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Ur-Kommunikation: Gesten

„Die Geste ist eine Bewegung des Körpers oder eines mit ihm verbundenen Werkzeuges,
für die es keine zufriedenstellende kausale Erklärung gibt.“ Flusser

Gesten sind die Grundlage der Kommunikation.

Verlegenheit, Bild: Jäger Tansania 1983

Gesten ergeben sich aus der Verbindung mit dem Fluss dessen, was gerade entsteht. Sie sind die Basis der Entwicklung des menschentypischen, sozialen, sprachlich vermittelten Zusammenwirkens. (Prieur 2020)

Gesten spiegeln eine Handlungs-Vorbereitung

Bewussten Willensäußerungen geht im Körper eine Einstimmung auf eine Aktion voraus. Es beginnt mit einer noch nicht bewussten Einstellung, etwas zu tun, mit einer „Intension“. Diesem Trigger folgt die Bereitstellung von Energie, die zu einer Aktivierung des Bewegungsapparates führt. Erst diese sichtbar-äußere Bewegung wird (in den höheren Hirnzentren) bewusst wahrgenommen: Dreht sich eine Hand, glaubt der Besitzer, dass die bewussten Hirnanteile dafür einen Befehl erteilt hätten.

Das wäre aber in der Realität viel zu langsam. Tatsächlich schwingen sich (zum Beispiel beim Gehen) Körper- und Hirnzentren (scheinbar automatisch) auf das ein, was die Situation erfordert. Diese Einstimmung (oder Intention) geht bewussten Willensäußerungen voraus.

Der körperliche Ausdruck der Intention ist die Geste. Sie lässt sich ebenso wenig wie die Intention selbst „bewusst“ erzeugen. Das Bewusstsein kann nur Intention und Gesten, nachdem sie entstanden, unterdrücken oder korrigieren.

Gesten lügen nicht.

Gesten sind nichts Gesendetes, sondern erwachsen aus einer unwillkürlichen Absicht, die in die Zukunft gerichtet ist. Bei einer Geste gibt es kein eindeutiges „Ich“, das etwas will. Und kein Objekt, das etwas erleidet. Stattdessen eröffnen Gesten Möglichkeiten, wie sich Beziehungen gestalten können: u.a., wenn sie einladen oder abwehren.

Die Grundlage der Geste ist eine Gestimmtheit

„Gestimmtheit löst die Stimmungen aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus,
und lässt sie ästhetisch (formal) werden – in Form von Gesten.“ (Flusser)

Unbewusste Gesten können, nachdem die Schwelle zur bewussten Wahrnehmung überschritten wurde, in absichtsvolle Theatralik erweitert werden. Zum Beispiel, um mit einem Finger klar und eindeutig auf etwas zu zeigen, und damit eine Handlung eines anderen einzufordern. Urmenschen konnten so (im Gegensatz zu anderen Tieren), mit einem Finger klar und eindeutig Befehle erteilen: „Diesen Stein bearbeiten!“ Zugleich konnten sie (auch im Gegensatz zu anderen Lebewesen) erkennen, dass es unterschiedliche Sichtweisen auf ein gleiches Objekt gibt. Und sie waren in der Lage, die Handlung eines anderen zu bewerten und durch mimischen Ausdruck, Stimmbildung und Körperhaltung widerzuspiegeln.

„Jedes Ding hat drei Seiten:
Eine, die du siehst, eine, die ich sehe,
und eine, die wir beide nicht sehen.“ China

Die Geste kann einen Prozess mit Bedeutung aufladen.

Einer Verletzung folgt eine unmittelbare Reflexantwort. Die Übermittlung der Störungsinformation wird (zunächst unbewusst) als Schmerz wahrgenommen. Und dann zu einer bedeutsamen Geste (z.B. der Abwehr) erweitert.

Der Schmerz ist real und unmittelbar, die absichtsvolle Geste aber bedeutungsgeschwängert. Sie kann erweitert und ausgestaltet werden. Und eine Weiterleitung der Sinnesinformation, die als Schmerz wahrgenommen wird. Als unbewusste Reaktion erfolgt eine Abwehr-Geste. Überschreitet die Wahrnehmung die Schwelle zur Bewusstheit, kann die Geste ausgestaltet und schließlich auch schauspielernd ausgestaltet werden.

