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1. März 2026

Bewegung und Kinder

Wir müssen neu anfangen.

Und für eine kinderfreundliche Gesellschaft streiten.
Trotz allem.

Bewegungskompetenz lässt nach. Die Intelligenz auch?

Immer mehr Kinder haben Schwierigkeiten, sich mit verbundenen Augen im Raum zu orientieren, zu hüpfen oder rückwärtszugehen. Oder sich ein länger als fünf Minuten dauerndes Märchen anzuhören, auf einem Bein zu stehen, oder sich etwas Kreatives aus Klötzen zu bauen. Seit 2019 nehmen diese Negativ-Trends zu, u. a. auch beim Rechnen oder mathematischen Denken. (Overton 20.01.2026)

Denn Kleinkinder müssen erst mit allen Sinnen und Bewegungen Tausende Gegenstände an- und erfassen, bevor sie eine Menge bilden können (z. B. „Bälle“). Sehen sie nur ähnliche Muster auf einem Bildschirm, können sie das nicht. Unter der Vernachlässigung der Bewegungsfunktionen, leidet das Gehirn. Weil sich beides in lebenden Wesen in ungetrennter Wechselwirkung ausformt.

Die Folgen erkennt man später in der Uni. Die in der Schule trainierte Hauptkompetenz ist, eine Institution erfolgreich zu durchlaufen: durch Wiederkäuen und Ausspucken vorverdauter Information. Datenmengen durchforsten und „zuvor von irgendjemandem Gesagtes oder Aufgeschriebenes“ formal perfekt wiedergeben, kann jede KI besser.

Bereits vor einem halben Jahrhundert warnte der Verhaltensforscher Lorenz vor einer „Verdeichschafung“ des Menschen. Er hatte gemessen, dass Wildtiere eine vielfach effektivere Hirnkompetenz und Hirnmasse verfügen als ihre doofen Verwandten im Stall.

Die rasante Entwicklung von KI wird diese Trends weiter beschleunigen. Maschinen-Algorithmen entwerten auf Begriffen und Einzelinformationen aufgebautes Denken. Sie können schon heute vorverdautes wesentlich schneller ausspucken als Menschen. Aber sie verstehen keine Zusammenhänge, können keinen Bewegungsfluss gestalten oder Beziehungen eingehen. Sie fühlen nichts.

Daher rät der Philosoph Grünewald rät Eltern und Jugendlichen („angesichts allgemeiner Verblödung“) zu selbstorganisiertem Lernen. Andere resignieren, wie Gerald Hüther, der sich seit Jahrzehnten für einen Paradigmenwechsel der Bildung engagierte („Ich gebe auf“). Oder sehen Chancen, weil sie (über die Hirnforschung hinaus) die Körperlichkeit des Menschen besser verstehen. (Hornetz, China 2025)

Cabrol C & Raymond P: La Douce (Sanfte Bewegung für Kinder): Helft Ihnen aus der Langeweile, Ottawa 1987- Bild: Die Vorstellung, wie etwas sein könnte, löst Sensationen und geht der Bewegung voraus. Die Bewegung liefert die nötige Rückinformation, die die Vorstellungskraft beeinflusst. Hirn und Bewegungsfunktion sind eins.

Unsere Bildungssysteme müssten bei Kindern Fähigkeiten fördern, an denen tote KI-Automaten scheitern: die Kunst, sich bewegt, ganzkörperlich, natürlich gelassen, friedvoll, dynamisch zu bewegen.

Denn ein Gehirn ist kein Rechenautomat, sondern ein Beziehungsorgan, dessen Aufgabe (als Teil des Körpers) darin besteht, sinnvoll mit der Mitwelt in Beziehung zu treten. Das Kommunikationsorgan Gehirn ermöglicht es dem bewegten Körper zu seinem Umfeld in Beziehung zu treten: durch Rhythmus, Haltung, Gestik, Mimik, Berührungen, die Stimmgebung des Kehlkopfs u.v.a.

