19. Januar 2021

Corona-Krisen-Philosophie

Inhalt

  • Dauerwelle?
  • Chaos managen statt bekämpfen
  • Selber Denken in der Krise
  • Corona-Philosophie
  • Dauerwelle und Todesangst
  • Ultimativer Placebo
  • Mehr desgleichen

Interner Link

Kunst

Dauerwelle?

„Jährlich neue Impfkampagnen!
Corona-Mutanten schaffen Milliarden-Markt.“ NTV 09.02.2021

Die Kombination „jeweils angepasster PCR-Tests“ und „mRNA“ wird das aktuelle globale Geschäft noch lange am Laufen halten. Spätestens, bis die Influenza wieder auftaucht. Dann wird auch gegen ihre neuen Viren mit PCR getestet werden. Und so ein Bedarf geschaffen für neue Marketing-Kampagnen.

mRNA-Impfungen werden infolge globaler Massen-Austestungen bald als normal akzeptiert werden. Sie sind anpassungsfähiger (an die Veränderungen ihrer jeweiligen Ziele) als konventionelle Protein-Impfstoffe: und damit langfristig profitabler.

Wenn die Produktionsanlagen für die mRNA-Technologien erst einmal (öffentlich finanziert) fertig gestellt sein werden, wird es vermutlich erst richtig losgehen: mit „Präzisions-Onkologie“ oder „Alzheimer-Impfstoffen“.

Also mit dem Verkauf der Illusionen des Schutzes gegen alles, womit Angst erzeugt werden kann. Kommerziell Uninteressantes wird im Medizinbusiness zunehmend verdrängt werden:

  • Armuts- und Zivilisationskrankheiten,
  • Entwicklungsstörungen und -verzögerungen,
  • psychisches und körperliches Leiden,
  • Verhaltens- und Verhältnisprävention, und natürlich
  • Gesundheit im Sinne mangelnder Nachfrage nach Medizinprodukten.

Ärzt:innen & Gesundheitsinstitutionen werden zunehmend von Treibern der Kommerzialisierung (die verschreiben, was auf dem Kugelschreiber steht) zu Getriebenen. Sie werden (immer mehr) nur noch tun, was sie müssen. Und überwiegend schweigend brav mit-machen, um auch etwas vom Health-2.0-Kuchen abzubekommen.

Bei machen Ärzt:innen kriecht allerdings bereits die Angst hoch, abgeschafft zu werden, weil sie viel zu teuer sind für Health-2.0: Diplom-Mediziner:innen (ausgestattet mit weißen Kitteln & Stethoskop) können im Impfzentrum sicher einen ebenso guten (und damit wirksamen) Eindruck machen beim Pieksen: Aber zu wesentlich geringeren Kosten.

Initiativen zur Corona-Strategie

Werden angesichts der Kommerz-Dauer-Wellen die Argumente kluger Mediziner:innen für einen „Strategiewechsel“ Gehör finden?

Ich bezweifle es:

Denn rational-kritische Wissenschaft, die „Für und Wider“ abwägt, ist viel zu komplex. Deshalb ist das deutsche Gesundheitsministerium auch nicht in der Lage, einen Aufklärungszettel für die Covid-Impfung zu schreiben. Es überlässt diese Aufgabe lieber einer intransparenten Briefkastenfirma: dem „Grünen Kreuz“. In dessen Text zur Impfung steht folglich all das nicht drin, was man nicht weiß:

  • Wechselwirkungen zwischen mRNA und menschlichem Erbgut in der Zelle (den Mitichondrien)
  • Risiken nicht neutralisierender Antikörper (Antibody dependant enhancement)
  • Risiken von PEG-Nano-Partikeln in Zellen und Organen

Die Entscheider:innen dieser Kampagnen und die verängstigen Gläubigen, die sich nach Sicherheit sehnen, interessiert das alles nicht.

Ich vermute, Ivan Illich hatte nicht Unrecht, als er 1977 schrieb, der Medikalisierungs-Albtraum könne nur enden, wenn die Mehrzahl der Betroffenen einfach nicht mehr mitmache.

„Ich hoffe, dass die Gesellschaft aufwacht!“
Heribert Prantl: Berliner Zeitung 30.01.2021

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Zitat: Dass es sich hierbei um keinen vorübergehenden Zustand handelt, wird von den Regierungsvertretern selbst bestätigt, indem sie nicht müde werden, zu wiederholen, dass das Virus noch unter uns sei und die Epidemie jederzeit wieder ausbrechen könnte. … Angst ist das politische Herrschaftsinstrument. … Die Dinge werden furchterregend, weil wir ihre Zugehörigkeit zur Welt vergessen. … Deshalb müssen wir zurück zur Wirklichkeit! .. Das unsichtbare Ding, das mich in Schrecken versetzt, ist gewöhnliche Realität wie ein Baum, ein Bach oder ein Mensch … Die Pandemie, welche die ganze Gesellschaft in Schach hält, bietet eine unerwartete Gelegenheit, ein Volk von Untertanen noch enger zu überwachen … Wir werden nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Wir werden nicht mehr die Augen vor der Misere verschließen können, in die uns die Religion des Geldes und die Blindheit der Entscheidungsträger gestürzt haben. Giorgio Agamben 2021

Chaos managen (statt bekämpfen)

19.01.2021

Herausforderungen, zur Verhinderung einer grässlichen Zukunft, werden unterschätzt: Das Ausmaß der Bedrohung für die Biosphäre und all ihre Lebensform – einschließlich der Menschheit – ist so groß, dass es selbst für die am besten informierten Expert:innen schwierig zu verstehen ist – die Umweltzerstörung ist unendlich gefährlicher für die Zivilisation als Trumpismus oder Covid-19″ Sinngemäß übersetzt aus: „Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly FutureBradshaw Front. Conserv. Sci., 13.01.2021.

Ein Problem kann man bekämpfen.

Bei vielen Problemen wäre es sinnvoller, sie zu managen.

Wir stecken in der Klemme.

Ressourcen der Biosphäre werden dynamisch zerstört.

Das Klima heizt sich auf. Meere, Böden und Trinkwaser verdrecken. (Bradshaw, 2021)

Der Raum für alle Lebensformen der Erde (uns eingeschlossen) wird enger. Einige Wissenschaftler:innen diskutieren bereits über ein „Ende der Evolution“ – wie wir sie kennen. (Glaubrecht 2020, Jorion 2018, 2020)

Scan: „Actuel Novapress“ No. 137 (25), Ron Cobb 1937-2020, cartoon: 1968
Die Bedrohung der Biospäre wird seit einem halben Jahrhundert diskutiert. Konsequenzen? Fehlanzeige!

Die globale Krise des Wirtschaftssystems

Seit 2008 blähen sich immer größere Finanzblasen auf. Die Bilanzen der EZB (Europäische Zentralbank) und der FED (Federal Rexerve System) der USA) sind voll von Risikopapieren (Derivaten), nicht marktgängigen (derzeit unverkäuflichen) Staatsanleihen und Kreditaufnahmen.

“Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.” EZB Präsident Maria Draghi, 26. Juli 2012

Draghi irrte. Es reichte nicht.

  • Ab Früh-Herbst 2019 blähten sich die Bilanzsummen der EZB und der FED in einer bisher ungeahnten Geschwindigkeit auf.
  • Ab Februar 2020 beschleunigte sich die weitere Ausdehnung durch die diverse finanzielle „Corona“-Rettungsprogramme.

Bild: Links Staatsanleihen der EZB (Bild: www.ecb.europa.eu/pub/annual/balance/html/index.en.html), und rechts der FED (USA) 2008-2021. Bild: www.federalreserve.gov/monetarypolicy/bst_recenttrends.htm

Die Finanzkrise sorgt für eine Marktbereinigung: Wie in der Evolution eröffnen sich Lücken für einige Großunternehmen (in Deutschland u.a. Lidl, Aldi, SAP, ..), in die sie jetzt wuchern. Andere sterben ab, spätestens dann, wenn sie nicht mehr staatlich gestützt werden. (Schick 2021)

Sollten die Finanz-Blasen platzen, werden einige Gesellschaften und Staaten instabil werden. Denn viele leiden zusätzlich an einem gesellschaftlichen Spaltpilz: Die Reichen werden immer reicher, und Armen ärmer. (Tagesschau 22.10.20)

Die absehbaren Strategien, das überkommene Wirtschaftssystem nach einer „Bereinigung der Märkte“ in einem „Neuen Normal“ durch neues „nachhaltiges“ Wachstums zu stabilisieren, werden die Umwelt weiter zerstören.

Aber die weitere Verknappung der natürlicher Ressourcen wird, ebenso wie die dadurch ausgelösten sozialen Verwerfungen, die Möglichkeiten zur weiteren Profitmaximierung langfristig begrenzen.

