20. April 2026

Monotheismus

Inhalt

  • Ursprünge
  • Doppelreligion
  • Monotheismus und Gewalt
  • Literatur

Ursprünge

Evolutionspsycholog:innen meinen, dass sich bei Menschen in den letzten 40 000 Jahren einige Entwicklungen der Hirnfunktionen „überstürzt“ ereigneten. Erzwungen durch dramatische Veränderungen der sozialen Beziehungen infolge klimatischer Katastrophen. Der Psychologe Niclas Humphrey u. a. vermutete, dass Menschen zur Zeit der Höhlenmalereien noch in einem Bewusstseinszustand befunden haben müssten, den wir heute als Autismus bezeichnen würden. Andere, wie Julian Jaynes oder Ian McGilchrist, glauben, dass die Koordination der beiden Großhirnhälften sich erst allmählich stabilisierte. Und dass Psychosen (bei denen innere göttliche Stimmen in Trance befehlen, was zu tun ist) bis vor 3000 Jahren für Menschen normal waren.

Im Vergleich zu Schaman:innen und zu den frühen Religionen und Besessenheitsritualen, ist der Glaube an einen, extern über den Menschen stehenden, Gott relativ jung. Die erste monotheistische Idee entwickelte sich erst vor etwa 3300 Jahren aus den Vorstellungen des ägyptischen Pharao Amenophis IV. aus Amarna, der sich Echnaton nannte (Diener des Aton, der Sonnenscheibe).

Der große Sonnen-Hymnus des Echnaton (Amarnazeit, um 1340 v.Chr.).“ Deutsch: Assmann, 1991. NicoFranz.art. Sofiatopia.org, Roman: Nagib Machfus: Echnaton, Union 1999

Echnatons Text strahlt Frieden aus. Ganz ähnlich wie zweieinhalbtausend Jahre später die Poesie der ersten Sure des Koran.

Nach dem Tod des (von der Priesterkaste so bezeichneten) Ketzers Echnaton wurde seine Religion beseitigt, die alte religiöse Ordnung wiederhergestellt, und er selbst aus der Liste der Könige gestrichen.

Sein Glaube an ein Heil, das allen Menschen, Pflanzen und Tieren, und selbst dem Pharao übergeordnet sei, wird in den Sklaven weiter lebendig geblieben sein. Es mag ihnen Hoffnung vermittelt haben.

Einer größeren multikulturell zusammengewürfelten Gruppe von Zwangsarbeiter:innen gelang es, wenige Jahrhunderte später, zu fliehen. Angeführt wurden sie von einem ägyptischen Prinzen oder Magier. Gemeinsam war dieser Gruppe unterschiedlicher Stämme und Sprachen die, bei Sklaven übliche, Beschneidung (die ihr Anführer nicht erlitten hatte). Aus den mündlichen Überlieferungen dieser Ereignisse entwickelten sich allmählich das Judentum, später das Christentum und schließlich der Islam.

Weiter im Osten, vielleicht in Zentralasien (Áralsee) oder in Baktrien (Nordafghanistan), entstand eine andere Variante des Monotheismus: die Lehre des einen, guten Gottes. Des Schöpfers Ahura Mazda. Der erste Prophet dieser Religion, Zarathustra, wandte sich vor vielleicht 2900 Jahren ohne Unterschied an alle Menschen. Er schuf ein moralisches, dem König übergeordnetes, Ordnungsprinzip. Die Trancerituale des Schamanismus und die konkurrierenden Religionen (Kybele, Dionysos, Mithras) lehnte er ebenso ab, wie die gottlos-egomanische Tyrannei. Die Menschen sollten sich unter dem Dach einer allgemeingültigen Gesetzmäßigkeit zusammenfinden. Der allumfassende, gute Gott durchdrang alles Sein, und verlangte von den Menschen, sich gegen das Böse zu entscheiden. In späteren theologischen Texten wird beschrieben, dass alles aus Zurvan (aus moralisch neutraler Zeit) entstanden sei, woraus dann der Dualismus aus „Gut“ (Ormazd, das göttlich Gute, früher Ahuramazda) und „Böse“ (Ahriman, das Teuflische) geboren wurde. Menschen seien frei, sich für das Gute zu entscheiden.

