Zur Corona-Diskussion

Virus-Übertragungen sind nicht ungewöhnlich. Die SARS-CoV-2-Pandemie aber wird in die Weltgeschichte eingehen.

Üblicherweise werden angesichts einer Epidemie unvollständige Informationen aus möglichst vielen Blickwinkeln betrachtet: ruhig, emotions- und ideologiearm, kompetent, und anderen Wissenschaftler*innen gegenüber respektvoll und zugewandt.

Als erstes muss immer die Bevölkerung und die Politik beruhigt werden. Und auch die Medien sollten mithelfen, dass keine Panik entsteht.

Im Vordergrund wissenschaftlicher Analysen stehen ungeklärte Fragen. Lehrmeinungen, auf vergangenen Ereignissen beruhen, sind nützlich. Sie passen aber möglicherweise nicht genau zur aktuellen Situation, und können nicht einfach in die Gegenwart kopiert werden.

Vorläufige Not-Maßnahmen werden normalerweise so gestaltet, dass sie korrigiert oder rückgängig gemacht werden können. Stabilere Handlungsempfehlungen beruhen dann u.a. auf Studien zur Infektions-Sterblichkeit und zu den Faktoren, die Übertragungen begünstigen oder Infektionsverläufe abmildern oder verschlimmern.

Aktionismus erhöht die Gefahr

Bei der Covid-19-Epidemie verlief vieles anderes als sonst. Positionen wurden rasch als alternativlos bezeichnet. Und es wurde intensiv nach Antworten gesucht, die belegen sollten, dass das, was ohnehin bereits getan wurde, auch richtig und notwendig gewesen sei.

In der allgemeinen Hektik war für neugierig-kritisches Fragen kaum Platz. Stattdessen kämpften „Wahrheiten“ um Aufmerksamkeit in offiziellen und alternativen Medien.

Sanfte Brise auf offenem See. Alle sind brav und tun was sie sollen. Ganz im Sinne von Konfuzius: Denn dem war nicht wichtig, wie es „wirklich ist“, solange das Ritual ausgeführt wurde, also ob es „so sei“. Protestiert wurde hier nur, als jemand sein Gesicht nicht verbergen wollte: Denn, wer das verordnete Ritual ablehne, solle auch nicht Boot fahren. Bild: Jäger 18.07.2020

Was ich in den ersten Monaten der Pandemie am meisten vermisste, war, dass die Behörden das vorhandenes Wissen (zu vergleichbaren Virus-Epidemien), nicht ausreichend berücksichtigten, und dass die Forscher keine Experimente durchführten, die uns sagen konnten, was funktioniert, was nicht funktioniert und was schädlich ist. Peter Gøtzsche 2020

Was war so besonders an der Covid-19-Epidemie?

… Im Vergleich zu den schwer verlaufenden Influenza-Epidemien des letzten Jahrzehntes? Warum konnte Covid-19, lawinenartig, gesellschaftliche Veränderungen auslösen?

Mir erscheint ein Grund besonders plausibel, der keinen virologischen Bezug hat: Seit Oktober 2019 beschleunigte sich die globale Krise des Welt-Wirtschafts und -Finanzsystems. Und diese elemetare System-Katastrophe brauchte dringend einen Namen.

Zugleich triggerte die Epidemie eine Beschleunigung der Konzentrationsprozesse und radikalen Umgestaltungen des weiterhin krisenstabil wachsenden Gesundheits-Marktes. Für die Digitalkonzere und die Hersteller von Produkten erwies sich die Krise als Segen.

Als SARS-CoV-2 Anfang 2020 auftauchte, standen ohnehin dramatische gesellschaftliche Veränderungen an. Diese gesellschaftliche Dynamik erschwerte den wissenschaftlichen Dialog bezüglich des Einzelfaktors „Virus“. Es ging eben nicht nur um Virologie, sondern um umfassendere Zusammenhänge. Die Störungen persönlicher, ökologischer oder gesellschaftlicher Systeme (ihre Anfälligkeit für Krankheit) wurde aber kaum thematisiert.

Der Fokus lag nur bei dem „Virus“, das sich aber bei unterschiedlichen Menschen und in verschiedenen Regionen scheinbar jeweils sehr anders verhielt.

Im “Neuen-Normal“ (mit Corona) ist vieles anders:

In Folge der so genannten „Corona-Krise“ verschlechterte sich die Lage der stationären und ambulanten Versorgung.

Covid-19 triggerte gesellschaftliche Veränderungen, die sich bereits lange vorher entwickelt hatten: u.a. Digitalisierung, Konzentrierung und Kommerzialisierung im Gesundheitsmarkt.

Die Maßnahmen, die die Virus-Verbreitung eindämmen sollten, beschleunigten diese Entwicklungstrends wie Katalysatoren. Zum Beispiel den Übergang von patienten-zentrierter Behandlung („patient centered care“) zu Algorithmen-gesteuertem Patienten-Durchschleusen („patient processing“).