Die Betrachtung der Gesten (in der Unmittelbarkeit ihrer Entstehung) ist eine Voraussetzung um Kommunikation zu verstehen.

Das gilt sowohl in Bezug auf andere Menschen, als auch auf Gegenstände.

Aufrecht gehende Menschen verfügen über frei bewegliche Schultern, die es den Händen ermöglichen, sich mit Objekten zu verbinden. In der Verschmelzung mit dem Objekt kann so der Körper erweitert werden:

  • Tasten mit der Spitze eines Stockes.
  • Kraftübertragen (über Hüfte, Schulter, Arm und Hand) in ein Beil.

Ein scheinbar toter Gegenstand, wie eine Nadel, leitet gleichzeitig zwei gegenläufige Informationsflüsse:

  • Einen, der nach außen gerichtet ist, und vorsichtig tastend in die umgebende Welt eindringt. (Miller 2018)
  • Und einen anderen, der äußere Signale (als Informationswelle) in das Zentralnervensystem leitet.

Abgebendes und Aufnehmendes fließen zeitgleich und doch gegenläufig. Wie bei einer Modulation von Impulswellen elektrischer Stromkreise. Besonders eindrücklich ist dieses Phänomen in einer innigen Mutter-Kind-Beziehung: Die Mutter spürt und fühlt liebevoll in den Körper ihres Kindes, und dieses spürt im gleichen Augenblick Herz-, Atmung und Körperspannung der Mutter. Sendendes und Empfangenes bilden dann eine vollkommene Einheit.

Die volle Geste beider Hände: Einheit von Aufnehmen und Abgeben

Eine Hand kann keine Kuh schlachten –
Mkono mmoja hauchinji ng’ombe, Tansania.

Vor über 3.000 Jahre entdeckten Chinesen ein universelles Grundprinzip: Die Entstehung von Bewegung durch die Wechselwirkung entgegengesetzter Kräfte.

Wenn wir etwas „an-nehmen, er-greifen, be-greifen, er-fassen, be-handeln, hervor-bringen, erzeugen, …“ drücken die Hände spiegelbildlich unterschiedliche Aspekte einer vollen Geste aus. Während eine Hand herausreichend „tastet und fühlt“ (z.B. eine Schraube hält), „macht“ die andere Hand etwas anderes: Sie dreht das Werkzeug, das die körperliche Handlungsmöglichkeit erweitert.

Wir erleben die Welt daher immer zugleich aus zwei Möglichkeiten der Verbindung: Nachgeben und Eindringen, Berühren und Bewegen, Empfangen und Abgeben. Beim Töpfern, Segeln oder Musizieren ergänzen sich diese Einzelgesten der Hände, die das eine oder das andere betonen. Oder sie wechseln sich ab, wie es die Hüften bei Gehen tun.

Diese gegenläufige Übertragung von Kräften ist ein Grundprinzip der Wirkungsweise spiraliger, lebender Körper. Zum Beispiel, wenn in einer Sprungdynamik die Schwerkraft den Körper über den Fuß in den Boden drückt, während Arm, Hand und ein Stein in die entgegensetzte Richtung fliegen. Die gedehnten Fasern verbinden sich so zu Bogensehnen, die selbst-ständig eine Schubumkehr entscheiden: Denn in dieser Dynamik käme jeder Hirnbefehl viel zu spät. Dynamisch und rhythmisch angewandt bilden diese Prinzipien der entgegengesetzt wirkenden Zug- oder Druck-Kräfte die Voraussetzung für alle Paar-Bewegungen beim Tanz oder beim Kampfsport.

Buddhistische Gesten: Nicht-Sehen, Nicht-Hören, Nicht-Sagen. Bild: Jäger 2021

Naturwissenschaftlich betrachtet ist die Grundlage für Bewegung der Aufbau einer (elektrischen) Spannung zwischen plus und minus. Ein bewegender, Energie verbrauchender Fluss, der aus dem Trennungsgefälle entsteht, führt schließlich zur Ruhe. Oder er gestaltet sich weiter, wenn stetig neue Spannung erzeugt wird. Je klarer die Pole getrennt werden können, desto mehr Spannung kann entstehen und desto mehr Energie steht für Bewegung zur Verfügung.

