Algorithmen Herrschaft

Inhalt

  • Exformation
  • Allmacht der Algorithmen
  • Digitale Weltformel
  • Verameisung

letzte Überarbeitung: 29.05.2019

Exformation

Das Human Brain Project ist ein milliardenschweres EU Vorhaben, das das menschliche Gehirn nachbilden soll.

„SpiNNaker unterstützt detaillierte biologische Modelle des Kortex. Die Fähigkeit, große detaillierte neuronale Netzwerke schnell und mit geringem Stromverbrauch zu betreiben, wird die Robotikforschung vorantreiben und Studien über Lernen und Hirnstörungen erleichtern.“ HBP-News 12.07.2018

Denkfehler

In unserer Kultur wird die Bedeutung des menschlichen Nervensystems überschätzt. Es ist nur ein Teil vieler anderer, mit ihm verwobener Organ- und Bewegungsfunktionen. Alle an einem menschlichen Organismus beteiligten Zellen verbinden sich über Rückkopplungsschleifen. Nerven-, Immun-, Darm- und Bewegungszellen wechselwirken. Sie schwingen gemeinsam im Rhythmus der Dynamik, die sie umgibt, die sie beeinflusst und die sie bestimmt.

Typisch für menschliche Informationsverarbeitung sind Verkörperung und plastische Anpassung an immer neue Gegebenheiten.

Spiegelung im See (Bild: Jäger 2018)

Maschine „sind“

Auch die kompliziertesten Algorithmen und Rechner entwickeln sich nicht aus sich selbst. Sie verändern sich nicht kommunizierend, so wie ein Krabbelkind die Komplexität des Laufens erlernt. Stattdessen rosten und verschleißen sie. Und bleiben abhängig von denen, die sie hergestellten, programmieren, nutzen und warten.

Mensch „werden“

Ein Organismus erzeugt sich immer wieder neu, wird umbaut, wächst, gedeiht, entwickelt sich und passt sich an. Er kann daher aus sich selbst heraus schöpferisch und kreativ tätig sein, und Neues erschaffen.

Das Human Brain Project baut deshalb höchsten einen neuen Typ Hochleistungsrechner, der wie jede Maschine eingeschaltet, gewartet, gesteuert und ggf. irgendwann abgestellt wird.

Exformation

Maschinen können nichts aktiv vergessen. Datenverluste entstehen bei ihnen durch Schäden, oder weil ein Mensch oder ein Programm etwas löscht.

Die stetige Aussonderung der Masse von Datenmüll ist aber eine der wichtigsten Funktionen des menschlichen Gehirns. Die „Exformation“ liefert Aussage-Kraft, Bedeutung und Wert. In der Kommunikation ist es deshalb interessanter, auf das nicht gesagte (aber implizit enthaltene) Wissen zu achten, als auf das gesagte. Und das tun wir in der Regel auch.

Eine Aussage erhält dann „Tiefe“, wenn ihre Erzeugung und Interpretation die (gleichzeitige) Verarbeitung und Aussonderung sehr großer Datenmengen erforderten. D.h. wenn ein komplexer Zusammenhang verstanden und auf den Punkt gebracht wird. Und so alles Unnötige bei der Betrachtung eines Aspektes kurzzeitig vernachlässigt werden kann. Bei komplexen Systemen lohnt sich deshalb nicht nur der Blick auf das Ganze, sondern auch auf die Details. Denn dort verbergen sich interessante Strukturen, die neue Informationen liefern können.

Nur eigendynamisch-veränderliche Systeme besitzen „Tiefe“. Meist dann, wenn sie sich gerade soweit von ihrem chaotischen Gleichgewichtszustand entfernt haben, dass sie erkennbare Strukturen aufweisen, und doch vom Zustand der Gleichförmigkeit entfernt bleiben. In solchen Situationen enthalten sie wenige (aber wesentliche) Information, die sich von einem Hintergrund des formlosen Grundrauschens abheben.

Rechner „denken“ stumpf und fantasielos

Das menschliche Gehirn kann unendlich große Datenmengen gleichzeitig verarbeiten, alles Unwesentliche löschen und das Entscheidende so herauskristallisieren. Z.B. wenn eine Person im Gewühl einer Fußgängerzone nach vielen Jahren der Trennung wiedererkannt wird.

Wir lernen aus Erfahrung, die auf Handeln und Rückmeldungen beruht, unnötige oder unsinnige Informationen löscht und kreative neue Informationsmuster gestaltet.

Der Riesenrechner des Human Brain Projekt mag also unendlich viele Daten enthalten und zu analysieren versuchen. Körperlos und ohne die Fähigkeit zu kreativer Exformation wird er stroh-dumm bleiben.

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Tor Nørretranders

Allmacht der Algorithmen?

 70 % der Finanztransaktionen werden durch Algorithmen abgewickelt … Super-Computer werden menschliche Fähigkeiten  zwischen 2020 und 2060 in fast allen Bereichen übertreffen…“ Helbing u.a. 2015

HAL9000: „2001 – Odyssee im Weltraum“, Kubrick 1968 (Bild Wiki)

Ich hasse Algorithmen …

Wenn sie unaufgefordert in meinem Leben herum-fummeln und mich stören. Wenn irgendein Programm mich dazu zwingt, meinen Gedanken- oder meinen Handlungsfluss zu unterbrechen, weil ein „super-wichtiges Update“ geladen oder ein nicht angefordertes „Check-up“ durchgeführt werden muss. Besonders ärgerlich empfinde ich dann „hirn-lose“ Hinweise, deren „menschlich-persönliche“ Wortwahl mir anzeigen sollen, dass es eine Person sei, die da für mich denke, und der ich jetzt folgen müsse, weil sie es gut mit mir meine: „Bla-bla erledigt gerade etwas für Sie!“.

Und ich liebe Algorithmen …

wenn alles, was ich benutze, wunderbar funktioniert, und mir die Rechen-Logik dahinter vollkommen verborgen bleibt. Wenn mir zum Beispiel das Page-Ranking der Suchmaschine erstaunlich gute Treffer anzeigt, die Verkehrsführung in der Rush-Hour die Fahrzeugkolonnen fließend aus der Stadt führt, oder eine S-Bahn genau dann in den Bahnhof einfährt, wenn ich sie erwarte.

Natürlich ist es absurd, Algorithmen zu lieben oder zu hassen:

Sie wissen nichts, denken nicht und fühlen schon gar nichts. Sie sind nichts weiter als standardisierte Rechen-Strategien, die „Schritt für Schritt“ Probleme lösen (Stiller 2015).

Algorithmen sind Anweisungen für Rechner, die unendlich große Daten-Haufen durchstöbern, um die wenigen wertvollen Perlen zu finden. Sie werden immer leistungsfähiger. Bald wird es gelingen, einzelne Atome „rechnen zu lassen“. Solche „Quanten-Computer“ wären nicht nur schneller als herkömmliche PC, sondern könnten (über „0 / 1“ hinaus), auch mit Superpositionen rechnen („entweder 0 oder 1“).

Im Hantieren mit riesigen Datenbanken sind Computer unschlagbar: Menschen ermüden schon, wenn sie nur ein paar tausend Daten-Paare miteinander vergleichen sollen. Computer dagegen überprüfen mühelos mehrere Milliarden davon. Sie können, schneller als alle bekannten Lebewesen, Informationen, die in der Vergangenheit aufgezeichnet wurden, ordnen, analysieren und daraus zuvor fest-einprogrammierte Rückschlüsse ziehen.

„Deep Learning“ und „Deep Mind“

Manche Hochleistungsrechner analysieren zeitgleich unterschiedliche „Daten-Ebenen“, und bilden in diesen so genannten „Neuronalen Netzen“ neue Lösungs-Muster. Einer Gesichts-Erkennungs-Software müssen z.B. Merkmale der menschlichen Anatomie einprogrammiert werden, und davon unabhängig solche, die nur bei bestimmten Gefühlen abgebildet werden, und solche, die für Frauen und Männer typisch sind, oder für Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern. Dieser Prozess, bei dem der Rechner einzelne Informations-Schichten durchkämmt und Einzelfakten zu einem neuen Muster zusammenfügt, wird (missverständlich) als „Deep Learning“ bezeichnet („Tiefes Lernen“).