Sprechende, berührende, soziale und beziehungsreiche Medizin verkümmern. Die Qualität psychosomatisch heilsamer Arzt-Patienten-Kommunikation droht eher noch weiter abzunehmen. Gesundheitsziele im Sinne gesunden Verhaltens und gesunder Verhältnisse (Ottawa Charta) scheinen in der Gesundheitspolitik keine wesentliche Rolle mehr zu spielen.


Ottawa Charta: Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik. https://gesundheits.de/gesundheit/ottawa-charta

Dafür rücken Ziele der Gesundheitsmarkt-De-Regulierung in den Vordergrund: hin zu technischen Anwendungen und zu deren staatlich-subventioniertem Verkauf. Der ohnehin mächtige Gesundheitsmarkt, der heute bereits alle Lebensbereiche medikalisiert, wird explosionsartig weiterwachsen wie ein Krebsgeschwür.

Die Entwicklungs- und Bildungschancen bei Kleinkindern verschlechterten sich deutlich. Kindergesundheit (und damit die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft) wird „nach Corona“ noch mehr vernachlässigt als bisher. Allgemein scheint der Trend zu Geringschätzung kreativer menschlicher Bildungskompetenz zuzunehmen (das was „Künstliche Intelligenz“ nicht kann).

Stattdessen wird Bildung und Wissen noch stärker als Wiedergabe dessen aufgefasst werden, was andere bereits gesagt oder aufgeschrieben haben. Daten-Wissen, das jeder Laptop besser beherrscht, wird (z.B. in Prüfungen) höher bewertete, als menschen-typischen Fähigkeiten, wie Zusammenhänge, Beziehungen und Wechselwirkungen zu verstehen.  

Infolge der Covid-19-Maßnahmen wurden zudem die Möglichkeiten und der Anreiz zu körperlicher und geistiger Bewegung eingeschränkt. Besonders bei Kindern und bei kranken Menschen (u.v.a. mit Krebs). Die Trends zur sozialen Vereinsamung wurden verstärkt: psychiatrische Erkrankungen werden daher sicher zunehmen.

Auch die Versorgungsqualität älterer Menschen hat sich verschlechtert, insbesondere die der ambulanten, psycho-sozial-kompetenten Begleitung. Moderne Epidemien wie Adipositas, psychische (Stress-)-Störungen, psychiatrischer Erkrankungen, Antibiotikaresistenz, Suchtverhalten, Immun- und Auto-Immunerkrankungen, Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, Diabetes, Mangel an entspannter Bewegung, Mangel an ausreichend Schlaf und gesunder Ernährung … scheinen die Gesundheitspolitik nicht mehr zu interessieren.

Die Krise der globalisierten Welt-Kapital- und Finanzordnung führt absehbar nicht nur zu einer Umschichtung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben (mit dem Risiko starker sozialer Verwerfungen). Sondern auch zu einer weiteren Vernachlässigung dringender (menschheits-bedrohender) ökologischer Störungen der Oberfläche unseres Planeten (Meer, Land, Klima).

Die drohende „neu-normale“ finanzblasen-gepowerte Wachstumsideologie könnte möglicherweise zu noch größerer Umweltzerstörung als bisher führen.

Vielleicht steigt auch das Risiko lokaler und internationaler Kriege im Rahmen verschärfter Konfrontationen, u.a. zwischen USA/NATO und Russland und China. Denn bei dem zunehmenden Sinn- und Visions-Verlust krisengeschüttelter Gesellschaften, denen die Wachstumsideologie wegbricht, ist eine Zunahme autokratischer Tendenzen und Demokratieabbau (unter dem Vorwand des „Gesundheits-Schutzes) sehr naheliegend.

Das Verstehen von Systemzusammenhängen, biologischen-physikalischen-ökologischen-soziologischen Wechselwirkungen, Resilienz, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit gesunder System-Netzwerke spielt in der Wachstums-Dynamik des Medizinmarktes eine immer geringere Rolle.

Dafür werden einzelne Faktoren von Ursache von Wirkung (monokausal, mechanistisch, reduktionistisch) überhöht („das Virus“), und daraus eine Umkehr des Vorsorgeprinzips („zuerst nicht schaden“) zu Gunsten von Interventionen abgeleitet.

Der österreichische Gesundheitsminister Anschober erklärte am 21.07.2020 zur Maskenpflicht u.a. in Super-Märkten, dass es nicht um Covid ginge, sondern um (Schnupfen)-Rhinoviren und um das virologische „Grundrauschen“ durch andere Erkältungsviren. https://tvthek.orf.at/profile/ZIB-2/1211

Reden über Lösungen führt zu Lösungen (Reden über Probleme erzeugt Probleme)

Die Atmosphäre der Diskussionen und Diskurse zu den Zusammenhängen, die die Menschheit seit Anfang 2020 prägen, ist (immer noch) vergiftet durch Angst, Ärger, Wut.

