Die Sprache der Gefühle

gombe
Neugier (Bild: Jäger, Gombe, Tansania 1985)

Inhalt

  • Säugetiere vertrauen auf Sicherheit
  • Wortlos sprechen
  • Angst
  • Angst als Massenphänomen
  • Die Angst vor der Angst

letzte Aktualisierung. 29.05.2019

Säugetiere vertrauen auf Sicherheit

Und in Geborgenheit kommunizieren sie. Sie zeigen piepsend ihren Bedarf und werden gestillt und versorgt.

Dafür benötigen sie ein Mittelhirn, das Hormon Oxytozin und die „Kiemenbogen“-Nerven, die den Stress ihres „Krokodil“-Hirns dämpfen können. Herz- und Atmungsrhythmen müssen sich verlangsamen, Mimik, Hals, Stimme etwas innen Wahrgenommenes nach anderen vermitteln, mit denen sie kuscheln oder mit Genuss gemeinsam fressen. Säugetiere bauen aus Informationen von innen und außen Repräsentationen der „Wirklichkeit“.

Sie müssen nicht unbedingt sofort handeln, sondern können etwas vergleichen oder je nach Erfahrung verändern. Die aus den Meldungen sensorischer Zellen aufgebauten Bilder werden im Prozess ihres Entstehens „emotional“ eingefärbt, als „gut oder schlecht für mich“.

Säuger mit hoher Verarbeitungsfunktion des Zentralnervensystems können die Repräsentationen mit differenzierten Bildern der Vergangenheit und der Zukunft und mit anderen Konstruktionen der Welt erweitern. Gefühle entstehen und damit die Grundlage sozialen Lernens. Sind Säugetiere bedroht, aktivieren sie ihr Reptilien-Ich, hören sie dagegen die Stimme ihrer Artgenossen oder fühlen deren Wärme, dann kommunizieren sie.

Um zwischen diesen essentiellen Handlungsmustern entscheiden zu können, scannen Säugetiere ohne Unterlass die Umwelt auf Signale, die für das eine oder das andere sprechen. Wie eine Eisbärin, die ein kleines, nahrhaftes Wollknäuel vor sich sieht, das sie fressen könnte, es aber stattdessen ableckt und säugt.

Stürzt zu viel Information auf ein Säugetier ein, die nicht in sinnvolle Handlungsmuster verarbeitet werden kann, entsteht Angst, ein Gefühl das zwei Handlungsrichtungen eröffnet: neugierige Erkundung oder Abwehr- und Vermeidungsverhalten.

Emotion
Freude (Bild: Jäger, Tan. 1983)

Ist Kommunikation oder Exploration angesagt, wird das Schlangenhirn durch Mittelhirnzentren gebremst, über Impulse, die über Nervenbahnen des Vagus-Nerven in den Körper geleitet werden. Wenn die Stimme und die Mimik eines Artgenossen Friede signalisieren, wird die Atemfrequenz durch Nervenimpulse abgesenkt, die rhythmisch in der Ausatmungsperiode abgegeben werden. Sind erst Atmung und Herz gedämpft, kann mit dem emotionalen Ich kommuniziert, gefühlt oder gelernt gespielt. Beim Stillen oder „miteinander schlafen“ wird das Erstarrungsprogramm durch Vagus Signale umgewidmet, angstfrei und genussvoll. Und volle Aktivierung wird im Gleichklang von Sympathikus- und Vagus-Impulsen zu spielerischem Spaß oder besonders starker Leistung im Flow. Wenn aber unmittelbare Gefahr droht, wird das Kommunikationsverhalten ausgeknipst: entweder Lernen und Kommunizieren oder spontan angreifen oder fliehen – beides gleichzeitig ist nicht möglich.

Im Stress muss daher zunächst Beruhigung erfolgen, bevor neue Informationen verarbeitet werden können. Wir sind aber nicht nur in der Lage zu fühlen, sondern auch dieses effektvoll mitzuteilen. Ab etwa vier Jahren können wir die Gefühle anderer verstehen, das Denken und Fühlen, was der andere wohl denken und fühlen mag. Gefühlskompetente Menschen haben bessere Chancen, soziale Beziehungen knüpfen zu können. Wut, Ärger, Sorge, Trauer, Ekel, Überraschung, Lachen, Sattheit und Zufriedenheit lassen sich weltweit gleich an jedem Gesicht ablesen.

