Wahrheit

28.12.2019

Jedesmal wenn im Namen irgendeiner „Wahrheit“ gemordet wird, herrscht sprachloses Entsetzen.

Der Glaube an „die reine Wahrheit“ ist ein Form des Wahnsinn, die für Nicht-gläubige tödlich enden kann.

Allerdings ist, menscheitsgeschichtlich betrachtet, „Wahrheit“ eine junge Erfindung. Vielleicht war der ägyptische Pharao Echenaton vor viertausend Jahren der erste Machthaber, der „in Wahrheit lebte„. D.h. er diktierte einen Glaubenssatz, der andere als Ungläubige ausschloss. Der Ägyptologe Jan Assmann (s.u.) hält solche Wahrheits-Ideologien für einen fruchtbaren Boden, aus dem massive und organisierte Brutalität erwachsen kann. Und der Biologe Richard Dawkins (s.u.) forderte, man müsse bestimmte Arten des Glaubens als Geisteskrankheiten bezeichnen und nach Behandlungswegen suchen.

Aber auch Dawkins, der felsenfest glaubt, dass es etwas nicht gibt, … glaubt.

Das Prinzip der „Heiligen Schrift“: irgendwann von irgendwem zusammengeschrieben.
Roberto Equisoain: BBB 978-84-937603-7-3

Im Prinzip kann Glauben sehr nützlich sein

Man kann bei Grün über eine Kreuzung fahren und glauben, dass die anderen bei Rot stehen bleiben werden. Das sicher zu wissen wäre nicht möglich. Aber der deutschen Straßenverkehrsordung kann vertraut werden. Sie ist ein Wahrheitssystem, das mit strengen Sanktionsmöglichkeiten verbunden ist. Jeder der es wagen würde bei Rot loszufahren, würde hart bestraft werden. Das ist sehr hilfreich. Denn alle richten sich entsprechend aus und fahren rechts, obwohl man sich in England, in einem anderen Dogma-System des Straßenverkehrs, im Kreisverkehr links einfädeln muss.

Die Straßenverkehrsordung ist ein Beispiel für ein Wahrheitssystem, dass Sinn macht, weil es nutzt und wenig Schaden anrichtet. Vor allem entbehrt es einem höheren Absolutheitsanspruch. Das vom deutschen Steuerrecht zu behaupten wäre schon schwieriger. Aber immerhin spricht vieles für Rechtssicherheit, solange Gerichtsentscheidungen als vernünftig (d.h. von Menschen gemacht) und nicht als „wahr“ betrachtet werden (d.h. von höheren Wesen bestimmt).

In den viel grundlegenderen Wahrheitssystemen und Lehrmeinungen, die sich Menschen ausgedacht haben, werden im Prinzip nach ganz ähnlichen Muster Regeln aufgestellt. Nur wird dort manchmal zusätzlich behauptet, sie gälten absolut und unumstößlich, denn sie seien von einer höheren, nicht anzweifelbaren Autorität oder Schrift abgeleitet. Und das führte und führt dann oft zu Mord und Totschlag.

Allerdings ist Wahrheit nicht nur ein Kern von Religionen und politischen Ideologien, sondern bildet auch die Grundlage von Denkgebäuden, die sich wissenschaftlich nennen. Dafür hatte vor 2.400 Jahren Aristoteles gesorgt. Er erfand die Wahrheit der Erkenntnis, die er Episteme nannte, und trennte sie vom Erfahrungswissen oder Können. Damit erstickte er sehr erfolgreich die fröhliche Wissenschaft früher Physiker, die die Herrschenden damit nervten, ständig überkommene Wahrheiten zu hinterfragen (s.u.: Popper).

Der möglicherweise erste Wissenschaftler, Anaximander, erkannte vor 2.600 Jahren, dass gerade das radikale Fehlen von Gewissheit zu neugierigem Forschen führt, zu immer neuen Fragen, und nur zu vorläufigen Antworten, die notwendigerweise zu weiteren Fragen führen. (s.u. Rovelli)

Pyrrhon von Elis, ein ehemaliger Schüler des Aristoteles, behauptete später, Dogmatismus sei ein Charakterfehler, weil das Offensichtliche geleugnet werde: Keine Wahrheit sei absolut wahr. Innerer Frieden, so Pyrrhon, entstünde erst, wenn es gelänge, auf absolute Wahrheiten zu verzichten.

