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16. November 2025

Auf- und Abstieg des Arztberufes

Auslaufmodell Arzt. Bild Jäger, 2022

Inhalt

  • Geschichte von Aufstieg und Absturz
  • Health 2.0
  • Patientenaufklärung (informed consent) im Neuen Normal
  • Was macht Ärzt:innen aus?
  • Pharmaindustrie im Wandel, KI im Aufwind
  • Erneuter Rückblick
  • Chancen für den Arztberuf
  • Literatur

Geschichte von Aufstieg und Absturz

Die ersten Ärzte in Griechenland und später auch in Asien verstanden sich als Gesundheits-Philosophen. An Krankheiten waren sie nicht interessiert. Deren Behandlungen überließen sie Kräuterheilkundigen, Schaman:innen und Wundversorgern. Sie förderten Gesundheitskompetenz, praktische Lebenskunst und die Entwicklung von Selbstheilungskräften.

Jaeger Jemen
„Health 1.0“: Apotheker im Jemen. Bild Jäger 1996

Viel später, nach der Vermischung der Harmonielehre mit alchemistischen Konzepten, traten Ärzt:innen allmählich in den Dienst der Verkäufer von Heilprodukten. In China wurden sie dafür bezahlt, Kund:innen zu erklären, warum ein zum Kauf angebotenes Mittel wirke.

In Europa entwickelte sich der Arztberuf im Mittelalter aus dem Handwerk des Feldschers, der etwas zerteilt und zerschneidet, aus verquasten Resten der Gesundheitsphilosophie (Säftelehre) und der Alchemie, die versuchte, mit giftigen Substanzen (in „richtiger Dosierung“) Böses im Körper zu vernichten. Die Konkurrenz der Heilkundigen und Schaman:innen war als Hexerei verbrannt worden. Und Frauen, die andere versorgten und sich um sie kümmerten, wurden zu ärztlichen Hilfsberufen degradiert.

Im 19. Jh. triumphierte die Ideologie der Kriegsmedizin, die zum Zeitalter des Imperialismus passte und die Ärzte bis heute prägt. Alternative Medizinmodelle wurden verdrängt. Aber natürlich werden sie auch von den modernen Medizinkriegern gerne weiter als Placebologie benutzt (neudeutsch: IGeL-Leistungen), wenn es das Einkommen fördert.

Bis ins 20. Jahrhundert war das meiste, was krankheitsbekämpfende Medizin zu bieten hatte, bestenfalls nutzlos und oft auch gefährlich. (Medizingeschichte). Manche Ärzte quälten ihre Patienten (wie Ludwig XIV.) oder ließen Cholerakranke zur Ader, bis sie starben. Die Liste der Medizinkatastrophen ist lang. Trotzdem waren sie erfolgreich, weil sie Angst auslösten und diese dann durch ein heiliges, hoffnungsspendendes Ritual wieder nahmen. (Placebologie)

Bei einigen Ärzt:innen wuchs aber auch allmählich die Erkenntnis, dass ein Mensch eine Einheit in einem Umfeld sei. Daraus entstanden schüchterne Ansätze der Psychosomatik, Salutogenese, sozial- oder patientenzentrierter und ethisch begründeter Systemmedizin.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht, ihres Reichtums und ihres moralischen Einflusses galten „Ärzt:innen als Halbgötter oder Halbgöttinnen in Weiß“. Diese Zeiten sind vorbei. Jemand, der Gesamtzusammenhänge versteht, um Patient:innen die für sie günstigen Wege zu weisen und sie als Unterstützer zu begleiten, wird im Gesundheitsmarkt des „Neuen Normal“ nicht gebraucht. Denn die „Künstliche Intelligenz (KI)“ weiß es besser. Sie bestimmt, was marktgerecht getan werden muss.

Health 2.0

Digitalisierung und Kommerzialisierung haben die Modelle integrierter Medizin (die den ganzen Menschen und sein Umfeld erfassten) nahezu vollständig verdrängt. Ärztliche Berührungen und Beziehungen gelingen immer seltener.

