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18. Juni 2026

Kampfkunst und Gesundheit

Inhalt

  • Ist Kampf gesund?
  • Kann die Qualität einer Kunst gemessen werden?
  • DDQT zu Messbarkeit und Gesundheit.
  • Lebenskunst: Belastung annehmen und flexibel abgeben
  • Kampfkunst-Prinzipien in heilenden Berufen

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Ist Kampf gesund?

2026 lud Donald Trump die weltweit besten Mixed-Martial-Art-Kämpfer in seinen Käfig ein:

Ist das gesund?

Ein Gesundheitspsychologe meint, in einer Befragung herausgefunden zu haben, dass die meisten Kämpfenden das so sehen:

Kind mit Ochse, Jäger 2012

Was sagt uns das?

  • Ist das Wissenschaft? Oder kann es weg?
  • Denkt nicht jeder, der etwas bekämpft, es nütze ihm?
  • Ist Kampf Kunst oder Sport oder Irrsinn?
  • Ist Gesundheit das Ergebnis des Verlernens von Fehlverhalten?
    Oder Lernens, wie (allen Kollateralschäden zum Trotz) gewinnt?
  • Geht es gar nicht darum, ob etwas gesund ist?
    Sondern nur um die Illusion, dass es gesund sei?

Zum Allgemeinwissen gehört, dass Frieden Ausgleich bedeutet. Kampf und Überlastungen machen krank.

Folglich fördert es die Gesundheit, das zu unterlassen, was krank macht.

„Lass dich. Das ist dein Bestes.“ Eckhard, 13. Jh.

Kann die Qualität von Kunst gemessen werden?

Jaeger H.: Ist die Qualität von Kampfkunst meßbar?
Taiji&QiGong-Journal Nov. 2016, 4:14-19 – PDF

Das Ziel von Kämpfen und Kriegen ist es, „böse Feinde“ zu entspannen. Damit sie sich am Boden liegend nicht mehr wehren können.

Manche Menschen können mehr: Sie verwandeln Aggression in partnerschaftliche Kooperation. Das ist eine Kunst.

Die Beurteilung des Unterschiedes zwischen Kampf-Training und Kampf-Kunst ist relativ einfach: Aggressives Zuschlagen führt zu Kollateralschäden (nicht nur am gegnerischen, sondern auch am eigenen Körper). Und respektvolles Training entwickelt gleichermaßen körperliche und geistige Kompetenzen.

Kann Kunst gemessen werden?

Wenn ein Produkt, eine Methode oder eine Dienstleistung Bedarfe erfüllen, kommen die Kunden wieder. Die Qualität von Kampf-Kunst müsste genauso messbar sein: Sind die Studios voll, wird der Unterricht gut sein. Sind sie leer, weil etwa die Gelenke der Teilnehmer schmerzen, wird es an Qualität mangeln.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn Bewegungs-Kunst „ist“ nicht, sondern sie „entfaltet“ sich: im Prozess der Kommunikation zwischen denen, die sie ausüben.

In der Kampfkunst wird mit Interaktion, Beziehung und sinnlichem Erleben gespielt. Und dabei können sich sowohl die Gestaltenden als auch die Mitwirkenden verändern. Bleiben die Kurs-TeilnehmerInnen gleichgültig und unberührt, wird es wohl keine Kunst gewesen sein. Ändert sich dagegen eine Sicht- oder gar Verhaltensweise, könnte es sich tatsächlich um Kunst gehandelt haben.

Be water my friend. Bruce Lee (1940-73)

Bewegungskunst ist prozess- und nicht zielorientiert.

Sie steht in ihrer Schönheit für sich selbst. Und wird ebenso wie Poesie, Malerei und Musik zerstört, wenn Erbsen-zählende Kritiker sie in ihre Bestandteile zerlegen.

Ist die Qualität einer Kunst deshalb nichts anderes als subjektives, individuelles Erleben? Kann Qualität einer Kunst nur in einer direkten Kommunikation erfahren, aber niemals gemessen werden?

Dafür spricht einiges, denn viele Aspekte des Taiji-Trainings zielen darauf,

  • „alles“ in seinem Bewegungsfluss gleichzeitig wahrzunehmen, mit zahllosen Informationen und Verknüpfungen,
  • alles Einzelne in einer entspannten Kommunikation mit einem größeren Bewegungs-Ganzen verschmelzen zu lassen.

Dieses Gesamterleben der Dynamik innerer und äußerer Räume lässt sich wie Musik genießen, wenn volle Klänge und Rhythmen entstehen. Und es erstirbt, wenn plötzlich einzelne, unverbundene Töne fokussiert werden.

Sind Qualitätsmessungen bei Kampf-Kunst trotzdem sinnvoll?

Nach dem Zweiten Weltkrieg sickerten die japanischen Kampfkünste (Judo, Aikido, Kendo) in die USA und nach Europa ein und einige Jahrzehnte später auch Taijiquan und Qigong. Yoga war schon lange etabliert, und unter Insidern wurden auch „westliche Formen“ entspannter Körperlichkeit wie Bioenergetik, Konzentrative Bewegungstherapie, Rolfing, Feldenkrais, Alexander, Pilates und vieles andere geübt.

Die im Westen neuen chinesischen Methoden umfassten philosophisch-körperliche Trainingskonzepte und erreichten damit viele Menschen in den USA und Südostasien, und dann schließlich auch in Europa. Das kulturell Neue wurde zunächst nur in direktem Kontakt mit sehr erfahrenen Könnern erlebt.

Die ersten Übenden entdeckten Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten, spielten und testeten kreativ das aus, was sie persönlich ansprach. In dieser Phase des frühen Taijiquan in Deutschland bildete sich allmählich ein Netzwerk von Fortgeschrittenen, das von gegenseitig wertschätzender Toleranz geprägt war. Die Frage nach einer systematischen Qualitätsüberprüfung stellte sich damals noch nicht.

Zwangsläufig aber entwickelten sich aus diesem fruchtbaren Chaos sehr verschiedene Entwicklungswege, die langsam einer Strukturierung zustrebten: Aus losen Netzwerken bildeten sich Verbände, die wiederum Regeln und Richtlinien entwickelten. Der allmählichen Professionalisierung folgten dann die Expertenausbildungen, die Zertifizierungen und Anerkennungen.

Und dann, wie bei allen historisch gewachsenen Bewegungsformen, gibt es auch Phasen der Verfestigung, mit Schulen, Lehrmeinungen, Leitlinien, Wahrheiten, Institutions- und Kirchengründungen, mit Mainstream und sektiererischen Minderheiten und auch unseriöserem Kram und Scharlatanerie.

