22. Februar 2022

Zur Zukunft abrahamitischer Religionen

Inhalt

Sehnsucht nach Sinn

Im Feudalismus ließen sich die Könige von katholischen Priestern begleiten, so wie zuvor die keltischen Fürsten von Druiden. Diese Spezialisten für das Überirdische segneten die heiligen Kriege, in der Gewissheit, dass Gott auf ihrer Seite stand. Das aufstrebende Bürgertum war weniger an gottgefälligen Werken interessiert, sondern vor allem an einem Volk, das an die Alternativlosigkeit von entfremdeter Arbeit und Ausbeutung glaubte. Dafür standen den frühen Kapitalisten dann protestantische oder jüdische Geistliche zur Seite. Sie predigten die Pflicht zur Knechtschaft im irdischen Jammertal, und beteten für die Gewinne der „Pfeffersäcke“.

Frömmigkeit. Bild: Rien Poortvliet: Das Erbe, Paul Prey Verlag. ISBN 3-490-44111-7

Andere staatstragende Religionen, wie der chinesische Konfuzianismus, der indische Buddhismus oder der persisch-geprägte Islam, hatten angesichts des Aufgehens der kapitalistischen Hefe immer weniger zu bieten. Sie gerieten ins Hintertreffen.

Ihre Gesellschaften wurden von seelenlos-wertefreie-unmoralischem Profitstreben überrollt. Es schien nur eine Frage kurzer Zeit zu sein, bis auch in rückständigen Regionen, das Erstrahlen des kapitalistischen Konsumfeuerwerks mit seinen bunten Facetten die mittelalterlich-merkantil-geprägten Religionen wegspülen würde. Selbst in den Ölscheich-Republiken, weil dort kapitalistische Wachstumsgier und mittelalterlicher Fundamentalismus theoretisch zu Konflikten führen müssten.

Aber diese Hoffnungen des kapitalistisch geprägten Nord-Westens erwiesen sich als Trugschluss.

Während in den industrialisierten Ländern nach dem Niedergang klassischer Religionen nach Ersatz gesucht wird, erlebte der totgesagte Konfuzianismus eine Auferstehung. (Gesundheitskult und Tianxia). In China versucht man (gemäß des asiatisch-antiken Bildes eines fröhlichen Jungen auf einem braven Ochsen) dem Kapitalismus ein moralisches Kontrollsystem überzustülpen. Im Westen dagegen lies man den sich immer größer aufblähenden Stier frei herumlaufen, ohne dass es jemand wagte, ihm einen Nasenring anzulegen.

Der häufig totgesagte und als Terror-Brutstätte bekämpfte Islam scheint sich erstaunlicherweise weiter zu verbreiten, obwohl er doch eigentlich für die Moderne wenig zu bieten hat. Jedenfalls zerbrach die Ayatollah-Herrschaft im Iran weder durch Krieg noch durch Sanktionen. Und keines der Ziele der Interventionskriege des Westens im Irak, Libyen, Syrien, Jemen wurde erreicht. In Afghanistan erlebte die amerikanisch-europäische Allianz 2021 ihre größte Niederlage seit Vietnam. Und 2022 muss sich der Westen auch aus Mali zurückziehen. Der „Krieg gegen den Terror“, den die USA nach den Ereignissen des 09.11.2001 anzettelten, verlief zwar äußerst blutig, teuer, verlustreich und zerstörerisch (IPPNW 2020, Guillard 2021). Aber er blieb erfolglos.

Der Kapitalismus westlicher Prägung steckt in der Klemme.

Erfunden wurde der Kapitalismus vor über vierhundert Jahren in Amsterdam von gottesfürchtigen Kaufleuten. Bis heute herrscht er weltweit als dominierende Gesellschaftsform. Aber spätestens seit Anfang des zweiten Jahrtausends ist er mit einem Gleichgewicht der Biosphäre nicht mehr vereinbar. (Kraus 2020). Der Versuch das Wesen des Kapitalismus („grenzenloses Wachstum“) durch einen „Großen Umbruch (Great Re-Set)“ zu retten, wirkt deshalb hilflos.