Die lebenden Patient:innen werden zerlegt und fragmentiert in tote Einzelbeobachtungen (Messergebnisse, Laborwerte, zweidimensionale Bilder).

Die Analyse der resultierenden Datenströme erledigen dann Algorithmen schneller und scheinbar zuverlässiger, als Menschen das könnten. Algorithmen schrumpfen einen komplexen Zusammenhang („Mensch“) auf das Wesentliche („eine komplizierte Diagnose“). Sie rufen aufgeschriebenes Wissen aus Datenbanken ab, erkennen Muster und ordnen sie Patient:innen zu. Und dann finden sie ein Standard-Vorgehen, das in der Vergangenheit bei anderen Patient:innen erfolgreich angewendet worden war.

Die Angebotspalette der Digital-Medikalisierung oder „Health 2.0“ wächst rasant, weil Patienten in den Unternehmen des Behandelns effektiver durchgeschleust werden („patient-processing“), sie exakt das bekommen, was „medical artificial intelligence“ in diesem Fall für sie vorsieht („individualised precision medicine“) oder die Verhinderung von einer Krankheitsbedrohung, von der der Klient noch gar nicht ahnt („disease interception“). Diese Rationalisierung könnte natürlich den Patient:innen auch Vorteile bieten. Denn all die unnötigen, sinnlosen und gefährlichen Interventionen, von denen heute noch viele Ärzt:innen gut leben, könnten wegfallen.

KI-gesteuerte Roboter verlangen nach Ingenieuren, Programmierern und Physikern, die sie warten oder bei Fehlern auch korrigieren und verändern. Ärzt:innen sind für fast alles, was sie heute noch tun (dürfen), viel zu teuer. Die meisten ihrer „ärztlichen Tätigkeiten“ können in Teilbereiche einfacher Techniken zergliedert werden, wie durch eine Nadel saugen oder spritzen. Das können Hilfskräfte mindestens ebenso gut.

„Radiologen sind über die Felskante gesprungen, haben aber noch nicht nach unten geschaut. – Radiologists are the coyote already over the edge of the cliff who hasn’t yet looked down” Prof. Geoffrey Hinton 2017

Ärzt:innen haben von der Medikalisierung aller Lebensbereiche lange profitiert. Besonders die, die bildgebende Verfahren beurteilen. Jetzt werden sie von Treibern zu Getriebenen.

Bild: Bahnhof Leipzig im Februar 2021 (Jäger). Andere Sprüche dieser Serie in etwa: „Warum heißt er Hausarzt, wenn er nicht nach Hause kommt?“ oder „Wenn alles digital ist: Warum ist dann meine Gesundheit noch analog?“

Kommerziell programmierten Algorithmen und Maschinen fehlt allerdings die Kompetenz, sich psychologisch und körperlich mit Kunden zu verbinden. Für die Auslösung nicht spezifisch wirkender heilsamer Effekte benötigt die moderne Medizin ein Interface zwischen Mensch und Maschine. Aber auch dafür sind Ärzt:innen gänzlich überflüssig und zudem schlecht ausgebildet. Hinter dem Modebegriff „Doktor-nurse-substitution“ steht deshalb die Idee, kommunikativ hochkompetente Nichtärzt:innen aus Pflegeberufen auszubilden, die ihre Patient:innen optimal lenken und leiten können, und die dabei von Algorithmen im gewünschten Vorgabe-Rahmen perfekt unterstützt werden.

Eine wichtige ärztliche Aufgabe, die Ärzt:innen in dieser für sie bedrohlichen Lage bliebe, wäre die Aufklärung ihrer Patient:innen. Sie könnten mit Ihren Patient:innen Nutzen und Risiken der Anweisungen der Algorithmen abwägen.

