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6. Oktober 2021

Wir stecken in der Klemme

„Die Herausforderungen, zur Verhinderung einer „grässlichen Zukunft“, werden unterschätzt: Das Ausmaß der Bedrohung für die Biosphäre und all ihre Lebensform – einschließlich der Menschheit – ist so groß, dass es selbst für die am besten informierten Expert:innen schwierig zu verstehen ist – die Umweltzerstörung ist unendlich gefährlicher für die Zivilisation als Trumpismus oder Covid-19″ Sinngemäß übersetzt aus: „Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future“ Bradshaw Front. Conserv. Sci., 13.01.2021.

Retten uns die Elektroautos der IAA, die Solarzellen und die Windmühlen?

„Merkel schwärmt bei der IAA“ (Merkur 07.09.2021): Natürlich von Elektroautos.

„Elon Musk kann sich bedanken: Tesla bekommt über eine Milliarde Euro für Grünheide.“
Merkur 07.09.2021:

Annalena Baerbock verlangt „Solarzellen auf jedem Dach.“ (RP 07.09.2021) Christian Lindner’s FDP wird das Klima durch Erfindergeist und Wirtschaftskraft retten. Und Olaf Scholz, der Kandidat der Finanzwirtschaft, wird sicher noch einmal für den notwendigen „Mega-Wumms“ sorgen. Alle Parteien stehen ein für „nachhaltiges Wachstum“. Gestritten wird hauptsächlich über die Art der Verteilung künftiger Gewinne aus einer „krisensicheren“ Wachstums-Wirtschaft. Und über den Schutz vor den Anderen, die von draußen an unsere Töpfe drängen könnten.

Reicht es aus zu hoffen, wenn wir weiter machen wie bisher?

Die Herausgeberin des British Medical Journal (Fiona Godlee) schreibt am 08.10.2021
(Übersetzungsunterstützung: www.deepl.com):

Die Welt erwärmt sich, und es besteht dringender Handlungsbedarf. Ohne eine radikale Änderung der Art und Weise, wie wir leben, uns bewegen, essen, arbeiten und spielen, wird der Anstieg der globalen Temperaturen zu irreversiblen planetarischen Veränderungen mit katastrophalen Folgen für die Menschheit führen. Das sind starke Worte, aber sie werden von der Wissenschaft gestützt. Der Internationale Ausschuss für Klimaänderungen sagt, dass die Welt ihre Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen bis 2030 halbieren und bis 2050 auf Null reduzieren muss, um den postindustriellen globalen Temperaturanstieg unter dem Kipppunkt von 1,5°C zu halten.“

Sie hat Recht, aber sie beschreibt nur einen Teil des Problems. Da die Biosphäre krankt an vielem. Sie leidet nicht nur an Fieber, sondern auch an Artensterben, Trinkwasserknappheit, Versatzung, Vermüllung der Böden und der Meere (mit Giften, Radioaktivität, Metallen, Pestiziden, Plastik) uva. Und was sollen wir tun? Fiona Godllee schlägt vor, zu hoffen:

Hoffnung ist wichtig, um die Öko-Angst zu bekämpfen und uns und andere zu wirksamen Maßnahmen anzuspornen. … Die richtigen wirtschaftlichen Entscheidungen könnten uns in eine nachhaltige, integrative und widerstandsfähige globale Zukunft führen. Gemeinsam und individuell müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen: Wir müssen den Systemwechsel im Gesundheitswesen vorantreiben, um Emissionen und Abfälle zu reduzieren, uns für nationale und internationale politische Maßnahmen einsetzen und unsere Patienten und die Öffentlichkeit aufklären, um die Zukunft unseres Planeten und seiner Bewohner zu sichern. Wir können nicht darauf warten, dass jemand anderes handelt. Dafür haben wir keine Zeit.

Ja, wir haben keine Zeit.

Aber gibt es nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung, die nachhaltig wäre: hin zu weniger Wachstum? Der Systemwandel im Gesundheitswesen (den sie einfordert) wuchert dagegen unbegrenzt weiter: in Richtung einer Digital-Medikalisierung aller Lebensbereiche. Kann so das Klima gerettet, oder wenigstens günstig beeinflusst werden?