Beim Geflimmer eines Bildschirms spielt diese natürlich-menschliche Kommunikation eine vergleichsweise geringe Rolle. Besonders, als Kinder in der Schule zusätzlich gezwungen wurden, Masken zu tragen und dadurch mimische Signale weniger verstehen konnten.

Kinder trainieren ihr Gehirn durch das Erlernen von Bewegungsabläufen: Die Verarbeitung unmittelbarer Sinneseindrücke allein reicht für zielgenaue Ausführungen von Bewegungen nicht aus. Sie wäre viel zu langsam und zu unpräzise. Im Gehirn werden stattdessen einfließende Informationen mit Erfahrungswissen und verinnerlichtem Können abgeglichen. Das erfordert sehr viel und regelmäßiges Ausprobieren und (oft frustrierendes) Üben.

Cabrol C & Raymond P: La Douce (Sanfte Bewegung für Kinder): Helft Ihnen aus der Langeweile, Ottawa 1987 – Bild: Bewegung macht Spaß, weil es Wirkkräfte verbindet.

Begreifen

Zunächst müssen Kinder hinausreichen und etwas begreifen, dann spüren sie etwas und können es mit bisherigen Erfahrungen vergleichen. Dann verstehen sie. Zugleich keimt eine Vorstellung auf, wie etwas sein sollte, und wie man es beeinflussen könnte. Erst dann findet ein Körper (nach einigem Ausprobieren und Scheitern) zu wirksamer, effektiver und eleganter Dynamik. (Wolpert 2011, Sagedi 2018)

Hände formen, wirken und kommunizieren. Sie können sich mit dem Gegenstand, den sie berühren, verbinden und ihn so gewandt handhaben. Manchmal entstehen fließende Bewegungen des ganzen Körpers. Dann werden Kräfte weit über die Körpergrenzen hinaus wirksam. Geleitet über Hüfte, Rumpf, Schultern und erst dann die Hände.

Der Funktionsumfang der Hände ist eine grundlegende Besonderheit des Menschen: Die Fähigkeit der Hände zur Berührung ergibt sich erst aus der menschlich stabilen Hüftkonstruktion, die unsere Schultern von tragenden Aufgaben befreit.

Wahrnehmung und Steuerung der Hand nehmen so viel Platz ein, wie das Gesicht. Viele glauben deshalb, dass es die Gesten der Hand waren, die die Grundlage der Sprachentwicklung bildeten. Lange, bevor die motorischen Programme der Kehlkopfsteuerung die ersten gesprochenen Worte und Sätze bildeten. (Wilson 2001)

Viel mehr als Erwachsene müssen Kinder mit allen Sinnen lernen. Sie können (ein Ding oder eine abstrakte Aufgabe) nicht verstehen, wenn sie den Zusammenhang nicht spielerisch ausprobieren, bewegen und begreifen dürfen.

Gewandtheit, die Fähigkeit, sich in einem Prozess mit Gegenständen oder Lebewesen zu verbinden, steht am Anfang der menschlichen Evolution. (Young 2013)

Kinderfeindlichkeit ist nicht neu.

Persönlicher Rückblick:

Ein Jahr vor den Hamburger Bürgerschaftswahlen 2001 versuchte die Oppositionspartei zu stören und stellte eine kluge Frage.

Ob es richtig sei, dass die Hamburger Kinder dicker werden würden und sich weniger bewegten. Und ob es sich dabei um ein Problem handele. Und, wenn ja, was der Hamburger Senat dagegen unternehme.

Cabrol C & Raymond P: La Douce (Sanfte Bewegung für Kinder): Helft Ihnen aus der Langeweile, Ottawa 1987 – Bild: Scheinbar „haben“ diese Kinder alles: aber es fehlt ihnen an Beziehung.

