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Kinder in Bewegung!

Was macht die Gesellschaft mit den Kindern?

https://www.lockdown-kinderrechte.at/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=bsJrjpfortM

Kinder: dicker und unbeweglicher

Es war etwa ein Jahr vor den Hamburger Bürgerschaftswahlen 2001. Die damalige Oppositionspartei versuchte die Behörde zu stören. Und stellte kluge Fragen.

Ob es richtig sei, dass

  • die Hamburger Kinder immer dicker würden,
  • sich wirklich immer weniger bewegten,
  • es sich dabei um ein Problem handele,
  • und wenn ja, was der Hamburger Senat dagegen unternehme.

Ich war dort vorübergehend zuständiger Referent und antwortete etwa so:

  • Ja, es sei richtig, dass die Kinder und Jugendlichen in Hamburg dicker und bewegungsfauler würden,
  • Ja, dabei handele sich um ein ernstes Problem, das sich langfristig gesellschaftlich auswirken würde. Denn es beeinflusse die Verhaltens- und Intelligenzentwicklung, und damit die spätere Erwachsenengesundheit.
  • Und ja: angesichts dieser Gefahren müsse man (eigentlich) unbedingt etwas tun!

Mein Vermerk kam umgehend von der Behördenspitze zurück. Mit einer bleistift-geschriebenen (ausradierbaren) Randnotiz: „Lieber Herr Jäger, bitte keine Frontalvorlage für die Opposition!“

Cabrol C & Raymond P: La Douce (Sanfte Bewegung für Kinder): Helft Ihnen aus der Langeweile, Ottawa 1987 – Bild: Scheinbar „haben“ diese Kinder alles: aber es fehlt ihnen an Beziehung.

 

Ich war offensichtlich unfähig, banal-einfache behörden-politische Texte zu verfassen. Also musste eine Kollegin meinen Job übernehmen. Ihre Antwort klang dann etwa so:

  • Die Daten der Gesundheitsberichterstattung sind nicht eindeutig. Wir benötigen dringend weitere Studien, und werden sie auch zeitnah in Auftrag geben.
  • Auch die Erstellung eines Gutachtens ist geplant, und für die Formulierung des Auftrages wurde bereits eine Arbeitsgruppe eingerichtet.
  • Die Behörde handelt (wie immer) unverzüglich und punktgenau. Aber ruhig, besonnen und überlegt. Nach sorgfältiger Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse, und zu gegebener Zeit, wird unser Aktionsplan punktgeanu und wirksam umgesetzt werden.
  • Bereits heute ist die Behörde nicht untätig: Für die Grundschule „A“ wurden zwei Gymnastik-Bälle gekauft, die Kindertagesstätte „B“ erhielt ein Klettergerüst und …“

Bewegungsmangel schadet (nicht nur) der Hirnentwicklung

Immer mehr Kinder haben Schwierigkeiten, sich mit verbundenen Augen im Raum zu orientieren, zu hüpfen oder rückwärts zu gehen. Im Rahmen der Lockdown-Maßnahmen und Digitalisierung nehmen diese Negativ-Trends deutlich zu:

Die Autoren des vierten deutschen Kinder-und Jugend Sportberichtes, der am 29. Oktober 2020 in Essen vorgestellt wurde, schrieben „80 % der Jugendlichen bewegen sich weniger als von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen“ und „besonders betroffen sind Mädchen.“ Die offensichtlichste Folge des Bewegungsmangels sei u.a. Übergewicht. (Krupp-Stiftung 29.10.2020)

„Körperliche Inaktivität wird mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes, einige Krebsarten uva. in Verbindung gebracht. Zu den gesundheitlichen Vorteilen gehören u.a. Verbesserungen der geistigen Gesundheit, Verbesserung kognitiver Funktionen, des Schlafs, sturzbedingter Verletzungen uva. … Die COVID-19-Pandemie behindert körperliche Aktivität. Abgesperrte und eingeschränkte Menschen sind wahrscheinlich weniger körperlich aktiv, während Menschen, die körperlich aktiv sind, seltener schwere Symptome und Krankenhausaufenthalte durch COVID-19 erleben.“

