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18. Dezember 2023

Unbekanntes Nicht-Wissen

 „There are some things which are impossible to know,
but it is impossible to know these things.” ‚Murphy’s Law‘

Verfügbarem Wissen steht gegenüber, was wir nicht wissen.

Vieles, von dem, was wir tun, wenn wir in komplexe Systeme eingreifen, ist unklar oder unbekannt.

Nach dem Vorsorgeprinzip sollte man es dann entweder unterlassen, oder sehr sorgsam vorgehen: kontrolliert und durch Langzeitstudien begleitet.

Medizin beruht nur zum Teil auf Wissenschaft:

Medizin ist handlungsorientiert. Scheint ein Nutzen durch Laborergebnisse bei gesunden Testpersonen belegt zu sein und wurden Risiken bisher nicht beobachtet, scheint nichts gegen die profitable Vermarktung zu sprechen.

Die Auswirkungen spezifischer Interventionen auf unterschiedliche Menschengruppen sind dann meist noch unbekannt. Dazu müsste man alle Anwender:innen über lange Zeiträume beobachten, und sie vergleichen mit Personen, bei denen die Intervention nicht durchgeführt wurde. Besonders achten müsste man auf die ’nicht-spezifischen‘ Auswirkungen der Eingriffe (Benn Drug Saf. 2023, Jäger 2015) Interventionen achten. Solche Studien sind teuer, aufwendig und auch deshalb so selten, weil sie einer Produktvermarktung, die bereits in vollem Gange ist, folgen müssten und diese daher stören könnten. (Beispiel: Provisorische (bedingte) Zulassungen von mRNA-Impfungen 2021 ohne Post-Marketing-Begleitstudien)

In der Medizin hält man sich gerne an Diagnosen, die auf Messungen beruhen. Die so gewonnenen Daten werden dann in ein allgemein akzeptiertes Erklärungsmodell eingegeben. Daraus werden Handlungen abgeleitet, die die Ursachen beeinflussen, die zur Krankheit führen könnten oder bereits geführt haben. Entscheidungen gründen sich also in der Regel auf bekanntes Wissen.

Die Black-Box des Nicht-Wissens wird größtenteils ignoriert, was dann zu einem Problem führen kann, das es ohne Behandlung nicht gegeben hätte.

„Wissen“ und „Handeln“

Im Spanischen gibt es (aus gutem Grund) zwei Worte für „Wissen“
SaberDarauf vertrauen, dass andere (Experten, Lehrer, Priester, …) uns „die Wahrheit“ sagen.
Das glauben, was aufgeschrieben wurde: Auswendig gelerntes Wissen.
ConocerEtwas ausprobieren, etwas erleben, etwas erfahren.
Aus Misserfolgen lernen: Erlebtes Wissen.

Bekanntes ‚Wissen‘ beruht auf einer Sicherheitsvermutung. Man glaubt, ein zielgenauer (einfacher) Eingriff werde ein Problem lösen. Eine Handlung folgt der Strategie, das zu tun, was schon immer getan wurde und was sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwies. Traf die Sicherheitsvermutung zu, wurde der Eingriff korrekt durchgeführt.

Wenn bekannt ist, etwas nicht zu wissen, kann es ggf. erfahren oder erlernt werden. Mn kann (learnig by doing) schleichend beginnend in ein scheinbar einfache Systeme eingreifen. Günstig ist dann das Vorgehen eines Gärtners: schützen, hegen, pflegen und es wachsen lassen. Oder etwas ausprobieren, das Ergebnis bewerten, aus Fehlern lernen und sich an verändernde Situationen anpassen. In unvorhersehbar-veränderlichen Zusammenhängen vorsichtig, bescheiden, umsichtig und langsam vorzugehen: Und sich vor allem sicher zu sein, dass das, was schiefgehen kann, manchmal auch tatsächlich schiefgehen wird. Die größte Gefahr besteht darin zu glauben, dass das schon immer gut gegangen ist, auch weiterhin gut gehen werde, weil es gar kein „unbekanntes Nicht-Wissen“ gäbe. Werden komplexe Zusammenhänge so fälschlicherweise für einfach gehalten, enden Interventionen früher oder später in schlagartigen Veränderungen oder in Katastrophen.

Unbekanntes Nicht-Wissen wird oft ignoriert. Im Vergleich zu den wenigen Details, die uns von der jeweiligen Realität bekannt sind, ist verborgenes Wissen unendlich groß.

  • Hier wirkt ein zielgenauer, einfacher Eingriff wirkt in ein System: „Dynamit ins Wasser werfen, um viele Fische zu fangen“. 
  • Neben der gewünschten müssen auch unerwünschte Nebenwirkungen entstehen, die beobachtet und gemessen werden können, und so kalkulierbar sind.
  • Eine günstige Strategie wäre es, auf Probe handeln. Mit begrenzten und kontrollierten Modell-Interventionen. Ungünstig: ungezieltes „Viel-hilft-viel“: z.B. „Antibiotika bei Grippe“.

Beispiel: Rumsfeld und der Irak-Krieg

Donald Rumsfeld war mitverantwortlich für die US-Kriege im Irak und in Afghanistan. Sie erwiesen sich als Desaster. Ihre schrecklichen Folgen wirken bis heute nach.

