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Ultimativer Placebo

„.. Das raffinierteste, schmerzhafteste, teuerste, invasivste und zeitaufwendigste aller Placebos erreicht den stärksten Effekt“, Harris 2020

Prof. Ian Harris ist leidenschaftlicher, australischer Chirurg: Sicher kein Chirurgie-Gegner.

Dennoch bezeichnet er Chirurgie als „ultimate placebo“. Denn invasive, schmerzhaft-einprägsame „Placebos“ wirkten noch besser als bunte (inhalts-leere) Tabletten oder Kügelchen.

Diese Entscheidung des Gesundheitsministerium macht wirklich Sinn: Die spezifischen Komponenten der drei Pharma-Produkte unterscheiden sich zwar. Aber hinsichlich der nicht-spezischen Wirkung des „Picks“ (Erzeugung einer Sicherheitsillusion) sind sie sicher absolut gleichwertig. Screenshot: FAZ 09.01.2021.

Der „Placebo-Effekt“ ist säugetier-typisch.

Bei Krokodilen und Schlangen kann er nicht ausgelöst werden. Diesen Ur-Tieren fehlen noch Hirnstrukturen, die ihnen Emotionen vermitteln könnten.

Säugetiere dagegen bewerten äußere und innere Signale. Sie teilen sich ihren Artgenossen mit. Sie gehen Beziehungen ein. Sie können durch andere beruhigt werden. Ihre Fähigkeit zu „Stillen“ (neudeutsch: bonden) wirkt auf jede Zelle ihrer Kinder:

  • Herzschlag und Atmung normalisieren sich, und
  • das Immunsystem wird sinnvoll gedämpft.

Systemeffekt Mutter (später: Mediziner:in)

Alle Funktionen des Körpers können so äußere Belastungen besser bewältigen. Sie agieren weniger aufgeregt und arbeiten effektiver.

Später bei Erwachsenen können auch Rituale beruhigen, wenn ihnen eine Bedeutung beigemessen wird. Lautgebung, Musik, Sprache, Mimik, Berührungen, Körperhaltungen, Gesten uva. können sehr starke Wirkungen auslösen, wenn die Personen, die die „heilsamen Handlungen“ ausführt vertraut ist.

Eine Mutter, die ihr Kind tröstet, kann – zusätzlich zu Kuscheln und Streicheln – auch von einer Fee erzählen, die den Bauchschmerz wegzaubern werde. Dieser „Schwindel“ ist aber nur Beiwerk. Viel wichtiger ist, dass das Kind die Liebe und Sorge spürt, die sie ihm entgegenbringt.

Der stärkste nicht-spezifische Effekt:
Sicherheit und Beziehung nach großer Gefahr. Bild: Jäger 2017

In späteren (oft ziemlich „beziehungslosen“) Arzt-Patient-Beziehungen ist es möglich, Patient:innen geschickt zu täuschen, und ihnen eine Wirksamkeit vorzugaukeln, die nicht existiert. Bei einem „Placebo“, der Patient:innen ablenkt oder in die Irre führen soll, wirkt also nicht etwa die (leere) „bunte Pille“, sondern das starke Gefühl, man könne vertrauen, man werde nicht betrogen, und alles werde wieder gut.

Weil diese Art von Betrug so gut wirkt, würden in England „Placebos“ von 70% der Ärzt:innen angewendet. In Deutschland vermutlich noch deutlich häufiger.

Der „Placebo“-Wirkung liegen Konditionierungen und unbewusste Lerneffekte zugrunde. Harris beschreibt, dass diese besondere Rituale deutlich verstärkt werden können: Denn etwas, das drastisch, schmerzhaft und erschreckend erlebt wird, brennt in der Erinnerung ein.

Seiner Ansicht nach sollten nicht nur bei der Zulassung von Medikamenten, sondern auch in der Chirurgie allen Neuerungen und Verfahren durch in die Zukunft gerichtete, langfristige Studien begleitet werden.

Tatsächlich aber beruhten die meisten chirurgischen Verfahren auf einem wackeligen Drei-Bein:

  • Der Vermutung, dass es funktionieren könnte (Biologische Plausibilität)
  • Erfolgversprechenden Hinweisen aus Labor- oder Tierversuchen
  • Der persönlichen Erfahrung der Chirurg:innen (so genannte „Eminenz“ based Medicine)

Notwendig sei eine Veränderung der ärztlichen Ethik, sowohl hinsichtlich der Forschung, als auch der klinischen Praxis. Gerade in der Chirurgie, wo oft Ärzt:innen nur wenige Male eine Methode ausprobieren, um sie dann regelhaft durchzuführen.

Die Forschung müsse stringent und unabhängig erfolgen. Die ethischen Anforderungen an die klinische Praxis müssten unbedingt erhöht werden, da Kliniker keine Therapie anwenden sollten, die nicht kritisch in ihrer Praxis getestet wurde oder wird.

Das Vorsorgeprinzip („Nicht schaden“) ist vorrangig

Ein Arzt, der sage, er sei sich nicht sicher, ob eine Operation helfe, und der rate, deshalb auf sie zu verzichten, habe Anerkennung verdient.