Die Grundemotionen sind angeboren und in allen menschlichen Kulturen gleich. Auch blind geborene Menschen lächeln, wenn sie sich freuen, obwohl sie das bei niemandem „abgucken“ konnten. Der größte Teil der motorischen Hirnrinde ist für die Steuerung des Gesichtes, des Mundes und des Rachens zuständig. Menschen, die ihre Gesichtsmuskulatur durch Botox oder Lifting lahm legen, schränken daher die Bandbreite ihrer mimischen Optionen dramatisch ein.

Gefühle tauchen zwar langsamer auf als ungefilterte Sinneseindrücke oder stechender Schmerz, bleiben aber dennoch sehr schnell, und müssen, wenn unpassend, ggf. mühsam weggedrückt werden. Ein Gefühl ist Ausdruck der Stimmigkeit der Aktivitätsmuster aller Hirnregionen , etwa ein Grundmodus in dem alle anderen Hirnprogramme eingebettet werden. Alle Menschen, bei denen die ersten Lebensmonate ohne große Traumatisierungen verliefen sind emotional kompetent, aber die kindliche Meisterschaft lustig, ausgelassen und fröhlich zu sein, lässt in der Folge des Erlernens anderer scheinbar wichtiger Kommunikationsformen.

Mit Kummer kann man allein fertig werden,
aber um sich aus vollem Herzen freuen zu können,
muss man die Freude teilen
. Twain

Gefühle & Kultur 1
Drei Kontinente – eine Sprache, Bilder Eibl-Eibesfeldt
Kultur&Gefühl 2
Gefühle sind bei allen Menschen gleich, Bilder: Eibl-Eibesfeldt

Wort-los sprechen

Emotion
Emotion: Sofort verständlich – International ohne Worte sofort ohne Worte.. Bild Bild: www.portraits-aus-hamburg.de

Menschliche Kulturen unterscheiden sich erstaunlich wenig.

Zwischen Menschen gibt es ungleich mehr Verbindendes als Trennendes. Isoliert lebende brasilianische Ureinwohner können direkt und eindeutig mit völlig fremden Menschen kommunizieren: ohne Worte,  mit klarer Körpersprache und Mimik.

In der Entwicklung von den ersten Einzellern bis zum Menschen mit seinen verschiedenen Kulturen mussten immer neue Arten der Kommunikationsformen erfunden werden, die ich „Sprachen“ nenne.

Einige dieser evolutionär erworbenen „Sprachen“ werden vererbt (Genetik), andere in ihrer Ausprägung während der Schwangerschaft verändert (Epigenetik), andere in der Zeit kurz nach der Geburt geprägt oder in der frühsten Kindheit anerzogen.

Kultur (das, was sich in der Vergangenheit der Gemeinschaft bewährt hat) wird erst nach und nach erlernt. Die jeweils in der Entwicklungsgeschichte der Art (Phylogenese) später entwickelte Kommunikationsform kann alle älteren Sprachen vorübergehend unterdrücken. Z.B. mag eine zuletzt im Werden der Persönlichkeit erlernte Sprache „Moral“ einem früheren Mustern „Fressen“ vorübergehend übergeordnet sein. So lange es gut geht, gehen dann von „moderneren“ Hirnanteilen dämpfende Impulse aus. In Notlagen aber brechen solche Dämpfungsprogramme in sich zusammen, und uralte primitive Kommunikations- und Handlungsprogramme scheinen die Macht an sich zu reißen: „Ich stand neben mir, bin ausgerastet, hab nur rot gesehen, bin durchgeknallt“.

In Begegnungen, in denen unterschiedliche Menschen sehr verschieden kommunizieren, ist daher nicht unbedingt „der Andere“ fremd, sondern das „Fremde in mir“ starke Angst auslösen.

Allen Kommunikationsformen ist eins gemeinsam:

das Streben nach Belohnung, das beim Menschen mit einer Dopamin-Ausschüttung einhergeht.