Ich bezweifle es. Der Wissenschaftsjournalist Guillaume Piton rechnet am 07.10.2021 auf, dass allein die Dynamik der „reinen Digitalisierung“ zu einer weiteren dramatisch beschleunigten Belastung der Biosphäre führen wird. Obwohl er bei seiner Analyse die Ökobilanz der Windmühlen, Gesundheits-Diagnostik-Therapie-Maschinen, Solarzellen, Elektoautos, etc gar nicht berücksichtigte:

Guillaume Pitron: Klimakiller Tiktok. Die Ökosünden der Digitalindustrie. Le Monde Diplomatique 07.10.2021

Download Seite 1, Seite 2, Seite 3

Halbseitige Anzeige zur IAA in der FAZ (04.09.2021)
Für ein gutes Gewissen! (kombiniert mit Luxus, Status, und Protzsucht)

Die Umwelt-Katastrophe kommt in die Jahre

1992 waren sich nahezu alle Staaten einig:

Die Menschheit stand (und steht jetzt noch schlimmer) vor einer umfassenden Umwelt-Katastrophe (Welt-Umwelt-Konferenz in Rio 1992). Inzwischen sind ausnahmslos alle Aspekte der Biosphäre erkrankt : Luft, Klima, Böden, Meere, Lebensformen … durch Gifte, Elektro-, Atom- und Plastikmüll, Versauerung, Überdüngung, Metalle, Pestizide, Antibiotika, Abgase und natürlich auch durch Überbevölkerung. Die sauberen Industriestaaten haben die Drecksarbeit in ärmere Länder verlagert. Deren Umweltprobleme kommen hier selten in die Schlagzeilen. Selbst dann nicht, wenn wir sie direkt mit-verursachen:

TÜV-Süd & der Dammbruch in Minas Gerais /Brasilien im Januar 2019:
„Obwohl wir nicht verstehen, wie etwas funktioniert, können wir sicher sein, dass es funktioniert!“ Imagefilm des TÜV Süd, SZ vom 29.01.2019 – FAZ zum Prozess am 29.09.2021: TÜV Süd verweigert sich der Verantwortung, denn die letzten Kontrollen seien ohne Beanstandungen verlaufen. Niemand habe mit der völlig überraschenden Katastrophe rechnen können.

Gehandelt wurde seit 1992 nicht. Im Gegenteil:

Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nahm rasant an Fahrt auf. Zehn Jahre später benannte man die Biosphären-Katastrophe in den Teilaspekt „Klima-Katastrophe“ um: Denn für den „Kampf gegen die Klima-Erwärmung“ konnte man (im Gegensatz zum Artensterben uva.) noch mehr Wirtschaftswachstum anschieben. Ganz so, als wiesen die „Neuerungen des Klimaschutzes“ keine Öko-Bilanz auf. Der „Klimaschutz “ mauserte sich (neben der Medikalisierierung aller Lebensbereiche) zum großen Konjunkturprogramm der Neuzeit. Erzählt wird dabei das schaurige „Märchen vom grünen Wachstum“ (Bruno Kern 2020, Michael Moore 2020). Wie kleine Kinder, scheinen auch viele Erwachsene daran zu glauben (zumindest, wenn man das aus den Wahlergebnissen schließt).

Bis 2002 gab es in Deutschland (neben einer Friedensbewegung) eine „Agenda für das 21. Jahrhundert“ („Global Denken – Lokal Handeln“). Dann beteiligte man sich aber, nach dem Grün-Roten-Machtwechsel, in rascher Folge an völkerrechtswidrigen Kriegen um Einflußzonen, Handelswege, Macht und Rohstoffe. Zugleich wurde das langfristige Denken (der „Agenda 21„) ersatzlos abgeschafft, zugunsten kurzfristigen Profitdenkens und Marktregulierung („Agenda 2021“).

Rezzo rund „ums Klima“ 06.09.2021

Nach der Bundestagswahl 2021 ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die wachstumssichernde Finanz-Blase weiter aufblähen wird. Langfristig abgesichert durch dauerhaft-etablierte Rechtsnormen, die zu bravem Mitmachen zwingen. Denn der „Infektionsschutz“ wird sicher langfristig einen höheren Stellenwert erhalten als die Grundrechte (z.B. die der Kinder-Rechte auf Bildung, Recht auf Unversehrheit, Recht auf Kindeswohl …).

„Smart Health / Health 2.0″ (die Digital-Medikalisierung aller Lebensbereiche), rasantes neoliberales Wirtschaftswachstum“ und vielleicht auch eine verstärkte Kriegsgefahr (angesichts des Niedergangs der USA) werden unsere Spezies möglicherweise noch schneller in Richtung der Sackgassen treiben, die erkennbar vor uns stehen.

Dem Westen fehlt es an Visionen, die langfristig mit dem Leben der Biosphäre verträglich wären. Das ist die eigentliche Gefahr, die vom Osten ausgeht: Denn möglicherweise könne man dort – anders – erfolgreicher sein. (Tagesspiegel 18.09.2021).

