Aus Fehlern lernen? !
Inhalt
- Fehler sind Meilensteine
- Fehler als Chance
- Schweizer Modell des Systemversagens
- Mangelndes Fehlerlernen
- Medizin
- Entwicklungszusammenarbeit
- Literatur
Fehler sind Meilensteine.
Erfahrung entsteht nach einem Ereignis, wofür man sie benötigt hätte. Wir lernen, wenn wir etwas ausprobieren, und das gewünschte Ergebnis von der Realität abweicht. Für Kleinkinder sind Fehler unverzichtbare Meilensteine. Eltern sollten nicht versuchen, sie zu verhindern, sondern für einen sicheren Rahmen sorgen, in dem sie geschehen könnten.
Wer sich bemüht, Fehler zu vermeiden, lernt nichts.
Science is the belief in the ignorance of experts. Richard Feynman
Die meisten rudern mit dem Rücken nach vorn, und schauen zurück auf das vertraute Wasser. Aus dem Erleben des Vergangenen schließen sie, Probleme, die sie nicht sehen, gäbe es auch nicht. Bis ihr Boot unerwartet und heftig auf ein Hindernis stößt.
Erfahrene Ruderer halten inne und schauen sich um. Sie erwarten im Nebel des Unbekannten bisher ungeahnte Hindernisse. Sie bleiben vorsichtig. Und sind gefasst, um bei Gefahr den Kurs zu ändern. Besonnen verlangsamen sie die Geschwindigkeit „des Ruderns“. Statt einer geraden Ziellinie ergeben sich vielleicht Kurven und Umwege.
Wer sich nicht an fixierten Zielen, sondern am Prozess des Geschehens orientiert, kann nicht auf schnelle Resultate hoffen. Zeitoptimierten Menschen, die kurzfristig Vorteile verfolgen, ist deshalb sorgsames Handeln zuwider.
Manchmal geht es schief.
Beim Untergang der „Titanic“ im Jahr 1912 kamen etwa 1500 Passagiere um. Daraus wollte man lernen. Und baute ein neues Schiff: die „Eastland“. Sie wurde mit allem ausgestattet, was für einen Notfall auf hoher See gebraucht wurde: u. a. viele Rettungsboote. Bedacht wurde dieses Mal leider nicht, dass durch das Rettungs-Equipment an Deck der Schwerpunkt des Schiffes nach oben wanderte.
Und so kippte die „Eastland“ 1915, gut vertäut, im Hafen von Chicago um. Dabei riss es fast 900 Menschen in den Tod.
Warum wurde die Eastland-Katastrophe vergessen?

Die Erinnerung an ihren unspektakulären Abgang war für handlungsorientierte Ingenieure und Manager unangenehmer, als die schicksalhaft erscheinende Titanic-„Natur“-Katastrophe. Das Beispiel des Untergangs der Eastland verunsichert. Denn es zeigt eine typische „Verschlimmbesserung“:
Eine technische Problemlösung, die einen alten Fehler „sicher“ ausmerzen soll, und dabei ein neues Problem schafft, an das bisher niemand dachte.
Irren ist menschlich.
Im Prinzip sind Fehler unvermeidbar. Sie sollten deshalb „Lerner“ heißen. Sie sollten bewirken, dass sich das, was bereits einmal schiefgegangen ist, nicht ein zweites Mal ereignet.
Dazu müssen Fehler wahrgenommen und akzeptiert werden. Um sie dann ehrlich, offen und transparent zu untersuchen. Werden sie dagegen vertuscht oder schöngeredet, bleibt der Lerneffekt aus.
„Es gibt immer noch eine weitere Wanze. There is always one more bug“. Bloch
Manche begreifen Fehler als Chance.
In der Luftfahrtindustrie geht man in Schulungen offen mit Fehlern um. Z. B. mit den Erfahrungen des Absturzes des Air-France-Fluges 440 im Jahr 2009.
Damit sich diese (von menschlichem Verhalten beeinflusste) Katastrophe nicht erneut ereignen kann, werden Piloten geschult, auch dann besonnen zu handeln, wenn ihre Messinstrumente und Computer Unsinn anzeigen. Wie sonst (ohne die Analyse dieser Crash-Katastrophe) hätten sie das lernen sollen?