Denn auch ein „digital-grün-ökologisch-nachhaltiges Wachstum“ wird (solange es wächst) die Lebensgrundlagen der Biosphäre in erdgeschichtlich relativ kurzer Zeit zerstören. Der amerikanisch-geführte Re-Set könnte die Fahrt in Richtung Kollaps sogar noch beschleunigen. Weil das Wachstum nicht abgebremst, sondern nur in andere profitable Bahnen gelenkt wird. Angesichts absehbarer Katastrophen fehlt dem christlich-westlichen Kapitalismus ein ethisch moralischer Überbau. Kultische Handlungen, die auf der „nackten Angst vor dem Tod“ beruhen und den Wert von „Gesundheit“ überhöhen, können den Mangel an friedlichen Visionen (für alle Lebensformen auf diesem Planeten) nicht ersetzen.

Möglichkeiten religiöser Renaissance?

Eigentlich müssten sich in dieser instabilen Phase der Menschheitsentwicklung den Religionen Chancen bieten: Denn die Sehnsucht nach Spiritualität wächst um so stärker, je mehr das, was geschieht, nicht mehr verstanden wird. Menschen brauchen gerade dann Visionen, wenn der Sinn verloren geht.

Papst Franziskus hat das erkannt, und benennt die existentiellen Krisen des westlichen Erfolgsmodells in seinen Enzykliken Fratelli tutti (3. Oktober 2020) und Laudato si‘ (24. Mai 2015). Aber den gutgemeinten Appellen folgen keine konsequenten Lösungsvorschläge, die die Wurzel des Übels (den Wachstumswahn des herrschenden Wirtschaftsmodells) betreffen würden. Von einer Neuauflage einer katholischen Befreiungstheologie, die auf der Seite der Armen den Kampf gegen Ausbeutung, Naturvernichtung und Profitgier aufnehmen würde, bleibt er weit entfernt.

Und das herrschende Finanz- und Industrie-Kapital interessiert sich ohnehin nicht mehr für die katholische Moral.

Mutter-Gottes-Religion (Magna Mater), die Konstantin I (306-337) mit dem Ur-Christentum verschmolz. Foto: Griechisch-Orthodoxe Kirche in Dar es Salaam, Jäger 2020

Besitzt vielleicht der Islam ein Potential für eine grundlegende Erneuerung, die ihn befähigen würde, den Kapitalismus sinnvoll zu kontrollieren?

Könnte er (ähnlich wie der Konfuzianismus) einen über dem Kapitalismus stehenden politisch-psychologischer Überbau bilden? So wie sein Gott im Mittelalter über der feudalen Wirtschaftsordnung stand? Oder wie es Michael Houellebecq in seinem Roman „Die Unterwerfung“ als reale Schreckensvision inszeniert?

Die gewalttätigen, frauen-feindlichen, reaktionären Dunkelmänner, die sich islamisch nennen, und die in vielen Ländern die Herrschaft an sich gerissen haben, lassen viele (auch mich) angesichts dieser Entwicklungs-Möglichkeit der Geschichte erschauern.

Es ist aber unverkennbar, dass der Islam sich auszubreiten scheint. Das kann nicht am Terror liegen, denn rohe Gewalt ist eher ein Krankheitszeichen, dass Hilflosigkeit und Schwäche signalisiert: Das Um-sich-schlagen einer sterbenden Ideologie.

Wenn der Islam „die Herzen“ vieler „normaler“ Menschen erreicht, muss es auch andere psychologische Gründe für seinen Erfolg geben. Und die würden nicht nur Männer, sondern möglicherweise auch Frauen betreffen.

Solche Zusammenhänge möchte ich besser verstehen.

