Wahrheit
Inhalt
- Die Erfindung der Wahrheit
- Wahrheitskult
- Postfaktische Wahrheiten
- Das Elend unklarer Begriffe
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Die Erfindung der Wahrheit
Jedes Mal, wenn im Namen einer „Wahrheit“ gemordet wird, herrscht sprachloses Entsetzen. Der Glaube an „die reine Wahrheit“ ist eine Form von Wahnsinn, der für Nichtgläubige tödlich enden kann.
„Wahrheit“ ist eine geniale Erfindung, um eine komplexe Welt radikal zu vereinfachen. Die Definition von „wahr“ sondert überflüssige, verunsichernde, „unwahre“ Information aus:
„Wenn ich weiß, dass etwas (X) wahr ist,
weiß ich, dass jeder Beweis gegen X ein Beweis gegen etwas ist, das wahr ist.
Ich weiß also, dass ein solcher Beweis irreführend ist.
Beweise, von denen ich weiß, dass sie irreführend sind, sollte ich außer Acht lassen.
Wenn ich also weiß, dass X wahr ist, kann ich, alle zukünftigen Beweise,
die gegen X sprechen, außer Acht zu lassen“.
Gilbert Harman, freie Übersetzung
„Wahrheit“ liefert eine Antwort, die weitere Fragen erübrigt.

Im Prinzip ist Glauben nützlich
Man kann bei Grün über eine Kreuzung fahren und glauben, dass die anderen bei Rot stehen bleiben werden. Das sicher zu wissen wäre nicht möglich. Aber der deutschen Straßenverkehrsordnung kann vertraut werden. Sie ist ein Wahrheitssystem, das mit strengen Sanktionsmöglichkeiten verbunden ist. Jeder, der es wagen würde bei Rot loszufahren, würde hart bestraft werden. Das ist sehr hilfreich. Denn alle richten sich entsprechend aus. Und sie fahren rechts, obwohl man sich in England, in einem anderen Dogma-System des Straßenverkehrs, im Kreisverkehr links einfädeln muss.
Die Straßenverkehrsordnung ist ein Beispiel für ein Wahrheitssystem, dass Sinn ergibt, weil es nutzt und wenig Schaden anrichtet. Vor allem entbehrt es einem höheren Absolutheitsanspruch. Das vom deutschen Steuerrecht zu behaupten, wäre schon schwieriger. Aber immerhin spricht vieles für Rechtssicherheit, solange Gerichtsentscheidungen als vernünftig (d. h. von Menschen gemacht) und nicht als „wahr“ betrachtet werden. Also nicht von höheren Wesen bestimmt sind.
In den viel grundlegenderen Wahrheitssystemen und Lehrmeinungen, die sich Menschen ausgedacht haben, werden im Prinzip nach ähnlichem Muster Regeln aufgestellt. Nur wird dort manchmal zusätzlich behauptet, sie gälten absolut und unumstößlich, denn sie seien von einer höheren, nicht anzweifelbaren Autorität oder Schrift abgeleitet. Und das führte und führt dann oft zu Mord und Totschlag.
Wahrheit ist nicht nur ein Kern von Religionen und politischen Ideologien, sondern bildet auch die Grundlage von Denkgebäuden, die sich wissenschaftlich nennen. Dafür hatte vor 2.400 Jahren Aristoteles gesorgt. Er erfand die Wahrheit der Erkenntnis, die er Episteme nannte, und trennte sie vom Erfahrungswissen oder Können. Damit erstickte er die fröhliche Wissenschaft früher Physiker, die die Herrschenden damit nervten, ständig überkommene Wahrheiten zu hinterfragen (s. u.: Popper).
Der möglicherweise erste Wissenschaftler, Anaximander, erkannte vor 2.600 Jahren, dass gerade das radikale Fehlen von Gewissheit zu neugierigem Forschen führt, zu immer neuen Fragen, und nur zu vorläufigen Antworten, die notwendigerweise zu weiteren Fragen führen. (s. u. Rovelli)
Pyrrhon von Elis, ein ehemaliger Schüler des Aristoteles, behauptete später, Dogmatismus sei ein Charakterfehler, weil das Offensichtliche geleugnet werde: Nämlich, dass keine Wahrheit absolut wahr sein kann. Innerer Frieden, so Pyrrhon, entstünde erst, wenn es gelänge, auf absolute Wahrheiten zu verzichten.