Pilot:innen trainieren die Fähigkeit zu offener, klarer, hierarchiefreier Kommunikation. Besonders in Notsituationen. In vielen medizinischen Institutionen wäre ein solcher „Mut zu Offenheit“ sehr befremdlich. (Schmidt-Sausen 2018)
Nur wenn benannt wird, was schiefgegangen ist, können Ursachen aufgedeckt und Standards verbessert werden. Flugunternehmen ist das spätestens seit 1990 bewusst. Fehler geschehen nicht einfach, sondern sind meist das Ergebnis vieler kleinerer Ungenauigkeiten und Unaufmerksamkeiten.
Die meisten Unfälle folgen fehlerhaftem Verhalten. besonders in starren Hierarchien, die Fehlervermeidungsverhalten erzwingen. Dagegen ereignen sie sich seltener, wenn in einer Organisation offen, klar und transparent kommuniziert wird: Wenn sich Menschen nicht eingestehen dürfen, etwas falsch gemacht oder Fehler beobachtet zu haben. Zum Beispiel, wenn eine Schwesternschülerin es wagt, einen Chefarzt darauf hinzuweisen, dass er vor der Visite seine Armbanduhr abnehmen und die Hände desinfizieren sollte.
Aus Fehlern wird nur gelernt, wenn alle Beteiligten unvoreingenommen und transparent eine unglückliche Ereigniskette betrachten, um darin Lücken in ihrem Handlungssystem zu entdecken. Werden dagegen sofort vermeintlich Schuldige angeklagt, wuchern Rechtfertigungs-, Angriffs- und Verteidigungs-Strategien, die in einem Krieg der Worte Lerneffekte blockieren.
In der Schweiz wurde ein System der Patientensicherheit etabliert, bei dem, wie bei Flugunternehmen, Fehleranalysen zu Trainingszwecken genutzt werden, um strukturelles Veränderungsmanagement anzuregen (www.patientensicherheit.ch). Denn gleiche Fehler können selbst dann erneut geschehen, wenn sie durch eine neue Sicherung verhindert werden sollten. (s.u., Reason 2004)
Die Schweizer-Käse-Theorie des Systemversagens
Manchmal geschehen die gleichen Fehler auch dann erneut, wenn sie durch eine ganz neue Sicherungstechnik verhindert werden sollten. Zum Beispiel bei einer Bluttransfusion. Denn alle bisher erdachten und hintereinandergeschalteten Sicherheitsvorkehrungen gleichen Scheiben Schweizer Käse, die zwar das Meiste abwehren, aber an mindestens einer (bisher ungeahnten) Stelle löcherig sind. Das ist in der Regel nicht schlimm, weil ein weiteres Durchdringen nach einer ersten Sicherheitskontrolle in der Regel durch die nächste „Käse“-Scheibe aufgehalten wird (Reason 2004, Peltomaa 2012).
Sind aber die „Schweizer-Käse-Scheiben“ so verschoben, dass ihre Löcher in einer Linie hintereinanderliegen, kann ein Risiko ungehindert durch alle Sicherheitshindernisse durchtreten.
Das geschieht nur selten. Aber dann erweisen sich Katastrophen, die sich trotz aller Vorkehrungen ereignen, besonders bösartig (Thaleb 2019).
Fehler geschehen trotz aller Vorkehrungen.
Es reicht also nicht, den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen zu wollen. Oder sich an Standardanweisungen zu klammern, die ihre Weisheiten aus der Vergangenheit ableiten. Stattdessen müssen Risiken, Unsicherheiten, Unwägbarkeiten und unberechenbare Dynamiken ernst genommen werden. Im Gegensatz zu Maschinen können Menschen mit vollkommen neuen Gegebenheiten kreativ umgehen. Das erfordert Kompetenzen, die durch Erfahrungslernen trainiert werden. Während Anweisungen, Regeln, Abläufe viel effizienter von Rechner-Algorithmen abgespult werden.
Das erfordert effektive Kommunikation und professionell begleitetes Erfahrungslernen. Dabei sollten alle Mitarbeiter:innen beteiligt werden. Ganz besonders auch die, die ohne böse Absicht, an unglücklichen, fehlerhaften Ereignissen beteiligt waren. Sich rasch von ‚scheinbar Schuldigen‘, vorverurteilten Personen zu trennen, ist ineffektiv. Denn das verbleibende Personal wird durch Drohungen zu stressig-unkreativem Fehlervermeidungsverhalten gezwungen. Es kann sich zwar in Sicherheit wähnen, wenn alle sich punktgenau an Anweisungen und Regeln halten.
