Klarheit gewinnen

Klarheit und Wahrheit zugleich?
Gibt es nicht.

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Um «Klarheit» zu erlangen, müssen wir alles Unwichtige aussortieren. Oder es in einem Experiment wegschließen. Erst dann wird eine Einzel-Wirkung deutlich, eine Formel, ein bestimmter kleiner Ausschnitt unserer Wirklichkeit.

Klarheit im Vordergrund vor einem Teil der Wahrheit im Hintergrund

Unter «Wahrheit» versteht jeder, der an „seine Wahrheit“ glaubt, etwas anderes.

Gemeinsam ist vielleicht, dass der Begriff für die meisten etwas umreißen soll, was «in Wirklichkeit so ist oder so war». Also ein Bild eines Zusammenhangs, der in der Realität sehr komplex, verwoben ist und mit vielem wechselwirkt.

Das ideale Abbild eines Vorganges kann nur das Geschehen selbst sein, alles andere ist zwangsläufig nur die Summe von Einzelinformationen, Glaubenssätzen oder Formeln: Ein schwaches Meinungsbild der Wirklichkeit.

Modelle, die eine Wirklichkeit widerspiegeln sollen, bleiben im Vergleich zur Realität immer ziemlich einfach, selbst wenn sie so kompliziert erscheinen wie die Quantenphysik. Das was dort als Wirklichkeit beschrieben wird, sind letztlich nur Einzelaspekte der dynamischen Beziehungsvielfalt der Teilchen, Wellen und Wirkkräfte, die wir in einem winzigen Teil des Universums zu überblicken glauben.

Wenn wir also etwas «wahr» nennen, ist es höchstens, wie die Naturgesetze, ein nützliches Bild eines Teilaspektes der Wirklichkeit, den wir selbst erlebt haben, oder von dem uns andere erzählen.

Wir können also nicht wissen, was wirklich «wahr» ist.

Aber wir können «Alles»  erleben und bestaunen, es in seiner Vielfalt und Schönheit bewundern und genießen. Es akzeptieren und vielleicht günstig beeinflussen.

Klare Schienen-Führung und Spuren von komplexen Leben (Taubendreck)

Einzelnes und Alles betrachten

Für unser Leben brauchen wir den Blick auf das Detail ebenso wie Fähigkeit, Beziehungen und Zusammenhänge zu erfahren. Meist ist das nur abwechselnd möglich.

Manchmal wird ein Zusammenhang betrachtet, und macht neugierig, Details zu untersuchen. Oder es wird ein Einzelaspekt gefunden, der neugierig macht auf den Zusammenhang, in dem er wirken mag.

Jedes Detail ist für ein Ganzes wichtig.

Aber das Ganze ist viel mehr als die Summe aller Details.

Vogelgezwitscher

Das Gewirr von Vogelstimmen an einem ruhigen Frühlingsabend im Garten kann einfach und begriffslos als schön empfunden werden. Ein Nachschlagen in einem Buch könnte dazu verhelfen, zwischen den Stimmen der Amseln, Zaunkönigen und Rotkehlchen zu unterscheiden.

Natürlich gibt es noch viel mehr Vögel, aber allein die Fähigkeit, wenige Details klarer unterschieden zu können, verschafft eine andere Qualität der Wahrnehmung, die den Genuss des Zuhörens verstärkt.

Feder und Stein

Es ist wahr, dass eine Feder und ein Stein unterschiedlich schnell zu Boden fallen. Gleichzeitig losgelassen schlägt der Stein sofort, während die Feder langsam im Luftzug hin und herschwankend zu Boden sinkt.

Viele Jahrhunderte glaubte man (wie Aristoteles), diese Beobachtung hänge mit ihrem Gewicht zusammen. Je schwerer etwas sei, desto schneller falle es. Das hielt man dann „richtig“ und unterrichtete es in den Schulen.

Bis ein genialer Denker am Ausgang des Mittelalters diese Wahrheit kritisch hinterfragte und den Zusammenhang klarer sehen wollte:

Er dachte sich in einem Gedanken-Experiment alles Störende (die Luft und ihre Bewegung) einfach weg. Auf rein theoretischem Wege gelangte er so zu der Ansicht, dass Feder und Stein «im Nichts» (Vakuum) gleich schnell fallen müssten.

Viele Jahre später wurde diese Behauptung tatsächlich durch einen physikalischen Versuch bestätigt (Boyle). Newton gelang es noch später die grundlegenden Naturprinzipien zu beschreiben.

Erst das «Weglassen alles Überflüssigen» ermöglichte die klare Sicht auf einen Zusammenhang, hinter dem sich ein Naturgesetz verbarg.

Die «mechanische» Übertragung der Theorie und der Beobachtung im Experiment auf die Realität ist aber offensichtlich falsch: Auch weiterhin fallen eine Feder und ein Stein nahe der Erde unterschiedlich schnell, und – wegen des Windes – meist unberechenbar.

Sind „Klarheit und Wahrheit“ doch gleichzeitig wahrnehmbar?

Detail scheinen objektivierbar zu sein, d.h. sie können als Begriffsbeschreibungen in „Schachteln“ abgelegt werden. Um aber etwas zu verstehen, muss die Fülle der Detail (die in Begriffsschachteln beschrieben wurden) in einem Zusammenhang erfahren und erlebt, d.h. mit persönlicher Erfahrung verknüpft werden. Alle Aha-Effekte der Wissenschaft entspringen bei genauer Betrachtung einem ganz persönlichen Prozess der Wissensaneignung, der abstrakte Sinnes-Information mit persönlichem Erleben verbindet.

Manchmal entsteht dann für Sekundenbruchteile ein Erleben, bei dem schlagartig eine uneingeschränkte Wahrnehmung von Allem, mit allen Details und Wechselwirkungen, mit dem eigenen Selbst verbunden scheint.

Solche beglückenden Augenblicke, in denen die Klarheit der Sicht mit einem begriffslosen Erleben von Allem zu verschmelzen scheint, nennen Japaner Satori 悟, wörtlich „Verstehen“. Die deutsche Übersetzung „Erleuchtung“ klingt religiös-esoterisch-theatralisch, während das englisch-rationale Wort „enlightenment“ (für das Gleiche) dem näher kommt, was gemeint ist: ein ganz besonderes, alle inneren Aspekte einbeziehendes, sehr persönliches Erleben der Einheit und Harmonie innerer und äußerer Wechselwirkungen.

Schlagartige und subjektive Ereignisse neuer Wahrnehmung folgen oft einer endlosen Suche nach Einzelinformationen. Manchmal geht ihnen Verzweiflung voraus. Das erzwingt, eine Situation so, wie sie eben ist, anzunehmen.

Manchmal geschieht das auch im Traum:

Kekulés Traum –  Video

Ein Donnerschlag aus blauem klarem Himmel.
Wumen

Literatur

  • Aristoteles 384-322 v.u.Z.: Falscher Schluss von der Realität auf ein Prinzip
  • Galileo Galilei (1564-1642): Einschränkung der Realität «auf das hier Wesentliche»
  • Robert Boyle (1627-1691): Vakuumpumpe
  • Isaac Newton (1643-1727): Gravitationsgesetz
Letzte Aktualisierung: 11.06.2019