Damit hatte er die Grundlage gewaltfreier sozialer Kommunikation entdeckt. Die von ihm begründete skeptische Philosophe blieb dennoch eine wenig geliebte Randerscheinung der ungleich erfolgreicheren Dogmenwelt. Vermutlich weil Skeptiker nachfragen, gewohnte Rituale verlachen oder gar behaupten, es gäbe keinen Zweck, der brutale Mittel heilige.
Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher. Montaigne
Literatur
- Assmann J: Monotheismus und die Sprache der Gewalt. Picus, Wien 2006,, weitere Literatur Wiki-Eintrag zu Jan Assmann, Esssay online 2013
- Dawkins R: Der Gotteswahn (The God Delusion), London 2006
- Popper K: Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens. Piper, München 2001, Rezension
- Rovelli C: Die Geburt der Wissenschaft. Anaximander und sein Erbe. Rowohlt 2019
Wahrer Wissenschaftskult
Was wir glauben und hoffen dürfen, steht geschrieben.
Wissenschaftlichen Büchern handeln von Dingen oder Zusammenhängen, die die meisten weder begreifen noch überprüfen können. Die Standardwerke der Astrophysik zum Beispiel beschreiben einen großen Knall („Big Bang“), der vor 15 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Wer die mathematischen Formeln nicht versteht, muss darauf vertrauen, dass die Mehrheit der Physiker nicht irrt. Und sie oder er sollte in der Schule bei der entsprechenden Frage der Lehrer die richtige Antwort wissen.

Inzwischen glauben wir auch dann an die Wissenschaft, wenn sie sinnlicher Wahrnehmung widerspricht: Wir wissen z. B., dass die Erde und die Sonne Kugeln sind, die „im Nichts“ kreisen. Obwohl wir uns natürlich von Sonnenaufgängen und –Sonnenuntergängen erzählen und auch weiterhin, mit dem „falschen Modell der Wirklichkeit“, richtige Zukunftsvorhersagen machen, z. B. wann die Sonne wohl auf die Gartenbank scheinen wird. Weil aber alle uns sagen, wie es „wirklich“ ist, wird es wohl so sein. Aber nachgemessen haben es die meisten natürlich nicht.
Völlig unmöglich wäre die persönliche Überprüfung bei der Quantenphysik, die dem „gesunden“ Menschenverstand der Mechanik widerspricht und von Systemzusammenhängen handelt, die sich bildhaften Vorstellungen entziehen. Aber sie funktioniert offenbar, und beschert uns CD-Player und Laptops. Deshalb glauben wir an sie und hoffen darauf, dass sie uns in eine bessere Zukunft bringen wird (z. B. durch schnellere Smartphones). Hat sich die früher einmal kritische Quantenphysik nicht unmerklich in eine Quantenreligion verwandelt?
Glauben oder Zweifeln?
Menschen werden zutiefst gläubig geboren. Babys kennen nur ihre sinnliche Erfahrung und vertrauen darauf, dass Mama, und etwas später vielleicht auch Papa, alles können. Diese allmächtigen und vertrauten Personen sorgen nicht nur für Sicherheit und Nahrung. Sie können offenbar auch zaubern, da sie die gewohnte Umgebung oft gänzlich unerwartet verändern. Glauben und hoffen, dass alles gut werde, bietet dem Kind Sicherheit, die es zu Wachsen so nötig braucht wie die Nahrung.
Drei oder vier Jahre später werden dann die Eltern, langsam aber unaufhaltsam, von ihrem gottähnlichen Status entthront.
Ein Kind erkennt, dass: „Papa überhaupt nicht fliegen kann“. Und, dass es sogar Dinge gibt, mit denen andere besser umgehen als Mama, und bei „Wahrheiten“ offenbar von beiden manchmal auch geschwindelt wurde. Außerdem stammt plötzlich jede Eltern-Weisheit nur von einer bestimmten Person, eben von Papa oder Mama. Das Kind lernt andere Menschen kennen, die ganz unterschiedliche Wahrheiten verkünden, z. B. andere freche Kumpel und sogar Erwachsene, die doch sonst immer recht haben. Je besser das Kind dann, sich seiner selbst bewusst, fühlt und denkt, desto mehr wird ihm klar, dass auch andere denken und fühlen. Es macht sich eine Theorie, was wohl in Kopf und Körper der anderen so vorgeht. Es erahnt, dass das, was zu dem Fühlen und Denken des einen passt, für einen anderen nicht stimmig sein muss. Es denkt, dass die da denkt, dass „ich“ denke und ärgert oder freut sich darüber.