Angesichts innerer Verfallserscheinungen wurden und werden immer wieder Kriege ausgerufen, gegen Feinde, die sich gerade anbieten. Das führt dann zu einem vorübergehenden Aufschwung einer Kriegswirtschaft, die wirksame Munition produziert. Aber auch solche Blasen kollabieren erfahrungsgemäß, wenn das Limit der Ausdehnung erreicht wird. Entschlossene Rufe, wie „Wir sind im Krieg!“, sind daher immer auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

… Momentan beruhigen sich alle damit, dass der Impfstoff uns alle alsbald retten könnte. Bezogen auf das Finanzsystem ist das jedoch nur die nächste Illussion. Denn ohne fundamentale Änderungen steht hier nur eines fest: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.“ Schick 2021

Die dritte Katastrophe: Covid-19

Wie die ersten beiden Krisen hat auch die SARS-CoV-2-Pandemie etwas mit menschlichem Verhalten zu tun. Neue Viren fallen nicht vom Himmel wie Meteoriten: Die Wahrscheinlichkeit ihres Auftauchens steigt u.a. mit dem Rückgang der Artenvielfalt, der Abholzung, der Umweltverdreckung und der Dynamik chemisch-industrieller Landwirtschaft. (Wallace 2020).

Zudem machen neue Viren nicht nur krank, sondern sie verweisen ebenso auf bestehende Krankheiten. Viele, die mit ihnen in Berührung kommen bleiben gesund.

Die Verbreitung des tödlichen Ebola-Virus ist z.B ein Anzeichen für kranke „Gesundheits“-Systeme. Covid-19 spiegelt eine abnehmende Fähigkeit bestimmter Personen auf neue Herausforderungen effektiv zu reagieren (bedingt durch vorgeschädigte Organe, übererregtes Immunsystem, Alter, Übertherapie, Adipositas, Bewegungsmangel uva.). Oder die Tatsache, dass viele Menschen in krankmachenden Verhältnissen leben müssen (u.a. mit Feinstaub).

Es läge deshalb nahe, sich nicht nur auf die Bekämpfung des Virus zu konzentrieren. Sondern sich ebenso intensiv zu fragen, was getan werden muss, um Gesundheit zu fördern: durch geeignetes Verhalten (Bewegung, Schlaf, Ernährung, u.a.) und geeignete Verhältnisse (Schutz älterer Menschen u.a.).

Im Zusammenhang mit diesen, zurzeit drei, fundamentalen Krisen entwickeln sich weitere:

  • Entwicklungsverzögerungen bei Kinder (Bewegungs- und Sprach-Kompetenz, Handfertigkeiten, soziale Fähigkeiten uva)
  • Zunahme psychiatrischer Erkrankungen,
  • Epidemien von Adipositas, Diabetes, Immunstörungen uva.,
  • weiteres Aufklappen der Schere zwischen Arm und Reich,
  • Demokratieabbau,
  • Gesundheitliche Folgen der Medikalisierung aller Lebensbereiche
  • und viele andere.

„Ein gesundheitlicher Notfall dieses Ausmaßes erfordert einen strategischen und systembasierten Ansatz.“ – „A health emergency of this scale requires a strategic and systems-based approach.“ BMJ 08.01.2020)

Ein Problem vernichten?

Die gängige Strategie angesichts vieler Probleme ist es (wie jetzt in der „Corona-Krise“):

  • eines herauszugreifen, und
  • es der Einfachheit halber (gedanklich), von allem anderen zu trennen.

Ist ein Problem dann erst einmal definiert (zum Beispiel die Verbreitung eines Virus), werden Strategien entwickelt, die das Problem isolieren, eingrenzen und ultimativ beseitigen sollen. Damit soll erreicht werden, dass die Welt nach der Problemlösung so sei, wie sie vorher gewesen war.

Das wird sich auch bei Covid-19 als Illusion erweisen. (Schrappe 10.01.2021) Die verzweifelten Rufe nach immer radikaleren Lösungen, die die „Dauerwelle“ wegzaubern sollen, werden unsere Chancen nicht erhöhen, die anderen beiden großen Krisen zu überleben.

Pat-end-lösungen, mit immer härteren Lockdowns, werden unter anderem immer heftigere Kollateralschäden bewirken, besonders bei Kindern.

Die scheinbar radikale Forderung nach „Zero-Covid“ im Rahmen eines „solidarischen“ Lockdowns, macht allein aus biologischen Gründen keinen Sinn: Denn die Viren sind da, sie verbreiten sich (schneller oder langsamer) weiter, und harmlosere Varianten, die ihren Wirt nicht umbringen, werden bessere Verbreitungschancen haben. So wie bei jeder Virusinfektion. Ein „Null“ kann und wird es daher nicht geben. Die Menschheit wird auch mit diesem Virus leben müssen.

„Ein solidarischer Lockdown ist ein Etikettenschwindel. Dahinter verbirgt sich die Forderung nach einer Verschärfung der Umverteilungspolitik von unten nach oben. … mit ihrem Appell (gießen sie) Öl ins Feuer einer zutiefst unsozialen Politik, die sich weit von demokratischen Prinzipien entfernt hat.“ Multipolar 18.01.2020,

Als Folge der absehbaren Dauer-Lock-downs werden die Fähigkeiten, neue Herausforderungen flexibel zu bewältigen (Resilienz), weiter sinken lassen; insbesondere bei Kindern. Kriege „gegen irgendetwas“ (z.B. Krankheit), führen eben nicht zwangsläufig zum Frieden (zu Gesundheit).

Sich auf die Apokalypse vorbereiten?

Der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist Europa und Nordamerika der ideologische Überbau abhanden gekommen. Die entfesselten Märkte werden weder von Religionen noch von Staaten kontrolliert. Angesichts der unübersehbaren Krisen, denen keine langfristiger Perspektiven gegenübergestellt werden, schwindet das Vertrauen der Bevölkerung in die Weisheit der Mächtigen. Viele basteln sich zurzeit ihr eigenes Weltbild, oder sie laufen anderen hinterher, die einfache Lösungen zu bieten scheinen.

Eines der vielen unguten Phänomene dieser Art ist die Modebewegung der „Prepper“, die sich auf den „Weltuntergang“ vorbereiten (ZDF 17.09.2020, NDR 23.05.2018).

Das Spektrum solcher Bewegungen reicht von harmlos bis faschistoid.

Solange es sich noch gut leben läßt, im reichen Norden, werden auch die „Prepper“ im Lockdown noch brav nach Hause gehen, wo ihre Vorräte lagern. Wenn sie sich aber abgekoppelt fühlen von der Gesellschaft, könnten sie rebellieren. Zum Beispiel, wenn sich die Wirtschaftskrise verschärfte oder eine Finanzblase platzte. Einen unorganisierten Mob wird man dann mit bewaffneter Staatsmacht noch relativ einfach unterdrücken können (CNBC 13.01.2021) . Aber auch Massenpsychosen?

‚Messes‘ managen?

Komplexe Probleme werden im Englischen als „mess“ bezeichnet: als Chaos oder Durcheinander.

Manche Probleme erscheinen (besonders mit Tunnelblick) relativ einfach und isoliert zu sein. Mit etwas Ruhe und Abstand kann man dann aber Wechselwirkungen und Beziehungen erkennen. Verschiedene zusammenhängende Probleme erscheinen dann nicht mehr unabhängig voneinander: Vielmehr wird bewusst, dass sie in der Realität dynamisch interagieren, und so zufällig völlig neue Situationen schaffen.

Einzelne Probleme existieren nur als willkürlich aus komplexen Situationen herausgegriffene Erscheinungen: Sie sind immer Anteile oder Aspekte größerer Zusammenhänge.

Problem-Komplexe („messes“) lassen sich nicht durch Optimierung einzelner Probleme verbessern. Stattdessen ist es notwendig, eine Situation wahrzunehmen und zu akzeptieren, wie sie sich in ihrer Gesamtheit (mit allen Aspekten) darstellt und entwickelt. Erst dann kann man sich ihr anpassen und sie begleiten, einfluss-nehmend und, im günstigen Fall, auch lenkend.

Etwa wie ein Kapitän, der Wolken, Wind, Wellen und den Zustand seines Schiffes gleichermaßen beachtet und unaufgeregt-überlegt handelt.

Bei neuen komplexen Problemzusammenhängen (die z.B. durch eine Epidemie verschlimmert wurden) wäre es günstig, möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen einzubeziehen, Möglichkeiten zu prüfen und Strategien zu entwickeln, die die Zahl der Möglichkeiten vermehren, indem getan wird, was die Gesamtsituation erfordert.

Viele Personen einbeziehen, und sie durch eine Vision begeistern. Bild: Julian Pratt eta. Partnership for purpose. Whole system Thinking working paper series. Kings Fund, 2000, ISBN 1-85717-299-9

An Visionen arbeiten

Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Antoine de Saint-Exupéry (Quelle)

Im Kampfgetümmel ist keine Zeit für Visionen. Ohnehin halten sich „Problemlöser“ lieber an die Empfehlung von Helmut Schmidt

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen,” Schmidt über Willy Brandts Visionen im Bundestagswahlkampf 1980

Wichtiger sind ihnen „Ziele“, denn die sind (eng und einfach) das Gegenteil des Problems: „Viel Covid: schlecht!“ – „Kein Covid: super!“

Visionen dagegen erweitern das Blickfeld auf alle Aspekte einer Situation, die sich verändern und entwickeln. Während Problemlösungen typischerweise mit einer Antwort beginnen („Genau so!“), entstehen Visionen aus Fragen. Zum Beispiel: „Wie wollen wir in 20 Jahren leben?“

Eine mögliche Vision, die vor meinen Augen auftaucht, wäre die einer glücklichen Gemeinschaft, in der sich unsere Kinder und Enkel friedlich, demokratisch, solidarisch, neugierig verwirklichen können – weil sie eingebettet in elastisch-stabiles, artenreiches Ökosystem leben.