Eine rasche Vorverurteilung erzeugt eine Atmosphäre der Angst, die zu einer Verschlechterung der Patientenqualität führen kann: durch Zuständigkeitsverhalten, „Viel hilft viel“ oder unreflektierten Gehorsam. Ein resultierendes, engstirniges Obrigkeits-Denken könnte die Fehlerrisiken weiter erhöhen, insbesondere dann, wenn die Beteiligten überlastet und ungenügend geschult sind.
Gerade Gesundheitspersonal müsste die „… Wahrnehmung für Situationen schärfen, in denen es zu Fehlern kommen kann. Um effektiv zu sein, müssen diese Fähigkeiten regelmäßig trainiert werden.“ (Reason 2004)
Fehlendes Lernen aus Fehlern in der Medizin.
Beispiel: Umgang mit Infektionen
1976 setzte die amerikanische Regierung eine Kommission ein, zur Aufarbeitung einer vergleichbaren, wenn auch noch begrenzten, medizinisch-kommerziellen Verschlimmbesserung eines Infektionsereignisses. Die Schlussfolgerungen dieser Regierungsuntersuchung sind bis heute aktuell:
„We believe that in the absence of manifest danger, all-out action was a mistake. Beforehand … and … after the decision. … the thing that was needed was a day around the table brainstorming Murphy’s Law: ‚If anything can go wrong it will!‘ When decisions are based on very limited scientific data, the Ministry should establish key points at which the program should be re-evaluated. (Zitate aus Neustadt: Swine Flu affair 1978)
Statt daraus zu lernen, wurden 2009 die gleichen Fehler (wie 1976) in ungleich größerem Umfang erneut begangen (Pandemrix&Narcolepsie). Eine systematische Fehleranalyse der verantwortlichen Institutionen (u.a. der WHO) blieb damals aus.
So konnten die gleichen Fehler von 2009 in ungleich größerem Maß 2020–2022 wiederholt werden.
Werden deshalb jetzt massenhafte Vermarktungen eines innovativen Medizinproduktes von systematischen Langzeitbeobachtungen begleitet?
Bei der größten Pharmaprodukt-Testung der Menschheitsgeschichte (der mRNA-Technologie von 2020 bis 2022) fehlten systematische Post-Marketing-Studien. Daher sind die nicht spezifischen Auswirkungen dieses Experimentes nicht beschreibbar. Erfolgreich war das Vorhaben dennoch, denn das angesammelte Wissen zu den spezifischen Wirkungen schien es zu rechtfertigen, in das ganz große Geschäft einzusteigen: die Impfungen gegen den Krebs. (Nature Oncology 2024).
Ohne Klärung von Verantwortung und Haftung der Covid-Maßnahmen (durch „Übergang zur Tagesordnung“ oder durch „Vergessen“) wird die nächste Pandemie (wovon auch immer) noch wesentlich dramatischer inszeniert werden.
Anderes Beispiel: Chirurgie
Viele Frauen leiden an Beckenbodenschwäche und unwillkürlichem Harnverlust. 1995 glaubte man, dieses Problem durch einen relativ kleinen Eingriff beseitigen zu können. Nach experimentellen Versuchen bei Tieren wurde allmählich in vielen Ländern unter der Harnröhre Kunstgewebe (engl. mesh) eingelegt. Damit wurde der (bei Bindegewebsschwäche abgesenkte) Winkel zwischen Harnröhre und Harnblase angehoben. Auf begleitende, systematische Langzeitstudien wurde verzichtet. Was zählte, waren kurzfristige Erfolge, die euphorische Marketingbotschaften zu rechtfertigen schienen.
Die TOT („transobturator tapes“) oder TVT („tension-free vaginal tape“) genannten Netze erwiesen sich als sehr erfolgreich. Sie waren nebenwirkungsärmer als die bisherigen chirurgischen Verfahren. Die Operationszeiten verkürzten sich deutlich. Und das Thematisieren unbequemer Verhaltensänderungen (wie Bewegung, Achtsamkeit, Ernährung, Gewichtsabnahme) verlor in der Beratung an Bedeutung. Die langfristigen Auswirkungen waren bei der Zulassung vollkommen unbekannt.