Ein vernetzt rechnender und scheinbar „lernender“ Algorithmus dieser Art (AlphaGo) konnte 2016 in Seoul, in vier von fünf Spielen, den Go-Großmeister Lee Sedol besiegen. Das Unternehmen, das ihn programmiert hat, nennt sich „Deep Mind“ („Tiefes Bewusstsein“), verrät aber nicht, was der gut klingende Begriff konkret bedeuten soll, und ob Intelligenz das ausmacht, was diese „autistische Rechenmaschine“ kann.

Deep Mind: Solve intelligence – use it to make the world a better place.

Immerhin, AlphaGo ist für die Hersteller von Algorithmen ein mächtiger Sprung nach vorn. Zwar war es schon 1997 gelungen, den Schachweltmeister Gari Kasparow mit einem Algorithmus zu entthronen. Dazu hatte man dem Rechner „Deep Blue“ alle bekannten Weltmeister-Partien eingepeichert. Bei Schach bestehen pro Spielzug aber „nur“ etwas mehr als 30 Möglichkeiten pro Zug, und das Spiel dauert „nur“ etwa 80 Züge. Bei dem Go-Spiel sind es 250 Alternativen pro Zug und 150 Spielzüge. AlphaGo musste also mit weitaus mehr Daten gefüttert werden: mit über hundert Millionen großartiger Go-Partien. Zusätzlich führte AlphaGo „tiefe Datenbank-Analysen“ durch, bei denen Milliarden von Bits von „sich selbst optimierenden“ Algorithmen durchforstet wurden.

Trotzdem rechnen DeepMind und AlphaGo völlig anders, als Kasparow oder Sedol denken. Umgekehrt kann das, was Menschen mit ihrer Einheit aus Körper und Gehirn anstellen, nicht algorithmisch abgebildet werden. Die Maschinen sind also erfolgreich, aber auf eine völlig andere Art als es Menschen wären (Merö 2002).

„ It’s impressive that a human can use a much smaller quantity of data to pick up a pattern. Probably humans are much faster learners than computers.“ Gary Marcus, Neurowissenschaftler bei AlphaGo-DeepMind, Nature, 17.03.2016

Die Befreiung der Menschheit durch die Algorithmen

Menschen werden durch die Innovationen der Algorithmen zunehmend von Alltagssorgen, wie Kochen, Putzen, Kartenlesen oder Autofahren „befreit“ werden. Dazu werden die Rechner Kompetenzen erlernen, die bisher Menschen vorbehalten blieben:

  • Erzeugen natürlich-sprachiger Sätze
    Redaktionen wie AP, Forbes oder Los Angeles Times benutzen bereits heute Roboter-Journalisten, die kurze Artikel zu verfassen und sie auch vorlesen können.
  • Rechnen mit  Wahrscheinlichkeiten (bayes-sches Programmlernen, BPL)
    Durch Erfahrung gewonnenes Wissen wird in eine Analyse einbezogen. Etwa so: etwas Rundes ist vielleicht ein Rad, wenn vier davon an einem Kasten befestigt sind, ist das vermutlich (aufgrund vieler Beobachtungen) ein Wagen (Tannenbaum 2015).
  • Kommunizieren mit „Empathie-Modulen“
     Lernfähige Algorithmen werden trainiert, durch versteckte Andeutungen, Sprachmelodie oder eingescannte Mimik, „Gefühle zu erraten“ und „spontan einfühlsam“  zuvor Einprogrammiertes zur Situation passend in ein „Gespräch“ einzubringen.
  • Psychotherapie mit Robotern
    In Peking werden Gläubige in Lonquan-Tempel von dem Roboter-Mönch Xian’er betreut. Er ist einen halben Meter groß, kann zwanzig einfache Fragen beantworten, und sein Gesicht zeigt ständig den Ausdruck von Überraschung. Bei Berührung seines, vor seinem dicken Plastik-Bauch hängenden, „Touch Screen“ singt er erbauliche Lieder, erzählt etwas über den Buddhismus oder über die Geschichte seines Klosters. (Guardian 06.05.2016)
  • Geldverdienen durch „denkende und lernende“ Börsen-Computer
    Rechner sollen an Börsen nach Mustern und Zusammenhängen suchen, die menschlichen Beobachtern entgehen würden, zum Beispiel nach ähnlichen Gewinn- und Verlust-Entwicklungen ganz unterschiedlicher Unternehmen in verschiedenen Branchen und Ländern. Mindestens ein erfolgreicher Finanzmakler glaubt beim Geschäfte-Machen an die Überlegenheit der Algorithmen-Logik gegenüber dem „gesunden“ Menschenverstand: „Menschen sind schlichte Gemüter, sie generalisieren, wo sie nur können und behalten das bei, solange es Erfolg hat. … Wir Menschen überschätzen unsere intellektuellen Fähigkeiten. Wir lernen im Laufe des Lebens, Muster zu erkennen und reagieren darauf in vorhersehbarer Weise. Wir meiden bestimmte Situationen, genauso wie wir die heiße Herdplatte zu vermeiden gelernt haben. Und wir entwickeln Werkzeuge, um unbekannte Situationen zu analysieren, zu kategorisieren und zu strukturieren. Nur selten wird unser Handeln von abstrakten Prinzipien geleitet. Gut gewählte Leitprinzipien aber machen unser Leben erfolgreicher – sei es beim Investieren, im Beruf oder bei der Partnerwahl.“ H. Leber (Actis GmbH): Die Macht der Muster in der Finanzwelt
  • Denken mit „menschenähnlichem Gehirn ohne Körper“
     Im Jahr 2013 sprach die europäische Kommission einem Team von Neuro-Wissenschaftlern mehr als  Milliarde € zu, damit diese ihre Vision eines digital nachgebauten Gehirns verwirklichen können (Human Brain Project). In den USA soll ein ähnliches Projekt geplant sein. Ein Gehirn zu simulieren ist ein enorm ambitioniertes Unterfangen. Die Neuro-Wissenschaftler sind gespalten: Viele halten das Großprojekt für Geldverschwendung, weil Denkleistung Leben und damit einen beweglichen Körper erfordere.
  • Denken als Mix aus Mensch und Maschine (Cyborg)
    Alle weltweit-führenden Algorithmen-Unternehmen arbeiten fieberhaft an verkörperten Maschinenversionen, die dafür sorgen sollen, dass sich in einer neuen evolutionären Etappe, das menschliche Gehirn und auch der dazugehörige Körper verändern. Dazu sollen so genannte Cyborgs entstehen: ein Gemisch aus Menschen mit implantierten Computern ( Harari 2016)
  • Fröhliches Maschinen-Lachen
    Computer können mit Leichtigkeit Witze erzählen, und sie lernen auch genau an der richtigen Stelle zu lachen.  Sie sind  bestens geeignet für einen Humor, der sich strikt an die Regeln hält, oder für eine Fröhlichkeit, die genau dann ausbricht, wenn es so sein muss. Sie riskieren deshalb nicht, dafür verklagt oder erschossen zu werden.
  • Erkennen was „eigentlich“ gewollt ist
    Wenn ein Algorithmus etwas über früheres Kaufverhalten erfahren hat, kann er Suchanfragen nicht nur so beantworten, wie es der Frager (rational) wünscht, sondern auch dessen „Unbewusstes“ ansprechen. Also das, was „eigentlich“ gewünscht wird, was aber nicht gewagt wurde zu fragen. „Musik für alle“ ist ein solcher lernender Algorithmus, der sich immer weiter perfektioniert. Andere dieser Art könnten  Informationen so auswählen, sortieren oder ggf. auch manipulieren, dass sie genau zu dem passen, was wir hören wollen. D.h. sie könnten uns genau das Bild der Wirklichkeit vermitteln, das wir einfordern und sehen wollen, oder auch das, an das wir glauben sollen.
  • Sich über Avatare in reale Maschinen hineinversetzen
     In der Spiele-Industrie laufen z.Z. gigantische Massenversuche mit Datenbrillen, die durch Eintauchen in zweite oder dritte Identitäten mit Avartaren das Ich-Gefühl verändern. Die ewige Frage „Wer bin ich“ wird so entschieden werden, dass ich heute und morgen jeweils eine andere oder ein anderer sein kann. Die Avatare werden uns, mit realen Maschinen verbunden, verkörpert erscheinen. Oder: Mit Sensoren ausgestattete Daten-Handschuhe oder Ganzkörperanzüge vermitteln die Illusion, sich in einem anderen Körper zu befinden. Bei immer weiter gehender Perfektionierung solcher virtuellen Avatare mit Schnittstellen in die Realität, wäre es möglich, einen Mord zu begehen und zugleich ein „wasserdichtes“ Alibi zu besitzen. Warum nicht auch ein Selbstmordattentat mit einer Drohne, in deren Computer ein Avatar lebt? Auch Folterungen, bei denen das Opfer real, der Folterer aber virtuell ist, werden möglich sein. Wie immer in solchen Fällen technischer Neuerungen humpelt die Diskussion über ethische Konsequenzen hoffnungslos hinter der kommerziellen und militärischen Dynamik hinterher.
  • Das Internet der Dinge Das Internet der Dinge Das Internet begann mit einer Vernetzung von Rechnern. Dem folgte die Vernetzung der Menschen durch Handy, Chat-Applikation und soziale Netzwerke. Jetzt wird das Internet der Dinge folgen, bei den sich, wie in einem großen, weltumspannenden Nervensystem viele kleine Maschinen, Algorithmen und Sensoren vernetzen und in Rückkopplungs-Schleifen miteinander kommunizieren:
    Interaktive Graphik: The Internet of Things (D. McCandless)
  • Maximale Daten-Komprimierung und Ex-formation
    Daten aufzunehmen, ist bei der Informations-Verarbeitung weit weniger wichtig, als Hintergrundrauschen und Datenmüll zu löschen (Ex-Formation). Die beim Zug-Fahren aus dem Fenster schauen, wissen das, und vergessen alles, was sie sehen. Damit das trotzdem weiterhin Anhaftende, aber sinnlose, beseitigt wird, träumen wir und konsolidieren dabei das Bedeutsame.
    Dieser eigentlich offensichtliche Zusammenhang hat sich bei vielen noch nicht herumgesprochen: Gläubige verehren einen Allwissenden, der nichts vergessen soll, und Lehrer trichtern ihren Kindern Wissens-Brei ein, den diese möglichst unverändert wiederkäuen sollen. Computerwissenschaftler halten dagegen die Fähigkeit, alle überflüssige Information konsequent zu beseitigenden für den Kern von Intelligenz, also das „Defragmentierungs – und Komprimierungs-Programm der Festplatte Gehirn. Dem Informatiker Huttner gilt Intelligenz als der „Erfolg einer Strategie, gemittelt über alle vorstellbaren Möglichkeiten“.
    Intelligent sei, etwas konsequent zu vereinfachen. D.h. in den Datenbergen radikal „William von Occhams Rasiermesser“ anzuwenden „Unter allen mit einer Beobachtung vereinbarten Erklärungen, nimm die einfachste“. Das können emotionslose Maschine oft um ein vielfaches besser als gefühlvolle oder zweifelnde Menschen: „So wird Ihr PC wieder wie neu: Ausmisten, Putzen, Patchen – bringen Sie Ihren Rechner wieder auf Vordermann. Befreien Sie ihn von Datenmüll. PC-Welt 13.03.2016“