Damals war ich vorübergehend „zuständig“ und antwortete etwa so:

  • Ja, Kinder und Jugendliche in Hamburg nähmen an Gewicht zu und bewegten sich weniger.
  • Ja, dabei handele es sich um ein ernstes Problem. Es werde sich langfristig gesellschaftlich auswirken. Es beeinflusst die Verhaltens- und Intelligenzentwicklung und damit die spätere Erwachsenengesundheit.
  • Ja, angesichts dieser Gefahren müsse man (eigentlich) unbedingt etwas tun.

Mein Vermerk kam umgehend von der Behördenspitze zurück, mit einer bleistiftgeschriebenen (ausradierbaren) Randnotiz: „Lieber Herr Jäger, bitte keine Frontalvorlage für die Opposition!“

Offensichtlich bin ich unfähig für die Politik. Also musste eine Kollegin den Job übernehmen. Und antwortete wie gewünscht:

  • „Die Daten der Gesundheitsberichterstattung seien leider nicht eindeutig. Daher benötigten wir dringend weitere Forschungen und Studien.“
  • „Vorausschauend hätten wir die Erstellung eines Gutachtens angeregt. Und auch eine Arbeitsgruppe eingerichtet.“
  • „Natürlich sei unsere Behörde unverzüglich und konsequent tätig geworden: in Ruhe, überlegt, ohne Hektik und nach sorgfältiger Auswertung der wissenschaftlichen Ergebnisse. Zu gegebener Zeit.“
  • „Bereits heute handelten wir: Für die Grundschule X wurden zwei Gymnastikbälle gekauft, die Kindertagesstätte Y erhielt ein Klettergerüst und der Spielplatz Z wurde verschönert …“

Die Behörde war zufrieden, die Presse auch.
Und die Kinder? Sie hatten keine Lobby.

2020–2022: Verschlimmerung durch Experimente mit Kindern

Davon brauchen wir mehr: SIMBAV e.V. – Video

Viele gute Strategien und Angebote, die vor Jahrzehnten entwickelt wurden, um die Kindergesundheit zu fördern, wurden seit 2019 verdrängt oder zerstört. Gesundheit wurde auf die Nutzung medizinischer Produkte reduziert. Kinder konnten und können sich nicht wehren. Und die wenigen Ärzt:innen, Lehrer:innen, Psycholog:innen, Hebammen, die versuchen, sie zu schützen, waren und sind schwach.

Von 2020 bis 2022 experimentierte man mit Kindern. Grundschulkindern wurden zusätzliche Bewegungs- und Atmungshemmnisse verordnet. Das Training der Handmotorik wurde durch Bildschirmarbeit ausgebremst. Bewegungsvielfalt und Bewegungskompetenz verarmten. Und in der Folge auch die Fähigkeiten zu Kreativität, Innovation und sozialer Kompetenz. (Reichelt 2021, Singha 2020)

Eine Gesellschaft sägte am Ast, auf dem sie sitzt. Und hatte nach dem Unsinn nur wenig aus den Fehlern gelernt.

Überlegungen 2026

Die Bildung unserer Kinder steckt in der Krise. Das Überangebot fertiger Lösungen (Medien, KI etc.) behindert oder verhindert Selbst-Denken.

Das Gehirn als ungetrennter Teil des Bewegungssystems wird bei Mangel an Bewegungs-Feedback-Signalen in seinen Funktionen abgebaut (und schließlich auch in der Substanz).

Vielfach beobachtet sind primitive Lebewesen (Korallen, Würmer), die sich nach mühsamem Kriechen irgendwo endgültig festsetzen, und die dann als Erstes ihre Nervenzellen verdauen.

In unserem Familienprojekt simbav.de sehen wir zunehmend körperlich-psychische Aufmerksamkeitsdefizite (z. B. die Unfähigkeit, Märchen anzuhören, die länger dauern als 5 Minuten, oder etwas konzentriert aus Bauklötzen zu bauen …).