Es ist heute beim Taijiquan wie bei Dosen, die mit dem Label „Bio“ beklebt werden, und dann sehr Unterschiedliches enthalten können. Plötzlich scheint es notwendig zu sein, die Marke zu sichern. Die Zeit der lockeren Taiji-Netzwerke ist vorbei. Stattdessen muss bestimmt werden, was sich noch Taijiquan nennen darf und was nicht.

Denn das ist u.a. wichtig für die, die nach Hinweisen suchen, was „Qualität sei“, und weder Zeit noch Interesse haben zu erleben, ob „Qualität ist“. Etwa die „Zentrale Prüfstelle Prävention“, die sich an rein formalen, an Inhalten nicht interessierten Kriterien orientiert, um Präventionskurse abzulehnen. Solche „Behörden“, die über Mittel verfügen, benötigen „Zertifizierungen, Zusatzqualifikationen und natürlich Ziele, Themen, Inhalte, Sequenzen, Dokumentationen, Details, Indikatoren, Nachhaltigkeitsvermutungen …‘“

Sollte sich deshalb auch ein System von Prinzipien wie Taijiquan als in sich abgeschlossenes, nicht mehr veränderbares System organisieren, wie andere das mit Feldenkrais, Pilates, Alexandertechnik oder bestimmten Yoga-Richtungen versuchen?

Oder sollte sich Taijiquan als ein dynamisches, wachsendes Bewegungssystem begreifen, das sich mit anderem überschneidet oder von anderen Systemen befruchtet wird? Oder sollte sich Taijiquan akademisieren und sich so über Expertengremien definieren und Leitlinien verfassen, an deren Autorität keine Krankenkasse vorbei kommt? Oder ist Qualität in der Kampfkunst einfach das, was funktioniert?

Der Harvard-Weg der Taiji-Akademisierung

Taijiquan wird oft in einer ganz bestimmten Weise unterrichtet, die von einer bestimmten Person geprägt wurde, deren Weg wirksam erscheint. Eine dieser Richtungen wurde in den vergangenen Jahren sehr sorgfältig und systematisch ausgebaut. Er entspricht der Denkweise der Qualitätsüberprüfer, die anhand von Daten darauf vertrauen wollen, dass Investitionen bei genau dieser Methode gut angelegt seien.

Der Untertitel des „Harvard Medical School Guide to Tai Chi“ lässt den Eindruck entstehen, dass man „in nur zwölf Wochen einen gesunden Körper, ein starkes Herz und einen scharfen Verstand entwickeln“ könne.

Der Autor, Prof. Peter Wayne (s. Lit.), ist ein langjährig tätiger und (wie ich vermute) auch kompetenter Taiji-Lehrer aus der Tradition von Zheng Manqing. Er arbeitet an der Harvard Universität in enger Zusammenarbeit mit Prof. Ted Kaptchuk (s. Lit.), der das Vorwort seines „Taiji-Guide“ schrieb.

Prof. Kaptchuk untersuchte über viele Jahre die Wirksamkeit traditioneller chinesischer Medizinprodukte und zählt heute zu den renommierten und methodensicheren Forschern, die sich mit nicht-spezifischen Effekten in der Medizin beschäftigen.

Kaptchuk und viele andere belegen in ihren Studien, dass allein die Veränderung psychischer Einstellungen körperliche Auswirkungen haben kann.

Peter Wayne versucht darüber in sorgfältig angelegten Studien nachzuweisen, dass Taijiquan bei älteren Menschen die Gangsicherheit, die Herz-Kreislauffunktion und die Wahrnehmungsfähigkeiten verbessere und daher insbesondere bei älteren und kranken Menschen ein ideales Gesundheitstraining darstelle. Sein Buch gründet sich auf klassische Taiji-Schriften und daoistisch-konfuzianische Begriffe wie auf neuere Erkenntnisse analytischer, labortechnisch-überprüfbarer Bewegungs- und Neurowissenschaften. Um daraus eine Methode ableiten zu können, die durch immer neue Studien von ihm und seinen Harvard-Kollegen überprüft und verfeinert werden kann, musste er Taijiquan standardisieren. Dazu definiert er acht (für ihn) wesentliche Bestandteile:

  1. Aufmerksamkeit
  2. Intention/Vorstellung
  3. strukturelle Integration
  4. aktive Entspannung und Kräftigung
  5. Förderung der Gelenkigkeit
  6. natürliche, freie Atmung
  7. soziale Unterstützung in der Lerngruppe
  8. körperlich verankerte Spiritualität

Daraus leitet er dann ein sehr genau strukturiertes Übungs- und Verfahrensprogramm ab. Und nennt es „A Simplified Tai Chi Program“. Ist dieser methodische Ansatz „Taijiquan auf wissenschaftlicher Basis“? Und wenn es so wäre, wäre dieser Ansatz der Professionalisierung tatsächlich günstig für die, die weltweit Taijiquan praktizieren?

Standardisierung?

Standardisierung ist die Voraussetzung, um etwas beobachten zu können. Etwas, das dann in einem Experiment beobachtet wird, kann nicht identisch sein mit einem Systemzusammenhang. Denn es ist etwas, „was bei diesem Experimentator, in diesem Raum, mit diesen Personen, genau so und nicht anders stattfindet“. Der direkte Rückschluss aus einer Laborbeobachtung auf einen umfassenden Systemzusammenhang komplexer Realität („von allem“) führt zwangsläufig zu Widersprüchen.

Um Qualitätsüberprüfungen durchführen zu können, sind Standardisierungen unverzichtbar, z. B. um Entscheidungen zu begründen, ob eine Methode in ein Rehabilitationsprogramm aufgenommen werden soll oder nicht. Solche verlässlichen Überprüfungsinstrumente sind verfügbar, einfach zugänglich und im Prinzip für alle Kursformen gleichermaßen geeignet (Kliche 2011). Sie sind also nicht spezifisch für Taijiquan, Qigong, Pilates, Alexander, Feldenkrais oder Ähnliches (s. GKV).

Kein Taiji-Lehrer, der seine Arbeit überprüfen möchte, muss also das Rad neu erfinden. Es reicht, bewährte Fragebögen herunterzuladen, und extern von jemandem beobachten zu lassen, ob sich vor, während und nach dem Kurs ein Verhalten ändert: etwa weniger Konsum von Zigaretten, Alkohol, Kaffee, unnötigen Medikamenten, mehr Bewegung, anderes Essen, weniger Stressverhalten etc.

Was ist Taijiquan?

Peter Wayne muss das, was in seinen Kursen stattfindet, als „Taiji“ definieren. Erst dann kann er untersuchen, wie „es“ sich auswirkt. Und es erweist sich dann als gesundheitsförderlich bei älteren Herrschaften. Er kann aber natürlich nichts aussagen über den „Taiji“-Kurs seiner Kollegen in einem Nachbarort, die dort vermutlich sehr andere Trainingsschwerpunkte setzen werden.

