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18. Mai 2019

Klarheit gewinnen

«Klarheit und Wahrheit sind – gleichzeitig – nicht möglich», behauptete zumindest Niels Bohr, Atomphysiker und Nobelpreisträger. Wir können schließlich auch nicht im gleichen Augenblick eine Nadelspitze und den Horizont scharf sehen. 

Um «Klarheit» zu erlangen, müssen wir Unwichtiges aussortieren.

Oder es in einem Experiment wegschließen. Erst dann wird eine Einzel-Wirkung deutlich: Eine Formel, ein bestimmter kleiner Ausschnitt unserer Wirklichkeit. Das Klare tritt dann in den Vordergrund vor allenen anderen Aspekten und Veränderungen der Wirklichkeit.

Klarheit entsteht, wenn wir

  • etwas genauer in seinen Zusammenhängen und Beziehungen erkennen, und
  • es «begriffen» haben: Es mit unseren Sinnen in eine Beziehung zu uns selbst setzen konnten.

www.klarheit-gewinnen.de

Wer nach Wahrheit sucht, bezieht „Alles“ ein

Teile, Fakten, Wechselwirkungen, Erscheinungen, Beziehungen, Zufälle uva., und versucht, das was erfahren und erlebt wird, in einem übergeordneten Sinn-Zusammenhang zu begreifen.

Unter «Wahrheit» versteht deshalb jeder, der an «seine Wahrheit» glaubt, etwas anderes.

Gemeinsam ist den Wahrheits-Suchenden vielleicht, dass sie nach etwas ausschauhalten, was «in Wirklichkeit so ist oder so war».

Das ideale Abbild eines Vorganges kann aber nur das Geschehen selbst sein. Alles andere ist zwangsläufig nur die Summe von Einzelinformationen, Erinnerungen, Glaubenssätzen oder Formeln. Jeder Versuch etwas Vergangenes zu konstruieren kann nur ein schwaches Meinungsbild der Wirklichkeit sein. Auch die Zukunft wird durch Wahrheiten nur deshalb sicherer, weil ein fester Glauben zu mutigerem Handeln verleitet. Trotzdem erweisen sich dann viele Hoffnungen als trügerisch.

Wharheiten sind Modelle, die eine Wirklichkeit widerspiegeln sollen. Im Vergleich zur Wirklichkeit bleiben diese Abbilder immer ziemlich schlicht und einfach. Selbst dann, wenn sie so kompliziert erscheinen, wie die Quantenphysik. Das was die Naturwissenschaft als Wirklichkeit beschreibt, sind die Spuren von von Einzelaspekte in einer dynamischen Beziehungsvielfalt von Teilchen, Wellen und Wirkkräften. Sie entspricht höchstens einem winzigen Teil des Universums, den wir zu überblicken glauben.

Wenn wir also etwas «wahr» nennen, ist es bestenfalls, wie die Naturgesetze, ein nützliches Bild eines kleinen Aspektes der Wirklichkeit. Etwas, das wir selbst erlebt haben, oder von dem uns andere erzählen.

Wir können nicht wissen, was wirklich «wahr» ist.

Aber wir können «Alles»  erleben und bestaunen. Wir können es in seiner Vielfalt und Schönheit bewundern und genießen. Und wir können es akzeptieren und vielleicht günstig beeinflussen.

Manchmal ist es dann nötig, Einzelnes zu betrachten. Um dann wieder zu verstehen, wie sich das Einzelne einfügt.

Jedes Detail ist für ein Ganzes wichtig.

Aber das Ganze ist viel mehr als die Summe aller Details.

Das Gewirr von Vogelstimmen an einem ruhigen Frühlingsabend im Garten kann einfach und begriffslos als schön empfunden werden. Ein Nachschlagen in einem Buch könnte dazu verhelfen, zwischen den Stimmen der Amseln, Zaunkönigen und Rotkehlchen zu unterscheiden.

Natürlich gibt es noch viel mehr Vögel, aber allein die Fähigkeit, wenige Details klarer unterschieden zu können, verschafft eine andere Qualität der Wahrnehmung, die den Genuss des Zuhörens verstärkt.

Ein Ausflug: Ist es wahr, dass Steine schwerer sind als Federn?

Eine Feder und ein Stein fallen unterschiedlich schnell zu Boden. Gleichzeitig losgelassen schlägt der Stein sofort, während die Feder langsam im Luftzug hin und herschwankend zu Boden sinkt.

Jahrtausende interessierte sich vermutlich niemand dafür, warum es so ist, wie die Natur sich eben zeigt. Was erfahrungsgemäß ereignet, geschieht eben.

