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16. September 2023

Wir stecken in der Klemme

„Die Herausforderungen, zur Verhinderung einer „grässlichen Zukunft“, werden unterschätzt: Das Ausmaß der Bedrohung für die Biosphäre und all ihre Lebensform – einschließlich der Menschheit – ist so groß, dass es selbst für die am besten informierten Expert:innen schwierig zu verstehen ist – die Umweltzerstörung ist unendlich gefährlicher für die Zivilisation als Trumpismus oder Covid-19″ Sinngemäß übersetzt aus: „Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future“ Bradshaw Front. Conserv. Sci., 13.01.2021.

Zusammenfassung

Aus Sicht der Erde sind wir „die Pest“. Nur: im Gegensatz zu Bazillen, wissen wir, was wir tun.

P. Invanov, Holzskulptur, „Chernobyl“, Regionales Museum Fergana. Bild: Jäger 2023

1961 lag der Ressourcenverbrauch der Menschheit etwas unter den planetaren Reserven. Seither stieg das Wirtschaftswachstum exponentiell an. Damit verbunden, wurden immer größere Bereiche der Biosphäre verdreckt.

1980, als Tschernobyl explodierte, lag der Weltüberlastungsindex bei 1,18%.

1992, im Jahr der Umweltkonferenz in Rio waren es bereits 1,28%. Damals wurde beschlossen, man müsse „ab sofort „weltweit denken und lokal handeln“. Aber spätestens seit Ende des letzten Jahrhunderts ist die (damals beschlossene) Agenda 21 vergessen.

Langfristiges Denken, das der Agenda 21 zugrunde lag, wurde ersetzt durch kurzfristiges, u.a. die Agenda 2010.

Die Katastrophe der Biosphäre wurde in den Medien abgelöst durch die Schlagworte vom „Kampf gegen den Klimawandel“.

Wie in der Medizin doktern neo-liberale Politiker gern an Symptomen herum. Ärzt:innen bekämpfen Fieber mit Pharma-Zäpfchen und Pillen. ReSet-Politik verkaufen dagegen „grünes Wachstum“, in der Erwartung neuer Profite mit Windmühlen, Elektroautos, Wärmepumpen, Solarzellen uva..

Dagegen werden Krankheitserscheinungen im „Neuen Normal“ des Menschen-Zeitalters verdrängt. U.a. die Verseuchung der Meere, der Böden und des Wassers.

Wollte man etwa das (für das Überleben der Menschheit vielleicht gefährlichste Symptom (das Artensterben) aufhalten, entstünden nur Kosten. Dafür wird es aber keine Mittel geben. Jedenfalls so lange es wichtiger zu sein scheint Kriege zu gewinnen, um die noch verbleibenden Reichtümer der Erde.

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Im Prinzip verlaufen Krankheiten bei kleinen und großen Lebensformen gesetzmäßig ab: ,überschwemmt ein Erreger seinen Wirt mit ungebremstem Wachstum und hemmungsloser Verdreckung (Beispiel Cholera), dann gibt es (grob) drei Perspektiven:

  1. Den Wirt umbringen und mit ihm sterben (Mars-Perspektive).
  2. Den Keim umbringen und gesunden (Neo-Biosphäre ohne Homo sapiens).
  3. Sich integrieren in eine neues, friedliches Ökosystem (Mensch als Nützling in einem Systemzusammenhang).

Die Cholera-Bazillen haben das dritte geschafft: Sie sind heute ein friedlicher Teil des Mikrobioms der Nepalesen, u. v. a. Bei der Gattung Homo befürchte ich die Varianten (1) oder (2). Es sei denn, es gäbe einen Bewusstseinssprung, der aber mindestens ebenso heftig sein müsste, wie der letzte der Neolithischen Revolution vor ~ 8.000 Jahren.

Hinweise

Kranke Zivilisation

Bild aus „Actuel Novapress“, No. 137 (25), Cartoon: 1968 von Ron Cobb (1937-2020)

Krankheiten entstehen aus den Störungen von Gleichgewichtszuständen (Homöostase). Sie entwickeln sich, wenn die Wechselwirkungen offener Systeme (die Lebewesen ausmachen und sie durchdringen) nicht reibungslos miteinander und ineinander fließen. Erkrankt ein übergeordnetes System (ein See), leiden untergeordneten Systeme (die Frösche).

Die Krankheitszeichen unserer Biosphäre sind unübersehbar. Manche wachsen besonders bedrohlich: Artensterben, Klimaerwärmung, Vermüllung von Wasser, Böden und Luft. Offensichtlich ist die Biosphäre mit einem Krankheitserreger infiziert. Der aber nicht von außen kommt.