Damit hatte er die Grundlage gewaltfreier sozialer Kommunikation entdeckt. Die von ihm begründete skeptische Philosophe blieb dennoch eine wenig geliebte Randerscheinung der ungleich erfolgreicheren Dogmenwelt. Vermutlich weil Skeptiker nachfragen, gewohnte Rituale verlachen oder gar behaupten, es gäbe keinen Zweck der brutale Mittel heilige.

Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher. Montaigne

Literatur

  • Assmann J: Monotheismus und die Sprache der Gewalt. Picus, Wien 2006,, weitere Literatur Wiki-Eintrag zu Jan Assmann, Esssay online 2013
  • Dawkins R: Der Gotteswahn (The God Delusion), London 2006
  • Popper K: Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens. Piper, München 2001, Rezension
  • Rovelli C: Die Geburt der Wissenschaft. Anaximander und sein Erbe. Rowohlt 2019

Wahre Wissenschaft?

Was wir glauben und hoffen dürfen, steht irgendwo (von irgendwem) geschrieben.

In Büchern, die von Dingen handeln, die die meisten weder be-greifen noch überprüfen können. Die Standardwerke der Astrophysik zum Beispiel beschreiben einen großen Knall („Big Bang“), der vor 15 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Wer die mathematischen Formeln nicht versteht, muss darauf vertrauen, dass die Mehrheit der Physiker nicht irrt. Und sie oder er sollte in der Schule bei der entsprechenden Frage der Lehrer die richtige Antwort wissen.

Inzwischen glauben wir selbstverständlich auch dann an die Wissenschaft, wenn sie sinnlicher Wahrnehmung widerspricht: Wir wissen z.B., dass die Erde und die Sonne Kugeln sind, die im Nichts kreisen. Obwohl wir uns natürlich von Sonnenaufgängen und –untergängen erzählen und auch weiterhin mit dem „falschen Modell der Wirklichkeit“, richtige Zukunftsvorhersagen machen, z.B. wann die Sonne wohl auf die Gartenbank scheinen wird. Weil aber alle uns sagen, wie es „wirklich“ ist, wird es wohl so sein. Aber nachgemessen haben es die meisten natürlich nicht.

Völlig unmöglich wäre die persönliche Überprüfung bei der Quantenphysik, die dem gesunden Menschenverstand der Mechanik widerspricht und von Systemzusammenhängen handelt, die sich bildhaften Vorstellungen entziehen. Aber sie funktioniert offenbar, und beschert uns CD Player und Laptops. Deshalb glauben wir an sie und hoffen darauf, dass sie uns in eine bessere Zukunft bringen wird (z.B. durch schnellere Smartphones). Hat sich die früher einmal kritische Quantenphysik nicht schon längst unmerklich in eine Quantenreligion verwandelt?

Glauben oder Zweifeln?

Menschen werden zutiefst gläubig geboren. Babys kennen nur ihre sinnliche Erfahrung und vertrauen darauf, dass Mama, und etwas später vielleicht auch Papa, alles können. Diese allmächtigen und vertrauten Personen sorgen nicht nur für Sicherheit und Nahrung. Sie können offenbar auch zaubern, da sie die gewohnte Umgebung oft völlig unerwartet verändern. Glauben und hoffen, dass alles gut werde, bietet dem Kind Sicherheit, die es zu Wachsen so nötig braucht wie die Nahrung.

Drei oder vier Jahre später werden dann die Eltern, langsam aber unaufhaltsam, von ihrem gottähnlichen Status entthront.

Ein Kind erkennt, dass: „Papa überhaupt nicht fliegen kann“, dass es sogar Dinge gibt, mit denen andere besser umgehen als Mama, und dass bei „Wahrheiten“ offenbar von beiden manchmal auch geschwindelt wurde. Außerdem stammt plötzlich jede Eltern-Weisheit nur von einer bestimmten Person, eben von Papa oder Mama. Das Kind lernt andere Menschen kennen, die ganz unterschiedliche Wahrheiten verkünden, z.B. andere freche Kumpel und sogar Erwachsene, die doch sonst immer Recht haben. Je besser das Kind dann, sich seiner selbst bewusst, fühlt und denkt, desto mehr wird ihm klar, dass auch andere denken und fühlen. Es macht sich eine Theorie, was wohl in Kopf und Körper der anderen so vorgeht. Es erahnt, dass das, was zu dem Fühlen und Denken des einen passt für einen anderen nicht stimmig sein muss. Es denkt, dass die da denkt, dass „ich“ denke und ärgert oder freut sich darüber.