Allerdings belohnt Dopamin nicht die Bedarfsbefriedigung selbst, sondern die Vorstellung, dass der Bedarf bald befriedigt sein werde, wenn nur die dafür notwendige Aktivität erfolgt. Bei Grundbedarfen wird der Stand der Erfüllung durch spezialisierte Rezeptoren angezeigt (Wasser, Luft, Nahrung, Wärme, Unverletztheit u.a.). Bei anderen sorgt die Konzentration von Neurotransmittern spezialisierter Belohnungszentren (z.B. für Sex) dafür, dass ein Lebewesen dem Überleben der Art einen höheren Rang einräumt, als seinem eigenen Überleben.

Menschen können auch sehr abstrakte Bedarfe konstruieren, wie z.B. „Bestimmbarkeit der Zukunft, eigene Kompetenz oder Sinn, die je nach Grad der Erfüllung beim modernen Menschen Glücksgefühle oder Stress auslösen. Für die Betrachtung der Evolution psychischer Phänomene sind die Systeme der Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung von Bedeutung, denn sie melden den Füllungsstand der Bedarf-Tanks und bestimmen damit die Dringlichkeit, mit der ein Bedarf erfüllt werden muss oder weiter ignoriert werden kann.

Allen Wahrnehmungssystemen ist gemeinsam, dass sie Unterschiede melden. Wird eine Sinnes- oder Nervenzelle völlig identisch und unaufhörlich gleich gereizt, erlahmt ihre Meldung und verschwindet schließlich, wie bei dem Frosch, der bis zum Tod im Wasserbad sitzen bleibt, wenn die Temperatur nur langsam genug erhöht wird. Jede Zelle kann Unterschiede wahrnehmen: u.v.a. Dehnung, oxidativen Stress, Temperatur, Gravitation.

Die Summe dieser vielen zellulären Wahrnehmungen erreicht höhere Zentren der Informationsverarbeitung und wird dann „gespürt“, und dann mit Emotion, Gedächtnis- und Zukunftsbildern kombiniert, und so „gefühlt“.

Wahrnehmung kann als eine Sensation empfunden werden: „Die Wärme, die von diese Rotschattierungen ausgeht“. Oder als Analyse und Interpretation der Stimmigkeit von Einzelfaktoren: „Die Anzahl unterschiedlicher Rotschattierungen in diesem Gemälde“. Welche Bedeutung der jeweiligen Verarbeitungsstufe von Wahrnehmung zukommt, hat sich in der Evolution des Menschen verändert. Spüren, d.h. Wahrnehmung von Rezeptormeldungen ohne Interpretation, die einen unmittelbaren Bedarf anzeigen, haben für moderne Menschen an Bedeutung verloren.

Z.B. berichten viele, sie „fühlten sich gestresst“. Aber nur wenige spüren auch etwas (als einfache Meldungen ihrer Organe), wenn sie sich gestresst fühlen. Sie nehmen ihre Zellinformationen ohne Konzentrationsübungrn in der Regel kaum wahr. Z.B. wenn die Befriedigung des hochrangigeren Bedarfs einem elementareren Bedarf aller Zellen übergeordnet ist, z.B. die „Bestimmtheit, eine Karriereposition zu erreichen“, wichtiger ist als „Durst und Hunger!“.

tiger angst
Der Tiger macht aus Angst Angst. Yüan Shih-chen, 1938

Angst

Der Unwissende hat Mut.
Der Wissende hat Angst. Moravi

Angst ist immer berechtigt!

Genau wie alle anderen Gefühle auch. Allerdings macht Angst Angst. Vor allem den Umstehenden, denn  Ängstliche tun nicht mehr das, was sie sollen. Stattdessen stellen sie die Normen in Frage: die des nicht-denkenden Mitmachens, des Mutig-Seins oder des nichts-fühlenden Handelns. Deshalb haben die Ängstlichen Angst, ihre Zweifel zu zeigen, weil sie sich bloß stellen und lächerlich machen könnten, oder weil sie den anderen als unreif oder kindisch erscheinen.

Es gehört viel Selbst-vertrauen dazu, sich als verletzlich und unsicher zu offenbaren. Wer Angst hat, und es zu zeigen wagt, braucht Mut. Meist wird aber das Gefühl vom inneren Zensor abgewürgt oder versteckt, bevor es sich entfalten kann.

Wozu sind Gefühle da?

