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6. November 2025

Bildgebende Verfahren

Inhalt

  • Zusammenfassung
  • Flache Geburtshilfe
  • Unnötiger Ultraschall in der Schwangerschaft
  • Der Markt der Babybilder
  • Der Siegeszug der Zweidimensionalität

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Zusammenfassung

Die Geschichte der bildgebenden Verfahren begann vor über hundert Jahren mit der Übersetzung vier-dimensionaler Vorgänge in perfekte zweidimensionale Zeichnungen (u. a. von Ernst Bumm).

Das vier-dimensionale Geschehen des dynamischen Geburtsvorgangs schien plötzlich statisch auf Papier gebannt verstehbar. Man begann zu messen, ob die „Kugel“ des kindlichen Kindes mechanisch durch den „Topf“ des Beckens passen könne. In Wirklichkeit verformen sich alle am Geburtsvorgang beteiligten Elemente. Das Gehirn des Ungeborenen befindet sich in einem gallert-ähnlichen Zustand und kann sich den beweglichen Knochen anpassen. Und das Becken kann sich nach oben oder unten öffnen und verformen.

Äußere Messungen und Zeichnungen wurden dann vor einhundert Jahren durch Röntgenuntersuchungen ersetzt. In der Zeit des Nationalsozialismus versucht man diese Technik mit in-humanen Experimenten zu perfektionieren (Rieckhof und Erbslöh 1942). In den 50er Jahren gehörte es dann zum Standard deutscher Universitätskliniken, aus der unbewegten Fläche eines Röntgenbildes vor Geburten eine Indikation für einen Kaiserschnitt abzuleiten.

Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis der Zusammenhang zwischen dem Entstehen von Leukämie bei Kindern und niedrig-dosierten Röntgenstrahlen aufgeklärt wurde. Alice Stewart veröffentlichte erstmals 1956 im Lancet ihre Beobachtungen, dass eine (bei kurzfristiger Beobachtung) für harmlos gehaltene Untersuchung (ohne Durchführung von Langzeituntersuchungen) für ein ungeborenes Gehirn und das Immunsystem schädlich sein könne und Leukämie auslöse.

Steward (u. a.) mussten drei weitere Jahrzehnte immer neue Beweise vorbringen, bis der Schaden des Röntgens in dieser Lebensphase nicht mehr bezweifelt werden konnte. Erst 1986 nach Ihrem letzten Lancet-Artikel wurden Röntgenuntersuchungen in der Schwangerschaft allmählich weltweit geächtet, aber erst 2007 aus den amerikanischen Leitlinien gestrichen. (Alice Stewart: “The woman who knew too much”, Greene: Uni. Mich. Press 1999)

Das Lebende (die schwangere Frau) muss erstarren, damit die Verwandlung in ein zwei-dimensional-totes Abbild nicht verwackelt. (Bild: Rieckhof, 1942) Sie wird getäuscht und ist ausgeliefert. Zitat einer Folter: „… Die angewandte Technik besteht in einer fast vollständigen Ablassung des Fruchtwassers durch Punktion, …, und einer nachfolgenden Instillation von 10-20 ccm Moljodol, ein von einer japanischen Firma hergestelltes Jodöl. … Durch gleichzeitige Darstellung der Innenwand des Uterus … ergeben sich weitere Möglichkeiten für die röntgenologische Erforschung des Geburtsverlaufes …“ Erbslöh 1942

In der Gynäkologie wurde diese Frühphase bildgebender Verfahren mit Röntgen-Strahlen schnell, als peinlich, verdrängt, zumal mit dem Ultraschall ein weniger gefährliches Verfahren zur Verfügung zu stehen schien. Hinweisen auf mögliche Schädigungen der Feten wurde mit der Einführung der ersten Ultraschallgeräte nicht systematisch nachgegangen. Insbesondere fehlten und fehlen systematische, standardisierte, in die Zukunft gerichtete Studien.