Solche Vision muss man gemeinsam ausgestalten. Dann entsteht Sehnsucht. Und der Wunsch etwas zu tun. Und schließlich kommen konkrete Fragen nach der Strategie auf:

  • Mit noch mehr Wachstum?
  • Mit einer echten Transformation, die sich von dem Wachstumszwang verabschiedet? (Kern 2020)

Fundamentale Krisen-Komplexe bringen den großen Vorteil mit sich, dass nichts mehr sein kann, wie es war: Sie eröffnen Chancen für grundsätzlich neue Erfahrungen.

Zum Beispiel könnten mehr Menschen entdecken, dass wir in Systemen leben und daraus bestehen. Dann würden

  • Problem-Ausrottungs-Trancen (oder nach Watzlawick „Paten-end-lösungen“) an Bedeutung verlieren, und
  • Wechselwirkungen, Zusammenhänge, Dynamiken größere Aufmerksamkeit erhalten.

Wir würden beginnen, im Interesse unserer Kinder und Enkel handeln. Und nicht mehr gegen sie.

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Literatur

Selber denken in der Krise

12. Januar 2021

Wichtig ist: nicht aufhören zu fragen. The important thing is not to stop questioning. Curiosity has its own reason for existence. Einstein

Meist denken wir fremd.

Und tun das, was wir sollen – dem folgend, was aufgeschrieben wurde.

Wir glauben denen, die die Wahrheit kennen. Reagieren auf Herausforderungen mit angelernten Handlungsroutinen. Halten uns an Anweisungen. Und hoffen, dass es „so“ gut wird.

Fragen offenbaren Unsicherheit.

Befehlen folgen und handeln geschieht ohne Zeitverlust. Im Gegensatz zu Innehalten und sich interessiert umschauen.

Fragen werden daher nur toleriert, wenn genügend Zeit zur Verfügung zu stehen scheint. Oder wenn Unwissende Antworten suchen, die andere seit langem besitzen. Wird aber etwas, was allgemein als „richtig“ akzeptiert wurde, hinterfragt, macht man sich unbeliebt. Denn Zweifel, an dem was getan werden muss, könnten Problemlösungen verzögern, oder gar die Sicherheit einer gewohnten Weltsicht ins Wanken bringen.

Entweder ist es richtig, falsch, sinnlos oder imaginär. G. Spencer-Brown

Wenn immer alles es so ist, wie es war, wären Fragen überflüssig. Taucht aber plötzlich eine Situation auf, die es so noch nicht gegeben hat, versagen Weisheiten, die nur auf vergangenen Denkmustern beruhen.

An solchen Weggabelungen kann man stehenbleiben und staunen. Und erkennen, dass etwas (noch) nicht verstanden wird.

Bieten die gewohnten Gewissheiten dann keine Lösung, sind neue Ideen nötig. Also entstehen aus Fragen Erklärungsmodelle, die ausprobiert werden, sich als fehlerhaft erweisen, zu neuen Fragen führen, und zu veränderten Experimenten. 

Ausprobieren macht Spaß. Ohne die vielen offenen Fragen gäbe es nur Religionen, und keine Wissenschaft. (Rovelli 2019).   

„Betrachte die Welt von einem anderen Standpunkt“ „Take the world from another point of view“  Interview (Video) Richard Feynman (1918-1988)

Meditative Ruhe? Archaische Bedrohung? Nur Sand, Muscheln, Steine?
Bewertungen sind nur im Innern des Betrachters. Bild Jäger, Juist 2019

Die Kunst des Fragens

Die Grundlage jeder guten Frage ist „Nicht-Wissen“. Niemand hat je etwas gelernt, was er vorher schon wusste.

Am besten sind Fragen gepaart mit Neugier, um etwas herauszufinden. Sobald jemand aber glaubt zu wissen, wie es „wirklich“ sei, stirbt der Entdeckerdrang. Werden dagegen neue Fenster aufgestoßen, eröffnet sich eine neue unbekannte Welt, in der wieder neue Fragen aufkeimen.

Es gehört Mut dazu, Un-sicherheit ertragen, und über die eigene Beschränktheit zu lachen. Allerdings kann das Wissen um Nicht-Wissen auch zufrieden machen: weil es den Freiheitsraum erweitert.

Neugierig forschende Menschen fühlen sich auch in Situationen wohl, in denen andere Einsamkeit empfinden würden. Und sie haben weniger Bedarf an besserwissenden Dogmen und esoterisch-religiösem Geschwurbele. (Kanazawa 2015, 2016)

Gerade in Gefahr: Fragen!

statt: vorschnell antworten.

Bei Covid-19 geschah 2020/2021 das Gegenteil: hektischer Aktionismus, Tunnelblick, Dogma, politischen Dampf, Kampf-Euphorie, Kriegs-Metapher, Stress.

Zusammenhänge, Beziehungen und Wechselwirkungen waren unwichtig. Stattdessen wurde und wird „gegen“ etwas gekämpft: gegen Probleme, Mikroben, Terroristen oder Andersgläubige.

Diejenigen, die den Priester:innen der offiziellen Wahrheiten nicht folgen, organisieren sich in Sekten, die gegen übermächtige Kirchen zu kämpfen glauben. In diesem Kampf des gegenseitigen Besser-Wissens, bleibt nur wenig Raum für vorurteils-freies Fragen:

“ .. Durch die Epidemie ist es zu einer Fragmentierung der Gesellschaft in Gruppen („Clans“) gekommen, die sich in erster Linie in der Abgrenzung gegenüber dem „Außen“ stabilisieren und das Interesse an der Integration discordanter, „nicht passender“ Meinungen verloren haben. .. Die dabei ins Spiel kommende Vorstellung von Wissenschaft als geschlossene Faktenordnung mit direkt ableitbaren Handlungsanweisungen beruht auf einem szientistischen ( und solutionistischen) Missverständnis dessen, was Wissenschaft darstellt – nämlich das konstitutive Prinzip des systematischen Zweifels, dass Wissenschaft als plurales Wissensregime ausmacht. Dieses Missverständnis erfüllt eine relativ präzise zu benennende politische Funktion: nämlich die der argumentativen Schließung und der Abwehr bzw. Abwertung von Kritik.“ Thesenpapier 7.0, Schrappe et.al 10.01.2021

Wahrheit und Lüge

Immer neue Realitäten entstehen, entfalten sich und werden wirklich. „Wahrheit“ oder „Unwahrheit“ dagegen sind, statisch, auf Vergangenes bezogen. Sie werden in dem Moment, in dem sie ausgesprochen werden, aktiv erstellt. Kinder erlernen diese Fähigkeiten mit etwa vier Jahren. Sie sind dann in der Lage, Kasperletheater zu verstehen,

D.h. sie können sich vorstellen, was im Kopf eines anderen vorgeht, der darüber nachdenkt, was sie wohl denken oder fühlen mögen. Ab diesem Zeitalter sind sie auch für Wahrheiten empfänglich. Sie lauschen den Botschaften von Lehrern und Eltern, die ihnen erklären, dass die Welt eben nicht so sei, wie sie von ihnen subjektiv erfahren wird, oder in ihrer Fantasie entsteht. Sondern vielmehr so, wie sie nach den Lebensmodellen der Erwachsenen zu sein hat.

Auch die Realität einer Pandemie ist nicht: sie wird. Sie entwickelt und verändert sich. Man kann solche dynamischen Prozesse begleiten, und, aus dem jeweils subjektiven Blickwinkel, die vielen Einflussfaktoren betrachten, denen sie unterworfen sind.

Unterschiedliche Bewertungen sind dann weder „wahr“ noch „unwahr“, sondern nur relativ plausibel oder relativ unwahrscheinlich.

Als (wahrscheinlich) „wahr“ kann man aus wissenschaftlicher Sicht nur bezeichnen, was nach zahllosen Überprüfungen bisher nicht widerlegt werden konnte. Zum Beispiel bestimmte Naturgesetze, die zu immer wieder gleichen Mess-Resultaten führen. Wir können deshalb annehmen, dass die Welt immer wieder, im Rahmen dieser Gesetzmäßigkeiten, neu entsteht.

Eine ganz andere Möglichkeit, etwas als „wahr“ zu erkennen, wäre die körperliche Wahrnehmung: In einem Moment die Dynamik und die Facetten des eigenen Selbst und des Umfeldes zu erleben und sich zu verbinden.