Wie alle Infektionen wird auch die Krankheit der Biosphäre regelhaft verlaufen: Vermehrt sich ein Infektionserreger unbegrenzt, verdrängt er die Mehrzahl anderer Organismen, und vergiftet er das ihn umgebende Ökosystem, bietet ihm die Evolution zwei Möglichkeiten: Entweder er stirbt (und manchmal sein Wirtsorganismus mit ihm). Oder eine veränderte Variante kann überlebem, weil sie durch eine evolutionäre Lücke schlüpft, und sich ihrem Umfeld anpasst, ohne es stören. Manchmal erscheinen dann ehemalige Schädlinge als Nützlinge.

Bei Menschen fördert es die Genesung, Krankheit anzunehmen. Dann kehrt Ruhe ein, die Störung von Zusammenhängen wird besser verstanden, und es keimen Ideen, wie man sie günstig beinflussen könnte.

Den meisten wird ihre Krankheit aber erst nach einer Katastrophe bewusst. Bis dahin werden lästige Symptome bekämpft, manchmal immer mehr und immer heftiger. Die eigentlich Veränderungen der Verhältnisse und des Verhaltens, bleiben aus: bis zum „Burn out“.

Oft scheint es noch lange gut zu gehen, ohne etwas zu verändern. Aber bei schleichend erkrankten Lebewesen sinkt die Fähigkeit, sich an neue Belastungen anzupassen. Und so gingen die Kulturen in West-Europa und Nord-Amerika, aus den rasch aufeinanderfolgenden Krisen nicht gestärkt hervor (Finanzkrise 2008, Migrationskrise 2015, Pandemie-Krise 2020, Afghanistan-Nord-Afrika-Krise 2021) . Obwohl die Mittel zur Bekämpfung von stets neuen Feinden immer entschlossener verschossen werden: Erst mit „Bazookas„, dann mit „Wumms“ und 2022 schließlich mit der „Aufrüstung aus voller Kraft“ (Olaf Scholz)“ – Und dann weiter so bis zum ganz großen Knall?

Die Muster der Bekämpfung von Krankheitszeichen sind sich ähnlich

  • Verengung des Blickfeldes auf einen einfachen Tunnel, mit Feindbild und Zielscheibe
  • Verlust der Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu verstehen
  • Zielgerichtete, lineare Bekämpfung eines äußeren Feindes
  • Fehlende Wahrnehmung für innere Störungen
  • Illusion, das bekannte Wissen bilde die gesamte Realität ab
  • Irr-Glaube, komplexe, eigendynamisch, offene Systeme seien beherrschbar
  • Verdrängung der Kollateralschäden durch scheinbar einfache Interventionen in komplexe Systeme
  • „Weiter so“: Veränderungs-Re-Set, damit alles so bleiben kann, wie es ist
  • Verdrängung von Krankheitsursachen (Unbegrenztes Wachstum, Vergiftung des Wirtsorganismus)

In der Medizin sind solche Strategien beliebt, weil sie kurzfristig wirken und deshalb lukrativ vermarktet werden können. Oft verschlimm-bessern sie, weil sie Kollateralschäden erzeugen. Sie erfordern dann erneut (lukrative) Bekämpfungsstrategien. Übersteigen die Schäden der Behandlung dabei ihren Nutzen, ist das Ende der Behandlung oft auch das Ende des Problems. (Watzlawick)

Mittlerweile bilden die auflaufenden Probleme des Erd-Zeitalters der Menschen (Anthropözän) eine Masse, die nicht mehr ignoriert werden kann.

Folglich müsste die Menschheit jeden Problemaspekt in den Gesamtkontext einordnen: Die Gesundheit der Biosphäre. Daraus ergäben sich dann (bei jeder Krise) völlig andere Handlungs-Strategien:

  • Nicht gegen etwas kämpfen, sondern für etwas sorgen
  • Komplexe Systemzusammenhänge verstehen und beruhigen
  • Das Wirtschaftssystem umbauen: radikal weniger & nutzbringend für das Ökosystem der Biosphäre
  • Konsequent gewaltfrei und sinn-voll handeln
  • Wirtschaft und Politik „Werten und Visionen“ unterordnen, die am Gemeinwesen und den Bedarfen der Natur orientiert sind.