Ich bin neugierig, wie sich das menschliche Bewusstsein in dieser weltweiten Notlage entwickeln könnte. Und so denke ich über weit zurückliegende Erfahrungen nach, und über aktuelle Eindrücke aus dem Süden Tansanias:

Blick zurück nach Tansania

Vor über vierzig Jahren lebte ich in einer ländlichen Region im Süden Tansanias, etwa 150 km entfernt von der islamisch geprägten Küste. Dort lernte ich als unerfahrener Arzt („learning by doing“). Und versuchte dabei, möglich wenig Schaden anzurichten.

Die große Mehrheit der Bevölkerung des Ortes schien nach erfolgreicher Mission zum Christentum zu gehören. Eigenständige animistische Religionen waren (für mich) verschwunden, und der Islam fiel mir im Alltagsgeschehen nicht auf.

Unyago: Initiations-Volksfest. Süd Tansania 1982. Bild: Jäger 1982

Ich erinnere mich gut an die Initiations-Festlichkeiten (Unyago) in einem kleinen Dorf nicht weit von meinem Städtchen entfernt. Fast alle Bewohner bekannten sich (wie man mir erzählte) zur katholischen Kirche. Sie hörten auf einen polnischen Missionar, der sonntags in ihrer kleinen Dorfkirche predigte. Aber man ignorierte ihn, als er gegen die Tradition des Unyago-Brauches wetterte. Und als er diese „heidnischen Rituale“ zu verhindern suchte. Die Dörfler bereiteten ihr Traditions-Fest unbekümmert vor, und der fromme Pole machte sich fort. Ich begegnete ihm auf der Hinfahrt auf der Sandpiste. Auf seinem Moped sitzend, erzählte er von der Missionsstation, die er erreichen wolle, um sich zu erholen. Auf keinen Fall werde er Teufelswerk gutheißen oder gar segnen.

Im Dorf angekommen, wurde ich herzlich willkommen geheißen, und abends zu dem rituellen Mahl eingeladen. Männer und Frauen saßen (weit voneinander entfernt), auf ihren Bastmatten unter Baobab-Bäumen. Man schwatzte und sog den Duft von Hühnchen-Köstlichkeiten ein. Zuvor sollte aber zu Gott gebetet werden, dass die sakralen Handlungen auch gelingen mögen. Da der christliche Vermittler zu Gott gerade nicht verfügbar war, übernahm das Vorbeten der islamische Laienprediger. Ohne Probleme verneigten sich dann die Christen nach Mekka und sprachen fehlerfrei alle Namen Gottes aus, die in der ersten Sure des Korans angerufen werden. Da ich mich wunderte, erklärte man mir, es gäbe ohnehin nur einen Gott, und in welcher Sprache man mit ihm spreche, sei unerheblich.

Die Eröffnung. Die 1. Sure des Koran

Offenbar hatte der Islam keine Probleme damit, kulturelle Bräuche der afrikanischen Kultur zu integrieren. Er hielt sich aber damals noch dezent im Hintergrund. Und er war nicht hörbar, weil es keinen Muezzin gab, der zum Gebet gerufen hätte.

Vierzig Jahre später

Ich war positiv überrascht, wie wenig sich der angenehme, beziehungsreiche Charakter der tansanischen Kultur verändert hatte.

Die Mehrheit der Bevölkerung lebte (nach meinem Eindruck) weiterhin sehr einfach. In den Städten und in den Medien sah ich wenige Reiche mit Konsumgütern protzen. Aber auch viele derjenigen, die offenbar hart arbeiteten und wenig verdienten, tippten im Bus in ihre Handys und ließen sich zu Hause ununterbrochen von Soap-Werbung-Fußball-Fernsehprogrammen berieseln.

Mir fiel positiv auf, dass heute nahezu überall korrektes Hoch-Swahili gesprochen wurde. Es gab jetzt Bücher in der Landessprache, Tageszeitungen, elektronische Medien und vielleicht auch eine bessere Grundbildung. Viele Menschen, mit denen ich sprach, schienen über das, was in der Welt geschieht, gut informiert zu sein.