Beispiel Kaspertheater.
Mit Kasper bricht die kurze Zeit an, in der sich Kinder in fröhliche Wissenschaftler:innen verwandeln, die alles hinterfragen, neugierig erforschen, offen kritisieren, skeptisch an gar nichts mehr glauben, verstockt widersprechen und eigene fantastische Überlegungen und grenzenlos innovative, scheinbar völlig unrealistische Theorien entwickeln, die sofort im Sandkasten oder im Kindergarten überprüft werden.
Diese wilde Periode kritischer Sprösslinge ist für die Erwachsene anstrengend: ständig sollen sie Fragen beantworten, auf die ihnen keine „vernünftigen“ (das heißt, mit ihrem lieb gewordenen Denksystem vereinbare) Antworten einfallen:
Der Physiker Feynman (s. u.) fragte als Kind einmal seinen Vater, warum ein Ball in einem Leiterwagen nach hinten rolle, wenn der Karren gezogen werde. Sein Vater erklärte ihm, das läge an der Massenträgheit des Balles. Was denn Trägheit sei. Worauf der Vater erläuterte, das sei ein Begriff der Wissenschaftler, der erkläre, warum ein Ball nach hinten rolle, wenn man eine Karre nach vorn bewege.
Damit man bei Kindern solche lästige Fragen loswird, werden sie auf Institutionen geschickt, die ihnen das eigenständige Denken rasch wieder austreiben. Dort beziehen sich die Fragen zunehmend auf richtige Lösungen, auf Antworten, die den klugen Erwachsenen längst bekannt sind, und die das Kind nun so lange erlernen muss, bis es sie auswendig wieder abspulen kann. Kinder lernen dort stillsitzen, zuhören und das Eingetrichterte so zu verinnerlichen, dass es in Prüfungen fehlerfrei wiedergegeben (oder unverdaut erbrochen) werden kann. (Robinson)
Erst in der Pubertät rebellieren sie noch einmal gegen die überkommenen Weisheiten, aber dann meist in der Form, dass sie nach alternativen Gruppen, Ideen und Gemeinschaften suchen, an die sie (statt an ihre Eltern) glauben können. Sie hinterfragen alte Wahrheiten in der Regel nur noch, um sie durch neue Wahrheiten ihrer neuen Vorbilder und Ideologien zu ersetzen.
Wenn sie dann nach dem überwundenen pubertären Chaos eine universitäre Karriere anstreben, werden sie in hoch komplizierte Modellen der Wirklichkeit trainiert. Die wurden von bedeutenden (meist männlichen) Lehrern niedergeschrieben, deren Gedanken sie nun fehlerfrei wiedergeben sollen. Später, wenn sie selbst zu Experten geworden sind, dürfen sie die auswendig gelernten alten Weisheiten in bescheidenen Umfang variieren und auszubauen, ohne sie aber grundsätzlich verändern zu wollen. D. h. sie werden zu Priestern ihrer jeweiligen Wissenschaftsreligion. Aufgrund des soliden, in der Vergangenheit bewährten Wissenssystems treffen sie Grundannahmen, von denen sie Vermutungen ableiten, die sie in Experimenten, die alle Störfaktoren ausschließen, dann bestätigen. Sie finden dabei in der Regel das, was sie suchen. Und wenn sie es nicht entdecken können, haben sie bisher nicht lange genug gesucht. Ihre Theorie bestimmt die Wirklichkeit. Häufig sind die Regelwerke, die sie aufstellen, sehr nützlich, zum Beispiel für den technischen Fortschritt.Denn ihre Leitlinien und Anweisungen beschreiben alles, was sich in der Vergangenheit glänzend bewährt hat. Insofern gleichen Wissenschaftler:innen, je länger sie in universitären Strukturen arbeiten, Juristen und Priestern, die sich in Konventen, Kirchen oder Konferenzen auf Wahrheitsmodelle und die richtigen und falschen Wege einigen, und die Sektierer, Ketzer und Spinner fernhalten.
Manchmal können die Modelle solcher Wissenschaftsreligionen auch in sich zusammenbrechen. Zum Beispiel, wenn die immer neue Beobachtungen mit den alten Modellen der Wirklichkeit nicht mehr erklärt werden können, selbst dann nicht, wenn diese immer detaillierter und komplizierter ausgebaut werden (Kuhn). In diesen Zeiten des Umbruchs (Paradigmenwechsel) ist dann plötzlich wieder kreatives Denken erforderlich, und ein fröhlicher „Anfängergeist“, der schließlich einmal am Beginn jeder wissenschaftlichen Bewegung stand.