Zum Beispiel zu den thermischen Auswirkungen punktgenauer Bestrahlungen per Doppler-Ultraschall oder zu lang-dauernden (nicht medizinisch indizierten) Beschallungen fetaler Kopfstrukturen, hauptsächlich in der Frühschwangerschaft. In China wurden von 1988 bis 2011 zahlreiche Studien realisiert, bei denen vor klinischen Schwangerschafts-Unterbrechungen vaginale Ultraschalluntersuchungen durchgeführt, und die Feten anschließend obduziert wurden. Dabei fanden sich zelluläre Veränderungen und multiple neuronale Störungen. Insgesamt wurden 50 Studien dazu ausgewertet und publiziert. (West 2015) Tierversuche in den USA zeigten ähnliche Veränderungen, wenn auch nicht, wenn „Schalldosierungen, wie sie für Menschen zugelassen sind“ angewendet werden. (Giles 2004, AIUM)

Ob Ultraschalluntersuchungen tatsächlich nebenwirkungsarm sind, hängt nicht nur von der zunehmend perfekteren, technischen Qualität der Geräte ab, sondern auch erheblich von der Kompetenz der Anwender:innen. Ein Doppler-US, den Expert:innen ausführen, wird eine erheblich geringere thermische Auswirkung haben als bei Kolleg:innen, die weniger geübt sind. Hinzukommt, dass die Überbewertung der Aussage bildgebender Verfahren in der Medizin, nicht nur in der Gynäkologie und Geburtshilfe, zu einem Boom des Verkaufs hoch qualifizierter Geräte geführt hat, die heute in jeder Praxis ausgelastet werden müssen.

Die Folge sind unnötige Interventionen mit hohem Risiko (u. v. a. vaginaler Ultraschall in sehr frühen Schwangerschaftswochen, Geschlechtsbestimmungen, ‚hübsche‘ Fotos mit Farb-Doppler u. v. a.) oder schlicht „3-D- oder 4-D-Babyfernsehn“. Das Bundesamt für Strahlenschutz hat mit der, seit der 31.12. 2018 gültigen, „Verordnung zum Schutz vor schädlichen Wirkungen nicht ionisierender Strahlung bei der Anwendung am Menschen“ Ultraschall-Anwendungen an einer schwangeren Person zu nicht medizinischen Zwecken untersagt. 

„Nach der seit 31.12. 2018 gültigen Verordnung zum Schutz vor schädlichen Wirkungen nicht ionisierender Strahlung bei der Anwendung am Menschen sind Ultraschall-Anwendungen an einer schwangeren Person zu nicht medizinischen Zwecken nicht mehr erlaubt. Darunter fällt das ‚Babykino‘, also die reine Bildgebung am Fötus, ohne dass eine ärztliche Indikation gestellt wurde.“ BfS

Aus eigener Anschauung bei Praxisvertretungen und aufgrund von Gesprächen bei meinen Unterrichten ist mir bekannt, dass ein Ultraschall bei jedem Besuch einer Schwangeren bei Gynäkolog:innen eher die Regel als die Ausnahme ist. Die häufigen US-Untersuchungen werden jetzt (nach der BfS Anordnung) mit angeblich bestehenden medizinischen Risiken begründet. Daher sind „Risiko-Schwangerschaften“ heute „normal“. 

Unnötige Pathologisierung (u. a. auch durch fragwürdig „auffällige“ Befunde z. B. bei kindlichem Wachstum u. v. a.) erhöhen das Risiko für Kaiserschnittentbindungen. Hinzu kommen Igel-Angebote aus kommerziellen Gründen („Um ganz sicherzugehen“), die ängstliche Frauen selbst bezahlen müssen, und durch zweifelhafte Ergebnisse oft noch mehr verwirrt werden.

Flache Geburtshilfe

Unsere Hüftgelenke machen uns zum Menschen (Webb 2025): Ohne ihre besondere Gestalt und Funktion gäbe es keinen aufrechten Gang, und in der Folge auch keine Befreiung der Schultergelenke.

Menschen können ihre Hände frei nutzen. Sie können tasten, spüren, sich mit Werkzeugen verbinden und durch Gesten mit anderen kommunizieren.

Erst durch die soziale Aneignung dieser Fähigkeiten entwickelte sich die einzigartige Funktion des Gehirns, im Schutz der engen mütterlichen Versorgung. (Webb 2025)

Bei unseren nächsten Verwandten (Schimpansen, Bonobos) verlaufen Geburten unproblematisch. Bei Menschen muss sich der Fetus spiralig durch einen herzförmigen Geburtskanal drehen, um dann in einer ungünstigen Lage geboren zu werden, mit dem Gesicht nach hinten. Ohne beruhigende Begleitung und Unterstützung bei der Geburt hätten viele Frauen diese schwierige Phase nicht überleben können.