Umso mehr erstaunte mich

Der wachsende Einfluss des Islam.

Der Alltag in Tansania wird heute vom Islam mitgestaltet. In vielen Dörfern schien der Islam, der Kleidung nach zu urteilen, dominierend zu sein. Im Landesinneren fern der traditionell islamisch geprägten Küstenregion trugen viele Mädchen zu ihrer Grundschuluniform ein weißes Kopftuch, das von der Stirn über den Hals bis zu den Oberarmen reicht. Frauen haben sich farbige Tücher umgewickelt, die Schulter und Hals bedecken. Selbst im christlichen Landesinneren tauchten komplett schwarz-eingesackte Frauen im Straßenbild auf. Manchmal waren sie sogar bis auf die Augenschlitze schwarz oder braun verhüllt. Und auch die dazu gehörigen Männer demonstrieren durch Kopfbedeckung, Umhang und Sandalen traditionelle Frömmigkeit. Che Guevara-T-Shirts, die früher mal modern waren, sah ich nicht mehr, den Kopf von Muammar al-Ghaddafi dagegen schon öfter.

Der Flecken, den ich 2022 besuchte, bestand eigentlich nur aus einem katholischen Hospital, und aus einer mächtigen (für den Ort überdimensionierten) Kirche. Darum herum und entlang der unbefestigten Straße reihten sich mehr oder weniger provisorische errichtete Häuser, Hütten und Buden. In der Umgebung waren zwischen den Feldern viele kleine Dörfer verstreut, mit strohgedeckten Lehmhäusern, gefegten Vorplätzen und manchmal einer Schwengelpumpe für Trinkwasser.

Seit ich vor vier Jahrzehnten das letzte Mal dort war, wurde der Ort umzingelt von kleinen bescheidenen Dorfmoscheen mit Lehmwänden und Wellblechdächern. Darauf montiert, quäkten kräftige Lautsprecheranlagen aus allen Himmelsrichtungen zu den Gebetszeiten in Richtung der großen Kirche, die nach wie vor im Zentrum thronte. Nur an Sonntagen, oder bei Begräbnissen, Taufen oder Hochzeiten, tönen deren mächtige Glocken nach wie vor noch lauter.

Hass-Ideologie: Plakat-Titel „Giants of the World – Die Giganten dieser Welt“. Links: Fidel Castro, rechts Adolf Hitler. In der Mitte: Osama Bin Laden, neben Muammar sl-Gaddhafi und Sadam Hussein. Wenn sie überhaupt etwas gemeinsam hatten, dann: über Leichen gehen, um ihre Macht zu erhalten. Bild: Jäger, Januar 2020, aufgenommen in einem Laden in Dar es Salaam, der Holz-Skulpturen der Makonde aus Süd-Tansania verkaufte.

Der gesellige, einem guten Leben nicht abgeneigte, Pater fühlte sich in dieser Umzingelung zwar noch nicht bedroht, aber doch „schon etwas beengt“. Er räumte ein, manchmal „ein wenig unruhig“ zu werden. Zum Beispiel habe es in einem weit abgelegen Dorf eine Gefahr durch gewaltbereite Islamisten gegeben, die dort mit ausländischer Hilfe und fremdländischen Kämpfern eine radikale Gemeinde aufbauen wollten. Doch das Militär habe rechtzeitig interveniert und aufgeräumt.

Er glaubte, die wesentlichen Gründe der bürgerkriegsähnlichen Zustände im unmittelbar benachbarten Norden Mosambiks seien erhebliche Öl- und Gasvorkommen, die ganz Ost-Afrika vorgelagert sein sollen. Man versuche, staatliche Strukturen zu destabilisieren.

Die Mittel dazu flössen aus dem arabischen Raum. Es sickerten terroristische Kämpfer ein aus Nord-Kenia oder Somalia, die im Auftrag eines fundamentalistischen Islam missionierten. Meine tansanischen Freunde, die ich wenig später besuchte, beurteilten die Situation ganz ähnlich.