Mit dem (allumfassenden) Monotheismus des Zarathustra konnte von 600 bis 300 v. u. Z. ein riesiger Vielvölkerstaat zusammengehalten werden (Achaemeniden). Vorübergehend wurde er durch die Invasion der Makedonen und deren Mutter-Sonnengott-Religion verdrängt.

Ab 150 v. u. Z. blühte dann Zarathustras Religion im Reich der Parther wieder auf und beherrschte dann Westasien unter der nachfolgenden Dynastie der Sassaniden (224 bis 642 v. u. Z.). Ihnen galt Zarathustra als Staatsreligion. Allerdings ereigneten sich immer wieder Machtkämpfe zwischen moralisierenden Priestern (Magi – arabisch Mullah) und tyrannischen Herrschern. Einige von ihnen orientierten sich dann zeitweise an der Lehre des Propheten Mani, der versuchte, Zarathustra mit dem Gandhara-Buddhismus und dem Christentum zu vermischen.

Der Glaube der persischen Staatsreligionen, dass der „eine Gott“ nichts und niemanden ausgrenze, sondern dass er im Gegenteil alles durchflute, ermöglichte die Bildung riesiger, geordneter Staatswesen – ohne große innere Konflikte zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen und Sprachgruppen. Den Völkern eroberter Länder wurde angeboten, ihre jeweilige Religion zu bewahren, sofern sie sich dem Reich und dem ‚König der Könige‘ (dem Shah) unterwarfen.

Zend-Avesta ist der vermutlich erste umfassende monotheistische Text der Menschheitsgeschichte. Zentral darin ist der Begriff „Asha“, der für Gerechtigkeit und kosmische Ordnung steht, im Gegensatz zum Prinzip „Druj“ (der Lüge) oder Dew (dem Bösen). Andere Konzepte, wie die des Heiligen Geistes, des Guten und Bösen, des Himmels und der Hölle, des Paradieses, der Auferstehung, des Teufels und der Engel beeinflussten und prägten die drei späteren monotheistische Religion (Judentum, Christentum, Islam) (Der Phiosoph Gustav Theodor Fechner interpretierte den Grundgedanken des Zend-Avesta so (s. Bild-Text): „Die Menschengeister gehören einem höheren Geiste an, der alles irdische in Eins bindet; und dieser gehört Gott an, der die ganze Welt in Eins bindet. Der Geist der Erde steht aber nicht scheidend zwischen uns und Gott, sondern ist nur eine Vermittlung, die uns Gott selbst in besonderer Weise einverleibt; … So bleiben wir immer ganz Gottes. … Das Übel besteht nur in die niedrigen Gebiete der Einzelwesen …“ In der monotheistischen Ur-Religion gab es die „mosaische Trennung“, in der Jan Assmann eine Quelle von Gewalt sieht, offenbar noch nicht.

So gestattete der persische Großkönig Kyros nach der Eroberung Babylons um 520 v. u. Z. den Bewohnern, ihren Stadtgott weiter anzubeten. Zugleich befreite er die dort gefangen gehaltene, jüdische Elite, die in ihre Heimat zurückziehen und dort ihren Tempel wieder aufbauen durfte.

In Babylon hatten die jüdischen Priester die frühesten Epen der Menschheit kennengelernt (Gilgamesch und Enumah Elish) und daraus Passagen in ihre Texte übernommen und sie verändert (u. a. Sintflut-Geschichte, Schlange, rachsüchtig-männlicher Gott einer auserwählten Gruppe).

Kyros verehrten sie als einen gottgesandten Heerführer, der es ihnen ermöglichte, im Schutz der zoroastrischen Staatsreligion, ihren eigenen, nur auf ihre Gemeinschaft bezogenen, Monotheismus zu entwickeln und zu etablieren. (Bibel: Jesaja 45,1–3 und Ezra 1 (Volltext), Parker 2023, Holland 2011).

