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Was tun im Tunnel?


„Der fliehende Koyote ist über die Klippe gesprungen, hat aber noch nicht nach unten geschaut.“ Bild nord-amerikanischer Ureinwohner

Noch ist die Gattung Mensch nicht abgestürzt.

Noch rennen wir auf den Abgrund zu. Und streiten über die Bedeutung der Risiken, vor denen wir weglaufen. Wer stehen bleibt und versucht sich umzusehen, wird umgerannt.

Im Grunde wäre es dringend nötig, Zukunftsvisionen entwickeln, die mit dem Leben unserer Biosphäre vereinbar wären: Und das aus möglichst vielen verschiedenen Blickwinkeln. (Tallig 11/2021)

Eigentlich müssten wir neu denken. Und anders handeln.

Aber wie?

Das Erfassen von Gesamtzusammenhängen erfordert Ruhe und Geduld: um bei Problemen „stehen bleiben“ zu können. Um die Sehnsucht zu spüren, etwas besser verstehen zu wollen. In Trance, Hypnose, Angst, Stress oder Panik ist Nachdenken und Nach-Fragen nicht möglich. Das ist den Kirchen sehr vertraut, die den Gläubigen Gewissheiten verkaufen und sie lenken.

Veränderung gehen aus von kleinen Gruppen, die sich emotional beruhigen, und propaganda-resistent (aus unterschiedlichen Perspektiven) darüber nachdenken, welche Möglichkeiten sich noch bieten.      

Unsere Gattung Mensch steht vor komplexen, verwobenen, dynamisch-veränderlichen, wechselwirkenden Risiken. Keinesfalls aber vor ein paar kompliziert-mechanischen Einzel-Problemen, die man eines nach den anderen abarbeiten könnte. Deshalb müsste die mechanische Strategie der „Kriege gegen irgendetwas“ dringend ersetzt werden: Durch ein wirksames Management komplexer, lebender System-Dynamiken.

Im Prinzip wäre das nichts weiter, als die Übertragung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse (der Quantenphysik, der System-Biologie u.a.) in die Gesellschaftswissenschaften und die Medizin.

John Ioannidis: „Um die Krise zu verstehen, brauchte man Epidemiologie, Krisen-Management, mathematische Soziologie, Verhaltenspsychologie, Psychiatrie, System-Wissenschaft, Wissenschaft statistischer Datenverarbeitung, Interventionsbegleitende Wissenschaft, Gesundheitspolitik, Gesundheitsökonomie, Verhaltensökonomie, Entscheidungs-analysen, Gesundheitssystemforschung, Immunologie, Infektiologie … und nicht nur Virologie.“ Over- and under-estimation of COVID-19 deaths, EJE 2021, 36:581-588 , Vortrag 21.06.2021: https://www.youtube.com/watch?v=e4grP1718Ps&t=12s

Byung-Chul Han

Der Philosoph Byung-Chul Han sieht einen sinkende „Schmerztoleranz“. Die Angst vor Schmerz habe eine „Dauer-Anästhesierung zur Folge. Jeder schmerzhafte Zustand wird vermieden.“ Daraus ergäben sich dann eine „Dauerwohlfühl-Ideologie“, eine „Gefälligkeitskultur“ und ein „neoliberales Glücksdispositiv“. Wir seien zu egozentrischen Sklaven einer stetig sich steigernden Selbstoptimierung geworden – eingepfercht im „neoliberalen Arbeitslager ‚Homeoffice‘.“  

