Psycho-Chirurgie

Inhalt

  • Kopf-Transplantation
  • Botox und emotionale Blindheit
  • Lobotomie Irrsinn
  • Tatto und Magie

letzte Überarbeitung: 28.05.2019

Kopf-Transplantation

Neuer Körper für alten Kopf?

Der italienische Neurochirurg Sergio Canavero und „sein chinesischer Freund“ und Kollege Xiaoping Ren verkünden 2017, dass wir bald die erste Kopftransplantation erleben würden. (Focus 25.11.2017).

Prahlerei oder real drohender Irrsinn? (Independent, 17.11.2017)

In der Medizin wurde immer schon scheinbar „Unmögliches“ umgesetzt, wenn es technisch (irgendwie) doch machbar erschien, und hohe Anerkennungen und Profite versprach. 1967 wagte sich z.B. Christiaan Barnard im Groote Schuur Hospital in Kapstadt nach vielen Tierversuchen (zuerst 1905 in Wien bei einem Hund) an die erste menschliche Herztransplantation. Weil ihm die technische Umsetzung schon schwierig genug vorkam, ersparte er sich die zermürbenden ethischen Diskussionen, die erst nach dem Eingriff begannen.

Er schuf Fakten. Und die erzwangen im Sinne der Erfordernisse der Organtransplantationen zu klären, was ein Mensch sei: Im Wesentlichen ein Gehirn. Und ab wann ein Mensch als verstorben gelten kann: Wenn das Gehirn kein Bewusstsein mehr erschafft. In anderen Ländern, wie in Spanien, reicht für eine Organspende (ohne vorherige Zustimmung) das Kriterium des Herztodes aus.

Einig sind sich weltweit die Medizin-Ethiker, dass ein „sich-selbst-bewusstes“ Gehirn verschiedene Organe „besitzt“. Ein Mensch besteht also nicht u.v.a. auch aus einer Leber, sondern er „hat“ eine.

Deshalb kann man diese, wenn nötig, wie das Ersatzteil einer verschlissenen Maschine austauschen. Oder wenn das Gehirn gestorben zu sein scheint, auch verschenken. Der gleichen Logik folgend, kann es  also auch nicht un-ethisch sein, dem denkenden Wabbel-Pudding innerhalb des Schädels eine komplette Körperausstattung zu verpassen.

Küsschen! Küsschen!

Die Absurdität dieser Zukunftsvision grinst uns aus der bösen Kurzgeschichte des britischen Schriftstellers Roald Dahl an: Ein „verkopfter“ Wissenschaftler lässt sich da sein Gehirn entnehmen, weil ihm der Körper zu versagen droht. Und das verbliebene Auge des in Nährlösung schwimmenden Neuronenhaufens sieht dann einer Horror-Vision des Weiterlebens entgegen.

Wir müssen sicher davon ausgehen, dass in irgendeinem Winkel der Erde, wo mit High-Tech un-ethisch experimentiert werden darf, irgendjemand irgendwann diese neue Frankenstein-Variante ausprobieren wird. Möglicherweise wird der dabei entstehende Doppelmensch auch noch eine Zeitlang (mehr oder weniger) leben.

Trotzdem macht die Grundannahme der Trennbarkeit von Gehirn und Körper wenig Sinn, weil

Im Menschen ein zweites vom Schädel-Gehirn unabhängiges, etwa katzenhirngroßes Nervengeflecht mit unserem Mikrobiom kommuniziert, und einen Teil der Persönlichkeit ausmacht (Watzke: The brain in your gut, TED 2010)