Seine Weltsicht, dozierte er, beruhe auf vier Kategorien:

Known knowsDas, was wir sicher zu wissen glauben. Aber, in Rumsfelds Worten:
The things that you think you know – that it turns out you did not.
Kown UnknowsDas, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen.
Unknown knowsUnbewusstes oder implizites Wissen.
Unknowns UnknowsEtwas, von dem wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen.

Das ist deutlich mehr als die ‚eine‘ Kategorie der Gläubigen, die nur die Wahrheit kennen, die sie glauben sollen. Trotzdem kamen er und sein (deutlich weniger intelligenter) Chef Georg W. Bush gut miteinander aus. Denn Rumsfeld handelte noch nach weiteren Kategorien, die er nicht erwähnte:

Man kann lügen.Beispiel Irak:
Man kann etwas wissen und das Gegenteil behaupten
Man kann Wissen weg-schweigen, ignorieren, bekämpfen, löschen und Wissende diffamieren.Diverse Kriege seit 9/11:
Kollateralschäden & Kriegsverbrechen
Man kann glauben.
U. v. a. an (oft irreführende) Statistiken, und dann starr nach hinten schauend, nach vorn rudern.

Beispiel: mRNA-Therapien

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Deutsches Ärzteblatt 4/202, mit freundlicher Unterstützung von GSK, MSD, Sanofi, Pfizer. Ist die Welt jetzt gesünder, seit sie geimpft wurde? Können wir jetzt, nach dem Massenexperiment, endlich auf die Impfung gegen den Krebs hoffen?

Prinzipiell ist die Funktionsweise der mRNA-Injektionen gut untersucht (Chavada: MDPI 2023). Besonders durch den Massenversuch mit Covid19-mRNA-Impfstoffen. Die Hersteller glauben heute, die Risiken dieser Gen-Technik besser zu verstehen. Sie sollen künftig bei der Herstellung von Krebs-‚Impfstoffen‘ vermieden werden. (Zhongfeng: AVS 2023, Razif: Exp Review Vacc 2023).

Aber noch ist vieles unbekannt. Zum Beispiel, ob, oder welche, Bedeutung es hat, dass bei Injektion von künstlicher mRNA zu einer Codierung artfremder Antigene auf der Zelloberfläche kommt. (Mulroney: Nature 06.12.2021, ‚Übersetzung‘ in einfachere Sprache: Denninger: 2023BZ: 07.12.2023).

Für Fragen nach bisher Unbekanntem interessiert sich die Wissenschaft. Denken verunsichert aber. Es zeigt Un-Wissen auf. Daher müssen „Fachleute“ (bevor ein Glaube erschüttert werden könnte) sofort „Entwarnung“ geben (Spiegel: 06.12.2023): Man habe bisher keine Studie gefunden, die belegen könnte, dass der gerade entdeckte ‚Frameshift‘ einen Schaden anrichten könne.

Hinsichtlich mRNA-Therapien ist allerdings auch anderes nicht klar. …

Mehr:

Beispiel: Gut gemeinte Intervention in einen „4. Quadranten“

Der Mathematiker Niclas Taleb nannte den Bereich unseres Un-Wissens den ‚4. Quadranten‘. Interventions-Fanatiker sind nur an kurzfristigen Ergebnissen. Sie meiden ihn:

Input / Output EinfachKompliziert oder Komplex
Einfach1. Sicher2. Berechenbar
Kompliziert oder komplex3. Berechenbar4. Un-Berechenbar
Ausführlich: www.edge.orgthe-fourth-quadrant

Einfache Interventionen in komplexe Systeme lösen manchmal völlig ungeahnte Effekte aus. Oft erst nach langer Zeit. Wie die Arsenvergiftungen weiter Teile der Bevölkerung in Bangladesch. Die Ursachen dafür liegen viele Jahrzehnte zurück. Es begann mit den Überlegungen, wie man die Verbreitung der Cholera-Infektionen eindämmen könne. Man in den 60er-Jahren eine gute Idee, sammelte Geld für die nötigen Finanzmittel und löste das Problem durch die Anlage tausender Bohrbrunnen. Der unmittelbare Erfolg war überwältigend: Alle Dörfer erhielten Zugang zu sauberem Trinkwasser! Die Cholera verschwand. Nur: drei Jahrzehnte später stellte man bei Millionen von Menschen Arsenvergiftungen fest.

Das neue Problem war allmählich entstanden, infolge der Eingriffe in das Grundwassersystem Bangladeschs. Es ist unumkehrbar, und erwies sich als vielfach größer und als das Ursprüngliche (die Cholera):

Oft folgen einfachen (mechanistischen oder kriegerischen) Eingriffen in komplexe Systeme, völlig überraschend, Probleme, die ohne die Lösungsversuche nicht entstanden wären. Obwohl man aus vielen solcher Katastrophen lernen könnte, fallen Geld- und Machtgierige immer wieder in einen Problemlöse-Wahn. Typischerweise folgt dann eine zielgerichtete Intervention der nächsten, bis es zu einem Zusammenbruch kommt.

Hielte man sich an das Vorsorgeprinzip, dann wartete man in komplexen Situationen aufmerksam ab, oder man ginge vorsichtig und kontrolliert vor. (Martuzzi 2007, Goldstein 2001).

Mehr

Vorträge zu „Unbekanntem Nicht-Wissen“: Taleb 1 Taleb 2

Infektionen und Impfungen

Fehlermanagement

Zusammenhänge

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Letzte Aktualisierung: 05.06.2024