Selbst denken?
Während sich die dogmatische Wahrheitssuche, die (Wissenschafts-)Religion, an der bekannten Vergangenheit und den bewährten Antworten orientiert, interessiert sich kritische Wissenschaft für die ungewisse Zukunft und neue Fragen.
Ein Zweifel an der kollektiven Intelligenz der Expertenmeinungen führt zu einer Unterbrechung gewohnter Handlungsmuster, der Handlungs-Trance der Masse oder auch den eigenen Flow. Menschen, die sich etwas fragen wollen, legen eine Pause ein und schauen sich um. Sie werden sich der eigenen Ignoranz und der Unendlichkeit ihres Unwissens bewusst.
Diese Erkenntnis löst Angst aus, vielleicht sogar Stress oder Panik. Beim Vertrauen in die eigenen schöpferischen Fähigkeiten kann sich die Angst aber auch in Neugier verwandeln und zu neuen Fragen führen, die auch vor den eigenen Grundannahmen nicht haltmachen. Nichts ist dann mehr sicher vor dem Zweifel, selbst die lieb gewordenen eigenen Ideen nicht. Diese Erfahrung ist für die meisten Wissenschaftler:innen so erschreckend, dass sie gleich wieder zur Sicherheit der alten Weisheit zurückstreben. Andere aber beginnen vorsichtig Ungekanntes zu erforschen, weil es ihnen Lust vermittelt, etwas herauszufinden. Sie berichten dann von einem Feuer, das in ihnen auflodere, oder von einem Sog, der sie in unbekannte Regionen ziehe, oder von der Freude, über das eigene Irren zu lachen (s. u: Alon, Firestein, Feynman, Schwartz).
Kritisches Denken ist rational und frech.
Es lotet Grenzen aus, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, die in der Natur, in der wir leben, einfach so sind, wie sie sind, unabhängig von jedem Erklärungsmodell. Es spürt Beziehungen, Freiräumen und Möglichkeiten nach, wie etwas sein könnte, oder wie es sich vielleicht entwickeln mag. Fröhliche, an der unbekannten Zukunft (und nicht an vergangenen Weisheiten) interessierte Denker:innen schätzen Antworten, die sie erhalten, nicht als etwas Endgültiges (Wahrheit), sondern als relativ sicheren Grund, der es ihnen erlaubt, intelligentere und weitergehende Fragen zu stellen. (Rovelli 2019)
Kritisch und kreativ zu denken kann einsam machen. Es „lohnt“ selten, da es von der kollektiven Expertenweisheit distanziert. Ist die Zeit gerade reif für einen Umschwung, wie vor 120 Jahren beim Übergang von der mechanischen zur Quantenphysik, kann Kreativität gefragt sein. In den langen Perioden zwischen (oder vor) Paradigmenwechseln ist Selbst denken (wie im Mittelalter) in der Regel gefährlich.
Fröhliche Wissenschaft ist ein zartes, verletzliches Pflänzchen
Wissenschaft gerinnt leicht zu Ideologie
- durch Überbewertung von gefundenen Einzelergebnissen, oder durch ein sich Verlieren im Detail, oder durch Auftrennen von Einzeldaten in kleine Kategorien oder durch Überhöhung von Einzelfaktoren, deren Summe fälschlich für etwas Ganzes gehalten wird.
- Oder umgekehrt, in dem etwas nicht Fassbares als ein Ganzheitliches beschrieben wird, das sich vom Einzeldenken der universitären Schulen unterscheiden soll, und das sich mystisch-nebelhaft-wabernd weiteren Fragen entzieht, oder mit „umfassenden Antworten“ vernebelt wird.
Beides (die Verliebtheit ins Detail oder die „Ganzheitlichkeit“ von etwas Undefiniertem) führt zu unerfreulichen und meist fruchtlosen Positionskämpfen zwischen der Mehrheit der etablierten Wissenschaftspriester und der Minderheit von Wissenschaftsketzern, die an sektiererische oder alternative Weisheiten glauben.
Fröhliche in alle Richtungen respektlose Wissenschaftler:innen bleiben bei solchen Diskussionen meist auf der Strecke.
Ich wohne in meinem eignen Haus.
Hab Niemandem nie nichts nachgemacht.
Und – lachte noch jeden Meister aus, der nicht sich selber ausgelacht.