Zum Beispiel im Kaspertheater. Damit bricht die kurze Zeit an, in der sich Kinder in fröhliche Wissenschaftler*innen verwandeln, die alles hinterfragen, neugierig erforschen, offen kritisieren, skeptisch an gar nichts mehr glauben, verstockt widersprechen und eigene phantastische Überlegungen und grenzenlos innovative, scheinbar völlig unrealistische Theorien entwickeln, die sofort im Sandkasten oder im Kindergarten überprüft werden.

Diese wilde Periode kritischer Sprösslinge ist für die Erwachsene sehr anstrengend: ständig sollen sie Fragen beantworten, auf die ihnen keine „vernünftigen“ (das heißt mit ihrem liebgewordenen Denksystem vereinbare) Antworten einfallen:

Der Physiker Feynman (s.u.) fragte als Kind einmal seinen Vater, warum ein Ball in einem Leiterwagen nach hinten rolle, wenn der Karren gezogen werde. Sein Vater erklärte ihm, das läge an der Massenträgheit des Balles. Was denn Trägheit sei. Worauf der Vater erläuterte, das sei ein Begriff der Wissenschaftler, der erkläre, warum ein Ball nach hinten rolle, wenn man eine Karre nach vorn bewege.

Damit man bei Kindern solche lästige Fragen loswird, werden sie auf Institutionen geschickt, die ihnen das eigenständige Denken rasch wieder austreiben. Dort beziehen sich die Fragen zunehmend auf richtige Lösungen, auf Antworten, die den klugen Erwachsenen längst bekannt sind, und die das Kind nun so lange erlenen muss, bis es sie auswendig wieder abspulen kann. Kinder lernen dort still sitzen, zuhören und das Eingetrichterte so zu verinnerlichen, dass es in Prüfungen fehlerfrei wiedergegeben (oder unverdaut erbrochen) werden kann. (Robinson)

Erst in der Pubertät rebellieren sie noch einmal gegen die überkommenen Weisheiten, aber dann meist in der Form, dass sie nach alternativen Gruppen, Ideen und Gemeinschaften suchen, an die sie (statt an ihre Eltern) glauben können. Sie hinterfragen alte Wahrheiten in der Regel nur noch, um sie durch neue Wahrheiten ihrer neuen Vorbilder und Ideologien zu ersetzen.

Wenn sie dann nach dem überwundenen pubertären Chaos eine universitäre Karriere anstreben, werden sie in hochkomplizierte Modellen der Wirklichkeit trainiert. Die wurden von bedeutenden (meist männlichen) Lehrern niedergeschrieben, deren Gedanken sie nun fehlerfrei wiederzugeben sollen. Später, wenn sie selbst zu Expert*innengeworden sind, dürfen sie die auswendig gelernten alten Weisheiten in bescheidenen Umfang variieren und auszubauen, ohne sie aber grundsätzlich verändern zu wollen. D.h. sie werden zu Priestern Ihrer jeweiligen Wissenschaftsreligion. Aufgrund des soliden, in der Vergangenheit bewährten Wissenssystems treffen sie Grundannahmen, von denen sie Vermutungen ableiten, die sie in Experimenten, die alle Störfaktoren ausschließen, dann bestätigen. Sie finden dabei in der Regel das, was sie suchen, und wenn nicht, haben sie noch nicht lange genug gesucht. Ihre Theorie bestimmt die Wirklichkeit. Häufig sind die Regelwerke, die sie aufstellen sehr nützlich, zum Beispiel für den technischen Fortschritt, denn ihre Leitlinien und Anweisungen beschreiben alles, was sich in der Vergangenheit glänzend bewährt hat. Insofern gleichen Wissenschaftler*innen je länger sie in universitären Strukturen arbeiten Juristen und Priestern, die sich in Konventen, Kirchen oder Konferenzen auf Wahrheitsmodelle und die richtigen und falschen Wege einigen, und die Sektierer, Ketzer und Spinner fernhalten.

Manchmal können die Modelle solcher Wissenschaftsreligionen auch in sich zusammenbrechen. Zum Beispiel wenn die immer neue Beobachtungen mit den alten Modellen der Wirklichkeit nicht mehr erklärt werden können, selbst dann nicht, wenn diese immer detaillierter und komplizierter ausgebaut werden (Kuhn). In diesen Zeiten des Umbruchs (Paradigmenwechsel) ist dann plötzlich wieder kreatives Denken erforderlich, und ein fröhlicher „Anfängergeist“, der schließlich einmal am Beginn jeder wissenschaftlichen Bewegung stand.

