Kultur und Spiele

Inhalt

  • Was ist Go, Bao und Schach gemeinsam?
  • Was ist so einzigartig an Schach?
  • Was fasziniert mich an Bao?

letzte Überarbeitung: 29-05.2019

Was ist Go, Bao und Schach gemeinsam?

Ich denke, also bin ich. Descartes.
Ich bin nicht. Na und? Suzuki.
Wir sind! Tutu

Im Leben setzt sich der Fitteste durch: denken Europäer*innen.

Asiat*innen glauben eher an die Macht der Beziehungen und der dynamischen Verbindungen. Und in afrikanisch-bäuerlichen Gesellschaften stehen der Zusammenhalt der Gemeinschaft und die Fruchtbarkeit im Zentrum des Interesses.

Indisch-persisches Schach, als Dekoration in einer christliche Mission vor heidnisch afrikanischem Hintergrund. Bild Jäger 1982.

Seit mindestens fünf bis zehntausend Jahren wird mit diesen Aspekten der Realität gespielt. Nicht nur im Tanz, sondern auch an Spielbrettern, vor denen ein Körper scheinbar ruht und „etwas“ im Inneren denkt. Ein „Ich“ entfaltet ein Bild, wie es sein wird und lässt dann den Körper etwas tun: z.B. ein Steinchen auf ein Feld setzen. In den ältesten Brettspielen-Formen wurde noch mit dem Zufall gespielt, hinter dem sich natürlich (wie in der Wahrsagekunst) das Schicksal, der göttliche Wille oder die Vorsehung verbarg. Spiele wie das ägyptische Senet (um 3.500 v.u.Z.), das königliche Spiel von Ur (um 2.600 v.u.Z.) und als alt-indische Spiel Chopat benutzten Würfel und erinnern damit an die heutigen Spiele Backgammon oder „Mensch ärgere dich nicht“.

„Mühle“ (Nine Men’s Morris, Sri Lanka um 1.500 v.u.Z.) und Mancala eliminierten nicht nur die tanzende Bewegung, sondern auch noch den Zufall. Erstmals waren scheinbar nur die „geistigen“ Fähigkeiten des Spielers ausschlaggebend für Gewinn und Verlust. Beide Spiele benötigten noch keine Bretter, weil die Spielsteine in ausgescharte Erdmulden gelegt oder auf geritzte Linien gesetzt wurden.

Aus einem ursprünglichen Würfelspiel entwickelte sich vielleicht um 600 v.u.Z. in Indien Chaturanga, mit einem Brett von 64 Feldern und dem Schach sehr ähnlichen Figuren. Dabei standen sich zwei Armeen gegenüber. Neben dem König wachten die Lanzenträger, flankiert von der Kavallerie, die eingerahmt wurde von den antiken Panzern der Kriegselefanten mit ihren Gefechtstürmen. Davor die zwangsrekrutierten „Bauern“, die leicht geopfert werden konnten. Im Unterschied zu Schach stand wie u.a. im indischen Königreich Nanda neben dem König ein Berater oder Minister.

Wo aber kam plötzlich die Dame her, neben der der Schach-König so schwächlich ausschaut? Symbolisierte sie eine der vielen Sexsklavinnen der damaligen Herrscher? Wohl kaum, denn die hatten im Krieg nicht viel zu sagen.

Die ersten Versionen des Schachspieles stammen aus den Regionen, in denen sich Persien und Indien berührten. Dort, an der Kreuzungsstelle der Seidenstraße, befand sich zwischen 300 und 100 v.u.Z. das Kernland der griechisch-mazedonisch-baktrischen Königreiche. Die Stellung und Funktion der Dame im Schach erinnert an die Staatsreligion der Herrscher in den Regionen um das heutige Afghanistan, bevor sich der letzte bedeutende von ihnen (Menander) zum Buddhismus bekehrte.

In der Nachfolge von Alexander sahen sich die mazedonisch-griechischen Könige Seleukos I (im heutigen Persien) bis Demetrios (im heutigen Afghanistan und Pakistan) jeweils als jugendlich-sonnengleichen Sohn der großen Muttergottes an. Sie wurden beschützt von der phrygischen Kybele, die um 200 n.u.Z. als Mater deum magna ideae zur römischen Staatsreligion aufstieg und schließlich im Christentum aufging.

Nachdem Seleukos von seinem Nachbarn Maurya 500 Kriegselefanten eingetauscht hatte, ähnelte seine Armee dem indischen Typ.