Sinkende Qualität kritischer Diskurse in Krisen

In Panik und in Stress kann man nicht kommunizieren. (s.u.: Vagus)

Man greift an, flieht oder bricht zusammen. In diesem Zustand können Information nicht sinnvoll verarbeitet werden. Man brüllt, um Macht zu demonstrieren, aber nicht um Erkenntnisse zu vermitteln,

Angst kann in ein anderes Gefühl gewandelt werden: in Neugier zum Beispiel. Auch dafür sind Informationen nicht hilfreich, sondern Sicherheit und Vertrauen.

Wird Angst nicht beruhigt, muss man sich an Scheinsicherheiten klammern: Ideologien, Dogmen, Rituale und Regeln.

Wenn es aber gelingt Angst ausklingen zu lassen, kann sich die Aufmerksamkeit weit öffnen, die Möglichkeiten wahrnehmen oder auf die Details zu schauen. Jetzt erst könnte man auf einer ruhigen und respektvollen Basis in einen Dialog treten, bei dem das Zuhören (um zu lernen) eine höhere Bedeutung erhielte, als das sagen (um zu überzeugen).

Diese Art wissenschaflicher Diskurse verarmt in unserer Gesellschaft. Und das besonders dramatisch in der Krise. Warum sind Wissenschaftler:innen so oft unfähig sind fruchtbare Diskurse zu führen?

Graphik Jäger 2020, angelehnt an einen Essay von Edgar Wunder, 1998

Der Soziologe Edgar Wunder nennt die Kommunikationsstörung unter Wissenschaftler:innen „Skeptisches Syndrom“, und beschreibt damit einen Konflikt zwischen der inneren Einstellung und dem was, von Außen als Information, Erklärungsmodell, Hypothese herangetragen wird.

In der Graphik symbolisiert „Innen“ die eigene Einstellung, zwischen dogmatischer Enge und vorurteilsfreien, offenem Weitblick.

„Außen“ symbolisiert eine Idee, die im Gespräch oder über ein Medium herangetragen wird, und der man entweder zustimmen kann oder nicht.

Daraus ergeben sich vier Möglichkeiten des Kommunikationsverhaltens

  • Links oben: Bestätigung im Glauben etwas zu wissen.
  • Links unten: Falsches erkennen. Entweder überzeugen oder bekämpfen.
  • Rechts oben: Ausprobieren, weil es tatsächlich „so“ sein könnte.
  • Rechts unten: Neugierig gemeinsam etwas untersuchen und erforschen.  

Die Wirklichkeit wissenschaftlicher Diskussion rund um die Pandemie 2020/2021 sind verkeilt im unteren linken Feld. Welche Möglichkeiten bieten sich an, das zu verändern?

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Empfehlungen für kritisches Denken

gekürzt und sinnbemäß übersetzt

Bertrand Russel, 1872-1970

  1. Nie absolut sicher sein.
  2. Keine Evidenz vertuschen.
  3. Nie Denken abwürgen.
  4. Rational (emotionsberuhig und ideologie-arm) argumentieren.
  5. Kein Respekt haben vor Autoritäten.
  6. Keine Macht nutzen, um Meinungen zu unterdrücken
  7. Keine Angst haben exzentrisch zu erscheinen, denn jede akzeptierte Meinung war einmal exzentrisch.
  8. Mehr Spaß haben an intelligentem Dissens, als an passiver Zustimmung.
  9. Bei der eigenen Wahrheit bleiben.
  10. Nicht neidisch sein auf das Glück der Narren, die sich im Paradies des Wissens glauben.

Carl Sagan (1934-1996): Rules for Bullshit-Busting and Critical Thinking

  1. Unabhängige Bestätigung der „Fakten“.
  2. Alle sachkundigen Standpunkte einbeziehen.
  3. Wissenschaft kennt keine „Autoritäten“.
  4. Mehrere Hypothesen ausprobieren und verfolgen.
  5. Nicht (zu sehr) an einer Hypothese festklammern.
  6. Es messen, um es zu vergleichen.
  7. Prüfen, ob jedes Glied einer Argumentationskette funktioniert.
  8. Occam’s Rasiermesser anwenden: Im Zweifel die einfachere Hypothese wählen.
  9. Hypothesen versuchen zu widerlegen, besonders die liebgewonnenen.

Einstein

  • Imagination is more important than knowledge. Knowledge is limited. Imagination encircles the world.
  • It’s not that I’m so smart, it’s just that I stay with problems longer.
  • Great spirits have always encountered violent opposition from mediocre minds.
  • I believe in intuitions and inspirations. I sometimes feel that I am right. I do not know that I am.

 Literatur

  • Kanazawa S. et al: Happiness in modern society: Why intelligence and ethnic composition matter. J of Research in Personality, 59(2015):111-120
  • Kanazawa S  et al Country roads, take me home… to my friends: How intelligence, population density, and friendship affect modern happiness. Br J Psychol. 2016 Nov;107(4):675-697
  • Rovelli C: Die Geburt der Wissenschaft, Anaximander und sein Erbe. Rowohlt 2019
  • Schrappe M: Thesenpapier 7.0, 10.01.2021
  • Wunder E: Skeptic Syndrome 1998 / 2019, veröffentlicht auf skeptizismus.de (zurzeit nicht erreichbar).  PDF-Download

Corona-Philosophie

25.12.2020

Nichts ist so, wie es scheint.
Anaximander von Milet (610-546 vuZ),
nach Rovelli: Die Geburt der Wissenschaft, Rowohlt 2019

Die Fähigkeit Tabus zu hinterfragen ist jung.

Homers Schilderung des listenreichen Odysseus ist erst 2.800 Jahre alt. Dieser Freibeuter hörte – in sich – keine Geister-Stimmen mehr. Auch nicht im Traum. Die Befehle der inneren Götter, die die Menschen vor Troja noch wie Marionetten gesteuert hatten, waren verstummt. Als sie ihn doch einmal betören wollten, verstopfte er sich die Ohren: Ein schlauer Einzelkämpfer, ganz allein auf sich gestellt. Ein ziellos Umherwandernder in wirren Zeiten. Aus sich heraus nach Orientierung ringend. Ohne Wahrheiten, denn die wurden von der Priester und Dogmatikern erst später verkündet.

Nur 300 Jahre später konnte jemand, neu-gierig fragend, herausfinden, dass die Erde schwebt (Rovelli 2009). Genial: Anaximander lies einfach unsinniges Glaubens-Geschwurbele weg. Aber wozu sollten solche gotteslästerlichen Gedanken nützlich sein? Bewegten sie etwa mächtige Armeen? Hielten sie etwa große Reiche zusammen?

Nein. Dazu mussten erst Wahrheiten erfunden werden: Konzepte, die über dem König standen und von niemandem angezweifelt werden durften. Mit Angst verbunden, um das Volk zu zwingen, der richtigen Ideologie zu folgen.

Selber-denken war ab dann wieder lebensgefährlich. Besonders in Krisenzeiten.

Reiner Mausfeld 03.06.2020: Angst und Macht. Ängste haben den Vorteil, dass sie leicht zu erzeugen sind und tiefergehende psychische Auswirkungen auf unser Handeln haben. … Reale Ängste werden in Binnen-Ängste umgewandelt … Apathie, und Status-quo-Neigung steigt, … Solidarität, Handlungsmut, Empathie sinken https://www.youtube.com/watch?v=-S5WhBxQUHg. Techniken der Angsterzeugung 20.04.2020: https://www.youtube.com/watch?v=7LdLaszpO2A

Angesichts gesellschaftlicher Umbrüche wäre es – eigentlich – dringend nötig, damit aufzuhören das zu tun, was schon immer getan wurde. Denn ein Denken, das Krisen erzeugt, kann nicht in der Lage sein, Krisen zu überwinden. Also müsste gerade in Gefahr nach Selber- und Neudenker*innen gesucht werden.

Erfahrungsgemäß geschieht in Krisen zunächst das Gegenteil: Andersdenkende werden bekämpft, weil sie den zerfallenden, aber noch herrschenden Glaubenskonzepten widersprechen. Bis ein Zusammenbruch erfolgt. Und man sie wieder braucht, weil man im Chaos nach einer neuen Orientierung ringt.

Karl Popper (1974): „Das Wichtigste ist, den großen Propheten zu mißtrauen …!“ https://www.youtube.com/watch?v=ZO2az5Eb3H0&feature=youtu.be

Die Unterwerfung

„Gemeinsam haben wir es geschafft: .. Den Triumpf der Menschheit über die Krankhheit!“ Boris Johnsen, Premier Großbritanniens anlässlich der 8,8 Mrd.-Sammelaktion für Covid-19-Impfstoffen, afp 05.06.2020

Es ist fünf vor zwölf.

Eigentlich müsste die Menschheit jetzt über das Wesentliche debattieren: In wenigen Jahren wird das 1,5°-Klimaziel endgültig verfehlt sein. Die Weltwirtschaft befindet sich in der größten Stag-Flation seit 1929. Die Reichen werden immer reicher. Die Armen rutschen ins Elend. Die Weltordnung zerbricht, die Kriegsgefahr steigt.

Die Spezies Homo sapiens steht, nachdem sie ein Erdzeitalter (Anthoprozän) geprägt hat, vor einer Klippe.