Charlie Hebdo 18.08.2021: „Bald entsteht hier eine Fabrik für elektische Autos“. Alles super ökologisch: „Kette und Motor aus recyceltem Material … Pflänzchen, um dem Fahrer etwas Frische zu bieten … Getrennte Entsorgung von Zigarettenkippen und Abfall … Windmühlchen, um das Smartphone des Fahrers aufzuladen.“

Merkur 07.09.2021: „Elon Musk kann sich bedanken: Tesla bekommt über eine Milliarde Euro für Grünheide.“

Reezo rund „ums Klima“ 06.09.2021

Die Biosphäre wird dynamisch zerstört.

Das Klima heizt sich auf. Meere, Böden und Trinkwaser verdrecken. (Bradshaw, 2021)

Der Raum für alle Lebensformen der Erde (uns eingeschlossen) wird enger. Einige diskutieren bereits über ein „Ende der Evolution“ – wie wir sie kennen. (Glaubrecht 2020, Jorion 2018, 2020)

Scan: „Actuel Novapress“ No. 137 (25), Ron Cobb 1937-2020, cartoon: 1968
Die Bedrohung der Biospäre wird seit einem halben Jahrhundert diskutiert. Konsequenzen? Fehlanzeige!

Die globale Krise des Wirtschaftssystems

Seit 2008 blähen sich immer größere Finanzblasen auf. Die Bilanzen der EZB (Europäische Zentralbank) und der FED (Federal Rexerve System) der USA) sind voll von Risikopapieren (Derivaten), nicht marktgängigen (derzeit unverkäuflichen) Staatsanleihen und Kreditaufnahmen.

“Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.” EZB Präsident Maria Draghi, 26. Juli 2012

Draghi irrte. Es reichte nicht.

  • Ab Früh-Herbst 2019 blähten sich die Bilanzsummen der EZB und der FED in einer bisher ungeahnten Geschwindigkeit auf.
  • Ab Februar 2020 beschleunigte sich die weitere Ausdehnung durch die diverse finanzielle „Corona“-Rettungsprogramme.

Bild: Links Staatsanleihen der EZB (Quelle: www.ecb.europa.eu/pub/annual/balance/html/index.en.html), und rechts der FED (USA) 2008-2021. Bild: www.federalreserve.gov/monetarypolicy/bst_recenttrends.htm (Total Assets – Gesamt-Aktiva am 31.08.2021: 8 347 173 000 000 000 US$)

Die Finanzkrise sorgt für eine Marktbereinigung

Wie in der Evolution eröffnen sich Lücken für einige Großunternehmen (in Deutschland u.a. Lidl, Aldi, SAP, ..), in die sie jetzt wuchern. Andere sterben ab, spätestens dann, wenn sie nicht mehr staatlich gestützt werden. (Schick 2021)

Sollten die Finanz-Blasen platzen, werden einige Gesellschaften und Staaten instabil werden. Denn viele leiden zusätzlich an einem gesellschaftlichen Spaltpilz: Die Reichen werden immer reicher, und die Armen ärmer (Tagesschau 22.10.20, Davis 0805.2021) Nicht nur die Armen slebst werden dabei kränker, sondern ebenso die Gesellschaften, in denen sie leben (Richard Williams Vortrag 2011)

Strategien, die im Bundestagswahlkampf propagiert werden, um überkommene Wirtschaftssysteme nach einer „Bereinigung der Märkte“ in einem „Neuen Normal“ durch neues „nachhaltiges“ Wachstums zu stabilisieren, werden die Umwelt mit großer Sicherheit weiter zerstören.

Die weitere Verknappung der natürlicher Ressourcen wird allerdings, ebenso wie die dadurch ausgelösten sozialen Verwerfungen, die Möglichkeiten zur weiteren Profitmaximierung langfristig begrenzen.

Angesichts innerer Verfallserscheinungen werden immer wieder Kriege ausgerufen werden, gegen Feinde, die sich gerade anbieten. Das führt dann zwar zu einem vorübergehenden Aufschwung einer Kriegswirtschaft, die wirksame Munition produziert („gegen was auch immer“). Aber auch solche Blasen kollabieren erfahrungsgemäß, wenn das Limit der Ausdehnung erreicht wird. Entschlossene Rufe, wie „Wir sind im Krieg!“, sind daher immer auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

… Momentan beruhigen sich alle damit, dass der Impfstoff uns alle alsbald retten könnte. Bezogen auf das Finanzsystem ist das jedoch nur die nächste Illussion. Denn ohne fundamentale Änderungen steht hier nur eines fest: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.“ Schick 2021

Ein Problem kann man bekämpfen.

Viele Problemen muss man managen.

Zu vollständigen Artikeln und Literatur

Krisen-Philosophie

Syndemie

Letzte Aktualisierung: 08.10.2021