Patientenaufklärung im „Neuen Normal“

Patientenaufklärung (informed consent) ist eine typische ärztliche Leistung. Sie verlangt den Überblick über einen Gesamtzusammenhang, Empathie und Wohlwollen gegenüber den Patient:innen. Deshalb verstößt die Aufklärung durch Überreichen einer Broschüre, oder durch ein KI-Programm oder durch ein Gespräch mit Hilfspersonal in Deutschland gegen geltendes Recht – noch.

Freundliche PA’s, die Ärztinnen zum verwechseln ähnlich sehen. „PA’s unterhalten sich mit den Patienten und horchen z. B. die Lunge ab … dann sprechen sie mit dem Facharzt“ – Arzt-Patient-Gespräch? Das war einmal. Rotenburger Kreiszeitung 04.10.2025

Das ändert sich gerade. Durch ein Grundsatzurteil des BGH (vom 09.10.2025, III ZR 180/24, DÄB 21/2025) wurde die ärztliche Verpflichtung zur Aufklärung erheblich eingeschränkt. Weil Ärzt:innen bei der Covid-19-Impfung „hoheitlich“ handelten (also weisungsgebunden im Auftrag), seien sie nicht zur Aufklärung verpflichtet gewesen und könnten folglich bei unterlassener Aufklärung nicht in Haftung genommen werden.

Kurz zuvor hatten Krankenkassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung eine Vorhaltepauschale für Hausärzte beschlossen. Danach erhalten Ärzt:innen Bonuszahlungen für gewünschtes Verhalten und bis 40 % Abschlag für ungewünschtes (u. a. gemessen an der reinen, quantitativen Zahl von Impfungen. (KBV 19.08.2025)

Wofür wurden die Ärzt:innen eigentlich während der Pandemie (hoch)bezahlt? Hat ihre wesentliche Funktion nur darin bestanden, einen vertrauenserweckenden Eindruck zu erzeugen?

Erst Bier und Zigaretten, und dann noch die Krankschreibung besorgen. (Screenshots: Fokus/dpa, TikTok, DF, Globetrotter 14.11.2025) „Pillen online anpreisen“ kann jede Profi-Influencerin, die vom KI-Teleprompter abliest. Sie muss nur aussehen wie eine Ärztin. Und pieksen können alle, die mit ihrem Daumen schon einmal auf eine Taste gedrückt haben: Arzthelfer, Apothekerin u. v. a. Warum nicht auch angelerntes Kassenpersonal? Mehr dazu: Dr. Lothar Kimmel, Tichy 16.11.2025

Was macht Ärzt:innen aus?

Könnte man nicht freundlichen „Physician Assistants“ ein Stethoskop umhängen, damit sie wie Ärzt:innen ausschauen? Das erspart Personalkosten und „sorgt für mehr Durchfluss“.

Das, was den Beruf des Arztes ausmacht (Verstehen durch Beziehungen eingehen mit Auge, Ohr oder Hand) wird zunehmend wegrationalisiert.

Die Neuregelung der ärztlichen Vorhaltepauschale (Schwab 18.10.2025) zielt in die gleiche Richtung. Denn die Allgemeinärzt:innen, denen Arzt-Patienten-Gespräche noch zur Abwägung von Nutzen und Risiken wichtig sind, werden in ihrer Existenz bedroht. Es sollen nur Ärztinnen überleben können, die genau das tun, was ihnen staatlich oder kommerziell gefütterte Algorithmen vorgeben. Aber: Warum sie dann nicht ersetzen durch Apotheken oder medizinisches Hilfspersonal?

Ein Chance für Ärzt:innen im „Neuen Normal“? Der Leispriúch des Kaufmann Institute of Concidence ist: „Nicht mehr fragen! Einfach machen!“ youtube.com/watch?v=hZZFnNwdgqQ.