Mit Ausnahme der Dame, die vielleicht bei ihm oder einem seiner Nachfolger eine Standarte oder den Altar der Göttin symbolisierte.

Ob die Brettspiele Indiens über die Seidenstraße nach China wanderten, ist nicht bekannt. Dort entwickelte sich vielleicht um 600 v.u.Z. ein anderes zufall-freies Strategiespiel, bei dem nicht die Besetzung von Feldern von Bedeutung war, sondern die Kreuzungspunkte und -linien zwischen ihnen. Es betont die Beziehungen und Verbindungen, den Raum und die Möglichkeiten, die sich aus einer geschickten Gestaltung des Raumes ergeben. Dieses Wéiqi wanderte nach Japan („Go“) und Korea („Baduc“). Möglicherweise ist Wéiqi sogar noch älter als das Orakelsystem des I Ging, mit dem es keinen direkten Bezug zu haben scheint.

Bao entwickelte sich aus Mancala-ähnlichen Spielen. Auch hier spielt der Zufall keine Rolle, Bewegungen der Hand allerdings schon, da die Art, wie die Spielsteine verteilt werden, Kompetenz und Spielerfahrung ausstrahlt und damit wirkt. Die Stimmung ruhig-fließender, nicht-konfrontativer, gelassen-wacher Aufmerksamkeit ist schwer durch Worte zu vermitteln. Sie vermischt sich mit dem Flirren des Lichtes unter einem Vordach, dem im trägen Wind bewegten Schatten eines Baumes, den Geräuschen des Dorfes, dem Zirpen und Geflatter der Tiere und dem typischen Duft tropischer Schwüle. Diese sinnlich erlebbare Atmosphäre, in der sich Bao entfaltet, macht einen wesentlichen Teil der Faszination aus, die in Afrika von dem Spiel ausgeht (s. Video). Gegenüber Wéiqi/Go und Schach besteht bei Bao ein weiterer wesentlicher Unterschied: Es ist bis kurz vor dem Verlust des letzten Spielsteines möglich, das Blatt noch zu wenden und sogar zu gewinnen. Auch das ist psychologisch interessant, da sich vermeintliche Sieger oft sicher glauben und dann entscheidende Fehler begehen. Mathematisch spannend mag die Frage sein, ob Bao in endlose Spielschleifen übergehen könnte. Ja es kann (MacKay 1998), eine praktische Bedeutung hat das nicht.

Die Regeln von Schach, Wéiqi-Go-Baduc und Bao sind so einfach, dass sie ohne Schwierigkeiten an einem Tag erlernt und beherrscht werden können. Aber bereits mit den ersten Spielzügen eröffnet sich ein Universum an Komplexität, das mit einfachen Strategien nicht überblickt werden kann. Mechanisches Denken von Ursache und Wirkung oder das Widerkäuen und Abspulen von Lehrsätzen führen schnell zu einem Ende.

Zwar lassen sich in allen drei Spielen die Chancen berechnen. Daher ist es möglich, dass stumpfsinnige „PC-Rechner“ gegen Großmeister gewinnen. Den Reiz der Spiele macht aber nicht die Fähigkeit aus, zwei Züge im Voraus errechnen zu können, sondern die Kompetenz in Situationen kreativ, schöpferisch Neues zu denken. Denn es ist bei allen drei Spielen möglich, nach anfänglichen Verlusten einen scheinbar überlegenen Gegner durch einen unerwarteten intelligenten Zug zu besiegen oder in eine Falle tappen zu lassen.

Meisterschaft erfordert mehr als das Auswendiglernen tausender von Partien. Es kommt vielmehr auf spielerisches Denken an. Allerdings auf der Basis eines langen, soliden und geduldigen Trainings. Im Idealfall werden dabei die Fähigkeiten der linken Großhirnhälfte (Analytisch Trennen und einzelnes Abwägen) verbunden mit denen der rechten Hemisphäre (Alles sehen und spontan sofort das tun, was zur Situation oder dem Muster passt). Das ist nur möglich in einem meditativen Zustand der Ruhe, in dem die Gefühle und Emotionen des Säugetier-Mittelhirns und die Stressmuster des Reptilien-Stammhirns gedämpft werden.

