Wahrheit, Dogma, Gesetz

Inhalt

  • Wahrheit, Dogma Gesetz
  • Religionen Woher? Wozu?
  • Religion: Macht zur Unterdrückung der Psyche
  • Wahrheit und Unsinn
  • Wahre Wissenschaft?

Letzte Aktualisierung: 29.05.2019

Reine Wahrheit
Einige Spielarten der Wahrheit: Gesetz (Legalismus in Rom, Qin-China), Wissenschaft (Aristoteles: Epistheme), politische Ideologien, Religionen mit externem Gott (Urformen: Echenaton, Zarathustra, Kybele, Mithras, Veden) und ohne Gott (Buddha, Jain, Monismus, Dao) und die vielen Mischformen aus allem, die zur Massenbeeinflussung oft mit Tranceauslösung vermischt werden.

Das Dogma des Glaubens an die Wahrheit ist relativ jung.

In der Steinzeit war noch alles eins: in einem ewigen Zyklus des Werdens und Vergehens. Die Religionen der Früh-Menschen boten ihnen eine innere Stütze: Sie hörten in Träumen oder in Besssenheit Stimmen, die ihnen konservativ befahlen, was nach Stammessitte zu tun sei.

Nach der bäuerlichen Revolution vor vielleicht 10.000 Jahren herrschten Schamanen-Priester mit Bessenheitskulten. Nur sie waren in der Lage, die Befehle ihrer Götter zu hören und zu verstehen. Dann aber begann in wirren Kriegszeiten das schleichende Gift des skeptisch-kritischen Selberdenkens die Macht der Trance zu zerstetzen. Die Menschen hörten nicht mehr auf innere Stimmen und begannen sich (an sich selbst denkend) gegen Tabus zu versündigten. Die alten Besessenheits-Kulture erwiesen sich als unfähig große, multi-ethnisch zusammengesetzte Massen zusammenzuhalten, die (mit Ausnahme ihrer Propheten) „in sich“ keine Götter mehr hören konnten. Die neuen gottlosen Kulturen egoistischer Tyrannen und Heerführen flössten ihren ausgebeuteten Untertanen kein Vertrauen ein, und wurden daher von den wenigen Propheten, die noch Stimmen hörten, zu Hölle verdammt.

Die vor 2.500 Jahren aufkommenden Großreiche verlangten aber nach einer vereinigenden Ideologie, die die ehemalige Macht der innern Stimmen, die nun nahezu gänzlich verstummten, zu ersetzen. Daher musste die Psyche der Abhängigen von außen eingerüstet und stabilisiert werden: entweder durch Gesetze, oder einen externen Gott, oder durch allgemein verbindliche Regeln des Zusammenlebens.

So entwickelte sich der Boden für das Wachstum der Systeme externer Wahrheiten, die selbst den Mächtigen, den Reichen und den Herrschenden übergeordnet waren.

Diese äußeren Gerüstsysteme der Psyche erwiesen sich in der Evolution als äußerst erfolgreich:

Die Lehre der Trennung von Gott und Welt

Der erste, der einen externen äußeren Gott erkannte und verehrte, war Echen-Aton (Amenophis IV, um 1.300 v.u.Z). Er erklärte den Priestern der bis dahin herrschenden Bessenheits- und Muttergottes-Kulte den Krieg. Folgerichtig wurde er später als Ketzer aus der Liste der Pharaonen gestrichen. Aber seine neue Ideologie blieb bei Sklaven lebendig, die sie nach einer Fluchtaktion aus Ägypten weiter verbreiteten.

Ur Religionen
Vier Ur-Religionen: Zoroaster, Echenaton, Mutter-Gottes, und die chinesischen Essigkoster (Konfuzius, Buddha, LaoTse)

Vielleicht zeitgleich (oder auch Jahrhunderte früher oder auch später) dokumentierte Zarathustra in Baktrien die Wahrheit als den Unterschied von Gut und Böse. Damit schuf er ideale Geisteshaltung für eine imperiale Kriegsmaschine, und eine Ideologie, von der bis heute noch alle Hollywood-Filme zehren.

Zarathustra wollte der Barbarei der Trance (Mithras-kult) und der Herrschaft von Willkür ein übergeordnetes, gutes Gesetz entgegensetzen. Die Reinheit des Feuers, das Symbol einer segensreichen Macht, sollte über den Menschen stehen, also auch über dem König.

Diese eher friedfertige Denken verhalf der ersten monotheistischen Großmacht zum Durchbruch (dem medisch-persischen Großreich).

Gute Gedanken, gute Worte, gute Taten!
Ahura kommt herab zu dem, der den Armen Gutes tut
.
Zarathustra, um 1.000 v.u.Z.

Die Wahrheit und die Macht des Gesetzes

Auf dem Dogma des Gesetzes gründeten sich die römischen  und chinesischen Imperien. Dort wurden schlagkräftige Hierarchien (Militär, Beamte, Soldaten) mit starren Regeln, Moral und Ritualen zusammengehalten.

Zusätzlich holte Konfuzius in China den Ahnenkult, die alte schamanistische Trance mit ins „Staats“-Boot. Und in Rom versuchte man erfolgreich die Völker zusätzlich durch die Mithras-Religion, später den Muttergottes-Kult und schließlich des Christentum zu vereinen.

Relative Wahrheit
Wahrheit ist wie die Straßenverkehrsordnung: absolut und doch relativ (Festlandeuropa / England)

Das Gesetz zwingt die Autofahrer auf dem Kontinent auf die rechte Straßenseite. Auf der Insel ist es genau umgekehrt. Dennoch sind beide (sich widersprechenden) Wahrheiten in der jeweiligen Örtlichkeit absolut: als heilige Regeln, gegen die zu verstoßen hart bestraft wird.

Am Anfang (des Dogmas) steht der Begriff

Jedes Wort ist ein Missverständnis.  Nietzsche

Die Herrschaftsgrundlage aller Wahrheitssysteme ist das schriftlich fixierte, begrifflich-definierte Wort, die Trennung von „Gut und Böse“ und von „Richtig und Falsch“, das eindeutige Gesetz, der äußere Gott, die zu Ideologien geronnenen Ideen.

Dogma Überlegenheit
Überlegenheit des Dogma gegenüber der Trance-Herrschaft. Einer kleinen (von Priestern gesegneten) Mörderbande unter Pizarro gelang es ein hochgerüstetes 80.000 Mann-Heer zu besiegen, in dem man einfach dem lebenden Gott (Atahualpa) die Kehle durchschnitt. Den vom Geist besessenen Kriegern fehlte damit die innere Stimme, die ihnen sagte, was zu tun sei. In Trance wird nur in der Vergangenheit bewährtes abgespult. Dogma dagegen setzt einen (starren) Rahmen, in dem sich etwas entwickeln kann und soll.

Letzlich sind Begriffe bodenlos, denn wir können auf keinen Test zurückgreifen, der einwandfrei bestimmt, was ein bestimmtes Wort eigentlich meint, ohne auf Bedeutungsregeln des Begriffes zurückgreifen zu müssen. Jedes Wort bringt je nach dem Kontext, in dem es verwendet wird, vieles zum Ausdruck, und ist vielfältig interpretierbar. Schließlich verwendet jede Erklärung wiederum andere Begriffe oder Methaphern, deren Bedeutungsregeln für uns ebenfalls offen und ungeklärt sind.

Seit also Worte erfunden wurden, streiten Menschen über ihre Bedeutung. Und das umso heftiger, je mehr uralt-nebelhafte Bedeutungen in modern-eindeutige Begriffe gegossen werden. Es wird bei Streitgesprächen meist vergessen, dass „alles Gesagte ist von jemandem gesagt“  wurde (Maturana, Varela). Und dass das, was „ist“, nur auf bestimmte Blickwinkel bezogen sein kann: Begriffsdefinitionen und -deutungen sind daher zwangläufig „relativ“ (zu anderen Sichtweisen und Grenz-Ziehungen). Das Dogma setzt sie aber als unzweifelhaft und absolut wahr.

Die Verkündung der Wahrheit vermittelt klar und eindeutig, was zu tun ist.

Abweichung wurde betraft, Trance für ideologische Zwecke missbraucht, Eros unterdrückt und die Emotionen beherrscht. Die Belohnungen dieser Art des Seins waren und sind Ordnung, Klarheit, konsequent einfache Reduzierung der Komplexität (der Realität), und die Schönheit des steuerbaren Glaubens-Modells.