Die Gynäkolog:innen waren begeistert: „Als Goldstandard hat sich seit etwa zwölf Jahren die TVT (Tension-free vaginal tape) durchgesetzt, die den früheren Standard … abgelöst hat. (Kölbl, PM DGGG 2014, am 23.08.2024 weiterhin bei der DGGG abrufbar).
Nach längerer Zeit wurde allerdings über Nebenwirkungen berichtet, die unsystematisch gemeldet wurden. Eigentlich hätte man vermuten können, dass ein Netz, das unterhalb der Klitoris verlegt wird und dort narbig einwächst, zu Dauerreizungen und Schmerz führen könnte. Überzeugt von einer einfachen, genialen Intervention unterschätzte man aber, wie so oft, das, was man nicht wusste.
Wegen des ungünstigen Nutzenrisikoverhältnisses hatte eine wissenschaftliche Überprüfung 2016 (aktualisiert 2024) Mesh bei Blaseninkontinenz bei Frauen nicht mehr als Regeleingriff empfohlen (Cochrane 2024)
Die Entfernung der Implantate erwies sich als schwierig und riskant. Schließlich häuften sich die Fälle der Patientinnen, deren Lebenssituation sich durch den Eingriff deutlich verschlechtert hatte (Keltie 2017). Schließlich mussten sich Jurist:innen mit dieser neuen Operationsmethode befassen. (Thompson 2019)
Aufgrund von zahlreichen Komplikationen wurde der Einsatz von Mesh in einigen Ländern vollständig verboten (z. B. in den USA), in anderen Ländern erheblich eingeschränkt (z. B. in Großbritannien). n Deutschland wurde die Methode nicht verboten (AG der DGGG 2019, unverimed 2019). Sie wird bis 2024 noch von Operateuren beworben (Beispiel: operation.de).
Im August 2024 erhielten 100 (oder vielleicht 140) Patientinnen Kompensationszahlungen von drei Mesh-Herstellern (BMJ 23.08.2024): „10.000 Frauen (oder bis zu 40.000) wurden (in Großbritannien) durch Netzimplantate geschädigt, mit denen Inkontinenz und Beckenorgan-Vorfall behandelt werden. Einige Frauen litten unter ständigen Schmerzen, konnten nicht mehr gehen, arbeiten oder Sex haben.“ schreibt BBC am 19.08.2024. Bei den beglichenen Schadenssummen ginge es um Millionen Pfund.
„Die Geschichte ist haarsträubend. Sie bietet Lehren für die gesamte medizinische Gemeinschaft, die Hersteller und die Regulierungsbehörden.“ Gornall, BMJ 2018
Mehr:
Lernen aus Fehlern der ‚Entwicklung‘?
Der US-Präsident Harry S. Truman verkündete am 20.01.1949 eine neue internationale „Entwicklungs“-Strategie, die sich sowohl von der „kolonialen Zivilisierungs-Mission“ als auch von den (sozialistischen) „Befreiungsbewegungen“ abgrenzen sollte:
„Das Wachstum der Produktion (der unterentwickelten Länder) ist der Schlüssel für Wohlstand und Frieden“. H.S. Truman, Inaugural Address 20.01.2049
Präsident John F. Kennedy formte dann aus dieser Idee ein globales Programm:
„Den Bewohnern von Hütten und Dörfern auf der Hälfte des Planeten, die dafür kämpfen, die Ketten des Massen-Elendes zu brechen, versprechen wir, unser Bestes zu tun dabei heraus zu helfen, wie lange das auch immer braucht. (…) wenn eine freie Gesellschaft der Masse der Armen nicht helfen kann, kann sie die kleine Zahl der Reichen nicht retten.“ J.F Kennedy, Inaugural Address, 20.01.1961
Nur wenige, die in „der freien Welt“ lebten, wagten diesen kühnen amerikanischen Thesen zu widersprechen. Einer von ihnen war der Theologe und Philosoph Ivan Illich.