„Die Fröhliche Wissenschaft“.
Nietzsche 1887
Literatur, Vorträge, Hinweise
- Heffernan, M: Dare to disagree, TED 2012
- Robinson, Ken: Schule tötet Kreativität, TED 2006
- Kurtz, Paul: Wissenschaft ist skeptisch (Wiki)
- Feynman, Richard: Der Spaß etwas herauszufinden (1981)
- Firestein, Stuart: Dem Unwissen nachjagen, TED 2013
- Kuhn, Thomas: Paradigmen-Wechsel (Wiki)
- Alon, Uri: Wissenschaft verlangt den Sprung ins Unbekannte, TED 2013
- Schwartz M: The importance of stupidity in scientific research, Cell Science, 2008
- Rovelli C: Die Geburt der Wissenschaft. Anaximander und sein Erbe. Rowohlt 2019
Die Leute mögen keine Tatsachen. Sie verkomplizieren die Dinge.
Im Grunde wollen sie nur wissen:
Wer sind die Guten und wer die Bösen.“ Yes Minister by Anthony Jay & Jonathan Lynn„
Post-Faktische Wahrheiten
Das Oxford Dictionary kürte 2016 das Wort „Post-faktisch“ (post-truth) zum Wort des Jahres. Das Eigenschaftswort werde inflationär genutzt und kennzeichne ein neues gesellschaftliches Phänomen:
Umstände, in denen objektive Tatsachen die öffentliche Meinung
weniger stark beeinflussen, als Emotionen und persönlicher Glaube.
Populisten und Demagogen hielten sich nicht mehr an das „was ist“, sondern behaupteten stattdessen, was ihnen passe. Trotzdem glaube man ihnen, denn im Kampf um die Meinungshoheit würden immer perfektere Mittel zur Manipulation eingesetzt.
Im post-faktischen Zeitalter müsse man nicht mehr (wie früher) „lügen“ oder „alternative Wahrheiten“ erfinden. Die Menschen seien zunehmend verwirrt, und daher nicht mehr zur Verarbeitung komplizierter Tatsachen fähig oder an komplexen Zusammenhängen interessiert. Stattdessen vertrauen sie dem, was ihnen als plausible Wahrheiten vorgesetzt werde. Sie wollten sich bestätigt fühlen, und nur das hören, was sie glauben sollen.
„Es ist der Wille des Volkes!
Ich bin ihr Führer! Ich muss ihnen folgen! „
Yes Minister by Anthony Jay & Jonathan Lynn„
Wenn wir aus den Massen-Medien von Gas-Anschlägen, Terror, Hacker-Angriffen, Vergeltungsschlägen, Morden, Todesviren, Kriegen und Kapital-Verbrechen erfahren, dürfen wir dann wirklich hoffen, Wahrheiten zu erfahren? Können wir sicher sein, dass nur die jeweils anderen „lügen und betrügen“?
Alles was jemals gesagt wurde, wurde von jemandem gesagt.
Humberto Maturana
Politiker lügen seit 3.000 Jahren.
Der Glaube an eine unumstößliche Wahrheit hält eine Herde zusammen. Im Vertrauen auf gute Hirten, folgen sie dann den gewünschten Verhaltensmustern. Dafür werden Wahrheiten gebraucht. Oder alternative Wahrheiten, um eine andere Herde zu verwirren. Zweifelnde, selber-denkende Menschen neigen dazu, dort zu stöbern, wo man nicht hinsehen sollte. Das ist in der Regel unerwünscht, und wird seit drei Jahrtausenden als Verschwörung, Ketzerei oder Fake-News bekämpft. (Fabian 2016)
Pompöser „Triumph der Wahrheit über die Lüge“ vor etwa 2.500

Darius I hatte als „Lanzenträger“ des persisch-medischen Großkönigs Kambyses II (Sohn von Kyros II) am Erfolg der Eroberung Ägyptens mitgewirkt. Sein König verstarb unter merkwürdigen Gründen – angeblich nach einem Reitunfall. Darius, sein wichtigster General, eilte sofort mit wenigen Militär-Kollegen zur Hauptstadt Susa, um die Thronbesteigung des Bruders des Verstorbenen (Bardiya) zu verhindern. Man ließ die herbeigeeilten hohen Offiziere zur Überbringung ihrer wichtigen Todesnachricht sofort zum Prinzen vor, den sie dann ohne zu zögern erschlugen. So viel scheint u. a. durch Herodot historisch belegt zu sein.
