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Vergessene Mega-Pandemie

Absehbares Ende eines Krieges

Der Siegeszug der modernen Medizin „gegen Keime“ wird enden: Antibiotika-resistente Bakterien verbreiten sich weltweit mit rasanter Geschwindigkeit.

Der Gemeinsame Bundesausschuss im Gesundheitswesen mobilisierte am 20.01.2022 letzte Waffen im Kampf „gegen“ resistente Bakterien:

Ein Zeichen von Hilflosigkeit. Nirgends ein Hinweis, dass man etwas Grundsätzliches aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe. Die Pharma-Industrie hat das Dilemma seit langem erkannt, und die Neuentwicklung von Antibiotika aufgeben. Sie stieg (einer Dakota-Weisheit folgend) „von einem toten Pferd ab“. Denn es fehlt hinsichtlich der Vermarktung innovativer Substanzen „gegen Keime“ die Profit-Perspektive. Die Produktion der zurzeit noch verfügbaren Substanzen wurde weitgehend nach Südostasien ausgelagert. Käme es dort zu Lieferengpässen, wäre Europa schlagartig betroffen, ohne über genügend alternative Produktionstätten zu verfügen.

Bilder: Jäger, Süd-Tansania 2022. Links: Neugeborenes mit nicht behandelbarem Darmverschluss nach dreimaliger hochdosierter antibiotischer Therapie. Rechts: Ein Kommerz-Pharmaladen (ohne Apotheker) direkt gegenüber des Krankenhauses. Alles ist hier frei verkäuflich: auch (auf Anfrage) „Antibiotika gegen Kopfschmerzen“ u.a. – Das Gesundheitswesen in vielen Ländern ist inzwischen ein wesentlicher Veruracher von Krankheit. Denn die Botschaften des Pharma-Kommerz-Marktes sind leicht zu verstehen und eingängig: „Es gibt einen Feind! Mach ihn platt – mit meinem tollen Produkt. So wird alles wieder gut!“

Antibiotika-Resistenz

Täglich sollen etwa 3.500 Menschen an Infektionen mit antibiotika-resistenten Bakterien versterben. Eine in Lancet publizierte Studie kommt zu dem Schluss, dass im Jahr 2019 etwa 1,2 Millionen Menschen an antibiotikaresistenten, bakteriellen Infektionen gestorben sind. Davon 20% unter dem Alter von fünf Jahren.

Antibiotika-Resistenz beruht auf Missverständnissen, u.a. dass:

  • lebende Organismen von immer neuen (durch Mutation entstandenen) Feinden umgeben seien, die es zu bekämpfen und auszurotten gelte, und
  • man folglich immer neuere, durchschlagendere, effektivere Waffensysteme benötige.

Stattdessen wählen Antibiotika aus unendlich großen Ökosystemen die Mikroorganismen aus, die gegen sie unempfindlich sind. Resistente Bakterien sind also (selten) neu: Es vermehren sich meist Varianten, die es vorher auch schon gab, denen sich aber nun eine evolutionäre Lücke eröffnet. Ohne Antibiotika-Anwendungen hätten sie wenig Chancen, sich exponentiell zu verbreiten.

Der Nutzen von Antibiotika, kann aus prinzipiellen Gründen immer nur zeitlich begrenzt sein. Nötig sind deshalb nicht ständig neue antibiotische „Kriegswaffen“, die es in absehbarer Zeit ohnehin in vielen Bereichen nicht mehr geben wird. Wir brauchen daher ein anderes, intelligenteres, menschen-intelligenz-typisches Verhalten, das auf dem Verständnis der Dynamik von Ökosystemen beruht.

„Antibiotika-Resistenz hat ein Sprachproblem“ schrieb der Infektiologe Marc Mendelson 2017 in Nature. Und 2020 ergänzte der Epidemiologe Rob Wallace: „Die COVID-19-Pandemie schockierte die Welt. Das wäre nicht nötig gewesen. Denn seit der Jahrtausendwende warnen Epidemiologen immer wieder vor neuen Infektionskrankheiten“.

Die Verbreitung immer neuer resistenter Krankheits-Erreger beruht auf einer Verarmung ökologischer Systeme, die Lebewesen umgeben, und die sie ausmachen. Gründe für das Artensterben der nützlichen Mikroorganismen (in uns und um uns herum) liegen in der allgemeinen Verschlechterung ihrer vielfältigen Lebensbedingungen, u.v.a. durch industrielle Landwirtschaft, Vergiftung der Böden, der Meere und der Luft, und durch missbräuchliche Anwendung antimikrobieller Substanzen in der Tierhaltung und in der Humanmedizin.

Antibiotika-Resistenz lässt sich nicht aufhalten.

Wir leben in der Nach-Antibiotikaphase. The post-antibiotic era is here.
Kwon JH et al: Science 30.07.2021, 373(6554)471

Der pharmazeutischen Industrie sind diese Zusammenhänge bekannt. Sie verliert zunehmend das Interesse an der aufwendigen Entwicklung neuer Antibiotika. Die Antibiotikaproduktion, die ohnehin überwiegend nach Asien verlagert wurde, erscheint vielen Konzernen als ein krankes Pferd, von dem man irgendwann absteigen werde.

Denn auch bei neuen Substanzen werden nach nur wenigen Jahren Resistenzen auftreten, so dass der Verkauf dieser Produkte wenig lukrativ sein wird. Der Mikrobiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg forderte deshalb schon vor zwanzig Jahren einen Paradigmenwechsel in unserem Umgang mit den Mini-Lebewesen, da sie uns „im Guten wie im Bösen ausmachen“ (5).

Das Auftreten resistenter Bakterien und immer neuer Viren müsste sie eigentlich zu einem Paradigmenwechsel im Umgang mit den Mini-Lebewesen führen, die uns umgeben und die uns ausmachen. Menschen sind Superorganismen, die u.a. aus intra- und extrazellulären Mikro-Organismen und Viren bestehen. Biologisch betrachtet, ist die „Kriegsmedizin“ des 19. Jahrhunderts („Identifizieren, Isolieren, Abwehren, Bekämpfen, Vernichten“) an ihrem Ende angelangt. (Hontschik 2022)

Je intensiver die Vielfalt der Lebewesen schrumpft (z.B. durch Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft), desto weiter eröffneten sich gefährlichen Krankheitserregern evolutionäre Lücken (Wallace 2020, Laxminarayan 2022). Schon vor über 20 Jahren schrieb der Mikrobiologe Lederberg, dass „unser Leben (im Guten wie im Bösen) mit den Keimen verbunden sei„.

gefährliche Keime
Bilder aus Meldungen von NDR, NTV, Zeit, Kurier 2017

Kriege nutzen langfristig den Waffenproduzenten und Profiteuren. Sie verursachen gewaltige Schäden und führen zu nichts Gutem. Sie begünstigen keine friedlichen Entwicklungen.

Die Menschheit brauchte (statt immer neuer Kriege gegen irgendetwas) dringend ein Verständnis für System-Zusammenhänge, und für die komplexe Realität, in der wir leben: die uns umgibt, und die uns ausmacht. Reflexhaftes Handeln, das zu Gewalt und Gegengewalt führt, müsste dringend ersetzt werden: durch ein Verständnis für gewaltfreie Lösungsstrategien. Um endlich friedliche Wechselwirkungen in gesunden, resilienten Ökosystemen anzustreben, zu begünstigen und zu fördern.

Vollständiger Artikel (Links, Literatur)

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Letzte Aktualisierung: 31.03.2022