Er bezeichnete die neu erfundene „Entwicklungspolitik“ als „fremdbestimmte „Modernisierung der Armut“ (Zitat aus Paquot 2017), und hielt sie für „gefährlicher als die koloniale Missionierung.“ (Zitat aus Paquot 2017)
Heute ist seine Kritik weitgehend vergessen. Aber sind viele seiner Gedanken nicht bleibend aktuell?

Die folgenden Zitate sind entnommen aus:
- Ivan Illich (1972): „Geplante Armut als Frucht technischer Hilfe“ in „Schulen helfen nicht – Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft“. Seiten 120–135
Was ist „Entwicklungshilfe“?
Heute verpassen reiche Nationen den armen Nationen aus Wohlwollen eine Zwangsjacke aus Verkehrsstauungen, Krankenhausaufenthalten und Klassenzimmern und nennen das nach internationalem Übereinkommen „Entwicklung“. Die Reichen, Schulgebildeten und Alten dieser Welt versuchen, ihre zweifelhaften Segnungen mitzuteilen, indem sie der Dritten Welt ihre abgepackten Lösungen aufzwingen. In Sao Paulo kommt es zu Verkehrsstauungen, während in Nordostbrasilien eine Million Menschen 800 Kilometer auf der Flucht vor der Dürre zu Fuß zurücklegen. Lateinamerikanische Ärzte erhalten im New Yorker Krankenhaus für Spezialchirurgie eine Ausbildung, die sie nur wenigen zugutekommen lassen, während in den Slums, wo 90 Prozent der Bevölkerung wohnen, die Amöbenruhr endemisch bleibt. Eine winzige Minderheit erhält in Nordamerika eine fortgeschrittene Ausbildung in Grundzügen der Naturwissenschaft, für deren Kosten nicht selten ihre eigenen Regierungen aufkommen. Falls sie überhaupt nach Bolivien zurückkehren, werden sie in La Paz oder Cochibamba zweitklassige Lehrer in hochtrabenden Fächern. Die Reichen exportieren veraltete Modelle ihrer Standardprodukte.
Es ist heute eine gängige Forderung, dass die reichen Nationen ihrer, militärischen Apparat in ein Entwicklungsprogramm für die Dritte Welt umwandeln sollen. […] Das aber könnte wiederum unheilbare Verzweiflung hervorrufen, weil die Pflüge der Reichen ebenso viel Schaden anrichten können wir ihre Schwerter. Amerikanische Lastwagen können bleibenderen Schaden verursachen als amerikanische Panzer. Es ist leichter, eine Massenumfrage nach jenen als nach diesen hervorzurufen. Nur eine Minderheit benötigt schwere Waffen, während eine Mehrheit auf unrealistische Weise in Abhängigkeit von der Lieferung produktiver Maschinen geraten kann, wie es moderne Lastwagen sind. Ist erst einmal die Dritte Welt zum Massenmarkt für Waren, Erzeugnisse und Verfahren geworden, welche die Reichen für sich selbst entworfen haben, dann wird das Missverhältnis zwischen der Nachfrage nach diesen westlichen Produkten und deren Lieferung auf unabsehbare Zeit anwachsen. Das Familienauto kann die Armen nicht ins Düsenzeitalter befördern, ein Schulsystem kann den Armen keine Bildung verschaffen, und der Familienkühlschrank kann ihnen keine gesunde Ernährung gewährleisten. …“
„Was ist Unter-Entwicklung?
Unter-Entwicklung als Bewusstseinsform ist eine extreme Folge von dem, was wir mit Marx und Freud gleichermaßen „Verdinglichung“ nennen können: Die Wahrnehmung echter Bedürfnisse verhärtet sich zur Nachfrage nach Erzeugnissen der Massenprodukte. Ich meine die Übersetzung von Durst in ein Verlangen nach Coca-Cola. Solche Verdinglichung vollzieht sich bei der Manipulierung menschlicher Urbedürfnisse durch riesige Bürokratien, denen es gelungen ist, die Fantasie potenzieller Verbraucher zu beherrschen. Kehren wir zu meinem Beispiel aus dem Bildungswesen zurück. Die intensive Förderung des Schulwesens führt zu einer so weitgehenden Identifizierung von Schulbesuch und Bildung, dass die beiden Begriffe im täglichen Sprachgebrauch auswechselbar werden. Ist erst einmal die Fantasie einer ganzen Bevölkerung „verschult“ oder auf die Überzeugung gedrillt, dass die Schule das Monopol der Bildung besitze, dann kann man die Analphabeten besteuern, um den Kindern der Reichen eine kostenlose Schule und Hochschulbildung zu verschaffen.