Alles Übrige ist (je nach Sichtweise) „Wahrheit“ oder „Lüge“.
Darius habe nämlich Bardiya gar nicht erschlagen, sondern nur einen schamanistischen Priester namens Gautama, der den armen Königssohn schon lange zuvor aus dem Weg geräumt, und anschließend, so getan habe, als sei er selbst Bardiya. Das sei ihm durch Magie so perfekt gelungen, dass niemand in Susa, auch nicht die „Witwe“ und die anderen Haremsdamen, einen Verdacht geschöpft hätten. Diese „offizielle Wahrheit“ des neuen Herrschers hatte natürlich ein gewisses „Gschmäckle„. Neun mächtige Provinzfürsten glaubten eher an die Lügenversion, dass Darius in Wirklichkeit ein skrupelloser Königsmörder sei.
Die richtige Wahrheitsversion ist die des Siegers
Die alte Geschichte der Wahrheit des Darius zeigt, wie sich eine richtige Version durchsetzt, wenn sie in Stein gemeißelt wird. Wahrheiten siegen durch Propaganda, Schlauheit oder Gewaltanwendung. Sie zeigt nicht die Perspektive der Verlierer. Darius benötigte ein höheres, übergeordnet-moralisches Konzept, der sich alle Ethnien seines Vielvölkerstaates unterordnen konnten. Ein Wertekonzept, an das seine Untertanen glauben konnten.
Bereits der Vater von Kambyses, Kyros II., hatte mit der Einheitsreligion des Zarathustra in seinem Staat aufgewertet. Die Juden im Babylonischen Exil feierten ihn als ihren gottgesandten Erlösers. Aber erst Darius I errichtete, mit der monotheistischen, Schamanismus-feindlichen Ideologie des Zarathustra, den ersten, straff organisierten Gottesstaat der Erde. Damit war ihm der höchst-denkbare Segen des Einheits-Gottes sicher. Und damit erwiesen sich alle alternativen Wahrheiten erwiesen sich als Gotteslästerung. (Holland 2011, Iriye 2017)
Geglaubte Wahrheit, die nicht überprüft werden kann?
Medien-Konsumenten, die, ob sie es wollen oder nicht, gelenkt und geleitet werden, haben es, auch wenn sie es wollten, zunehmend schwer, sich im Gewirr immer perfekter inszenierter Wahrheiten oder Lügen zurechtzufinden. Besonders in Kriegen gegen „was auch immer“.
Meist werden die Betroffenen nie erfahren, „wie es wirklich war“. Aber sie können Fragen stellen, um sich in der Welt, in der sie leben, zu orientieren
- Was wird nicht gesagt? Welche Einzelfakten fehlen in den Berichten?
- Wem nutzt es? Wem schadet es?
- Wer verdient? Wer verliert?
- Was steht zwischen den Zeilen? Was bedeutet die Wortwahl?
(„sicher ist“ / „angeblich sei“, „mutmaßlich“ / „eindeutig“ oder „Terrorist“ / „Freiheitskämpfer“ / „Soldat“ / „Söldner“, Verteidigungs- / Angriffskrieg“, „Tötung/Mord …) - Könnte es auch weniger offensichtliche Beweggründe geben? (Rohstoffe, Finanzen, Macht)
- Um was geht es „eigentlich“? (rational, irrational, emotional)
- Wo endet der Sinn? Wo beginnt der Wahnsinn?
- Welche Grauschattierungen liegen zwischen Schwarz und Weiß?
- Ist der Böse von heute nicht der Gute von gestern oder umgekehrt?
- Könnte es auch ganz anderes gewesen sein?
Warnhinweis:
Ein Motiv, d. h. die Vermutung eines möglichen Nutzens, ist ein Verdachtsmoment, aber kein Beweis. Fake-News-Produzenten, Verschwörungstheoretiker und offizielle Institutionen der Deutungshoheit arbeiten gerne mit Unterstellungen.
Der Reiz des „Post-faktischen“: Es ist konsequent einfach

Die Realität ist komplex und verändert sich eigen dynamisch, und oft von Zufällen beeinflusst, undurchschaubar. Zwangsläufig ist die Zukunft ungewiss. Dagegen vermitteln einfache Modelle der Realität, die denen, die ihnen vertrauen, wahr erscheinen, und ihnen Geborgenheit vermitteln in einer geleiteten Glaubensgemeinschaft.