Peter Waynes Taijiquan soll der Krankheitsprävention dienen und Gesundheitsrisiken senken.

Andere Taiji-Lehrer betonen aber vielleicht mehr den Kampfaspekt, dessen Training auch die Fähigkeiten in anderen Arten von Kampfkunst wie Wing Tzun, Kungfu, Systema, Escrima, Krav Maga, Judo, Aikido, Boxen, Ringen deutlich verbessern kann.

Auch dort gibt es zunehmende „Bestrebungen der Professionalisierung“ oder „Verwissenschaftlichung von Kampf-Kunst“ wie z. B. in der EWTO (WingTzun), die den „Beruf EWTO-Lehrer“ geschaffen und einen  Bachelorstudiengang kreiert hat.

Kampf-Kunst kann aber auch unabhängig von praktisch-kämpferischen Anwendungen unter dem Aspekt (Selbst)-Management oder Lebens-Kunst betrieben oder entwickelt werden. Dann stehen Persönlichkeitsentwicklung, Veränderung von Einstellungen, Wahrnehmung, Beziehungsfähigkeit, gewaltfreie Kommunikation oder gar eine „Transformation“ im Vordergrund des Trainings. In solchen Fällen wären „Gesundheit“ oder „Fitness“ nur willkommene Nebeneffekte, aber keinesfalls Ziele.

Ist die Harvard-Methode zur Qualitätsüberprüfung „wissenschaftlich“?

Der Begriff Wissenschaft ist (wie alle Begriffe) mehrdeutig. Einige verstehen  darunter die Suche nach schriftlichen und experimentellen Beweisen für das, was sie ohnehin zu wissen glauben und für wahr halten. Also eine Bestätigung ihres aktuellen Weltbildes. Andere verstehen unter „Wissenschaft“ ergebnisoffenes Fragen und neugieriges Erforschen von bisher vollkommen Unbekanntem. Solch kreative Forscher bezweifeln (auch ihre eigenen) Glaubensmodelle, manchmal auch scharf und kritisch. Das kann dann manchmal Denkgebäude zum Einsturz bringen oder sogar Paradigmenwechsel bewirken: So kamen wir beispielsweise von der flachen zur kugeligen Erde.

Kritisch-fröhlich-respektlose Wissenschaft ist oft unbeliebt. Denn wenn sie etwas Großes (wie das Universum) im Kleinen (dem Reagenzglas) untersucht und überprüft, entstehen keine Wahrheiten, sondern nur neue Fragen und provisorische Antworten, die nur Vorläufer für neue Fragen sein können.

Für beide Aspekte von Wissenschaft stehen vielfach etablierte „wissenschaftliche“ Techniken zu Verfügung.

Peter Wayne nutzt sehr methodensicher „Wissenschaft“, um zu belegen, dass das, was er tut, so auch richtig sei.

Das wäre prinzipiell gut, wenn er andere (kritisch und skeptisch fragend) mit einer Befragung beauftragen würde. So glaubt er aber an den Nutzen seines Tuns, und sucht Bestätigung, die ihn in seinem Glauben bestätigt. Erfahrungsgemäß findet man bei solchen Studien dann auch genau das, wonach man sucht. In der Praxis des Taiji ist es meiner Erfahrung nach nicht anders: Ich war langjährig überzeugt, dass ich Entspannung fühle und „natürlich aufrecht und entspannt sei“, und musste, und muss weiterhin, mir immer wieder von einem kompetenten Lehrer, der meine Bewegungen sehr kritisch begutachtet, sagen lassen, dass mein Glaube leicht erschüttert werden kann. Das ist sehr frustrierend, aber der einzige Weg, Neues zu lernen.

Diese Auffassung vertritt zum Beispiel auch Peter Ralston (s.Lit), ein mindestens so erfahrener Taiji-Lehrer wie Peter Wayne: Er meint, man müsse das, was man sicher zu wissen glaube, komplett, wirklich zu 100 %, über Bord werfen, wenn man etwas wirklich Neues erfahren wolle. Ohne rückhaltloses, radikales „Nicht-Wissen“ und ohne kritische Neugier auf etwas, was man bisher nicht kennt, könne niemand etwas Neues entdecken oder erlernen. Erst wenn die alten Denkgebäude in einer Person einstürzten, könne sie damit beginnen, anders zu denken und neu zu fühlen, und sich dann schließlich auch (in Bewegung) verändern.

Peter Ralstons Ansicht steht wissenschaftlichem Denken (wie ich es schätze) deutlich näher als die von Peter Wayne, die sich aber mit Gesundheitsindikatoren wesentlich leichter standardisieren lässt als ein Weg der Persönlichkeitsentwicklung, den Peter Ralston anregen möchte.

Gibt es eine Lösung des Peter-Wayne-Dilemmas?

Ich denke ja. Man sollte damit aufhören, definieren zu wollen, was Taijiquan „ist“. Solche Definitionen beziehen sich immer auf die Vergangenheit und nicht auf die Entwicklungsperspektiven, also auf das, was Taijiquan „sein könnte“. Zum Beispiel für eine Person, die sich mit der Methode entwickeln will.

Standardisierungen eines Systems können immer zu seiner Erstarrung führen. Denn dabei geht es meist um Kontrolle und Macht. Nicht nur Peter Wayne, auch chinesische Sportuniversitäten und viele renommierte Taiji-Schulen sind daran interessiert, zu definieren, welches die jeweils reine Lehre sei, der ihre Anhänger zu folgen haben. Das führt nicht nur zu nützlichen Leitlinien, Regeln und Qualitätsüberprüfungen, sondern ebenso zu Rangeleien, Streitigkeiten, Eifersucht, Konflikten, Bekämpfungsstrategien und Ausgrenzungen.

Man könnte Taijiquan alternativ als ein Werkzeug auffassen, mit dessen Hilfe sich Fenster öffnen lassen. Und je mehr Fenster aufgehen, je mehr man diese nutzt, desto mehr Perspektiven eröffnen sich. So als würde der Blick freigegeben auf ein Universum an Möglichkeiten, die zu innerer oder äußerer Entwicklung, Veränderung und Wachstum führen können, wenn man sich nur ernsthaft damit beschäftigt.

Für mich ist Taijiquan ein besonders wirksames Trainingssystem natürlicher Bewegung. Ich kenne einige andere Bewegungssysteme (wie Yoga) ziemlich gut, aber Taijiquan hat sich für mich persönlich als besonders nützlich erwiesen. Und es macht mir Freude, wenn ich mit dieser erlebten Erfahrung andere anstecken kann.

