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28. Mai 2019

Zufälle nutzen

Gott würfelt nicht! Albert Einstein.

Irrte Einstein?

In der Quantenphysik jedenfalls wimmelt es von Zufällen. Sie geschehen planlos. Ohne erkennbar verborgene Ursachen oder mystische Kräfte.

Wir mögen keine Zufälle.

Denn Zufälle bergen Risiken. Deshalb schließen wir Versicherungen ab. Wir möchten die Ungewissheiten möglichst klein halten. Wir hätten es gerne einfach und beherrschbar.

Aber alles Lebende, das uns umgibt, und das uns ausmacht, wirbelt. Es steht in Beziehungen und wechselwirkt miteinander. Und ist in dieser Dynamik nur begrenzt vorhersag- und noch schwieriger kontrollierbar.

Eine beliebte menschliche Strategie ist es, die Zukunft relativ überschaubar zu halten. Wir vermeiden deshalb die vielen kleinen Gefahren, die uns in der Vergangenheit Ärger bereiteten.

Und so rudern wir indem wir zurückschauen, zu dem was schon geschah, hinein in eine Zukunft, die wir nicht sehen. Solange, bis völlig überraschend etwas Unwahrscheinliches geschieht, und wir an einen Felsen stoßen, und unser Boot zu kentern droht.

Innehalten vor der alten Oper von Paris. Bild: Zwischenzeiten (svdf.de/archives/607)

Zufälle nutzen

Wir könnten uns stattdessen Zufälle und Ungeahntes auch nutzbar machen. Zum Beispiel, indem wir das, was geschieht, anders betrachten: also neue Blickwinkel, innere Bezüge und Einstellungen wählen. Dann erscheint „das Gleiche“ erstaunlicherweise anders, ohne dass sich „außen“ das Geringste verändert hat.

Von dem Chemiker Kekulé wird erzählt, er sei verzweifelt, weil er die Struktur einer einfachen Kohlenstoffverbindung nicht entschlüsseln konnte. In seinem Denkmodell war ein Kohlenstoffatom in einer Fläche immer genau mit einem anderen verbunden. Das ergab aber bei dem Molekül „Benzol“, das er untersucht, keinen Sinn. Erschöpft sei er nach langem Grübeln vor seinem Kamin eingenickt, und habe, plötzlich erwachend und noch halb verschlafen, in den Flammen tanzende Affen erkannt. Schlagartig sei dann vor ihm eine Lösung erschienen: Seine Kohlenstoffatome bilden einen Ring, der von einer Elektronenwolke eingehüllt war. Ein Zufall hatte sein altes Erklärungssystem einstürzen lassen, und in der Vision war eine bisher unbekannte Dimension aufgeblitzt.

Klarheit-gewinnen: Zum Beispiel durch Setzen eines neuen Bezugsrahmens (engl. Reframing). Alle üblichen Lösungsstrategien lassen, und schlagartig einen neuen Möglichkeitsraum zu erkennen. Z.B.: „Lege mit 6 Streichhölzern 1 Figur, die aus 4 Dreiecken besteht.“ Zweidimensional ist die Aufgabe unlösbar. In drei Dimensionen bilden sie einen Kegel.

Reframing

Reframing ist dann besonders wirksam, wenn man vor ernsten Problemen stehend „gerade-aus“ starrt und ein Problem bekämpft, das den Weg verbaut. Psycholog:innen bezeichnen diesen Zustand der Denkblockade: die Problem-Trance.

Sie entsteht besonders oft, wenn eine Flut von Einzelinformation, Fakten und Daten analysiert wird und die Übersicht verloren gegangen ist: der Zusammenhang, die Beziehungen, Wechselwirkungen und Veränderungen. Dann wird immer intensiver das Gleiche getan mit heftigerem Aufwand und immer besserer Unterstützung durch Expert:innen, die einen Hammer besitzen und da das Problem klar als Nagel erkannt haben. Bis dann manchmal die Verzweiflung zum Zusammenbruch führt, zum Burn-out oder zur Depression.