Die aber bekommt er nicht, weil er eine empathische, „beziehungsreiche“ Medizin nicht oder kaum honoriert wird. Im Vergleich zu täuschender, betrügerischer „Placebologie“, die oft sehr schnell zu kommerziellen Erfolgen führt.

Unter ethischen Gesichtspunkten wäre also eine „Placebo“-Chirurgie verwerflich. Aber „nicht operieren und nichts tun“, wie Harris es vorschlägt, bleibt nicht die einzige Handlungsmöglichkeit.

Stattdessen könnten Patient:innen auch unterstützend, psychosomatisch begleitet werden, damit sie selbstständiger werden, ihre Beschwerden akzeptierten, aktiver würden, eigene Heilungskräfte zu mobilisierten und sich in ihrem Leben weiter entwickelten.

Die Ansicht von Harris, dass Chirurgie immer durch „zufalls-kontrollierte, in die Zukunft gerichtete prospektiven Studien“ begleitet werden müsse, ist aber nicht alternativlos. Es wäre ebenso möglich, im Rahmen von Krankenkassen eine chirurgische Neuerung in einer bestimmten Region zuzulassen, und sie mit Patienten einer anderen Region zu vergleichen. Ein solches Studien-Design (Relton 2010) wäre wesentlich praktikabler, als zum Beispiel zur Kontrolle Schein-Operationen durchführen zu lassen.

Ein originaler „Schwarzer Stein“ (Bild: Jäger)
Das Geschenk eines traditionellen Spezialisten für Schlangenbisse im Süden Tansanias 1982. Wir riefen ihn bei akuten Bissverletzungen ins Krankenhaus und bewunderten seine Heilerfolge. Er überwies uns Patient:innen mit älteren, vereiterten Wunden. Der „Schwarze Stein“ wird aufwendig hergestellt aus Holzkohle und Knochenmehl, unter Beimischung vieler Kräuter und Sänfte, begleitet von Rühren, Schüttel, frommen Segnungen und Sprüchen. Ein „Original“ unterschied sich also deutlich von einer Importware aus Taiwan, selbst wenn diese das Gleiche enthielte. Der Schamane erklärte mir, sein Verfahren wirke dann am besten, wenn Betroffene Todesangst empfänden, es aber bei „diesem“ Gift gewisse Überlebenschancen nicht ausgeschlossen wären. Werde er zu einem panischen Opfer gerufen, beruhige sich die Situation meist schlagartig, da man wisse, er bringe seinen einzigartigen „schwarze Stein“ mit, mit dem nur er umzugehen wisse. Das Weitere ist Zutat: ein festes Eindrücken des Steins in die Bisswunde, rituelles Gemurmel, Trance-Auslösung … Damit beruhigt sich die Atmung, das Herz schlägt langsamer und das Gift verteilt sich nur allmählich im Körper. Diese Technik wendeten schon die ersten griechischen Ärzte an: „Den Patienten ablenken, bis die Natur sich selber hilft“.

Erleben wir mit Corona nicht gerade eine ähnliche Situation?

Uns bedroht SARS-CoV-2. Der Tod ist nah. Die Spaß-Gesellschaft hat sich in Entsetzen verwandelt. Auch wir selbst: könnten sterben. Das monatelange mediale Trommelfeuer hat wohl die größte psychiatrische Krise seit dem 2. Weltkrieg ausgelöst. (Guardian 27.12.2020)

Aber endlich ist die Rettung zum Greifen nah. Wer aus irrigen, verqueren Einstellungen nicht gerettet werden will, schadet nicht nur sich selbst, sondern der Solidargemeinschaft:

„…wenn die Rückkehr zu einem „normalen“ Leben nur so zu gewährleisten ist, könnte das der Preis sein, den jeder einzelne von uns für das Ticket zur Teilnahme an diesem Leben zahlen muss“.
Georg Anastasisus, Rotenburger Kreiszeitung 29.12.2020

Der erlösende „Kleine Picks“ wird unvergesslich sein:

Verabreicht von „wissenschaftlich-bedeutungsvoll“ handelnden Gestalten in Astronautenanzügen, die einen kleinen, aber deutlichen-wahrnehmbaren Schmerz auslösen, und etwas injizieren, was „irgendwie“ die „Abwehr stärken wird“.

Diesen großen psychologischen Effekt zu messen, wäre im Prinzip sehr einfach: vorausgesetzt es gäbe ein Interesse – und die nötigen Mittel.

Mehr

Literatur

  • Prof Dr. Ian Harris: Schnippeln für den Profit. Riva Verlag. München 2020, Original: The ultimate Placebo, 2016, Video 11.07.2019: https://www.youtube.com/watch?v=jF3d059QBkM, Rezension: Science based Medicine: https://sciencebasedmedicine.org/ian-harris-on-surgery-the-ultimate-placebo/
  • Relton C, Togerson D, O’Cathain A, Nicholl J. Rethinking pragmatic randomised controlled trials: introducing the „cohort multiple randomized controlled trial“ design. BMJ 2010; 340:963-967.
Letzte Aktualisierung: 26.01.2021