4. März 2026

Bewusstseins-Revolution

Radikale Veränderung der Weltsicht

Bis vor 10 000 wurde das Denken früher Menschen von zwei grundlegenden Konzepten bestimmt

Stattdessen erzwangen neue Herrschaftsformen Fronarbeit. Damit Bewässerungsgräben und Getreidespeicher angelegt, und der neue Reichtum gegen Räuber verteidigt werden konnte. Menschen emanzipierten sich von der Natur und den Götter-Geister-Stimmen, die ihnen bisher in Trance sagten, was zu tun sei. Sie begannen sich von der Natur zu emanzipieren, und sie zu beherrschen.

Die Vorgeschichte

Die ersten Europäer und die neuen Einwanderer aus Afrika erlebten starke Veränderungen der Erd-Rhythmen. Maßvolle Warmzeiten wurden von lang anhaltenden Kaltzeiten abgelöst. Vor etwa 42 000 bis 37 000 Jahren kam es zu einem starken Kälterückfall (Huneborg Stadial), der zusätzlich durch vier weiteren Großereignisse von Klima und Umwelt beeinflusst wurde:

Die erste dieser Katastrophen war das Lachamp-Ereignis: Der Zusammenbruch des Erdmagnetfeldes im Zuge eines Polsprungs vor 41 000 Jahren. Der magnetische Nordpol wanderte nach Nordafrika, der Südpol an einen Ort nordöstlich von Australien. Damit fiel das irdische Schutzschild gegen die kosmische Bestrahlung aus. Ferner veränderten sich die Wetterphänomene: Westwinddriften und Monsunwinde führten zu Überschwemmungen in einigen Regionen und Dürren in anderen. Auf der Nordhalbkugel wurde es erheblich kälter. Die überlebenden Frühmenschen erlebten in dieser Zeit eine Geflimmer kosmischer Polar-Lichter über einen Zeitraum von etwa 500 Jahren. (Lucy in the sky with Diamonds).

Die nächste große Katastrophe brach gut 1000 Jahre später über Europa herein: das Heinrich Ereignis. Es umfasste Perioden beschleunigter Eisvorstöße, aufgrund von Eisschildabbrüchen im Polargebiet. Die Abflüsse des Schmelzwassers in den Nordatlantik führten zu dramatischen Temperaturstürzen in weiten Teilen Europas. Es bildete sich Permafrost. Der Verlauf dieser lebensfeindlichen sibirischen Abkühlung vollzog sich nach erdgeschichtlichen Maßstäben relativ schnell.

Schließlich ereignete sich eine dritte Katastrophe: der Ausbruch eines Supervulkans unweit von Neapel, der kampanische Feuerregen. Es war der stärkste europäische Vulkanausbruch im Verlauf der letzten 200 000 Jahre. Sein tödliches Material bedeckt eine Fläche von bis zu vier Millionen km² mit der Südgrenze Nordägypten, Syrien, Türkei und mit der Nordgrenze Balkan, Moldawien, Ukraine, Südrussland. Die in die Atmosphäre aufgestiegenen Materialien blockierten weltweit das Sonnenlicht. Sie bewirkten einen lang anhaltenden vulkanischen Winter, der wegen der Überlappung mit dem langsam auslaufenden Heinrich-Ereignis dessen Temperaturstürze verlängerte und verstärkte. Die Lebensbedingungen in Europa vor diesen Ereignissen waren also schwer. Jetzt wurden sie für viele unerträglich oder tödlich. Es kam zu einem beispiellosen Rückgang der menschlichen Population. In Verbindung mit einem extremen Schwund der europäischen Fauna vor 36 000 Jahren, mit einem Massensterben von größeren Tierarten, wie Mammuts, Auerochsen, Höhlenbären, Wölfen u. a.