Machen wir als Schädlinge der Erdoberfläche so weiter wie bisher, werden wir in einigen Jahrzehnten unsere Lebensgrundlagen endgültig verspielt haben.

Besteht noch eine Chance, dass wir uns vom Schädling zum Nützling der Erde wandeln? Oder müssen wir erst auf den endgültigen Kollaps warten, nach dem sich die wenigen Überlebenden, vielleicht anders verhalten werden.

Für die fundamentale Krise, in der wir uns heute befinden, fantasierte der französische Schriftsteller Houellebecq 2015 eine überraschend einfache Lösung: Die Unterwerfung unter eine „modernisierte“ Einheitsreligion. Houellebecq dachte an eine Variante des Islam. Aber er übersah das Naheliegendere: die Macht des Gesundheitsmarktbetriebes.

Michel Houellebecq spielt mit den Ängsten … und dem Gespenst der Selbstaufgabe … Er hält in „Unterwerfung“ .. der westlichen Gesellschaft, die an ihrem „atheistischen Humanismus“ zugrunde gehe, einen Zerrspiegel vor. SD 16.01.2015

Kommentar von Lucien Scherer, NZZ 03.11.2020:
Niedergang der Diskussionskultur in Zeiten von Angst und braver Gesinnung

Triumph der Medizin

Bereits 1924 hatte ein anderer genialer Schriftsteller (Jules Romain) den heutigen Triumph der Medizin vorausgeahnt. Er beschreibt wie es einem Landarzt in kurzer Zeit gelingt, alle Dörfler in kranke Kund*innen zu verwandeln:

„Werden bei ihrem Vorgehen nicht die Interessen des Patienten denen des Arztes untergeordnet?“ – „Sie vergessen, es gibt noch ein übergeordnetes Interesse.“ – „Welches?“ – „Das der Medizin.“

Ich gebe Menschen eine Bestimmung und führe sie zu einer medizinischen Existenz.“ – “ … , bis zum Äußersten zu gehen und tatsächlich die ganze Bevölkerung ins Bett zu schicken, nur um zu sehen, was passiert, nur um es zu sehen!“

Das Leben hat einen medizinischen Sinn … Verschone mich mit Gesundheit!“ Jules Romain, 1926

1977 sah ein anderer Visionär, der Soziologe und Priester Ivan Illich voraus, das das Medizinsystem wie ein Krebsgeschwür in alle Bereiche des Lebens wuchern werde:

„… Die Verpflichtung der Gesellschaft, allen Bürgern die Produkte der Medizin in nahezu unbegrenzte Maß zur Verfügung zu stellen, droht die Umwelt und die kulturellen Bedingungen zu zerstören, die der Mensch braucht, um ein Leben in dauernder autonomer Gesundheit zu führen.

… falls eine durch blutige Enthüllungen in Panik versetzte Öffentlichkeit so eingeschüchtert würde, dass sie einer Ausweitung der Spezialisten Kontrolle über Spezialisten in der Gesundheitsindustrie zustimmte, dann würde dies zu einer Vermehrung krankmachender Gesundheitspflege führen …

Die institutionelle Gesundheitsfürsorge ist gleichbedeutend mit einer systematischen Verweigerung von Gesundheit..

Sie sie dient nicht der persönlichen Entfaltung sondern dem industriellen Wachstum … Der Medizinbetrieb könnte leicht zum ersten Ziel eines politischen Handelns werden …

Nur ein politisches Programm, das auf eine Beschränkung der Gesundheitsverwaltung durch Experten abzielt, kann den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Kraft der Gesundheitspflege zurückzugewinnen.“ Ivan Illich 1977

Viele der Vorhersagen von Ivan Illich sind eingetroffen.

Ebenso die Prognosen des Ökonomen Leo A. Nefiodow, der vor einigen Jahrzehnten voraussagte, dass die Kommerzialisierung der „Gesundheit“ alle anderen Märkte an Dynamik übertreffen werde. Dabei bezog er sich auf die Beobachtungen von Nikolai D. Kondratjew (1892-1932), der  kapitalistische  Wachstums-Zyklen beobachtet hatte. Kondratjew beschrieb, wie den Aufschwungs-Phasen der Produktion regelhaft Krisen folgten, die im Zuge technischer Innovationen wieder überwunden werden, und denen dann ein neuer ökonomischer Aufschwung folgt.

Womit Nefiodow allerdings nicht gerechnet hatte ist, dass sich die fünfte Kondratjew-Welle (Digitalisierung) mit der sechsten Kondratjew-Welle (Medikalisierung) zu einem gigantischen Tsunami verbinden würden.

Unterwerfung funktioniert: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/regeln-befolgen-muss-man-den-menschen-so-leicht-wie-moeglich-machen-li.108195

Religiöses Denken hat wieder Hochkonjunktur.

Aber die alten Mittelmeer-Religionen werden davon nicht profitieren:

Gott sagt, für ihn sind tausend Jahre wie ein Tag. Und ein Tag wie tausend Jahre. Dazwischen kommen eben ein paar Tage Corona. Heidemarie Föster, Chrismon 11/2020

Die alten Gottesvorstellungen wirken angesichts der unkontrollierbaren Monster der Weltwirtschaft westlicher Prägung, völlig desorientiert. Ihre Moralsysteme zerfallen. Allerdings bietet die in China wachsende Neo-Religion aus Neo-Konfuzianismus und Tianxia (s.u.), eine Vision der viele Chines*innen folgen werden. Man plant fünf Jahre voraus und strebt einen „dualen Wirtschaftkreislauf“ an. Damit soll es gelingen, den Kapitalismus zu bändigen, die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zu verbessern und die Führungsrolle in der Welt auszubauen.

Die Gesundheitsreligion des Westens wirkt im Vergleich erbämlich: Es wird in immer neuen Lock-downs immer mehr Geld verblasen, dem aber kein Warenwert entgegensteht. Und zugleich dem Volk alles entzogen, was es bisher immer so erfolgreich abgelenkt hat. Eine erkennbare Zukunftsvision gibt es nicht, weil es sicher nicht so werden wird, wie es war. Das, was die Gesellschaft zusammenhalten soll, ist immer neue Angst und Panik-Mache.

Depression ist kein Zukunftsmodell, sondern macht die Gesellschaft noch kränker und krisenanfälliger, als sie ohnehin schon war.

NZZ 28.10.2020, 21:00: Klüger wäre es, die Politiker würden ihre eigene Hilflosigkeit eingestehen, anstatt das Land einem Experiment nach dem anderen zu unterziehen.

Es gibt nichts mehr, für das es sich lohnen würde zu kämpfen,

außer

„… Das nackte Leben – und die Angst, es zu verlieren – Das ist nicht etwas, was die Menschen verbindet, sondern was sie trennt und blind macht.

… Der Ausnahmezustand, auf den uns die Regierungen seit geraumer Zeit einstimmen, ist zu unserem Normalzustand geworden. … Die Menschen haben sich daran gewöhnt, unter Bedingungen einer ständigen Krise und eines ständigen Notstands zu leben. Dabei scheinen sie nicht zu bemerken, dass sich ihr Leben auf eine rein biologische Funktion reduziert hat und nicht nur jeder sozialen oder politischen, sondern auch menschlichen oder affektiven Dimension verlustig gegangen ist. Eine Gesellschaft, die im ständigen Ausnahmezustand lebt, kann keine freie Gesellschaft sein. Wir leben in der Tat in einer Gesellschaft, die die Freiheit zugunsten der sogenannten Sicherheitsgründe geopfert und sich selber dazu verurteilt hat, in einem ständigen Angst- und Unsicherheitszustand zu leben.Es wundert nicht, dass man in Bezug auf das Virus von einem Krieg spricht. Die Notmaßnahmen zwingen uns de facto, unter Bedingungen der Ausgangssperre zu leben. Nur ist ein Krieg mit einem unsichtbaren Feind, der sich in jedem Menschen einnisten kann, der absurdeste aller Kriege. Es ist in Wahrheit ein Bürgerkrieg.

Der Feind ist nicht außerhalb von uns, sondern in uns. Besorgniserregend ist nicht in erster Linie und nicht nur die Gegenwart, sondern das, was danach kommt. So wie die Kriege den Friedenszeiten eine Reihe unheilvoller Technologien hinterlassen, so werden sehr wahrscheinlich auch nach dem Notfall der öffentlichen Gesundheit die Experimente fortgesetzt, die die Regierungen vorher nicht durchzuführen vermochten. Sei es, dass Universitäten und Schulen geschlossen werden; sei es, dass der Unterricht nur noch online stattfindet; sei es, dass man endlich einmal aufhört, sich zu versammeln und über politische oder kulturelle Angelegenheiten zu reden, und stattdessen nurmehr digitale Nachrichten austauscht. Sei es, dass Maschinen jeden Kontakt – jede Ansteckung – unter Menschenwesen ersetzen“. Gergio Agamben, italienischer Philosoph

Pandemie- und Kriegsberichterstattung gleichen sich immer mehr an. Das Interesse der Öffentlichkeit speist sich aus tiefgreifenden Ängsten, die eine besondere Intensität erlangen, weil sich die gesamte Bevölkerung bedroht sieht. Aus dem Blickwinkel einer Regierung stellen Epidemien (wie Kriege) existenzielle Bedrohungen dar, weil in beiden Fällen jedes Versagen Rebellionen oder einen Regime-Wechsel herbeiführen kann.