Ist die menschliche Intelligenz am Ende?

 If you hate people and think human extinction is okay, then fuck it. Don’t go to space. If you think it is worth humans doing some risk management and finding a second place to go live, then you should be focused on this issue and willing to spend some money” (Elon Musk, Guardian 08.04.2016)

Elon Musk ist der Chef des erfolgreichen Raumfahrunternehmens SpaceX. Er glaubt an die Allmacht der Algorithmen, weil er, wie andere Nerds, seine vielen Millionen mit einem innovativen Algorithmus verdient hat: mit PayPal. Er träumt von einer künstlichen Algorithmen-Welt auf dem Mars, die dann voll funktionstüchtig sein soll, wenn die Algorithmen die Erde unbewohnbar gemacht haben werden.

Das Besondere an der Musk-Vision des Lebens auf dem Mars ist, dass es auf der Red Colony keine Natur geben wird.

In der Evolution wäre das konsequent: Die Menschen hätten sich von ohnmächtige Teilen ihres Ökosystems allmählich emanzipiert, beherrschten die Natur schließlich, und schafften sie dann ganz ab.

Aber lohnt sich das „one way ticket“ zum „bigest media event ever“?

Mars One 2023 Introduction Film

Wie würden die verbleibenden Menschen in der natur-freien Algorithmen-Welt leben?

Roboter sind genügsam. Sie benötigen keine Schlafperioden und müssen sich auch nicht mit Spielfilmen, TV-Fußballspielen, Gebeten, Parties oder Pornographie ablenken lassen. Sie sind deshalb hervorragend geeignet, um in lebens-unfreundlichen Regionen (im Weltraum, auf dem Mars oder in verstrahlten Atomkraftwerken) tätig zu sein. Also in Umgebungen, in denen Menschen innerhalb kürzester Zeit sterben würden.

Menschen wären bei Ankunft auf dem Mars nach langer Reise in Schwerelosigkeit und Strahlung kränkelnde Fracks, die nach einer Gesundheitsversorgung verlangen würden, die es dort nicht geben wird.

Langzeit-Astronauten litten unter Beschwerden des Bewegungsapparates, des Verdauungstraktes und der Nieren. Das Risiko für Infektionen von Haut und Schleimhäuten (Mund, Augen, Atemwege) und für Autoimmunerkrankungen wäre erhöht. Denn die Körper-Zellen, insbesondere die des Immunsystems und des Bewegungsapparates, benötigen für ihre inneren Strukturen (Zyto-Skelette) die Orientierung der Gravitation.

Außerdem bilden Menschen funktionelle Einheiten mit Bakterien und Viren (Mikrobiom): etwa wie Zimmerpflanzen mit ihren Wurzelballen. Dieses Zusammenspiel kann sehr leicht empfindlich gestört werden. Hinzu kämen Stress durch hohe Belastungen und die Enge des Zusammenlebens ohne Ausweichmöglichkeiten. (Gulland 2016, Ullrich 2011, Ziegler 2001)

Warum müsste es solche körperlich, psychisch beeinträchtigten, in der Versorgung extrem teuren und dauerhaft wenig leistungsfähigen Lebewesen für das Funktionieren der natur-freien Algorithmen-Welt auf dem Mars geben? Würden sie nicht, wenig effizient,  immense Kosten verursachen und ggf. durch irrationales Verhalten den Erfolg des Unternehmens gefährden?

Warum also sollte ein „effizient denkender“ Algorithmus sie nicht töten?

„Tut mir leid, Dave, ich fürchte, das darf ich nicht tun. Die Mission ist zu wichtig für mich, als das ich zulassen dürfte, dass du sie gefährdest!“ HAL 9000 

Ich denke, weil sie Stanley Kubrick die Rechenmaschinen überschätzt hat. Denn sie sind und bleiben stroh-dumm, und können keine eigenständigen Entscheidungen treffen, die nicht zuvor einprogrammiert wurde oder von jemandem befohlen wurden.

Rechner und Roboter sind tot

PC sind heute näher an einer Waschmaschine als an einem Gehirn! Prof. Fei-Fei Li 2016 – „Das PC Bewusstsein erlangen können, halte ich für ausgeschlossen.“ Raul Rojas, FU Berlin, Forschungsgruppe „Künstliche Intelligenz“, 2016

Selbst die leistungsfähigsten Denk-Maschinen sind einfachen Pflanzen und Tieren unterlegen. Sie leben nicht. Werden sie nicht gelenkt, betrieben oder gewartet, verrotten sie regungs- und funktionslos, bis sie wieder jemand repariert und nutzt.

Lebewesen dagegen erneuern sich aus sich selbst heraus. Sie verändern sich, wachsen und gedeihen und erschaffen sich im stetem Austausch mit ihrer Umwelt ständig neu. Während ihres Daseins werden alle Atome, aus denen sie bestehen, vielfach ausgetauscht, und doch bleiben sie in einem Alterungsprozess in ihrer Selbstähnlichkeit erhalten (Autopoiese).

