Zufall

Inhalt

  • Alles Zufall?
  • Ist Wahrsagen Blödsinn?

letzte Überarbeitung: 28.05.2019

Alles Zufall?

 „Gott würfelt nicht!“ Einstein

Oder würfelt er doch? Oder sie?

Bei quantenphysikalischen Beobachtungen wimmelt es von Zufällen. Sie geschehen offenbar planlos, ohne verborgene Ursachen oder mystische Kräfte.

Wenn ein Elektron mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% durch zwei Spalten fliegen kann, muss es sich „entscheiden“. Und das tut es zufällig und unberechenbar.

Zufälle bergen Risiken.

Wir mögen keine Zufälle. Deshalb schließen wir Versicherungen ab, um Ungewissheiten möglichst klein zu halten. Wir hätten es gerne einfach und beherrschbar. Aber vieles schert sich nicht um unsere Ängste, weil es lebt und wirbelt.

Unsere beliebteste Strategie ist es daher, die Zukunft in engen Grenzen relativ überschaubar zu halten, in dem wir all die vielen kleinen Gefahren vermeiden, die uns in der Vergangenheit Ärger bereiteten. So rudern wir blind in die Zukunft, und bestimmen unseren Kurs, indem wir zurückschauen.

Bis dann völlig überraschend (zufällig) das Unwahrscheinliche geschieht, und eine Katastrophe über uns hereinbricht.

Müssen wir deshalb Zufälle fürchten?

Nicht unbedingt, denn wir könnten sie auch nutzen. Wir könnten zum Beispiel unseren Blickwinkel zufällig verändern.

Denn das Gleiche sieht unter einem anderen Blickwinkel z.B. völlig anders aus.

  • Ein viereckiger Stein ist vielleicht auf seiner Rückseite rund.
  • Ein Mitarbeiter sieht vielleicht einen farblosen Kollegen, während dessen Sohn einen sanften, lustigen Papa erlebt.
  • Ein bei verunsicherten Wählern beliebter Präsident, der sein Land endlich wieder zur Nummer eins machen will, löst im Ausland Angst, Ärger und Wut aus.

Reframing

Die Herstellung eines neuen Beobachtungsrahmens verändert den inneren Bezug, ohne dass sich „außen“ das Geringste bewegen muss. Diese in der Psychotherapie erfolgreich Technik wird Reframing. Wichtig ist dabei, dass neue Rahmen zufällig gesetzt wird.

Eine Zufallsauswahl ist das Gegenteil von

  • Belehrung: „So ist es!“
  • Tricks: „Ich sehe dein Schicksal!“
  • Esoterik: „Die Wahrheit liegt in den Sternen!“

Hinter einem (reinen) Zufall sollte sich möglichst (absolut) nichts verbergen. Dann kann sich eventuell eine verbohrte Sichtweise ändern oder ein Tunnelblick weiten. Und so entsteht dann eine Einstellung oder eine neue Beziehung zu der Situation, wie sie gerade ist.

Jemand, der vor schier unlösbar erscheinenden Problemen steht, und den Zufall nutzen möchte, sollte sich davon lösen verstehen wollen, wie es „wirklich ist“, sondern vor dem Hintergrund seines grenzenlosen Nicht-Wissens annehmen, dass ein zufällig gezogenes Ergebnis tatsächlich etwas mit seiner Situation zu tun habe.

An irgendeine verborgende Ursache des Zufalls zu glauben („Die Stern lügen nicht!“) zerstört den Reframing-Effekt durch esoterischen Nebel. Stattdessen kann das Zufalls-Ereignis angenommen werden, als ob es von Bedeutung sei.

Für ein wirksames Reframing muss man tatsächlich ernsthaft durch einen neuen Rahmen schauen. Das erfordert eigene Fantasie und Vorstellungskraft.

Das ist vielen fremd. Weil sie es nicht mehr gewohnt sind, kreativ selber zu denken, sondern gelernt haben, das nachzubeten, was ihnen die erzählen, die es besser wissen müssen.

Wahrheiten, Überzeugungen, Glaube und Hoffnung sind uns Erwachsenen vertrauter.

Wir belächeln die Zufälle, die Kinder ständig erleben und genießen.

Kinder haben aber keine Problem damit, so zu tun, als ob etwas so sei. Sie können träumen, fantasieren und sich neue Welten ausdenken, die ihren starr-denkenden Lehrern verborgen bleiben.

Erwachsene beruhigt die Sicherheit, aufgrund von Lebenserfahrung zu wissen. Die Fantasien, in denen sie sich vorstellen konnten, wie es wäre, wenn sie zauberten, flögen und mit Mondhasen spielten, haben sie längst vergessen.