Die westliche Ideologie schwächelt

Funk und Fernsehen Tansanias erschienen mir fest im Griff der westlichen Konsum-Ideologie. Die Bevölkerung wurde elektronisch überflutet mit Marketing, unterschiedlichsten Formen der Beeinflussung und mit seichtem Ablenkungs-Müll, wie überall auf der Welt. Der in den Medien präsentierte Glaube an käufliche „Entwicklung“ war vielleicht attraktiv für Wohlhabende, die an den Fortschritt glauben, weil sie reicher werden wollen. Und für die Eliten, die zur Macht streben, und die, die darauf vertrauen, dass sich ihnen Chancen bieten, um aufzusteigen. Aber, außer dem Medien-Brei hatte der westliche Glaube auch in Tansania (für mich) nicht viel Zukunftsorientiertes oder gar Visionäres zu bieten. Denn auch auch in Tansania beruhte die christliche Ideologie auf „Entwicklung & Wachstum“. Das aber brachte der Masse der Bevölkerung über Jahrzehnte keine dramatische Veränderung, aber möglicherweise viele Nachteile (wie u.a. Umweltzerstörung).

Die westliche Lehre der „Entwicklung“ und der „Entwicklungshilfe“, die sich die US-Präsidenten Truman und Kennedy ausgedacht hatten, erschien mir in vielen Bereichen ihres Sinns entleert zu sein (Reise in ein Hochrisikogebiet).

„Wachstum der Produktion ist der Schlüssel für Wohlstand und Frieden!“ Harry S. Truman, 1949
„… Wenn eine freie Gesellschaft der Masse der Armen nicht helfen kann,
kann sie die kleine Zahl der Reichen nicht retten.“ John F. Kennedy, 1959

Noch ist das Christentum in Tansania reich und mächtig

Im Süden Tansanias betreibt die Kirche weiterhin hochklassige Krankenhäuser, in denen europäische Schwestern und Ärzt:innen eine große Rolle spielen, und die zum Teil mit sehr moderner Technik ausgestattet sind (Ultraschall, MRT, CT).

Sonntags waren die Kirchen, die ich besuchte, noch proppenvoll. Die Gemeinden zelebrierten ihren Zusammenhalt durch Rituale, Zeremonien und Gesänge. Es wurde inbrünstig Gottes Lob gepriesen (und manchmal bis zum einem „Flow“ jubiliert): In melodischen Sequenzen, durch Rhythmus-Instrumente und Elektro-Orgel begleitet, an- oder abschwellend, sich steigernd, verebbend und wieder leidenschaftlich aufblühend. Bis die Gemeinde mitschwebte. Eine vergleichbare Emotionalität habe ich bei dem streng (und auf mich humorlos wirkenden) Islam in Tansania nicht gesehen.

Kolonialoffiziere mit Bernhard Nocht zur Jahrhundertwende. Und zwei ihrer Opfer: Links Songea Mbao und rechts Selemani Mbamba, Führer des Maji-Maji-Befreiungs-Krieges 1898, der mit einem Massenmord endete. Bilder: Jäger, BNI und Nationalmuseum in Dar es Salaam

Ein anderes Pfund mit dem die christliche Kirche Tansanias noch wuchern kann, sind Ihre Netzwerke und internationalen Beziehungen in die reichen Länder: Wer eine gute Ausbildung für seine Kinder möchte, schickt sie auf die Missionsschule. Und wer dann später eine internationale Karriere anstrebt, hat Chancen, dieses Ziel über die ausgezeichneten Ausbildungen im Kirchenzusammenhang zu erreichen. Viele Personen der Elite wurden so in kirchlichen Einrichtungen ausbildet (wie u.a. der Staatsgründer Julius Nyerere).