Bei allen drei Spielen geht es im Wesentlichen darum, die Möglichkeiten des eigenen Handelns zu erweitern und die Handlungsmöglichkeiten des Gegenübers zu begrenzen. Dazu ist es nötig, den Raum wahrzunehmen, in dem die Handlung erfolgt, inklusive der vierten Dimension der Zeit. Neben Tempo und Raum spielt natürlich auch das Material eine Rolle: die Zahl der eroberten Figuren oder Spielsteine. Aber deren Bedeutung kann geringer sein, wenn die Beziehung der verbleibenden Figuren stark entwickelt ist. Um die Schönheiten der Spiele fühlen zu können, braucht es Übung. Der Einstieg ist zwar so einfach, dass jedes Kind schnell hineinfinden kann, dann aber erfordert es Ausdauer und beharrliches „Dran-bleiben“, um seinen Spaß zu haben und innovativ neue Situationen zu gestalten.

Die Spieler unterscheiden sich (wie alle Menschen im realen Leben) u.a. hinsichtlich ihrer Fertigkeiten. Man könnte sie grob einteilen in Anfänger, die mit den Regeln hantieren, den Spielsinn erahnen und sich damit die Zeit vertreiben, Figuren oder Spielsteine herum zuschieben. Dann gibt es die trainierten Anfänger mit gehobenem Standard, die verstanden haben, um was es geht, und die Spaß daran haben, mit anderen Anfängern weiterzukommen, zu üben und zu lernen. Und dann natürlich die Experten, die tausende von Büchern, Lehrsätzen und Meinungen verinnerlicht haben und diese nun (oft selbstgefällig) abspulen lassen können. Sie sind die Lehrer und wissen genau, was in einer bestimmten Situation richtig und was falsch ist, weil es in der Vergangenheit so war. Nur wenigen davon gelingt es, sich von dem bequemen Expertentum, das durch so viele Mühen erobert wurde, wieder zu lösen. Dann werden sie Großmeister, kennen ihre Fähigkeiten und wissen um ihr Nicht-Wissen, erfassen die Situationen spontan und handeln sofort, ohne vergangene Lehrsätze und Regeln durchrechnen zu müssen. Expertenwissen und -übungen sind tröge, aber nötig um Anfänger in den Regeln zu trainieren. Großmeistern, welcher Disziplin auch immer, zuzuschauen ist zwar ein Genuss, der aber eher Sehnsüchte wachruft, als die eigenen Kompetenzen zu stärken, die dafür noch nicht reif sind.

Trotz aller Mühen des Lernens, um später mühelos und elegant spielen zu können, gibt etwas, worin jedes Kleinkind auch ohne Übung Computern oder Robotern überlegen ist: Das Setzen der Spielsteine.

Der Grund für die Existenz unseres wunderbaren Gehirns, das wir u.a. mit Schach oder Bao oder Go trainieren, ist Bewegung (Wolpert 2011). Die Meisterleistung besteht also nicht nur darin, sich einen Zug auszudenken, der zum Sieg führt, sondern auch den Spielstein zu ergreifen und präzise dorthin zusetzen, wo er hingehört.

Was ist so einzigartig an Schach?

Schachschule in Sumqayit, Aserbaidschan. Bild: Jäger Juli 2019

Shah mat: Wenn der König stirbt, ist es aus.

Zufälle sind bei Schach ausgeschlossen. Nicht allein die Anzahl und Stärke der Figuren entscheidet über den Sieg, sondern auch die Zahl der Möglichkeiten in Raum und Zeit. Dagegen wirken sich Emotionen nachteilig auf den Spielverlauf aus.

Wer hat sich Schach ausgedacht?

H. Jäger, Kuba 1985
Schach in Kuba (Jäger, 1985)

Die Mehrheit der Geschichtsforscher vermutet, dass sich Schach aus dem vielleicht 2.600 Jhare alten, indischen Spiel Chaturanga (tschátur-ánga, s.u.) entwickelt hat.

Chaturanga wurde ebenfalls auf 64-Feldern gespielt. Allerdings noch ohne das typisch schwarz-weisse Schach-Brettmuster. In zwei Reihen sich gegenüberliegenden Reihen wurden Armeen in der Schlachtordnung antiker indischer Königreiche aufgestellte (Kulke 1982).

Der König (Ràja) übersah das Kampfgeschehen von einem Elefanten aus. Er wurde beraten von seinem Minister (Mantri). Beide wurden geschützt von der Leibgarde, die ebenfalls auf Elefanten saß (Gaja, die Läufer des modernen Schachs). Weiter außen stand die Reiterei (Ashva) und neben ihr die Streitwagen (Ratha), die Symbole antiker Kampfmaschinen auf Elefanten.