Zweihundert Jahre lebten sie dann friedvoll integriert im Schutzraum des persischen Großreiches. Dessen Zerstörung durch die Mazedonen und Griechen entzog ihrer Religion die Sicherheitsbasis und führte schließlich zum ersten (siegreichen) Heiligen Krieg einer Religion gegen eine Fremdherrschaft (Makkabäer-Aufstand).

Vorübergehender Autonomie folgte die Fremdherrschaft der Römer, die allmählich die kleinasiatische Religion der Muttergottes und des Sonnensohnes übernahmen, die dem reinen Monotheismus (in den Traditionen Echenatons und Zarathustras) fremd war. Dagegen rebellierte besonders die fundamentalreligiöse Gruppe der Zeloten (Aslan 2013). Sie suchte nach gottgesandten Heerführern, die ausgebildet wurden, um sie von der Fremdherrschaft zu befreien.

Einer von ihnen war Jesus (arabisch Īsā ibn Maryam), der allerdings nach seinem Messias-Training nicht in den Krieg zog, sondern versuchte, seine Religion zu reformieren. Er predigte Frieden, Versöhnung, Vergebung, Bescheidenheit und Erlösung: Ideen, wie sie zuvor (seit 170 v. u. Z.) von den Missionaren des Gandhara-Buddhismus in den Mittelmeerraum getragen worden waren. (Die Fragen des Königs Milinda um 140 v. u. Z.)

Aus der, nach dem Weggang von Jesus (Fried 2019, 2021) entstandenen, jüdisch reformierten Nazarener-Sekte entwickelte sich später u. a. der rein monotheistisch-christliche Arianismus, dem später der Islam nachfolgte. Die Trinitatis-Variante des Christentums0ü geht auf den Römer Paulus zurück (Maccoby 2007). Sie verschmolz jüdische Texte und griechisch-kleinasiatische Mythen mit dem Glauben der römischen Staatsreligion an die Muttergottes (Mater deum magna ideaea) und den strahlenden Heiland (Sol invictus).

Die reinen Monotheisten um Arius wurden nach dem Konsil von Nicäa aus den Herrschaftsbereichen von West- und Ostrom verbannt, und mussten nach Äthiopien, Jemen und Arabien ausweichen. Dort begründeten sie den Keim, aus dem später der reine Monotheismus des Islam erwuchs. Kurz vor der Geburt Mohammeds wechselten sich im Jemen jüdische und arianisch-monotheistische Könige ab, bis dann das (sassanidisch-zarathustrische) Reich dort den Juden zu Hilfe eilte. Der Islam erwuchs aus diesen monotheistischen Religionsformen, die den Schamanismus und Polytheismus der Beduinen bekämpften.

Isa Ibn Maryam galt als der erste (beschnittene) Prophet dieser neuen religiösen Bewegung. Sie richteten sich an alle Menschen, sofern sie an den einen guten Gott glaubten. Die frühe Ausbreitung des Islam gelang in wenigen Jahrzehnten, weil das persische Großreich der Sassaniden (infolge innerer Widersprüche) implodierte. Allerdings verwandelte die Hochkultur Persien die übernommene religiöse Bewegung der Eroberer erheblich. Sodass bis heute in der Shia (in ihren unterschiedlichen Varianten) die Lehre des Zarathustra im Islam fortlebt. (Bowersock 2017, Parker 2023)

Die reine Lehre des Zarathustra lebt weiter in Aserbaidschan, in Persien und in der Gemeinschaft von vielleicht zweihunderttausend Parsen oder Zarathustrier überwiegend in Pakistan und Indien.

Doppelreligion

Typisch für alle Religionen, aber besonders für die Monotheismen der jeweils reinen Wahrheit, sind zwei Seiten des Gleichen:

  • Das, was den Gläubigen vermittelt und verkündet wird. Die erfolgreiche Marketingstrategie frommer Rituale, die bewirken, dass Abhänge sich so verhalten, wie sie sollen.
  • Und parallel dazu die Geheimlehren, die in geschlossenen klösterlichen Kreisen nur an besonders geeignete Auserwählte weitergegeben werden.