Deutliche Schwächen der Kirchen bestehen dagegen in ihrer Verbindung mit der Kolonialzeit, und in ihrer Abhängigkeit von der europäisch-amerikanischen Leitkultur. Die christliche Kirche erwuchs nicht aus Afrika: Sie wurde den Kulturen, die man vorfand und geringschätzte, aufgezwungen:

  • dem traditionellen Islam der Küstenregion,
  • den animistischen Glaubenssysteme der Sesshaften (wie den Makonde im Süden), und
  • den nomadischen Völkern (wie den Massai im Norden).
Altar-Gemälde der Kolonialzeit in Mnero. Missions-kirche in Lukuledi. Dazwischen die dörfliche Umgebung, in der diese Kirchen stehen. Bild: Jäger Januar 2022

Das Christentum schien mir heute noch weniger dicht am Leben der armen Bevölkerung zu sein als früher: Die afrikanischen Kirchenangestellten (Priester, Nonnen, Brüder) lebten ein Leben, das dem Standard ausländischer Experten entsprechen würde. Und aus diesem bequemen Leben mussten sie sich immer wieder aufmachen, um zu den Armen herabzusteigen. Sie gehörten aber nicht dazu.

Kann der Islam von der Schwäche des Christums profitieren?

Islamische Schriftgelehrte, denen ich begegnete, schienen mir arme Dörfler oder Vorstädter zu sein, wie andere einfache Leute. Sie lebten auf dem gleichen ärmlichen Niveau, wie die, die sie von ihrem Glauben überzeugen wollten.

Sie erzählten mir, dass Fortschritt, Wachstum und Konsum nur Lug und Trug seien, und nur den Reichen und den Korrupten diene. Sie seien friedliebend, und Terroristen gehörten nicht zum Islam.

Könnte es sein, dass diese Variante des Islam der „sozial benachteiligten“ Mehrheit der Bevölkerung nähersteht als der kapitalistische Fortschrittsglaube?

Mittel der Gegen-Mission: Der Prophet ʿĪsā ibn Maryam

Zephania KI: Ushaidi: „Yesu alikuwa Muislamu“ („Der Beweis: Jesus war ein Muslim“), Mwanza 2013

Islamische Schriftgelehrte versuchen, Christen damit zu gewinnen, dass sie bei einem Wechsel zu ihrer monotheistischen Religion die zentrale Person ihres bisherigen Glaubens (Jesus) weiterhin verehren könnten. Denn Jesus (der Sohn Marias: Īsā ibn Maryam) sei ein anerkannter Prophet gewesen. Ein gottgesandter Mensch. Ein Vorgänger des großen Propheten Mohammed.

Er sei aber weder am Kreuz gestorben, noch auferstanden. Im Gegensatz zum römisch-geprägten Trinitatis-Christentum habe er einen lupen-reinen, kriegerischen Monotheismus gelehrt. Ganz ähnlich wie der spätere, von der jüdischen Priesterschaft anerkannte Zelot und Messias Bar-Kochba, (gestorben 135 n. Chr.). Jesus habe die jüdische Religion in der Tradition Abrahams reinigen und reformieren wollen, aber nie die Absicht gehabt, eine alternative Religion zu begründen. (1)

Historisch begründete Gegenargumente christlichen Kirchen habe ich in Tansania nicht gefunden. Ich fragte danach, aber der von mir angesprochene Priester und ein gläubiger Freund waren an geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen völlig un-interessiert. Sie wollten keine Zeit damit vergeuden, etwas zu hinterfragen, was ihnen als unzweifelhafte Wahrheit erschien.

Einige der Historiker, die die Jesus-Geschichten vor zwei Jahrtausenden mit wissenschaftlichen Methoden untersuchten (s. Lit. 2-6), beklagten sich in ihren Texten, dass sie mit den Theologen nicht wirklich ins Gespräch gekommen seien: Nicht etwa, weil man ihren Ergebnissen widersprochen habe, sondern weil in diesem Zusammenhang historische Indizien und Fakten bedeutungslos seien. Denn Dogmen können nicht in Frage gestellt werden. Vielen Christen klingt Geschichtswissenschaft nach Häresie. Deshalb kann sie getrost ignoriert werden.