Journalisten zappeln im Spannungsfeld zwischen Propagandisten, Verlautbarungen mächtiger Weisheiten, Falschmeldern, Intriganten und PR-Agenturen. Sauberer Journalismus ist oft auf dem Rückzug. Dabei wäre er gerade jetzt so nötig, um das gigantische Bevölkerungsexperiment zu beobachten und zu dokumentieren.

Stehen wir also, wieder einmal, am Ende der Philosophie?

Ja.

Weil „Spaltung & Polarisierung“ „Dogmen & Ideologien“ fördern. Die einen wollen als neu-digitale Medizinkunden nur das tun, was sie sollen, und die Minderheit kämpft „dagegen“ an – aber ohne bisher erkennbare Alternativ-Vision. Weder die, die sich gerade von Existenz-Angst zerfressen fühlen, noch die anderen, die „was auch immer“ mit aller Kraft bekriegen, werden Spaß daran haben selber zu denken.

Und nein.

Weil gerade jetzt die Chance besteht, dass sich einige Menschen jetzt, in Zeiten maximalen Verunsicherung, grundsätzlich anders selbst erkennen und neu verhalten.

Der Philosoph Hartmut Rosa thematisiert diese Chance, bei seiner Analyse eines Kern-Problems der modernen Zivilisationen,

„ … die Welt in Reichweite zu bringen. Sie verfügbar zu machen.

… Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: (Denn) Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.“ Hartmut Rosa

Die westlichen Gesellschaften erkennen zunehmend, dass das, was sie im Äußeren zu halten versuchen, ihnen immer mehr entgleitet, und dass sie im Inneren hohl und leer sind.

Hartmut Rosa empfiehlt, sich deshalb dem was uns und umgibt, und was uns durchdringt, wieder langsam zu nähern, und uns zu versöhnen. Damit könnte sich der Kampf um die Verfügbarkeit (um das Beherrschen und Gewinnen) wandeln in vorsichtige Beziehung und in Resonanz.

In der Evolution wird die Spezies Homo sapiens keine andere Alternative haben, als sich vom Krankheitserreger der Erdoberfläche zu einem harmlosen Nützling zu verändern. Aber keine/r der bisherigen Denkerinnen und Denker hat aufgeschrieben, wie das gelingen könnte.

Es ist jetzt dringender denn je, kreatives und schöpferisches Selber-denken und Selber-handeln anzuregen, und zu ermöglichen.

Mehr

Literatur

  • Carlo Rovelli: Die Geburt der Wissenschaft, Anaximander und sein Erbe, Rowohlt 2019 (Originalausgabe 2009)
  • Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit, Residenz Verlag, 2019
  • Ivan Illich: Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Leben: Beck Verlag 2007 (Originalausgabe 1977)
  • Jules Romain: Knock oder der Triumph der Medizin,1926, Reklam 1995
Die Herrschaft der Cyber-Docs markiert einen Höhepunkt, dem zwangsläufig ein Absturz folgen wird. Der Philosoph Giorgio Agamben fragt deshalb gerade jetzt nach dem Stellenwert des Körperlichen. Denn in allem Lebenden sind Geist-Körper-Umwelt ungetrennt eins. In allem was lebt sind die Beziehungen, Verbindungen und Wechselwirkungen wichtiger als die beteiligten Elemente. Bild: Jäger 2019

Dauerwelle und Todesangst

31. Dezember 2020

Vermag mich der Tod nicht mehr zu schrecken, was sollte mich dann Verlust noch ängstigen? Shenzi (385-337 vuZ) Philosoph und Politiker

Die Visionen des Westens sind überschaubar

  • An der Börse sei die Stimmung gut, denn viele Großunternehmen profitierten in den Corona-Zeiten.
  • Auch diese zyklische Krise des Kapitalismus, werde, wie alle vorherigen, den Markt nur bereinigen, und eine neue Wachstumswelle auslösen.
  • Die Spaßgesellschaft werde im Neuen Normal geräuschlos von angepasster Bravheit abgelöst werden.
  • Digitalisierung und Medikalisierung werden alle Lebensbereiche herrschen, und für Glücksgefühle sorgen.

Es ist möglich, dass diese Bestimmungen angesichts der ethischen Inkonsequenz unserer Regierenden von der gleichen Angst diktiert werden, die sie zu provozieren beabsichtigen. Es ist schwierig, nicht zu denken, dass die Situation, die sie schaffen, genau das ist, was diejenigen, die uns regieren, immer wieder versucht haben zu erreichen: dass Universitäten und Schulen ein für alle Mal geschlossen werden und der Unterricht nur noch online stattfindet, dass wir aufhören, uns aus politischen oder kulturellen Gründen zu treffen und zu reden und nur noch digitale Nachrichten austauschen, dass, wo immer möglich, Maschinen jeden Kontakt – jede Ansteckung – zwischen Menschen ersetzen. Giorgio Agamben, Quodlibet, 11.03.2020 (übersetzt mit Deepl.com)

Der Westen hat den Sinn verloren

Angesichts von Klima- und Umweltkrise fehlen allen Regierungen der großen westlichen Industrieländer Visionen für eine lebenswerte, ökologisch-nachhaltige, friedliche Zukunft der Menschheit.

Ende 2020 werden ihre Gemeinschaften nur zusammengehalten von

Todesangst,

„… unsere Gesellschaft glaubt an nichts mehr außer an das nackte Leben.“ Giorgio Agamben NZZ 18.03.2020

und natürlich auch von Grundbedarfsbefriedigung, medialer Ablenkung und Konsum (solange es noch geht). Und ergänzend von Illusionen: gesicherte Festung Europa, „grünes, nachhaltiges“ Wachstum, Sieg über Mikroben, Frieden durch Aufrüstung, …).

Farbe, Gerd Trostmann, 1998

Seuchen gehören zur Evolution

Seuchen weisen mitleidslos und brutal auf die Unfähigkeit, einer Gesellschaft oder eines Organismus, mit einer Belastung umzugehen. Meist weil zuvor die natürliche Vielfalt (innerer Funktionen oder der umgebenden Ökosysteme) empfindlich gestört wurde.

Allein mit der Bekämpfung einer Seuche ist es nicht getan: Wenn keine neue elastische Widerstandsfähigkeit entsteht, wird die nächste Epidemie weiter-bestehende Störungen nur verschlimmern.

Unsere Gesellschaften müssten den Warnschuss „SARS-CoV-19“ eigentlich zum Anlass nehmen, das Verhalten und die Verhältnisse so verändern, dass sich unseren Gesellschaften neue Chancen eröffneten.

Eigentlich müsste auf allen Ebenen debattiert werden, wie Menschen sich von Hautkrankheits-Erregern der Erde zu nützlichen Oberflächen-Organismen wandeln könnten.

Greta’s Versuch „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“ lief mit der Ausrufung des „Krieges gegen Corona“ (Macron 16.03.2020) erfolgreich in Leere. Denn die unmittelbare Todes-Drohung (Leichentransporte in Bergamo!) erwies sich als ungleich wirksamer, als rationale Gedanken an ferne Lebenswelten, die ohnehin nur die Eisbären und die Enkel anderer Leute betreffen würden.

Lebensmut statt Todesangst?

Der Gedanke ist alt:

„Der Tod ist uns ein Nichts, denn was der Auflösung verfiel, besitzt keine Empfindung mehr. Was aber keine Empfindung mehr hat das kümmert uns nicht. Solange wir da sind, ist der Tod nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die gestorbenen, denn wo jene sind ist er nicht und diese sind ja überhaupt nicht mehr da. Freilich, die große Masse meidet den Tod als das größere Übel …“ Epikur 341-270 vuZ. Philosoph (Kröner Verlag 1973)

Eigentlich wäre es sehr einfach:

Nichts von dem, was bereits geschehen ist, kann weggenommen werden. Denn es ist dann bereits nicht mehr da. Was wir gestern waren, ist schon gestorben. Wir können uns nur Geschichten davon erzählen, und diese mehr oder weniger ausschmücken. Selbst „das Jetzt“ ist, wenn wir es wahrnehmen, schon seit einer halben Sekunde vergangen.

Das Einzige, was wir tatsächlich erleben, ist das, was gerade neu entsteht. Wir „sind“ nicht, sondern wir „werden“, immer neu. Wie alles andere, was lebt, solange dafür noch Energie verfügbar ist.

Auch diese Erkenntnis ist nicht neu:

Es ist die Bewegung, die Körper und Geist gesund erhält. Fließendes Wasser fault nicht. Tür Angeln werden nicht wurmstichig, denn sie bewegen sich. Gleiches gilt für Körper und Geist. Lü Buwei (Kaufmann, Politiker, Philosoph) 300-235 v.u.Z.

Warum ist die Todes-Angst so mächtig?

Und die Lebenslust so schwach?