Mehr: Assmann: „Religio duplex“, 2017

Monotheismus und Gewalt

„Gibt es heute auf Erden einen Terror, der nicht von Gläubigen dieser oder jener Konfession verursacht wäre? Man muss nur stark genug glauben – und schon gehen im Namen irgendeines Gottes die Bomben hoch.“ Lütkehaus (1943–2019)

Der Ägyptologe Jan Assmann beschreibt, wie der Monotheismus seit seiner Entstehung von Gewalttätigkeit begleitet wird. Sie sei die logische Konsequenz aus Vorstellungen, dass etwas von einem anderen radikal getrennt sein könnte („mosaische Unterscheidung“).

Sinnloser Krieg. Kabul 2015, Bild: Yahya Wardak

Deshalb unterscheide sich auch eine Gruppe von Menschen, die dem „einen Gott“ näherstünde, fundamental von anderen. Es gelte, ein einziges, unanzweifelbares, niedergeschriebenes Wahrheits-Dogma, dessen Verkündung alle widersprechenden Ansichten als bösartige Lügen entlarve.

Menschen, die außerhalb einer solchen monotheistischen Religion stehen, werden daher missioniert, oder ausgegrenzt, oder bekämpft oder auch vernichtet.

„Der Begriff ‚Gott‘ erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben … Der Begriff „Jenseits“, „wahre Welt“ erfunden, um die einzige Welt zu entwerten, die es gibt … Der Begriff „Seele“, „Geist“ … „unsterbliche Seele“ erfunden um, den Leib zu verachten … Der Begriff „Sünde“ erfunden samt dem zugehörigen Folterinstrument … der Begriff „freier Wille“, um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen.“ Nietzsche

Den Gedanken Nietzsches folgend diagnostizierte Sigmund Freud Religion als gefährliche, kollektive Zwangsneurose. Auch der Biologe Richard Dawkins hielt Religionen für einen irrationalen und zerstörerischen Wahn, dessen Ausbreitung, wie der Historiker Karlheinz Deschner beschreibt, Blutspuren hinterlässt. Ähnlich beschrieben Philosophen wie Anton Grabner-Haider, Michel Onfray u. v. a. monotheistische Religionen als tickende Bomben, die selbst die eigenen Gesellschaften in den Tod reißen können.

Dennoch waren Religionen in der Menschheitsgeschichte sehr erfolgreich. Vermutlich, weil sie mithalfen, sehr große und komplexe Gemeinschaften zusammenzuhalten.

Nichtmonotheistische Religionen sind auch nicht friedfertig.

Viele zehntausend Jahre lang herrschten Göttinnen und Götter in den Menschen, die von ihnen besessen waren. Im Traum oder unter Stress erschienen sie oder ihre Botinnen und Boten als Visionen oder Stimmen, denen absolut Folge zu leisten war. Diese inneren Stimmen konnten jähzornig, irrational, launig, egomanisch, irre, gewalttätig, brutal und für Tabubrecher oder Feinde auch vernichtend sein.
Erst ab 8800 v. u. Z. wurden in Mythen Helden beschrieben, die sich wie Odysseus vor Einflüsterungen die Ohren stopften und selbst dachten. Oder die noch später alle Naturphänomene als natürlich erklärbar ansahen.

Doch eine Dominanz des kritischen Denkens entwickelte sich damals nicht, weil die Skepsis sich für den Zusammenhalt großer Staatsgemeinschaften nicht als nützlich erwies. Stattdessen wuchsen vor 2500 Jahren, nach den Monotheismen Echenatons und Zarathustras, viele andere moralisch-ethische Konzepte (Konfuzianismus, Legalismus), gottlose Philosophie-Dogmen (Jain, Buddhismus) und die rationale Erneuerung des Hinduismus u. a. zum Monismus (Vedanta). Gemeinsam ist den nur wenige tausend Jahre alten modernen Religionskonzepten das Dogma eines außerhalb des Menschen stehenden, mehr oder weniger rational nachvollziehbaren Konstruktes, das allem Sein übergeordnet sei (Gott, Brahman, Dao, Quintessenz, Moral, Nichts, Gesetz …).