In den islamischen Schriften, die ich in Tansania las oder durchblätterte, schien man dagegen Erkenntnisse wissenschaftlicher Untersuchungen ernst zu nehmen, um sie dann im Sinn des Islam zu interpretieren.

Was folgt daraus für mich?

Anders als einige Wissenschaftler (7, 8) halte ich Religionen nicht für Geisteskrankheiten. Im Gegenteil: Die ersten Religionsstifter Amenophis der IV (Echnaton) und Zarathustra räumten vor über 3.000 Jahren mit blutigen, wahnhaften Bessenheits-Kulten auf. Sie sorgten für Klarheit. Erst ihre Nachfolger wurden gewalttätig. (9-14).

Paul Kurtz (s.u. 1986, Download: „Jesus myth“) Er beleuchtet viele historische Aspekte (Persönlichkeit, Mission, Kreuzigung, Weiterleben statt Auferstehung) die seither immer detailreicher untersucht wurden: siehe Literatur: 2-6)

Ich bin vom Christentum geprägt: getauft, konfirmiert und religiös erzogen. Daran ändert nichts, dass ich mich komplett lossagte, als ich von den Verbrechen der Kirchen erfuhr. (15, 16) Und als ich anfing, naturwissenschaftlich zu denken, und deshalb nichts mehr mit einer Esoterik und Mystik anfangen konnte, die einfacher Logik widerspricht.

Meine „Wahrheiten“ sind relativ. Ich weiß nicht viel, oder besser nichts. Und ich bin deshalb zufrieden. Denn ich muss keine Dogmen verteidigen. Auch nicht die „Wahrheiten“ der atheistischen Religion (17).

Eines der Gott-Natur-Modelle, die ich für plausibel halte, wurde von dem jüdischen Philosophen Baruch de Spinoza entwickelt. Für ihn war alles, was ist, entweder in sich oder in einem anderen. Alles sei durchwebt von einer unendlichen Substanz:

„In der Natur der Dinge gibt es nichts Zufälliges; sondern alles ist aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur heraus bestimmt, auf eine gewisse Weise zu existieren und zu wirken.“

Ich erlebe heute, wie das Christentum schwächelt, weil die Gesellschaftssysteme, die seine Macht beflügelten (Feudalismus, Kolonialismus, Imperialismus, Kapitalismus) keine Zukunfts-Perspektiven mehr bieten.

Die Chancen, dass das Christentum sich von der Wachstums-Ideologie ab- und einer Befreiungstheologie zuwendet, sind nicht groß. (17, Boff 2020) Denn eine befreiende Kirche müsste sich den Geschichts- und Naturwissenschaften stellen, damit Gläubige nicht die Kirche verlassen müssen, nur weil sie beginnen selber zu denken. Und sie müsste natürlich auch die Verantwortung übernehmen für die von ihnen verübten Untaten (15, 16).

Was die Chancen des Islam betrifft, sich zu erneuern, bin ich mir nicht sicher.

Seine göttliche Kern-Vorstellung ist einfach, schlicht, leicht verständlich und in sich logisch. Im Gegensatz zum Glaubensbekenntnis der Christen steht das islamische Gottesmodell (abgesehen von esoterischen Ausgestaltungen und angedichtetem Beiwerk) nicht im Widerspruch zu moderner Naturwissenschaft. Islamischen Denker:innen könnte es leichter fallen, die Indizien und Fakten der Geschichtswissenschaft anzunehmen. Denn sie widersprechen den islamischen Gründungsgeschichten weniger, als den Erzählungen des Christentums.