  • Nerven- und Bewegungszellen Teil eines in Rückkopplung schwingenden Systems sind (Wolpert, Cambridge: Der wahre Grund für Gehirne, TED 2011)
  • Das Wesentliche der neuronalen Aktivität nicht Signale sind, die wie in Rechnern über Kabelstränge von Sendern zu Empfängern verlaufen, sondern oszillierende Klang- und Schwingungsmuster, die sich aus der Resonanz aller Zellen und deren Umgebung ergeben (Brain Rhythm, Buzsaki lectures:  2012, 2016). D.h. der Quantenrechner „Gehirn“ existiert nicht für sich genommen, sondern ist Teil übergeordneter Schwingungsmuster, in die sich Einzelaktionen einfügen.
  • Körper (inkl.Darm und Mikrobiom) und Geist über sehr feine Impulse und Rückkopplungssystem im autonomen Nervensystem verschaltet sind, und dieses Feintuning nicht durch mechanisches Aneinandernähen von Nervenenden erhalten werden kann.
  • Körper und Gehirn in Wechselwirkungen existieren (Boulé: The Power of brain body connection 2016) und Nervenzellen ohne Training von Bewegungszellen verkümmern (Ratey: The Brain Body Connection 2016)

Die Zusammenhänge und Beziehungen zwischen Nerven- und Körperzellen sind unendlich komplex.  Sie verändern sich eigen-dynamisch unter dem Einfluss übergeordneter Systeme, und auch durch Zufälle. Es macht daher viel Sinn, Nerven und Bewegungszellen zu trainieren und sich so qualitativ verändern zu lassen. – Gerade nach Verletzungen oder nach Krankheit.

In lebenden Systemen mechanisch herumzuschrauben wie in klapprigen Maschinen, zerstört dagegen die Essenz des Lebens: Die elastische, veränderlich-wachsende und flexible Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten und Beziehungen.

Emotionale Wachheit. Bild: Jäger, Tansania 1983

Botox und emotionale Blindheit

Vergoldetes Gift : … Das weiße Pulver (Botox) ist nicht nur hochgiftig, sondern auch sehr teuer … Ein lukratives Geschäft für Pharmafirmen. Die Zeit 18.01.2017

Günther M, Jäger H: Faltenglättung mit BTX. Der Deutsche Dermatologe 2011, 10:608-611

Was ist schon ein fröhliches Lachen angesichts atemberaubender Schönheit?

Das Gesicht ist das wichtigste Kommunikationsorgan des Menschen. Es verändert seine Erscheinungsform mit zunehmendem Erleben, weil  Muskeln, die häufig betätigt werden, Hautbereiche in charakteristische Falten ziehen. Wer viel lacht, bildet andere Falten aus als jemand, der traurig und niedergeschlagen durchs Leben zieht.

Das Gesicht beginnt mit zunehmenden Jahren die gelebten Erfahrungen zu spiegeln und offenbart anderen daher zunehmend Persönlichkeitsmerkmale, die mit einem jugendlichen Gesicht leicht überspielt werden können. Auf manche gelebten Erfahrungen könnte man rückblickend allerdings auch gut verzichten. Im natürlichen Alterungsprozess lässt die Elastizität der stützenden Kollagen-Strukturen der Haut nach, besonders schnell bei Rauchen, Stress, Adipositas und auszehrenden Krankheiten.

Um dem Gesicht eine jugendlichere Form zu verleihen, werden in bestimmten Regionen, die für den Kontakt mit anderen eine Signalwirkung ausstrahlen (Lippen, Mundwinkel, Umgebung der Augen) mit sehr feinen Nadeln Injektionen oder Unterspritzungen vorgenommen, z.B. mit Hyaluronsäure oder dem Nervengift Botulinumtoxin (Botox). Im Ergebnis erscheinen die betroffenen Hautareale gestrafft, die für die Person bis dahin charakteristischen markanten Gesichtsstrukturen werden abgeflacht. Die Beweglichkeit des Gesichtes, die Mimik wird maskenhaft eingeschränkt, es kann unter Umständen attraktiver wirken, „bildschön“.