Dunkelreligion
Clodwig Poth: Die dunkle Seite der Religion

Damit hatte das Chaos des Denkens (z.B. der Vorsokratiker) ein Ende, die Welt wurde berechenbar, beherrschbar, sicher und stabil. Alle seither entstandenen Dogmen, Wahrheiten und Rituale halten sehr effektiv große Menschenmassen und Hierarchien zusammen. Sie isolieren (nach außen) oder zähmen zugleich nach innen jene, die zu skeptischem, aufrührerischem Denken fähig wären.

Diejenigen, die sich ideologisch nicht unterordnen wollen, werden als Heiden, Feinde und Ketzer gnadenlos verfolgt, unterdrückt und ermordet.

Da allen Wahrheiten etwas Gewalttätiges innewohnt („die Bekämpfung der Un-Wahrheit“) hat es sich in vielen späteren Kulturen als sinnvoll erwiesen, intern für eine „Gewaltenteilung“ zwischen den Wahrheitssystemen zu sorgen.

Dort wo Politik, Wahrheit, Gesetz und Gott eins werden, leben Menschen, die (zumindest im Stillen) noch etwas selber zu denken versuchen, sehr gefährlich.

Den Befehl: „Du sollst denken!“ verstehen Kinder erst ab dem Kasperle-Alter.

Wahrheiten, Regeln, Gesetze, Dogmen, Ideologien sind kulturell sehr unterschiedlich ausprägt. Sie werden erst ab dem vierten Lebensjahr erworben. Der feste Überzeugung an die Macht eines Modells der Realität, das von Experten (Lehrern, Juristen, Priestern, Meistern …) beherrscht wird, schafft Vertrauen, das Richtige zu tun. Der Sinn des „Lernens ohne etwas zu fühlen“ ist es, anschließend fest zu glauben, etwas sicher zu wissen. Also Modell-stabilität in einer tatsächlich unsicheren, wandelbaren, unberechbar-zufälligen Realität.

Sünde
Sünde: Erotik, Heiden, Denker oder andere Dogmatiker

Die indoktrinierende Erziehung beginnt im Kindergarten, Schule oder im Religionsunterricht und sorgt für die Kontrolle über die anderen menschlichen Kommunikationsformen: Fröhliches Ballspielen findet dort, wo die Straßenverkehrsordnung gilt, ein jähes Ende. Das führt später zwangsläufig zu Konflikten, wie bei  „Romeo und Julia“.

„Genauso ist es!  Und nicht anders!“

Nach dem kurzen Intermezzo der Skepsis, die die Legitimation der inneren Götter beseitigt hatte, musste zwangsläufig eine neue Kommunikationsform für Untertanen und Herrscher entwickelt werden, um Staaten, Armeen und Reiche zusammenzuhalten.

Die Verkündung von Dogmen geschah, als die Zahl der Menschen wuchs, die innere Stimmen und Wahrheiten in Trance nicht mehr wahrnehmen konnten. Und als die skeptischen, „demokratischen“ Debattierer oder egoistischen Tyrannen daran scheiterten, große Staatsgebilde zusammenzuschweißen.

Es gibt nicht nur die blutrünstigen Seiten des Dogma.

Gesetze und Recht sind, ebenso wie die ethischen Prinzipien der Weltreligionen, in einer zunehmed komplexen Welt unverzichtbar für positive Entwicklungen.

Sie sind die Basis für das Aushandeln und Vereinbaren von Regeln, die einzuhalten sind, damit friedvolle Entwicklungen gesichert werden. Das Gedeihen jeder Gemeinschaft braucht einen Schutzraum.

Es ist eben beruhigend zu wissen, dass sich Autofahrer an Geschwindigkeitsregeln halten und bei Rot stehen bleiben. Und Dogmen, wie „ein Mensch darf nicht getötet werden“ sind sehr nützlich, ebenso wie die Repressionen, wenn man dagegen verstößt.

Ohne Dogmen, Begriffe oder „das Wort“, das etwas von etwas anderem trennt, gäbe es auch, außer der des direkten Kontakts, keine Möglichkeit, von anderen zu lernen.

Am Anfang war das Wort.  Alles ist durch das Wort geworden  und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. Johannes, Kap. 1, Vers 1, um 100 n.u.Z.

Johannes irrt

Das begriffliche Wort stand sicher nicht am Anfang der Entwicklung der menschlichen Kommunikationsformen. Und begrifflich-lineares Denken kennzeichnet möglicherweise auch nicht das Ende der psychischen Evolution des Homo sapiens.

Religionen: Woher? Und wozu?

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Dietrich Bonhoeffer

Religionen sind Ausdrucksform kultureller Entwicklung.

Religiöse Vorstellungen kommen bei Tieren nicht vor. Sie müssen sich im Rahmen der menschlichen Evolution entwickelt und zu Überlebensvorteilen geführt haben. Möglicherweise stabilisierten sie den Zusammenhalt immer größerer sozialer Gruppen. Und senkten das Risiko für Gewaltakte innerhalb des Sozialverbandes. (Boyer 2002, 2008).

Schon vor 40.000 Jahren konnten sich Neandertaler und ihre afrikanischen Zuwanderer (Homo sapiens) bei ihren  Beerdigungszeremonien vorstellen, dass sich hinter der sichtbaren Welt eine weitere verbergen könnte. Warum sonst hätten sie sich um einen Verstorbenen kümmern sollen?

Menschen unterscheiden sich besonders von anderen Lebewesen durch ihre Fähigkeit, liebevolle Beziehungen einzugehen (Maturana 1996).  Dafür spricht auch, dass in Tests zum allgemeinen Denkvermögen und Erfassen von Situationen Schimpansen genauso gut abschneiden wie Kleinkinder. Ihnen fehlen allerdings Sozialkompetenzen, die bei Menschen bereits sehr früh auftreten (de Waal 2015): Schon einjährige Kinder erfassen intuitiv, was jemand denkt, wünscht oder plant, und handeln entsprechend.

Menschen sind zu intensiven Bindungen fähig, die auch dann stabil bleiben, wenn sie sich längere Zeit, vielleicht sogar Wochen oder Monate, nicht sehen. Dieses Verhaltensmuster wird unter anderem von dem Hormon Oxytocin geprägt, das u.v.a. die zwischen-leibliche Verbindung zwischen Mutter und Neugeborenem vermittelt. Aber auch nach dem Sex wird Oxytocin ausgeschüttet: wenn Paare nach einem Orgasmus in liebevoller Umarmung einschlafen. Und auch Dopamin ist wichtig für Bindungsverhalten. Dopamin vermittelt ein Belohnungs-Gefühl bevor eine Leistung erbracht wurde, von der erwartet wird, das sie zu einer Bedarfsbefriedigung führen wird. Was Lebewesen beglückt, ist also nicht die Erfüllung eines Bedürfnisses, sondern die Vorstellung ein beglückenden Zukunft. Bei Menschen kann die Dopamin-Ausschüttung schon durch die Vorstellung eines – nicht gegenwärtigen – geliebten Menschen aktiviert werden. (Saploski 2011)

Allein ein inneres Bild eines „angebeteten“ Menschen verleiht Kräfte, die „Berge versetzen“ können (Chapais 2013). Diese grandiose Leistungsfähigkeit scheint im menschlichen Gehirn stabil und kultur-unabhängig angelegt zu sein (Porges 2007, Tomasello 2008).

Es ist nur ein kleiner Schritt von der Vorstellung, dass ein Geliebter weit entfernt kämpft und mit reicher Beute zurückkehren wird, zu dem Glauben, dass auch der verstorbene Stammesfürst nun in ewigen Jagdgründen umherstreift und sich weiterhin um seine Sippe sorgt. Zumal er den Ur-menschen weiterhin in Träumen oder verklärten Geisteszuständen erschien und sprach, ermahnte und drohte.

Besonders begabte Menschen konnten als Schamaninn/en, Zauberer oder Heilerinn/en das Unsichtbare deutlich erkennen und deuten, und – wenn nötig – die Stimmen der längst Verstorbenen auch in sich selbst aufrufen. Wir würden solche Menschen heute vielleicht als psychisch labil bezeichnen. Berauscht von Pilzen, Räucherwerk und Trommeln waren sie von mystischen Kräften besessen, und konnten, noch besser als die weniger Trance- Begabten, mit den Ahnen und Geistern in Kontakt traten. (s. Wahnsinn)

Die ersten klar erkennbaren Göttinnen und Götter

Seit 30.000 Jahren erschufen Menschen weibliche und männliche Idole und Tiergestalten, die ihnen möglicherweise heilig waren, oder die dazu dienen sollten, das nicht sichtbare zu beschwören. Die ersten durch bleibende Zeugnisse eindeutig identifizierbaren Göttinnen und Götter sind aber nur 10.000 Jahre alt.