Überraschung, Wut, Trauer, Ekel, Ärger, Fröhlichkeit, Geborgensein und Angst spiegeln einen persönlich-erlebten inneren Zustand.

Je nach Empfindung einer Situation, in der eine Kommunikation möglich ist, stimmen Gefühle die geistigen und körperlichen Funktionen auf ein Gesamtbild ein, das anderen vermittelt werden kann. Sie gleichen damit einer Gangschaltung, die einen Motor passend zu Gelände und Belastung einstellt. Und sie vermitteln über Körperhaltung, Bewegungsgesten, Mimik und Laute nach außen, was sich gerade im Inneren eines Säugetiers abspielt.

Andere Artgenossen können die ausgesandten Gefühlssignale wieder zurückspiegeln, wenn sie verstanden wurden. Pferde, Hunde und Katzen können sogar die Gefühle von Menschen wahrnehmen, und diesen auch ihrerseits Gefühle zeigen.

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Gefühle sind bei allen Menschen gleich. Bilder: Eibl-Eibesfeld. Liebe und Haß, Piper 1972

Menschen, den intelligentesten Wesen auf diesem Planeten, mangelt es allerdings oft an emotionaler Intelligenz.

Und das, obwohl sie in allen Kulturen über die gleichen Gefühlsmuster verfügen, und daher in der Lage wären, unmittelbar, ohne ein Wort einer anderen Sprache oder Kultur zu kennen, emotional miteinander zu kommunizieren.

Trotzdem wird oft, wenn jemand fühlt, und sich zu offenbaren wagt, zurückblafft, dass sein Empfinden „Blödsinn“ sei.

Das geschieht dann, wenn Menschen primitive Stammhirnfunktionen aktivieren und wie  Krokodile kommunizieren. Dann bleibt, im Angriff oder bei der Flucht, kein Platz für einen Austausch untereinander, weil ein Gegner auszugegrenzt und „fertig  gemacht“ werden muss, sofern man ihm nicht entkommen kann .

Oder sie befinden sich gerade in einem Gruppenwahn um „gegen was auch immer“ anzurennen, oder um irgendetwas zu bejubeln. Auch dann können sie nicht wahrzunehmen, dass andere etwas zu ihrem Irrsinn Un-passendes empfinden könnten.

Oder aber sie wissen besser, wie die Realität wirklich sei, weil sie rational durchzublicken glauben. Sie versuchen dann „logisch-rational“ zu erklären, warum ein Gefühl nicht berechtigt oder gar ein Ausdruck einer Art Geistesstörung sei, die die man lindern und durch gute Worte behandeln müsse.

Wozu ist Angst gut?

Angst ist ein Gefühl, das dazu dient, eine gewohnte und vielleicht auch lang-bewährte Handlung zu unterbrechen. Weil etwas bisher Unbekanntes auftaucht, etwas das gefährlich oder interessant sein könnte. Z.B. eine schrill bunt angemalte Dose, die plötzlich vor ein Krabbelkind gestellt wird.

Vielleicht wandelt sich dann Angst in Neugier: wenn die Bedrohung nicht zu groß erscheint, wenn andere nicht beunruhigt sind, wenn das Vertrauen (zu sich selbst und zu den anderen) relativ stabil ist und die Situation in einem größeren Zusammenhang auch sinnvoll zu sein scheint.

Dann wird das Krabbelkind an die Dose heranrobben, sie öffnen und erschrecken, weil ein kleines Stofftier heraus fliegt. Auf Überraschung folgt schließlich Freude, weil es Spaß macht, die Puppe wieder hinein zustopfen und erneut heraus fliegen zu lassen.

Angst kann auch in Ärger oder Wut übergehen, wenn jemand das neue Spielzeug wegnehmen will, oder Trauer, wenn es wirklich verloren ist. Besteht allerdings eine wirkliche Bedrohung, mit der keine Kommunikation möglich ist, z.B. wenn kläffender Hund im Park heranstürzt, schlägt Angst schnell in die Reptiliensprache um: weglaufen oder ihn mit einer Sandschaufel attackieren oder in Panik erstarren.