Nach Injektionen zeigt sich ein erster „Lift“-Effekt nach etwa drei Tagen. Die Wirkdauer insgesamt hält etwa vier bis sechs Monate an. Kurzfristige, bei sachgerechter Ausführung sehr seltene Risiken bestehen in allergischen Reaktionen oder Blutergüssen. Bei ungenügenden Hygienestandards sind auch Wundinfektionen oder – wenn die Maßnahme im Ausland unter unhygienischen Bedingungen erfolgt – Übertragungen von Viren möglich (u.a. HBV, HCV, HIV).

Auswirkungen von Botox auf die Verarbeitung von Emotionen

Die Nervenversorgung des Gesichtes und die Steuerung der Versorgung innerer Organe bildet eine funktionelle Einheit. Der sensible und der motorische Gesichtsnerv (Nervus facialis und Nervus trigeminus) gehören wie der Hauptversorgungsnerv der Organfunktionen (Nervus vagus) zu der Gruppe der sogenannten Kiemenbogennerven. Sie erhielten, unsere Urahnen an Land krochen und keine Kiemen mehr benötigten, eine neue Aufgabe erhielten. Während Schlangen nur mit drei „Worten“ kommunizieren können (Beißen, Fliehen, Totstellen), kann die Sprache der Emotionen solche Primitivreaktionen ausbremsen, um anderen Artgenossen die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen.

Diese wichtige Interpretation der Welt wird innerhalb der Säugetierfamilie anderen durch Nerven und Muskeln vermittelt, die den Nacken, das Gesicht, den Rachen und den Kehlkopf versorgen. Damit können Tiere schnüffeln, piepsen und schlucken, und Menschen vermitteln weltweit auf die gleiche Weise Angst, Wut, Trauer, Ekel, Langeweile, Überraschung und Freude.

Botox-Injektionen im Gesicht stören diese, bei Menschen besonders ausgeprägte, Kommunikationsfähigkeit. Sie scheinen zu einer vorübergehenden, milden Form „der Blindheit“ gegenüber Signalen zu führen, die aus sozialen Zusammenhängen der Welt stammen (Havas 2010, Davis 2010). Nach einer Botoxinjektion in den Muskel „currugator supercilii“ (oberhalb der Nasenwurzel) verlangsamt sich die Geschwindigkeit des Verstehens emotional-negativ geladener Sätze, wie „taumelnd, nach einer heftigen Auseinandersetzung mit diesem halsstarren Idioten, schlägst du die Autotür zu„.

Offenbar scheint die Verarbeitung emotionaler Informationen die Rückkopplung zu unbewusster muskulärer Aktivierung zu benötigen. Denn Nervenaktivität ist untrennbar in einem Kreis der Erregung mit einer Bewegungs-Aktivierung verbunden, und ebenso umgekehrt. (Baumeister 2016)

Erkrankungen, die die Nervenleitfähigkeit herabsetzen (Demyelinisierungsstörungen), Narkosemittel und Gifte (wie Botox) greifen in diesen Zusammenhang nervaler und muskulärer Rückkopplung ein, was zu messbaren psychologischen Veränderungen führt. Der Körper mit dem Zusammenspiel von Nerven und Muskeln in all seinen feinen Nuancen kann als ein Speichermedium für Emotionen verstanden werden.

Gefühle sind verkörpert

Wenn eine Person eine bestimmte Körperhaltung einnimmt, die bei ihr typischer Ausdruck eines Gefühls ist, so kann dieses Gefühl induziert werden, indem man die Person dazu bringt, genau diese Körperhaltung einzunehmen. Umgekehrt, wird diese Körperhaltung verhindert, so hindert man den Probanden daran, die jeweilige Emotion zu empfinden.

Personen die einen Stift quer mit den Zähne halten mussten, so dass sie automatisch die Lippen „lächelnd“ auseinander zogen, bewerteten einen Cartoon als lustiger, bzw. verstanden den Witz besser als es diejenigen taten, die den Stift mit den Lippen statt mit den Zähnen halten mussten und demzufolge zu einer weniger heitere Mimik gezwungen waren. Sätze mit unangenehmen Inhalt wurden von denjenigen, die am Lächeln gehindert wurden besser verstanden als von lächelnden Lesern. Innerhalb eines komplexen sozialen Gefüges sind unsere Mimik, Gestik, Körperhaltung und -bewegungen wie Farbgläser einer Brille durch die wir die Realität wahrnehmen. Entweder z.B. positiv getönt unter Ausblendung negativer Aspekte, oder umgekehrt.