Das Besondere an Taijiquan erscheint mir, dass man eine alternative Möglichkeit der körperlichen und geistigen Kommunikation trainiert. Üblicherweise wird Druck mit Gegendruck, Anspannung, Haltung und Kraft beantwortet. Solange wir schneller, schlauer, härter und stärker sind, geht das auch gut. Bis der Stress dann der Zusammenbruch folgt, die Ohnmacht, die Depression.

Durch Taijiquan kann geübt werden, wie Belastung wesentlich effektiver beantwortet werden kann: ohne unnötige Notfallmuster, mit Verspannungen und Stress. Sondern durch Loslassen in eine innere, elastische Struktur, durch die Aufdehnung und Entladung von Faszien und durch Aufmerksamkeit, Ruhe und Gelassenheit.

Taiji kann Vertrauen wachsen lassen, dass es möglich sein kann, unter Belastung dazubleiben und loszulassen. So wie beim Segeln die Energie von Wind, Wellen und Schwerkraft optimal aufgenommen und für den eigenen Schwung genutzt wird. Dann tut das Boot nichts. Es liegt nur frei beweglich, flexibel und tief im Wasser und richtet sich mit seinem Mast biegsam auf. Es passt sich an. Einmal in Fahrt reicht dann die relativ schwache Kraft der Hand an der Ruderpinne, um den Kurs zu halten.

Die Tatsache, dass Taijiquan aus einem anderen Kulturkreis kommt, kann sich ebenso positiv wie nachteilig auswirken. Positiv eindeutig dann, wenn der Umweg über China Westlern ermöglicht, eigene Blockaden aufzuspüren und zu beseitigen. Wenn linear-zielorientiertes Denken und Handeln sich mehr für das „Dazwischen“ interessiert. Für den Prozess zwischen Start und Ziel, für das Im-Fluss-Sein. Riskant könnte aber auch sein, dass es mit einer kulturfremden Methode, die schwierig zu verstehen ist, nicht gelingt einen Bezug zu den eigenen Bedarfen zu finden, sodass Verspannung, noch mehr Krampf folgt, weil „man es richtig machen will“.

Taijiquan eröffnet neue Möglichkeiten (mehr nicht). Daraus ergibt sich sein Nutzen: im Management, beim Sport, bei der Gartenarbeit, der Persönlichkeitsentwicklung, bei der Gesunderhaltung und bei der Entwicklung eines wachen, zufriedenen Geistes.

Was also könnte Professionalisierung von Taiji in diesem Zusammenhang bedeuten?

Unterrichtende sollten eine längere reflektierende Phase der Selbsterfahrung durchlaufen haben und in einem sicheren Rahmen von Standards in den Prinzipien des Taiji ausgebildet sein. Dem dienen in Deutschland z. B. die Richtlinien des DDQT.

Taiji-LehrerInnen sollten mit sich im Reinen sein bei dem, was sie tun. D. h. sie sollten die interkulturellen Zusammenhänge verstehen und ohne starre Ideologie vermitteln können, und über die nötige Methodensicherheit verfügen, um selbst erlebtes Wissen von Taiji so weitergeben zu können, dass die Entwicklungsmöglichkeiten groß und die Risiken klein sind.

Das, was in Kursen und Workshops geschieht, sollte auch externen Qualitätsbeobachtungen und Überprüfungen zugänglich sein, ohne durch Standardisierungen Flexibilität einzuschränken.

Die Teilnehmenden sollten sich nicht nur wohlfühlen, sondern durch den Unterricht auch ihren möglicherweise sehr unterschiedlichen Entwicklungszielen näherkommen können.

Dazu sollte im Unterricht sehr transparent erläutert werden, worauf (entsprechend der Kompetenz der/des Unterrichtenden) der Schwerpunkt gelegt wird: Gesundheitsförderung, Fitness, Kampfsport-Kompetenz, Verbesserung von Körpergefühl und Propriozeption, Rehabilitation nach Krankheit, Stressmanagement, Spiel mit Bewegung, praktische Anwendung in Selbstverteidigung, Alltagsübertrag, Aufmerksamkeit, Rhythmus, Bewegung, Flow, Trance, Selbsterfahrung oder Entwicklung des ganzen Menschen.

sensual-body
Fühlender Körper

Schlussfolgerung

Taiji bestimmen zu wollen, indem man versuchte, es davon abzugrenzen, was es nicht ist, ist fruchtlos. Die Grauzonen und Überlappungen sind einfach zu groß.

Sinnvoll dagegen sind Kriterien, die vielen als wesentlich erscheinen: u. a. „Schwaches lenkt Starkes, Entspannung in eine Struktur, Nachgeben unter Belastung, Harmonie von Körper, Geist und Umfeld““”.

In einem zeitlos schönen Buch der Yoga-Lehrerin Lucy Lidell kommt, neben vielen anderen Körperkünsten, auch ein kleines Taiji-Kapitel vor. Sie beschreibt dort Taiji als eine Möglichkeit (von vielen), um den Geist dazu anzuregen, den Körper und sein Umfeld mehr zu spüren,  und so zu verstehen, dass ein fühlender, atmender Körper eins ist.

So können sich Zugangswege eröffnen, um sich zu entwickeln und sorgsamer mit sich und anderen umzugehen.

DDQT zu Messbarkeit und Gesundheit.

Deutscher Dachverband für Qigong und Taijiquan

Konsens zu Wissenschaft und Messbarkeit (www.ddqt.de/tee-stube-1-messbarkeit)

  • Qigong und Taiji regen körperlich-psychologische Lernprozesse an.
  • Entwicklungen einer ganzen Persönlichkeit und ihrer inneren und äußeren Wechselwirkungen erfordern einen langen Zeitraum.
  • Systemisch (nicht-spezifische) Wirkungen, die sich auf einen Gesamtzusammenhang beziehen, können bei der Betrachtung des Verhaltens, der Verhältnisse und der Beziehungen dokumentiert werden.
  • Kurzfristige, spezifische, auf einen Laborwert bezogene Wirkungen, sind bei jeder Art von Sport, Bewegung, Achtsamkeit oder Bewegung gleichermaßen flüchtig messbar, vollkommen unabhängig von der Art des methodischen Zugangs.
  • Zertifizierungen sind ein Qualitätsversprechen und kein Beweis für Qualität.
  • Wissenschaft fragt (nach Evidenz). Beispiel: Alles was wirkt, kann auch schaden. Das zu messen ist einfach. Wissenschaftliche Methodik kann dagegen nicht beweisen, dass etwas, von dem man ohnehin überzeugt ist, dass es zutrifft. Studien, die dies (aus kommerziellen Gründen) dennoch tun (die also antworten, ohne zu fragen), belegen höchstens den Glauben an ein Dogma.