In der chinesischen Antike wurde dieses Prinzip zweidimensional als Wandlung von Dunkel und Hell symbolisiert. Hegel stellte sich eher dreidimensionale Spiralbewegungen vor, und in der Quantenphysik wirbeln die elementaren Bausteine, die sich anziehen oder abstoßen in vielen Dimensionen.

Die Geste des Machens

Engeln fliegen in Spiralen,
nur der Teufel fliegt gerade aus.
Hildegard von Bingen

Wir bevorzugen in unserer Kultur lineare Konfrontationen, die in natürlichen Prozessen nicht vorkommen: Wir gehen direkt gegen einen Gegner, gegen ein Problem und gegen eine Krankheit vor.

Und hoffen so, das Hindernis zu pulverisieren. Dabei nehmen wir Nebenwirkungen und Kollateralschäden bewusst in Kauf. Natürlich führt die Gewalt dann zu Gegengewalt, die aber in Kauf genommen und überwunden werden muss. Der Zweck heiligt bei diesen Kämpfen die Mittel: gegen Krebs, Terroristen, Viren, Bakterien, Armut, Andersdenkende oder was auch immer.

Machen heißt tun und verändern

Wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, wollen wir sie neu gestalten und ihr unseren Willen aufzwingen. Bei der Geste des Machens steht die Behandlung des Objektes im Vordergrund. Es wird isoliert, behandelt, verändert. Im Extremen führt die Geste des Machens zur Geste des Zerstörens. Das Objekt wird von einem lebenden in einem toten Zustand überführt. Es wird maximal entspannt, und dann ohnmächtig seine Einzelteile zerlegt.

Aber das, was als Problem empfunden wird, könnte auch (mit einer Geste) angenommen werden. Einstein nannte diese Möglichkeit „bei einem Problem länger stehen-bleiben“. Oft entstehen dann (bei scheinbaren Nicht-Tun) erstaunliche Veränderungen. Denn mit der Beziehung zu dem, wie es ist, kann sich auch das Verhältnis zu den Dingen wandeln. Die Geste des gewaltsamen Machens (die das Problem zerstören will) erweitert sich dann zur vollen Geste des Verbindens und Begleitens. Oder zur Geste des Darreichens: in dem das Gemachte in die Hände eines geliebten Anderen übergeben wird. Und so entsteht die Geste des Lebens, das Verschwinden eines sich auflösen Wollens.

Im Handwerk entwickelt sich dann so aus ergebnisorientierter Geschicklichkeit prozessorientierte Gewandtheit. Beide Hände (die hinaus-tasten und abgeben) und beide Füße (die Last aufnehmen oder spielen) sind bei eleganten, gewandten Bewegungen in ständigem Wandel. „Das Eine oder das Andere“ wirkten – für sie isoliert allein geschähen – ungünstig, stolpernd und ineffektiv. Gemeinsam, abgewogen und aufeinander abgestimmt, beleben und dynamisieren sie sich.

Absichtslose aufmerksam-intensionale Gewandtheit ist der dynamische Ausdruck der vollen Geste. In der Politik (oder in der Medizin) wandelte sich dann kriegerisches Siegen-Wollen in die Förderung friedlichen Gestaltens.

Solange wir der Welt nur geschickt und zielgerichtet begegnen, und ihr unseren Willen aufdrängen, zerstören wir sie. Wir zerlegen Dinge in Einzelteile, und fügen sie wieder zusammen, zu toten Gegenstände und Maschinen. Aber wir fördern damit nicht die Entwicklung eines sinnvollen Ganzen.

Die Geste des Machens (oder Zerstörens) war für die Menschheit solange erfolgreich, wie die Biosphäre scheinbar endlose Ressourcen zur Verfügung stellte, die ausgebeutet werden konnten. Jetzt ist es aber das gegenteil nötig: Die Geste des Lebens: Die Verbindung mit allem was geschieht. Und damit ein sich langsam auflösendes Erzwingen-Wollen.

Die Geste des Lebens: Absichtslos tun. Bild: Jäger Laos 2018

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Literatur und Links

Letzte Aktualisierung: 15.01.2022