Selberdenken?

Während sich die dogmatische Wahrheitssuche, die (Wissenschafts-)Religion, an der bekannten Vergangenheit und den bewährten Antworten orientiert, interessiert sich kritische Wissenschaft für die ungewisse Zukunft und neue Fragestellungen.

Ein Zweifel an der kollektiven Intelligenz der Expertenmeinungen führt zu einer Unterbrechung gewohnter Handlungsmuster, der Handlungs-Trance der Masse oder auch des eigenen Flow. Menschen, die sich etwas fragen wollen, legen eine Pause ein und schauen sich um. Sie werden sich der eigenen Ignoranz und der Unendlichkeit ihres Unwissens bewusst.

Diese Erkenntnis löst Angst aus, vielleicht sogar Stress oder Panik. Bei Vertrauen in die eigenen schöpferischen Fähigkeiten kann sich die Angst aber auch in Neugier verwandeln und zu neuen Fragen führen, die auch vor den eigenen Grundannahmen nicht haltmachen. Nichts ist dann mehr sicher vor dem Zweifel, selbst die liebgewordenen eigenen Ideen nicht. Diese Erfahrung ist für die meisten Wissenschaftler so erschreckend, dass sie gleich wieder zur Sicherheit der alten Weisheit zurück streben. Andere aber beginnen vorsichtig Ungekanntes zu erforschen, weil es ihnen Lust vermittelt etwas herauszufinden. Sie berichten dann von einem Feuer das in ihnen auflodert, oder von einem ein Sog, der sie in unbekannte Regionen zieht, und von der Freude über das eigene Irren zu lachen (s.u: Alon, Firestein, Feynman, Schwartz).

Kritisches Denken ist rational und frech.

Es lotet Grenzen aus, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, die in der Natur, in der wir leben, einfach so sind wie sie sind, unabhängig von jedem Erklärungsmodell. Es spürt Beziehungen, Freiräumen und Möglichkeiten nach, wie etwas sein könnte, oder wie es sich vielleicht entwickeln mag. Fröhliche, an der unbekannten Zukunft (und nicht an vergangenen Weisheiten) interessierte Denker*innen schätzen Antworten, die sie erhalten, nicht als etwas Endgültiges (Wahrheit), sondern als relativ sicheren Grund, der es ihnen erlaubt, intelligentere und weitergehende Fragen zu stellen. (Rovelli 2019)

Kritisch und kreativ zu denken kann einsam machen, und es lohnt sich selten, da es von der kollektiven Expertenweisheit distanziert. Ist die Zeit gerade reif für einen Umschwung, wie vor 120 Jahren beim Übergang von der mechanischen zur Quantenphysik, kann Kreativität durchaus gefragt sein. In den langen Perioden zwischen oder vor Paradigmenwechseln ist Selberdenken (wie im Mittelalter) in der Regel gefährlich.

Fröhliche Wissenschaft ist sehr zartes Pflänzchen, das leicht abgewürgt werden kann.

Entweder durch die Überbewertung von gefundenen Einzelergebnissen, oder ein sich Verlieren im Detail, dem Auftrennen von Einzeldaten in kleine Kategorien oder durch Überhöhung von Einzelfaktoren, deren Summe fälschlich für etwas Ganzes gehalten wird.

Oder umgekehrt, in dem etwas nicht Fassbares als ein Ganzheitliches beschrieben wird, das sich vom Einzeldenken der universitären Schulen unterscheiden soll, und das sich mystisch-nebelhaft-wabernd weiteren Fragen entzieht, oder sie mit umfassenden Antworten erschlägt.

Beides (die Verliebtheit ins Detail oder die „Ganzheitlichkeit“ von etwas Undefiniertem) führt zu unerfreulichen und meist fruchtlosen Positionskämpfen zwischen der Mehrheit der etablierten Wissenschaftspriester und der Minderheit von Wissenschaftsketzern, die an sektiererische oder alternative Weisheiten glauben.

Fröhliche in alle Richtungen respektlose Wissenschaftler*innen bleiben bei solchen Diskussionen meist auf der Strecke.

Ich wohne in meinem eignen Haus. Hab Niemandem nie nichts nachgemacht. Und – lachte noch jeden Meister aus Der nicht sich selber ausgelacht .„Die Fröhliche Wissenschaft“. Nietzsche 1887

 Literatur, Vorträge, Hinweise

Letzte Aktualisierung: 28.12.2019