Manchmal ist es dann befreiend, schlagartig zu erkennen, dass es auch Leben und Bewegung außerhalb des Tunnels geben könnte. …

Archaische Ursprünge

Wenn die Brust des Vogels links löchrig ist …
(dann) wird der Feind das Land des Fürsten erobern.
KAR (Keilschrift Mesopotamien) Nr. 455 Vs-5-6

Kaum hatten aufrecht gehende, nackte Affen erkannt, dass es mehr geben könnte als die Gegenwart, versuchten sie die ungewisse Zukunft erfunden zu beeinflussen.

Mit Magie, schamanistischen Heilritualen und Beschwörungstänzen. Mit zunehmender Urbanisierung und Staatenbildung entwickelten sich aus den Stammes-Ritualen der Medizinmänner Wahrsage-Institutionen, die den Herrschenden halfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wurde das Orakel allerdings falsch ausgelegt, konnte es auch schiefgehen.

So erging es Krösus (um 500 v.u.Z.), der siegesgewiss mit seinen Truppen den Grenzfluss Halys überschritt und das persisch-medische Reich angriff. Eine Trance-Priesterin (Pythia) im Apollontempel in Olympia prophezeite ihm, dass er ein großes Reich zerstören würde, wenn er einen Krieg beginnen würde. Sie hatte Recht, nur war das zerstörte Reich sein eigenes.

In Mesopotamien war lange vor Krösus eine kenntnis-reiche und ausgeklügelt-politische Wahrsagekunst entwickelt worden. Die aufgefundenen Tafeln beschreiben ein System der Analyse von Zeichen (“Wenn …”), aus deren Auftreten schicksalhafte Konsequenzen abgeleitet werden (“Dann wird …”).

Etwa zeitgleich baute man in China das schamanistische Wahrsagesystem zu einem umfassenden kosmologischen Gesamtkonzept aus, das für alle denkbaren Lebenssituationen Handlungsempfehlungen enthielt. Das auf einer binären Mathematik gegründete  “I Ging” beschrieb keinen unveränderlichen Schicksalsverlauf, sondern eine Gegenwart, in der es möglich sei, zukunftsbeeinflussend zu handeln.

Die Traditionen der Zauberrituale und der Wahrsagekunst europäischer Völker wurden von den großen Religionen als Heidentum bekämpft und weitgehend ausgerottet. Deshalb sind heute zahllose “esoterische, alternative Heil- und Bewegungsformen” aus Asien, Afrika und Amerika so populär. Offenbar gibt es auch in Europa einen Bedarf an schamanistischen Heilritualen, was sich nicht zuletzt am florierenden Geschäft mit der Placebologie zeigt. Dabei zerfließen die Grenzen zu Scharlatanerie, Abzocke, Esoterik, IGeL, Hokuspokus und sektiererischer Ideologie.

Hellsehen und Wahrsagen

Schaman:innen und Wahrsager:innen versöhnen.befrieden beleidigte unsichtbare Mächte, das Schicksal, die Ahnen und Geistern. Und bringen den zu sich selbst. Sie bieten Geborgenheit im unkontrollierbaren Chaos. Und damit den nötigen Schutzraum, damit sich die Natur selber helfen kann.

Moderne Formen versöhnender Trance wie Meditation, Achtsamkeitstraining, Tanz, Aufmerksamkeitslenkung, Hypnosystemisches Coaching und vieles andere können sehr heilsam wirken. Und manchmal auch zu autarker, selbstbestimmter Entwicklung verhelfen.

Allerdings sind dazu Kommunikationsqualitäten nötig, die in der digitalen Zivilisation verloren gehen.

Zum Beispiel in der Medizin. Moderne Medizin besteht aus einem Gemisch aus Leitlinien-Wissenschaft, modern-schamistischen Heilungsritualen und rationaler Zukunftsvorhersage. Ihre Vorhersagen gründen sich auf der uralten mesopotamischen Tradition der “wenn … – … dann!”-Sätze:

Test:

  • “Das Opferschaf trug eine Fehlgeburt.”
  • “Der PSA-Wert ist erhöht.”
  • „O Schreck!“

Diagnose:

  • “Ein Angriff der Feinde steht bevor.”
  • “Es droht Prostata-Krebs.”
  • „Sterbe ich jetzt?“

Handlungsempfehlung:

  • “Den Feinden durch Angriff zuvorkommen.”
  • “In die Prostata stechen und Krebszellen radikal bekämpfen.”
  • „Der Krebs muss besiegt werden!“

Wichtig bei medizinischen Vorhersagen ist (wie in der Steinzeit), dass die Auslegungsautorität nicht angezweifelt wird. Die eindeutige Diagnose muss von der höchsten Autorität kommen:

  • In Mesopotamien vom Oberpriester der Staatsgottheit,
  • in der modernen Medizin von einem hochrangigen Professor, am besten dem bekanntesten Spezialisten auf diesem Gebiet.