Verwandte Arten aus Osteuropa und Asien traten an ihre Stelle, die sich besser an das Klima anpassen konnten. Viele menschliche Gruppen verschwanden, ohne Spuren zu hinterlassen. Einigen Neandertalern und Cro-Magnon gelang die Flucht auf die iberische Halbinsel, wo sie jenseits der Pyrenäen Schutz vor der Kälte fanden. Am Schluss der Mega-Eiszeit vor etwa 18 000 Jahren kehrten einige von ihnen nach Zentraleuropa zurück. Sie stießen dort auf Menschen aus dem Balkan, die sich ihrerseits vor der extremen Kälte nach Anatolien gerettet hatten. Und die nun auf dem Weg zurück nach Westen zogen. Beide Populationen vermischten sich und prägten die nächsten 5000 Jahre die Kulturen der Jäger und Sammler auf dem Kontinent.

Vor ungefähr 14 000 Jahren ereignete sich die vierte Megakatastrophe: der größte wissenschaftlich dokumentierte Sonnensturm. Demnach prallte eine gewaltige solare Teilchenwolke auf die Erde, mit ähnlichen, aber weit gravierenderen Folgen als beim Polsprung. Noch einmal brach die Kälte mit aller Macht über die Menschen herein. Vor 13 000 Jahren mit einem starken Temperaturabsturz (örtlich von unglaublichen 12°), sodass nur einige menschliche Bevölkerungsgruppen und nur bestimmte Tiere wie Wildpferde und Rentiere überleben konnten.

Als vor 12 000–10 000 Jahren die Schrecken der Eiszeit endeten, kam die Kultur der Höhlenmaler zum Erliegen.

Nahezu 80 % der bekannten Grottenbilder stammen aus dem Zeitraum von vor 18 000 bis vor 12 000 Jahren. Es war eine erstaunliche Produktionsvielfalt in einer Endphase, in der Menschen Schöpferkraft entwickelten. Vielleicht sehnten sich diese Tiermaler nach der Rettung der Naturbasis der menschlichen Lebenswelt und empfanden sich als deren Hüter. So, als würden sie mit Blick auf die Felswände die Tiere nachdrücklich beschwören, je bedrohlicher ihnen die Welt da draußen erschien.

Von den wenigen 10 000 Menschen dieser Zeit wurde die Welt als Einheit Welt wahrgenommen. So, wie sie einem frisch abgenabelten Neugeborenen erscheint, das sich an seine Mama klammert. Tiere waren eins mit der Natur, Menschen suchen die neue Rückkehr in den Kreis und das Aufwachsen in einem ewigen Kreislauf der Einheit von Tier, Mensch und Pflanzen. Der Mensch sah sich vielleicht als Hüter der Welt, weil er die Zusammenhänge durch Rituale, die Verbindung mit dem Übergeordneten, zu beeinflussen glaubte.

Aber diese Bewältigungsversuche, der von den Klimagewalten, überwältigten Frühmenschen scheiterten. Der Bewusstseinszustand, in dem sie ihre Höhlen ausgemalt hatte, veränderte sich. Mit der allmählichen Erwäremung des Klimas begannen Jäger und Sammlern zu heiligen Stätten zu pilgeren, um dort die Götter zu beschwören. Diese sogenannte Mittelsteinzeit (Mesolithikum) begann in Mitteleuropa vor 10 000 Jahren und ging allmählich über in die Revolution der Jungsteinzeit (regional unterschiedlich vor etwa 4000 bis 5000 Jahren.

Die moderen Menschen stammen von den wenigen Familien ab, die Schrecken des Paläopaläolithikums überleben konnten. Möglich war ihnen das nur, weil sie eine hohe soziale Kompetenz entwicjkelt aht, die Menschen von allen anderen Tieresn sehr deutlich unterscheidet: wir sind zu Liebe fähig.

Die Bösartigkeit der Territorial-Kriege musste erst im Lauf der Seßhaftigkeit erfunden und von herrschenden Eliten durchgesetzt werden. Das Gute im Menschen sollte also (weil genetisch verankert) stärker sein, als das Böse.