Auch die Person, die Mimik wahrnimmt, wird durch den Gesichtsausdruck des anderen beeinflusst. Die Spiegelneurone seines Gehirns sorgen für die Aktivierung von Muskeln, die zu einem bestimmten Stimmungsbild passen und helfen so, den Gesichtsausdruck des Gegenübers richtig zu deuten. Beim bloßen Betrachten eines Vorgangs werden Signalmuster ausgelöst, die in ganz ähnlicher Weise entstünden, wenn der Vorgang als aktiv Handelnder ausgeführt würde. Deshalb begegnen wir einem freundlichen oder einem ärgerlichen Gesicht spontan und unbewusst mit einem ganz ähnlichen Gesichtsausdruck. Unsere Mimik passt sich der des anderen an. Dieser, u.a. durch die Spiegel-Neurone vermittelte Effekt, ermöglicht es, sich an die Mimik, die Gesten und die Körperhaltung des anderen anzugleichen.

Vor allem die Bewegungen der Hände und die Mimik, hier vor allem die mimische Muskulatur des Mundes, vielleicht auch der Augenwinkel, werden über die Spiegelneuronen registriert. Daraus ergibt sich, dass die Gefühle des anderen über den Weg der gemeinsamen Körperhaltung emotional nach-empfindbar gemacht werden. So entsteht Empathie, Verbindung und Beziehung. Menschliche Kommunikation ist daher weit mehr als Senden und Empfangen.

Wenn aber nichts gespiegelt werden darf (weil es ihm seine Kultur verbietet) oder kann (weil die Mimik durch Botox eingefroren wurde)?

In manchen Kulturen sollten Gefühle nicht offen zu Schau getragen werden. Dort müssen Kinder mühsam erlernen, ein „lächelndes“ Gesicht (chinesisch Mianzi) zu zeigen und das „wahre Gesicht“  zu verbergen (chinesisch Guanxi). In anderen Kulturen hängt man den Frauen einen Sack über den Körper, um sie daran zu hindern ihre Emotionen zu zeigen. Deshalb lernen Menschen, die in solchen Kulturen aufwachsen, besonders achtsam auf die Muskulatur der Augenwinkel und der Nasenwurzel, da diese der Willkür nicht zugänglich sind und weiterhin die Emotionen unverfälscht anzeigen.

Die modern-westliche Gesichter durch medizinische Eingriffe maskenartig erstarren zu lassen, ist wesentlich radikaler als eine Burka und den antrainierten Zwang dauerhaft zu Grinsen. Denn es werden gerade die essentiellen (unbewussten) Muskulaturanteile  gelähmt, die eine einen unverfälschten Blick in die Persönlichkeit zulassen könnten. Deshalb wird es wird es sehr schwierig oder gar unmöglich ein Gesichter zu lesen, zu deuten und sich empathisch auf den anderen einzuschwingen.

Damit werden sowohl gesunde Personen, als auch Menschen die mit Botox im Gesicht behandelt wurden, mit Problemen konfrontiert, die bei Personen, die an einer Psychose leiden, beobachtet werden. Psychisch gestörte Menschen deuten neutrale Gesichter  statistisch häufiger negativer und freundliche Mimik öfter als neutraler (Kohler 2003). Eine andere Erkrankung (Moebius Syndrom – okulofaziale Parese) führt zu einer mimischen Starre, von Lähmungen von Gesichtsnerven. Moebius-Patienten können keine Gefühle mehr mimisch ausdrücken, ähnlich wie Menschen, die nach einem „Face Lifting“ eine Gesichts-Starre erleiden, und anschließend Kommunikationsstörungen und neuro-psychiatrischen Auffälligkeiten entwickeln. Denn  sie sind nicht mehr in der Lage zu „Spiegeln“ und können deshalb die vielfältigen Signale, die von der anderen Person ausgehen weder entschlüsseln, noch vernünftig und freundlich darauf reagieren.