Darrius und die Lügner
Dareios I (der Große) vernichtet die neun Lügenkönige. Darüber schwebt Zahrathustra’s „Reine Wahrheit“, der Geist des einen, guten, alles durch-webenden Gottes. Felsrelief am Berg Behistun nahe Kermanshah.
Wiki: Text, Bild

Auch im Namen gottloser Dogmen wurden brutale Kriege geführt, Verbrechen begangen und Völker vertrieben.

Selbst der scheinbar friedfertige Buddhismus hat viele dunkle Seiten. Mit dem Segen buddhistischer Mönche wurden in Südostasien viele Kriege geführt (u. a. die totale Zerstörung von Siam/Ayutthaya 1765) oder der japanische Angriff im 2. Weltkrieg gestartet, oder die Vertreibung der muslimischen Minderheit aus Myanmar 2017 betrieben. Auch der polytheistische Hinduismus ist nach innen (Kastensystem) und nach außen (gegen Muslime) gewalttätig. Selbst der „gottlos“ moralisierende Konfuzianismus, der in China wieder als Staatsreligion etabliert zu werden scheint, kann, wie es Tibetaner und Uiguren erleben, ausgesprochen brutal sein.

Die Ansicht, dass monotheistische Religionen, im Gegensatz zu anderen, besonders gewalttätig seien, trifft auch deshalb nicht zu, weil das Christentum, in seiner römisch-katholischen und seiner orthodoxen Ausprägung, nicht eindeutig „monotheistisch“ genannt werden kann.

Kann es Religion ohne Gewalt geben?

Xenophanes: „Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und damit malen und Werke wie die Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferde-, die Kühe kuh-ähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber haben“ … Katzengott, Jäger, Witzenhausen 2015

Xenophanes, einer der ersten rationalen Religionskritiker (20), sagte sich vor 2600 Jahren nicht von „den Göttern“ los, sondern vertrat einen friedfertigen Monotheismus, der Menschen die Sicherheit gäbe, sich zu entwickeln: „Nicht von Anfang an haben die Götter den Sterblichen alles Verborgene gezeigt, sondern allmählich finden sie suchend das Bessere.“

Das Wesen der Friedfertigkeit dieser Art monotheistischen Denkens bestand im Verzicht auf die Illusion absoluter Trennung. Denn, wenn alles mit allem verwoben und so gleichsam von Gott durchdrungen sei, könne es keine absoluten Gegensätze geben, die sich statisch gegenüberstünden und sich bekämpften.

Genauso träumte Baruch de Spinoza, ein ehemals sephardischer Jude, er könne die Vertreter der Monotheismen seiner Zeit von einer einheitlichen göttlichen Natur überzeugen, die sich in allem Sein manifestiere. Wäre ihm das gelungen, wären der Welt viele der sinnlosen Religionskriege erspart geblieben.

Im Sinne Spinozas engagierten (und engagieren) sich viele monotheistisch-religiös orientierte Menschen und handeln im Vertrauen auf ein übergeordnetes, sinnvolles, friedliches und zugleich alles durchdringendes Prinzip (u. v. a. Thomas Merton, Ivan Illich, Ernesto Cardenal, Desmond Tutu,  Abdul Ghafar Khan …)

Today’s world is traveling in some strange direction.
You see that the world is going toward destruction and violence.
And the specialty of violence is to create hatred among people and to create fear.
I am a believer in nonviolence and I say that no peace or tranquility will descend
upon the people of the world until nonviolence is practiced,
because nonviolence is love and it stirs courage in people.
Khan Abdul Ghaffar Khan

Bisher waren diese klugen Denker:innen wenig einflussreich und konnten nur einige kritisch-empathische Minderheiten beeinflussen. Denn die rasante ökonomische Entwicklung der Globalisierung, die auf protestantisch-christlicher Ethik fußt (24), ließ den friedvollen Varianten monotheistischen Denkens und Glaubens nur wenig Raum. Nun aber kriseln die Wertesysteme des kapitalistisch-protestantischen Westens, des mittelalterlich-ritualisierten römischen und orthodoxen Christentums und des noch im Feudalismus verharrenden Islam.