Der Raum für alle Lebensformen der Erde (uns eingeschlossen) wird enger.
Einige diskutieren bereits über ein „Ende der Evolution“ – wie wir sie kennen.
(Glaubrecht 2020, Jorion 2018, 2020)

Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaveränderungen, Berlin, 28.02.2022: “ Der vom Menschen verursachte Klimawandel verursacht gefährliche und weitreichende Störungen der Natur. Er beeinträchtigt das Leben von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt … Am stärksten betroffen sind Menschen und Ökosysteme, die am wenigsten in der Lage sind, mit den härtesten Folgen umzugehen … Es sind dringende Maßnahmen erforderlich “ (Freie Übersetzung Jäger) Kommentar: NZZ 28.02.222

„Elon Musk kann sich bedanken: Tesla bekommt über eine Milliarde Euro für Grünheide.“
Merkur 07.09.2021:

Möglicherweise stellt die Verarmung des (inneren) „Mikrobioms“ und des äußeren „Makrobioms“ für das Überleben der Menschheit die größte Bedrohung dar. Bild: National Geographik 07.05.2022

Retten uns Elektroautos, Solarzellen und Windmühlen?

Alle Parteien in Deutschland hoffen auf ein „nachhaltiges Wachstum“ und setzen auf Sieg über äußere Feinde. Gestritten wird hauptsächlich über die Art der Verteilung künftiger Gewinne aus einer „krisensicheren“ Wachstums-Wirtschaft. Und über den Schutz vor den Anderen, die von draußen an unsere Töpfe drängen könnten.

Reicht es aus zu hoffen, wenn wir weiter machen wie bisher?

Die Herausgeberin des British Medical Journal (Fiona Godlee) schrieb 2021
(Übersetzungsunterstützung: www.deepl.com):

Die Welt erwärmt sich, und es besteht dringender Handlungsbedarf. Ohne eine radikale Änderung der Art und Weise, wie wir leben, uns bewegen, essen, arbeiten und spielen, wird der Anstieg der globalen Temperaturen zu irreversiblen planetarischen Veränderungen mit katastrophalen Folgen für die Menschheit führen. Das sind starke Worte, aber sie werden von der Wissenschaft gestützt. Der Internationale Ausschuss für Klimaänderungen sagt, dass die Welt ihre Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen bis 2030 halbieren und bis 2050 auf Null reduzieren muss, um den postindustriellen globalen Temperaturanstieg unter dem Kipppunkt von 1,5°C zu halten.“

Sie hat Recht, aber sie beschreibt nur einen Teil des Problems. Da die Biosphäre krankt an vielem. Sie leidet nicht nur an Fieber, sondern auch an Artensterben, Trinkwasserknappheit, Versalzung, Vermüllung der Böden und der Meere (mit Giften, Radioaktivität, Metallen, Pestiziden, Plastik) uva. Und was sollen wir tun? Fiona Godllee schlägt vor, zu hoffen:

Hoffnung ist wichtig, um die Öko-Angst zu bekämpfen und uns und andere zu wirksamen Maßnahmen anzuspornen. … Die richtigen wirtschaftlichen Entscheidungen könnten uns in eine nachhaltige, integrative und widerstandsfähige globale Zukunft führen. Gemeinsam und individuell müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen: Wir müssen den Systemwechsel im Gesundheitswesen vorantreiben, um Emissionen und Abfälle zu reduzieren, uns für nationale und internationale politische Maßnahmen einsetzen und unsere Patienten und die Öffentlichkeit aufklären, um die Zukunft unseres Planeten und seiner Bewohner zu sichern. Wir können nicht darauf warten, dass jemand anderes handelt. Dafür haben wir keine Zeit.

Wir haben keine Zeit mehr

Es gibt nur noch eine wirtschaftliche Entscheidung, die nachhaltig wäre: Weniger Wachstum.

Der Trend des Spätkapitalismus weist aber in eine andere Richtung. Uva. hin zur Digital-Medikalisierung aller Lebensbereiche. Der Wissenschaftsjournalist Guillaume Piton rechnete am 07.10.2021 auf, dass allein die Dynamik der „reinen Digitalisierung“ zu einer weiteren dramatisch beschleunigten Belastung der Biosphäre führen wird. Obwohl er bei seiner Analyse die Ökobilanz der Windmühlen, Gesundheits-Diagnostik-Therapie-Maschinen, Solarzellen, Elektroautos, etc gar nicht berücksichtigte:

Guillaume Pitron: Klimakiller Tiktok. Die Ökosünden der Digitalindustrie. Le Monde Diplomatique 07.10.2021, Download Seite 1, Seite 2, Seite 3

Die Umwelt-Katastrophe kommt in die Jahre

1992 waren sich nahezu alle Staaten einig:

