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12. Dezember 2023

Strahlende Kriege

Interview mit Frieder Wagner zu den Folgen des Einsatzes von Uranmunition: https://youtu.be/fk-Rb_S0_iI

DU-Munition

Großbritannien lieferte Uran-Munition (DU: depleted uranium) in die Ukraine. Rückte damit der Sieg über Russland in greifbare Nähe? Oder werden seither nur Menschen und Landschaften bleibend verstrahlt? (Daily Mail 24.03.23 ; NTV 21.03.23 ; Aljazeerah 23.01.2023)

Wegen der hohen Dichte des Urans entfalten DU-Geschosse beim Auftreffen auf das Ziel eine große Durchschlagskraft. Sie gelten als „Panzer-brechend“.

Günstig für die Hersteller von ‚DU‘ ist es, ganz nebenbei Reaktorabfälle billig zu entsorgen. Diese Art von Nuklear-Müll-Export wurde erstmals 1999 bei der völkerrechtswidrigen Intervention in Serbien ausgetestet. Und dann in großem Stil in dem ebenfalls völkerrechtswidrigen Krieg im Irak 2003. Und anschließend in LibyenAfghanistan und Syrien.

Moderne konventionelle Mega-Bomben, die Erdbeben auslösen, sind möglicherweise noch mörderischer. (MOAB, Afghanistan 2017) Aber DU-Munition strahlt länger. Noch Jahrzehnte später erkranken Menschen, Tiere und Pflanzen.

Uranmunition, die im Boden lagert, ist Verwitterungs- und Auswaschungsprozessen ausgesetzt. Bei der Verwitterung der Uranmunition entstehen Uranminerale (u.a. Sabugalit), in denen das giftige Uran fest gebunden ist. Ein Projektil könnte sich innerhalb von 50 Jahren komplett in Sabugalit umgebildet haben. Es entstehen aber auch wasserlösliche Uranverbindungen, die in Sicker- und Grundwasser gelangen und anschließend von Pflanzen und Tieren aufgenommen werden, und Grundwasser, Böden und Pflanzen bedrohen. (Schimmack 2007)

Die ersten Krankheitsbilder, die sich nach Kontakt mit Uran-Munition entwickelten („DU-Syndrom“) wurden 2001 bei Soldaten beschrieben, die 1999 am Krieg im ehemaligen Jugoslawien teilgenommen hatten. (Bleise 2001)

Folgen eines DU-Einsatzes im Irak

Fliegerbombe. Vietnam 1997 (Bild: Jäger)

Die US-Armee griff im November 2004 Falludscha an (Irak, Provinz al-Anbarm). Die Belagerung dauerte wochenlang. Mit massivem Beschuss, u.a. mit 140 Tonnen DU-Munition. Über den tatsächlichen Einsatz der DU-Munition verweigerte das US-amerikanische Verteidigungsministerium nähere Angaben.

In den Jahren danach beobachtete man in Falludscha einen starken Anstieg von Kindersterblichkeit, Missbildungen und Tumor- und Leukämieerkrankungen. Die Zahl der Krebsfälle hatte sich in der Zeit zwischen 2004 und 2009 in Falludscha im Vergleich zu der Zeit vor 2004 vervierfacht. Die Krebsrate bei Kindern in Falludscha stieg auf das Zwölffache der Vergleichswerte in Ägypten, Jordanien und Kuwait. Auch die allgemeine Sterblichkeitsrate bei Kindern war fünfmal höher als in Ägypten und Jordanien bzw. achtmal höher als in Kuwait. Die aufgetretenen Krebsarten ähneln denen, die sich bei Überlebenden der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 herausgebildet haben. Die Geburtenrate sank deutlich ab. (Al-Shammari 2016 ; Busby 2010)

Wer sammelt den strahlenden Schrott wieder ein?

Die 1999 im Kosovo verschossene DU-Munition strahlt bis heute. Warum hat sie die NATO nicht wieder eingesammelt? Mit Strahlenmessgeräten sind sie dort einfach aufzufinden, solange sie noch nicht zerfallen sind. Hätte man sie nicht ins Herkunftsland zurücktransportierten können? Muss die Zivilbevölkerung (insbesondere junge Frauen und Kinder) nicht langfristig vor den Strahlenfolgen geschützt werden?

