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11. November 2022

Ökosystem Mensch (Mikrobiom)

Was macht uns so einzigartig?

Moderne Menschen stammen von Neugeborenen ab, deren Mütter die Folgen von Sex mit archaischen Männern überlebten.

Warum von Müttern?

Zum Bild: Mangelnde Hygiene ist eine wichtige Ursache für Kindersterblichkeit. Aber auch zu viel Hygiene ist gefährlich. Babys, die extrem keim-abgeschirmt aufwachsen, erkranken häufiger an chronischen Entzündungen von Darm und Lunge. Dagegen scheint Garten-Dreck (sofern er nur Bakterien enthält und keine Umweltgifte) Kinder vor Autoimmun-Erkrankungen zu schützen. Eine an Mikroben reiche Umgebung ist für die gesunde Entwicklung von Kleinkindern wichtig. Die Erfahrungen, die das Immunsystem in frühester Kindheit macht, helfen lebenslang zwischen harmlosen und gefährlichen Keimen zu unterscheiden. (Bild: Jäger Tansania 1983)

Die menschliche Erbmasse im Zellkern besteht aus etwas mehr als 22.000 Genen. Damit besitzen wir immerhin 8.000 Gene mehr als ein Regenwurm. Allerdings auch 9.000 Gene weniger als der Wasserfloh Daphnia. Das Besondere des Menschen kann sich also nicht in seiner Zellkern-Genetik erschöpfen. Die Art wie unterschiedliche Träger von Information in einem Gesamtsystem schwingen und interagieren muss eine erhebliche Bedeutung haben, die bisher kaum erforscht ist. Inzwischen ist außerdem bekannt, dass menschentypische Erbinformation auch während und unmittelbar nach der Geburt übertragen wird (Mikrobiom).

Heutige Menschen sind »Mischlinge«.

Menschen kann man (wie alle hochentwickelten Lebewesen) als »Superorganismen« bezeichnen:

Wir bestehen nicht nur aus Zellen, sondern (u.a.) ebenso aus typischen Viren und Bakterien. Die vielen Einzel-Lebewesen im menschlichen Organismus sind untereinander und mit Darm, Gehirn, Nerven-, Stoffwechsel- und Immunsystem und Bewegungsapparat verwoben. Sie wirken harmonisch in einem komplexen System. Ihr Zusammenspiel mit den Zellen sichert die flexible Anpassung des Gesamt-Organismus an äußere Belastungen.

Dem Medizin-Nobelpreisträger 2022, Svante Pääbo, gelang der Nachweis, dass einige Prozent der Zellkern-Gene der Europäer von Frühmenschen abstammen. Auch bei Afrikanern und Asiaten werden Gen-Übertragungen von anderen archaischen Menschen vermutet (Bodensis, Denisova, Naledi).

Menschentypisches Genom außerhalb des Zellkerns

In der Zellflüssigkeit verteilt tragen alle heutigen Menschen eine unverwechselbare, 100% Homo-sapiens-typische Erbinformation in sich: die Mitochondrien-DNA.

Mitochondrien sind ehemals selbständige Bakterien, die in Ur-zellen integriert wurden. In der mütterlichen Eizelle sind Mitochondrien in großer Zahl in einem „Schlafzustand“ eingelagert, um auf das Ungeborene übertragen zu werden. Väter übertragen in ihren Spermien nur die Zellkern-DNA, während die Mitochondrien ihrer Spermien nach der Vereinigung mit der Eizelle einen kollektiven Selbstmord begehen.

Gene menschlicher Mitochondrien, die nicht von der Gattung Homo sapiens stammen, wurden bisher nicht nachgewiesen (Forster 2004). Auch nicht von Pääbo, der lange (vergeblich) danach suchte. (SpdW 12/2022)

Folglich scheinen die mitochondrialen Gene vollständig von Homo Sapiens Menschen abgeleitet zu sein, die vor über 60.000 Jahren aus Afrika auswanderten.

Ökosystem Zelle

Eine Zelle kann als eine ummauerte Stadt beschrieben werden:

Hinter einem Schutzwall (im Zellkern) thront die Regierung. Und auf den Wiesen vor den Toren weiden Ziegen. Die Haustiere sind unverzichtbar für das Überleben der Städter, aber sie produzieren auch Dreck, der entsorgt werden muss (Sauerstoffradikale). Sie dürfen nicht in die Stadt eindringen, und müssen geschlachtet und entsorgt werden, wenn sie altern oder erkranken.

Die Ziegen unserer Zellen (die Mitochondrien) sind Energieproduzenten. Ohne sie könnten wir nicht atmen, und durch Sauerstoffverbrennung Wärme erzeugen. Sie liegen eng verbunden an den „Fabriken“ der Eiweißherstellung (den Ribosomen). Und sie handeln (wie eine gute Herde) im Rahmen der Befehls-Signale, die ihnen (aus dem Zellkern durch mRNA-Stränge) vermittelt werden. Viele Aspekten des Stoffwechsels, die Sicherung von Zellfunktionen mit hohem Energieverbrauch und die Übertragung von Informationen zwischen den Zellen erfordern mitochondriale Leistungen.

Mitochondrien teilen und vermehren sich. Sie werden, sobald sie kränkeln, abgebaut und in der Zellinneren verdaut.