Ultimativer Placebo

„.. Das raffinierteste, schmerzhafteste, teuerste, invasivste und zeitaufwendigste aller Placebos erreicht den stärksten Effekt“, Harris 2020

Prof. Ian Harris ist leidenschaftlicher, australischer Chirurg: Sicher kein Chirurgie-Gegner.

Dennoch bezeichnet er Chirurgie als „ultimate placebo“. Denn invasive, schmerzhaft-einprägsame „Placebos“ wirkten noch besser als bunte (inhalts-leere) Tabletten oder Kügelchen.

Diese Entscheidung des Gesundheitsministerium macht wirklich Sinn: Die spezifischen Komponenten der drei Pharma-Produkte unterscheiden sich zwar. Aber hinsichlich der nicht-spezischen Wirkung des „Picks“ (Erzeugung einer Sicherheitsillusion) sind sie sicher absolut gleichwertig. Screenshot: FAZ 09.01.2021.

Der „Placebo-Effekt“ ist säugetier-typisch.

Bei Krokodilen und Schlangen kann er nicht ausgelöst werden. Diesen Ur-Tieren fehlen noch Hirnstrukturen, die ihnen Emotionen vermitteln könnten.

Säugetiere dagegen bewerten äußere und innere Signale. Sie teilen sich ihren Artgenossen mit. Sie gehen Beziehungen ein. Sie können durch andere beruhigt werden. Ihre Fähigkeit zu „Stillen“ (neudeutsch: bonden) wirkt auf jede Zelle ihrer Kinder:

  • Herzschlag und Atmung normalisieren sich, und
  • das Immunsystem wird sinnvoll gedämpft.

Systemeffekt Mutter (später: Mediziner:in)

Alle Funktionen des Körpers können so äußere Belastungen besser bewältigen. Sie agieren weniger aufgeregt und arbeiten effektiver.

Später bei Erwachsenen können auch Rituale beruhigen, wenn ihnen eine Bedeutung beigemessen wird. Lautgebung, Musik, Sprache, Mimik, Berührungen, Körperhaltungen, Gesten uva. können sehr starke Wirkungen auslösen, wenn die Personen, die die „heilsamen Handlungen“ ausführt vertraut ist.

Eine Mutter, die ihr Kind tröstet, kann – zusätzlich zu Kuscheln und Streicheln – auch von einer Fee erzählen, die den Bauchschmerz wegzaubern werde. Dieser „Schwindel“ ist aber nur Beiwerk. Viel wichtiger ist, dass das Kind die Liebe und Sorge spürt, die sie ihm entgegenbringt.

Der stärkste nicht-spezifische Effekt:
Sicherheit und Beziehung nach großer Gefahr. Bild: Jäger 2017

In späteren (oft ziemlich „beziehungslosen“) Arzt-Patient-Beziehungen ist es möglich, Patient:innen geschickt zu täuschen, und ihnen eine Wirksamkeit vorzugaukeln, die nicht existiert. Bei einem „Placebo“, der Patient:innen ablenkt oder in die Irre führen soll, wirkt also nicht etwa die (leere) „bunte Pille“, sondern das starke Gefühl, man könne vertrauen, man werde nicht betrogen, und alles werde wieder gut.

Weil diese Art von Betrug so gut wirkt, würden in England „Placebos“ von 70% der Ärzt:innen angewendet. In Deutschland vermutlich noch deutlich häufiger.

Der „Placebo“-Wirkung liegen Konditionierungen und unbewusste Lerneffekte zugrunde. Harris beschreibt, dass diese besondere Rituale deutlich verstärkt werden können: Denn etwas, das drastisch, schmerzhaft und erschreckend erlebt wird, brennt in der Erinnerung ein.

Seiner Ansicht nach sollten nicht nur bei der Zulassung von Medikamenten, sondern auch in der Chirurgie allen Neuerungen und Verfahren durch in die Zukunft gerichtete, langfristige Studien begleitet werden.

Tatsächlich aber beruhten die meisten chirurgischen Verfahren auf einem wackeligen Drei-Bein:

  • Der Vermutung, dass es funktionieren könnte (Biologische Plausibilität)
  • Erfolgversprechenden Hinweisen aus Labor- oder Tierversuchen
  • Der persönlichen Erfahrung der Chirurg:innen (so genannte „Eminenz“ based Medicine)

Notwendig sei eine Veränderung der ärztlichen Ethik, sowohl hinsichtlich der Forschung, als auch der klinischen Praxis. Gerade in der Chirurgie, wo oft Ärzt:innen nur wenige Male eine Methode ausprobieren, um sie dann regelhaft durchzuführen.

Die Forschung müsse stringent und unabhängig erfolgen. Die ethischen Anforderungen an die klinische Praxis müssten unbedingt erhöht werden, da Kliniker keine Therapie anwenden sollten, die nicht kritisch in ihrer Praxis getestet wurde oder wird.

Das Vorsorgeprinzip („Nicht schaden“) ist vorrangig

Ein Arzt, der sage, er sei sich nicht sicher, ob eine Operation helfe, und der rate, deshalb auf sie zu verzichten, habe Anerkennung verdient.

Die aber bekommt er nicht, weil er eine empathische, „beziehungsreiche“ Medizin nicht oder kaum honoriert wird. Im Vergleich zu täuschender, betrügerischer „Placebologie“, die oft sehr schnell zu kommerziellen Erfolgen führt.

Unter ethischen Gesichtspunkten wäre also eine „Placebo“-Chirurgie verwerflich. Aber „nicht operieren und nichts tun“, wie Harris es vorschlägt, bleibt nicht die einzige Handlungsmöglichkeit.

Stattdessen könnten Patient:innen auch unterstützend, psychosomatisch begleitet werden, damit sie selbstständiger werden, ihre Beschwerden akzeptierten, aktiver würden, eigene Heilungskräfte zu mobilisierten und sich in ihrem Leben weiter entwickelten.

Die Ansicht von Harris, dass Chirurgie immer durch „zufalls-kontrollierte, in die Zukunft gerichtete prospektiven Studien“ begleitet werden müsse, ist aber nicht alternativlos. Es wäre ebenso möglich, im Rahmen von Krankenkassen eine chirurgische Neuerung in einer bestimmten Region zuzulassen, und sie mit Patienten einer anderen Region zu vergleichen. Ein solches Studien-Design (Relton 2010) wäre wesentlich praktikabler, als zum Beispiel zur Kontrolle Schein-Operationen durchführen zu lassen.

Ein originaler „Schwarzer Stein“ (Bild: Jäger)
Das Geschenk eines traditionellen Spezialisten für Schlangenbisse im Süden Tansanias 1982. Wir riefen ihn bei akuten Bissverletzungen ins Krankenhaus und bewunderten seine Heilerfolge. Er überwies uns Patient:innen mit älteren, vereiterten Wunden. Der „Schwarze Stein“ wird aufwendig hergestellt aus Holzkohle und Knochenmehl, unter Beimischung vieler Kräuter und Sänfte, begleitet von Rühren, Schüttel, frommen Segnungen und Sprüchen. Ein „Original“ unterschied sich also deutlich von einer Importware aus Taiwan, selbst wenn diese das Gleiche enthielte. Der Schamane erklärte mir, sein Verfahren wirke dann am besten, wenn Betroffene Todesangst empfänden, es aber bei „diesem“ Gift gewisse Überlebenschancen nicht ausgeschlossen wären. Werde er zu einem panischen Opfer gerufen, beruhige sich die Situation meist schlagartig, da man wisse, er bringe seinen einzigartigen „schwarze Stein“ mit, mit dem nur er umzugehen wisse. Das Weitere ist Zutat: ein festes Eindrücken des Steins in die Bisswunde, rituelles Gemurmel, Trance-Auslösung … Damit beruhigt sich die Atmung, das Herz schlägt langsamer und das Gift verteilt sich nur allmählich im Körper. Diese Technik wendeten schon die ersten griechischen Ärzte an: „Den Patienten ablenken, bis die Natur sich selber hilft“.

Erleben wir mit Corona nicht gerade eine ähnliche Situation?

Uns bedroht SARS-CoV-2. Der Tod ist nah. Die Spaß-Gesellschaft hat sich in Entsetzen verwandelt. Auch wir selbst: könnten sterben. Das monatelange mediale Trommelfeuer hat wohl die größte psychiatrische Krise seit dem 2. Weltkrieg ausgelöst. (Guardian 27.12.2020)

Aber endlich ist die Rettung zum Greifen nah. Wer aus irrigen, verqueren Einstellungen nicht gerettet werden will, schadet nicht nur sich selbst, sondern der Solidargemeinschaft:

„…wenn die Rückkehr zu einem „normalen“ Leben nur so zu gewährleisten ist, könnte das der Preis sein, den jeder einzelne von uns für das Ticket zur Teilnahme an diesem Leben zahlen muss“.
Georg Anastasisus, Rotenburger Kreiszeitung 29.12.2020

Der erlösende „Kleine Picks“ wird unvergesslich sein:

Verabreicht von „wissenschaftlich-bedeutungsvoll“ handelnden Gestalten in Astronautenanzügen, die einen kleinen, aber deutlichen-wahrnehmbaren Schmerz auslösen, und etwas injizieren, was „irgendwie“ die „Abwehr stärken wird“.