Der neue (versklavte) Mensch

Ab dem Mesolithikum stiegen die Überlebenschancen der Menschen, die Wildgetreide und Tiere hüteten, und die Milch und Getreide verdauten. Ehemalige Nomaden wurden (periodisch) sesshaft und begannen zu arbeiten, einen Acker zu bestellen oder Vieh zu halten oder sich für Territoralkonflikte vorzubereiten.

Allerdings war das Arbeiten den Menschen fremd. So wie allen Tieren.

„Meine jungen Männer werden niemals arbeiten! Menschen, die arbeiten, können nicht träumen, und Weisheit kommt aus den Träumen. Ich soll die Erde pflügen? Soll ich ein Messer nehmen und die Brust meiner Mutter zerfleischen? Ich soll graben? Soll ich unter der Haut meiner Mutter nach Knochen graben? Ich soll Gras mähen und Heu machen? Soll ich meiner Mutter das Haar abschneiden? Wir verletzten die Erde nicht mehr als die Finger eines Säuglings die Brust der Mutter verletzen.“
Schamane Smohalla um 1890

Damit Menschen Felder bearbeiteten, Korn ernteten, Gräben aushoben und Städte aufbauten, mussten Menschen dazu gezwungen werden. Einige Archeologen glauben daher, dass zuerst dafür drohende Götter erfunden werden mussten, die das Arbeiten befahlen. Die dafür nötigen Formen mentaler Unterdrückung bildeten sich erst allmählich aus, im Zeitraum von einigen tausend Jahren, und regional sehr verschieden. (siehe Trance).

Zunächst begannen Halbnomaden in den Landstrichen der südlichen Türkei, Armeniens, des Libanons, Syriens und des heutigen Irak damit, Wildgetreide zu hüten und sich Haustiere zu halten. Dafür blieben sie länger an einem Ort und bauten schließlich auch einfache Grundnahrungsmittel an. Und verehrten dort wo sie lebten verstrbene Stammes-füherer:innen auf einem Hühel (Zikkurat), auf dem vieleicht eine zum Himmel ausgerichtete Stele stand, die das Dorf überblickte und die über die Einhaltung der Tabus wachte.

Schließlich begannen Wildbeuter an heiligen Orten Heiligtümer zu bauen. (Göbekli Tepe, Gorbustan).

Um diese sakralen Orte (und ihre Schamenelite) herum entstanden schließlich kleine Städte (u. a. Çatalhöyük). Aus dem Zwang zur Arbeit auf Befehl rachsüchtiger Götter erwuchs langsam veränderte Bewusstseinszustand in Schamanen gelenkten Trancekulturen.

Bedeutend für den Umschwung war sicherlich auch, dass in Mesopotamien und in Ägypten Bewässerungssysteme und Dämme gegen Fluten errichtet werden mussten. Das erforderte nicht nur erhebliche Arbeitsteilung, sondern auch ein anderes Wertesystem. Neben der nomadischen Belohnung für Heldentaten (Eros) trat die Pflicht des Schuftens für höhere Wesen, von denen Hohepriester besessen waren.

Ihre Trance-Befehle verlangten gnadenlos Leistung und Knochenarbeit. Neben dem nomadischen Kriegsfürsten erstarkte die Macht der Schaman:innen, die mit den unsichtbaren Kräften verbunden waren. Die Ahnen wurden jetzt nicht mehr zurückgelassen, sondern lebten weiter und mischten sich durch die Stimme der Schaman:innen ununterbrochen in die Gestaltung des Alltags ein.

Die ersten Orte menschlicher Zivilisation. Bilder rechts: Qobustan (Jäger 2018), Karte: justusems.weebly.com

Das neue Leben der Halbnomaden der Mittelsteinzeit und des beginnenden Neolithikums muss anstrengender, stressiger, genuss- und lustfeindlicher gewesen sein, als das der frei umherziehenden Jäger, Räuber und Viehzüchter. Obwohl sie in deutlich angenehmeren klimatischen Bedingungen lebten.

Die Erfindung der Landwirtschaft führte zudem (neben sehr viel, brutaler, harter Arbeit) zu Hunger, Krankheit, Seuchen, Ungleichheiten, Kriegen und Stress. (James Scott, Die Mühlen der Zivilisation, Suhrkamp)

Warum wurde die Fron angenommen?