Es erfordert Aufmerksamkeit, Gespür, Erfahrung, Empfindungsfähigkeit und Vorstellungskraft, um etwas als ungewöhnlich zu erkennen. Eine Situation, die bei nachdenkenden Menschen Angst auslöst, kann anderen, die vor sich hin trotten sehr harmlos erscheinen. Weil ihre Fähigkeit zu fühlen stumpf geworden ist. Vielleicht weil sie mehr roboterhaft mit Maschinen statt mit Menschen kommunizieren, oder rational-fühllos Werten nachjagen, die sich nur in Zahlen und Daten ausdrücken lassen. Oder ihre Gefühle „eingerastet“ und erstarrt sind. Dann wird Trauer zur Depression, Ekel zu Magersucht, Wut zu Hass, Ärger zu Selbst-Aggression, und Angst zu Lähmung, usw.

Was tun bei Angst?

Die wesentliche Voraussetzung für einen fruchtbaren Umgang mit Angst ist es, sie wahrzunehmen: Bei sich selbst oder bei anderen. Und sie dann wohlwollend zu betrachten. Denn für Angst gibt es immer gute Gründe. Sie weist auf etwas Wichtiges hin, das ohne das Gefühl nicht erkannt worden wäre. Häufig auf ein noch unsicheres Selbst, oder auf eine erhebliche Herausforderung oder Belastung.

Wie intensiv eine Bedrohung zu Angst führt, hängt nicht davon ab, wie „es ist“, sondern wie es vor dem Hintergrund der bisherigen Lebenserfahrungen persönlich wahrgenommen und interpretiert wird: wie die Diagnose einer schweren Krankheit (Multiple Sklerose, Diabetes, Krebs), oder die Begegnung mit Fremden aus anderen Kulturen, oder Arbeitslosigkeit oder Trennung oder eine der Katastrophen, die gerade durch die Medien geistern.

Ist Angst da und erkannt, kann sie gezeigt und kommuniziert werden. Damit steigen die Chancen, dass sie nicht in primitive Stressverhaltensmuster abgleitet oder zu lähmender Starrheit führt. In andere Gefühle verwandelt sie sich aber nur bei genügend Sicherheit in stabilen Beziehungen.

Persönlicher Umgang mit Angst

Ich habe Angst in bedrohlichen Situationen und Krisen erlebt,

  • in vielen Begegnungen mit Patient*innen, die fürchten ihre Gesundheit oder gar ihr Leben zu verlieren,
  • bei Sterbenden, die den Tod annehmen müssen,
  • im Erkennen des Ausgelieferseins vor Nahtod-Erfahrungen,
  • bei persönlicher Bedrohung,
  • in gewalttätigen interkulturellen Konflikten.

In den Sitiuationen fühlte ich mich oft hilflos. Und handelte, weil ich die Angst nicht ertragen konnte genau falsch: Situation nicht ernstnehmen, verdrängenn, beschwichtigen, abwehren, nach Information suchen, an Glaubenssätze klammern, Handbücher nachbeten, beschwatzen, bemitleiden, verleugnen, täuschen, Sicherheit vorgaukeln, belügen, ausgrenzen, beschimpfen, aggressiv werden, uva.

Angst spricht nicht. Angst herrscht.
Martin Saar, Die Zeit, 03.09.2015

Der das sagt, ist Politikwissenschaftler, und zum Glück kein Arzt. Denn statt mit Patient*innen in Angst zu kommunizieren, würde er versuchen, die Herrschaft dieses ärgerlichen Zustandes bei anderen zu beseitigen: vielleicht durch eine Beruhigungspille oder ein Betäubungsmittel.

Wenn ich etwas wahrnehme, was ich als Angst interpretiere, möchte ich heute nicht sofort verändern, sondern erfahren, was ich, sie oder er fühlen. Ich nehme Kontakt auf. Mit mir und mit den anderen. Ohne Worte. Und bereits damit „spreche“ ich und vermittele Aufmerksamkeit, Interesse und Ruhe.

Wenn ich vermute, dass Angst in Stress oder Panik abzukippen droht, sorge ich für Sicherheit: „Jetzt, in diesem Augenblick!“. Wenn Grundbedürfnisse gefährdet sind (Schmerz), erfülle ich sie, soweit mir das möglich ist (z.B. durch Schmerzlinderung).