Beruhigung durch Berührung: Bild Jäger, Aserbaidjan 2019

Aus der Notwendigkeit, bei der Geburt zu helfen, entwickelte sich menschentypische soziale Kompetenz. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Gesten kommunizierender Hände, die herausreichen, Kontakt aufnehmen und sich entspannt mit einem Gegenüber verbinden, um zu tasten und etwas Gespürtes fühlend zu bewerten.

Etwas zu ergreifen, es manipulieren oder an ihm zu ziehen würde dagegen die Wahrscheinlichkeit der Müttersterblichkeit bei frühen Menschen deutlich erhöht haben. Denn jede Form von Gewalt unter der Geburt verschlimmert die Dynamik gefährlicher Entwicklungen. Weil auch zielorientiertes, geschicktes Handwerk oft Probleme erzeugt, die es ohne die Eingriffe nicht gegeben hätte, sollten Hände (die nicht fühlen, sondern etwas tun wollen) in der Geburtshilfe möglichst lange verborgen sein.

Dagegen sind kommunizierende Hände gewandt in einem fließenden Prozess des Gestaltens verbunden: schonend, effektiv, gewaltlos. Dabei wirken die Hände (gesteuert durch zwei Gehirnhälften) zusammen und ergänzen sich: Eine offene Hand stabilisiert die Verbindung, während sie die andere über die wachen Fingerspitzen tastet oder etwas über den Körper, geleite über den Daumenballen, sanft bewegt, ggf. verlängernd heraus reichend, über ein Instrument.

Kleinkinder lernen die Grundlagen dieser für Menschen typischen sozialen Kommunikation der Hände durch körperlichen Kontakt, Mimik, Haltung, Beziehung und Klang. Und erst dann, davon abgeleitet, allmählich durch die Sprache.

Um einen natürlichen Geburtsprozess zu erleichtern, müssen Hebammen und Ärzt:innen die angeborenen Fähigkeiten zu beziehungsreichem und berührendem Handeln verfeinern und weiterentwickeln. Sind sie dazu in der Lage, können die Gebärenden ihnen vertrauen, weil sie sich in ihren sicheren Händen aufgehoben fühlen. Die Hände bilden eine Kontaktstelle, um in einen dreidimensionalen Raum hinauszuspüren und zugleich von dort gefühlt zu werden. So entsteht eine vorübergehende Beziehung zwischen zwei lebenden Subjekten, die sich gleichermaßen in der Beziehung wahrnehmen. Die Grundlage professionellen Handelns in der Geburtshilfe ist daher eine Einstellung, sinnvoll tätig werden zu wollen. Um für einen anderen (in Verbindung) Zeit, Geduld und Mühe aufzuwenden.

Seit 100 Jahren aber wächst der Wunsch nach technischer Unterstützung, um das Leben der Geburtshelfer und -helferinnen zeitsparend zu erleichtern. Dazu wird die vielgestaltige psychologisch-soziale Komplexität und die räumliche Dynamik des Geburtsprozesses auf weniger Faktoren oder Mess-Daten reduziert, die das scheinbar Wesentliche abbilden sollen. Während so zunehmend flache Bilder und Graphiken an Faszination gewinnen, verliert die menschentypische Lebendigkeit an Bedeutung.

Voll im modernen Trend liegt ein Übungslabor für Hebammen mit „simulierten Wehen und einem Knopf im Ohr“ (Spiegel 25.05.2025):

Video: https://www.spiegel.de/panorama/geburtshilfe-simulierte-wehen-und-ein-knopf-im-ohr-a-297a3f80-9634-4f7b-b84b-eb9432e4c82a, 25.05.2025

Die Ausbilderin der angehenden Hebammen ist nicht mehr als Mensch im 4-dimensionalen Raum einer konkreten Situation präsent. Sie sitzt in einem Terminal und betrachtet zwei-dimensionale Bilder einer Realitätssimulation und erteilt Anweisungen über Funk.

Ihre Studentin soll z. B. eine „Schauspiel-Patientin“ bei etwas „anleiten“: beim Ein- und Ausatmen.

Technik als Unterstützung menschlicher Beziehung. Oben: Hebamme in Deutschland unten Hilfskraft in Laos 2020.