So wie sich Kirchen nur in ihrer Größe, aber nicht grundsätzlich, von religiösen Abspaltern, Sekten oder Esoterikern unterscheiden, so ist auch die jeweilige Mainstream-Meinung vom Prinzip nichts anderes als eine von ihr angegriffene Minderheits-Meinung. Beide kämpfen gegen den Wahn der jeweils anderen, natürlich auch, indem sie verschweigen, manipulieren, lügen, betrügen oder Verwirrung stiften.
Da im Zeitalter der Digitalisierung alle bis zum Überdruss mit Einzelinformationen überschüttet werden, ist die Sehnsucht groß nach Ex-Formation, dem Löschen unwichtigen Datenmülls, und nach Sinn: der Einordnung der Information in einen persönlichen Bedeutungszusammenhang.
Die vielen fragmentierten Fakten, die nicht in einem sinnvollen Beziehungsnetz eingeordnet werden können, lösen Angstgefühle aus. Eigentlich ist Angst ein nützliches Gefühl, denn es unterbricht eine Handlungsfolge, und ermöglicht so eine Denkpause, in der man eine zielorientierte Fixierung lösen, innehalten und sich nach den Möglichkeiten umschauen könnte, die sich gerade bieten. Gelingt das, wandelt sich Angst in ein anderes Gefühl, das hinführt zu neu-gestalteter Aktivität: Neugier z. B., vielleicht aber auch Überraschung, Ärger oder Wut. Kann die Angst durch eine sinnstiftende Kommunikation nicht beruhigt werden, kippt das Gefühl ab in primitivere Verhaltensmuster wie Stress, oder noch schlimmer in Lähmung oder Erstarrung. Um sich daraus wieder zu befreien, müssen Fakten verdrängt und einfache Gegner gefunden werden, die man bestrafen oder besiegen kann.
So entsteht Abwehr, Aggression oder Verdrängen, um gemeinsam in der Wahngemeinschaft populistischer Leitkulturen zur (vermeintlichen) Sicherheit zurückzufinden. Wenn diese Sehnsucht erst viele erfasst hat, genügen wenige bösartig-rationale Tricks, um große Emotionen auszulösen, die dann leicht in eine Massen-Trance führen können. In diesem Stadium ist der Bezug von Fakten zur Realität irrelevant, da sie ausschließlich dazu dienen, das Böse zu dämonisieren und das Gute zu erhöhen.
„Es gibt ein paar Arschlöcher auf der Welt, die einfach erschossen gehören!“
General James Mattis. US-„Verteidigungs“-Minister am 02.12.2016
Der Psychiater McGilchrist glaubt, dass die Menschen heute gerade deshalb so verstört und für Ideologien anfällig seien, weil das Trennende und die Anhäufung toter Fakten-Berge immer mehr Bedeutung erhalten, und gleichzeitig der Sinn für Beziehungen, Zusammenhänge und für die komplexe Dynamik lebender Systeme abhandenkomme.
Du kennst (1). Daher glaubst du zu wissen, was (2) ist.
Denn (1) + (1) = (2). Bist du dir sicher, was (+) bedeutet? (Sufi)
Literatur
- Fabian F: Die größten Lügen der Geschichte. Wie historische Wahrheiten gefälscht wurden. (u.a. Moses, Alexandern Caesar, Paulus, …) Bassermann.
- Holland T: Persisches Feuer. rororo 2011.
- Iriye A, Oterhammel J: Geschichte der Welt. Vor 600. C.H.Beck 2017
Das Elend unklarer Begriffe
Seit der Erfindung von Worten streiten Menschen über ihre Bedeutung.
Und das umso heftiger, je mehr anschauliche Bilder in modern-eindeutige Begriffe gegossen werden. Dann scheint das Ausgesprochene das „wahre“ Abbild der Realität zu sein, und sich vom Unwahren klar zu unterscheiden.
Wann immer wir aufhören, mit uns in Worten zu sprechen,
so ist die Welt so, wie sie sein sollte. Castaneda
Bisher wurde allerdings in der Physik nicht beobachtet, dass etwas „ist“. Dort sieht man nur Bewegungen und Beziehungen, die „werden“, und dabei Spuren hinterlassen.
Was „ist“ also … ein Stein, eine Pflanze, ein Tier?