Konsens zu Gesundheit und Prävention (https://ddqt.de/was-macht-taiji-qigong-aus/

  • QiGong und Taiji sind Formen von Lebenskunst, die Lernen anregen.
  • Ein harmonischer Umgang mit inneren und äußeren Kräften wirkt sich körperlich und psychologisch aus.
  • Eine gelungene persönliche Entwicklung hat auch positive gesundheitliche Folgen.
  • Schlechte Qualität kann sich auch negativ auswirken.
  • Eine direkt-spezifische Auswirkung einer Lernmethode auf einzelne Mess-Parameter ist nicht sinnvoll.

Lebenskunst: Belastung annehmen und flexibel abgeben.

Die Prinzipien des Taiji entstanden aus den Kampfkünsten des ostasiatischen Kulturraums.

Taiji wird als System natürlicher Bewegung weltweit in sehr unterschiedlichen Formen praktiziert und weiterentwickelt. Dabei wird trainiert, mit äußeren, dynamischen Einwirkungen effektiv und zugleich gelöst umzugehen: Das wesentliche Ziel ist: gewinnen, ohne zu kämpfen.

Da beide Kontrahenten einen Vorteil aus einer überraschend friedvollen Interaktion ziehen (und so zu Partnern werden), ähnelt Taiji den Prinzipien der Methode der gewaltfreien Kommunikation (GFK).

Die Grundidee des Taiji (gerade bei Belastung entspannen) gleicht dem Segeln: Dort werden Wind und Wellen genutzt, statt sie auszuhalten, gegen sie anzukämpfen oder vor ihnen zu fliehen. Ähnlich passen sich Taiji-Bewegungen widerstandslos und flexibel an das an, was gerade geschieht. Alle Anteile des Körpers und der Aufmerksamkeit wirken zusammen als eine elastische Einheit. Und so werden Achtsamkeit (Mindfulness) und körperliche Koordination gleichermaßen trainiert.

Gymnastik, Yoga, Pilates, QiGong und viele andere, den Körper und den Geist gleichermaßen entspannende Methoden, können sich günstig auf eine innere Harmonisierung der Lebensfunktionen auswirken. Taiji bezieht zusätzlich die Dynamik des unmittelbaren Umfeldes mit ein. Die Fähigkeit, starke Kräfte zu entwickeln, ohne sich abzumühen, beruht auf dem Grundprinzip aller lebenden Zellen:

In Ruhe befinden sich die Körperzellen im Zustand elastischer Aufspannung in einer flexibel verformbaren Struktur. Wie ein Hüpfball muss der Körper eigentlich nur wenig tun, damit äußere Kräfte (wie die Gravitation) optimal genutzt werden.

Wie könnte sich Taiji günstig auf die Gesundheit auswirken?

Stress, das Notfallprogramm für Kampf-Flucht-Ohnmacht, stört die normale Immunfunktion und kann zu Erkrankungen sehr unterschiedlicher Organsysteme führen. (Polyvagal Theorie und Anti-inflammatorischer Reflex)

Die Auslösung von Stress (als ein inneres Reaktionsmuster) ist „hausgemacht“, und daher eigentlich vollkommen überflüssig. Gerade bei enormen Herausforderungen wäre es für das Überleben viel günstiger, psychisch und körperlich zu entspannen, gelassene Ruhe auszustrahlen und sich unverkrampft, elegant und kraftvoll zu bewegen. Diese Möglichkeiten des Handelns werden bei Taiji geübt.

Von einem Taiji Training könnten also theoretisch starke Systemeffekte ausgehen, die die Prozesse der körperlichen und psychischen Weiterentwicklung gleichermaßen günstig beeinflussen könnten. Spezifische Effekte, die sich an Laborwerte messen lassen, wären natürlich ggf. auch überprüfbar wie Blutdruck, Entzündungsmarker oder Atemvolumen. Solche Hinweise wären aber für Taiji nicht typisch, da sie auch bei vielen anderen Methoden des achtsamen und sanft bewegten Umgangs mit sich selbst beobachtet werden können. Die Messung spezifischer Folgen günstiger System-Effekte wäre bei der Untersuchung von Taiji-Wirkungen nicht besonders aussagekräftig. Zumal Tausende Taiji-Varianten in sehr unterschiedlicher Qualität (und auch ganz anderen Zielrichtungen) angeboten werden, sodass auch Verschlimmbesserungen oder Verkrampfungen als Trainingsfolgen denkbar sein können.

Wenn sich allerdings Personen durch das Erleben und Erlernen der Prinzipien, die Taiji zugrunde liegen, sich künftig anderes verhielten, würde das für die Anwendung gerade dieser Methode sprechen. Dann könnte ein Verlernen ungünstiger Reaktionsmuster und Haltungen sich indirekt günstig auf gesunde Entwicklungen auswirken.

Es ist nicht einfach, Systemeffekte zu messen.

2008 wurde erstmals versucht, die Auswirkungen einer anderen Methode zu untersuchen, die ebenfalls nur wenig spezifisch wirkt, und stattdessen versucht, mental-körperliche, verhaltensändernde Lernprozesse nachhaltig anzuregen: Alexander Technik (AT). In zwei Studien  konnte belegt werden, dass RückenschmerzpatientInnen, die AT erlebten, sich anschließend subjektiv besser fühlten als die Personen der Vergleichsgruppe. Und dass sie lernend ihr Bewegungs-Verhalten änderten und anschließend weniger Produkte des Gesundheitsmarktes konsumierten. (Hollinghurst 2008, Little 2008)


Wang C: Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia. BMJ 2018, 360:k85, Volltext: www.bmj.com/content/360/bmj.k851 – Link: Visual Abstract

Am 21.03.2018 wurde in der gleichen Zeitschrift (BMJ) eine ähnliche Untersuchung zu Taiji publiziert. (Wang 2018)

Die untersuchten Personen litten an einer komplexen Erkrankung, der eine Störung des Immun-Systems zugrunde liegt: Fibromyalgie. Spezifische, medikamentöse Behandlungen sind dabei in der Regel wenig wirksam. Fibromyalgie gilt als eine Vorstufe rheumatischer Erkrankungen, und könnte als Hyperaktivität des Immun-Systems aufgefasst werden.

Ursächlich kommen Störungen der neuronalen Steuerung der Immunfunktion infrage (insb. Stress), ein ungünstiges Zusammenspiel mit dem Mikrobiom des Darmes, Fehlfunktionen nach Infektionen oder Schadstoffeinwirkungen und Störungen des Bewegungsapparates und der Schmerzverarbeitung. Bei einer solchen Erkrankung, bei der viele Faktoren zusammenwirken, ist die Chance relativ groß, dass die unterschiedlich betroffenen körperlichen Systeme in ihrem Zusammenspiel gemeinsam beeinflusst werden könnten. Und sich so ungünstige Reaktionsmuster beruhigen können, und das Immunsystem lernt, mit neuen Belastungen anders (friedlicher) umzugehen.