Möglicherweise lohnte es sich erst für sesshafte Bauern, einer verstorbenen Stammesmutter oder einem großen Krieger einen bleibenden Grabhügel (Zikkurrat) zu errichten, dessen Geist dann die Bewirtschaftung der umliegenden Felder beaufsichtigte. Erst dann entstand die Notwendigkeit, Symbole zu erfinden, Altäre zu errichten und Opfergaben zu erbringen.

Die vielleicht älteste Göttin, die in den ersten Städten in Anatolien (Katalhöyük, und ggf. zeitgleich in Armenien) verehrt wurde, lebt bis heute als „Mutter Gottes“ unter wechselnden Namen: Kybele, Isis, Mater ideae, Maria uva.

Im ersten großen Epos der Menschheit wird die Zivilisierung des Tier-Mannes durch die Frau beschrieben: Gilgamesh um 2.000 v.u.U. Und weiter die beginnende Epoche der Zerstörung der Natur zur Festigung menschlicher Macht. Und schließlich die endgültige Beseitigung des Eros-Herrschaft durch einen immer gott-ähnlicheren Fürsten.

Im zweiten Teil des Epos geht es dann um das Ende des „ewigen“ Kreislaufes von Werden und Vergehen. Um die Geburt einer linearen Vorstellung von einem einzigartigen Leben, das beginnt und wieder endet: Es sei denn, man fände als besonders Mächtiger ein Schlupfloch und würde (wie Gilgamesh) selbst „göttlich“.

Spätere Schöpfungsmythen (Enuma Elish u.a. um 1.700 v.u.Z.) erschufen sich starke einheitliche Volks- oder Staatsgötter, die sich den Lebenden als von Gott besessene Fürsten zeigten, durch deren Münder Gott direkt sprach und Gesetze diktierte (u.a. Hammurapi).

Sich als Auserwählte auf der Seite des jeweils stärksten Stadt-Gottes zu wähnen, brachte den ersten, blutrünstigen Staaten der Menschheit entscheidende Vorteile im Kampf mit räuberischen Nomaden, deren Götter schwächer zu sein schienen. Das starke Gemeinschaftsgefühl der Städter, die ihren allmächtigen Gott auf ihrer Seite wussten, garantierte, dass für die höhere Wahrheit alle persönlichen Interessen untergeordnet wurden.

Wenn ein großer Mann oder eine wichtige Frau starben, wurden sie zu Halb-göttern ernannt. Daher wimmelten nach wenigen Jahrtausenden in den polytheistischer Religionen zahllose Wesen, die den Menschen übergeordnet waren, sich aber allesamt sehr menschenähnlich verhielten, und die sich von ihren fernen Instanzen ständig – und oft auch launisch, bösartig und willkürlich – in das Leben auf der Erde einmischten.

Modere Religionen sind dreitausend Jahre jung

Der kleine Fisch fragte : ‚Ich habe immer vom Meer gehört, aber was ist das, dieses Meer? Und wo ist es?‘ Und die Fischkönigin antwortete: ‚Du lebst, bewegst dich und hast dein Sein im Meer. Das Meer ist in dir und außerhalb deiner, du bist aus Meer gemacht, und du wirst im Meere enden. Das Meer umgibt dich als dein eigenes Wesen.‘“ Inayat Khan

Das modernes religiöses Weltbild ist linear mit einem starkem Ich, das sich entschieden kann zwischen Gut und Böse. 

Die ersten modernen Religionen räumten auf mit dem Chaos der inneren Stimmen von Gottheiten, die immer wieder von den Menschen Besitz ergriffen und sie irrational lenkten. Sie vertrieben die Geister, Teufel und olympischen Machtgestalten, die ständig als innere Gewalten in Unwesen trieben. Die Menschen begannen sogar in Einzelfällen sich selbst erkennend, bewusster zu denken. Sie waren es manchmal sogar leid, von inneren unbewussten Mächten tyrannisiert zu werden: Odysseus z.B.

Religionen ersetzen die alten Besessenheit-Kulte durch ein neues „rationales“, allumfassendes Prinzip, das außerhalb der menschlichen Körper und Gehirne, die ganze Natur regierte und durchflutete.

Zustände der Besessenheit erforderten u.a. ein starkes Seitenhirn, in dem Stimmen gehört und erinnert wurden. Rationalität dagegen machte sich stärker breit, wenn die frontalen Anteile des Gehirns den Rest des Denkorgans beruhigten.

Von einer höheren Macht besessen sein, wurde nicht mehr toleriert, es sei denn in Ausnahmen bei bestimmten, anerkannten Propheten oder bei einem zweifelsfreien Sohn oder einer Inkarnation Gottes.

Der erste Religionsgründer war der Pharao Amenophis IV. (um 1340 v.u.Z.) der „in der Wahrheit lebte“ und sich Echen-Aton nannte (Nagib Machfus). Seine Ideen konnten sich damals noch nicht durchsetzen: Er wurde nach seinem Tod als Ketzer aus den Ahnenreihen der Pharaonen gestrichen. Aber offenbar erkannten Sklaven sehr unterschiedlicher ethnischer Herkunft, in Echan-Atons externem Gott eine vereinigende Kraft, die sie vielleicht drei- oder vierhundert Jahre später zu einer gemeinsamen Flucht befähigte. Damit war das Samenkorn gelegt, aus dem später die großen westlich-monotheistischen Religionen erwachsen sollten.

Der Gottesstaat in Persien

Die erste erfolgreiche Welt-Religion entstammt aus Baktrien, dem heutigen Afghanistan. Dort hatte vor dreitausend Jahren der Prediger Zarathustra gegen den willkürlichen Mithraskult gewettert, an den wir uns bis heute u.a. mit dem Tannenbaum erinnern. Den Besessenheits-Kulten setzte Zarathustra einen klaren, reinen, allmächtigen, gleichbleibend-guten Gott (Ahura Mazda) gegenüber und einem schwächeren, launischen, bösartigen Teufel (Ahriman). Der Mensch besäße, so behauptete er, in einem Spannungsfeld zwischen Gut und Böse die Entscheidungsfreiheit, sich entweder zur Wahrheit (zu Gott) oder zur Lüge (zum Teufel) zu bekennen.

Diese alte Geschichte begegnet uns bis heute in allen Hollywood-Streifen, und sie wird auch nach wie vor bei allen virtuellen oder realen  Kriegsritualen gepflegt. Der Wanderprediger Zarathustra wäre schnell vergessen worden, wenn nicht Kyros, ein persischer König die neue Ideologie benötigt hätte. Er musste sein Fürstentum mit dem der Meder vereinigen, und brauchte daher ein den volks-bezogenen Göttern übergeordnetes Konzept. Seine neue Staatsreligion glich der echenaton-monotheistischer Sklaven, die sich damals in der babylonischen Gefangenschaft befanden. Folglich wurde er von diesen, als er sie befreite, als gott-gesandter Erretter gefeiert. Persien mutierte aber erst eine Generation später unter Dareios I zum ersten wirklichen Gottesstaat der Menschheit. Möglicherweise deshalb, weil der ehemalige Offizier Dareios sich durch einen Mord an einem Sohn des Kyros hochgeputscht hatte, und sich anschließend mit Legitimationsproblemen herumschlagen musste. Er benötigte daher eine besonders starke Glaubeskonstruktion, um den Vielvölkerstaat, der im zugefallen war, auch zusammenzuhalten (Holland 2008).

Das erste heilige Riesenreich der Perser und Meder währte nur wenige hundert Jahre, bis es von Alexanders Armee zerschlagen wurde. Im Befreiungskampf gegen die (olympisch-dionysos-kybele-orientierten) Mazedonen und Griechen, und später gegen den kaiserlich-römischen Gesetzes-Staat, festigte sich dann der jüdische Glaube. Der christliche speiste sich später aus vielen Quellen: Nazarener, Mater deum, Dionysos, Mithras, Kyniker, Jain, Buddhismus, Keltisch-germanische-Kulte, uva. Und schließlich erwuchs auf dem Boden, den das schriftlich fixierte Judentum und das arianisch-monotheistische Ur-Christentum bereitet hatten, der Islam, der wieder „alles“ zusammenfasste und vereinheitlichte: Ethik, Gesetze, Regeln, Verhaltensvorschriften, Rituale und Wahrheiten.

Im Osten ging die Religion andere Wege.

„Ich bin nicht. Na und?“ D. Suzuki. Zen-Buddhist

Dem Brahmanismus (dem heutigen Hinduismus) gelang es, die verschiedensten Trance-Götter in ein all-umfassendes, alles vereinendes Konzept hinüber zu retten. Alles was ist oder erscheint oder sich unsichtbar bemerkbar macht, sei Teil eines großen Ganzen, in dem aber das einzelne weiterhin wiedergeboren wird.