Ein früher kritischer Denker, Anaximander fand (um 600 v.u.Z) heraus, dass unsere Sinne und unsere Vorstellungen von der Welt uns manchmal täuschen: Die Erde z.B. müsse nicht auf etwas fallen (wie damals viele glaubten), sondern könne genauso gut schweben. Anaxiamader war als vielleicht als erster Wissenschaftler an Klarheit interessiert. Ob er Wahrheit suchte, ist nicht bekannt.

Viele Jahrhunderte glaubte Aristoteles (384-322), dass unterschiedlich Schweres verschieden schnell falle, weil es unterschiedliches Gewicht besitze. Das hielt man dann für „richtig“ und unterrichtete es in den Schulen. Damit war eine Wahrheit geboren. Sein „So ist es!“ war ein falscher Schluss von der Realität auf ein Prinzip.

Das galt, bis Galileo Galilei (1564-1642) am Ausgang des Mittelalters diese Wahrheit kritisch hinterfragte. Eintausend Jahre nach Anaximander wollte er nicht glauben, sondern etwas klar erkennen:

Er dachte sich in einem Gedanken-Experiment alles Störende (die Luft und ihre Bewegung) einfach weg. Auf rein theoretischem Wege gelangte er so zu der Ansicht, dass Feder und Stein «im Nichts» (Vakuum) gleich schnell fallen müssten.

Viele Jahre später wurde diese Behauptung tatsächlich durch einen physikalischen Versuch bestätigt. Durch Robert Boyle (1627-1691), der die Vakuumpumpe erfand. Isaac Newton (1643-1727) gelang es dann später die grundlegenden Naturprinzipien mit einem Gravitationsgesetz zu beschreiben.

Aber auch der fromme Geistliche Newton hatte keine Wahrheit gefunden, wie er damals glaubte. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wiess Albert Einstein (1879-1955) nach, dass Gravitation eine Illusion sei, die etwas mit der Verkrümmung von Raum und Zeit zu habe. Seither sehen Physiker noch einmal wesentlicher klarer. Aber eine absolute Wahrheit fehlt ihnen weiterhin. Denn ihre Modelle der Quantenphysik und der Relativitätstheorie funktionieren für sich allein genommen zwar großartig, aber passen nicht richtig zusammen.

Warum diese Geschichte?

Erst das «Weglassen alles Überflüssigen» ermöglicht die klare Sicht auf einen Zusammenhang, hinter dem sich ein Prinzip verbirgt.

Die «mechanische» Übertragung der Theorie und der Beobachtung im Experiment auf die Realität ist aber offensichtlich falsch: Auch weiterhin fallen eine Feder und ein Stein nahe der Erde unterschiedlich schnell, und – wegen des Windes – meist unberechenbar.

Unsere Wahrnehmung erfordert Modelle – aber die Modelle sind nicht die Realität. Der Physiker Stephan Hawking (1942-2018) nannt diese Anschauung der Wirklichkeit: «modellbezogenen Realismus»

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Sind „Klarheit und Wahrheit“ doch gleichzeitig wahrnehmbar?

Details scheinen objektivierbar zu sein, d.h. sie können als Begriffsbeschreibungen in „Schachteln“ abgelegt werden. Um aber etwas zu verstehen, muss die Fülle der Detail (die in Begriffsschachteln beschrieben wurden) in einem Zusammenhang erfahren und erlebt, d.h. mit persönlicher Erfahrung verknüpft werden. Alle Aha-Effekte der Wissenschaft entspringen bei genauer Betrachtung einem ganz persönlichen Prozess der Wissensaneignung, der abstrakte Sinnes-Information mit persönlichem Erleben verbindet.

Manchmal entsteht dann für Sekundenbruchteile ein Erleben, bei dem schlagartig eine uneingeschränkte Wahrnehmung von Allem, mit allen Details und Wechselwirkungen, mit dem eigenen Selbst verbunden scheint.

Solche beglückenden Augenblicke, in denen die Klarheit der Sicht mit einem begriffslosen Erleben von Allem zu verschmelzen scheint, nennen Japaner Satori 悟, wörtlich „Verstehen“. Die deutsche Übersetzung „Erleuchtung“ klingt religiös-esoterisch-theatralisch, während das englisch-rationale Wort „enlightenment“ (für das Gleiche) dem näher kommt, was gemeint ist: ein ganz besonderes, alle inneren Aspekte einbeziehendes, sehr persönliches Erleben der Einheit und Harmonie innerer und äußerer Wechselwirkungen.

Schlagartige und subjektive Ereignisse neuer Wahrnehmung folgen oft einer endlosen Suche nach Einzelinformationen. Manchmal geht ihnen Verzweiflung voraus. Das erzwingt, eine Situation so, wie sie eben ist, anzunehmen.

Manchmal ereignet sich „ein Donnerschlag aus blauem klarem Himmel“ (Wumen). Oder man erwacht (wie Kekulé) aus einem Traum (Video)

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Letzte Aktualisierung: 15.04.2021