Das tut eigentlich jeder Mensch, dessen Stammhirn noch lebt, von allein: aber in Angst, Not, Schmerz eben nicht so effektiv. Also soll die Studentin hier lernen, wie sie eine Gebärende beruhigend beeinflussen kann. Das erfordert eine freundliche, offene, empathische Einstellung, eine vertrauensvolle Kontaktaufnahme durch Sprachmelodie und Berührung.

Und natürlich auch eine körperliche Verbindung, die Sicherheit vermittelt, weil sich der Kontakt durch gegenseitige Entspannung immer besser stabilisiert.

Äußerlich kann man das Gelingen eines solchen Prozesses angesichts von Körperhaltung, Gestik, Mimik erkennen. Und durch Hören: durch den Atmenrhythmus der Fachkraft, der sich dem aufgeregten Rhythmus der Klientin anpassen kann, um ihn so zu verlangsamen. Dazu müsste man aber zuerst lauschen, wie die andere atmet. Dabei kommt die, die etwas langsamer, achtsamer handelt, schneller voran.

Tut die Studentin des Lehrvideos das?

Nein, natürlich nicht, denn sie kann es ja bisher nicht besser. Aber warum fiel bei der Produktion dieses Videos nicht auf, „dass sie es nicht tut“?

Der rechte Arm der Studentin hängt kollabiert und energielos herab: eine Geste der Hilflosigkeit oder des Desinteresses. Stattdessen werden bei einer Geste des Öffnens immer beide Brustbein-Schlüsselbeingelenke aktiviert, was ein Gegenüber dann als „von Herzen kommend“ erkennen kann. So entstünde ein Ausdruck entspannter Zugewandtheit: „Ich bin bei dir! Du kannst dich auf mich verlassen“.

Sambia (1993), (Lesotho (1996) und Tansania (2024), Bilder Jäger

Natürlich ist die (hoch motivierte) Studentin unsicher. Sie versucht, alles richtigzumachen. Ihre steife Haltung, der gestreckte Arm, die Faust sollen professionelle Autorität vermitteln, die sie bisher nicht ausstrahlen kann. Sie versucht zu üben, eine scheinbar, inkompetente Patientin so zu beeindrucken, dass diese dann befolgt, was sie tun soll: „Mach es genau so, wie ich es dir vormache: Tief einatmen! Und jetzt lange ausatmen!“.

Während also die eine Hand der Studentin leblos baumelt, ist die andere hochaktiv, allerdings mit einer Geste des Schließens des Brustbeingelenkes. Das geschieht einseitig, wenn eine Hand boxen will, weil dann die andere lose nach hinten schwingen kann. Ihr Arm ist ausgestreckt und die Hand durch die Anspannung der Unterarmmuskulatur zu einer Faust geschlossen. Die Faust als Ende eines geraden Armes baut eine Distanz auf („Ich, das Subjekt‘ bin hier – Du, das Objekt, bist da“). Tasten und Fühlen kann sie so nicht, weil sie nicht verbunden ist, und Vertrauen aufzubauen schon gar nicht.

Im Vergleich zu dieser Art technisch vielleicht brillanten, aber beziehungs-fernen Ausbildung erinnere ich die Ausbildung in geburtshilflichem Handwerk in Regionen, die auf weniger Hilfsmittel und bildgebende Verfahren zurückgreifen konnten. Zum Beispiel an kommunikations- und fach-kompetente Hebammen in Afrika (Bild rechts), bei denen zwei Hände zusammenarbeiten: Eine hält Kontakt, während die andere mit wachen Fingerspitzen spürt, als würde sie einen wertvollen Stoff berühren. Daumen, Daumenballen oder gar eine Faust sind gerade nicht erforderlich, weil nichts manipuliert werden soll.

Hebammen und Ärzt:innen müssten in ihren Studien eigentlich die Kompetenz beziehungsreicher, wechselseitig-fließender, körperlicher Kommunikation trainieren.

Alle Tätigkeiten, bei denen aktive Subjekte passive Objekte behandeln, können Hilfskräfte mindestens ebenso gut oder besser ausführen, wenn sie durch „Künstliche Intelligenz“ unterstützt werden. Zum Beispiel kann eine technische Assistentin in der perfekten Bedienung von Geräten geschult werden. Sie kann damit Ultraschallwellen aussenden oder elektronische Wellen aufzeichnen. Algorithmen schreiben ihr genau vor, welches Produkt in welcher Situation (leitliniengerecht) gespritzt oder geschluckt werden soll: daher wäre eigenes Nachdenken (oder das der Patientin) nur hinderlich.