Zur notwendigen Standardisierung wurden im Rahmen der Studie Bestandteile des weitverbreiteten Taiji-Yang-Stils gewählt. Die Variationsbreite des Yang-Stil-Taiji kann auch außerhalb der Studie beobachtet werden. Damit wurde (wie in anderen Studien zur Wirkung von Taiji) vermieden, nur das als „Taiji“ zu definieren, was gerade in den Studien-Kursen stattfand. Außerdem schien den UntersucherInnen bewusst zu sein, dass die Kompetenz und die Persönlichkeit der LehrerInnen einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der Lernprozesse haben können. Daher wurden in den Taiji-Gruppen drei TrainerInnen eingesetzt, um Lehrereffekte beobachten zu können. Als Vergleichsgruppe dienten Gruppen, in denen gymnastische Standardübungen angeboten wurden.

Ergebnis

„Taiji Geist-Körper-Training führt zu einer ähnlichen oder größeren Verbesserung der Symptome als aerobisches Training, für eine Vielzahl von Ergebnissen bei Patienten mit Fibromyalgie. Längere Dauer des Taiji zeigte größere Verbesserungen. Dieser Geist-Körper-Ansatz kann als therapeutische Option in der multidisziplinären Behandlung von Fibromyalgie angesehen werden.“ (frei übersetztes Zitat aus Wang 2018)

Eine Studie bei Patient:innen, die an Parkinson litten, war bereits zuvor zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. (Li 2012)

Konsequenzen

Die Studien von Wang und Li belegen keine Überlegenheit von Taiji gegenüber anderen Methoden.

Sie zeigen aber, dass das Instrument „Taiji“ sich günstig auswirken kann bei Systemerkrankungen. Zumindest in den Händen geeigneter Ausbilder:nnen. Möglicherweise, weil Achtsamkeit und entspannte Bewegung gleichermaßen trainiert werden, was sich auch bei der Anwendung ähnlicher Ansätze als wirksam erweist. (Bravo 2018)

Damit sich der Effekt von Taiji (oder von vergleichbaren Methoden) günstig entfalten kann, sollte

  • sich die Ausbildung von KursleiterInnen und LehrerInnen an klaren Vorgaben orientieren und durch Gütesiegel anerkannter Verbände zertifiziert werden (in Deutschland bei Taiji: DDQT).
  • die Zielsetzung der Kurse für unterschiedliche Zielgruppen differenziert werden: Gesunde KampfsportlerInnen benötigen andere Zugangsformen als Personen, die, von einer Krankheit gezeichnet, genesen wollen.
  • ein/e Trainer:in, die mit Personen arbeitet, die gesundheitlich beeinträchtigt sind, besonders kompetent und einfühlsam kommunizieren kann.

Taiji in helfenden Berufen

Helmut Jäger, Norbert Heinrich, Christian Auerbach, 2020

Berührung
Berührung (Bild: Jäger 2017)

Menschen, die in heilenden oder helfenden Berufen arbeiten, sind Anforderungen ausgesetzt, die ihre eigene Gesundheit gefährden.

Wesentliche Faktoren sind dabei der ständige Kontakt mit Hilfesuchenden und die große Verantwortung für die Klient:innen.

Wir sehen ein großes Potenzial, um einen kräfteschonenderen Umgang mit den eigenen Ressourcen zu entwickeln. Zum Beispiel in der Art des entspannten Miteinanders im Taijiquan, bei dem das Annehmen, Leiten, Neutralisieren von Kräften und das Loslassen unter Belastung geübt wird.

Starke Belastungen in helfenden Berufen

Ärzt:innen, Krankenschwestern, Hebammen, Lehrer, Therapeut:innen und (Sozial-)Pädagog:innen sind teilweise selbstständig, leiten ein Team oder sind Teil davon, müssen ihre Arbeit dokumentieren, haben oft wenig Pausen, und sind immer mit Menschen zusammen, die etwas von ihnen verlangen. Sie wollen und müssen auf ihre Klienten eingehen, in Kontakt gehen, sie ganz wahrnehmen, ihnen zuhören, sie verstehen, und auch das nicht Gesagte erfassen. Dann müssen sie Diagnosen stellen, Operationen durchführen, Medikamente verabreichen, und eine Geburt begleiten. Oft geht es dabei um Leben und Tod oder um die Zukunft der zu beratenden oder zu behandelnden Menschen.

Der Wille zu helfen ist in diesen Berufen stark ausgeprägt. Dies mobilisiert Kräfte und verleitet »Helfer« oft dazu, aus ihrer Mitte herauszugehen, um ganz beim Klienten zu sein.

lm Folgenden gehen wir den nützlichen und gesundheitsfördernden Aspekten des Taijiquan nach, die insbesondere für diese Berufsgruppen ein Potenzial darstellen, um gesund und mit der eigenen Mitte verbunden zu bleiben.

Wir betrachten hier Gesundheit als Mittel und nicht als Ziel: als eine (idealerweise wachsende) Summe der Möglichkeiten, um Lebensziele zu erreichen. Unter Taijiquan verstehen wir ein im östlichen Kulturraum entwickeltes System von Achtsamkeit und natürlicher Bewegung. Dessen Anwendungen sehr unterschiedlich sein können: von ausgesprochen effektivitätsorientierter Kampfkunst bis zu meditativ inneren Formen. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden und den Rückgriff auf die Prinzipien hervorzuheben, schreiben wir hier in Folge von »Taiji«.

Diese den verschiedenen Taiji-Formen gemeinsamen Grundprinzipien zeigen sich u. a. als Entspannung in eine elastische Struktur unter Belastung, widerstandslose Nutzung äußerer Wirkkräfte (wie Gravitation oder Fliehkräfte), nicht-lineare Bewegung in Verbundenheit mit dem Geschehen und dem, was die Situation erfordert. Wirkungsvolles Lenken und Leiten mit minimalem inneren Kraftaufwand, Wachheit für komplexe Wechselwirkungen und gewaltfrei begleitete Beziehungen.

Die Grundidee des Taiji. Gerade unter Belastung loszulassen, ähnelt dem Segeln: Dort werden Wind und Wellen genutzt, statt sie auszuhalten, gegen sie anzukämpfen oder vor ihnen zu fliehen. Taiji-Bewegungen passen sich widerstandslos und flexibel an das an. was gerade geschieht, und bekämpfen es nicht. Alle Anteile des Körpers und der Aufmerksamkeit wirken zusammen als eine elastische Einheit. So werden Achtsamkeit (mindfulness) und körperliche Koordination gleichermaßen trainiert.