Zusätzlich stehen aber beim Schachspiel stehen vor diesen mobilen Truppen noch einfach Soldaten oder Bauern (Pedàti), die in die Armeelogik der Aufstellung nicht hineinzupassen scheinen, zumal sie sich in Zickzacklinien bewegen .

Viele nehmen an, das moderne Schachspiel sei aus einer sassanidisch-persischen Version dieses Spiels hervorgegangen (Chatrang, Schatrandsch oder Schadranj), und sich in dieser Form ab 700 n.u.Z. in der islamischen Welt verbreitet haben. Seit etwa 1.000 n.u.Z. wurde es dann auch im christlich-mittelalterlichen Europa gespielt.

Möglicherweise wurden die Felder des Schachbrettes erst ab dem Mittelalter dunkel und hell eingefärbt. Ab dem 13. Jhh. durften die Bauern beim ersten Schritt erstmals zwei Felder vorrücken. Im 15. Jhh. wurde dann die “en passant“-Regel eingeführt, und schließlich die Bewegungen der „Offiziere“ so festgelegt, wie sie heute noch gelten.

Ist Schach ein Hybrid aus griechischer und indischer Kultur?

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Schachschule in Sumqayit, Aserbaidschan. Bild: Jäger Juli 2019

Die Theorie, Schach habe sich nur in Indien aus Chaturanga heraus entwickelt, kann zwei wichtige Aspekte nicht erklären: Die Ausschaltung des Zufalls und die merkwürdige Bewegungsart der so genannten Bauern.

In Chaturanga wurde vermutlich gewürfelt. Sein Vorläufer (Chaturaji) war sogar noch ein reines Würfel- oder Rennspiel (etwa wie Mensch ärgere dich nicht„).

Petteia: schräg nach vorne ziehen

Zur Zeit Alexanders liebten die Griechen das Brettspiel Petteia (Räuber). Dabei standen sich zwei Reihen gleicher Spielsteine gegenüber. Und es musste versucht werden die Spielsteine des anderen zu umzingeln.

Zufall war bei Petteia ausgeschlossen. Allein die Qualität strategischen Denkens führte zum Sieg. Die Bewegungen der Spielsteine von Petteia glichen denen der Bauern beim Schach: nach vorne rücken und nach schräg nach vorne schlagen.

Das Spiel der Diebe (Ludus latrunculorum)

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Ludus latrunculorum, Wikipedia, Mus. Quintana Künzing

Römische Legionäre spielten eine Petteia-Variante, das „Spiel der Diebe“.

Bei diesen Spielen werden zweifarbige Steine benutzt, die versuchen gegnerische Figuren einzuschließen.

Dieses Ludus latrunculorum konnte inzwischen in seinen seinen Regeln rekonstruiert werden und scheint einer einfachen Version des chinesischen Wéiqi zu gleichen (jap. Go, korean. Baduc).

Schach = Petteia + Chaturaji?

Spielten die Händler der Seidenstrasse an langen Abenden Petteia, Ludus latrunculorum oder Wéiqi? Wäre dann der Ursprung von Petteia ost-asiatisch? Oder geht umgekehrt Wéiqi auf griechische Einflüsse zurück?

Das aus Chaturaji weiterentwickelte Chaturanga könnte so auch eine indische Folge eines griechischen Einflusses sein (Samsin 2002).

go
Wéiqi, Go, Baduc. (Dt. Go Bund: dgob.de)

Sicher ist, dass an den den Knotenpunkten der Handelsrouten ein intensiver Kulturaustausch zwischen Europa, Asien und Indien statfand. Insbsondere in den Regionen südlich des Kaukasus und im heutigen Nord-Afghanistan. daher ist es naheliegend, dass sich indische Chaturaji-ähnlicher Würfelspiele nüchterne aus Griechenland oder China stammende Denkspiel vermischt haben könnten. (Averbakh 2012 )

Indisch wären demnach beim Schach die „Offiziere“ (außer der Dame), griechisch dagegen das 8×8-Brett, die Züge der Bauern, und vor allem: die völlige Ausschaltung des Zufalls.

Die Thesen von Samsin und Averbakh sind archäologisch nicht belegt. In absehbarer Zeit wird auch wohl niemand in Afghanistan nach alten Spielen graben. Wie es also wirklich war, ist unbekannt.