Ein deep-learning-programmierter Roboter mit sanfter Computerstimme könnte einer Patientin sicher auch erklären, in welchem Rhythmus sie ein- und ausatmen soll.

Mehr:

Unnötiger Ultraschall in der Schwangerschaft

Die Anordnung des BfS (zum Verbot unnötiger Ultraschalluntersunchungen ist gut begründet, weil für hoch Energie-reiche Strahlungen keine unteren Grenzwerte angegeben werden können, bei denen Schädigung ausgeschlossen wären. Und weil Ultraschall in der Schwangerschaft im intensiver aus kommerziellen Gründen angewendet wurde.

Auch amerikanische Leitlinien verlangen, dass Ultraschall-Untersuchungen nur standardisiert, zu eindeutigen medizinischen Zwecken, pro Untersuchung nur kurz, und durch hoch qualifiziertes Personal ausgeführt werden dürfen. (AIUM)

Im Prinzip gilt bei Strahlenbelastungen das Gleiche wie bei Alkoholkonsum in der Schwangerschaft: Ob ein „Gläschen Wein“ tatsächlich die Hirnchemie des Kindes nachhaltig stört, ist nicht bekannt. Trotzdem wird Schwangeren empfohlen, in der Schwangerschaft generell auf Alkohol zu verzichten.

Im Analogschluss dürfen auch medizinische Interventionen (Medikamenten-Einnahmen, MR, Ultraschall u. a.) nur dann in Anspruch genommen werden, wenn dies aus belegbaren, medizinischen Gründen notwendig erscheint oder unvermeidbar ist.

Sinnvoll ist die gynäkologische Ultraschall-Anwendung im Rahmen der festgelegten Begrenzungen der Mutterschaftsrichtlinien, um klar erkennbare Risiken auszuschließen. In der Frühschwangerschaft ist Ultraschall für Embryonen mit Risiken verbunden. Das gilt besonders bei vaginaler Beschallung. Der Nutzen von Routine-Ultraschall-Untersuchungen im letzten Schwangerschaftsdrittel ist nicht belegt. (Smith 2020)

Vorsorgeprinzip

Schwangerschaft ist ein besonders schutzwürdiger Zeitraum, der das ganze weitere Leben eines Ungeborenen prägen wird. Daher muss, besonders dann, das Vorsorgeprinzip gelten: „Zuerst nicht schaden!“

Ursprünglich galt das Vorsorgeprinzip als Grundlage der Medizin. Heute aber wird der Medizin-Markt von der Ethik der Umkehr des Vorsorgeprinzips bestimmt: „Wenn ein Produkt nutzen könnte, ein Schaden aber (noch) nicht bewiesen ist, dann darf das Produkt den Nutzer:innen nicht vorenthalten werden.“

Der Markt der Baby-Bilder

Jede Frauenarztpraxis verfügt heute über ein Ultraschallgerät. Die modernen, meist geleasten Ultraschalluntergeräte in gynäkologischen Praxen sind ausgestattet mit Farb-Doppler, 3D- und 4D-(Video)-Funktionen. Für ihre Bedienung wären eigentlich fundierte Kenntnisse erforderlich: u. a. um die Beschallungszeit (und damit die fetale Belastung) bei hoher Qualität der Befundung kurzzuhalten (besonders bei Doppler-Untersuchungen).

Gynäkologische Ultraschall-Untersuchungen werden aber nicht nur von Ärzt:innen durchgeführt, die von der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin zertifiziert wurden. Leichte Bedienung, einfache Zuschaltung von Sonderfunktionen, kommerzieller Nutzen (IGeL) und mangelnde Kontrolle der Anwendung erlauben es auch wenig ausgebildeten Ärzt:innen, Ultraschall „häufig“, bei „fehlender Indikation“ und aus „kommerziellen Gründen“ einzusetzen.

