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Wir sind krank.

„Die Herausforderungen, zur Verhinderung einer „grässlichen Zukunft“, werden unterschätzt: Das Ausmaß der Bedrohung für die Biosphäre und all ihre Lebensform – einschließlich der Menschheit – ist so groß, dass es selbst für die am besten informierten Expert:innen schwierig zu verstehen ist – die Umweltzerstörung ist unendlich gefährlicher für die Zivilisation als Trumpismus oder Covid-19″ Sinngemäß übersetzt aus: „Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future“ Bradshaw Front. Conserv. Sci., 13.01.2021.

Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaveränderungen, Berlin, 28.02.2022: “ Der vom Menschen verursachte Klimawandel verursacht gefährliche und weitreichende Störungen der Natur. Er beeinträchtigt das Leben von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt … Am stärksten betroffen sind Menschen und Ökosysteme, die am wenigsten in der Lage sind, mit den härtesten Folgen umzugehen … Es sind dringende Maßnahmen erforderlich “ (Freie Übersetzung Jäger) Kommentar: NZZ 28.02.2022

Kranke Zivilisation

Krankheiten entstehen aus den Störungen von Gleichgewichtszuständen (Homöostase). Sie entwickeln sich, wenn die Wechselwirkungen offener Systeme (die Lebewesen ausmachen und sie durchdringen) nicht reibungslos miteinander und ineinander fließen. Erkrankt ein übergeordnetes System (ein See), leiden untergeordneten Systeme (die Frösche).

Die Krankheitszeichen unserer Biosphäre sind unübersehbar. Manche wachsen besonders bedrohlich: Artensterben, Klimaerwärmung, Vermüllung von Wasser, Böden und Luft. Offensichtlich ist die Biosphäre mit einem Krankheitserreger infiziert. Der aber nicht von außen kommt.

Wie alle Infektionen wird auch die Krankheit der Biosphäre regelhaft verlaufen: Vermehrt sich ein Infektionserreger unbegrenzt, verdrängt er die Mehrzahl anderer Organismen, und vergiftet er das ihn umgebende Ökosystem, bietet ihm die Evolution zwei Möglichkeiten: Entweder er stirbt (und manchmal sein Wirtsorganismus mit ihm). Oder eine veränderte Variante kann überleben, weil sie durch eine evolutionäre Lücke schlüpft, und sich ihrem Umfeld anpasst, ohne es stören. Manchmal erscheinen dann ehemalige Schädlinge als Nützlinge.

Bei Menschen fördert es die Genesung, Krankheit anzunehmen. Dann kehrt Ruhe ein, die Störung von Zusammenhängen wird besser verstanden, und es keimen Ideen, wie man sie günstig beinflussen könnte.

Den meisten wird ihre Krankheit aber erst nach einer Katastrophe bewusst. Bis dahin werden lästige Symptome bekämpft, manchmal immer mehr und immer heftiger. Die eigentlich Veränderungen der Verhältnisse und des Verhaltens, bleiben aus: bis zum „Burn out“.

Oft scheint es noch lange gut zu gehen, ohne etwas zu verändern. Aber bei schleichend erkrankten Lebewesen sinkt die Fähigkeit, sich an neue Belastungen anzupassen. Und so gingen die Kulturen in West-Europa und Nord-Amerika, aus den rasch aufeinanderfolgenden Krisen nicht gestärkt hervor (Finanzkrise 2008, Migrationskrise 2015, Pandemie-Krise 2020, Afghanistan-Nord-Afrika-Krise 2021) . Obwohl die Mittel zur Bekämpfung von stets neuen Feinden immer entschlossener verschossen werden: Erst mit „Bazookas„, dann mit „Wumms“ und 2022 schließlich mit der „Aufrüstung aus voller Kraft“ (Olaf Scholz)“ – Und dann weiter so bis zum ganz großen Knall?

Scan: „Actuel Novapress“ No. 137 (25), Ron Cobb 1937-2020, cartoon: 1968

Die Muster der Bekämpfung von Krankheitszeichen sind sich ähnlich

  • Verengung des Blickfeldes auf einen einfachen Tunnel, mit Feindbild und Zielscheibe
  • Verlust der Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu verstehen
  • Zielgerichtete, lineare Bekämpfung eines äußeren Feindes
  • Fehlende Wahrnehmung für innere Störungen
  • Illusion, das bekannte Wissen bilde die gesamte Realität ab
  • Irr-Glaube, komplexe, eigendynamisch, offene Systeme seien beherrschbar
  • Verdrängung der Kollateralschäden durch scheinbar einfache Interventionen in komplexe Systeme
  • „Weiter so“: Veränderungs-Re-Set, damit alles so bleiben kann, wie es ist
  • Verdrängung von Krankheitsursachen (Unbegrenztes Wachstum, Vergiftung des Wirtsorganismus)

Inder Medizin sind solche Strategien beliebt, weil sie kurzfristig wirken und deshalb lukrativ vermarktet werden können. Oft verschlimm-bessern sie, weil sie Kollateralschäden erzeugen. Sie erfordern dann erneut (lukrative) Bekämpfungsstrategien. Übersteigen die Schäden der Behandlung dabei ihren Nutzen, ist das Ende der Behandlung oft auch das Ende des Problems. (Watzlawick)

Mittlerweile bilden die auflaufenden Probleme des Erd-Zeitalters der Menschen (Anthropözän) eine Masse, die nicht mehr ignoriert werden kann.

Folglich müsste die Menschheit jeden Problemaspekt in den Gesamtkontext einordnen: Die Gesundheit der Biosphäre. Daraus ergäben sich dann (bei jeder Krise) völlig andere Handlungs-Strategien:

  • Nicht gegen etwas kämpfen, sondern für etwas sorgen
  • Komplexe Systemzusammenhänge verstehen und beruhigen
  • Das Wirtschaftssystem umbauen: radikal weniger & nutzbringend für das Ökosystem der Biosphäre
  • Konsequent gewaltfrei und sinn-voll handeln
  • Wirtschaft und Politik „Werten und Visionen“ unterordnen, die am Gemeinwesen und den Bedarfen der Natur orientiert sind.

Der Raum für alle Lebensformen der Erde (uns eingeschlossen) wird enger.
Einige diskutieren bereits über ein „Ende der Evolution“ – wie wir sie kennen.
(Glaubrecht 2020, Jorion 2018, 2020)

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Letzte Aktualisierung: 03.03.2022