Alles Lebende ist verkörpert.

Wahrnehmung und Analyse von Informationen sind immer mit Handlungen verbunden, die durch zukunftsorientiertes Ausprobieren zu Veränderungen der Informationsverarbeitung führen. Erst reicht ein Organismus („ein Pantoffeltierchen“) tastend in die Welt hinaus, dann nimmt es etwas wahr („süß“), dann bewertet es die Information („bedarfs-befriedigend“) , dann handelt es („hinschwimmen und aufnehmen“), und dann wird diese Erfahrung (je nach Ausstattung des Informationsverarbeitungssystems) auch gespeichert. Lebewesen können so Erfahrungen machen und diese für künftige Aktionen nützen.

Darüber hinaus können Menschen sich von der Vergangenheit gänzlich lösen und irreale Zukunfts-Vorstellungen und Visionen entwickeln. Sie können sich neue Welten ausdenken, darüber kommunizieren und bisher völlig Unbekanntes entdecken oder selbst erschaffen. Sie sind daher den Hochleistungs-Rechnern, die durch Algorithmen gesteuert werden, in einigem radikal überlegen.

Menschen können z.B.

  • alles, was geschieht, gleichzeitig wahrnehmen: selbst absolut neue und einmalige Situationen,
  • sich (wie beim Segeln) mit der Dynamik eines Geschehens verbinden,
  • lebende Systeme nutzbringend beeinflussen und deren Wachstum und Entwicklung fördern,
  • sinnlich Erfahrenes emotional bewerten und mit ihren Gefühlen kommunizieren,
  • dem was geschieht, einen körperlichen Ausdruck verleihen,
  • schöpferisch (kreativ, innovativ) und leidenschaftlich tätig werden,
  • Zusammenhänge erfassen und bewerten,
  • liebe- und sinnvolle Beziehungen eingehen u.v.a.

Es ist sinnlos, mit Computer auf Gebieten zu konkurrieren, in denen sie  Menschen überlegen sind.

Rechner können z.B. totem Datenbank-Wissen wesentlich besser durch-forsten. Sie würden bei Quiz-Sendung oder Multiple Choice-Prüfungen immer mit Leichtigkeit gewinnen. Bei solchen stumpfsinnigen Tätigkeiten sind sie Menschen haushoch überlegen.

Wir könnten uns also auf das zu konzentrieren, was wir als „lebend-verkörperte Quanten-Rechner“ viel besser ausführen können als sie: auf Beziehungen, körperliche Bewegungen, emotionale Intelligenz, Kommunikation, kreatives Denken, Verknüpfung von Fakten zu neuen Zusammenhängen, auf das Aussortieren von sinnlosem und auf die Kunst einen Gesamtüberblick zu behalten.

Wir sollten in unseren Erziehungs-Fabriken damit aufhören, „autistische“ Einzel-Fakten-Experten zu züchten, die sich vergeblich damit abquälen, mit Computern konkurrieren zu müssen. Und stattdessen Menschen, so früh wie möglich, darin bestärken, Zusammenhänge und Beziehungen und die Dynamik der Systeme zu verstehen, aus denen sie bestehen und in denen sie leben. 

Damit eröffneten sich neue Freiräume:

Flücht­lings­kri­se, Krie­ge, Ab­hän­gig­keit von Roh­stof­fen bil­den eine Kas­ka­de von Pro­ble­men, von de­nen nicht ein ein­zi­ges mit den Mit­teln der Di­gi­ta­li­sie­rung zu lö­sen ist.

Um­welt­zer­stö­rung, Kli­ma­wan­del, Land­raub und all die an­de­ren Fol­gen ei­nes in sei­ner Stei­ge­rungs­lo­gik un­ge­brems­ten Hy­per­kon­sums (machen deutlich):

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist nichts als ein Be­schleu­ni­ger des Kon­sums von Gü­tern und Dienst­leis­tun­gen. Hier zählt nur die rei­ne Ge­gen­wart und wie ihre Ge­ge­ben­hei­ten aus­zu­schöp­fen sind. Harald Welzer, „Die smarte Diktatur“, S. Fischer Verlag, Stiftung Futur 2.

Literatur

Verschlingt uns die „digitale Weltformel“ (X=Xn)?

Die Evolution des Bewusstseins der letzten 10.000 Jahre aus dem leeren Kreis (Urobos) in den linearen und spiraligen Dualismus

Alle Lebensbereiche werden derzeit einer umfassenden Digitalisierung unterzogen. Alles, was digitalisierbar ist, kommt nicht mehr als Einzelobjekt vor, sondern lässt sich beliebig vervielfältigen.
Die analoge Wirklichkeit verkommt zur Schwundform, zur Schlacke ihrerselbst. Burkhardt, Höfer 2015

Der Einfluss der digitalen Erscheinungsformen wird übermächtig.

Die binäre Computer-Logik von „Null und Eins“ drängt in alle Lebensbereiche. Immer mehr von dem, was ist, kann kopiert, ausgedruckt und so schier endlos vermehrt werden. Als typisch menschlich kann bald nur noch das gelten, was bisher noch nicht digitalisiert wurde: u.a. kreative Kunst, Bewegung und die Beschäftigung mit dem, was noch nicht ist, und deshalb in seiner in der Zukunft gelegenen Einmaligkeit auch noch nicht vervielfältigt werden konnte.

Martin Burkhardt und Dirk Höfer zeichnen 2015 ein düsteres Bild unserer Welt. Alles, was ist, scheint sich vollständig einer digitalen Logik unterworfen zu haben, die von dem Begründer der Informationstechnologie George Boole (1815-64) ersonnen wurde.

Seine Zahlenwelt bestand nur aus den Elementen 0 und 1. Entweder sei ein Zustand „wahr“ oder „falsch“. Entweder „fließe“ Strom durch einen Schalter oder er „fließe nicht“. Solche Zustände können miteinander durch „und“, „oder“ oder „ist nicht“ verknüpft werden. Wenn sich einer der Schaltkreise gerade im Zustand „an“ befinde, könne er nicht „aus“ sein. Das besondere dabei: Jedes der beiden Elemente ergibt, mit sich selbst malgenommen, „sich selbst“:

  • 0 x 0 = 0 und 1 x 1 = 1.
  • Oder: X = X . X = X . X . X = X . X . X . X = X . X . X . X . X = …. = X
  • Oder allgemeiner: X = Xn
    Die „digitale Weltformel“, wie Burkhardt und Höfer sie nennen.

Bald seien, so fürchten Burkhardt und Höfer, alle Gedanken und jede Kommunikation endlos kopiert und damit entwertet. Der Prozess des Kopierens auf einem Zeitstrahl führe, bei was auch immer, zu einer zunächst linearen und dann exponentiellen Vermehrung immer gleicher Erscheinungen. Es beginne noch langsam, bis dann alles „mit dem Gleichen“ überflutet sei:

Etwa so wie dem Import zweier Kaninchen nach Australien bald vier und dann sechzehn und dann 256 folgten, bis dann Millionen von ihnen den Kontinent zu verwüsten drohten.

Am Ende aller Entwicklungen, die der „Booleschen Formel“ folgen, steht zwangsläufig der Zusammenbruch. Und so werden die digital aufgetriebenen Luftballons, die alles schonungslos normieren und bis zur absoluten Sinnfreiheit multiplizieren, früher oder später von selbst platzen und sich auslöschen.

Aber können wir so lange warten? Und wenn nicht: Wer kann und soll diese „Null & Eins“- Blasen, die in allen gesellschaftlichen, sozialen und technischen Bereichen blubbern und wachsen, regulieren? Und wie? (Helbing 2015)

Bleibt uns angesichts des Wahnsinns, der alles Menschliche zu zerstören droht, vielleicht nur die stille Verzweiflung?