Gibt Alternativen zu Botox, Hyaluronsäure und Lifting?

Eine starke, jugendliche und erotisch ausstrahlende Maske erhöht den „Marktwert“ und  das Selbstbewusstsein. Sie ist wichtiger als modische Kleidung, die den Körper vorteilhaft und begehrenswert verpackt. Das Gesicht kann Magie vermitteln und damit Macht über den, der es betrachtet, und wem es an innerer Magie mangelt benötigt deshalb eine Gesichtsmaske.

Bei schwacher Kraft zu Individualität ist es nicht so wichtig „sich zu zeigen“, sondern lieber einem bestimmten erotischen Typ zu entsprechen.

Die Brüder des Gottes Eros, mit dem in den griechischen Mythen die Menschheits-Entwicklung beginnt, hießen nicht etwa „Sex und Lust“, sondern „Sehnsucht und Verlangen“ (Himeros und Pothos). Die von ihm beherrschte „erotische“ Phase der Menschheitsentwicklung dauerte länger als alle nachfolgenden. Deshalb ist ihr Wertesystem auch in uns eingebrannt, wie die Männer- und Frauenzeitschriften im Bahnhofskiosk belegen. Bis heute geben moderne Helden alles. Frauen präsentieren sich weiterhin als Objekt der Begierde, für das kein Opfer zu groß erscheint. Jeder Hollywood-Streifen variiert dieses Thema. Aber nur das, was vor dem Happy End an Strapazen geschieht, hat dort Bedeutung, und kaum das, was danach im Alltag kommen mag.

Lohnt sich die Quälerei mit Botox, Chirurgie, Diäten noch, wenn Eros verkümmert?

Die Geschlechterrollen zerbröseln in der digitalen, grauen, inhaltsleeren, beziehungsarmen, sexualisierten Ameisen-Gesellschaft:

 Wird es (im Gegensatz zu religiös-begründeter Unterdrückung) mit der virtuellen Vermarktung sexualisierter Schönheit (endlichgelingen, Erotik wirksam zu beseitigen?

Werden sich im Setzen sich im Zeitalter der Maschinen-Menschen die Masken-Kulturen endgültig durchsetzen? Oder wird die „Göttin der Liebe“ (wie so oft) ein neues evolutionäres Schlupfloch finden?

We human beings are love dependent animals. Maturana

Literatur

  • Baumeister JC et al: Deeper than skin deep – The effect of botulinum toxin-A on emotion processing. Toxicon. 2016; 118:86-90.
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  • Davis, J. et al.: The effects of Botox injections on emotional experience. Emotion, 2010, 10(3), 433-440.
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  • Gelder B.Towards the neurobiology of emotional body language, Nature Reviews Neuroscience, 2006, 7:242-249
  • Neumann E: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Patmos 2004, Erstveröffentlichung 1949
  • Strack F, Martin LL, Stepper S. J Pers Soc Psychol 1988; 54, 768

Lobotomie-Irrsinn

Neurochirurgie mentaler Erkrankungen

Rosemary Kennedy, die lebenslustige Schwester des späteren Präsidenten JFK, wurde in ihrem 23. Lebensjahr an den renommierten Psychiater Walter Freeman ausgeliefert, der psychische Probleme weg-operieren zu konnte. Ihr Vater litt unter ihren Stimmungs-Schwankungen, und konnte ihre Unfähigkeit, die von ihm erwarteten intellektuellen und sportlichen Höchstleistungen zu erbringen, nicht ertragen.