Unterentwicklung entsteht, wenn durch den intensiven Vertrieb von „Patentprodukten“ die Wünsche angehoben werden. Insoweit ist die gegenwärtig stattfindende dynamische Unterentwicklung gerade das Gegenteil von dem, was ich für Bildung halte: nämlich das erwachende Bewusstsein von neuen Höhen menschlichen Vermögens und die Anwendung der eigenen schöpferischen Kraft, um das menschliche Leben zu fördern. Die Unterentwicklung hingegen bedeutet, dass das gesellschaftliche Bewusstsein vor abgepackten Lösungen kapituliert.
Der Vorgang, bei dem der Vertrieb „ausländischer“ Produkte die Unterentwicklung verstärkt, wird häufig nur höchst oberflächlich begriffen. Derselbe Mensch, den der Anblick einer Coca-Cola-Fabrik in einem lateinamerikanischen Slum empört, empfindet häufig Stolz, wenn er sieht, dass daneben eine neue Volksschule gebaut wird. Er missbilligt die ausländische Lizenz für ein Erfrischungsgetränk und würde lieber „Cola-Mex“ haben. Derselbe Mensch ist aber bereit, seinen Mitbürgern, um jeden Preis Schulen aufzuzwingen; er bemerkt nicht die unsichtbare Lizenz, durch die diese Einrichtung mit dem Weltmarkt eng verknüpft ist. …
Wem nutzen „Paketlösungen“?
Jedes Auto, das Brasilien auf die Straße schickt, versagt fünfzig Menschen ein gutes Autobusnetz. Jeder verkaufte Kühlschrank verringert die Aussicht, dass ein öffentlicher Kühlraum gebaut wird. Jeder Dollar, der in Lateinamerika für Ärzte und Krankenhäuser gegeben wird, kostet, wie der hervorragende chilenische Nationalökonom Jorge de Ahumada gesagt hat, hundert Menschenleben. Hätte man jeden Dollar für die Bereitstellung unschädlichen Trinkwassers ausgegeben, so hätte man hundert Menschen das Leben retten können. Jeder Dollar für das Schulwesen bedeutet mehr Privilegien für die wenigen auf Kosten der vielen; bestenfalls vermehrt er die Zahl derer, die, ehe sie durchfallen, gelernt haben, dass diejenigen, welche länger bleiben, das Recht auf mehr Macht, Reichtum und Ansehen erwerben. Ein solches Schulwesen lehrt nur die Geschulten, dass die noch besser Geschulten ihnen überlegen sind.
Ihrer Anlage nach sind die „Pakete“, von denen ich spreche, die Hauptursache der hohen Kosten bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen. Solange jedermann sein Auto „braucht“, müssen unsere Städte immer längere Verkehrsstauungen und grotesk aufwendige Heilmittel dagegen in Kauf nehmen. Solange Gesundheit gleichbedeutend mit maximaler Lebensdauer ist, werden unsere Kranken immer ungewöhnlichere chirurgische Eingriffe und dazu die Drogen verordnet bekommen, die die nachfolgenden Schmerzen lindern müssen. „Solange wir die Schulen dazu benutzen wollen, die Kinder den Eltern abzunehmen oder sie von der Straße zu holen oder vom Arbeitsmarkt fernzuhalten, wird unsere Jugend endlosen Unterricht erleben und immer stärkerer Anreize bedürfen, damit sie diese Pein ertragen kann.“
„Gibt es Alternativen?
Ich denke an eine ganz andere, besonders schwierige Art von Forschung, die aus naheliegenden Gründen bisher fast vernachlässigt worden ist. Ich fordere Forschung nach Alternativen zu den Produkten, die heute den Markt beherrschen: zu Krankenhäusern und dem Beruf, der sich bemüht, die Kranken am Leben zu erhalten; zu Schulen und dem daraus resultierenden Verfahren, welches denen Bildung verweigert, die nicht das richtige Alter haben, die nicht den richtigen Lehrplan absolviert haben, die nicht genug Stunden nacheinander im Klassenzimmer gesessen sind, die ihr Lernen nicht damit bezahlen wollen, dass sie sich einer fürsorglichen Aufsicht, einer Überprüfung und Bescheinigungen unterwerfen oder sich die Wertvorstellungen der herrschenden Elite eintrichtern lassen.