Taiji: Effektiv ohne Kollateralschäden

Gesundheitsstörungen sind meist die Folge ungünstiger Bekämpfungs- oder Handlungsstrategien angesichts zu großer Belastungen. Verhaltensweisen. die zu Schäden des Bewegungsapparates, der lmmun-Darm-Funktion und des neurophysiologischen Systems führen, können durch Taiji bewusster wahrgenommen und verändert werden. Deshalb kann das Erleben von Taiji zu körperlichen und psychologischen Entwicklungen führen, die vorhandene Ressourcen mobilisieren, um sie schonend und zugleich wirksam einzusetzen.

Gymnastik, Yoga, Pilates, Qigong und andere, den Körper und den Geist gleichermaßen schulende und spannungsregulierende Methoden wirken sich oft günstig auf eine innere Harmonisierung der Lebensfunktionen aus. Taiji erweitert das Feld der Schulung und bezieht zusätzlich die Dynamik des unmittelbaren Umfeldes mit ein.

Entspannt, verbunden, zentriert. Bild: Jäger, Bangkok 2018

Bei Taiji wird in besonderer Weise die Kunst der Berührung unterrichtet. Menschen können mit Geist und Körper »in das Umfeld hinaus- und in das Feld anderer hineinreichen“, und sich so mit einem Geschehen außerhalb des eigenen Körpers verbinden. Berühren wir den Körper eines Menschen, können wir (mit etwas Übung) seine Struktur, deren Bezug zur Schwerkraft und die kleinen unwillkürlichen Bewegungen wahrnehmen. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist in heilenden Berufen von überragender Bedeutung. Denn sie haben gleichermaßen Bedeutung für das Erkennen und die Unterstützung des anderen. (Miller 2018)

Die Fähigkeit, sich mit den im Umfeld wirkenden Kräften zu verbinden und eigene Kräfte zu entwickeln, ohne sich abzumühen, beruht auf dem Grundprinzip aller lebenden Zellen. In Bezug auf die Körperorganisation eines Menschen lässt sich in dem ursprünglich aus der Architektur stammenden Konzept der Tensegrity ein gutes Beschreibungsmodell finden: ln Ruhe befindet sich jede einzelne Körperzelle genauso wie das gesamte Gewebe des Menschen (etwa das myofasziale oder das viszerale System) im Zustand elastischer Auf-Spannung in einer flexibel verformbaren Struktur. Wie ein Hüpfball muss der Körper dann nur wenig aktiv tun, damit äußere Kräfte (wie Gravitation. Fliehkräfte oder Druck oder Zug eines Trainingspartners) ausgeglichen und in Folge optimal genutzt werden können.

Diese Idee führt nun direkt zu Wirkungen des Taiji, die die Möglichkeiten vieler anderer körperorientierter Verfahren überschreiten. Die meisten „Wellness-Methoden“ bieten im gestressten Alltag Entspannungspausen, die eine schnelle Rückkehr in das gleiche Hamsterrad begünstigen. Taiji dagegen kann dazu führen, künftig das Gleiche körperlich und psychologisch anders zu tun.

Stress

Das menschliche Bewegungs- und Nervensystem kann sich Belastungen flexibel anpassen. Auch starke Beanspruchungen können von ihm ohne Schäden verarbeitet werden, sofern ein Nutzen erkennbar ist: wenn die erforderliche Arbeit der Befriedigung von Grundbedürfnissen dient, die Zukunft sicherer gestaltet wird, wenn die Bewältigung der Situation im Rahmen der eigenen Kompetenz realistisch erscheint, und wenn sie in einem Gesamtzusammenhang sinnvoll wirkt. Wenn das nicht der Fall ist, werden (meist völlig unbewusst) Kampf- oder Fluchtreaktionen ausgelöst und die Betroffenen drängen mit dem verengten Problemlöse-Tunnelblick nach vorn – wie eine Fliege. Die gegen eine Scheibe fliegt. Oder sie weichen. Oder, wenn gar nichts mehr hilft, bricht ihre Abwehr ohnmächtig in sich zusammen. Sowohl Überlastung im Kampf als auch »Entspannung« im energieleeren Kollaps stören die normalen Körperfunktionen – insbesondere das Immunsystem – und können Erkrankungen sehr unterschiedlicher Organsysteme auslösen. (Porges 2011).

Die basalen Notfall-Reaktionen des Stamm- oder Reptilienhirns sind im Vergleich zu einer ruhigen Anpassung an Belastungen nicht sehr effektiv, und sie führen nicht dazu, dass die Bewältigung von Herausforderungen lernend verarbeitet wird. Wesentlich wirksamer ist es, wenn in einer kontrollierbaren Belastungsreaktion zeitgleich zur Aktivierung ein stark beruhigender Impuls über den Vagus-Nerv geleitet wird, im Sinne von: »Was ich tue, ist sinnvoll, und ich schaffe das!«. In diesem Fall verbessern sich etwa intensive Bewegungen. Ebenso verbessern sich die Herzleistung und die Atmungsfunktion in der Auseinandersetzung mit einer Infektion. Alle Körperorgane wirken dann ruhig. Besonnen und sehr effektiv an der Bewältigung der Aufgabe zusammen. Werden so Belastungen angenommen und wirksam in eine positive Richtung geleitet, lernen die Nerven- und Immunfunktionen und passen sich flexibel an neue Herausforderungen an. (Hüther 2001)

Gerade bei großen Herausforderungen für das Überleben wäre es viel günstiger. Psychisch und körperlich zu entspannen und gleichzeitig bereit zu sein für eine sofortige Handlung. ln größtmöglicher Wachheit um Ruhe ausstrahlend könnte sich der Mensch dann elegant und kraftvoll bewegen. Diese Möglichkeiten des Handelns, dosiert, Schritt für Schritt und mit langsam gesteigerten Anforderungen an komplexere Veränderungen, werden im Taiji in den Partnerübungen wie in einem Verhaltenstraining eingeübt. Gegenstand des gemeinsamen Trainings in Wechsel zwischen Übung und Reaktionsmustern ist es, ineffektive Verhaltens- um Bewegungsmuster immer mehr zu verlernen und langsam durch entspannte, wirksame, natürliche und angemessene Handlungen zu ersetzen.

Von einem Taiji-Training können so starke Systemeffekte ausgehen, die Prozesse der körperlichen und psychischen Weiterentwicklung gleichermaßen günstig beeinflussen. Hier ist, vorwiegend in der Interaktion mit anderen Menschen, eine Verhaltensmodifikation möglich, die das Taiji von anderen Verfahren der Körper-Bewusstseins-Schulung abhebt. Das Umlernen ungünstiger Reaktionsmuster und Haltungen kann sich direkt und indirekt günstig auf gesunde Entwicklungen, sowohl im sozialen Feld als auch in der körperlichen Gesundheit, auswirken.