Dr. Freeman war 1941 eine anerkannte Autorität seines Fachs. Sein Lehrer war der portugiesische Neurologe Egas Muniz, der für die Entdeckung des „therapeutischen Wertes der präfrontalen Leukotomie bei gewissen Psychosen“ 1949 den Nobelpreis erhielt.

Rosemary war eines der ersten und vermutlich das berühmteste Opfer von Freeman. Er trieb ihr ein hakenförmiges Instrument zwischen Nase und Auge in den Schädel. Und zerstörte dort den vorderen Anteils des Gehirns, der für menschliches Verhalten besonders typisch ist.

Nach diesem Eingriff  war Rosemary keine „Nervensäge“ mehr. Sie verhielt sich wie ein Kleinkind, starrte regungslos die Wände an, konnte nur noch unverständliche Wortgebilde brabbeln, und blieb bis zu ihrem Tod ein Pflegefall.

Freeman selbst führte die „Frontale Lobotomie“ etwa dreitausendfünfhundertmal durch, und tourte mit einem „Loboto-mobile“ quer durch die USA. Von weiteren „Psycho-Chirurgen“ wurden in den USA über 40.000 Menschen verstümmelt, die anschließend in Asylen vegetierten.

Da hämmert jemand mit einem primitiven Küchengerät in die komplexeste Struktur eines Menschen hinein. Sieht niemand der Beteiligten? Warum erschauern sie nicht oder gruseln sich? Vielleicht deshalb, weil niemand das Überdeutliche (ein „Elefant im Raum“)  anzusprechen wagt? Die Ärzte, Pfleger und Schwestern wirken nicht abgestumpft, sondern aufmerksam und interessiert an diesem Heilungsritual bei, das auf aktuellster Expertenmeinung beruht. Sie strahlen Bewunderung, Ehrfurcht und Glauben aus, und sind fasziniert, wie etwas Hoch-Komplexes (die glitschige Hirnmasse im Schädel) so konsequent einfach und genial repariert werden kann. Freeman selbst kann den von ihm verursachten Blödsinn natürlich nicht erkennen, weil er sich „hämmernd“ in Trance befindet. Und gerade diese absolut erscheinende Selbstgewissheit wahnhaften Handelns zieht die Umstehenden in den Bann seines pseudo-wissenschaftlichen Glaubensmodells. Mitgefühl mit dem Opfer hat, angesichts der rationaler Autorität der „Eminence based medicine„, nur noch seinen Platz in der Geste der helfenden Hände, die dem Opfer vermitteln sollen, dass jetzt „sicher alles gut werde“. Bild aus einem Artikel des Spiegel 28.02.2014

Spätestens als 1967 Freeman die verstümmelnden Eingriffe untersagt wurden, hätte die Psycho-Chirurgie aus den Operations-Sälen in die Museen umziehen müssen.

Sie tat es nicht. Im Gegenteil:

Freeman ebnete den Weg für immer weitergehende Verfeinerungen „neuro-chirurgischer Eingriffe in die Psyche“. (Mashour 2005, Jeha 2007, Stone 2008, Lapidus 2013). Dieses mechanische Gefummele in hoch-komplexe, nur ansatzweise quanten-physikalisch erfassbare System-Zusammenhänge (Buzsáki 2018) macht keinen Sinn. Aber trotzdem geschieht es: Bis der erste Kopft transplantiert wird, ist nur noch eine Frage der Zeit.  (Ren 2017)

„Wer als Werkzeug einen Hammer besitzt, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Watzlawick

Tattoo und Magie

Zeig mir einen Menschen, der frei ist von Tattoo. Sigl

Über ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung soll tätowiert sein, in Europa etwa 100 Millionen Menschen. Und dreißig Prozent der 16-20 jährigen sollen in Deutschland mindestens ein Tattoo tragen.

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Magische Symbole. Bakongo Maske, Jäger 1989

Warum?

Weil die bleibenden, körperlich-sichtbaren Veränderungen Verbundenheit symbolisieren?