Wenn sie dann vor ernsten Problemen stehen, sehen sie „gerade-aus“ und bekämpfen das Problem, dass ihnen den Weg verbaut. Wenn nötig immer intensiver und mit tatkräftiger Expertenunterstützung. Bis dann manchmal die Verzweiflung zum Zusammenbruch führt, zum Burn-out oder zur Depression.

Mit dem Problem-lösen aufhören und den Zufall zulassen

Von dem Chemiker Kekulé wird erzählt, er sei vor seinem Kamin eingenickt und habe, plötzlich erwachend und noch halb verschlafen, in den Flammen tanzende Affen erkannt. Und schlagartig sei vor ihm die Lösung seines unlösbar scheinenden Problems erschienen. Ein Zufall brachte sein altes Erklärungssystem, in dem es keine Lösung gab, zum Einsturz und ließ in ihm die Vision einer bisher unbekannten Dimension aufblitzen. Deren überraschende Entdeckung bot nebenbei auch eine sehr einfache Lösung des Ursprungsproblems.

Manchmal reicht es für neue Ansichten aus, eine Nacht zu schlafen und zu träumen.

Glückliche Zufälle, die sich von selbst und ohne Zutun ereignen, sind leider selten.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie geschehen, kann deutlich erhöht werden.

Mit einer wachsenden Zahl von Möglichkeiten steigt dann die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens günstiger Zufälle.

In jeder beliebigen Situation kann man also so handeln, dass die Menge der Möglichkeiten wächst.

Wahrsagen ist Blödsinn. Oder?

Wenn die Brust des Vogels links löchrig ist …
(dann) wird der Feind das Land des Fürsten erobern.
KAR (Keilschrift Mesopotamien) Nr. 455 Vs-5-6

Kaum war die Zukunft erfunden worden, versuchte man sie zu beinflussen.

Es begann vor vielen zehntausend Jahren mit schwarzer Magie, schamanistischen Heilritualen und Beschwörungstänzen. Mit zunehmender Urbanisierung und Staatenbildung entwickelten sich aus den Stammes-Ritualen der Medizinmänner Wahrsage-Institutionen, die den Herrschenden halfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wurde das Orakel allerdings falsch ausgelegt, konnte es auch schiefgehen.

So erging es Krösus (um 500 v.u.Z.), der siegesgewiss mit seinen Truppen den Grenzfluss Halys überschritt und das persisch-medische Reich angriff. Schließlich hatte ihm die Trance-Priesterin (Pythia) im Apollontempel in Olympia geweissagt, dass er ein großes Reich zerstören würde. Sie hatte natürlich Recht, nur war das zerstörte Reich sein eigenes.

In Mesopotamien war lange zuvor eine hochkenntnis-reiche und ausgeklügelt-politische Frage- und Wahrsagekunst entwickelt worden. Die aufgefundenen Tafeln beschreiben ein System der Analyse von Zeichen (“Wenn …”), aus deren Auftreten schicksalhafte Konsequenzen abgeleitet werden (“Dann wird …”).

Etwa zeitgleich baute man in China das schamanistische Wahrsagesystem zu einem umfassenden kosmologischen Gesamtkonzept aus, das für alle denkbaren Lebenssituationen Handlungsempfehlungen enthielt. Das auf einer binären Mathematik gegründete  “I Ging” beschrieb keinen unveränderlichen Schicksalverlauf, sondern eine Gegenwart, in der es möglich sei, zukunftsbeeinflussend zu handeln.

Die Traditionen der Zauberrituale und der Wahrsagekunst europäischer Völker wurden von den großen Religionen als Heidentum bekämpft und weitgehend ausgerottet. Deshalb sind heute zahllose “esoterische, alternative Heil- und Bewegungsformen” aus Asien, Afrika und Amerika so populär. Offenbar gibt es auch in Europa einen Bedarf an schamanistischen Heilritualen, was sich nicht zuletzt am florienden Geschäft mit Placebos und individuellen Gesundheitsleistungen zeigt. Dabei zerfließen die Grenzen zu Scharlatanerie, Abzocke, Hokuspokus und sektiererischer Ideologie.

Sind deshalb Schamanismus und Wahrsagerei nichts als veralteter Blödsinn?

Ich denke nicht. Denn die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien sind zeitlos hochmodern und wertvoll.
Allerdings kommt es darauf an, wie und mit welcher Transparenz und Qualität sie angewandt werden.

Die wesentliche Wirkung von Ritualen ist die Versöhnung mit den Tabus, dem Schicksal, den Glaubensvorstellungen uva., d.h. vor allem mit sich selbst.  Ein geborgener Trancezustand in einer vertrauensvollen Beziehung kann zu Ruhe, Sicherheit und weiterer Beruhigung führen. Und damit Voraussetzungen schaffen für neues Wachstum. Moderne Formen versöhnender Trance wie Meditation in Bewegung, Aufmerksamkeitslenkung, Hypnosystemisches Coaching und vieles andere können zu autarker, selbstbestimmter Entwicklung verhelfen. Dazu sind allerdings Kommunikationsqualitäten nötig, die Europäer häufig erst wieder erlernen müssen.