Der amerikanische Kapitalismus hat sich seit 2017 als vollkommen wertfrei, gewalttätig und zerstörerisch erwiesen. Und der Versuch, in China den Konfuzianismus wiederzubeleben, führte zur Schaffung eines intensiv überwachten, gelenkten Ameisensystems.

Daher könnte eine Wiedererweckung eines alles durchdringenden Prinzips im Sinne des „guten Gottes“ vielleicht positiv wirken. Da sie das Wissen moderner Naturwissenschaft durch einen Sinnzusammenhang ergänzen würde. Auch große Religionsführer denken über diese Möglichkeit nach, und sind sich dabei vermutlich im Klaren, dass eine neue Ethik (wie auch alle Religionen) menschengemacht wäre.

Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre,
wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.
Alle Religionen und alle heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich.
Deshalb benötigen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.
Dalai Lama (Der Appell an die Welt, Benevento, 2015)

Es ist nicht nötig, eine überfällige, gewaltfreie Neuerfindung der Religionen zu warten: Eine neue Ethik kann auch entstehen, wenn viele (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) sinnvoll handeln.

„Sei Sonne! Sonst bleibst du Fledermaus!“
Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (1207–1273 v.u.Z.)

Mehr

Literatur

  • Anquetil-Duperon AH.: Zend-Avesta, ouvrage de Zoroastre. 1771. Deutsch: Das Zend-Avesta, Weißenseeverlag 2011: www.weissensee-verlag.de/autoren/Hannemann/hannemann_kurz.pdf
  • ar-Rūmī D. (1207–1273 n. Chr.): Sei Sonne, sonst bleibst du Fledermaus. Marix 2013
  • Aslan R: Zelot. Jesus von Nazaret und seine Zeit. Original: Zealot. The life and Times of Jesu of Nazareth. Random House 2013.
  • Assmann J: Monotheismus und die Sprache der Gewalt, Picus 2004, Download – Assmann J: Moses der Ägypter, Fischer 2007 – Assmann J: Ägypten – Eine Sinngeschichte, Fischer 1999/2018 – Assmann J: Totale Religion, Picus 2018 – Assmann J: Achsenzeit – Eine Archäologie der Moderne, CH Beck 2018 – Assmann J: „Religio duplex“, Verlag der Weltreligionen 2017
  • Baignet M.: Die Gottesmacher, Lübbe 2006.
  • Boff Leonardo: 2020
  • Bowersock G. W.: Die Wiege des Islam. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen. CH Beck 2019
  • Bowersock GW: Die Wiege des Islam. Beck 2018
  • Daschner KH: Die Kriminalgeschichte des Christentums. Rowohlt 1986 ; Weltkrieg der Religionen, Weitbrecht 1995
  • Dawkins R.: Der Gotteswahn. Ullstein 2007
  • Dawkins R.: Der Gotteswahn. Ullstein. 2007
  • Deschner K.: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit. Rowohlt 1986
  • Flavius Josephus: Complete works: https://ccel.org/ccel/josephus/complete.toc.html, die Söhne Noah’s Ham, Japhet, Shem: https://ccel.org/ccel/josephus/complete.toc.html
  • Freud S.: Totem und Tabu, 1913
  • Fried J: Jesus und Paulus: Der Ursprung des Christentums im Konflikt. Ch Beck 2021
  • Fried J.: Kein Tod auf Golgatha – Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus. Ch Beck 2019 ;
  • Galleano E.: Las veinas abiertas de america, 1971. Erweiterte Neuauflage: Die offenen Adern Lateinamerikas. Peter Hammer Verlag 2009, Peter Hammer Verlag 2009, www.alliteratus.com/pdf/gesch_geg_lateinamerika.pdf