Sie bestärken jedenfalls den Zusammenhalt mit anderen Menschen, zu denen eine enge Beziehung besteht, oder denen man sich zugehörig fühlt.

Und gleichermaßen grenzen sie ab, von „den Anderen, die nicht dazugehören“. Sie heben das Besondere einer Person hervor und engen es zugleich ein auf das, was eine Gruppe für schön und attraktiv hält.

Magische Ausstrahlung

Menschen stehen zu dem, was sie umgibt, in einem zwiespältigen Verhältnis. Einerseits können sie, im Gegensatz zu Tieren, etwas begrifflich von etwas anderem trennen: z.B. eine Gesamtheit (eine Landschaft mit Geröll) von Einzelbestandteilen (bestimmten Steinen). Sobald das Einzelne von seinen Bezügen gelöst wurde, kann es als Ding oder Objekt bearbeitet, geformt und verändert werden. Wurde

  • der Feuerstein aufgesammelt, konnte er zu einer Speerspitze behauen werden.
  • der Fisch aus dem See geangelt, konnte er gebraten werden.
  • der Feind erschlagen, konnte sein Kopf als Trophäe präpariert werden.

Solche und ähnliche Techniken haben die Natur geprägt. So stark, dass man inzwischen von dem „Erdzeitalter des Menschen“ spricht (Anthropozän).

Andererseits  können sich Menschen stark, intensiv und dauerhaft verbinden. So als gäbe es unsichtbare, „magische“  Kraftfelder, die enge Beziehungen zu geliebten Personen oder zu großen sozialen Gruppen zusammen hielten. Der Begriff „Magie“ stammt von dem altgriechischen Wort Magoi (Μάγοι), das so viel wie Weiser bedeutet. „Magisch“ sind Vorstellungen, etwas (oder alles) sei von einer Energie durchdrungen, auf die man durch Rituale, Symbole oder besondere Praktiken Einfluss nehmen könne.

Und so lauschen Menschen seit 100.000 Jahren den Geschichten von Schamanen, Mystikern und religiösen Lehrern, die sie durch ihre „magischen“ Zeichensprachen mit der Einheit und Verwobenheit allen Lebens versöhnen wollen. Deshalb bemalen und schmücken sie sich, ritzen sich esoterische Symbole in die Haut und verändern ihr Aussehen durch operative Eingriffe.

Diese lebenslangen körperlichen Veränderungen signalisieren zweierlei:

  • untrennbare Verbindung, mit einer Gruppe.
  • scharfe Trennung, von anderen, von den „Dingen“ und von den „Problemen“.

Magische Vorzeit

Bei Völkern, die noch in Steinzeit-Perioden lebten, wurden Kinder während der Initiationsriten markiert. So wurde der Übergang von der Kindheit zu dem Rollenverhalten der Erwachsenen besiegelt. Manchmal wurde aber auch schon bei Neugeborenen durch ein körperliches Zeichen eine  „unauflösbare“ Aufnahme in eine Gemeinschaft  festgelegt.

Manche traditionellen Muster, die in die Haut geritzt wurden, oder auch Piercings oder Verstümmelungen, demonstrierten (ähnlich wie ein moderner Pass) die Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten Herkunfts-Linie innerhalb einer Gruppe, oder sie signalisierten Einzigartigkeit, Geschlechter-Rolle, hierarchischer Stand, magische Funktion u.v.a.

Diese unverkennbaren Körperveränderungen brachten bei Steinzeitvölkern Vorteile mit sich:

Der individuelle Status innerhalb der Gruppe stieg, weil hier das „Verstümmelte“ als schön empfunden wurde. Zugleich sank aber auch die Attraktivität für Fremde, die potentiell gefährlich sein könnten.

