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2. Mai 2021

Medizin-Müll

Krankheit „Medizin-Müll“

„Wenn es hässlich aussieht, wenn etwas getan wird, ist es meistens auch falsch.“
Rat eines begnadeten Chirurgen, Reutlingen 1986.

Krankheitsbehandlung erzeugt Müll

Nach medizinische Eingriffen müssen Handschuhe, Kittel, Ausrüstungen und Atem-Schutzmasken entsorgt werden. Ferner: Tupfer, Verbänden, Einmal-Plastik-Material, Medikamente, Verpackungen, Nadeln, chirurgische Instrumente u.v.a. In vielen Ländern wird dieser Gift-Müll einfach irgendwo hinter den Gesundheitseinrichtungen abgeladen. Oder er wird mit dem allgemeinen Abfall vermischt und auf allgemeine Mülldeponien verbracht. Oder auch einfach vor Ort – offen qualmend – verbrannt.

Abwässer enthalten Ausscheidungen nach Chemo-, Antibiotika- oder Radiotherapien, Labor-Reagenzien, Desinfektionsmittel, Infusionsreste oder Lösungen mit Chemikalien oder Desinfektionsmitteln. Vielerorts werden sie in allgemeine Kläranlagen, oder auch (ungeklärt) direkt in Flüsse oder in das Meer eingeleitet.

Stolz berichtet die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit von einem neuen „Schwerpunkt der Umweltgesundheit“ in Nepal – den es ohne „Gesundheitsprogramme“ (der internationalen Zusammenarbeit) nicht gegeben hätte. PodCast: Healthy developments 30.03.2021 (Podcast)

Mehr Krankheitsrisiken durch mehr Medizin

Bis 1980 wurden im Gesundheitswesen weltweit überwiegend Glasspritzen, und Injektionsnadeln und chirurgische Messer aus Metall verwendet. Dieses Kleinmaterial musste, ebenso wie die größeren Operationsinstrumente immer wieder gesäubert und sterilisiert werden.

Bilder: Jäger, Tansania 1983

Oft war die Desinfektion wiederverwendbarer Instrumente und Materialien unzureichend. Dann wurden Krankheitserreger übertragen, insbesondere Hepatitis C und HIV:

Um das Problem der Infektionsübertragungen durch medizinische Institutionen zu lösen, wurden durch die WHO u.v.a. wiederverwendbare Spritzen, Nadeln, Operationsmesser und kleine, chirurgische Gebrauchsgegenstände nach und nach durch Einmal-Material ersetzt.

Erfolgreich, denn tatsächlich sanken die Übertragungsrisiken. Aber nicht überall.

Langfristig war der Nutzen nicht so eindeutig. Denn die die Einführung von Einmal-Material

  • führte zu einer erheblichen Ausweitung medizinischer Anwendungen und Interventionen.
  • In Ländern mit beschränkten Ressourcen wurde zudem (nicht sterilisierbares) Einmalmaterial oft wiederverwendet. Selbst dann, wenn es „selbstzerstörend“ konstruiert sein sollte.
  • Und für Drogenabhängige war und ist das Einmalmaterial sehr leicht zugänglich. So das der Gebrauch intravenöser Drogen drastisch zu nahm (Mehr s. Lit.).

Die Risiken für die Übertragung von Hepatitis C und HIV (trotz Einmaterialverwendung) sind seit 1987 intensiv untersucht. Eigentlich hätten Ende der neunziger Jahre bei der WHO angesichts dieses globalen Gesundheitsrisikos die Alarmglocken schrillen müssen.

Man hätte darauf hinwirken müssen, medizinische Interventionen, die mit Nebenwirkungen verbunden sein könnten, auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Das Gegenteil war der Fall: Denn der Gesundheitsmarkt wächst sehr dynamisch.