Ich bleibe in der Beziehung wach, höre zu, spiegele die Mimik, nehme die Körpersignale und die Atmung wahr und signalisiere, dass ich etwas verstehen will. Ich frage. Wenn ich erzähle, liegt die Betonung auf Sprachmelodie, Rhythmus und Atmung, und weniger bei dem Inhalt. Mir ist dabei die nonverbale Kommunikation wichtig: Gestik, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Berührung.

Wenn sich die Angst dann löst und in Trauer oder Wut oder Ärger wandelt, höre ich die Gründe. Details sind nicht so wichtig, das Wesentliche des Zusammenhangs muss erkannt werden.

Wenn auch das geschehen ist, frage ich, ob ich die Situation, in der die Gefühle entstanden sind, auch richtig verstanden habe. Und wenn das so ist, kann ich von der „Gefühlsebene“ langsam dazu übergehen, den angst-typischen Tunnelblick weiten zu helfen, um die Zahl der Möglichkeiten wahrzunehmen.

Sind die Gefühls-Wogen dann etwas geglättet, können schließlich auch Informationen abgewogen, und im Für und Wider besprochen werden. Aber das erfordert Zeit, Geduld und Zutrauen.

Angst als Massenphänomen?

Angst als kollektives Gefühl, kann leicht in Stress und Gewalt kippen.

Solche Reaktionen verängstigter Massen in Bürgerkriegssituationen habe ich hautnah erlebt. Und versuchte sie auch Kind der Nach-Nazi-Generation, Massenwahn theoretisch zu verstehen. Ich habe erfahren, wie Angst in Gruppen sehr schnell umschlagen kann in Aggression, Flucht oder Panik oder in ein Gemeinschafts-Trance, die zielgerichtet alles niederwalzt, was sich ihr in den Weg stellt. Ordnungssysteme, wie die Polizei, sind nur solange von begrenztem Nutzen, wie die Zahl der Verängstigen, die plötzlich im Wahn Mut schöpfen, sehr klein bleibt.

Weit gefährlicher als verwirrte Menschenmassen, habe ich die erlebt, die verängstigte Menschen von Ihren Gefühlen befreien, indem sie ihnen Gegner zeigen, die sie bekämpfen können. Demagogen, die (berechnend-rational oder ideologisch-irrational) Gefühle in bösartige Formen von Irrsinn lenken.

Damit das nicht geschieht, wäre es auch bei den gesellschaftlichen Angstphänomenen wichtig, die Dynamik des Angstgefühls zu verstehen, und sich nicht nur auf die kontrollierende, staatliche Gewalt zu verlassen. Die ist zweifellos nötig, um Hetzer zu isolieren, aber sie allein reicht nicht, wenn der Druck der Ängste zu groß wird, und zu breite Anteile der Gesellschaft erfasst.

Auch im gesellschaftlichen Zusammenhang wäre es wichtig, wenn Menschen ihre Angst zeigen können, ohne ausgegrenzt zu werden. Dass sie sich ernstgenommen fühlen, weil ihre Gefühle berechtigt sind. Und dass man mit ihnen spricht.

Nur die, die Angst haben, können ihr eigenes Gefühl auch beurteilen. Und niemand besitzt das Recht, ein Gefühle eines anderen zu verurteilen, selbst bei großen Personengruppen nicht: weder Trauer, noch Ärger, noch Wut und auch nicht Angst.

Der Versuch „irrationale Ängste“ zu verdrängen, ist schon deshalb kontraproduktiv, weil Gefühle und Rationalität unterschiedliche Sprachen sprechen. Und weil Gefühle, die nicht geäußert werden dürfen, in andere primitivere Handlungsmuster abkippen, die für die Umstehenden sehr gefährlich werden können.

Gefühle gibt es, um wortlos miteinander zu sprechen. Und genau das ist nötig, wenn sie sich zeigen. Insbesondere bei Angst: Aufmerksam zuhören, versuchen zu verstehen, und reden ohne es besser-wissen zu wollen. Je mehr Beziehung dabei entsteht, desto besser.

Menschen sehnen sich danach, Un-Sicherheit zu verlieren. Dass etwas bewahrt wird, was ihnen wichtig erscheint. Dass Veränderung in eine positive Zukunftsperspektive führt.

Da sich gerade alles rasant wandelt, und die Grenzen, die für die globale Waren- und Finanzströme niedergerissen wurden, nun plötzlich auch die Menschen nicht mehr aufhalten, wäre es besonders wichtig über Werte zu reden und darüber, wie wir gemeinsam, nachhaltig und global leben wollen.