Die logische Konsequenz dieser Vorstellung war  Jain, die lebensabgewandte Religion Mahatma Gandhis, die die unsterbliche Seele erfand, und sie missionierend nach Europa brachte. Und der ebenfalls negativ-leidensorientierte Buddhismus, der vorübergehend zur Staatsreligion indischer und griechischer Königreiche aufstieg, und der auch intensiv in Richtung Europa missionierte. Und schließlich harte die Logik des Vedanta durch Shankara, der klar erkannt zu haben glaubte, dass alles einfach und schlicht Nichts sei.

Die chinesischen Religionen benötigten keinen Gott. Der Konfuzianismus beließ dem einfachen Volk den Glauben an die Ahnen, Volks- und Vermittlungs-Gottheiten, solange sie sich dem großen ethischen Prinzip des guten Handelns unterwarfen. Und der chinesische Buddhismus, verwarf schließlich heiliges Geschwafel über die Nichtigkeit des Nichts und orientierte sich an der Lebens-praxis: Ch’an (jap. Zen).

Ein Mönch fragte Fuketsu: ‚Ohne zu sprechen, ohne zu Schweigen, wie kann man da die Wahrheit ausdrücken?‘ Fuketsu bemerkte: ‚Ich erinnere mich immer an den Frühling in Süd-China. Die Vögel singen inmitten unzähliger Arten duftender Blumen.‘

Der religiöse Daoismus, der u.a. auch kritisch-philosophische Wurzeln hat (Zhunangzi),  gab sich schließlich später der Mystik hin, mit alchemistischen und auch christlichen Einflüssen, die dazu verhelfen sollten das Ganze bewusst zu erkennen und zu erleben und möglichst lange (körperlich) zu erleben.

Der Nutzen der Religion

The truly adult view is that our life is as meaningful,
as full and as wonderful as we choose to make it.” Richard Dawkins

Religion schafft in Bereichen Sicherheit, die der normalen Wahrnehmung nicht zugänglich sind. A-Thesisten glauben, das dort wo wir nichts erkennen, auch nichts sei. Diese reduzierte Wirklichkeit ist für die meisten Menschen nicht besonders attraktiv, weil in unserer Realität  offensichtlich mehr komplexe Zusammenhänge und Dynamiken wirken, als in Experimenten messbar sind. Und auch, weil sich der wissenschaftlich beschreibbare Raum unseres Erkennens stetig erweitert. Wir sehen in immer kürzeren Abständen immer mehr, was wir vorher nicht erahnen konnten.

Glaubenssysteme sind deshalb für viele ein nützliches Symbol der Realität, wie sie sein könnte. Das erlaubt ihnen, im Einklang mit der vermuteten Wirklichkeit, etwas als „gut und wahr“ erkanntes zu tun, z.B. durch die Ausführung eines Rituals. Damit erreichen sie ein intensives Gefühl der Verbundenheit und glauben auch die nahe, oder auch eine sehr ferne Zukunft günstig beeinflussen zu können.

Gewahrsein: Verbundenheit erkennen und erleben (Enlightenment, Erleuchtung, Satori, …)

Es ist überprüfbar möglich, den Horizont des Wahrnehmbaren durch Training zu erweitern (Lutz 2007). Die Mystiker aller Religionsformen bemühen sich daher um körperliche Übungen, die zu messbaren Veränderungen der körperlichen und geistigen Fähigkeiten führen: durch Meditation, Gebete, Singen, Dehnen, meditative Bewegungen, konzentrierende Körpertrainings: uva. bei Yoga, Dao, Konfuzianismus, Sufi-Islam, christlicher Mystik, Zen, Buddhismus, tibetischem Tantra, …

„Lass dich das ist dein Bestes!“. Ekkehard, christlicher Mystiker

Das Ziel bewegter Philosophie-Religionen ist es, durch stetiges, ernsthaftes Üben körperlich-geistige Kompetenzen zu erwerben. Die es dann ermöglichen, mehr von der Realität zu erleben, als es Menschen möglich wäre, die es bei der Alltagserfahrung belassen oder medien-berieselt nur das nötigste erfahren wollen: die unmittelbare Bedarf-Befriedigung. Um das erleben zu können, muss man sich auf einen religiösen Übungsweg einlassen, um ihn lernend nachzuvollziehen und ihn, wenn er persönlich nützlich zu sein scheint, auch zu üben.

„Bewusstseinserweiterung“ gleicht den verschieden Arten wie Musik gehört werden kann: Man kann es bei dem engen Frequenzbereich eines PC Lautsprechers belassen, oder mehr hören auf einer Stereo-Anlage, oder in ein Konzert gehen, oder schließlich sein Ohr trainieren und selber singen und musizieren. Oder schließlich als Spitzenmusiker ein „absolutes Gehör“ entwickeln. Je nachdem wie intensiv geübt wird, verschiebt oder verengt sich die Grenze des Erlebbaren.

Die religiösen Bemühungen um „Bewusstseins-Erweiterungen“ müssten sich (eigentlich und prinzipiell) positiv auswirken können, vorausgesetzt Menschen seien grundsätzlich „gut“. Das wäre die ethisch-wertvolle Seite der Religionen, die sich möglicherweise auch tatsächlich in der Evolution ausgewirkt hat. Denn die Menschen sind, aller heutigen Schreckensmeldungen zum Trotz insgesamt friedfertiger oder „zivilisierter“ geworden.  (Pinker 2011)

Das Risiko der Religionen ist die Wahrheit.

Religionen gründen sich auf Gewissheiten, die helfen, einen größeren Zusammenhang besser zu verstehen und zu beeinflussen.

Religiöse Wahrheit definiert sich aber besonders klar durch die Un-Wahrheit: Das ist der Glauben anderer, die die Wahrheit bisher noch nicht erfahren haben, oder sich noch in einem vor-religiösen Ur-Zustand des besessenen Heidentums befinden.

Da eine eigene religiöse Sicht die Richtige sein muss, kann die eines anderen nicht gleichzeitig zutreffend sein. Manchmal besteht noch Hoffnung, dass der andere sich doch, durch Einsicht und gute Argumente, schließlich zur richtigen Ansicht bekehren könnte. Sonst spricht man besser nicht über Glaubensdinge, sondern koexistiert nur, sich gegenseitig tolerierend.

Der Friede des praktisch-nützlichen Nebeneinander-her-lebens ist allerdings brüchig. Seit es Religionen gibt, sind sie mit Pogromen, Massakern und Kriegen vergesellschaftet. Dem relativen Frieden im inneren des Glaubenssystem steht Brutalität gegenüber: gegen die Ungläubigen. Alle Religionen brüten auch Dogmatiker aus, die die absolute Wahrheit zu erkennen glauben, gewaltsam missionieren, Ungläubige töten oder für die gute Sache auch sterben wollen. Oder die berechnend Religionen missbrauchen, um bei bösen Machtspielen die gläubigen Massen in die Irre zu leiten.

„Gott ist tot.“ Nietzsche

Nietzsche ist tot.

Nietzsche hatte, wenn man die Zeit betrachtet, die seit seinem Tod vergangen ist, offenbar unrecht: Die Religionen leben weiterhin, sie wachsen und gedeihen. Auch der Biologe Richard Dawkins, der glaubt die Welt würde besser, wenn wir mehr denken und weniger glauben, irrt vermutlich. Weil „Denken“ die Realität auf das Einzelne beschränkt, das zurzeit gedacht werden kann.

Sich stattdessen um einen Gesamtzusammenhang zu bemühen und zu versuchen diesen zu erfahren, kann sehr nützlich sein: kunstvoll, kreativ und schöpferisch. Und das ist keinesfalls (wie Dawkins meint) eine „Geisteskrankheit“.

Religionen müssen allerdings dringend „erwachsen“ werden: d.h. ihre jeweils absoluten Wahrheiten so weit abschwächen, dass sie Raum für mehr Toleranz bieten. Das forderte  schon vor 2.500 Jahren Konfuzius, einer der erfolgreichsten Religionsgründer: Man solle menschlich- und sozial gut handeln, so „als ob“ es Mächte gäbe, die das von einem verlangten.