Das harte bäuerliche oder städtische Dasein scheint, trotz allem, bei den frühen ortsständigen Kulturen zu Bevölkerungswachstum geführt zu haben. Denn von Anatolien kommend, begannen Trupps von Ackerbauern und Viehzüchtern, stetig Europa und Asien vorzudringen. Vielleicht handelte es sich bei diesen sogenannten Bandkeramikern, die bevorzugt an Flussbiegungen rodeten und siedelten, um eine kultische Bewegung? Oder erklärt sich ihr Erfolg durch technische Innovationen? Oder durch eine starke Disziplinierung der Sozialgemeinschaft? Oder durch einen starken psychologischen Druck durch die Vermittler:innen des Willens von Ahnen und Trance-Göttern?

Der Raum für die Wanderschaften der Jäger, Räuber, Schafzüchter und Sammler wurde allmählich enger. Nomaden konnten einige tausend Jahre später nur noch überleben (oder manchmal auch herrschen), wenn sie sich militärisch organisierten, u. a. wie indoeuropäische oder asiatische Völker (Hethiter, Skythen, Hunnen, Mongolen u. a.). Durch bessere Bewaffnung und Kriegstechnik waren sie dann in der Lage, Bauern und Städter zu überfallen und auszurauben. Gelang ihnen das, mussten sie anschließend sesshaft werden. Und zwangsläufig auch wesentliche Anteile der Kultur (manchmal sogar Schrift oder Sprache) der von ihnen gering geschätzten, unterjochten Bauernzivilisationen annehmen.

In Papua-Neuguinea endeten nomadische Wanderschaften an den natürlichen Grenzen der Täler in einer schroffen Bergwelt. Deshalb blieben dort die Denkweisen der Besessenheits-Kulte (z. B. bei den Asmat) bis in die Neuzeit wie in einem Museum erhalten.

asmat
Ahnenkult. Bild aus Konrad G: Asmat: Leben mit den Ahnen, Brückner 1981

Als die Menschen damit begannen, an einem Ort zu verharren, wurden Mütter und Väter nach der Beerdigung nicht mehr zurückgelassen. Ihre Erinnerung blieb (vor Ort) lebendig. Man begann mit ihnen zu leben. Man begrub sie unter sich und schlief auf ihnen. Und hatte sie so ständig um sich herum: als Geist, als innere Stimme oder als Totenschädel.

Körperteile geliebter Ahnen oder gefürchteter Feinde, wurden einverleibt, oder zerstückelt und (wie u. v. a. in der Osiris-Sage) über die Felder verteilt.

In Europa sind die letzten Belege für rituellen Kannibalismus etwa 2000 Jahre alt. In Papua wurde er noch bis Anfang 1960 praktiziert. Die Aufnahme roher Hirnsubstanz geliebter Verstorbener führte dort zu einer degenerativen Erkrankung (Kuru), die noch bis 2006 sporadisch nachgewiesen wurde. (Lancet 2006)

In fruchtbaren Flusstälern und Ebenen baute man den toten Fürsten heilige Hügel, und deponierte sie darauf, damit sie von dort aus die Feldbestellung beschauen und überwachen konnten. Da ihre Leichname verwesten, ersetzt man sie wohl bald durch haltbare Statuen aus Holz oder Stein.

„Oma und Opa“ blieben so der Gemeinschaft mit ihren guten Gedanken erhalten und mischten sich als Ahnen, Geister und Götter mit Tabus und Traum-Befehlen ständig in das Alltagsleben ein.

Aus den besonders wichtigen Verstorbenen entwickelten sich schließlich Stammes-Götter und später überregionale Gottheiten, die den Lebenden befahlen, was zu tun sei. Um mit diesen Vorstellungen zu kommunizieren, musste von der Gemeinschaft ein spezialisierter Menschentyp ernährt werden, der weder arbeiten, noch jagen, noch kochen musste: die Schaman:innen und später die Priester:innen der Religionen. Sie zeichneten sich dadurch aus, dass sie besonders leicht, unter dem Einfluss von Trommeln, Tänzen und Drogen, in Trance fielen. Um mit dem Unsichtbaren im Sinne des Stammes über das Wetter, das Wildvorkommen, die Krankheiten, die Nachbarschaftskriege, und vieles andere zu verhandeln.