Ihre Funktion kann erheblich gestört werden durch Gifte und zu wenig (aerobe) Bewegung.

Das Verständnis der Zusammenhänge der Covid-19-Infektion und auch der mRNA-Impfungen erfordert Kenntnisse der mitochondrialen Funktionen, da deren Störung u.a. zu überschießenden Immunreaktionen, neurodegenerativen Erkrankungen und vielem anderen führt.

Mitochondriale Erkrankungen treffen die Organe mit hohem Energieverbrauch

Für das Gehirn und das Herz ist die Gesundheit der Mitochondrien besonders unentbehrlich. Störungen der Mitochondrien beschleunigen in diesen Organen Alterungsprozesse. Genetische Faktoren (u.a. die Qualität der von der Mutter übertragenen mitochondrialen DNA), Stress und Umweltgifte erhöhen das Risiko für mitochondriale Erkrankungen. Zurzeit glaubt man, dass in Deutschland einer von 470 Neugeborenen an einer Mitochondrienstörung erkranken wird. (Klopstock 2021)

Mitochondriale Dysfunktion und Alterungsprozesse der Zelle hängen zusammen. Eine verringerte Atmungskapazität pro Mitochondrium führt zu einer erhöhten Produktion freier Sauerstoffradikale, die wiederum zahlreiche Schäden im Zellinneren verursachen. (Miwa 2022)

Geraten Mitichondrien unter Stress verändern sie ihre Form und beginnen sich unsymmetrisch-abschnürend zu teilen (Beispiele: Sauerstoff- und Bewegungsmangel, bestimmten Medikamente, die in ihre Funktion einwirken, Drogen, Gifte, einseitige Ernährung, Cortison … uva.)

Nicht-typische Einschnürungen bei Mitochondrien können zu Verletzungen und Funktionseinschränkungen führen, und sind ein deutliches und gefährliches Krankheitszeichen der Zelle.

Leider wird (trotz ihrer zentralen Bedeutung für das Verständnis der Covid-19-Zusammenhänge) die Bedeutung der Mitochondrien unterschätzt (Kleele: Nature 2021, 593:435-39 , Chakrabati: Nature 05.05.2021)

Covid-19: Mitochondrien-Störung triggert Autoimmunreaktion

SARS-CoV-2 stört insbesondere die funktionelle Einheit von Endoplasmatischem Retikulum und Mitochondrien, die für die Einweißherstellung der Zelle verantwortlich ist. (Scudellari 2021). Wenn dabei die mitochondriale Membran löchrig wird, oder wenn Mitochondrien zerfallen, gelangen Teile der mitochondrialen DNA in die Zellflüssigkeit. Die Folge sind dann starke Immunreaktionen, generalisierte Alarmsignale der Zelle, und schließlich eine allgemeine Aktivierung der Immunreaktion des ganzen Körpers, die zu langfristigen Schäden führen kann. (Valdés-Aguayo 2021, Reig 2022)

Dieser Effekt scheint umso umso stärker ausgepägt zu sein, je älter die Mitochondrien, und je stärker sie vorgeschädigt oder beeinträchtigt sind. Auch Adipositas ist von Bedeutung, weil damit eine erhöhte Entzündungsbereitschaft einhergeht, und weil bei höherer zellulärer Masse mehr mitochondriale Zytokine freigesetzt werden. (Martínez-Colón 2021, Sharma 2022)

Valdés-Aguayo JJ et al: Mitochondria and Mitochondrial DNA: Key Elements in the Pathogenesis and Exacerbation of the Inflammatory State Caused by COVID-19, Medicina 2021, 57(9), 928

Die Bedeutung der ersten Lebenstage

Ein guter Start in der Schwangerschaft, bei der Geburt und in den ersten Lebensmonaten ist die Vorausetzung für lebenslange Gesundheit.

Die Entwicklung der Feten wird epigenetisch geprägt. Störungen durch Medikamente, Schadstoffe oder Infektionen können sich auf den gesamten Verlauf des späteren Lebens auswirken, wenn sie Prozesse Hirnreifung beeinflussen. Impfempfehlungen müssen in diesem sensiblen Zeitraum besonders sorgfältig abgewogen werden.

In den ersten Lebenstagen und Wochen ist das Gleichgewicht zwischen unreifem Darmepithel, Immun- und Nervenzellen und dem intestinalen Mikrobiom noch instabil. Die postnatale mikrobielle Ausreifung verläuft parallel zur Hirnentwicklung und zur Ausgestaltung der Immunfunktion. Die frühe Interaktion zwischen Bakterien, Immunfunktion und Nervensystem beeinflusst die kognitive, immunologische und motorische Entwicklung eines Kindes.

Zur Prävention psychiatrischer, neurologischer und autoimmunologischer Erkrankungen ist es notwendig, Schwangere, Mütter, Feten und Neugeborene in dieser essenziell wichtigen Lebensphase umfassend zu schützen.

Medizinische Interventionen sind im Zeitraum fetaler Programmierung und frühkindlicher Anpassung nur dann ethisch vertretbar, wenn lebensbedrohliche Gefahren abgewendet werden, und von dem Eingriff selbst keine nennenswerten Risiken ausgehen. Alle nicht notwendigen medizinischen Interventionen sollten unterlassen werden.

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Literatur

Letzte Aktualisierung: 03.12.2022