Ethik ist wichtiger als Religion. Dalai Lama

Literatur

  • Assmann I.: Ägyptologe, Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler
  • Boyer P: Being human: Religion: Bound to believe? Nature 2008, 455:1038-1039 – Religion Explained, paperback, Basic Books, 2002 – Und Mensch schuf Gott [And Man Created God], Klett-Cotta, 2004
  • Chapais B: Monogamy, Strongly Bonded Groups, and the evolution of human structure. Evolutionary Anthropology 2013, 22:52-65
  • der Wahl F.: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. (Carl Hanser Verlag, München 2011, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote. Klett Cotta Verlag, 2015
  • Holland T: Persisches Feuer. Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa. Rowohlt 2011
  • Humphrey N.: Cave Art, Autism, and the Evolution oft the Human Mind, Cambridge Arch Journ, 1998, 8(2):165-91, pdf-download – Humphrey N.: Shamanism and cognitive evolution, Cambridge Arch Journ, 2002 (12):91-93, pdf-download
  • Lutz A et al.: Meditation and the Neuroscience of Consciousness in: Cambridge Handbook of Consciousness ed. Zelazo P., Moscovitch M. and Thompson E., 2007
  • Maturana und Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Deutsche Übersetzung von Kurt Ludewig. Frankfurt a. M. 2009, Ludewig K: Gespräche mit Humberto Maturana, 2006 (Org. Conversaciones con Humberto Maturana: Preguntas del psicoterapeuta al biólogo“ Temuco, Chile: Ediciones Universidad de La Frontera 1992)
  • Neumann E: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, 1949, mit Vorwort von C.G. Jung bei Walter Verlag 2004
  • Jaynes J: Der Ursprung des Bewusstsein, rororo 1993, pdf-downloadVideo-Vortrag – Kommentare: Bräuer K: Julian Jaynes und Bewusstsein, Philosophische Aspekte der modernen Physik, Uni Tübingen 2014, pdf-download  – Williams G: What is it like to be nonconscious? A defense of Julien Jaynes. Phenom Cogn Sci 2011, 10:217-239
  • Kurtz P.: The affirmation of humanism
  • Llinas R: The “I” of the vortex, New York, 2001, Video 2012
  • Maturana und Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Deutsche Übersetzung von Kurt Ludewig. Frankfurt a. M. 2009, Interview 1992
  • Pinker St (2011): The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined
  • Porges S: The polyvagal Perspektive, Biol Psychol. 2007 74(2): 116–143. 
  • McGilchrist I.: Das geteilte Gehirn und  seine kulturelle Entwicklung 
  • Sapolski R: Dopamine ists not about pleasure but about anticipation, Fora-TV 2011
  • Schmoekel R: Die Indoeuropäer, Aufbruch aus der Vorgeschichte, Bublies-Verlag
  • Thomaselo, M: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation Suhrkamp, Berlin 2009,  Origins of Human Communication, 2008 (MIT Press, Cambridge (Mass.)/ London).

Macht zur Unterdrückung anderer psychischer Möglichkeiten

Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. Dalai Lama (Der Appell an die Welt, Benevento, 2015)

Manche Menschen tollen fröhlich suchend durch die Welt: respektlos, selbstbewusst, antiautoritär, neugierig, wissbegierig. Andere halten sich lieber an die Ermahnungen Ihrer Eltern, der Lehrer und der Autoritäten. Sie bestaunen ehrfürchtig das Erschaffene, dessen Gegenwart sie nur bescheiden tätig werden können. Und wieder andere  schreiben bürokratische Ordnungsregeln auf, die sie in Handbücher und Arbeitsanleitungen abheften.

Alle drei Strategien verbessern das Gefühl für Sicherheit. Über Fragen entwickelt sich lernend Selbstbewusstsein. Antworten zeigen einen Sinn, in dem alles eingebettet ist. Und Vorschriften zähmen das Chaos der Zukunft.

Unsere Welt wird für uns zunehmend komplex und unsicher: sie steckt voller Zufälle und drohender Katastrophen. Die alten Strategien unser Steinzeitvorfahren taugen nichts mehr und fristen ein eher kümmerliches Dasein bei der Vermarktung von Alltags-Esoterik.

Damals riefen die Jäger und Sammlerinnen die Geister von Ahnen, Göttern und Dämonen in sich auf. Zustände, die wir heute als Psychose bezeichnen und therapieren würden. In Träumen oder Trance-Ritualen hörten sie dann von inneren Mächten, was zu tun sei, weil es sich in der Vergangenheit so gut bewährt hatte. Dieses rückwärtsgewandte Denken reichte in immer differenzierteren Kulturen, in denen sich viel zu viel veränderte, nicht aus, um die Zukunft zu planen. Deshalb bevorzugte die Evolution diejenigen, die in der Lage waren, die inneren Stimmen in sich zu dämpfen und zu beruhigen. Und so setzten sich vor wenigen tausend Jahren schließlich drei neue Strategien durch: staatliche Gesetze, Religionen mit externen Göttern und fragen-stellende Wissenschaft.

Religionen verordneten den modernen Königen, die nicht mehr von guten Geistern besessen waren, übergeordnete verbindliche Regelsysteme, die deshalb nicht angezweifelt werden konnten, weil sie von einer über-menschlichen Macht kamen. Die staatlichen Rechtssysteme, die (später) zeitgleich in China und Rom eingeführt wurden, schrieben Handlungsanleitungen vor, deren Einhaltung durch Staatsbeamte garantiert wurden. Wissenschaft keimte kurz in der Antike auf, und konnte die alten, esoterisch-geheimen Trance-Kulte als Humbug entlarven. Sie erwies sich aber zunächst nicht als systemstabilisierend, und erblühte erst in der Renaissance, weil dann nicht nur die sozialen, sondern auch die rasanten technischen Entwicklungen ihre Leistungen und Planungssicherheiten erforderten.

Gesetz, Religion und Wissenschaft haben vieles gemeinsam

Alle drei beruhen auf definierten Worten und in Schriften niedergelegten Begriffen: am Anfang (bei ihrer Geburt) war das Wort (s.u.). Alle drei sind jeweils streng hierarchisch organisiert. Sie gründen sich auf hochausgebildeten Expert*innen, die die jeweiligen Regelsysteme durchschauen, und die die Wahrheit kennen.

Sie können von der nicht-anzweifelbaren Gewissheit Prinzipien ableiten, verstehen und diese dann im speziellen Fall oder im Detail anwenden. Deshalb scheint man ihnen vertrauen zu können, wenn sie die Menschen lenken und leiten.

Weil sie sich ähneln, sind auch die Übergänge zwischen Gesetz, Religion und Wissenschaft fließend: So beinhalten manche Religionen Rechtssysteme, manche Wissenschaft fußt auf absoluten Gesetzen, Lehrmeinungen und heiligen Büchern. Und bei allen dreien wird geglaubt, dass die Zukunft so ausfallen wird, wie es in dem speziellen Einzelfall vorhergesagt wird.

Natürlich gibt es Unterschiede

Wissenschaft trägt den Keim des skeptisch-kritischen Zweifelns in sich: Danach gibt es keine Wahrheit, sondern nur Beobachtungen. Die Natur-Gesetze sind so wie sie sind, weil sie sich immer wieder so zeigen: ohne erkennbaren Grund. In einem anderen (z.B. schrumpfenden) Universum könnten sie anders sein. Alle anderen Gewissheiten sind relativ vom Beobachter abhängig und heißen Hypothesen, Theorien und Modelle. Sie sollten wissenschaftlich stetig überprüft werden, damit sie in Paradigmen-wechseln in sich zusammenfallen können, und Platz machen für neue Modelle und Vermutungen.  Wissenschaftlicher Glaube (z.B. an die String Theorie, den Urknall, die Evolution, …) ist prinzipiell an der Realität überprüfbar.

Religiöser Glaube ist dagegen prinzipiell weder beweis- noch widerlegbar. Sein Erkennen ist reine Wahrheit, ein unvergängliches Wissensgebirge, das nicht verwelkt wie die, oft nur kurze Zeit blühenden, Blumen der Wissenschaftstheorien. Die Richtigkeit der Wahrheit wird bestätigt, wenn etwas genauso eintrifft, wie aufgrund des religiösen Glaubens erwartet wird. Trifft es aber nicht ein, besagt das nur, dass es an der Anwendung der Gläubigen haperte, oder dass die Entscheidungen der höheren Instanz einfach unergründlich sind. Das heißt, zu einem guten Glauben passt jede beliebige Realität. Das Besondere an der Wirklichkeit, die durch die Brille der Religion betrachtet wird, ist ihr unvergleichliche Schönheit. Das Eins-werden mit ihr kann sich sowohl über den Weg nach Innen erschließen (Mystik) oder die Beziehung nach Außen (Gebet).