Die Verlierer des Ukraine-Krieges stehen fest

Es sind unbeteiligte Menschen, Tiere, Umwelt. Je länger das sinnlose Massaker andauert (weil jeweils eine Seite glaubt, durch immer mehr Eskalation gewinnen zu können) desto schrecklicher und lang andauernder werden die Folgen sein. Vielleicht bis es (morgen oder vielleicht erst nach Jahren?) zum ganz großen Knall kommt? Der könnte auch durch banal-konventionelle Munition ausgelöst werden: Zum Beispiel, wenn das Atomkraftwerk Saporischschja getroffen würde. (Augs.-Allg. 23.03.2023)

IPPNW-Pressemitteilung vom 22. März 2023:

„Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW verurteilt den Beschluss der britischen Regierung, panzerbrechende Uranmunition (Depleted Uranium, DU) in die Ukraine zu liefern. Durch den Einsatz von ‚DU‘ entstehen zusätzlich weitreichende und anhaltende Umwelt- und Gesundheitsschäden für die Menschen, die bereits unter dem Krieg leiden. Die Ärzt:innenorganisation appelliert an die Bundesregierung, auf Großbritannien und die Ukraine einzuwirken, mit dem Ziel, auf die Ausfuhr von Uranmunition zu verzichten. Die IPPNW verurteilt zudem den Einsatz von Uranmunition durch die russische Armee, den das Genfer Internationale Zentrum für humanitäre Minenräumung in einem Fall bereits bestätigt hat.

‚DU‘ schädigt mehrfach:

Als Schwermetall ist es ein chemisches Zellgift, als Alphastrahler verursacht es radioaktive Schäden. Beide Wirkungen potenzieren sich. Der Einsatz dieser Munition führt zu toxischen und radiologischen Langzeitschäden.

Italien hat im Jahr 2009 den kausalen Zusammenhang von DU-Munition und bestimmten Krebserkrankungen anerkannt und 30 Millionen Euro als Wiedergutmachungsfonds für kranke Soldaten bereitgestellt.

Munition mit abgereicherten Uran wurde in den Balkan-Kriegen, im Kosovo-Krieg und in den beiden Irakkriegen 1991 und 2003 eingesetzt. Es kam zu einem Anstieg der Fehlbildungen, sowie Krebs bei Kindern und Erwachsenen. Die Ukraine sollte nicht zulassen, dass Soldaten und Zivilbevölkerung im eigenen Land durch den Einsatz von DU-Munition langfristigen Gesundheits- und Umweltschäden ausgesetzt werden.

Abgereichertes Uran entsteht bei der Anreicherung von Kernbrennstoff für Atomkraftwerke und von waffenfähigem Uran für Atombomben. Weltweit nutzen Militär und Rüstungsfirmen Waffen mit Uranmunition, zum Beispiel um Panzer zu zerstören oder Bunker zu sprengen. Unter anderem besitzen die USA, Großbritannien, Frankreich, Russland, Griechenland, die Türkei, Israel, Pakistan, Saudi-Arabien und Thailand diese Waffen.

Bei der Explosion von Uranmunition bildet sich ein Aerosol mit Partikelgrößen im Nano-Bereich. Diese Partikel gelangen durch Einatmen, durch Aufnahme mit dem Wasser oder Nahrungsmitteln, aber auch über Wunden in den menschlichen Körper. Das Uran-Aerosol kann durch den Wind weiträumig verteilt werden. Im Blut gelöstes ‚DU‘ wird in wenigen Tagen über die Nieren ausgeschieden, aber im Skelett eingelagerte Uranpartikel bestrahlen dort jahrelang umliegende Zellen mit Alpha-Teilchen. Das verursacht Knochentumore und Leukämie. Eingeatmete Uranpartikel werden in der Lunge abgekapselt oder in regionale Lymphknoten transportiert, wo sie dauerhaft verbleiben und Krebs erzeugen können.

Die gesundheitlichen Schädigungen durch Uranmunition für Zivilbevölkerung, Soldaten und Umwelt sind nach Ansicht der IPPNW so gravierend, dass sie international geächtet werden muss.“ (Zitat Ende)

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Letzte Aktualisierung: 12.12.2023