Die Menschheit stand (und steht jetzt noch schlimmer) vor einer umfassenden Umwelt-Katastrophe (Welt-Umwelt-Konferenz in Rio 1992). Inzwischen sind ausnahmslos alle Aspekte der Biosphäre erkrankt : Luft, Klima, Böden, Meere, Lebensformen … durch Gifte, Elektro-, Atom- und Plastikmüll, Versauerung, Überdüngung, Metalle, Pestizide, Antibiotika, Abgase und natürlich auch durch Überbevölkerung. Die sauberen Industriestaaten haben die Drecksarbeit in ärmere Länder verlagert. Deren Umweltprobleme kommen hier selten in die Schlagzeilen. Selbst dann nicht, wenn wir sie direkt mit-verursachen:

TÜV-Süd & der Dammbruch in Minas Gerais /Brasilien im Januar 2019:
„Obwohl wir nicht verstehen, wie etwas funktioniert, können wir sicher sein, dass es funktioniert!“ Imagefilm des TÜV Süd, SZ vom 29.01.2019 – FAZ zum Prozess am 29.09.2021: TÜV Süd verweigert sich der Verantwortung, denn die letzten Kontrollen seien ohne Beanstandungen verlaufen. Niemand habe mit der völlig überraschenden Katastrophe rechnen können.

Halbseitige Anzeige zur IAA in der FAZ (04.09.2021).
Gutes Gewissen kombiniert mit Luxus, Status, und Protzsucht.

Gehandelt wurde seit 1992 nicht. Im Gegenteil:

Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nahm rasant an Fahrt auf. Zehn Jahre später benannte man die Biosphären-Katastrophe in den Teilaspekt „Klima-Katastrophe“ um: Denn für den „Kampf gegen die Klima-Erwärmung“ konnte man (im Gegensatz zum Artensterben uva.) noch mehr Wirtschaftswachstum anschieben. Ganz so, als wiesen die „Neuerungen des Klimaschutzes“ keine Öko-Bilanz auf. Der „Klimaschutz “ mauserte sich (neben der Medikalisierierung aller Lebensbereiche) zum großen Konjunkturprogramm der Neuzeit. Erzählt wird dabei das schaurige „Märchen vom grünen Wachstum“ (Bruno Kern 2020, Michael Moore 2020). Wie kleine Kinder, scheinen auch viele Erwachsene daran zu glauben (zumindest, wenn man das aus den Wahlergebnissen schließt).

Bis 2002 gab es in Deutschland (neben einer Friedensbewegung) eine „Agenda für das 21. Jahrhundert“ („Global Denken – Lokal Handeln“). Dann beteiligte man sich aber, nach dem Grün-Roten-Machtwechsel, in rascher Folge an völkerrechtswidrigen Kriegen um Einflußzonen, Handelswege, Macht und Rohstoffe. Zugleich wurde das langfristige Denken (der „Agenda 21„) ersatzlos abgeschafft, zugunsten kurzfristigen Profitdenkens und Marktregulierung („Agenda 2021“).

Charlie Hebdo 18.08.2021: „Bald entsteht hier eine Fabrik für elektische Autos“. Alles super ökologisch: „Kette und Motor aus recyceltem Material … Pflänzchen, um dem Fahrer etwas Frische zu bieten … Getrennte Entsorgung von Zigarettenkippen und Abfall … Windmühlchen, um das Smartphone des Fahrers aufzuladen.“ Fahren unsere Panzer eigentlich auch mit Solarzellen oder mit Tesla-Batterien? Kommt für die „Grüne Elektro-Wende“ bald eine Renaissance der Atomkraft wie in Frankreich?

2022 wird sich die wachstumssichernde Finanz-Blase kriegsbedingt weiter aufblähen. Langfristig abgesichert durch dauerhaft-etablierte Rechtsnormen, die zu bravem Mitmachen zwingen, und einen höheren Stellenwert erhalten als die Grundrechte. „Smart Health / Health 2.0″ (die Digital-Medikalisierung aller Lebensbereiche), rasantes neoliberales Wirtschaftswachstum“ und vielleicht die Kriegsgefahr werden unsere Spezies möglicherweise noch schneller in Richtung der Sackgassen treiben, die erkennbar vor uns stehen.

Dem Westen fehlt es an Visionen, die langfristig mit dem Leben der Biosphäre verträglich wären. Das ist die eigentliche Gefahr, die vom fernen Osten ausgeht: Denn möglicherweise könne man dort – anders – erfolgreicher sein. (Tagesspiegel 18.09.2021).

… Momentan beruhigen sich alle damit, dass der Impfstoff uns alle alsbald retten könnte. Bezogen auf das Finanzsystem ist das jedoch nur die nächste Illusion. Denn ohne fundamentale Änderungen steht hier nur eines fest: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.“ Schick 2021

Ein Problem kann man bekämpfen.

Komplexe Systeme muss man managen.

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Letzte Aktualisierung: 19.05.2024