The Lancet Physical Activity Series 21.07.2021

Cabrol C & Raymond P: La Douce (Sanfte Bewegung für Kinder): „Helft Ihnen aus der Langeweile“ (Ottawa 1987): Die Vorstellung, wie etwas sein könnte, löst Sensationen und geht der Bewegung voraus. Die Bewegung liefert die nötige Rückinformation, die die Vorstellungskraft beeinflusst. Hirn und Bewegungsfunktion sind eins.

 

Das Gehirn ist Teil des Bewegungssystems.

Die Hauptaufgabe des Gehirns besteht darin, durch Bewegung mit der Umwelt in Beziehung zu treten. Das Gehirn ist ein Kommunikationsorgan. Es tritt durch körperliche Bewegung in Wechselwirkung zu seinem Umfeld: Durch Körperhaltung, Gestik, Mimik, Berührungen oder die Stimmgebung des Kehlkopfs.

Bei der Betrachtung des Geflimmers eines Bildschirms spielt natürlich-menschliche Kommunikation eine vergleichsweise geringe Rolle. Besonders dann, wenn Kinder in der Schule zusätzlich gezwungen werden, Masken zu tragen. Sie verstehen non-verbale Signale (der Mimik und Gestik) dann viel schlechter.

Kinder trainieren ihr Gehirn durch das Erlernen von Bewegungsabläufen: Die Verarbeitung unmittelbarer Sinneseindrücke allein reicht für zielgenaue Ausführungen von Bewegungen nicht aus. Sie wäre viel zu langsam und zu unpräzise. Im Gehirn werden stattdessen einfließende Informationen mit Erfahrungswissen und verinnerlichtem Können abgeglichen. Das erfordert sehr viel und regelmäßiges Ausprobieren. Und natürlich auch regelmäßiges (oft frustrierendes) Üben.

Das Erlernen neuer motorischer Kompetenten beruht auf ständigen Rück-kopplungen, die über Erfolg oder Misserfolg berichten, von dem was getan wird. Kinder brauchen beim Entwickeln ihrer Bewegungskompetenz anregende Unterstützung und achtsame Begleitung. (Manley 2014).

Während der Corona-Maßnahmen sind 60% mehr Kinder und Jugendliche wegen Adipositas im Krankenhaus behandelt worden (DAK nach dpa 10.09.2021). Erste Anzeichen für Lerndefizite beschreibt die Ständ. wiss. Komm. der Kultursministerkonferenz (StäwiKo). Besonders Grundschüler:innen sind davon betreffen. Denn sie lernen nur, wenn sie etwas begreifen und mit allen Sinnen erfassen können. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade ihre Fähigkeiten beim Rechnen (Mathematik), aber auch bei Lesen und Hörverstehen deutlich nachgelassen haben (Kermit-Erhebung zit.: FAZ 13.09.2021)

Cabrol C & Raymond P: La Douce (Sanfte Bewegung für Kinder): „Helft Ihnen aus der Langeweile“ (Ottawa 1987): Bewegung macht Spaß, weil es die Wirkkräfte verbindet.

 

Be-Greifen

Hände formen, wirken und kommunizieren. Sie können sich mit dem Gegenstand, den sie berühren, verbinden und ihn handhaben. Manchmal entstehen fließende Bewegungen des ganzen Körpers. Dann werden Kräfte weit über die Körpergrenzen hinaus wirksam. Geleitet über Hüfte, Rumpf, Schultern und erst dann durch den Kontakt mit den Händen.