Burkhardts und Höfers Analyse der drohenden digitalen Apokalypse hat (mindestens) vier kleine Lücken. Vielleicht müssen wir deshalb doch nicht alle Hoffnung fahren lassen:

(1) Die Verkörperung der Informationsverarbeitung

Menschen bestehen aus Körpern, die sich in einem Umfeld befinden. Und Körper verarbeiten Informationen ganz anders als Computer. Sie  kümmern sich nicht um die Boole’schen Algebra. Denn ihre Sinnesinformationen sind begrenzt, und die Zahl der Möglichkeiten und Risiken, wie sich die Zukunft entwickeln könnte, dehnt sich ins Unendliche. Daher „rechnen“ lebende Organismen lieber mit der Wahrscheinlichkeitslogik, die (etwa zeitgleich mit Boole) der englische Pfarrer Baye entdeckt hatte (s.u.).

Menschen wirken aber gegenüber Computern und Robotern lächerlich langsam, wenn sie etwas tun, was diese viel besser können: Boole’sche Informationsverarbeitung eben.

Körper, insbesondere der des Menschen mit seinem Hochleistungs-Gehirn, können dagegen alle digitalen Informationen, inklusive der Möglichkeiten dessen, was sein könnte, gleichzeitig (!) verarbeiten und schlagartig (!) zu einer Entscheidung kommen. Das ist möglich, weil Informationen nicht linear über In- und Output verarbeitet werden.

Stattdessen bilden sich in dem Superorganismus Mensch über vielen Rückkopplungsschleifen aus intensiv miteinander verbundenen Nerven-, Bewegungs- und Drüsenzellen, Bakterien und Viren sehr komplexe Schwingungsmuster. Die Zahl der Zustände, die dadurch entstehen kann, ist grenzenlos, und mit rationalen Zahlen nicht beschreibbar. Dennoch können sie, gleichzeitig erfasst, zu einer spontanen Handlungsentscheidung führen.

Bei einem Roboter laufen Befehle von einem Zentral-Computer zu einem Bewegungselement und von einem Fühl-Element zum Zentralcomputer: eins nach dem anderen – entsetzlich langsam. Menschen dagegen können Beziehungsschleifen aktivieren, bei denen alle Elemente gleichzeitig aktiv sind und die nur moduliert werden müssen, um gleichzeitig alles zu verändern.

Das Geniale am menschlichen Geist, ist deshalb, im Gegensatz zu jedem Computer, seine „Verkörperung“. Ein Computer könnte jeden Experten besiegen, der versucht, „innere Datenbanken“ abzurufen. Er scheiterte aber an der Bewegungskompetenz, die zum Beispiel einen Tennisspieler ausmacht. (Wolpert 2015).

Zusätzlich einmalig ist die menschliche Kommunikationskompetenz, die es ermöglicht, zwei getrennte Körper (ohne Berührung) gemeinsam über gespiegelte Gefühle abzustimmen. Zum Beispiel, wenn sich zwei Wissenschaftler beglückt anstrahlen, weil sie zeitgleich einen genialen Gedanken erfasst haben, den niemand außer ihnen verstehen kann.

(2) Mathematik des Lebens

Engel fliegen in Spiralen.  Nur der Teufel fliegt geradeaus. H. von Bingen

Goethe 1831: In der Knospe sind Blattstruktur und die spätere Blüte bereits enthalten.

Die Natur rechnet nicht mit „Plus und Minus“. Lineare Entwicklungen kommen in der Evolution der Natur nur vorübergehend und in Ausnahmen vor. Ausbrüche unbegrenzter Vermehrung führen relativ rasch zu einer Selbstvernichtung.

Stattdessen gestaltet sich natürliche Entwicklung in Spiralen. Das gleiche kehrt scheinbar, in einer anderen Qualität, an seinen Ursprung zurück. Die Natur „rechnet“ nicht mit „wahr“ oder „falsch“, sondern u.a. mit Pi (π), einer Zahl, die kein Computer bestimmen kann.

Pi (π) beschreibt das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser. Das ergibt ungefähr 3,1415. Ein ägyptischer Schreiber um 1.650 v.u.Z. soll in dem so genannten Rhind Papyrus das Verhältnis schon fast korrekt beschrieben haben. Seiner Berechnung nach entsprach die Kreisfläche einem Quadrat mit einer Grundlinie von 8/9 des Kreisdurchmessers. Damit traf er das Verhältnis, das durch Pi (π) beschrieben wird, schon ziemlich gut: 3,160.

Bis heute kann kein Rechner Pi (π) auf die letzte Kommastelle ausrechnen, sondern sich der Zahl nur annähern. Pi (π) wird deshalb in der Mathematik eine „Transzendente Zahl“ genannt, denn es gibt keine Menge rationaler Zahlen, die auf Pi (π) zurückgeführt werden könnte. Das uralte Problem der Quadratur des Kreises ist deshalb nicht lösbar. Das „Pi (π) der Ingenieure“ wäre „ungefähr drei“ und reicht so für Maschine meist völlig aus. Das  „Pi (π) der Physiker“, die bei ihren Beobachtungen des allerkleinsten und unendlich großen, wesentlich genauer rechnen müssen, ist schon viel genauer: „3.1415927 plus oder minus 0,000000005

Aber auch das ist nicht das exakte Pi (π) der natürlichen Rundungen, Spiralen und Kurven, die um uns herum wachsen, blühen und gedeihen. Die wuchernde Digitalisierung der toten Schaltkreise, die zu den leblosen Haufen unzähliger Kopien (X = Xn) führt, passt nicht zur Mathematik des Leben (u.a. mit Pi (π), zum Beispiel dem der Pflanzen. Sie sind unbewegliche Lebewesen, die ohne Organe und definierte Schaltkreise existieren, und dennoch riesige Informationsverarbeitende Netzwerke bilden, die, ganz anders als Rechner, in einer Art von Schwarmintelligenz Überlebensstrategien entwickeln (Mancuso 2015).

Die mathematische Beschreibung der Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten solcher Systeme, die sich dynamisch entwickeln und verändern, ist zwangsläufig subjektiv. Denn die, die sie analysieren, sind ebenfalls Teile von Systemen, die das Beobachtete beeinflussen. Und Systeme, die ausschließlich aus sich selbst heraus erklärt werden, kann es nicht geben (Gödel 1931).

(3) Die Chinesische Zahlenlogik des Werdens und Vergehens

Die europäische Zahlenlogik begann erst vor wenigen hundert Jahren führte im 19. Jahrhundert zur heute scheinbar alles beherrschenden Weltformel X = Xn . Damals stand die industrielle Revolution bevor, die nach der Lösung mechanischer Probleme verlangte.

Der große antike Mathematiker, Pythagoras, war damals schon lange vergessen. Er sah in seinen Zahlen Klang, Schwingung, Harmonie und Rhythmus. Alles Erscheinungen, die in den aufstrebenden Naturwissenschaften den Mystikern, Künstlern und Priestern überlassen wurden. Pythagoras hielt die Zahl für den Ausdruck des Wesens aller Dinge, für ihre Qualität. Die neue Generation der Ingenieure dagegen war mehr an der Vermehrung und Verbesserung der Dinge interessiert: an der Quantität.

In China war man der westlichen Mathematik bis ins 14. Jahrhundert unserer Zeitrechnung deutlich voraus. Dort rechnete man bereits vor dreitausend Jahren mit Dezimalzahlen und auch mit Näherungswerten von Pi (π). Vor allem aber hatte man dort die Zahl Null entdeckt, die erst langsam über islamische Länder im Mittelalter nach Europa einsickerte. Die Null ist ein leerer Kreis, der absolut nichts enthält, und doch zugleich Alles, was je entstehen kann.

Die Welt ist alles was der Fall ist, und alles, was der Fall sein kann. A. Zeilinger

Der chinesische leere Kreis (Wuji) gleicht der „Raumdimension aller Möglichkeiten“, dem, was sich Physiker als den Zustand vorstellen, der unmittelbar vor dem Urknall geherrscht haben soll. Auch bei den Sekunden nach dem Urknall sind die alte chinesische und die moderne, physikalische Weltsicht noch deckungsgleich: Es seien entgegengesetzt wirbelnde Teilchen oder Wellen entstanden, deren Summe insgesamt null ergeben habe. Die antiken Chinesen blieben bei dieser harmonischen Vorstellung. Während die Quantenphysiker bis heute zu erklären versuchen, warum es in unserem Universum mehr Teilchen statt Anti-Teilchen herumfliegen. Also: warum es uns überhaupt gibt.