Und ebenso bei vielen einen Mangel an körperlicher Grundkompetenz (Rückwärtsgehen, Hüpfen, Einbeinstand …). Der seit 2019 verstärkte Leistungsrückgang bei Mathematik und Naturwissenschaften erklärt sich u. a. auch damit, dass Kleinkinder mit allen Sinnen und allen erdenklichen Bewegungen Tausende von Gegenständen an- und erfassen müssen. Erst dann können sie eine „Menge“ bilden (z. B. „Ball“). Wenn sie nur viele ähnlich aussehende Muster auf einem Bildschirm sehen, können sie das nicht.

Die Folgen erkennt man später in der Uni. Denn die in der Schule trainierte Hauptkompetenz ist, eine Institution erfolgreich zu durchlaufen: durch Wiederkäuen und Ausspucken vorverdauter Information. Datenmengen durchforsten und „zuvor von irgendjemandem Gesagtes oder aufgeschriebenes“ formal perfekt wiedergeben, kann aber jede KI besser.

Vor einem halben Jahrhundert warnte der Verhaltensforscher Lorenz vor der „Verhausschweinung oder Verdeichschafung“ des Menschen. Er hatte gemessen, dass Wildtiere eine um ein Vielfaches effektivere Hirnkompetenz (und Hirnmasse) verfügen als ihre doofen Verwandten im Stall. Der Philosoph Grünewald spricht von einer „allgemeinen Verblödung“ und rät engagierten Eltern und jungen Menschen zu selbstorganisiertem Lernen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther, der sich Jahrzehnte für einen Paradigmenwechsel der Bildung engagierte, resigniert („Ich gebe auf“).

Ich bin da weniger pessimistisch. Denn in einigen anderen Kulturen scheint man das zugrunde liegende Problem besser zu verstehen. Auch in Deutschland gäbe es eine Chance bei einer Revolution körperlicher-geistiger Entwicklung (neudeutsch Embodiment), besonders bei Kleinkindern bis jungen Menschen. Neudeutsch nennt sich diese Idee: Body turn. Um KI als Werkzeug handhaben zu können (also nicht nur Käfig, Gefängnis, Fußfessel oder Handschelle), muss man ganzkörperliche, natürlich gelassene Bewegungskunst trainieren, die alle körperlichen Sinne und psychologischen Funktionen dynamisiert und entwickelt.

Mehr

Kinder in Balance

Sabine Schreiner:

Norbert Heinrich, Dietlind Zimmermann

Literatur

  • de Klerk C et al.: The role of sensorimotor experience in the development of mimicry in infancy. Dev Sci, 2018, Nov. 10:e12771 www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30415485
  • Krupp Stiftung 29.10.2020: 4. Kinder- und Jugendrepot, www.krupp-stiftung.de/vierterkinderundjugendsportbericht/?preview=true
  • Manley H et al. (2014) When Money Is Not Enough: Awareness, Success, and Variability in Motor Learning. PLoS ONE 9(1): e86580
  • Reichelt J et al.: Kinder in der COVID-Krise: Familiär verinselt im Lockdown Dtsch Arztebl 2021; 118(8): A-404 / B-345
  • Roach NT: The Evolution of High-Speed Throwing – Elastic energy storage in the shoulder and the evolution of high-speed throwing in Homo. Nature 2013. 498. 483-486.
  • Sagedi M: Adaptive sensorimotor learning, PLOS one, 29.11.2018
  • Singha S etal: Impact of COVID-19 and lockdown on mental health of children and adolescents: A narrative review with recommendations, Psychiatrie Research August 2020
  • Wolpert D et al.: Principles of sensorimotor learning, Nature Reviews neuroscience 2011, 740-751
  • Wilson F: Die Hand Geniestreich der Evolution. Ihr Enfluss auf Gehirn, Sprache und Kzltur des Menschen. Klett-Cotta 2001
  • Young R.W.: Young RW Human origin and evolution. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2013, Hum Ontogenet 3(1), 2009, 19–31 ; Evolution of the human hand: the role of throwing and clubbing, Anat. 2003, 202:165–174. Young 2009: The ontogeny of throwing and striking. In: Hum Ontogen 3 (1): 19–31.

 

Letzte Aktualisierung: 01.03.2026