Eine der Ursachen des Niedergangs sei der langsame Sterbeprozess des Eros-Prinzips. Denn mit zunehmend überspanntem und krankhaft-übersteuertem Selbstbezug verschwinde „das andere“. Und mit dem Schwund der Kunst, sich auf andere einzulassen, verlöre sich die Fähigkeit zur reflektierten Kritik. Die Liebe gehe heute an endloser Wahlfreiheit und dem Wahn oder dem Zwang zur Optimierung zu Grunde. Die Verteidigung des bloßen Lebens erhalte höhere Bedeutung als sinnvolles oder gutes Leben. Und aus der Verabsolutierung und Fetischisierung der Gesundheit folge, dass der Tod (als natürlicher Prozss des Überganges) keinen Platz mehr habe im kapitalistisch bestimmten Leistungskatalog des bloßen Lebens. (Byung-Chul Han 2015 und 2020)

Covid-19 hat uns auf eine „Überlebens-Gesellschaft reduziert“ … Angesichts der Pandemie sind wir auf dem Weg zu einem biopolitischen Überwachungsregime. Das betrifft nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unseren Körper: Unsere Gesundheit wird digital überwacht. …  Der Pandemieschock wird dafür sorgen, dass sich weltweit eine digitale Biopolitik durchsetzt, die mit ihrem Kontroll- und Überwachungssystem die Kontrolle über unsere Körper in einer biopolitischen Disziplinargesellschaft übernimmt, die auch unseren Gesundheitszustand ständig überwacht. Angesichts des Schocks der Pandemie wird der Westen gezwungen sein, seine liberalen Prinzipien aufzugeben. Dann steht der Westen vor einer biopolitischen Quarantänegesellschaft, die unsere Freiheit dauerhaft einschränkt. …

Das Virus ist ein Spiegel. Er zeigt, in welcher Gesellschaft wir leben. … Wir leben in einer Überlebensgesellschaft, die letztlich auf der Angst vor dem Tod beruht. Heute ist das Überleben absolut, so als befänden wir uns in einem permanenten Kriegszustand. Alle Kräfte des Lebens werden eingesetzt, um das Leben zu verlängern. In einer Gesellschaft des Überlebens geht jeder Sinn für das gute Leben verloren. Auch das Vergnügen wird der Gesundheit geopfert, die zum Selbstzweck erhoben wird. … Je mehr das Leben vom Überleben geprägt ist, desto mehr Angst hat man vor dem Tod.

Die Pandemie macht den Tod, den wir sorgfältig verdrängt und ausgelagert haben, wieder sichtbar. Der ständige Präsenz des Todes in den Massenmedien macht die Menschen nervös. Die Hysterie des Überlebens macht die Gesellschaft unmenschlich. Denn ihr Nachbar ist ein potenzieller Virusträger, von dem Sie sich fernhalten sollten. (Byung-Chul Han Interview 12.05.2021, Efe, Freie Übersetzung mit Unterstützung durch DeepL.com)

Hartmut Rosa

Der Soziologe Hartmut Rosa erkennt ein Kern-Problem der modernen Zivilisationen in dem Versuch „… die Welt in Reichweite zu bringen. Sie verfügbar zu machen.“ … „Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: (Denn) Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“ (Rosa 2019) Das, was wir besitzen, uns untertan machen und manipulieren, ist tot. Lebende Subjekt entwickeln sich am besten aus sich selbst, und sind dann (für uns) unverfügbar.

  • „Die intensivsten Erfahrungen – auch des Gelingens – sind solche, die wir nicht komplett kontrollieren“ (PhilMag 01/2022 )
  • „Wenn ich der Luft da draußen nicht mehr trauen kann, wieso soll ich dann den Experten und den Politikern trauen?“ Interview TAZ 24.04.2021)

Ian McGilchrist

Der Psychiater Ian McGilchrist schreibt in seiner Mega-Analyse zum Umgang mit den Dingen („The Matter with Things“): Ein Grundproblem unserer modernen Kultur bestehe darin, dass wir die Fähigkeit überbetonen, Dinge zu fassen um sie zu unseren Gunsten zu manipulieren (engl. ap-prehend). Während wir zugleich die Kompetenz verlieren, zu verstehen, zu erleben, und etwas so in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang unserer Erfahrung einzuordnen (engl. com-prehend).

