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18. Mai 2019

Klarheit gewinnen

«Klarheit und Wahrheit gibt es nicht gleichzeitig»,

behauptete zumindest Niels Bohr. Ein Atomphysiker und Nobelpreisträger. Schließlich könnten wir auch nicht zugleich das Bild einer Nadelspitze und eines Horizontes in uns aufrufen. 

Um «Klarheit» zu erlangen, müssen wir Unwichtiges aussortieren.

Oder es in einem Experiment wegschließen. Erst dann wird eine Einzel-Wirkung deutlich: eine Formel, ein bestimmter kleiner Ausschnitt unserer Wirklichkeit. Klarheit im Vordergrund vor der Realität im Hintergrund.

Klarheit ist Verstehen von Details in Zusammenhängen.

www.klarheit-gewinnen.de

Ein Ausflug: Ist es wahr, dass Steine schwerer sind als Federn?

Eine Feder und ein Stein fallen unterschiedlich schnell zu Boden. Gleichzeitig losgelassen schlägt der Stein sofort, während die Feder langsam im Luftzug hin und herschwankend zu Boden sinkt.

Jahrtausende interessierte sich vermutlich niemand dafür, warum es so ist, wie die Natur sich eben zeigt. Was erfahrungsgemäß ereignet, geschieht eben.

Ein früher kritischer Denker, Anaximander fand (um 600 v.u.Z) heraus, dass unsere Sinne und unsere Vorstellungen von der Welt uns manchmal täuschen: Die Erde z.B. müsse nicht auf etwas fallen (wie damals viele glaubten), sondern könne genauso gut schweben. Anaxiamader war als vielleicht als erster Wissenschaftler an Klarheit interessiert. Ob er Wahrheit suchte, ist nicht bekannt.

Viele Jahrhunderte glaubte Aristoteles (384-322), dass unterschiedlich Schweres verschieden schnell falle, weil es unterschiedliches Gewicht besitze. Das hielt man dann für „richtig“ und unterrichtete es in den Schulen. Damit war eine Wahrheit geboren. Sein „So ist es!“ war ein falscher Schluss von der Realität auf ein Prinzip.

Das galt, bis Galileo Galilei (1564-1642) am Ausgang des Mittelalters diese Wahrheit kritisch hinterfragte. Eintausend Jahre nach Anaximander wollte er nicht glauben, sondern etwas klar erkennen:

Er dachte sich in einem Gedanken-Experiment alles Störende (die Luft und ihre Bewegung) einfach weg. Auf rein theoretischem Wege gelangte er so zu der Ansicht, dass Feder und Stein «im Nichts» (Vakuum) gleich schnell fallen müssten.

Viele Jahre später wurde diese Behauptung tatsächlich durch einen physikalischen Versuch bestätigt. Durch Robert Boyle (1627-1691), der die Vakuumpumpe erfand. Isaac Newton (1643-1727) gelang es dann später die grundlegenden Naturprinzipien mit einem Gravitationsgesetz zu beschreiben.

Aber auch der fromme Geistliche Newton hatte keine Wahrheit gefunden, wie er damals glaubte. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wiess Albert Einstein (1879-1955) nach, dass Gravitation eine Illusion sei, die etwas mit der Verkrümmung von Raum und Zeit zu habe. Seither sehen Physiker noch einmal wesentlicher klarer. Aber eine absolute Wahrheit fehlt ihnen weiterhin. Denn ihre Modelle der Quantenphysik und der Relativitätstheorie funktionieren für sich allein genommen zwar großartig, aber passen nicht richtig zusammen.

Warum diese Geschichte?

Erst das «Weglassen alles Überflüssigen» ermöglicht die klare Sicht auf einen Zusammenhang, hinter dem sich ein Prinzip verbirgt.

Die «mechanische» Übertragung der Theorie und der Beobachtung im Experiment auf die Realität ist aber offensichtlich falsch: Auch weiterhin fallen eine Feder und ein Stein nahe der Erde unterschiedlich schnell, und – wegen des Windes – meist unberechenbar.

Unsere Wahrnehmung erfordert Modelle – aber die Modelle sind nicht die Realität. Der Physiker Stephan Hawking (1942-2018) nannt diese Anschauung der Wirklichkeit: «modellbezogenen Realismus»

Wer nach «Wahrheit» sucht, bezieht «Alles» ein

Teile, Fakten, Wechselwirkungen, Erscheinungen, Beziehungen, Zufälle uva. Das, was erfahren und erlebt wird, soll in einem übergeordneten Zusammenhang begriffen werden.

Unter «Wahrheit» verstehen alle, die an «ihre Wahrheit» glauben, etwas anderes.

