt) auf einem wackeligen Drei-Bein:

  • Der Vermutung, dass es funktionieren könnte (Biologische Plausibilität)
  • Erfolgversprechenden Hinweisen aus Labor- oder Tierversuchen
  • Der persönlichen Erfahrung der Chirurg:innen (so genannte „Eminenz“ based Medicine)

Notwendig sei eine Veränderung der ärztlichen Ethik, sowohl hinsichtlich der Forschung, als auch der klinischen Praxis. Gerade in der Chirurgie, wo oft Ärzt:innen nur wenige Male eine Methode ausprobieren, um sie dann regelhaft durchzuführen.Die Forschung müsse stringent und unabhängig erfolgen.

Die ethischen Anforderungen an die klinische Praxis müssten unbedingt erhöht werden, da Kliniker keine Therapie anwenden sollten, die nicht kritisch in ihrer Praxis getestet wurde oder wird.

Was ist eigentlich ein „Placebo“?

Beruhigungseffekte können nur bei Säugetieren, nicht aber bei Krokodilen und Schlangen ausgelöst werden. Diesen Ur-Tieren fehlen noch Hirnstrukturen, die ihnen Emotionen vermitteln könnten. Rituale der Gabe von „Placebo“-Pillen haben bei Tieren (ohne Mittelhirn) keinen Effekt.

Säugetiere dagegen bewerten äußere und innere Signale. Sie teilen sich ihren Artgenossen mit. Sie gehen Beziehungen ein. Sie können durch andere beruhigt werden. Ihre Fähigkeit zu „Stillen“ (neudeutsch: bonden) wirkt auf jede Zelle ihrer Kinder:

  • Herzschlag und Atmung normalisieren sich, und
  • das Immunsystem wird sinnvoll gedämpft.

Systemeffekt Mutter (später Ärzt:in)

Alle Funktionen des Körpers können – beruhigt – äußere Belastungen besser bewältigen. Sie agieren weniger aufgeregt und arbeiten effektiver.

Später bei Erwachsenen können auch Rituale besänftigen, wenn ihnen eine Bedeutung beigemessen wird. Lautgebung, Musik, Sprache, Mimik, Berührungen, Körperhaltungen, Gesten uva. können sehr starke Wirkungen auslösen, wenn die Personen, die die „heilsamen Handlungen“ ausführt vertraut ist.

Eine Mutter, die ihr Kind tröstet, kann – zusätzlich zu Kuscheln und Streicheln – auch von einer Fee erzählen, die den Bauchschmerz wegzaubern werde. Dieser „Schwindel“ ist aber nur Beiwerk. Viel wichtiger ist, dass das Kind die Liebe und Sorge spürt, die seine Mutter ihm entgegenbringt.

Der stärkste nicht-spezifische Effekt:
Sicherheit und Beziehung nach großer Gefahr. Bild: Jäger 2017

​Beispiel: Schwarzer Stein bei Schlangenbissen

Mein „Schwarzer Stein“ (folgendes Bild) ist das Geschenk eines traditionellen Spezialisten für Schlangenbisse. Ich lernte ihn 1982 im Süden Tansanias kennen, als er bei einer akuten Bissverletzung ins Krankenhaus gerufen wurde. Die moderne Medizin hatte in diesem Fall nichts zu bieten. Die Patientin mit weit aufgerissenen Augen sah sich (zurecht) vom Tod bedroht. Der Schamanen-Experte aber rettete sie. Mit seinem „Schwarzen Stein“, den er auf Bisswunde drückte, während er wie nebenbei die Frau durch seinen ruhigen Blick und sein Gemurmel in Trance versetzte.

Sein „Schwarzer Stein“, erklärte er mir, werde aufwendig hergestellt aus Holzkohle und Knochenmehl, unter Beimischung vieler Kräuter und Säfte, begleitet von Rühren, Schütteln, frommen Segnungen und Sprüchen.

„Sein Original“ unterschied sich also deutlich von „irgendwelchen Fake-Imitaten aus Asien“, selbst wenn diese das Gleiche enthielten. Sein Verfahren wirke immer dann am besten, wenn die Betroffenen wirklich Todesangst empfänden, aber bei „diesem“ Gift gewisse Überlebenschancen nicht ausgeschlossen wären. Werde er zu einem panisch-verstörten Opfer gerufen, beruhige sich die Situation meist schlagartig. Denn man wisse, dass er seinen „einzigartigen schwarzen Stein“ mitbringen würde, und dass nur er allein damit umzugehen wisse.