Die Chinesen jedenfalls entwickelten 3.000 Jahre vor Boole eine Mathematik, die seiner gleicht, aber nicht linear verläuft, sondern kreis- oder genauer spiralförmig. Diese Logik liegt dem alten Orakel- und späteren philosophischen Grundlagenbuch „I Ging“ (Yijing) zugrunde (s.u.). Auch hier gibt es absolute Gegensätze als „hell-dunkel“, „schwarz-weiß“, „weiblich-männlich“. Aber sie sind nicht wahr oder falsch, weil „das eine“ immer den Keim „des anderen“ in sich trägt. Wenn das „helle“ schwach ist, wird es dynamisch wachsen. Und wenn es am stärksten scheint, steht sein Wechsel in das „dunkle“ unmittelbar bevor.

Die Zahlen des I Ging beschreiben ein unablässige Dynamik der Veränderung und der Wandlung. Der Zufall spielt darin eine wichtige Rolle. Er lenkt die Bewegung in neue Bahnen – ohne versteckte göttliche oder andere Ursachen.

Aus der kreisenden Dualität der Gegensätze können, wie bei Fotos eines Bewegungsablaufes) Zustände durch die Kombination einfacher Linien symbolisiert werden. Bewusst vereinfachend sind es vier („Stark hell“, „Schwach hell“, „Schwach dunkel“ , „Stark dunkel“). Ihre Kombination ergibt acht Dreier-Silben, die zu 64 Worten (Sechser-Kombinationen) zusammengesetzt werden können. Diese Art der Logik kommt der natürlichen Mathematik deutlich näher als die lineare Boole’sche Logik: Mit den Silben und Worten des I Ging der kann der genetische Code des Menschen geschrieben werden.

Genetischer Doppelstrang und in der Mitte die Tabelle der Basenpaare des genetischen Code. Rechts geschrieben mit den Trigrammen des I GIng. Quelle: Schöneberger M, 2000

Die alten Chinesen waren an alltagspraktischen Konsequenzen interessiert. Der flache Kreis, mit seiner im inneren wirbelnden Dynamik, galt ihnen nur als Moment-Aufnahme oder als nützliche Vorstellung einer Welt, die sich in Wirklichkeit spiral- oder kugelförmig ausdehnen sollte. Ihre Philosophien kommen daher dem sehr nahe, was Phythagoras vorschwebte:

  • Fleißig sein und höchste Harmonie der Gegensätze anstreben. (Konfuzianismus: Taiji)
  • Nichts finden außer dem leeren Kreis (Cha‘an (jap. Zen): Wuji)
  • Nicht intervenieren, sondern das Natürliche sich entwickeln lassen (Dao: der Übergang)

(4) Die Brown’sche Algebra

Was ein Ding ist, und was  es nicht ist, sind in der Form, identisch gleich. Daher ist, dass alles und nichts formal gleich sind, leicht zu beweisen. G.S. Brown

George Spencer Brown begründete 1969 eine neue Art mathematisch-philosophischen Denkens, die in gewisser Weise an die Boole’sche Logik und auch an die Dynamik der chinesischen Dualität erinnert, sich aber zugleich von beiden deutlich unterscheidet.

Erst die Unterscheidung erlaubt es, das eine mit dem anderen zu vergleichen. Laws of form: George Spencer Brown

Er geht aus von einem Un-Unterschiedenem, einem Namenlosen, das nicht einmal leer ist, weil es absolut nichts enthält.  In diesem Nichts wird eine Unterscheidung getroffen, und damit zwei Zustände geschaffen, ein „marked state“ und ein „unmarked state“ und eine Grenze dazwischen. Diese Unterscheidung enthält alles, was sie braucht. Folglich ist gleichgültig, was etwas ist oder nicht ist, und sei es das Universum, weil es zugleich durch sein Nicht-Ist definiert wird. Es macht also logisch keinen Sinn, ein Ding als alleinstehendes anzunehmen, sondern nur als eine Dynamik, die zwangsläufig von einem Beobachter ausgeht, der eine Unterscheidung trifft. 

Folglich sei es also prinzipiell auch unwichtig, sondern nur praktisch nützlich, zu wissen, ob ein Auto Ledersitze, ein Steuerrad oder eine Klimaanlage enthielte, oder alle drei oder nichts davon. Denn die Welt sei Eins (+) und Nichts (-) zugleich, und dass wir sie in Etwas und Nichts unterschieden, liege nur an uns. 

Jede mathematisch-wissenschaftliche Erkenntnis beginne daher mit der willkürlich-persönlichen Unterscheidung:

Etwas könne daher, weder „wahr“ noch „falsch“, auch „imaginär“ sein. Es läge dann außerhalb eines Bezugssystems, so wie „hohe oder tiefe“ Punkte, die von einem zwei-dimensionalen Figuren-Wesen, das nur seine Fläche überblickt, nicht erkannt werden können.

Unsere tag-täglichen Unterscheidungen (nach Boole in „wahr“ und „falsch“), träfen wir allein aus Nützlichkeitsüberlegungen. Aber nichts was ist, sei so – ohne, dass es jemand von etwas anderem abgetrennt habe.

Alles was gesagt wurde, wurde von jemandem gesagt. F. Varela

Frißt uns die digitale Weltformel nun oder nicht?

Die Evolution wird es leidenschaftslos sehen: Es setzt sich immer durch, was sich bewährt, und dann vergeht es auch irgendwann wieder. Menschen bilden keine Ausnahme. Angesichts der digitalen Gleichmacherei der Analog-Computer besteht bei Quanten-Computern, wie es menschliche Körper und Gesellschaften sind, die Möglichkeit, etwas kreativ völlig anders zu machen.

Die letzte große Transformation der Menschheit war die neolithische Revolution: Der Übergang von nomadischen Jägern und Sammlern zu Bauern und Städtern. Sie spielte sich vor vielleicht 10.000 Jahren ab. Vielleicht erleben wir noch, oder auch erst unsere Enkelkinder, den nächsten genialen Sprung der Informationsverarbeitung auf diesem Planeten.

Der drohenden (digitalen) Ver-Ameisung des menschlichen Lebens können wir durchaus etwas Wirksames entgegensetzen: Indem wir das intensiv trainierten, wozu Computer niemals fähig sein werden. In Kindergärten, Schulen und Universitäten könnte man z.B. angesichts der vielen Hochleistungsrechner damit aufhören, auswendiggelerntes „Buch- oder Datenbank-Wissen“ abzufragen. Und stattdessen Gelegenheiten fördern, an denen körperliches und geistiges Erfahrungs-, Bewegungs- und Beziehungs-Wissen erworben werden kann.

Die Idee der zyklischen Digitalisierung der klassischen chinesischen Philosophie, könnte uns zu nachhaltigem Verhalten inspirieren, zu Produktionszyklen, bei denen etwas quantitativ Gleichbleibendes sich ständig qualitativ erneuerte.

Die Brown’sche Mathematik bildete eine Grundlage der Systemtheorie (u.v.a.: Luhmann,  Capra s.u.). Die von ihnen beschriebenen Systeme sind eigendynamische, informationsverarbeitende Organismen, deren Funktionsweise sich deutlich von Maschinen unterscheidet. Diese basieren auf dem was war, und aufgeschrieben und einprogrammiert wurde, und deshalb auch als Wissen kopiert werden kann.

Lebendes ist dagegen zukunftsbezogen: Es ist nicht, sondern es wird. Es probiert etwas aktiv aus, schöpferisch und innovativ, und beobachtet dann, was geschieht, um daraus Handlungskorrekturen abzuleiten. Lebendiges Lernen ist Erfahrung, die aus aktivem Erleben entsteht. Nichts davon ist kopierbar. Also besteht die Rettung vor dem Verschlungen-werden durch die „digitale Weltformel (X = Xn)“ darin, etwas absolut Einzigartiges zu schaffen und zu erleben. Etwas zu dem kein anderer Mensch in diesem Universum fähig wäre, weil er oder sie zwangsläufig ganz anderer Erfahrungen gemacht haben müsste.