Das Be-greifen einer Situation mit allen Sinnen führt im Abgleich bisheriger Erfahrung zum Verstehen: Einer Vorstellung, wie etwas sein könnte. Und wie man, daraus abgeleitet, die Entwicklung günstig beeinflussen könnte. So findet ein Körper (nach einigem Ausprobieren und Scheitern) zu wirksamer, effektiver und eleganter Dynamik. (Wolpert 2011, Sagedi 2018)

Der Funktionsumfang der Hände ist eine grundlegende Besonderheit des Menschen: Die Fähigkeit der Hände zur Berührung ergibt sich aus der menschlichen-stabilen Hüftkonstruktion, die unsere Schultern von tragenden Aufgaben befreit.

Wahrnehmung und Steuerung der Hand nehmen Im Gehirn so viel Platz ein wie das Gesicht. Viele Wissenschaftler:innen glauben deshalb, dass es die Gesten der Hand waren, die die Grundlage der Sprachentwicklung bildeten. Lange bevor die motorischen Programme der Kehlkopf-Steuerung, die ersten gesprochenen  Worte und Sätze bildeten. (Wilson 2001)

Viel mehr als Erwachsene müssen Kinder mit all ihren Sinnen lernen. Sie können (ein Ding oder eine abstrakte Aufgabe) nicht verstehen, wenn sie nicht den Zusammenhang spielerisch ausprobieren, bewegen und begreifen dürfen.

Gewandtheit: eine menschentypiche Art der Bewegung.

Gewandtheit entwickelt sich aus der Fähigkeit, sich in einem Prozess mit Gegenständen oder Lebewesen zu verbinden. (Young 2013) Diese Kompetenz bildet sich erst lange nach der Geburt im Wechselspiel motorischer und neurologischer Fähigkeiten aus. Und nur, wenn sie durch das Umfeld ermöglicht und gefördert wird. (de Klerk 2018)

 

Experiment mit Kindern

Unsere Gesellschaft gestaltet zurzeit einen Großversuch.

Da sich bereits 2019 80% der Kinder in Deutschland zu wenig bewegten (Krupp Stiftung 29.10.2020), wird jetzt offenbar experimentiert, was geschehen mag, wenn sich 100% der Kinder zu wenig bewegen, von denen dann viele definitiv bewegungsgestört sein werden. Im Rahmen einer kinderfeindlichen Gesellschafts-politik werden Grundschul-Kindern zusätzliche Bewegungs- und Atmungshemmnisse verordnet. Und zusätzlich das nötige Training der Handmotorik (durch Bildschirmarbeit) ausgebremst.

Es muss aber nicht nur befürchtet werden, dass Bewegungsvielfalt und Bewegungskompetenz verarmen. Sondern in der Folge werden auch die Fähigkeiten zu Kreativität, Innovation und sozialer Kompetenz abnehmen. (Reichelt 2021, Singha 2020)

So sägt eine Gesellschaft an dem Ast, auf dem sie sitzt.

Closing the world’s schools caused children great harm. The Evonomist 26.06.2021
Lessons from the desaster. The Economist, 26.06.2021

 

Welche Möglichkeiten bleiben uns, um Kindern wirksam zu helfen?

Ich weiß es nicht.

Denn die Grundrechte der Kinder, wie die Rechte auf Bildung und Unversehrtheit stehen zur Disposition.

Viele gute Strategien und Angebote um Kindergesundheit zu fördern, wurden durch die Corona-Maßnahmen zerstört. Gesundheit wird zur Zeit reduziert auf die Nutzung medizinischer Produkte. Kinder können sich nicht wehren. Und die wenigen Ärzt:innen, Psycholog:innen, Hebammen, die versuchen sie zu schützen, sind zu schwach.

 

Screenshot: https://youtu.be/indw0FkRu6I, Buch: Zimmermann D., Heinrich N.: Kinder in Balance, tqj-verlag.de 2016
So viele gute Ideen, Spaß und Engagement: Alles zunichte?

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Literatur

 

Letzte Aktualisierung: 14.09.2021