Der Archäologe Cauvin vertrat die Ansicht, dass es nicht die ökonomischen Zwänge waren, die die Menschen in den Ackerbau trieben. Vielmehr habe sich zuerst das Bewusstsein verändert. Erst die neue Kultur des Lebens mit den Ahnen und den Göttern habe langsam auch zur Entwicklung der Landwirtschaft geführt.

Kriege zwischen Bauern und Nomaden

Der „Neue Mann“ besiegt den (weiblichen) Drachen. (Eine der vielen „Marduk-mordet-Thiamat“-Varianten). Geburtskirche Bethlehem, Bild Jäger, 2022

Die Kämpfe zwischen den alten und den neuen Mächten, zwischen „freien“ Nomaden und versklavten Bauern und Städtern, verliefen brutal, gewaltsam und extrem blutrünstig.

Allmählich verdrängte die neue linear-göttliche Ordnung das sich zyklisch-drehende Chaos. Zuerst im „fruchtbaren Halbmond“ Mesopotamiens und in Ägypten.

Dort mussten die Herrschenden dann mit Schrecken erkennen, dass ihr Sein (im Rahmen der neuen linearen Weltauffassung) zwangsläufig auf ein Ende zulief.

Ohne Versprechen auf Wiederkehr nach dem Tod gab es für die Sehnsucht nach einem „ewigen Leben“ (Gilgamesch) nur eine Möglichkeit: Vorsorge treffen. Durch Rituale, Begräbniszeremonien und gewaltige Bauwerke.

Erstmals beschrieb das sumerische Schöpfungsmythos Enūma eliš (vor < 4000 Jahren) die totale Vernichtung der Chaos-Kultur ewiger Wiederkehr. Jetzt herrschte Marduk, der männlich-kriegerische Einheitsgott (Aššur: im assyrischen Reich). Anders als innere Götterstimmen stand „der eine Gott“ außerhalb des Menschen. Er konnte überall (auch außerhalb seiner Kultstätten) angebetet werden, und erteilte seine Befehle aus einer externen Position.

reiterstein
Reiterstein von Hornhausen (Sachsen) um 700 n.u.Z. Die Schlange ist besiegt, und wurde in den Untergrund (das Unbewusste) verdrängt. (Bild: Schmalenbach, DuMont 2002)

In vielen Kulturen entstanden seither ähnliche Varianten der Marduk-Geschichte, in denen ein Held ein bösartiges Fabelwesen erschlägt (die Symbole alter Eros-Kulturen) Beispiele: Thor & Midgard-Schlange, Mithras & Stier, St. Georg & Lindwurm, Siegfried & Drache u. v. a.

Häufig erscheinen in den Mythen, die den Übergang zu einem neuen, sich seiner selbst bewussten Menschen beschreiben

  • ein Stier (Symbol unbändig-urtümlicher Natur-Gewalt), der getötet oder kastriert werden musste. (Fischer 1979)
  • ein Pferd (Zeichen der Bezwingung und Nutzbarmachung der Natur), das im Kampf geritten wird. (Schmalenbach 2002)

Das Neolithikum wirkt bis heute 

Seit vielen zehntausend Jahren wurden Gefangene, Schwächlinge oder Verräter getötet, geblendet oder kastriert, damit sie sich nicht mehr vermehren konnten. Bis intelligentere, symbolische Formen der Kastration erfunden wurden.

Als Zeichen der Unterwerfung unter eine neue Ordnung wurden dann Teile des männlichen und später auch des weiblichen Genitale herausgeschnitten. Eros wurde äußerlich sichtbar abgetötet, während die Fortpflanzungsfähigkeit erhalten blieb.

