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Wahrheit oder Klarheit?

Unsere Aufgabe ist es, alles zu tun, um unsere schönsten Hypothesen zu widerlegen.“
Reinhard Genzel, Physiker, Nobelpreisträger

Impfstoffe nutzen mehr als sie schaden!“

Das ist eine „Wahrheit“.

Wahrheiten bezeugen einen Glauben. Das Wissens, „wie es wirklich ist“, beruhigt. Es weckt Hoffnungen. Und es fordert auf zum Kampf gegen Andersgläubige.

„Impfstoffe schaden mehr als sie nutzen!“: Ist eine „alternative „Wahrheit“.

Auch „alternative Wahrheiten“ gründen sich auf Glauben und Hoffen.Und auf den Kampf gegen Andersgläubige.

Streitereien zwischen gläubigen Kirchgängern und anders-gläubigen Sektierern sind häßlich. Und manchmal auch blutig. Oder endlos langweilig.

Meist gewinnen dann die Mächtigeren oder Trickreicheren oder die mit der besseren Propaganda. Nur selten können sich dann Klügere Gehör verschaffen: Wenn sie rational selber-denken, oder Fakten und Zusammenhänge abwägen wollen. Kritische Wissenschaftler:innen halten sich bei ideologischem Gehacke lieber zurück. Sie wollen nicht selbst verrückt werden.

„Wahrheit ist eine Illusion.“

Friederich Nietzsche 1844-1900

In der Physik zerbröselten die Wahrheits-Felsen vor etwas mehr als einhundert Jahren (Bohr, Heisenberg). Trotz des Widerspruchs von Albert Einsteins: „Gott würfelt nicht!„.

Allerdings sprach Einstein sprach hier von keinem Dogma, an das er glaube, sondern von einem übergeordenten Zusammenhang. Er nahm an, alles sei mit allem verbunden sei, und und von einem Sinn durchdrungen, der sich nicht nur durch die Analyse von Daten erfassen lasse.

Seit den Grundsatzdebatten der frühen Quantenphysik sind naturwissenschaftliche Aussagen unbestimmt und subjektiv:

Sie sagen Wahrscheinlichkeiten von Ergebnissen vorher. Und das umso zuverlässiger, je häufiger versucht wurde, ihre Erklärungsmodelle zu widerlegen.

Aber auch Naturgesetze wurden zuerst immer „von jemandem gesagt“ (Humberto Maturana). Und die Kenntnis dieser Person, ihrer Gedankengänge und ihres Lebensweges ist für das Verständnis ebenso wichtig wie die Erfahrungswelten der Leser- oder Zuhörer:innen. Seither über 3.000 Jahren wurde unendlich viel Wissen zusammengetragen. Trotzdem besteht in der Physik ein Konsens, dass Aussagen nicht nur wahr, falsch oder sinnlos seien, sondern manchmal „auch imaginär“ sein können (George Spencer Brown). Dann nämlich, wenn sie ein neue Dimension des Denkens eröffnen.


Klarheit-Gewinnen

Es ist also möglich anzunehmen,

  • „Wahrheit“ sei relativ. Selbst wenn Dogmen das Gegenteil verlangen,
  • dass dynamische Entwicklungen erahnt werden können, ohne sie in allen Details und Wechselwirkungen zu begreifen,
  • „kindlich-offene“ Fragen („Nicht-Wissen“ – „Nicht-Wahrheit“) oft bedeutsamer sind als „geschlossene“ Experten-Antworten,
  • tatsächlich nichts zu verstehen.

Nur so kann kann etwas wirklich Neues gelernt werden.

Wissenschaft betrachtet Ungewisses.

Alles erscheint anders, je nachdem wer es gerade, und aus welcher Perspektive, betrachtet oder misst.
(Beispiel: Doppelspaltphänomen)

Kritisch wissenschaftliches Denken bietet daher keine Sicherheitsillusion. Aber (manchmal) Ruhe und Energie, die dazu führen kann, Unbekanntes unvoreingenommen zu betrachten und neu zu erforschen.

Die Physiker Hawkins und Mlodinow nannten die wissenschaftliche Methode „modellabhängigen Realismus“. Es sei nützlich, unsere Weltsicht auf Vorstellungen zu gründen, deren Vorhersagen sich immer wieder als korrekt erwiesen haben. Und die deshalb „Naturgesetze“ genannt werden. Sie existieren aber nur in unserer Interpretation im eng begrenzten Bereich dessen, was wir zu erkennen glauben. Sie seinen sehr „praktisch“, aber nicht „wahr“.

Ihr älterer Kollege Erwin Schrödinger hielt es für falsch, naturwissenschaftliche Datenanalyse und philosophische Betrachtung von Gesamtzusammenhängen zu trennen. Denn alles Expertenwissen mache nur in dem Maße Sinn, wie es wie ein Puzzleteil in einen größeren Kontext passe.

Klarheit-Gewinnen

„Meist ist die einfachste Erklärung richtig.“

Wilhelm von Ockham, 1288-1347

Relative „Wahrheit“ ist ein Modell, wie es (auch sein könnte.
Trenn-scharfe „Klarheit“ hilft einen Teilzusammenhang zu Be-greifen.

Beides sollte ich abwechseln: Dann stünde manchmal das Verweilen im Vordergrund. Und dann wieder das neugierige Erkunden

Wohnen ohne Wandern ist unbeweglich, Wandern ohne Wohnen voller Unruhe. Ute Guzzoni

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Letzte Aktualisierung: 12.08.2021