Wir haben unsere Welt in unsern Institutionen verkörpert und sind jetzt deren Gefangene. Fabriken, Massenmedien, Krankenhäuser, Regierungen und Schulen produzieren Waren und Dienstleistungen, die unsere Weltanschauung abgepackt enthalten. Wir, die Reichen, stellen uns Fortschritt als Ausweitung dieses Establishments vor. Erhöhte Mobilität verstehen wir als Luxus und Sicherheit in Packungen von General Motors oder Boeing. Unter Förderung der allgemeinen Wohlfahrt verstehen wir vermehrte Bereitstellung von Ärzten und Krankenhäusern, die Gesundheit in einer Packung mit vermehrtem Leiden liefern. Wir haben uns angewöhnt, unser Bedürfnis nach mehr Lernen mit der Forderung nach immer längerem Einsperren in Klassenzimmern zu identifizieren. Anders ausgedrückt: Wir haben die Bildung zusammen mit aufsichtlicher Fürsorge, Berechtigungswesen und dem Wahlrecht verpackt und das eingewickelt in die Belehrung über christliche, liberale oder kommunistische Tugenden.
Die Industriegesellschaften können solche Packungen für den persönlichen Bedarf den meisten ihrer Bürger liefern, aber das beweist nicht, dass diese Gesellschaften vernünftig oder wirtschaftlich sind oder dass sie dem Leben dienen. Das Gegenteil trifft zu. Je mehr der Bürger auf den Verbrauch von abgepackten Waren und Dienstleistungen gedrillt wird, umso weniger scheint er imstande zu sein, seine Umwelt zu gestalten. Seine Kraft und sein Geld werden für die Herstellung immer neuer Modelle seiner Standardwaren aufgezehrt, und die Welt wird zum Abfallprodukt seiner Verbrauchergewohnheiten.
Die Dritte Welt bedarf einer durchgreifenden Revolutionierung ihrer Institutionen. Die Revolutionen des letzten Menschenalters waren überwiegend politischer Natur. Eine neue Gruppe von Männern mit neuer ideologischer Rechtfertigung ergriff die Macht, um im Wesentlichen die gleichen Institutionen in Schulwesen, Gesundheitspflege und Wirtschaftsleben im Interesse einer neuen Gruppe von Nutznießern zu verwalten. Da sich die Institutionen nicht radikal verändert haben, bleibt die neue Gruppe von Nutznießern annähernd ebenso groß wie die frühere.
„The time of prophecy lies behind us. The only chance now lies in our taking this vocation as that of the friend. This is the way in which hope for a new society can spread. And the practice of it is not really through words but through little acts of foolish renunciation.“ Ivan Illich
Mehr
Literatur
- Edrees: Supporting clinicians after medical error, BMJ 2015; 350: h1982
- Jäger H: Fehler-Management in der Entwicklungszusammenarbeit. Welche Konsequenzen hat die Arsen-Katastrophe, u.a. in Bangladesch? Curare 2017, 40(4):329-35 ;
www.medizinisches-coaching.net/wp-content/uploads/2019/06/Curare_Arsenic_2017.pdf - Jäger H: Management of Errors and Development Cooperation“. SSRN 03.05.2018
- Jäger H: Irren ist menschlich: Sicherheitsingenieur 2012 (8):8-15
- Jäger H: Belastungsmanagement: Sicherheitsingenieur 2012 (9):8-10
- Paquot T: Ivan Illich – Denker und Rebell. C.H. Beck, 2017 (Rezension: Oelkers)
- Peltomaa K: James Reason: Patient Safety, Human Error, and Swiss Cheese, Quality Management in Health Care. 21(1):59–63, JAN 2012
- Reason: Beyond the organisational accident: the need for „error“ wisdom on the frontline. Qual Saf Health Care 2004, 13(Suppl II): ii28-ii33
- Schmidt- Sausen.: Mut zur Offenheit. Piloten schulen Ärzte und Pflegekräfte. DÄB, 2018, 115(7):B244-46