Die Ausbildung von Personen, die zu Gesprächen, Handwerk und Berührungen fähig („Doctor-nurse-substitution“) muss für die Patient:innen nicht unbedingt nachteilig sein. Z. B. könnten für Hebammen, Krankenschwestern oder Osteopat:innen u. a. größere Freiräume entstehen. Für eine empathische Kommunikation, für die Begrenzung (ärztlich-verordneter) Übertherapie oder für striktere Einhaltung von evidenzbasierter Medizin. Ein anschauliches Beispiel ist dafür die Leitlinie der AWMF für normale Geburten, an deren Erstellung insbesondere Hebammen mitgewirkt haben.

Würden in anderen Bereichen Physiker:innen und Naturwissenschaftler:innen zunehmend Arbeitsfelder übernehmen, die bisher Mediziner:innen vorbehalten waren, könnte sich das auch günstig auswirken. Denn dann wäre es vielleicht möglich, die dominierende Einzelfaktor- und Problemfixierung der Medizin allmählich durch ein Systemverständnis zu ersetzen, wie es in der Physik seit einhundert Jahren etabliert ist.

Der Spiegel, Titel 19.06.2021

Pharma-industrie im Wandel, KI im Aufwind

Die Pharma-Konzerne haben erkannt, dass die Gewinnmargen mit Pillenüberfütterungen durch Blog-Buster tendentell sinken werden. Ihnen droht, dass Digital-Konzerne, die in den Gesundheitsmarkt eindringen, Billig-Medikamente (Generika) und Fließband-Technologien (uva. mRNA) anwenden werden.

Denn die Profite der Digitalkonzerne werden nicht mit Pillen, sondern mit Daten (und deren Analysen) erwirtschaftet. Statt traditionellem Pharma-Konsum rücken für sie Kontrolle, Präventiv-Interventionen, Prozesse und deren Steuerung in den Vordergrund.

In einer Sonderbeilage der FAZ vom 08.11.2021 verkündeten PR-Journalist:innen der Pharmaindustrie einen Paradigmenwechsel: Statt wie früher Kranke zu behandeln, wolle man nun den Markt der Gesunden erobern.

Seit dem Frühjahr 2021 werben PR-Beilagen vieler Zeitschriften für einen Paradigmenwechsel in der Medizin durch die mRNA-Technologie (Spiegel 19.06.2021).

Auch die „Zukunft der Neurologie“ und Hirn-Forschung müsse neu gedacht werden (FAZ 03.11.2021): „Die Digitalisierung fördert ein neues Verständnis von Gesundheitsversorgung … Wir kommen von einer Versorgung, die Erkrankungen hauptsächlich reaktiv behandelt, zukünftig hin zu einer Versorgung, die Gesundheit durch frühzeitige Interventionen und aktives Management länger erhalten kann“. (Roche, FAZ 03.11.21)

Pharmaunternehmen gehen zunehmend Preisabsprachen mit Krankenkassen ein. Damit wird die Autonomie der Ärzt:innen untergraben, weil sie mit Vergütungsmodellen dazu gedrängt werden, Medikamente abzugeben, bei denen besonders viel Profit herausspringt. (NEJM; Oct 2025)

Health 2.0: Cyber-Doc und Patient. Foto, Jäger 201

Trotz starker Konzentrationsprozesse bei Konzernen und Großhändlern (NEJM; Oct 2025) verliert die Pharmaindustrie durch KI an Bedeutung. Denn der Verkauf von immer mehr Pillen ist gesundheitsgefährlich und wird daher durch KI wegrationalisiert werden.

Zumal KI-Unternehmen sich ihre eigenen, billigen Pillenlieferanten zulegen, wird das „Neue Normal“ des wuchernden Gesundheitsmarktes nicht mehr von den großen Pharmaunternehmen, sondern von KI dominiert werden.

Zum Beispiel von Playern, wie diesen:

Erneuter Rückblick

„We believe that in the absence of manifest danger, all-out action was a mistake. Beforehand … and … after the decision. … the thing that was needed was a day around the table brainstorming Murphy’s Law: ‚If anything can go wrong it will!‘ When decisions are based on very limited scientific data, the Ministry should establish key points at which the program should be re-evaluated. (Neustadt: „The Swine Flu Affair, 1978, Jacoby BMJ 2005 Nov 26; 331(7527): 1276.)