Um dieses Einzigartige zu finden, eröffnet die Erkenntnis, dass jede Unterteilung willkürlich sei, unbegrenzte Freiräume: Die Dinge, die sich nicht verändern lassen, können bleiben wie sie sind, aber sie können in einem anderen Zusammenhang betrachtet werden: Zum Beispiel könnte ein „Ich“, das leidet,  weil es sich einsam fühlt, sich als Teil einer größeren sozialen Gemeinschaft erkennen, und schon wäre das Gefühl der Isolierung verschwunden, ohne dass sich an der Situation irgendetwas verändert hätte.

Die Bedrohung durch die „digitale Weltformel“ (X = Xn)  ist zwar real, aber nicht alternativlos. Denn immer wieder entsteht, um uns und in uns, faszinierend Einzigartiges, das in der Einmaligkeit seines Werdens nicht kopiert werden kann:

Kaum sichtbar ist heute der Fuji im Schleier des winterlichen Regens.
Und doch! Wie ist er schön! Bashō

Links

Literatur

  • Burckhardt M, Höfer D: Alles und Nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung, Mattes&Seitz 2015
  • Helbing D et al: IT-REVOLUTION: Digitale Demokratie statt Datendiktatur. Big Data, Nudging, Verhaltenssteuerung: Droht uns die Automatisierung der Gesellschaft durch Algorithmen und künstliche Intelligenz? Ein gemeinsamer Appell zur Sicherung von Freiheit und Demokratie. Spektrum der Wissenschaft,Digital Manifest 12.11.2015
  • I Ging (beide Ausgaben erschienen bei Dietrich):
    • Richard Wilhelm. Basis: Konfuzianers Wang Bi (3. Jhh.n.u.Z.). Digital Version
    • Frank Fiedeler. Yijing. Wesentlich ältere, daoistisch geprägte Version.
  • Mancuso St,  Viola A: Die Intelligenz der Pflanzen, 2015
  • Wolpert DM et al: Principles of sensorimotor learning, Nature Reviews Neuroscience (2011)12: 739-751, Download und weitere Studien bis 2015
  • Zeilinger A: Einsteins Schleier. Beck 2003

Ver-Ameisung: Risiko oder Chance?

Die erfolgreichsten sozialen Eroberer.

Ameisen und Menschen bilden Gemeinschaften. Das Überleben der Gruppe ist ihnen wichtiger als einzelne Individuen. Und so betreiben sie arbeitsteilig und informations-austauschend Landwirtschaft, hüten Nutztiere, bauen Städte, bilden Staaten und gründen Kolonien. (Wilson 2012)

Die Ähnlichkeiten des menschlichen Sozialgefüges mit dem der Ameisen nehmen im Zeitalter elektronischer Kommunikation deutlich zu. Auch die Ameisen „chatten“ und „twittern“ in ihren sozialen Netzwerken: Sie übermitteln ständig winzige, scheinbar belanglose Informationspakete. Und die Bewertung großer Zusammenhänge ist ihnen völlig gleichgültig. (Wilson 2012)

Das ameisenhaft inhaltsarme Geschwätz auf engstem Raum, informiert die kleinen Wimmel-Tiere über die neusten Futter-Trends, Düfte und die Neuigkeiten der unmittelbaren Umgebung. Sie erfahren so, genau wie die Menschen durch Smartphones, was sie tun müssen, um sich den Moden der Masse anzupassen.

Der selbstsüchtige Aktenordner (The Selfish Ledger)

Google, und möglicherweise auch andere, arbeiten innovativ mit Deep Mind (u.a.) an der Übernahme des Gesundheitswesens. Darüber hinaus entwickeln sie Visionen zur Lenkung der Evolution. So wie früher einzelne (eng denkende) Biologen wie Richard Dawkins ein egoistischen Gen als wesentliche Triebkraft der Evolution ansahen, glaubt jetzt Google eine übergeordnete virtuellen Datensammlung (engl. ledger) als das Wesentliche zu erkennen, was Menschen mit sich herumtragen. Etwas was als Informationspaket sogar wichtiger ist, weil es gleichsam unsterblich an die Nachkommen weitergeben werden kann.

Jeder Mensch könne ein digitales Journal zugewiesen bekommen, eine Art Verzeichnis seines Lebens. Vielleicht könnte man es auch die moderne menschliche Seele nennen.

Diese beständige und dynamisch wachsende Repräsentation enthielte eine verschlüsselte Version sämtlichen Handlungen, Entscheidung, Neigungen, Vorlieben, Aufenthaltsorten, Sehnsüchten, Gewohnheiten und Beziehungen. Und Google helfe dann bei jeder anstehenden Entscheidung, welches Produkt als nächstes konsumiert werden solle: Der Algorithmus helfe sich gesünder zu ernähren, besser zu bewegen, die Umwelt zu schützen, die lokale Wirtschaft zu stärken, die Kinder besser zu erziehen und glücklicher zu werden. Für alles wird es eine maßgeschneiderte Antwort geben, und Einsamkeit wird der Vergangenheit angehören. Je mehr Informationen in den Datenordner eingefüllt werden (durch soziale Netze, Fitness-Uhren oder Gesundheits-Apps), desto besser und treffsicher werden die Empfehlungen für die künftigen menschlichen Ameisen ausfallen.

In der schönen neuen Welt der selbstsüchtigen Aktenordner werden menschliche Körper zu Trägern von Datensätzen, die auf die Einflüsterungen der Künstliche Intelligenz warten und wie fern-steuerbaren Drohnen handeln.

Google bemüht sich natürlich zu erklären, es handele sich nur um ein experimentelles Gedankenspiel. Aber sicher wird sich mit zunehmender Digitalisierung irgendwann die reale Frage stellen,  wer hier eigentlich wen steuert: Menschen Maschinen oder Maschinen Menschen?

Im reinen Kapitalismus des Silicon Valley sind für die Ameisenkolonien keine dem Konsum übergeordneten Werte erkennbar. In China dagegen wurde der Konfuzianismus wiederbelebt, als ideologischer Überbau eines Überwachungsstaates, in dem die BürgerInnen  nach je nach Wohlverhalten gefördert oder sanktioniert werden.

Wo würden wir lieber leben, in einem Gewimmel, in dem uns die Illusion bleibt, wir seien es weiterhin, die entscheiden, was sie kaufen, denken und tun? Oder besser in einem quasi-religiösen Mega-Algorithmus, der uns streng „zum Guten“ leitet und lenkt. Für das am unbegrenzten kapitalistischen Wachstum erkrankte Ökosystem der Erde könnte ev. die zweite (Europäern unsympathische) Variante langfristig sogar gesünder sein.

Mit zunehmendem Wachstum eines kollektiven Welt-Nervensystems, egal welcher Art, droht einzelnen Menschen der langsam Verlust an Fähigkeiten Selber-zu-denken und Selbst-zu-Handeln zu. Ähnlich wie Immunzellen, die „zufrieden“ und aufmerksam für das Ganze herum schwimmen, und nur darauf warten, sich bei nächster Gelegenheit für das Gemeinwohl aufzuopfern.

Menschen könnten ergänzend zunehmend als Cyborgs für Spezialaufgaben optimiert werden (Harari 2017), und sich so besser in eine scheinbar planlos wuchernde Markt- und Massendynamik einfügen: hirn- und körperarm. Und überflutet mit Flimmer-Botschaften, die durch sanften Zwang zu angepasstem Verhalten lenken und leiten.

Während einige dieser neuen Menschen dann arbeits-süchtig schuften müssten, würden viele nichts tun: weil sie nicht mehr dazu in der Lage wären, oder weil ihre Tätigkeit durch Roboter ersetzt, oder weil sie nicht gebraucht würden.

