Weltmacht mit drei Buchstaben? ICH!

Viele nehmen ihr „Ich“ sehr wichtig. Manche glauben und hoffen sogar, es lebe ewig.

Das ist nicht sehr wahrscheinlich: Denn Bewusstsein und „Ich“ werden aktiv, unter hohem Energieverbrauch, konstruiert. (Llinás) Beteiligt dabei sind das Gehirn, die vielfältigen Rückkopplungen zwischen allen Körperzellen, und auch die Wechselwirkungen mit der Umwelt und dem, was gerade geschieht. Die Erstellung dieses komplexen Ich-Programmes ist notwendig als Bezug, der es erlaubt, einflutende innere und äußere Informationen zu bewerten (z.B. als nützlich oder als gefährlich).

Kommunikations-Zyklus: 1. Sich aktiv der Wahrnehmung öffnen (Herausreichen, Hin-sehen, Lauschen …), 2. äußeres Signal aufnehmen und weiterleiten, 3. Signal-Input mit den Erinnerungen bisheriger Erfahrung abgleichen, interpretieren, bewerten, … 6. Eine Hypothese „über Entwicklung der Welt da draußen“ aufstellen, 7. Handlung vorbereiten (z.B. Blutzucker erhöhen) und antworten (z.B. mit einer Geste), 8. Feed back: Reaktion auf Antwort wahrnehmen und weiterleiten … Graphik Jäger

Das Gehirn ist ein Teil der Bewegungsfunktion von vielen. (Wolpert)

Die Nervenzellen des Gehirns kommunizieren mit der Haut, den Knochen, den Muskeln, den Gelenken, den Sinnen und den Faszien. Hirnzellen sortieren die vielfältigen Rückkopplungen, interpretieren und bewerten sie und löschen Bedeutungsloses und Unwesentliches. Dabei werden Beziehungen gebahnt: Zu dem sozialen und dem ökologischen Umfeld, das den Körper umgibt, und in das er eingebettet ist. (Fuchs)

Viele Bewegungen kommen völlig ohne Bewusstheit (und ohne „Ich“) aus. Z.B. ist das Kleinhirn, das mehr Zellen beherbergt, als das Großhirn, für die Erzeugung von Bewusstsein unwichtig. Das liegt daran, dass seine Zellen Reaktionsketten aktivieren, aber nicht mit anderen Organen durch Rückkopplung verbunden sind.

Aber selbst einfache Tiere benötigen eine primitive Bezugsgröße für den Abgleich und die Bewertung der Sinnesinformation („Proto-Selbst“, Damasio). Diese „Repräsentation von sich selbst“ ist untrennbar mit dem körperlichem Ausdruck verbunden. Das gilt auch für Menschen (Tschacher). Denn die Hirnfunktionen sind eingebettet in den Rhythmus aller Körperzellen und zugleich prägen sie ihn. (Buzsaki) Darüber hinaus verbindet das Gehirn sich auch mit äußeren Objekten, mit denen Körper und Sinnesorgane in Beziehung treten. (Noé)

Manche Wissenschaftler*innen fassen mentale Erscheinungen (wie uva. das „Ich“) als Aktivierungen und Variationen vorausgegangener Erfahrungen auf. (Wheeler s. Lit.) Zugleich ist Wahrnehmung auch ein Prozess der Vorhersage, wie die Zukunft, aufgrund des Abgleichs bisheriger Erfahrungen mit aktuellen Sinnesinformationen sein könnte. Das Gehirn arbeitet zugleich als Erinnerungs-Rekonstuktions- und als eine handlungs- und bewegungs-orientierte Zukunfts-Rate-Maschine. (Seth)

Was wir sehen ist die beste Einschätzung, was etwas aufgrund der beschränkten Sinneseindrücke und unserer Erfahrung sein könnte. Seth

Zum Beispiel sind zur Muster-Erkennung Formen und Farben wichtig, um gesehene Erscheinungen besser differenzieren und einordnen zu können. Weil es aber, „da draußen“ keine Formen und Farben gibt, müssen sie „in uns“ aus der Ferne aus einem bestimmten Gemisch einflutender elektromagnetischer Wellen konstruiert werden. Die Emotion, die eine „satt-rot-leuchtende Kugel“ auslöst, beschreibt also nicht eine objektive Wahrheit. Denn die würde eine Biene ganz anders wahrnehmen. Vielmehr wird eine Erinnerung an eine Begegnung mit einem ähnlichen Objekt mit den aktuellen Informationen abgeglichen. Daraus entsteht eine „kontrollierte Halluzination“ (u.a. durch Schwingungsmuster im hinteren Schläfenlappen). Die Unterschiede zwischen Vorstellung, Vermutung und Wahrnehmung sind folglich unscharf. (Corlett s. Lit.)

Die resultierende, bewusste Vermutung „süßer Apfel“ oder „harte Gymnastik-Kugel“ wird dann auf das „Ich“ bezogen, dass sich darüber freut, weil entweder damit gespielt oder hinein gebissen werden kann.

Das „Ich“ ist nicht.
Es entsteht, fließt und vergeht.

Mehr

Letzte Aktualisierung: 23.01.2020