1976 setzte die amerikanische Regierung eine Kommission ein, zur Aufarbeitung einer vergleichbaren, wenn auch noch wesentlich begrenzten, medizinisch-kommerziellen Verschlimmbesserung eines Infektionsereignisses. Die Schlussfolgerungen dieser Regierungsuntersuchung sind bis heute aktuell.

Statt daraus zu lernen, wurden 2009 die gleichen Fehler in ungleich größerem Umfang erneut begangen wie 1976 (Beispiele: bmj.com/tamiflu , Ahmed, ATM 2017, 5(1):25).

Im März 2020 warnte der Epidemiologe John Ioannidis vor einem Public-Health-Gau (Eur J Clin Invest 2020).

Auch Jahre später fällt es vielen Ärzt:innen schwer, über die Ereignisse der vergangenen Jahre zu reden. Weil sie mitgemacht haben. Ihr ärztliches Verhalten war ein Teil des Problems.

Sie glaubten, vom „Health 2.0“-Kult profitieren zu können. Der „Gute Arzt“ (Klaus Dörner, ISBN 9783794520503) als Anwalt des Patienten verlor an Bedeutung.

Der Berufsstand verlor aber im Krieg gegen das Virus an Bedeutung, weil die Nerds der „Modernen Hausarztpraxis“ (uva. avimedical.de) genauso gut testen, etwas benennen und piksen können.

Die Beseitigung isolierter Einzelprobleme wird, durch „Künstliche Intelligenz“ gestützt, billiger werden.

Menschen, die (wie früher Ärzt:innen oder aufgeklärte Patient:innen Gesamtzusammenhänge überschauen) sind im Kontroll-Kommerz von „interceptive health care“ unerwünscht. Künftig wird immer weniger (angepassten) Ärzt:innen eine Chance geboten werden, am großen, hefeartig-quellenden Krankheits-Kuchen zu partizipieren.

Nemesis der Medizin

Bilder aus Usbekistan (Jäger, September 2023). Goldgräberstimmung diverser Geräte-, Diagnostik- und Pillenhersteller. Beliebt waren Krankheiten, die es ohne ärztliche (oder pharmazeutische) Benennung nicht gäbe, oder deren Ursachen auf äußeren Schadeinwirkungen beruhen. In beiden Fällen bietet der Gesundheitsmarkt symptom-bekämpfende, teure Scheinlösungen an, die die Leiden der Patient:innen verschlimmern können. Oben links: Pharma-Vortrag für ein Pseudoplacebo. Unten „Pharma-Fortbildung“ mit Broschüren zu Pseudoplacebo, oben rechts, Menü nach Pharma-Vortrag, unten rechts ein Pharma-gesponserter Arzt, der seinen Konferenz-Vortrag mit den Worten beendete: „… Wir können es! … Wir haben es bewiesen … Daher meine Bitte an ihre Behörden: ‚Please do not stand in our way!‘ „

Ivan Illich sagte 1973 die Ankunft einer „Nemesis“ für die Medizin voraus.

Die mythologische Rachegöttin strafte Selbstüberschätzung (Hybris) und die Missachtung von „Gerechtigkeit, Sitte und Ordnung“ (Themis). Sie bedroht selbstverliebte „Halbgötter“.

Angesichts der, für Menschen gefährlichen Pandemie der Antibiotika-Resistenz fragte 2017 ein Team von Infektiolog:innen, warum es (angesichts eines riesigen Elefanten im Raum) so schwerfalle, konsequent „neu“ zu denken. Ihre Antwort: „Antibiotika-Resistenz habe ein Sprachproblem“. Medizin-Lehrmeinungen seien in einem engen Spiegelsaal veralteter Ansichten eingehegt. Kritisch-wissenschaftlich-innovativ denkende Mediziner:innen müssten folglich (zwangsläufig) einen Paradigmenwechsel vollziehen. Etwa so, wie es in der Physik vor über einhundert Jahren geschah.