Die westliche Medizin ist ein Gemisch aus Wissenschaft, modern-schamistischen Heilungsritualen und rationaler Zukunftsvorhersage, die im Wesentlichen den mesopotamischen “Wenn … Dann!”-Sätzen entspricht:

  •   Test:
    • “Der Stern erschien am Horizont und das Opferschaf trug eine Fehlgeburt.”
    • “Der PSA-Wert ist erhöht.”
  • Diagnose:
    • “Ein Angriff der Feinde steht bevor.”
    • “Es droht Prostata-Krebs.”
  • Handlungsempfehlung:
    • “Den Feinden durch Angriff zuvorkommen.”
    • “In die Prostata stechen und bei Nachweis einer Krebszelle operieren.”

Wichtig ist dabei, dass die Auslegungsautorität nicht angezweifelt wird. Die eindeutige Diagnose muss von der höchsten Autorität kommen: In Mesopotamien vom Oberpriester der Staatsgottheit und in der modernen Medizin von einem hochrangigen Professor, am besten dem bekanntesten Spezialisten auf diesem Gebiet. Zukunftsvorhersagen bewirken besonders dann heilsame Sicherheitsgefühle, wenn sie sich nicht nur auf nicht Glaube und Hoffnung gründen, sondern auf unanzweifelbarer Wahrheit beruhen.

Die Eingeweideschau in Mesopotamien entsprach natürlich einem Zufallsgenerator, den aber nicht jeder x-beliebige, sondern nur Auserwählte, betätigen durften. Der Zufall, dem eine “göttliche” Bedeutung zugemessen wurde, erzwang es, den Standpunkt der Betrachtung eines Problems zu wechseln. Diese Technik hat sich in der Psychologie als das “Setzen eines neuen Bezugsrahmens” (Reframing) bewährt.

Das Wahrsagen in der europäisch-linearen Tradition des “Wenn – Dann” bringt allerdings auch große Gefahren mit sich, die u.a. der Finanzmathematiker Thaleb beschrieben hat. Hochqualifizierte “Wirtschafts-Weise” deuteten den Regierenden die Zeichen der Vergangenheit und übersahen dabei die Möglichkeit “Schwarzer Schäne”, was dann zum Börsen-Crash führte.

Das so etwas auch in der Medizin vorkommen kann, wurde mir schon als Student deutlich. Damals hielt mich ein berühmter und hochspezialisierter Uni-Institutsleiter für etwas blass und nahm mir eine “Laborflöte” ab, dh. alle Werte, die man zu der Zeit so bestimmen konnte. Zwei davon waren hoch-auffällig und abnorm, und sie sind es bis heute. Das schien damals zu zwei unterschiedlichen Krebsformen zu passen. Also sollte mit Leber- und Knochenmarkpunktionen intensiv weitergesucht, und nach damaligem Standard auch frühzeitig zellwachstumshemmend therapiert werden. Ich entschied mich gegen diese (aus heutiger Sicht eindeutige Verschlimmbesserung), und bin (möglicherweise deshalb) weiter gesund und munter.

Die chinesische Wahrsage-Tradition war nicht linear auf Ursache-Wirkung ausgerichtet, d.h. sie passte sich komplexen Situationen wesentlich besser an. Statt “Wenn – Dann!” beschreibt die konfuzianisch verfeinerte  Technik eine  (zufällig gezogene) persönliche Situation, wie sie jetzt gerade aussehen könnte. Es wird dann vorgeschlagen, die dazu passenden Aussagen so zu betrachten, als ob sie auf die aktuelle Situation zuträfen (Littlejohn 2007).

Moderne, wirksame Reframing-Techniken kommen vollständig ohne Mystik, Esoterik, Zauberei und Theologien aus.

Wichtig ist es nur, vor der Zufallsauswahl, eine wirklich gute (sich selbst gegenüber wahrhaftige, ehrliche und tatsächlich bedeutsame) Frage zu stellen.

Spiel mit dem Zufall

Literatur

  • Mesopotamien
  • I Ging
    • Ältere, schamistische Fassung: Fiedeler F: Yijing. Das Buch der Wandlungen, Dietrichs, 1996
    • “Moderne”, konfuzianische Überarbeitung: Wilhelm R: I Ging Text und Materialien, Dietrichs, 12, Auflage 1985
    • Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience. Southeast Review of Asian Studies, 2007, Volume 29:225–32
    • Elektronische Versionen (Übersetzer?): Download dt/engl.
  • Wahrsagekunst der Börse
    • Taleb N: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Knaus-Verlag, 2013, Taleb N: er Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Hanser Wirtschaft, 2008,
Letzte Aktualisierung: 15.06.2019