„… unterschiedlich irre Verschwörungstheoretiker …“ Zitat aus der Bildunterschrift, Süddeutsche Zeitung, Juli 2020

Wissenschaftliche Dialoge werden zudem behindert durch (jeweils alternativlos-dogmatische) „Wahrheiten“, die zu einem intensiven Anpassungsdruck führen.

Der angebliche Sinn des Tragens von Masken außerhalb medizinischer Räume nimmt einen breiten Platz ein. Es wird dagegen kaum thematisiert, wie kleine Kinder vor (noch mehr) Schäden bewahrt werden können, besonders dann, wenn deren Situation ohnehin schon schwierig ist (zerrüttete Familie, soziale Not, Gewalt, Migration …). 

In der öffentlichen Diskussion scheint der Streit ungleich wichtiger zu sein, ob jemand die Influenza-Gefahren wegen der Corona-Risiken verharmlost oder umgekehrt.

Vor dem Hintergrund starker Verunsicherung war Angst normal

… zu Beginn der Epidemie. Ungewöhnlich war nur, dass sie durch Schreckens-Bilder und -Szenarien geschürt wurde.

In Angst wird nach Sicherheit gesucht. Daher sind Ängstliche leicht manipulierbar. Sie können dann keine Fakten abwägen. Deshalb müsste in Gefahr eigentlich die Angst beruhigt werden.

Geschieht das nicht (wie im Verlauf der Covid-19-Epidemie) entwickelt sich nach der Verunsicherung eine ideologische Starre: ein unerschütterlicher Glaube an eine einmal erkannte Wahrheit. Dann ist es nicht mehr nötig über Covid-19 selbst nachzudenken und Fragen zu stellen, weil man seine Antwortbox mit den reinen Wahrheiten gefunden hat.

Das neue Erklärungsmodell muss nur gegen störende Informationen verteidigt werden. Notfalls vehement. Es ist dann belanglos, ob einige Fakten der Theorie widersprechen: Denn das wäre (nach Watzlawik) „umso schlimmer für die Realität“.

Eigentlich ist jedes inbrünstiges Glaubensbekenntnis eine Beleidigung des kritischen Verstandes, aber leider immer wieder sehr mächtig und völlig logik- und erfahrungs-resistenz.

Aggressives, ideologisches, raues Diskussion-Klima

Auf Fakten gegründete Dialoge sind erst dann nützlich, wenn sie auf Neugier basieren. Herrschen dagegen die Gefühle Ärger, Angst, Wut vor, oder ein ideologisch-dogmatisches Ge-Glaube an ein „alternativlos-wahres“ Erklärungsmodell, wird es mühsam.

Ich wünschte mir ruhige, emotions-interessen-ideologie-arme Abwägungen der Entwicklungszusammenhänge, die unsere Welt zurzeit mitreißen. Den Streit um die Bedeutung eines Einzelfaktoren („Virus“) halte ich für vergleichweise banal und unproduktiv.

Menschen die ihre Rest-Angst in Neugier wandeln und den Tunnelblick zu einem Weitblick wandeln wollen, sollten nicht nur auf das Einzelne sehen. Gerade in Gefahr wäre die andere Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Gesamtzusammenhänge, Wechselwirkungen und Beziehungen zu verstehen, viel wichtiger als „Erbsenzählen“.

https://www.youtube.com/embed/dFs9WO2B8uI?feature=oembed

In den Gesprächen zu den Herausforderungen, die sich nach der Corona-Krise entwickeln werden, wünschte ich mir mehr psychologische Grundhaltungen, die Visionen entstehen lassen, zu denen es hinzieht:

Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. A. Saint Exupery

In der großen Krise der Wachstumsideologie haben wir vergessen, so zu leben, dass wir gesund bleiben. Die Krankheits-Bekämpfung wird übermächtig und die Kunst des guten Lebens (die Salutogenese), schwächelt. Die Welt erscheint immer verworrener, die Möglichkeiten sie zu gestalten nehmen ab und (besonders wichtig): die Sinnhaftigkeit, dessen was getan wird geht verloren.

Es ist an der Zeit, etwas anderes zu tun als nur die Übel zu bekämpfen, die zurzeit so mächtig sind.

Wir könnten uns geistig und körperlich mehr bewegen, denn „Verstehen“ folgt sinnlicher Erfahrung. Wir könnten uns mehr einbringen und gestalten, und wir könnten Visionen ertäumen, wie Homo sapiens sich sinnvoll in das Ökosystem Erde integrieren könnte.

Die Menschheit braucht langfristig nicht noch mehr technische Lösungen. Sie braucht dringend eine Veränderung ihrer Einstellung.

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Literatur und Links

Letzte Aktualisierung: 23.07.2020