Die Schäden kommerzieller „Bekämpfungsmedizin“ sind unübersehbar.

Sie ist reduktionistisch, aggressiv, mechanistisch, angstorientiert, Einzelfaktor-bezogen, kommerziell und kriegsverliebt.

Gibt es für den Arztberuf noch Chancen?

Ärzt:innen verlieren angesichts der Allmacht der Algorithmen an Bedeutung. Aber sie könnten sie ihre Rolle als Begleiter- und Berater:in wiederentdecken.

Ärzt:innen könnten dabei helfen, Kompetenzen für das Selberlösen von Problemen zu entwickeln, um innovative Wege einzuschlagen und neue Herausforderungen zu bewältigen. Und sie könnten dabei mithelfen, den Bedarf nach weiteren Leistungen des Gesundheitsmarktes deutlich zu senken (weil ihre Patient:innen gesunden könnten).

Simbav
Gut umsorgt und geschützt sein und vertreuen können. Danach sehnen sich auch Erwachsene. Bild: SIMBAV e.V. 2011

Sie könnten sich auf die Anfänge der Gesundheits-Philosophie vor 2 500 Jahren zurückbesinnen:

  • die Förderung der Kunst, wie man gesund bleibt und beschwerdearm altert (Salutogenese).
  • die Unterstützung des Ausgleichs in menschlichen Superorganismen
  • das Gedeihen in vielgestaltigen, lebenden, komplexen, resilienten, harmonisch fließenden, inneren und äußeren Öko-Systemen.

Sie könnten dabei mithelfen, dass Menschen aufhören, sich wie Krankheitserreger zu benehmen (IPPNW). Ärzt:innen können begreifen, was Leben blockiert, einschränkt und behindert. Darauf beruht ihre Beratungskompetenz.

Ärzt:innen können gestörte Zusammenhänge verstehen, ohne sie lösen zu wollen (Rudolf Virchow „Die Noth im Spessart“ 1852, Systemmedizin). Dann entsteht Veränderung von den Betroffenen selbst oder aus der Solidarität gesellschaftlichen Handelns.

Mehr

Literatur

  • Alpert JS: Digital Medicine: „O Brave new world“ Amjmed 2017, 130(3)243-244
  • Connell A: Service evaluation of the implementation of a digitally-enabled care pathway for the recognition and management of acute kidney injury. F1000-Research, 30.06.2017 eCollection.
  • Kneebone R: The art of medicine. Performing magic, performing medicine. Lancet 2017, 389:28-29
  • Lee SI et al.: A machine learning approach to integrate big data for precision medicine in acute myeloid leukemia. Nat Commun. 2018 Jan 3;9(1):42.
  • Panda SC, Medicine: Science or Art?,  Mens Sana Monogr. 2006 4(1): 127–138
  • Shah H: The Deep Mind debacle demands dialogue on data. Nature, 2017, 547:259
  • Verghese: A doctors touch, TED 2011
  • Xiaoxuan L.: A comparison of deep learning performance against health-care professionals in detecting diseases from medical imaging: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Digital Health 2019, 1(6), Pe271-e297. Siehe auch: Lee Y et al: Deep Learning in the Medical Domain: Predicting Cardiac Arrest Using Deep Learning. Acute Crit Care. 2018 Aug;33(3):17-120 ; Zhou LQ et al: Artificial intelligence in medical imaging of the liver. World J Gastroenterol. 2019 Feb 14;25(6):672-682 ; Williams BM et al: An artificial intelligence-based deep learning algorithm for the diagnosis of diabetic neuropathy using corneal confocal microscopy: a development and validation study. Diabetologia. 2019 Nov 12.

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Letzte Aktualisierung: 16.11.2025