Nachfrage und Angebote verstärken sich. Daher werden oft bei jedem Praxisbesuch einer Schwangeren Ultraschalluntersuchungen angeboten und durchgeführt: u. a., um nach dem Geschlecht der Feten zu suchen oder die Patientin mit farbigen Fotos oder Videosequenzen zu beeindrucken. Natürlich muss dann für die Codierung ein Risiko gefunden werden, um eine spätere Abrechnung nicht zu gefährden. Folglich handelt es sich bei der Mehrzahl der deutschen Schwangeren um Risiko-Patient:innen.

Geburtshelfer:innen und Hebammen verlernen bei häufiger Maschinen-Nutzung mit den Händen untersuchen. Sie „begreifen“ die räumlichen Dimensionen weniger, die mit dem Geburtsvorgang verbunden sind. Berührungen und Handgriffe sind aber nicht nur diagnostische Mittel, sondern auch Formen von Kommunikation, Beziehung und Vertrauensbildung. (Arendt 2007)

„Die Verfügbarkeit des Ungeborenen: … durch die verbreitete und routinemäßige Anwendung der Ultraschalltechnik wird der Fötus herausgenommen aus der ursprünglichen Einheit von Mutter und Kind. Technik und Verobjektivierung treten an die Stelle ursprünglicher Unmittelbarkeit … was vorher nur spürbar und damit einem höchst subjektiven, nicht auf andere übertragbarem Gefühl zugänglich war, ist jetzt objektivierbar und kann als Gegenstand herumgereicht werden.“ (Anselm 2020)

Bild: Regionalkrankenhaus Thakhek, Laos, 18.02.2020. 4D-Ultraschall (8 Jahre alt, Neuwert > 80.000 €), eine Woche zuvor als „Entwicklungshilfe“ geliefert, der sich als unbenutzbarer Elektroschrott erwies. Bild: Jäger, 2020

Der Siegeszug der Zweidimensionalität

Der Hirnforscher Ramachandran glaubt, das wichtigste Prinzip, warum Menschen zweidimensionale Bilder lieben, sei, dass sie Unwesentliches weglassen und Wichtiges überhöhen. Das für eine bestimmte Situation Entscheidende erstrahle damit stärker, als es in der Realität möglich sein könnte.

Der Gynäkologe Ernst Bumm zeichnete 1922 anschauliche Bilder, die das Verständnis für Geburtshilfe revolutionierten. Bei der Betrachtung des flachen, zweidimensionalen Papiers entsteht die Illusion von drei Raumdimensionen. So wird der Vorgang schlagartig klar und einfach verständlich.

Das Verwirrende, die Dynamik der zeitlich und räumlich verformbaren Realität, wurde wegrationalisiert. So wie auch alles scheinbar Unwichtige: die Zusammenhänge, die Gewebe, die Muskeln, die Psyche der Frau u. v. a.

Je mehr solcher Zeichnungen verfügbar waren, desto mehr festigte sich eine mechanische Sicht des Geburtsvorgangs, nach der ein „fester Kopf“ durch ein „starres Becken“ passen musste. In den 50er Jahren gehörte es dann zum Standard der Universitätskliniken, die unbewegt zweidimensionale Fläche von Röntgenbildern zu benutzen, um zu klären, ob in der vieldimensionalen Realität „dieses Kind durch dieses Becken“ passt. Aufgrund solcher Expertenmessungen konnten klare Handlungsentscheidungen getroffen werden.

Die Technik der Röntgenbestrahlung war einfach anwendbar und schmerzfrei. Die Risiken schienen gering zu sein. Denn bei dem kurz zuvor durchgeführten „Großversuch“ in Hiroshima und Nagasaki waren Schwangere viel höheren Röntgendosen ausgesetzt. Sofern sie überlebten, waren von den Behörden relativ wenig bleibende Schäden bei Kindern gemeldet worden. Außerdem traten bei den Beobachtungen unmittelbar nach niedrig-dosierten diagnostischen Bestrahlungen keine nennenswerten Nebenwirkungen auf. Die ungeborenen Kinder schienen in ihrem Wohlbefinden nicht beeinträchtigt zu sein.