Nicht-religiöses Recht ist weder schön, noch wahr. Es ist nur so, wie es ist: Bei Rot bleiben die Autos stehen, bei Grün fahren sie, und zwar hier auf der rechten Straßenseite. In England wird dagegen bestraft, wer nicht auf der linken Straßenseite in den Kreisverkehr einbiegt und entsprechend zerbeult wird. Solche Regeln, so blödsinnig sie manchmal auch erscheinen mögen, verhindern unnötigen Streit und Blutvergießen. Sie schaffen Räume, in denen sich Wissenschaft und Religionen friedlich entwickeln können.

Ist Gott ein Irrtum?

Der Gott-Begriff ist nur manchen Religionen wichtig: Christentum, Islam, Judentum u.a. Andere kommen ohne ihn aus: Buddhismus, Jainismus, Vedanta-Monismus, Daoismus, Konfuzianismus u.a. Auch die Religionen oder Sekten, die direkte mystische Erfahrungen anstreben, benötigen kein von einer menschlicher Gestalt abgeleitetes Gottesbild, da sie etwas nicht benennbares, alles durchströmendes, in sich wahrzunehmen meinen: Zen, Gnostik, Sufi, u.a. Wieder andere Religionen bleiben intensiv mit schamanischer Trance verwoben: Shintō, Voodoo, Candomblé u.a. Auch die modernen, zum Teil fanatischen, gewaltbereiten, politischen Religionen, die alle mit der Silbe „-ismus“ enden, benötigen ebenfalls kein Gottesbild. Auch nicht die aus der Wissenschaft geborenen Kirchen und Sekten: Scientology, Morphogenetische Feldtheorien, Quantengravitations-Theologien, Glaube der parallelen Universen u.a. Und schließlich ist auch ein Großteil der universitären Wissenschaft eine Ideologie, die das Fragen verlernt hat. Die nur noch Wahrheiten lehrt, und dabei zu einer gottlosen Religion mutiert ist: erhaben, sanktionierend, predigend und keineswegs fröhlich. Dazu gehört auch die Religion des radikalen Glaube an eine „Nicht-Existenz Gottes“, eine religiöse Wahrheit, die darauf fußt, dass alles, was ist, sich in Laborexperimenten zeigt und sonst nirgends.

Wer ist verantwortlich für das viele Blutvergießen?

Unsere wesentliche Krankheit ist das vorschnelle Urteil, der dogmatische Glaube. Sextus Empirikus

Alle drei Formen des Dogma (Gesetz, Religion, Wissenschaft) verursachten Schäden. Die Römer und die chinesischen Dynastien rotteten radikal und schonungslos alles aus, was sich ihren Gesetzen widersetzte. Die monotheistischen Religionen sind für schreckliche Gewaltexzesse gegen Andersgläubige verantwortlich (Assmann 2013). Aber auch vom polytheistischen Hinduismus geht Gewalt aus (BBC 2010), und selbst der scheinbar friedfertige Buddhismus zog öfters in den Krieg (Victoria 2006). Weil dabei jeweils große Teile der Bevölkerung getroffen und ggf. „vernichtet“ wurden, waren die Opferzahlen immens. Das verschleiert allerdings die Tatsache, dass unsere nicht-dogmatisch-gläubigen Ur-Ahnen nicht friedfertiger waren: In der Frühzeit der Menschheit (vor den großen Weltreligionen) war das gegenseitige Umbringen deutlich beliebter als heute. In manchen Steinzeitvölkern lag die Wahrscheinlichkeit, als Mann eines natürlichen Todes ohne Gewaltanwendung zu sterben, bei nur 40%. Allerdings waren damals die technischen Möglichkeiten noch begrenzt: Es gab noch keine Drohnen, Minen und Lenkwaffen, so dass Töten noch mühsames, direktes Handwerk war (Pincker 2011).

Auch die Wissenschaft ist für massives Blutvergießen und vor allem für immense Umweltschäden  verantwortlich. Spätestens 1945 nach dem Abwurf der Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima stellte sich die Frage nach der ethischen und gesellschaftlichen Verantwortung der beteiligten Forscher (Brecht 1945, Kipphard 1964). Die Wissenschafts-Maschine hat daraus seither wenig gelernt. Alles wird entwickelt, was technisch möglich ist, auch wenn die Folgen für die nachfolgenden Generationen  (z.B. bei Nuklear-, Nano- oder Gentechnik) nicht überblickt werden können. Die Wissenschaft, so wie sie heute ist, beschleunigte den allgemeinen Trend, sich in der Wahrnehmung auf kleine, einzelne, tote Faktoren zu konzentrieren, und aus dem Einzelwissen heraus dann auf ein größeres Ganzes zu schließen. Oder das Ganze dabei völlig aus dem Blick zu verlieren (McGilchrist 2013). Das führte zu unethischen oder gedankenlosen Entwicklungen von Methoden, die gegen Menschen, andere Lebewesen und die Umwelt eingesetzt werden. Ohne diesen beschleunigten wissenschaftlichen Fortschritt (ohne ethische Kontrolle) wären die Klimakatastrophe und die Verseuchungen der Meere, der Böden und der Luft nicht erfolgt. Die Wissenschaft machte sich zum willenlosen Roboter globalisierter ökonomischer Dynamik. Der innere Antrieb aufzubegehren scheint bei ihr noch gering zu sein. Selbst in der Philosophie. Und die möglichen Korrektive des Rechts und der Religion („Bewahrung der Schöpfung“) schwächeln.

Ausblick

Die Vertreter aller drei Systeme könnten und sollten sich zusammensetzen, um zu erarbeiten, wie vergangene Schrecklichkeiten und Fehler in der Zukunft nicht mehr begangen werden. Denn alle drei Wege sind im Prinzip wertvoll: Religionen lenken den Blick auf die großen Zusammenhänge, die über den menschlichen Erfahrungshorizont hinaus für uns von Bedeutung sein können. Sie bieten einfach-überschaubare Modelle, an deren Schönheit sich Menschen orientieren, und in denen sie interessiert sinnvoll tätig werden. Wissenschaft (inklusive der kritischen Philosophie) muss dagegen die wesentlichen Fragen stellen und zweifelnd, skeptisch und neugierig weiterforschen. Während das Recht den Rahmen bieten sollte, in dem Religion und Wissenschaft kontrolliert gemeinsam sinnvoll wirken können.

Religionen, Recht und Wissenschaft verändern sich tatsächlich zaghaft. Mindestens zwei Religionsführer  sorgen sich um Gewalt, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung und fordern einen neue menschliche Ethik (Papst Franziskus, Dalai Lama 2015). So ähnlich wie in der Urreligion des Zoroastrismus, sollten Menschen: „gut denken, gut sprechen und gut handeln“, oder wie im Konfuzianismus ethisch-sittlich handeln, so als ob es höhere übersinnliche Instanzen gäbe (Littlejohn 2007)

Also müssten sich Religionen weniger mit dem beschäftigen, was „wahr“ ist, sondern mit dem, was sich für die weitere Menschheitsentwicklung „günstig und nachhaltig“ erweisen kann.

Wissenschaft dagegen müsste intensiver, von den engen Laborexperimenten, in denen die Realität auf wenige Faktoren reduziert wird, aufblicken zu Gesamtzusammenhängen. Sie müsste sich zunehmend (wie es die Quanten- und Astrophysik oder die Systembiologie tun) mit komplexen Systemen und deren Beziehungen beschäftigen. Sich ihrer sozialen Verantwortung stellen. Und über die Naturbetrachtung Wege aufzeigen, wie Menschen harmonisch in den Systemen, in denen sie geborgen sind, wirken können.

Rechtssysteme müssten einen einfachen und soliden Rahmen bilden, der sich an ethischen Werten und wissenschaftlichen Kriterien orientiert. Dazu müssten sie über den Tellerrand der Paragraphen hinausschauen und verstehen, was in der Wissenschaft (einschließlich der Philosophie) und Religion (einschließlich der Ethik) geschieht.

Was bedeutet das für mich?

Wenn ich neugierig frage, nehme ich mir vor nach dem Sichten der Details, mehr Pausen einzulegen. Und das Unfassbare wahrzunehmen, in dem das Beobachtete eingebettet liegt. Und festzustellen, dass ich von dem, was noch unbekannt ist, absolut nichts weiß. Radikales Nicht-Wissen fällt mir immer noch schwer, aber ohne Nicht-Wissen gibt es nichts Neues zu erlernen.

Fragen liebe ich mehr als Antworten. Aber die großen Wahrheiten bergen auch Schönheiten, in die ich noch viel zu wenig eingedrungen bin. Wenn ich zum Beispiel ein tief religiöses Musikstück höre und davon ergriffen bin, entsteht ein meditativer Wachzustand mit Glücksgefühlen. Den zu hinterfragen, würde ihn zerstören. Ich kann ihn aber auch genießen, und das Innen und Außen zugleich wahrnehmen, scheinbar verschmelzend.