Giorgio Agamben

beschreibt mit seinen Worten das Gleiche: „Ich habe immer gedacht, dass Philosophie und Poesie nichts Verschiedenes sind, sondern zwei Aspekte, die das einzigartige Feld der Sprache in zwei entgegengesetzte Richtungen ausdehnen: reiner Sinn und reiner Klang. Es gibt keine Poesie ohne Gedanken, genauso wie es keinen Gedanken ohne ein poetisches Moment gibt.“ (Agamben 2016) …

„Ich glaube, dass jede Diskussion darüber, was wir heute tun sollten, von dem Bewusstsein ausgehen muss, von der Feststellung, dass diese politisch-rechtliche Zivilisation … , jetzt zusammengebrochen ist, oder besser gesagt (da es sich, wie Sie wissen, um eine Gesellschaft handelt, die auf Geld basiert), diese Gesellschaft, dieser Staat, bankrottgegangen ist.“ …

„Hier haben wir nun die sicherlich un-angenehme Erfahrung, in den Tatsachen dieses Bankrotts zu leben – der intellektuell, ethisch, religiös, rechtlich, politisch, wirtschaftlich ist, in der Form, die gerade das Extrem angenommen hat: Ausnahmezustand statt Recht, Information statt Wahrheit, Gesundheit statt Heil, Medizin statt Religion. Es ist klar, dass hier die Medizin zu einer Religion geworden ist, mit dem Impfstoff als das neue Sakrament, „… „Was ist also in einer solchen Situation zu tun? Auf individueller Ebene sollte man natürlich zunächst einmal das, was man immer versucht hat, gut zu machen, auch wenn es keinen Grund dafür zu geben scheint, umso mehr tun. Aber das ist natürlich nicht genug. … Hannah Arendt hat die Freundschaft als ein mögliches Prinzip der Wiederherstellung einer Gesellschaft in der Gesellschaft, einer Gemeinschaft im Staat bezeichnet.“ (Agamben 2021, freie Übersetzung mit Unterstützung von DeepL)

Die Bedeutung körperlicher Bewegung wird unterschätzt

Fast alle (hier zitierten) klugen Denker unterschätzen den Körper, den sie oft als Anhängsel des Geistes zu betrachten scheinen: denn auch sie sitzen (überwiegend bewegungslos) vor Rechnern.

Das Elend der Psyche entsteht zurzeit gerade dadurch, dass körperliche Kompetenzen schon bei Kindern nicht mehr (genügend) entwickelt werden und verkümmern. Die Qualität des Lernens durch Online-Lehre sinkt ab. Besonders gilt das für Fähigkeiten, die aus eigenem Erfahren und Erleben, und die aus eigenem Denken und Handeln resultieren. Beziehung, Berührung, Interaktion, Psyche-Emotion-Körper werden online weniger oder nicht trainiert. Das Lernen wird immer mehr reduziert auf das, was frontal, zweidimensional und ohne Feed back aufgenommen werden und anschließend wiedergegeben werden kann. Un das beherrschen Algorithmen besser.

Lösungsansätze zur gesellschaftlichen Erneuerung müssen daher auch aus der Anregung von Bewegungskompetenz kommen: ggf. durch innovative sehr-sehr-sehr niedrigschwellige Angebote (z.B. BBAT)

Mehr

Literatur

  • Byung-Chul Han: Die Agonie des Eros, Matthes&Seitz 2015
  • Byung-Chul Han: „Palliativgesellschaft. Schmerz heute“ Matthes&Seitz Berlin, Berlin 2020
  • Giorgio Agamben: Interview 2016 und Rede Nov. 2021 (Übersetzung: Lena Bloch):
  • Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit, Residenz Verlag, 2019
  • Ian McGilchrist: The matter with things. Vol 1 & 2. Perspectiva Press, 2021
Letzte Aktualisierung: 03.12.2021