Alles Weitere sei Zutat: das Eindrücken des Steins in die Bisswunde, das rituelles Gemurmel, die Auslösung von Trance … So beruhigt sich die Atmung, das Herz schlägt langsamer und das Gift verteilt sich nur allmählich im Körper.

Seine Technik ist uralt. Auch die ersten griechischen Ärzte kannten sie schon:
„Den Patienten ablenken, bis die Natur sich selber hilft“.

Ein originaler „Schwarzer Stein“ (Bild: Jäger 2021, Stein hergestellt in Süd-Tansania 1982)

Corona-Impfungen

Die Patienten:innen, die geimpft werden wollen, sind hochmotiviert. Sie wollen sich unbedingt sicher fühlen. Eigentlich spräche für die ärztliche Qualität der Impfärzt:innen, wenn sie erklären würden, ob und wie ein Medikament oder eine Intervention helfe, und welche Risiken damit verbunden seien.

Impfende Allgemeinärzt:innen berichteten aber (i.R. eines Online-Treffens am 14.04.2021) von ihren Erfahrungen, dass rationale Aufklärung in der Regel unerwünscht sei. Selbst wenn mehr Zeit zur Verfügung stünde, wolle das eigentlich niemand. Die Patient:innen verlangten nur das, was ihnen absolut dringend erscheine. Und es bleibe Ärzt:innen keine Wahl, als das zu tun, was man von ihnen verlangt. Anschließend sei die Mehrzahl der Patient:innen überglücklich und tief erleichtert, wenn der Piecks endlich erfolgt sei.

Wäre dieser Quiz-Master neugierig, interessierte ihn die Frage. Er wüsste, dass er nichts weiß, und könnte diese Unsicherheit aushalten. Und er würde klarer sehen wollen, um mehr zu verstehen. Wäre er in Angst, brauchte er dringend Sicherheit, durch eine einzige Antwort – auf jede Frage. Genau das soll sein „Ja Ja Ja Ja“ offenbar vermitteln. In Panik ist es egal, ob man in einen Nebel schaut – Hauptsache man findet irgendwo Halt. So fröhlich wie Günther Jauch lacht, ist Angst bei ihm unwahrscheinlich. Freut er sich über die Summe, die man ihm bezahlt hat? (Bild: Reklame am 17.04.2021)

Rituale

Alles was „wissenschaftlich-bedeutungsvoll“ erscheint und durch die Körpersinne (Berührung, Druck, Schmerz,…) wahrgenommen werden, kann die Hirnchemie auch moderner Menschen nachhaltig beeinflussen (Fabrizio Bennedetti, Gerac-Studien s.u.). Der Glaube an einen rationalen Zusammenhang ist in unserer Kultur hilfreich, aber (auch hier) nicht zwingend erforderlich.

Chirurgische Eingriffe und Impfungen müssten eigentlich (genau wie medikamentöse Therapien) durch zufalls-kontrollierte, in die Zukunft gerichtete (prospektive) Studien“ begleitet werde. Das wäre z.B. leicht im Rahmen von Krankenkassendaten möglich: Eine chirurgische Neuerung oder die Anwendung eines neuartigen Impfstoffs in einer bestimmten Region, könnte mit Patient:innen einer anderen Region zu verglichen werden, wo die Maßnahmen (noch) nicht zum Einsatz kamen (Relton 2010).

Ob solche herstellerunabhängigen Anwendungsstudien (Phase IV Studien) bei den Covid-19-Impfungen durchgeführt wurden, ist mir nicht bekannt.

Die Placebo-Effekte, die bei der jetzigen Impfkampagne auftreten, werden (nach meinen Erfahrungen mit heilsamen Ritualen) erheblich sein: Völlig unabhängig von der jeweiligen spezifischen Wirkungen der mRNA- oder Vektor-Impfstoffe. Wie sich diese Effekte langfristiger auf die Psyche und das Immunsystem der Geimpften auswirken, wissen wir nicht. Unbekannt ist auch, was geschehen wird, wenn die durch Erwartungen angeregten Konzentration von Hirnhormonen wieder abfallen. Und wie Psyche und Immunsystem später auf neue Herausforderungen reagieren werden: zum Beispiel, wenn künftige Testergebnisse und ähnliche Viren, neue Ängste auslösen werden.

Mehr

Literatur

Wir wollen wieder tanzen (Danser encore):

Letzte Aktualisierung: 14.05.2021