In der Zeitschrift BMJ wurde eine Untersuchung zur Wirkung von Taiji publiziert. (Wang 2018) Die untersuchten Personen litten an einer komplexen Erkrankung. Der eine Störung des Immunsystems zugrunde liegt: „Fibromyalgie”. Neuronale Störungen der Immunfunktion (besonders ein Übermaß an Stress), ein ungünstiges Zusammenspiel mit dem Mikrobiom des Darmes, Fehlfunktionen nach Infektionen oder Schadstoffeinwirkungen und Störungen des Bewegungsapparates und der Schmerzverarbeitung gelten als Auslöser. Spezifische medikamentöse Behandlungen sind dabei in der Regel wenig wirksam. Fibromyalgie gilt als eine Vorstufe rheumatischer Erkrankungen und könnte als Übererregbarkeit des Immunsystems aufgefasst werden.

Das Ergebnis der Studie zeigt: Taiji-Geist-Körper-Training führt bei Patienten mit Fibromyalgie zu einer ähnlichen oder größeren Verbesserung der Symptome als aerobes Training. Längere Dauer des Taiji zeigte größere Verbesserungen und kann als therapeutische Option in der multi-disziplinären Behandlung angesehen werden. (frei übersetztes Zitat aus Wang 2018)

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam bereits eine frühere Studie bei Patient*innen, die an Parkinson litten. (Li 2012)

Konsequenz

Die Studien von Wang und Li zeigen, dass das Instrument Taiji in den Händen geeigneter Lehrer*innen Systemerkrankungen günstig beeinflussen kann und in einigen Bereichen anderen Methoden überlegen sein könnte. Möglicherweise, weil Achtsamkeit und entspannte Bewegung gleichermaßen trainiert werden. Denn das wirkt sich auch bei der Anwendung ähnlicher Ansätze als wirksam aus. (Bravo 2018)

Damit sich der Effekt von Taiji günstig entfalten kann. sollte ein gewisser Kenntnisstand der Unterrichtenden als Standard erreicht und ein methodischer Grundkanon nachgewiesen werden.

Deshalb sollte (unserer Ansicht nach)

  • sich die Ausbildung von KursleiterInnen und Lehrer:innen an klaren Vorgaben orientieren und durch Gütesiegel anerkannter Verbände zertifiziert werden (in Deutschland zum Beispiel bei Taijiquan: Deutscher Dachverband für Qigong und Taijiquan).
  • die Zielsetzung der Kurse für unterschiedliche Zielgruppen muss differenziert werden: Gesunde Kampfsportler*innen benötigen andere Zugangsformen als Personen, die von einer Krankheit genesen wollen.
  • eine Lehrkraft, die mit Personen arbeitet, die gesundheitlich beeinträchtigt sind, besonders kompetent und einfühlsam kommunizieren können.
  • eine Lehrkraft in der Lage sein, Taiji-Prinzipien auch in Einzelsitzungen unmittelbar bedarfsbezogen einzusetzen, etwa im Rahmen von vereinfachten Zugängen wie der Basic Body Awareness Therapie.

Taiji: große Wirkung mit geringem Aufwand

Die Taiji-Prinzipien entwickelten sich aus einer Philosophie des Kämpfens, aber die dabei entdeckten Gesetzmäßigkeiten können auch besonders in helfenden Berufen hilfreich und heilsam angewendet werden.

Körperliche Belastungen (etwa das Heben von Patientinnen oder langes Stehen im OP) können wesentlich flexibler angenommen werden, wenn Körperstruktur. Schwerkraft und Balance optimal eingesetzt werden. Wurden die grundlegenden Prinzipien der Bewegungsoptimierung verstanden. ist es auch leichter. Gegenstände wie chirurgische Instrumente als eine Erweiterung des körperlichen Fühlens und Spürens einzubeziehen. Die psychische und körperliche Kontaktaufnahme gestaltet sich wesentlich offener, selbstsicherer und störungsfreier, wenn sie aus einer ruhigen Gelassenheit heraus erfolgt.

Entspannen unter Belastung verhilft Klientinnen zu einem stressberuhigten Handeln. Innere Wirkkräfte werden optimal genutzt, wenn äußere Einwirkungen angenommen, aufgenommen und optimal begleitet werden können. Konflikte entschärfen sich. wenn dem Geschehen eine neue Richtung gegeben und mühelos Kraft entwickelt werden kann. Die Schulung von Aufmerksamkeitsführung, Absicht und klarer Wahrnehmung trainiert die Fähigkeit des wachen Abwartens („watchful waiting“). Das Eingehen heilsamer Verbindungen, Beziehungen und tragfähiger Kontakte hilft zu verstehen. Wie gewaltfreie Kommunikation und empathisches, vertrauensvolles Lenken und Leiten möglich werden. Und bei Schonung des eigenen Kräftehaushaltes die Arbeit mit Mitarbeiterinnen. Kolleginnen und Klient:innen ruhiger gestaltet und so wesentlich verbessert werden kann.

Taiji-Üben fördert eine gute Erdung, aus der sich Selbstvertrauen und kraftvolle Bewegungen gestalten. Aus einer kräftigen Mitte können sich stabile Entwicklungen ergeben: im Vertrauen auf die Möglichkeit, sich flexibel anpassen zu können, ohne den eigenen Standpunkt zu verlieren. Wer so elastisch in sich ruht, kann auch mit anderen in eine akzeptierende Kommunikation eintreten.

Durch das Erleben entspannter Bewegung lässt (auch bei Belastung unnötige Spannung) nach. Und es fällt leichter, das zu akzeptieren, was ist. So entsteht Neugier.

Literatur

  • Bravo C.: Basic Body Awareness Therapy in patients suffering from fibromyalgia. in Physiotherapy Theory aud Practice 2018, 3 1-11
  • Hüther G: Biologie der Angst – Wie aus Streß Gefühle werden: Vandenhoeck 8: Ruprecht 2001
  • Li F. et al.: Tai Chi and Postural Stability in Patients with Parkinson‘s Disease. The New England Journal of Med. 2012
  • Miller LE : Sensing with tools extends somatosensory processing beyond the body. in Nature 2018. 561 (7722):239-242
  • Porges St: The polyvagal theory: Neuro-physiologlal foundations oi emotions. attachment. communication and self-regulatlon, W. W. Norton 8c Company 2011. S. 69: Tracey. K; Reflex control ol lmmunity. in Nature reviews. Immunology 2009 Jun:9(6):4l8-28
  • Wang C. Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia: comparative effectiveness randomized controlled trial. BMJ 2018, 360:k85

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Letzte Aktualisierung: 18.06.2026