Sexualität wurde akzeptiert, damit sich Arbeiter, Leibeigene und Sklav:innen vermehren konnten. Auch Vergewaltigung war ggf. legitim, als ein Mittel der Machtausübung im Rahmen von Zwangsheiraten, dem „Recht der ersten Nacht“, gegenüber Sklav:innen oder im Rahmen der Kriegsführung.

Dagegen wurde das Eingehen starker Liebesbeziehungen (unabhängig von sexueller Orientierung) als schwerwiegende Sünde angesehen. Liebende widersprachen den neuen hierarchischen Ordnungen und galten daher als gemeingefährlich. Besonders wenn ein Liebespaar sein gemeinsames Glück für wichtiger hielt als die übergeordneten „großen Ziele“ des Staates und der Religion, für die es sich aufopfern sollte. 

So verschwanden mit den Bildern der starken Frauen auch die zärtlich-liebevollen Männer: Die sanften Helden wie Dumuzi und Adonis waren endgültig in die Unterwelt eingegangen, und kehrten nicht mehr wie früher im Frühling wieder zurück.

Entfremdete Sexualität als Mittel um Eros zu verdrängen

Moderne Herrscher (nach Gilgamesch) sollten nur noch einer Frau wirkliche Bedeutung beimessen: ihrer Mutter. Die vielen Sexsklavinnen dienten der Triebbefriedigung. Ständige Wechsel der Haremsdamen verringerten die Chance, dass sich eine intensive Liebesbeziehung entwickelte. Denn die hätten das Reich gefährdet, wie Nagib Machfus (Radubis), oder Lion Feuchtwanger (Jüdin von Toledo“) erzählen. Die einzige reale Chance einer Frau, mächtig zu werden, bestand darin, ein männliches Kind zu gebären. Und dann als Mutter einen mächtigen Jüngling zu erziehen, der ggf. den Vater und Vergewaltiger der Mutter umbringen würde.

Die radikale Zugangsbeschränkung zu Sex erschuf die Prostitution:

Sex gegen Geld oder als (gnädig gewährte) Belohnung. Prostitution ist also ein relativ junges Gewerbe nach den älteren Berufen der Hebammen und den Schaman:innen. Sie diente (wie heute die Pornografie) der Systemerhaltung. Die Befriedigung des Sexualtriebes konnte ohne (systemgefährdende) erotische Bindung abreagiert werden.

Bini Altar
Bini-Altar aus Bronze, Nigeria um 1900: Oben der mächtige Herrscher mit seinen (genital verstümmelten?) Frauen. Unten die zertrümmerte Nomaden-Unter-Ordnung mit dem Stier. In der Mitte die Macht der Soldaten, auf die sich der König verlassen kann. Im Zentrum: die alte Frau (die Königs-Mutter) mit dem Zeichen ihrer Macht: dem Mais-Stampfer. Bild: Burland 1965

Erstaunlicherweise ließen sich bis heute trotz intensivster Bemühungen weder die Dynamik der Geschlechterpolarität noch der Homoerotik verdrängen: Die verfluchten erotischen Teufel trieben und treiben in jeder Generation aufs Neue ihr Unwesen.

Alle späteren, Eros unterjochenden Kulturformen konnten die urmenschliche Liebesfähigkeit nur eindämmen und kanalisieren, aber nie völlig beseitigen.

Dafür gelang es (in den wenigen Jahrtausenden nach der neolithischen Revolution) sehr erfolgreich, die alte Kreis-Philosophie zu kippen.

Sie ist im Zeitalter des linear-zielorientierten Denkens heute fast gänzlich vergessen. Deshalb erscheint vielen der Tod als das Schlimmste, das ihnen geschehen könnte.

Neue Bewusstseins-Revolution?

Das Denken der Nomaden kreiste im Rhythmus des Umfeldes, in dem sie sich eingebettet fühlten. Nach der Transformation ihrer Lebenswelt musste die Natur bekämpft, ausgebeutet und beherrscht werden. Das ist erfolgreich gelungen.