Die Einführung von Einmal-Material führte zu einem drastischen Anstieg von Krankenhausmüll. Die Gefahren, die sich daraus ergaben, wurden nicht ernst genommen. (Gisselquist 2008)

Bilder: Jäger, Laos 2020. Oben links: Geburtshilfe, Oben Mitte: Elektroschrott, oben rechts: Eimer vor Patient-Unterkunft zur Müllverbrennung, unten links: Müllwerker im Krankenhaus, unten rechts: Chirurgie mit importiertem Einmalmaterial.

Covid-19

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie bewirkten eine massive Ausweitung der Anwendung von Schutzmaßnahmen (u.v.a. durch sogenannte Alltagsmasken und Testsysteme) ( Beispiel Bangladesh: Lancet 13.08.2020, Alazeerah, 02.06.2020). In den USA wurde geschätzt, dass sich der Anfall von Gesundheits-Müll seit 2020 versechsfacht habe. (TheVerge 26.03.2020) Der Nutzen dieser Maßnahmen ist umstritten (s. Lit.)

In den mehr als 6.000 Krankenhäusern in den USA haben die Mitarbeiter täglich mehrere Masken, Handschuhe und Kittel gebraucht. Zu jedem Impfstoff gehören auch eine Nadel, eine Spritze und eine Verpackung, die entsorgt werden müssen. Der Abfall landet typischerweise auf Mülldeponien, die zu den Hauptverursachern von Treibhausgasen und Luftverschmutzung gehören. Laut der Burlington Free Press erzeugten Gesundheitseinrichtungen bereits vor der Pandemie etwa 6.600 Tonnen medizinischen Abfall pro Jahr und sind damit der zweitgrößte Verursacher von Deponieabfällen. Medizinische Abfälle produzierten außerdem 10 Prozent aller Treibhausgasemissionen und andere Schadstoffe, die sich bekanntermaßen negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirken. Beckers Hospital Review 06.04.2021

Mikroorganismen, die ihren Wirt mit immer mehr Abfallprodukten belasten und vergiften (wie bösartige Formen der Cholera), verspielen ihre evolutionären Chancen. Langfristig setzen sich in der Regel nur anpassungsfähige Varianten durch, die sich in ein Ökosystem integrieren können.

Dieses allgemeine Prinzip der Evolution trifft ebenso auf unsere Spezies zu. (Lenz 2017)

Der Umgang mit der Covid-19-Pandemie hat aber tunnelartiges Denken verstärkt: Ein scheinbar im Vordergrund stehendes Problem müsse zuerst ausgerottet werden, koste es, was es wolle. Erst dann könne man sich anderen Problemen zuwenden. Zwangsläufig werden so andere Systemprobleme erzeugt, die als „notwendige Kollateralschäden“ in Kauf genommen werden sollen. Denn der Zwang zur Einzel-Problemausrottung sei alternativlos.

Solche Strategien des „Problembär-Erschlagens“ haben sich in der Steinzeit gut bewährt: Damals konnte man einfach von gerodeten Wäldern, verbrannten Ackerflächen und vermüllten Lagerstätten in unberührte Gegenden weiterziehen.

Heute müsste die Menschheit dringend neu denken:

Das Verständnis für den Gesamtzusammenhang der Ökosysteme, in denen wir als Menschen leben, und die uns ausmachen, müsste an Bedeutung gewinnen. Dann würden Politiker:innen nach Strategien suchen, die alle Krankheitserscheinungen und alle Probleme gleichermaßen günstig beeinflussten, und die deshalb keine Kollateralschäden erzeugten. Sondern schonende Maßnahmen, die in Gesamtzusammenhängen für günstige Entwicklungen sorgten.

Davon sind unsere Gesellschaften aber noch weit entfernt. Der Menschheit geht es noch zu gut.

Und erfahrungsgemäß „lernen“ Lebewesen nur aus Katastrophen.

Bild Jäger, Laos 2020, Müllgrube hinter dem Krankenhausgelände

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  • Heribert Lenz, Zur Hölle mit uns Menschen, Komplett-Verlag 2017, Video 2019

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Letzte Aktualisierung: 02.05.2021