Gemeinsam ist den Wahrheitssuchenden vielleicht, dass «Wahrheit» etwas umreißen soll, was «in Wirklichkeit so ist oder so war». Also ein Bild eines Zusammenhangs, einer komplexen Realität, die verwoben ist und mit vielem wechselwirkt.

Das ideale Abbild eines Vorganges kann aber nur das Geschehen selbst sein. Alles andere ist zwangsläufig nur die Summe von Einzelinformationen, Glaubenssätzen oder Formeln. Jede «Wahrheit» ist so ein schwaches Meinungsbild der Wirklichkeit.

Im Vergleich zur Realität bleiben Modelle, die eine Wirklichkeit widerspiegeln sollen, ziemlich einfach. Selbst dann, wenn sie so kompliziert erscheinen, wie Quantenphysik. Das was dort als Wirklichkeit beschrieben wird, ist letztlich nur die Summe von Einzelaspekten einer dynamischen Beziehungsvielfalt von Teilchen, Wellen und Wirkkräften, die wir in unserem winzigen Teil des Universums zu überblicken glauben.

Wenn wir etwas «wahr» nennen, erzählen wir uns oder anderen von Erfahrungen der Wirklichkeit, die wir erlebt zu haben glauben. Wir können nicht wissen, was wirklich «wahr» ist. Also die gesamte Realität umfasst, einschließlich dessen zu dem wir mit unseren Sinnen und Messapparaten keinen Zugang haben.

Aber wir können «Alles», was wir erleben, bestaunen. Und es in seiner Vielfalt und Schönheit bewundern und genießen. Wir können die Realität wie sie sich vor uns und in uns entfaltete akzeptieren und sie vielleicht auch beeinflussen.

Manchmal ist es dabei nötig, Einzelnes zu betrachten. Dann brauchen den Blick auf ein Detail. Um davon aufschauend Beziehungen und Zusammenhänge zu erfahren, in denen das Einzelne eingebettet ist. Am besten abwechselnd.

Jedes Detail ist für ein Ganzes wichtig.

Aber das Ganze ist viel mehr als die Summe aller Details.

Ein Gewirr von Vogelstimmen an einem ruhigen Frühlingsabend ist begriffslos schön. Ein harmonischer Gesamtzusammenhang. Möchte man dann erkennen, ob da eine Stimme einer Amsel oder einer Nachtigal zu hören ist Rotkehlchen kann man in einem Buch nachschlagen. Um dann wieder den Gesamtzusammenhang – um eine Information bereichert – zu genießen.

Die Fähigkeit, Details klarer unterschieden zu können, verschafft uns eine andere Qualität der Wahrnehmung, die den Genuss des Zuhörens verstärken kann.

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Sind „Klarheit und Wahrheit“ doch gleichzeitig wahrnehmbar?

Details scheinen objektivierbar zu sein, d.h. sie können als Begriffsbeschreibungen in „Schachteln“ abgelegt werden. Um aber etwas zu verstehen, muss die Fülle der Detail (die in Begriffsschachteln beschrieben wurden) in einem Zusammenhang erfahren und erlebt, d.h. mit persönlicher Erfahrung verknüpft werden. Alle Aha-Effekte der Wissenschaft entspringen bei genauer Betrachtung einem ganz persönlichen Prozess der Wissensaneignung, der abstrakte Sinnes-Information mit persönlichem Erleben verbindet.

Manchmal entsteht dann für Sekundenbruchteile ein Erleben, bei dem schlagartig eine uneingeschränkte Wahrnehmung von Allem, mit allen Details und Wechselwirkungen, mit dem eigenen Selbst verbunden scheint.

Solche beglückenden Augenblicke, in denen die Klarheit der Sicht mit einem begriffslosen Erleben von Allem zu verschmelzen scheint, nennen Japaner Satori 悟, wörtlich „Verstehen“. Die deutsche Übersetzung „Erleuchtung“ klingt religiös-esoterisch-theatralisch, während das englisch-rationale Wort „enlightenment“ (für das Gleiche) dem näher kommt, was gemeint ist: ein ganz besonderes, alle inneren Aspekte einbeziehendes, sehr persönliches Erleben der Einheit und Harmonie innerer und äußerer Wechselwirkungen.

Schlagartige und subjektive Ereignisse neuer Wahrnehmung folgen oft einer endlosen Suche nach Einzelinformationen. Manchmal geht ihnen Verzweiflung voraus. Das erzwingt, eine Situation so, wie sie eben ist, anzunehmen.

Manchmal ereignet sich „ein Donnerschlag aus blauem klarem Himmel“ (Wumen). Oder man erwacht (wie Kekulé) aus einem Traum (Video)

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Letzte Aktualisierung: 25.04.2021