Auch das gleicht Ameisenstaaten: Viele dieser Tierchen tun absolut nichts. Solche Ameisen sind weder faul, noch egoistisch-parasitär und noch nutzen sie ihr „Nicht-Tun“ (im daoistischen Sinn) zur Persönlichkeitsentwicklung. Ameisen zu bewusst-berechnendem oder kritisch-kreativem Verhalten nicht fähig. Vielmehr sind bewegungslose Ameisen entweder zu jung oder zu alt, um zu arbeiten, oder sie stellen eine Art ungenutztes Potential dar, dass bei Leistungsspitzen mobilisiert werden kann. Solche nicht ausgelasteten, scheinbar überflüssigen Kapazitäten sind typisch für alle lebend-komplexe Systemen. (Charbonneau 2015) Damit aber die vorübergehend Überflüssigen den Ablauf im Haufen nicht stören, müssen sie in menschlichen Gesellschaften durch immer mehr virtuelle Ablenkungen (Spiele, Parties, Events, Sport …) ruhig gestellt werden. Und das führt zwangläufig zum Verlust von Fähigkeiten.

Wird also vieles von dem, was Menschen (bisher) ausmachte, verkümmern? 

Evolutionäre Aussichten

Die Menschheit steht (nach der neolithischen Revolution) vor einer zweiten qualitativen Veränderung. Die biologischen Ausstattungen des Homo sapiens, seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, passen definitiv nicht mehr zu den heutigen Lebensformen.

Der wesentlich biologische Zweck des menschlichen Quantencomputers Gehirn, ist es  Beziehungen zu gestalten. Das aber gelingt nur in un-getrennter, gemeinsamer Funktion mit den Bewegungs-Organen.

Wenn aber ein körperlicher Zerfall droht, der bei weiterer Ver-Ameisung auftreten würde, folgte zwangsläufig auch einen geistigen Abbau

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz vermutete deshalb schon vor Jahrzehnten pessimistisch, nunmehr sei das Zeitalter der „Ver-Hausschweinung“ angebrochen. D.h. das Ende des Evolutionserfolges des Menschen sei absehbar.

Andere aber hoffen, die schier unendliche Fähigkeit des Gehirns, Zusammenhänge zu verstehen, werde zu einem qualitativen Bewusstseins-Sprung verhelfen, der dazu befähigte, sich anders, z.B. ökologisch vernünftig, zu verhalten (Wilson 2012). Die Naturwissenschaften würden uns Mittel liefern, das bedrohte Lebenssystem unseres Planeten zu retten, und zugleich unsere körperlichen und geistigen Möglichkeiten in ungeahnter Weise zu erweitern. Das erforderte allerdings massive technische Interventionen in komplexe ökologische Zusammenhänge, die wiederum mehr Gefahren als Nutzen mit sich bringen könnten. (Taleb 2018)

Wieder andere glauben, dass mit technischer Unterstützung aus Laboren und Hirnforschungszentren optimierte Super- oder Über-Menschen entstehen werden, die bestens an eine bewegungsarm-informationsverarbeitende Zivilisation angepasst seien (Sapolsky 2012). Diese „gott-gleichen“ Cyborgs verhielten sich dann zu den „naturbelassenen“ Homo sapiens Menschen so, wie überhebliche Kolonialherren gegenüber verachteten „Eingeborenen“. (Harari 2017)

Die Evolution gleicht einem Sieb, das nur weniges passieren lässt, was anschließend wieder möglichst viele Kopien seiner selbst produziert. In der Regel sind es dabei nicht die rücksichtslos Starken, die sich durchsetzen, sondern die Kooperativen, die sich für andere als nützlich erweisen und dadurch indirekte Vorteile erhalten. Das gilt ebenso für die Selektion von Gruppen, die sich entweder harmonisch in einen Gesamtzusammenhang integrieren, oder, nachdem sie als Krankheitserreger ihren Wirtsorganismus vergiftet haben, plötzlich aussterben.

Menschen werden sich in jedem Fall verändern müssen. Oder sie werden verändert werden. Der verstorbene Physiker Hawking gab der Menschheit nur noch wenige hundert Jahre, bis sie ihren dann komplett verwüsteten Planeten verlassen müsse (Hawking, 2017).

Noch sind Menschen keine Ameisen.

Sie könnten also handeln. Zum Beispiel in dem sie ihre Chat-Accounts löschen:

Menschen besitzen (im Gegensatz zu den räuberischen schwarzen Wimmel-Winzlingen) die Fähigkeit innige Beziehungen zu anderen einzugehen, mitzufühlen und eine Gemeinschaft mit Sinn zu erfüllen. (Rifkin 2010, Maturana 1996, 2015)

Also sind sie theoretisch auch zu qualitativem Wachstumfähig. Ameisen dagegen können nur „mehr desgleichen“ tun. Also auf Kosten dessen leben, was gerade um sie herum liegt.

Ameisen sind aber optimal angepasst an ein Leben in hoch-komplexen Systemen. Und von der Art, wie das geschieht, könnten wir lernen.

Von Ameisen lernen

Ameisen verwenden z.B. seit 130 Millionen Jahren mathematische Programme, die wir erst vor kurzem für das Internet erfinden mussten (Transmission Control Protocol). Damit bei Ameisen keine Fehlentscheidungen des Managements getroffen werden können, verzichten sie auf Führungsstrukturen. Sie kennen keine Ober-Ameisen: Ihre Königin hat genauso viel zu sagen (oder ebenso wenig) wie eine Arbeiterin.

Menschen dagegen handeln immer noch (linear) in Befehlsstrukturen. Irgendjemand weist sie an, „Problembären“ zu erschlagen, und das tun sie dann auch, ungeachtet der Schäden, die sie dabei häufig anrichten. Der Aufstieg in einer hierarchischen Pyramide, die Illusionen von Macht, Geld, Einfluss sind bis heute die wesentlichen Triebfedern menschlichen Handelns. Man könnte aber, wie es die Ameisen vormachen, in komplexen Systemen vollständig auf sie verzichten.

Tatsächlich weist der Umschwung von traditionell-militärischen Kommando-Strukturen zu komplexen sozialen Netzen in diese Richtung. In der Entstehungsphase der sozialen Netze führte das allerdings zu grotesken Verzerrungen: extrem wenige Personen profitierten von der Dynamik des komplexen Wachstums, häufen gigantische Reichtümer an und besitzen heute Machtstrukturen, die kreatives System-Wachstum behindern. Die Funktionsweise von Ameisen-Netzen zeigt aber, dass Systeme dann besonders störungsfrei funktionieren, wenn Hierarchien komplett wegfallen, ähnlich wie bei Open Source Projekten.

Ameisen bei Small Talk, Twittern und Chatten. Ein perfektes Staatswesen ohne Hierarchie (Bild: Jäger 2015)

Ameisen sind keinesfalls ständig mit geregelter Arbeit beschäftigt, sondern sie halten sich mal hier und mal dort auf. Überall da, wo etwas geschehen könnte. Bleibt es in ihrer Umgebung ereignislos ruhig, verharren sie, oder bewegen sich schließlich wieder fort. Geschieht etwas, werden sie in kleinem Umfang lokal handeln. Hat das negative Folgen, bleibt der Verlust klein. Entsteht etwas Positives, wird dafür gesorgt, dass andere informiert werden, die dann ebenfalls handeln, und zwar so lange, bis wieder etwas Negatives geschieht. Dabei bilden Ameisen Ring-Netzwerke und Parallelverbindungen, damit sie Störungen, die immer zufällig eintreten, rasch erkennen und umgehen können.

Mit ihrer optimal an die Umweltgegebenheiten angepassten Verhaltensweisen und ihre Such-Handlungs-Versuch-Irrtum-Programmen sorgen sie für niedrige, ökonomische Operationskosten. Und sie vermeiden größere Schäden durch die Handlungen selbst. Sie handeln lokal, und sind doch (unbewusst) in ein funktionierendes Gesamt-Kommunikationssystem eingebunden. (Gordon 2014)

Ver-Bienung des Menschen?

Menschen könnten aber auch von anderen Insekten lernen, die sich ökologisch nützlich machen, von den Bienen z.B.

Denn Bienen bringen die komplexe Systeme, in denen sie leben, zum Blühen.

Bienen: Soziale Netzwerkerinnen, die der Umwelt nutzen. Bild: ronin@posteo.de

Mehr

Digitalisierung

  • Allmacht der Algorithmen? 22.05.2016
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  • Sind wir …
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Hölle im Mäuse-Paradies

Literatur

Letzte Aktualisierung: 18.06.2019