Problematischer wäre es für den Islam zu akzeptieren, dass er viele seiner Vorstellungen (über die Lehren des Īsā ibn Maryam) der Mission des griechisch indischen Buddhismus verdankt (uva. das Mitleid). Und natürlich auch der Zarathustra-Religion, deren Herrschaftsbereich zu der Zeit Mohammeds bis nach Jerusalem reichte, und die dem absoluten und guten Gott einen teuflischen Satan zur Seite stellte. (19)

Im islamischen Kulturkreis lehrten viele kluge, frauenfreundliche und friedliebende Philosophen, an deren Tradition eine mögliche Renaissance des Islam anknüpfen könnte. Ich denke dabei nicht nur an große Philosophen wie Ibn Tufail (12. Jhh n. Chr.) oder Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (13. Jhh n.Chr.), die den christlichen Denkern ihrer Zeit weit überlegen waren (20, 21).

Sondern auch an andere, neuzeitliche, islamische Philosophen, wie den Afghanen Khan Abdul Ghafar Khan, einen Freund Gandhis. (22) Abdul Ghafar Khan wäre in Deutschland wahrscheinlich unbekannt, wenn nicht eine Organisation von Exil-Afghan:innen seine Schriften neu aufgelegt hätte. Denn in seinen Texten erkennen diese modernen Gläubigen des Islam eine Perspektive für ein neues (demokratisches, friedvolles, naturverbundenes und frauenfreundliches) Afghanistan.

Könnten sich nicht solche klugen Muslimas und Muslime mit Christinnen und Christen, und mit Jüdinnen und Juden zusammenfinden, um gemeinsam an einer spirituellen Renaissance ihrer abrahamitischen Religionen zu arbeiten?

Mehr

Literatur

  1. Zephania KI: Ushaidi: Yesu alikuwa Muislamu (Der Beweis: Jesus war ein Muslim), Mwanza 2013
  2. Fried J: Kein Tod auf Golgatha – Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus. Ch Beck 2019 ;
  3. Fried J: Jesus und Paulus: Der Ursprung des Christentums im Konflikt. Ch Beck 2021
  4. Maccoby H: Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums. Ahriman Verlag 2007, Original: The Mythmaker. Paul and the Invention of Christianity.
  5. Aslan R: Zelot. Jesus von Nazaret und seine Zeit. Original: Zealot. The life and Times of Jesu of Nazareth Random House 2013.
  6. Baignet M: Die Gottesmacher, Lübbe 2006.
  7. Dawkins R: Der Gotteswahn. Ullstein. 2007
  8. Kurtz P: The transcendental Temptation, A critique of religion and the paranormal, 1986
  9. Schneider M et al: Echnaton und Zarathustra: Zur Genese und Dynamik des Monotheismus, 2012, DOI:10.30965/9783846753491
  10. Assmann J: Monothesismus und die Sprache der Gewalt, Picus 2004, Download
  11. Assmann J: Moses der Ägypter, Fischer 2007
  12. Assmann J: Ägypten – Eine Sinngeschichte, Fischer 1999/2018
  13. Assmann J: Totale Religion, Picus 2018
  14. Assmann J: Achsenzeit – Eine Archäologie der Moderne, CH Beck 2018
  15. Deschner K: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit. Rowohlt 1986
  16. Nixey C: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten. DVA 2017
  17. Onfray M: Wir brauchen keinen Gott. Piper 2006. Traité d’athéologie – Physique de la métaphysique., Grasset 2005
  18. Assmann J: „Religio duplex“, Verlag der Weltreligionen 2017
  19. Bowersock G.W.: Die Wiege des Islam. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen. CH Beck 2019
  20. Ibn Tufail AB (1106-1185 n.Chr.): Der Philosoph als Autodidakt. Meiner 2019
  21. ar-Rūmī D (1207-1273 n.Chr.): Sei Sonne sonst bleibst du Fledermaus. Marix 2013
  22. Radhakrishnan N: Khan Abdul Ghafar Khan. Sahar Printing, Kabul 2017.

Letzte Aktualisierung: 11.04.2022