Diesen großen psychologischen Effekt zu messen, wäre im Prinzip sehr einfach: vorausgesetzt es gäbe ein Interesse – und die nötigen Mittel.

Mehr

Literatur

  • Prof Dr. Ian Harris: Schnippeln für den Profit. Riva Verlag. München 2020, Original: The ultimate Placebo, 2016, Video 11.07.2019: https://www.youtube.com/watch?v=jF3d059QBkM, Rezension: Science based Medicine: https://sciencebasedmedicine.org/ian-harris-on-surgery-the-ultimate-placebo/
  • Relton C, Togerson D, O’Cathain A, Nicholl J. Rethinking pragmatic randomised controlled trials: introducing the „cohort multiple randomized controlled trial“ design. BMJ 2010; 340:963-967.

Mehr desgleichen!

Funktioniert etwas nicht, wird es wiederholt.

Dann mit noch mehr „Wumms“: Mit Entschlossenheit, Mut, Kraft, und notfalls auch mit Gewalt.

Wird der Kranke durch die verordneten Pillen nicht geheilt, muss eben die Dosis verdoppelt oder verdreifacht werden.

„.. Es besteht die paradoxe Situation , dass eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt wird, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen und über einen dringend notwendigen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken, obwohl die am stärksten Betroffenen, die höheren Altersgruppen und Pflegeheimbewohner/Innen, durch den Lockdown nicht geschützt werden.Thesenpapier 7.0 der Gruppe um Matthias Schrappe 10.01.2021
Markus Söder in der Welt am 09.01.2021 und 10.10.2021: „Das Virus ist die Pest! Normalzustand in absehbarer Zeit unmöglich!

„Mehr desselben wirkt einfach besser als weniger!“

Paul Watzlawik bezeichnete diese Erkenntnis als Pat-end-lösung: Man operiert den Patienten so lange, bis er sicher nicht mehr blutet. Solche Lösungen schafften — so Watzlawick – nicht nur das Problem, sondern auch alles damit Zusammenhängende, aus der Welt.

Die Geschichte der Medizin ist voll gruseliger Verschlimm-Besserungen, bei denen jeweils die Theorie der Erfolgskonzepte wesentlich bedeutsamer erschien, als die Realität der ausgelösten Kollateralschäden. (Packard 2016, Lachenal 2014, Wooton 2006)

Menschenverursachte Katastrophen laufen (immer wieder) nach gleichen Mustern ab. Fast immer sind die Handelnden dann „zutiefst“ von ihrer Weltsicht überzeugt: Denn die sei – alternativlos – die einzig richtige. Viele von ihnen sind keinesfalls böse, sondern wollen – missionarisch getrieben – Gutes bewirken. Nur überschätzen sie die Wirkung ihrer punktgenauen Interventionen, die sie – im Kriegstaumel – immer gewaltiger ausgestalten.

Ähnlich wie Donald Trump, der 2017 den Afghanistankrieg (ein für alle Mal) beenden wollte, und der deshalb eine so genannte „Mutter aller Bomben“ abwerfen ließ. Den Krieg verlor er zwar, die getroffene Region strahlt aber immer noch.

Da der Umfang der Probleme, die durch die Intervention entstehen, anfangs noch unbekannt sind, werden sie unterschätzt. Es ist nicht überraschend, dass „die Dinge“ immer wieder „zurückbeißen“ (Tenner 1997, Dörner 2003)

Wer einen Hammer hat, dem erscheinen alle Problem als Nägel. Wenn sich Probleme dann als Fische erweisen: Muss man eben heftiger zuschlagen. (Paul Watzlawik: Vom Schlechten des Guten, 1986). Im März 2020 setzte sich die Marketing-Strategie „The hammer and the dance“ durch: heute im Januar 2021 müssten wir eigentlich tanzen.

Die dritte Möglichkeit

Statt „zuviel des Guten“ könnte man, gerade in gefährlichen Situationen, überlegter und vorsichtiger vorgehen. Es wäre sogar möglich, die eigene Einstellung ändern.

Zum Beispiel könnte sich ein Problem, das unbedingt beseitigt werden muss, in ein Symptom wandeln, das Wechselwirkungen anzeigt, die sich verändern sollten.

Analogie zu Covid-19

Noch ist die logische Konsequenz des Scheiterns des Lockdown (Schrappe 17.02.2021 , Schrappe 25.12.2020) : Verschärfung des Lockdown!

Für die überwältigende Mehrheit der Politiker:innen und Medien erscheinen die befohlenen Interventionen alternativlos zu sein. Die langfristigen Schäden, die insbesondere bei Kindern angerichtet werden, vernachlässigen sie.

„Kollateralschäden sind inbegriffen: Die Folgen der Schulschließungen sind nicht nur für die Bildung fatal (FAZ 06.01.2021)

Kritik flammt nur auf, wenn es all denen, die an die große Erlösung glauben, nicht schnell genug geht mit der Problembekämpfung:

„Das Impfdebakel. Statt Ausatmen herrscht Enttäuschung vor: Die Politik bekommt das Coronavirus nicht in den Griff.“ Der Freitag 07.01.2021 – „Auf die Spitze getrieben Impfungen kommen nicht so schnell voran wie gedacht.“ (FAZ 06.01.2021)

Wird uns also diese Dauerwelle erhalten bleiben, wie ein Naturereignis?

Viral mutations may cause another ‘very, very bad’ COVID-19 wave, scientists warn Science mag 05.01.2021

Oder ist sie die schrille Begleitmusik (mit „Bazookas & Wumms“) einer grundlegenderen ökonomischen Krise, die sich seit September 2019 aufbläht und in ein paar Monaten platzen könnte? (Assets USA Federal Reserve ; Global stability Report IMF Okt. 2019)

Was können wir tun, ohne verrückt zu werden?

Innehalten, uns umschauen, selberdenken und Fragen stellen (s.u.). Und versuchen, die Möglichkeiten, die sich bieten, zu vermehren.

Ist weniger mehr?

Ist mehr besser?

Die Logik des Mißlingens

Umgang mit unbekanntem Nichtwissen

Interventionen in das Leben anderer

  • Lachenal G (2014): Lomidine Files. (Le médicament qui devait sauver l’Afrique) Pari,s Englisch: JHU Press 2017
  • Randall M. Packard: A History of Global Health – Interventions into the lives of other people. JHU Press 2016. ISBN 987654321
  • Wooton D (2006) Bad Medicine: Doctors Doing Harm Since Hippocrates, Review Fritzpatrik M: J R Soc Med. 2006 Oct; 99(10): 530.

Fragen zum Pandemie-Management

  • Haben immer neue Viren vielleicht auch etwas mit industrieller Landwirtschaft, Artensterben, Umweltverdreckung, Abholzung und Klimawandel zu tun? (Wallace: On the origins of Covid-19″, 2020)
  • Welche Begeleitfaktoren spielen bei Covid-19 eine Rolle? Zum Beispiel in Industrieregionen und Megastädten (relativ hohe Sterblichkeitsraten) und anderen Regionen, wie Laos/Vietnam/Kambodscha oder Neuseeland: (relativ geringe Belastungen durch die Pandemie)
  • Warum hat das Wissen um die Verschlimmerung der Covid-19-Pandemie durch Feinstaub (Xiao 2020 Wu et al, Harvard 2020) bisher kaum politische Konsequenzen (Smog-reduktion , Rauch-Prävention)?
  • Könnte ggf. auch die Kombination aus zuviel Arzneimittelkonsum (Thöns 2017) und Bewegungsmangel im Alter eine Rolle spielen, weil die flexible Anpassung von Immunfunktionen an Belastungen eingeschränkt wird?
  • Welche Rolle spielen zusätzliche Krankenhauskeime bei Covid-19?
  • Warum bleiben so viele Menschen, die mit SARS-Co-2 in Kontakt kommen, gesund?
  • Wo sind eigentlich Verhaltens- und Verhältnisprävention geblieben, die einmal auf der Top-Agenda der WHO standen? Gibt es im „Gesundheits“-Ministerium überhaupt noch Gesundheitsziele? ZB. uva. hinsichtlich Kinder-, Mütter-, Alten-Gesundheit …? Oder verfolgt man dort nur noch Bekämpfungs- und Markt-Ziele?
  • Wohin ist die Influenza verschwunden? WHO Flumart Report No 6 2020
  • Mit welchen gesellschaftlichen Kollateralschäden der Maßnahmen müssen wir rechnen? Insbesondere bei Kindern? Virus-kampf-erprobte Mediziner:innen scheint das wenig zu interessieren, Ökonom:innen aber schon seit Mitte 2020: Economist 18.07.2020
  • Warum wird die Wirksamkeit der Impfmaßnahmen nicht epidemiologisch-sorgfältig beobachtet: BIPS kritisiert Impfverordnung 27.12.2020
  • Wie kann die Wachstums-Ideologie, die die Welt zerstört, in eine nachhaltige Transformation unserer Gesellschaften gewandelt werden?

Letzte Aktualisierung: 23.02.2021