Zum Beispiel waren die Frauen des Volkes der Makonde, die in den Regionen zwischen Tansania und Mosambik leben, für arabische Sklavenjäger weniger interessant. Denn Makonde-Tattoos und Verstümmelungen verminderten für die Menschenjägern den Marktwert ihrer Opfer, weil diese als hässlich oder „teuflisch-gefährlich“ empfunden wurden. D.h. die Makonde konnten sich durch ihre Körper-Schnitzereien, Tattoos und Lippenpflöcke vor äußerer Gewalt schützen.

Tattoos bergen Risiken

Tattoofarben können allergen wirken und manchmal auch schwere (anaphylaktische) Reaktionen auslösen. Z.B. wenn sie Formaldehyd, Nickel oder Mangan enthalten (Jungmann 2016). Oder sie können das Risiko für Hautkrebs erhöhen, z.B. durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen und Azo-Farbstoffe.

Farbstoffe

Die in die Haut eingebrachten Pigmente können sich zudem unter Einwirkung von UV-Strahlen oder von Laserlicht  zersetzen. Die dabei entstehenden Zerfallsprodukte (Amine) wirken ihrerseits schädlich .

Oder die eingebrachten Substanzen können, bei dem Versuch sie abzubauen, in andere Körperregionen oder Organe verbracht und dort abgelagert werden.

Black Henna

„Henna“ besteht aus den gepulverten Blättern des Cyperstrauches (Lawsonia inermis), der v.a. in Asien, Nordafrika und dem östlichen Mittelmeer vorkommt. Die orientalische Kunst der Körperbemalung mit Henna („Mehndi“) ist sehr alt. Bereits die Mumie einer ägyptischen Prinzessin aus der 18. Dynastie wies durch Henna gefärbtes Haar auf. Rund um das Mittelmeer, auf den Kanarischen Inseln, in Sansibar, Indien, Thailand, Bali und vielen weiteren Ländern wird Henna-Bemalung auch bei Touristen immer beliebter.

Reine Henna-Färbung von Haaren und Haut ist ohne chemische Zusätze orange bis fuchsrot und unschädlich.

Mit der meist nicht deklarierten und unkontrollierten Beimischung eines Zusatzstoffes (p-Phenylendiamin, PPD), wird ein dunklerer Farbton oder eine Schwärzung erreicht (Black Henna Tattoo). Damit verkürzt sich auch die nötige Einwirkzeit, und die Haltbarkeit wird erhöht. PPD ist aus der Arbeitsmedizin als stark Allergie auslösend bekannt. In kosmetischen Mitteln für Wimpern, Augenbrauen oder die Haut darf PPD nicht enthalten sein.

Black-Henna-Tattoos können akute, allergische Hautentzündungen auslösen, häufig verbunden mit allergischen Kreuzreaktionen auf verwandte Stoffe: andere Farbstoffe, Sulfonamide, u.a. (den Ottolander 2011)

Infektionen

Beim Stechen von Tattoos können Keime in die Haut eingebracht werden.

Bei fahrlässig-mangelhafter Hygiene könnten Infektionen mit sexuell übertragbaren Viren (HIV, Herpes oder Hepatitis B) erfolgen oder auch mit Hepatitis C, ein Virus, dass nur durch medizinisches Gerät und Nadeln ansteckend ist. Diese Risiken könnten dort höher sein, wo viele Menschen an diesem Virusinfektionen leiden, und medizinische Dienstleistungen und Produkte nur ungenügend kontrolliert werden.

Tattoo-Entfernungen

sind theoretisch durch Lasertechniken möglich. Sie sind aufwendig, teuer und nicht immer erfolgreich. Und sie bergen Risiken wie Verletzungen und Vernarbungen.

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Masken-Magie. Bakongo, Jäger 1989

Innere Magie

Die nach außen strahlenden Zeichen zeigen anderen an, dass man verbunden sei.

Wie eine Maske etwas symbolisiert, was sein soll.

Würde die Maske sinken, sähe man was ist:

Ein wirklich unverwechselbares, authentisches und einzigartiges Tattoo.

Letzte Aktualisierung: 15.06.2019