Auch am Regelsystem zu arbeiten ist nötig, da es in Zeiten der Flucht und interkultureller Unsicherheit aus den Fugen geraten kann. Fragen und Antworten brauchen einen sicheren Rahmen, damit friedvollen Beziehungen gelingen können. Da ist viel zu tun.

Sei Sonne, sonst bleibst du Fledermaus. Rumi

Wahrheit und Un-Sinn

Jedesmal wenn im Namen irgendeiner Wahrheit gemordet wird, herrscht sprachloses Entsetzen.

Woher kommt dieser Wahn, etwas „Falsches“ mit allen Mitteln bekämpfen zu dürfen?

Kasai-Teppich (Kongo 1990): Symbole stehen für Realität. Wahrheiten besiegeln wie es „wirklich“ ist.

Menscheitsgeschichtlich betrachtet ist „Wahrheit“ eine junge Erfindung. Vielleicht war der ägyptische Pharao Echenaton vor viertausend Jahren der erste Machthaber, der „in Wahrheit lebte„. D.h. er diktierte einen Glaubenssatz, der andere als Ungläubige ausschloss. Der Ägyptologe Jan Assmann (s.u.) hält solche Wahrheits-Ideologien für einen fruchtbaren Boden, aus dem massive und organisierte Brutalität erwachsen kann. Und der Biologe Richard Dawkins (s.u.) forderte, man müsse bestimmte Arten des Glaubens als Geisteskrankheiten bezeichnen und nach Behandlungswegen suchen. Aber auch Dawkins, der felsenfest glaubt, dass es etwas nicht gibt, glaubt.

Im Prinzip ist Glauben sehr nützlich: z.B. kann man bei Grün über eine Kreuzung fahren und glauben, dass die anderen bei Rot stehen bleiben werden. Das sicher zu wissen wäre nicht möglich. Aber der deutschen Straßenverkehrsordung kann vertraut werden. Sie ist ein Wahrheitssystem, das mit strengen Sanktionsmöglichkeiten verbunden ist. Jeder der es wagen würde bei Rot loszufahren, würde hart bestraft werden. Das ist sehr hilfreich. Denn alle richten sich entsprechend aus und fahren rechts, obwohl man sich in England, in einem anderen Dogma-System des Straßenverkehrs, im Kreisverkehr links einfädeln muss.

Die Straßenverkehrsordung ist ein Beispiel für ein Wahrheitssystem, dass Sinn macht, weil es nutzt und wenig Schaden anrichtet. Vor allem entbehrt es einem höheren Absolutheitsanspruch. Das vom deutschen Steuerrecht zu behaupten wäre schon schwieriger. Aber immerhin spricht vieles für Rechtssicherheit, solange Gerichtsentscheidungen als vernünftig (d.h. von Menschen gemacht) und nicht als „wahr“ betrachtet werden (d.h. von höheren Wesen bestimmt).

In den viel grundlegenderen Wahrheitssystemen und Lehrmeinungen, die sich Menschen ausgedacht haben, werden im Prinzip nach ganz ähnlichen Muster Regeln aufgestellt. Nur wird dort manchmal zusätzlich behauptet, sie gälten absolut und unumstößlich, denn sie seien von einer höheren, nicht anzweifelbaren Autorität oder Schrift abgeleitet. Und das führte und führt dann oft zu Mord und Totschlag.

Allerdings ist Wahrheit nicht nur ein Kern von Religionen und politischen Ideologien, sondern bildet auch die Grundlage von Denkgebäuden, die sich wissenschaftlich nennen. Dafür hatte vor 2.400 Jahren Aristoteles gesorgt. Er erfand die Wahrheit der Erkenntnis, die er Episteme nannte, und trennte sie vom Erfahrungswissen oder Können. Damit erstickte er sehr erfolgreich die fröhliche Wissenschaft früher Physiker, die die Herrschenden damit nervten, ständig überkommene Wahrheiten zu hinterfragen (s.u.: Popper). Später wandte sich interessanterweise einer seiner Schüler von ihm ab und behauptete, Dogmatismus sei ein Charakterfehler: denn keine Wahrheit sei absolut wahr (Pyrrhon von Elis). Zu dieser Erkenntnis führte ihn möglicherweise das Erleben einer radikal anderen Weltsicht (im damaligen Indien), die mit gleichem Recht für wahr gehalten werden konnte. Innerer Frieden, so Pyrrhon, entstünde erst, wenn es gelänge, auf absolute Wahrheiten zu verzichten.

Damit hatte er die Grundlage gewaltfreier sozialer Kommunikation entdeckt. Die von ihm begründete skeptische Philosophe blieb dennoch eine wenig geliebte Randerscheinung der ungleich erfolgreicheren Dogmenwelt. Vermutlich weil Skeptiker nachfragen, gewohnte Rituale verlachen oder gar behaupten, es gäbe keinen Zweck der brutale Mittel heilige.

Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher. Montaigne

Literatur

Wahre Wissenschaft?

Was wir glauben und hoffen dürfen, steht irgendwo geschrieben.

In Büchern, die von Dingen handeln, die die meisten weder be-greifen noch überprüfen können. Die Standardwerke der Astrophysik zum Beispiel beschreiben einen großen Knall („Big Bang“), der vor 15 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Wer die mathematischen Formeln nicht versteht, muss darauf vertrauen, dass die Mehrheit der Physiker nicht irrt. Und sie oder er sollte in der Schule bei der entsprechenden Frage der Lehrer die richtige Antwort wissen.

Inzwischen glauben wir selbstverständlich auch dann an die Wissenschaft, wenn sie sinnlicher Wahrnehmung widerspricht: Wir wissen z.B., dass die Erde und die Sonne Kugeln sind, die im Nichts kreisen. Obwohl wir uns natürlich von Sonnenaufgängen und –untergängen erzählen und auch weiterhin mit dem „falschen Modell der Wirklichkeit“, richtige Zukunftsvorhersagen machen, z.B. wann die Sonne wohl auf die Gartenbank scheinen wird. Weil aber alle uns sagen, wie es „wirklich“ ist, wird es wohl so sein. Aber nachgemessen haben es die meisten natürlich nicht.

Völlig unmöglich wäre die persönliche Überprüfung bei der Quantenphysik, die dem gesunden Menschenverstand der Mechanik widerspricht und von Systemzusammenhängen handelt, die sich bildhaften Vorstellungen entziehen. Aber sie funktioniert offenbar, und beschert uns CD Player und Laptops. Deshalb glauben wir an sie und hoffen darauf, dass sie uns in eine bessere Zukunft bringen wird (z.B. durch schnellere Smartphones). Hat sich die früher einmal kritische Quantenphysik nicht schon längst unmerklich in eine Quantenreligion verwandelt?

Glauben oder Zweifeln?

Menschen werden zutiefst gläubig geboren. Babys kennen nur ihre sinnliche Erfahrung und vertrauen darauf, dass Mama, und etwas später vielleicht auch Papa, alles können. Diese allmächtigen und vertrauten Personen sorgen nicht nur für Sicherheit und Nahrung. Sie können offenbar auch zaubern, da sie die gewohnte Umgebung oft völlig unerwartet verändern. Glauben und hoffen, dass alles gut werde, bietet dem Kind Sicherheit, die es zu Wachsen so nötig braucht wie die Nahrung.

Drei oder vier Jahre später werden dann die Eltern, langsam aber unaufhaltsam, von ihrem gottähnlichen Status entthront. Ein Kind erkennt, dass: „Papa überhaupt nicht fliegen kann“, dass es sogar Dinge gibt, mit denen andere besser umgehen als Mama, und dass bei „Wahrheiten“ offenbar von beiden manchmal auch geschwindelt wurde. Außerdem stammt plötzlich jede Eltern-Weisheit nur von einer bestimmten Person, eben von Papa oder Mama. Das Kind lernt andere Menschen kennen, die ganz unterschiedliche Wahrheiten verkünden, z.B. andere freche Kumpel und sogar Erwachsene, die doch sonst immer Recht haben. Je besser das Kind dann, sich seiner selbst bewusst, fühlt und denkt, desto mehr wird ihm klar, dass auch andere denken und fühlen. Es macht sich eine Theorie, was wohl in Kopf und Körper der anderen so vorgeht. Es erahnt, dass das, was zu dem Fühlen und Denken des einen passt für einen anderen nicht stimmig sein muss. Es denkt, dass die da denkt, dass „ich“ denke und ärgert oder freut sich darüber. Zum Beispiel im Kaspertheater. Damit bricht die kurze Zeit an, in der sich Kinder in fröhliche Wissenschaftler*innen verwandeln, die alles hinterfragen, neugierig erforschen, offen kritisieren, skeptisch an gar nichts mehr glauben, verstockt widersprechen und eigene phantastische Überlegungen und grenzenlos innovative, scheinbar völlig unrealistische Theorien entwickeln, die sofort im Sandkasten oder im Kindergarten überprüft werden.