Die Gattung Mensch hat im Bewusstsein erbitterter Kämpfe, GEGEN was auch immer, den Gipfel ihrer Macht erreicht. Jetzt beißt die Biosphäre zurück. Wir haben uns verrannt. Die Grundlagen für Leben auf der Erde sind in Gefahr.

Eine zweite Bewusstseins-Revolution „FÜR“ friedvolle Systemzusammenhänge ist nicht absehbar. Vielleicht wird sie nie oder zu spät kommen.

Evolution verläuft gesetzmäßig

Vor über 3000 Jahren schrieb ein Kabiti-Ilani-Marduk auf Tontäfelchen, ihm seien im Traum Weltenzusammenhänge vermittelt worden. Seine Geschichte handelte von dem „Helfergott“ Erra, der das göttliche Zerstörungsprinzip symbolisiert (Seuchen, Hunger, Chaos, Katastrophen, verbrannte Erde …). Also all das Unglück, das „der einzige“ Gott (Marduk) bereithalte, um seine ungläubigen Feinde zu treffen und zu zerstören.

In einer dramatischen Raserei vernichtete Erra hier (fast) alles Lebende. Ohne ersichtlichen Grund. Eher zufällig, aus einer Laune heraus.

Anders als in der späteren Sodom-Gomorrah-Geschichte unterschied der Vernichtungs-Engel nicht zwischen Guten und Bösen, Gerechten und Sündern, Menschen und Tieren. Während Erras Wahnsinns-Attacke sei der „allmächtige Gott“ (Marduk) „gerade mal nicht da“ gewesen. Erst nachdem sich Erra schlafen gelegt hatte, erschien Gott wieder.

Kabiti-Ilani-Marduk erkannte, wie biologische Gesetzmäßigkeiten ablaufen, wenn ein Ökosystem kippt: blind, leidenschaftslos, an Einzelschicksalen nicht interessiert, brutal und radikal. In der Medizin ist das Phänomen vertraut: Wenn ein Infektionserreger sich grenzenlos vermehrt und den Wirtsorganismus mit seinen Giftstoffen verseucht, brechen Gleichgewichtszustände zusammen. Im Armageddon des Überlebenskampfes sterben dann nicht nur die Krankheitsverursacher, sondern auch vieles andere, und manchmal zugleich der Wirt. Kabiti-Ilani-Marduk beschrieb, wie eine radikale Zerstörung bei geeigneten Bedingungen scheinbar zufällig ausgelöst werden kann. Und wie sie dann ungebremst (und unabhängig von „göttlichen“ Eingriffen) abläuft. Wie eine Lawine, die ins Tal rast.

Das Lehrgedicht endet dennoch mit einer optimistischen Botschaft: Wir seien zwar von Niedergang, Kollaps und Zerstörung bedroht. Aber ohne Wegwischen des Alten könne das Neue nicht geboren werden.

Bansky: Disneyland-Untergang: „The Mystery of Bansky, Hamburg (Foto: Jäger, 28.07.2022) „… Wenn vielleicht, früher oder später, unsere Zivilisation endgültig im Sterben liegt, werden einige von uns immer noch zu den Sternen schauen, wie es uns die alten Mesopotamier gelehrt haben.“ Kriwavzek, Babylon. Mesopotamia and the birth of civilization, 2010 (freie Übersetzung)

Mehr

Literatur

  • Fischer P: Mythos Stier. Eigenverlag ,1987
  • Groneberg B: Die Götter des Zweistromlandes, Patmos 2004
  • Kabiti-Ilani-Marduk: Erra & Ishtum (um 1.800 v.u.Z.?)
  • Kriwaczek P: Babylon. Mesopotamia and the birth of civilization. Atlantic Books, 2010
  • Masalha N: Palestine. A 4.000 year history. ZED Books 2018
  • Schmalenbach W: Kleiner Galopp durch die Kunstgeschichte. DuMont 2002
  • Steele P: Mesopotamien. Die Wiege der Zivilisation. Gerstenberg 2007

Letzte Aktualisierung: 04.03.2026