Man argumentierte – Leitlinien-gerecht – im Prinzip so, wie es auch heute bei anderen Eingriffen in der Schwangerschaft immer noch üblich ist: Es bestehe vermutlich ein gewisser Nutzen, den man den Schwangeren aus ethischen Gründen nicht vorenthalten könne. Zudem sei eine erhöhte Sterblichkeit für Mutter und Kind ausgeschlossen, und für langfristige Schäden einer unbekannten Art gäbe es keinerlei Beweise. Also sei die Anwendung der Methode bedenkenlos.

alice stewart
Bild: Alice Stewart (1906-2002): “The woman who knew too much” (Greene: Uni. Mich. Press 1999)

Es dauerte anschließend ein halbes Jahrhundert, bis der Zusammenhang zwischen dem Entstehen von Leukämie bei Kindern und niedrig-dosierten Röntgenstrahlen aufgeklärt wurde. Alice Stewart veröffentlichte erstmals 1956 im Lancet ihre Beobachtungen, dass eine für „harmlos“ gehaltene Untersuchung für ein ungeborenes Gehirn und das Immunsystem schädlich sein könne. Sie (und andere) mussten aber drei weitere Jahrzehnte immer neue Beweise vorbringen, bis der Schaden des Röntgens nicht mehr bezweifelt werden konnte.

Das zweidimensionale Verfahrensprinzip wird allerdings weiterhin, ohne Beleg eines Nutzens, immer noch in vielen Ländern mittels MRT durchgeführt. Ob damit langfristige Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung verbunden sein könnten, kann mangels Studien niemand sagen.

Mehr:

Literatur

  • Anselm R: Du sollst dir kein Bild machen – Zum Einfluss von Visulisierungstechniken auf die Bewertung des Embryo. Wilhelm Fink Verlag 2020 –
  • Abuhamad A et al. Standardized Six-Step Approach to the Performance of the Focused Basic Obstetric Ultrasound Examination. Am J Perinatal. 2016; 33(1):90-8.
  • AIUM: American Institute of Ultrasound in Medicine –
  • Arendt C. Vergessene Handgriffe. Die Hebamme 2007;20:39-43.
  • Bumm E: Grundriss zum Studium der Geburtshilfe, in 28 Vorlesungen u. 631 [z. T. farb. ] bildl. Darst. im Text u. auf 8 Tafeln  (Nachdruck) 1922 Bergmann, J F (Verlag)
  • Bundesamt für Strahlenschutz. 05.02.2019 – http://www.bfs.de/DE/themen/ion/anwendung-medizin/diagnostik/schwangerschaft/schwangerschaft.html  – https://www.bfs.de/DE/themen/ion/anwendung-medizin/diagnostik/alternativ/ultraschall.htmlhttp://www.bfs.de/SharedDocs/Downloads/BfS/DE/broschueren/ion/stko-schwangerschaft.pdf?__blob=publicationFile&v=8
  • DEGUM: Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin: https://www.degum.de/service/zertifizierte-aerzte.html
  • Giles J. Ultrasound scans accused of disrupting brain development. Nature 2004; 431:1026
  • Greene, Gayle (1999). The Woman Who Knew Too Much — Alice Stewart and the Secrets of Radiation. Ann Arbor MI University of Michigan Press.
  • Ellisman MH et al. Diagnostic levels of ultrasound may disrupt myelination. Exp Neurol 1987; 98(1):78-92.
  • Korhonen U. Fetal pelvic index to predict cephalopelvic disproportion – a retrospective clinical cohort study. Acta Obstet Gynecol Scand. 2015;94(6):615-21.
  • Orley A: Methods of Pelvimetry. Br Med J. 1938; 1(4023): 361–362.
  • Pattinson RC et al. Pelvimetry for fetal cephalic presentations at term. Cochrane Database Syst Rev. 2000;(2):CD000161.
  • Ramachandran VS, Hirstein W: The Science of Art: A Neurological Theory of Aesthetic Exp. Journ. of Conciousness Studies, 1999, 6(6-7):15-51.
  • Rieckhof W: Weitere Bestrebungen zur röntgenologischen Bestimmung der Conjugata vera. Zentralblatt für Gynäkologie 1942;5:253-266.
  • Smith GCS: A critical review of the Cochrane meta-analysis of routine late-pregnancy ultrasound. BJOG 29.06.2020 –
  • West J. 50 Human Studies in utero, conducted in China indicate extreme risk for prenatal Ultrasound. 2015 Lib of Congress, ISBN 978-1-941719-02-2. Video-Interview (engl)
Letzte Aktualisierung: 06.11.2025