Diese wilde Periode kritischer Sprösslinge ist für die Erwachsene sehr anstrengend: ständig sollen sie Fragen beantworten, auf die ihnen keine „vernünftigen“ (das heißt mit ihrem liebgewordenen Denksystem vereinbare) Antworten einfallen:

Der Physiker Feynman (s.u.) fragte als Kind einmal seinen Vater, warum ein Ball in einem Leiterwagen nach hinten rolle, wenn der Karren gezogen werde. Sein Vater erklärte ihm, das läge an der Massenträgheit des Balles. Was denn Trägheit sei. Worauf der Vater erläuterte, das sei ein Begriff der Wissenschaftler, der erkläre, warum ein Ball nach hinten rolle, wenn man eine Karre nach vorn bewege.

Damit man bei Kindern solche lästige Fragen loswird, werden sie auf Institutionen geschickt, die ihnen das eigenständige Denken rasch wieder austreiben. Dort beziehen sich die Fragen zunehmend auf richtige Lösungen, auf Antworten, die den klugen Erwachsenen längst bekannt sind, und die das Kind nun so lange erlenen muss, bis es sie auswendig wieder abspulen kann. Kinder lernen dort still sitzen, zuhören und das Eingetrichterte so zu verinnerlichen, dass es in Prüfungen fehlerfrei wiedergegeben (oder unverdaut erbrochen) werden kann. (Robinson)

Erst in der Pubertät rebellieren sie noch einmal gegen die überkommenen Weisheiten, aber dann meist in der Form, dass sie nach alternativen Gruppen, Ideen und Gemeinschaften suchen, an die sie (statt an ihre Eltern) glauben können. Sie hinterfragen alte Wahrheiten in der Regel nur noch, um sie durch neue Wahrheiten ihrer neuen Vorbilder und Ideologien zu ersetzen.

Wenn sie dann nach dem überwundenen pubertären Chaos eine universitäre Karriere anstreben, werden sie in hochkomplizierte Modellen der Wirklichkeit trainiert. Die wurden von bedeutenden (meist männlichen) Lehrern niedergeschrieben, deren Gedanken sie nun fehlerfrei wiederzugeben sollen. Später, wenn sie selbst zu Expert*innengeworden sind, dürfen sie die auswendig gelernten alten Weisheiten in bescheidenen Umfang variieren und auszubauen, ohne sie aber grundsätzlich verändern zu wollen. D.h. sie werden zu Priestern Ihrer jeweiligen Wissenschaftsreligion. Aufgrund des soliden, in der Vergangenheit bewährten Wissenssystems treffen sie Grundannahmen, von denen sie Vermutungen ableiten, die sie in Experimenten, die alle Störfaktoren ausschließen, dann bestätigen. Sie finden dabei in der Regel das, was sie suchen, und wenn nicht, haben sie noch nicht lange genug gesucht. Ihre Theorie bestimmt die Wirklichkeit. Häufig sind die Regelwerke, die sie aufstellen sehr nützlich, zum Beispiel für den technischen Fortschritt, denn ihre Leitlinien und Anweisungen beschreiben alles, was sich in der Vergangenheit glänzend bewährt hat. Insofern gleichen Wissenschaftler*innen je länger sie in universitären Strukturen arbeiten Juristen und Priestern, die sich in Konventen, Kirchen oder Konferenzen auf Wahrheitsmodelle und die richtigen und falschen Wege einigen, und die Sektierer, Ketzer und Spinner fernhalten.

Manchmal können die Modelle solcher Wissenschaftsreligionen auch in sich zusammenbrechen. Zum Beispiel wenn die immer neue Beobachtungen mit den alten Modellen der Wirklichkeit nicht mehr erklärt werden können, selbst dann nicht, wenn diese immer detaillierter und komplizierter ausgebaut werden (Kuhn). In diesen Zeiten des Umbruchs (Paradigmenwechsel) ist dann plötzlich wieder kreatives Denken erforderlich, und ein fröhlicher „Anfängergeist“, der schließlich einmal am Beginn jeder wissenschaftlichen Bewegung stand.

Selberdenken?

Während sich die dogmatische Wahrheitssuche, die (Wissenschafts-)Religion, an der bekannten Vergangenheit und den bewährten Antworten orientiert, interessiert sich kritische Wissenschaft für die ungewisse Zukunft und neue Fragestellungen.

Ein Zweifel an der kollektiven Intelligenz der Expertenmeinungen führt zu einer Unterbrechung gewohnter Handlungsmuster, der Handlungs-Trance der Masse oder auch des eigenen Flow. Menschen, die sich etwas fragen wollen, legen eine Pause ein und schauen sich um. Sie werden sich der eigenen Ignoranz und der Unendlichkeit ihres Unwissens bewusst.

Diese Erkenntnis löst Angst aus, vielleicht sogar Stress oder Panik. Bei Vertrauen in die eigenen schöpferischen Fähigkeiten kann sich die Angst aber auch in Neugier verwandeln und zu neuen Fragen führen, die auch vor den eigenen Grundannahmen nicht haltmachen. Nichts ist dann mehr sicher vor dem Zweifel, selbst die liebgewordenen eigenen Ideen nicht. Diese Erfahrung ist für die meisten Wissenschaftler so erschreckend, dass sie gleich wieder zur Sicherheit der alten Weisheit zurück streben. Andere aber beginnen vorsichtig Ungekanntes zu erforschen, weil es ihnen Lust vermittelt etwas herauszufinden. Sie berichten dann von einem Feuer das in ihnen auflodert, oder von einem ein Sog, der sie in unbekannte Regionen zieht, und von der Freude über das eigene Irren zu lachen (s.u: Alon, Firestein, Feynman, Schwartz).

Kritisches Denken ist rational und frech. Es lotet Grenzen aus, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, die in der Natur, in der wir leben, einfach so sind wie sie sind, unabhängig von jedem Erklärungsmodell. Es spürt Beziehungen, Freiräumen und Möglichkeiten nach, wie etwas sein könnte, oder wie es sich vielleicht entwickeln mag. Fröhliche, an der unbekannten Zukunft (und nicht an vergangenen Weisheiten) interessierte Denker*innen schätzen Antworten, die sie erhalten, nicht als etwas Endgültiges (Wahrheit), sondern als relativ sicheren Grund, der es ihnen erlaubt, intelligentere und weitergehende Fragen zu stellen.

Kritisch und kreativ zu denken kann einsam machen, und es lohnt sich selten, da es von der kollektiven Expertenweisheit distanziert. Ist die Zeit gerade reif für einen Umschwung, wie vor 120 Jahren beim Übergang von der mechanischen zur Quantenphysik, kann Kreativität durchaus gefragt sein. In den langen Perioden zwischen oder vor Paradigmenwechseln ist Selberdenken (wie im Mittelalter) in der Regel gefährlich.

Fröhliche Wissenschaft ist zudem ein sehr zartes Pflänzchen, das leicht abgewürgt werden kann.

Entweder durch die Überbewertung von gefundenen Einzelergebnissen, oder ein sich Verlieren im Detail, dem Auftrennen von Einzeldaten in kleine Kategorien oder durch Überhöhung von Einzelfaktoren, deren Summe fälschlich für etwas Ganzes gehalten wird.

Oder umgekehrt, in dem etwas nicht Fassbares als ein Ganzheitliches beschrieben wird, das sich vom Einzeldenken der universitären Schulen unterscheiden soll, und das sich mystisch-nebelhaft-wabernd weiteren Fragen entzieht, oder sie mit umfassenden Antworten erschlägt.

Beides (die Verliebtheit ins Detail oder die „Ganzheitlichkeit“ von etwas Undefiniertem) führt zu unerfreulichen und meist fruchtlosen Positionskämpfen zwischen der Mehrheit der etablierten Wissenschaftspriester und der Minderheit von Wissenschaftsketzern, die an sektiererische oder alternative Weisheiten glauben.

Fröhliche in alle Richtungen respektlose Wissenschaftler*innen bleiben bei solchen Diskussionen meist auf der Strecke.

Ich wohne in meinem eignen HausHab Niemandem nie nichts nachgemachtUnd – lachte noch jeden Meister aus Der nicht sich selber ausgelacht.„Die Fröhliche Wissenschaft“. Nietzsche 1887

 Literatur, Vorträge, Hinweise

Letzte Aktualisierung: 15.06.2019