Sind alle Dinge, die sinnlich wahrgenommen werden, nichts als Geschichten, die jemand erzählt? Sind Worte wie „Liebe“, „Emotion“, „Gefühl“, „Eros“ oder „Sex“ nur abstrakte Begriffe, die von Biologen oder Geisteswissenschaftlern beliebig interpretiert werden? Und was sind „Bewusstsein“, „Unbewusstes“, „Glaube“, „Erleuchtung“, „Tod“, „Gott“, „Natur“: Phänomene oder Traumbilder oder Tatsachen? Und was könnten (ganz objektiv) Recht, Demokratie, Diktatur, Freiheit, Quark, dunkle Materie, Energie sein? Oder eine Ideologie, die mit der Silbe „-ismus“ endet oder mit der Silbe „Anti-“ beginnt?
Fragen sind wichtiger als Antworten
Jede Begriffsbildung ist ein aktiver und willkürlicher Akt.
Wäre es, statt zu antworten, was etwas „sei“, nicht viel interessanter zu fragen, wer sich einen bestimmten Begriff ausgedacht hat, und was er damit bezwecken wollte?
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.“ R.M. Rilke.
Ein gesprochenes und dann aufgeschriebenes Wortes greift etwas aus einer unendlichen Vielfalt heraus und unterscheidet es so von anderem. Mit dem Prozess der Trennung konnte das symbolische Denken und damit der rasante Fortschritt der Menschheit beginnen: Zuerst musste man „an einem Himmel oberhalb einer Erde eine Sonne, viele Sterne und einen Mond“ voneinander unterscheiden, bevor man sie miteinander vergleichen könnte.
Die erste mathematische Anweisung: „Triff eine Unterscheidung! Nenne sie die erste Unterscheidung. Nenne den Raum, in dem sie getroffen wird, den Raum, der durch sie geteilt oder gespalten wird.“
J.S. Brown (Mathematiker), Laws of Form, 1969
Im Alltag erweisen sich begriffliche Trennungen als praktisch.
Sie erlauben, dass jemand (z. B. ein Junge) handelt und das Objekt so bewegt, wie es für ihn nützlich ist: z. B. mit dem Ball ein Tor schießt. Bei genauerem Hinsehen sind aber Bälle, Steine oder Igel gleichermaßen vorübergehende Erscheinungen, die sich mit der Zeit verändern, mit den Zusammenhängen, in denen sie sich befinden.
Jeder Betrachter, nimmt das, was ein Begriff bezeichnen soll, in seiner Veränderlichkeit anders wahr, und setzt es mit anderen Aspekten seiner Selbst in Beziehung. Käme man solchen Dingen subatomar nahe oder wären sie kosmisch weit entfernt, verlören die trennenden Begriffe, die sie aus ihrer Umgebung hervorgehoben haben, völlig an Bedeutung.
Ein Wort kann vieles bedeuten
Mit der Aussprache eines Wortes (nach Schulz von Thun) sind mindestens vier Aspekte verbunden: Sach-Inhalt, Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell.
Sprache ist nur ein Aspekt von Beziehungen, in denen das Ausgesprochene gemeinsam mit wortlosen Sprachen erklingt (Sprachmelodie, Lautstärke, Betonung, Rhythmus und Klang, Körperausdruck, Mimik, Gestik …). Und selbst das Aufgeschriebene sagt oft zwischen Zeilen (oder durch das, was nicht gesagt wurde) mehr aus, als es Wort zu Wort Übertragungen maschineller Übersetzungsprogramme vermuten lassen.
Jedes Wort ist ein Missverständnis. Nietzsche
Es ist wichtig (u. a. vor Verhandlungen) die Begriffe zu klären
Nur wenn klar ist, was eigentlich (!) gemeint ist, wenn ein anderer ein Wort verwendet, kann der Begriffszusammenhang mit den eigenen Überlegungen und Gefühlen in Bezug gesetzt werden.
Wie anderen chinesischen Philosophen war Konfuzius vor 2.500 Jahren die Relativität der Begriffe deutlich bewusst. Er war nicht an der Wahrheit („wie es wirklich ist“) interessiert, sondern an einer Ordnung, die familiäre und staatliche Beziehungen regeln sollte. Daher empfahl er Rituale so auszuführen, als ob (as though) es höhere Wirkkräfte gäbe, die das verlangten. (Littlejohn 2007)
Trotzdem, oder gerade deshalb, verwies er auf die Notwendigkeit, eindeutig zu vereinbaren, was mit den jeweiligen (willkürlichen) Begriffen gemeint sei.
Und damit hat er bis heute recht.
Literatur
- Littlejohn R: Kongzi on Religious Experience, South East Review of Asisan Studies 2007, 29:225-32