Die Basis solcher Gespräche sind Gefühle: Trauer über völlig sinnlose Kriege, Ärger über kurzfristiges Problemlöseverhalten, Wut über die Zerstörung von Lebensgrundlagen, Angst, dass der Irr-Sinn die Oberhand gewinnt und Freude über die vielen kleinen, lokalen Initiativen engagierter Menschen, die unser Leben verändern werden.

    «Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.»
„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern.“
Tomasi de Lampedusa

Die Angst vor der Angst

„Ich bitte um Vertrauen …
Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung nur verunsichern.“
Lothar de Maizière.

Dieser Innenminister bezog sich 2016 auf eine Terrordrohung in Hannover und hatte völlig Recht. Ungeschickt war nur, dass er das Richtige auch aussprach.

Die anschließende Häme und Schelte offenbarte im Wesentlichen Unkenntnis im Umgang mit Angst.

Denn Informationen auszuschütten, die in dieser Situation nicht sinnvoll von den Empfängern verarbeitet werden können, löst in Angst Missverständnisse oder gar Panik aus.

Angst ist ein Gefühl, genau wie andere.

Ängstliche sehnen sich also genau nach dem, was de Maizière ausdrücken wollte.

Wird auf ängstliche Fragen sachlich geantwortet, verstärkt sich die Angst. Man könnte z.B. auf bange Fragen wie „Liebst du mich?“ oder „Muss ich jetzt sterben!“ völlig korrekt antworten, die Welt sei komplex und die Dinge könnten sich sehr unterschiedlich entwickeln, und realistisch könne man nur Wahrscheinlichkeiten einschätzen. Das führte sicher zu Stress.

Und im Stress wird nicht mehr kommuniziert, wie es Säugetiere tun, sondern mit krokodilhaften Notfallprogrammen gehandelt, um zu isolieren, zu verletzten, zu bekämpfen oder zu vernichten. Oder um die Tür zuzuschlagen und panisch wegzulaufen. Oder um, wenn alles nichts hilft, in ohnmächtige Lähmung zu verfallen oder zu erstarren.

Angst ist eine gesunde, normale und sinnvolle Reaktion bei Unsicherheit.

Wenn ein Schiff schwankt, auf dem man sich befindet, und man diese Sensation nicht kennt, entsteht Angst. Besonders bei Kindern, die noch intensiv fühlen können, und die bislang noch wenig rationales Datenwissen auswendig gelernt haben. Sie fühlen eben und glauben nicht etwas zu wissen, was ein Erwachsener ihnen einzureden versuchte.

Ihre Angst wäre nur gefährlich, wenn sie nicht kommuniziert werden könnte. Denn dann kippte sie ab in riskantes Stress-Handeln, z.B. sich weit über die Reling zu hängen, um den Darm in umgekehrter Richtung zu entleeren.

Können die verunsichernden Informationen aber sinnvoll eingeordnet werden, beruhigt sich die Situation. Wenn der Kapitän z.B. mitteilte, Wind und Wellen gefährdeten das Schiff nicht, und er habe alles im Griff. Und wenn die Eltern auch bestätigen, dass es wirklich so sei. Alle weiteren Informationen ließen erneut Ängste aufflammen, z.B. wenn ein Matrose verkündete, dass eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestünde, dass ein Orkan drohe. Und wenn das Kind dann bemerkte, wie seine Eltern plötzlich unsicherer wirkten.

Jäger Umgang mit Angst 1a
Emotionale Achterbahn und Angst

Bisher ungeahnte Informationen, die neu auftauchen, verhindern, dass Angst sich in ein anderes Gefühl wandeln kann. Sie führen zu einem unangenehmen Zustand der Übererregbarkeit, der schnell in Panik abkippen kann. Dieser Geisteszustand wird gerne und wirksam ausgenutzt, um Ängstliche zu manipulieren und zu lenken.

Dazu werden im Medien-, Politik-, Wirtschafts- und Gesundheits-Geschäft, immer wieder Informationen gestreut, die Ängste auslösen. Um dann Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die Sicherheitsillusionen vermitteln und den Zustand der Übererregbarkeit wieder beruhigen.