  • Grabner-Haider A, Wuketits F: Religion als Zeitbombe? Alibri 2016
  • Holland T.: Persisches Feuer 2011
  • Höllmann T: China und die Seidenstraße, CH Beck 2022
  • Homer: Odyssee. Hrsg. Anton Weiher. Sammlung Tusculum. Artemis & Winkler 2003
  • Humphrey N.: How to solve the mind-body problem. Journal of Consciousness Studies 2000, 7: 5-20 – Cave art autism an the evolution of human mind, 1998. Weitere („How to solve the mind body problem…“): www.humphrey.org.uk
  • Ibn Tufail AB (1106-1185 n.Chr.): Der Philosoph als Autodidakt. Meiner 2019
  • Jaynes J. 1976. “The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bikameral Mind” Boston, 1976. dt.: Der Ursprung des Bewußtseins, Rowohlt, 1993, w.w.julianjaynes.org, Kommentare: u. v. a. Dennet D.: Jaynes‘ Software archeology, Brainchildren, 1998
  • Kriwazeczek P.: Baylon, Mesopotamia and the Birth of Civilization, Atlantik Books 2010
  • Kurtz P.: The transcendental Temptation, A critique of religion and the paranormal, 1986
  • Maccoby H.: Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums. Ahriman Verlag 2007, Original: The Mythmaker. Paul and the Invention of Christianity.
  • Masala N.: Palestine, A four thousand year hstory. Zed books, London 2018.
  • McGilchrist I: The Master and his Emissary (2010), The Divided Brain and the Search for Meaning Why We Are So Unhappy (2012), Vollständiger Vortrag, Kurzvortrag
  • Nietzsche, F.: Ecce Homo. 1908
  • Nixey C.: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten. DVA 2017
  • Norezaran A: Big Gods How Religion Transformed Cooperation and Conflict, Princeton Univ Press 2015
  • Onfray M: Wir brauchen keinen Gott. Piper 2006. Traité d’athéologie – Physique de la métaphysique., Grasset 2005
  • Paquot Th.: Ivan Illich Denker und Rebell, CH Beck 2017. Ivan Illich-Journal
  • Parker G.: The Persians, Reaktion Books 2023
  • Popper K., L. Bennett: In Search of a Better World. Lectures and Essays from Thirty Years, 1996 ; The World of Parmenides. Essays on the Presocratic Enlightenment, 1998 ; Deutsch: Die Welt des Parmenides, Piper Verlag
  • Radhakrishnan N.: Khan Abdul Ghafar Khan: The Apostel of Non-Violence. 2011 – Khan Abdul Ghafar Khan. Sahar Printing, Kabul 2017.
  • Rovelli C.: Die Geburt der Wissenschaft. Anaximander und sein Erbe, Rowohlt 2019
  • Schneider M et al: Echnaton und Zarathustra: Zur Genese und Dynamik des Monotheismus, 2012, DOI:10.30965/9783846753491
  • Schrott R.: Homers Heimat, Hanser, 2008
  • Spinoza B.: Tractatus theologico-politicus. („Theologisch-politischer Traktat“) Amsterdam 1670
  • Thompson, Th. et al.: The ever elusive past – Diskussions of Palestine’s History and Heritage. Lectures of the Danish House in Palastine, 2018
  • Trimondi V.: Der Schatten des Dalai Lama. Patmos 1999
  • Viktoria B.: Zen at war. Weatherhill 1997
  • Weber M.: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. 1905
  • Whitehouse H et al. (2019): Complex societies precede moralizing gods throughout world history. Nature 20.02.2019. www.nature.com/articles/s41586-019-1043-4
  • Will W.: Die Perserkriege, Marix Verlag 2019. –
  • Zephania KI: Ushaidi: Yesu alikuwa Muislamu (Der Beweis: Jesus war ein Muslim), Mwanza 2013

Letzte Aktualisierung: 20.04.2026