Zukunftsvorhersagen bewirken besonders dann heilsame Sicherheitsgefühle, wenn sie sich nicht nur auf Glaube und Hoffnung gründen, sondern auf einer „unanzweifelbaren Wahrheit“ beruhen.

Die Eingeweideschau in Mesopotamien entsprach natürlich einem Zufallsgenerator, den aber nicht jeder x-beliebige betätigen durfte, sondern nur Auserwählte. Der Zufall, dem eine “göttliche” Bedeutung zugemessen wurde, erzwang es dann, den Standpunkt der Betrachtung eines Problems zu wechseln.

Das Wahrsagen in dieser europäisch-linearen Tradition des “Wenn – Dann” bringt allerdings auch große Gefahren mit sich, die u.a. der Finanzmathematiker Thaleb beschrieben hat. Hochqualifizierte “Wirtschafts-Weise” deuteten den Regierenden die Zeichen der Vergangenheit und übersahen dabei die Möglichkeit “Schwarzer Schwäne”, was dann zu einem Börsen-Crash führen kann.

In Asien entwickelte sich eine ganz andere Wahrsage-Tradition. Sei war nicht linear auf Ursache-Wirkung ausgerichtet, sondern passte sich komplexen Situationen an. Statt “Wenn – Dann!” beschreibt die konfuzianisch verfeinerte  Technik eine  (zufällig gezogene) persönliche Situation (im I Ging), wie sie jetzt gerade aussehen könnte. Es wird dann vorgeschlagen, die dazu passenden Aussagen so zu betrachten, als ob sie auf die aktuelle Situation zuträfen (Littlejohn 2007).

Bao-Spiel, Bild: Jäger Tansania 1980

Selber ausprobieren

Modernes Reframing kommt vollständig ohne Mystik, Esoterik, Zauberei und Theologien aus.

Wichtig ist es nur, vor der Zufallsauswahl mit dem Problemlösen aufzuhören, und sich eine wirklich gute (wahrhaftige, ehrliche, tatsächlich bedeutsame) Frage zu stellen.

Manchmal reicht es für neue Ansichten aus, eine Nacht zu schlafen und zu träumen.

Ausprobieren

  • Wählen sie eine Zufallszahl zwischen 1 und 492 (z.B. mit https://zufallsgenerator.net oder https://www.random.org
  • Laden Sie die Zitatesammlung und schauen Sie unter der gezogenen Zahl nach:
  • Lassen sie das Zitat etwas wirken.
  • Was hat das gefundene Zitat mit ihrer Situation zu zu tun?

Eine zufällig Auswahl eines Zitates ist etwas völlig anderes als eine Belehrung („So ist es!“). Und sie hat auch nichts zu tun mit wolkig-verquaster Esoterik („Ich sehe dein Schicksal“).

Hinter dem (reinen) Zufall steht absolut nichts.
Kein tieferer Sinn. – Keine Wahrheit.

Der Zufall verweist nur auf eine Möglichkeit, wie es auch sein könnte.

Er erweitert den Raum der Möglichkeiten. Und in jeder beliebigen Situation kann man also so handeln, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.

Mehr

Literatur

Mesopotamien

Wahrsagekunst an der Börse

  • Taleb N: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Knaus-Verlag, 2013
  • Taleb N: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Hanser Wirtschaft, 2008, Web: fooledbyrandomness

I Ging

  • Ältere, schamistische Fassung: Fiedeler F: Yijing. Das Buch der Wandlungen, Dietrichs, 1996
  • “Moderne”, konfuzianische Überarbeitung: Wilhelm R: I Ging Text und Materialien, Dietrichs, 12, Auflage 1985
  • Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience. Southeast Review of Asian Studies, 2007, Volume 29:225–32
Letzte Aktualisierung: 11.02.2021