Unberechtigte Ängste?

Zurzeit sind die Medien voll von „politischen, irrationalen, wahnhaften, blödsinnigen, albernen, rassistischen, unbegründeten, ideologischen, gefährlichen, kindischen, … “ Ängsten. Solche Umschreibungen sollen signalisieren, dass es „irgendwie“ krank oder bedauernswert sei, etwas, was gerade nicht gefühlt werden soll, dennoch zu fühlen. Die Kritik an der Angst ist besonders groß, wenn alle Welt der Meinung ist, nun müsse man, „Augen zu und durch“, rücksichtslos zuschlagen. Denn wer einen militärischen Einsatzbefehl bekommen hat, darf sich Angst nicht mehr leisten.

Ich dagegen bin ein hoffungsloser Fall. Denn mir machten bisher alle Versuche, instabile Länder in die Demokratie zu bomben, Angst. Obwohl die Mächtigen immer versicherten, alles was sie taten, sie gut so und richtig.  Mein Gefühl sagte mir aber jedes Mal, dass nicht viel Gutes dabei herauskommen wird, wenn sich wenig überzeugende Politiker zu Feldherren aufblasen und zu globalen Kriegen aufrufen. Und das man Propagandameldungen militärischer Strategen gewiss nicht trauen kann.

Wenn ich mir dann die Situation in Libyen, Kosovo, Palästina, Afghanistan, Irak, Libanon und Syrien anschaue, beschleicht mich der Eindruck, dass meine vergangenen Gefühle, trotz mangelnder Sach- und Detailkenntnis, nicht falsch lagen.

Ein zynischer französischer Politiker soll gefragt haben, warum statt des syrischen Raqqa nicht das belgische Molenbeek bombardiert werde, weil auch dort viele „IS-Krieger“ lebten. Das ist offensichtlich völlig absurd. Denn eine Bombe auf Belgien tötete vielleicht einen Kriminellen, aber erzeugte tausende neuer Terroristen. Warum aber sollte es in Raqqa anders sein?

Versucht man, neben all dem Ausrotten, auch etwas, um die (sunnitische) Bevölkerung zu gewinnen, aus deren verzweifelter Lage der syrische IS-Terror erwachsen ist? Wird versucht, den unter den Angriffen leidenden Menschen eine Perspektive oder Vision einer besseren Zukunft zu vermitteln? Werden jetzt große Programme finanziert, die die Lage der jugendlichen Zuwanderer in Europas Vorstädten und Ghettos drastisch verbessern?

Wie stehen diesmal die Chancen, nach dem Reptilienangriff in Paris der Versuchung zu widerstehen, ausschließlich saurierhaft zu reagieren? Denn Gewalt nur mit Gewalt zu beantworten ist ganz im Sinne derjenigen, die nichts anderes können als zubeißen, und denen es Angst macht zu reden und zuzuhören.

Jäger Umgang mit Angst 2
Begleitung auf der emotionalen Achterbahn

Angst im Umgang mit Krankheit.

Viele Patientinnen haben Angst. Aus guten Grund. Sie suchen dann Personen, denen sie vertrauen können. Können sich Ärztinnen dann sinnvoller verhalten als viele Politiker?

Ja. Denn sie können

  • Angst aufmerksam wahrnehmen und das Gefühl akzeptieren. Und sie können nach weiteren Gefühlen fragen.
  • Sicherheit vermitteln, indem sie Ruhe, Aufmerksamkeit, Empathie und Besonnenheit ausstrahlen. Durch Körperhaltung, wache Ruhe, Berührung, Mimik, Sprachmelodie.
  • schließlich auch, in einer beruhigten Situation, rationale Fakten abwägen, in einem Umfang, der verstanden werden kann. Indem sie Information dosiert einsetzten. Und das, was erfragt wird, rückhaltlos offenbaren. Ohne das nicht Gefragte aufzudrängen. Indem sie danach fragen, wieviel Informationen verarbeitet und in einen persönlichen Bezug gesetzt werden kann, ohne zu überfordern.
  • je nach Situation der emotionalen Achterbahn, auf der sich PatientInnen befinden, ergänzend zu Problemlösungen: Stützen, fördern, konfrontieren oder fordern.
Letzte Aktualisierung: 14.06.2019