Dass Schach aber aus einer Vermischung der griechischen und indischen Kulturen in Baktrien entstanden sein könnte, ist auch deshlab plausibel, da sich in dieser Region Kunst, Religion, Staatspolitik und Philosophie in wenigen Jahrhunderten zu einer einzigartigen, neuen Kultur vermischten.

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Griechisch-indischer-Gandhara-Buddha. Bildquelle: Wikipedia

Diese Entwicklung begann u.a. mit den Friedensverhandlungen des mächtigen Nachfolgers Alexanders (Seleukos Nikator) mit seinem indischen Gegenspieler und späteren Schwiegersohn Chandragupta Maurya. Beide einigten sich schließlich auf die Lieferung von 500 Kriegselefanten gegen riesige Landstriche. Man verschwägerte sich und tauschte Botschafter aus. Die Kriegsführung beider Seiten ähnelte sich seither, sowohl in der Heeresaufstellung, als auch in der logisch-rational-planvollen Strategie (Grainger 2014). Beides wird durch das Schachspiel symbolisiert.

Gegenüber Alexanders Kriegstaktik vollzog Seleukos offenbar einen Paradigmenwechsel. Alexander handelte oft impulshaft, halluzinatorisch und eingebungs-gesteuert. Er spielte mit dem Glück, und konnte gegen die gegenüberstehende multinationale Supermacht am Granikos, in Issos und in Gaugamela nur siegen, weil diese in einem jeweils ungünstigen Terrain ihre Kräfte nicht entfalten konnte. Zu Alexander hätte ein schnelles Würfelspiel mit kurzen Reaktionszeiten gepasst.

Seleukos dagegen ging in seinen Kriegen strategisch planvoll und rational vor. Wie bei Schach, war für ihn die Beherrschung von Raum und Zeitvon großer Bedeutung. Er wird also möglicherweise Spiele bevorzugt haben die den Zufall und wahnhafte Eingebungen ausschlossen.

Möglicherweise kennzeichnet die Erfindung des Schach so den Umschwung vom rauschhaften Gott Dionysos (dem Alexander nahestand) zur rationalen Lichtgestalt des Apollon, der die nachfolgenden griechischen Könige in Persien und Indien deutlich mehr faszinierte.

Fünfhundert Jahre nach dem Eroberungsfeldzug der Mazedonier entstand das neue Perserreich Sassaniden (s.u.), die zarathustrische Einheitsreligion wieder einführten und die von Alexanders inthronisierte kleinasiatische Gottesmutter in die Unterwelt verbannten. Hätte damals bereits eine Dame auf dem Schachbrett gestanden, wäre sie spätestens jetzt durch einen männlichen Part ersetzt worden.

Tempelritter spielen schach
Tempelritter spielen Schach um 1200 n.u.Z. Bildquelle: Wikipedia

Den Sassaniden war das Geistestraining durch Schach besonders wichtig. Ardashir der Erste soll gesagt haben, dass ein Prinz, der nicht regelmäßig Schach spiele, kein Königreich regieren könne. Schach galt ihm, und den auf ihn folgenden Shahs, als ein Kriegstraining, genau wie Reiten oder der Umgang mit Waffen.

In seiner sassanidisch-kriegerischen Version gelangte Schach schließlich zu den Römern und später zu den Kreuzrittern.

Wie dieser Prozess der Kulturdurchdringung genau ablief, wissen wir nicht. Wir können nur etwas erahnen. Oder kreativ weiterdenken, wie es gewesen sein könnte und dabei immer neue reizvolle Facetten des Spiels entdecken.

Oder wir können es einfach selbstversunken spielen.

Wie kommt die „Dame“ in einem männlichen Krieg?

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Was treiben die mächtigen Frauen im männer-beherrschten Schlachtfeld? Bild: Jäger, Strassen-Schach in Sumqayit, Aserbeidschan, Juli 2019

Neben der überragenden Frau wirkt der Schach-König ziemlich schwächlich. Sie ist die deutlich mächtigere Spielfigur, aber doch nicht so wertvoll wie der König.

Chaturanga kannte keine Dame. Der dortige Minister konnte ebenso wie der König nur ein Feld weit ziehen.

Bei dem persischen Schachvorläufer Schadranj kommandierte neben dem König ein General (farzīn / vizier). Ob er über etwas größere Handlungs-Möglichkeiten als sein König verfügte, wissen wir nicht.

Erst im Mittelalter tauchte eine gewaltige Dame auf, die mit ihrer Machtfülle bis heute das gesamte Schachbrett durchstrahlt. Wenn sie geschlagen wird, verschwindet sie vom Spielfeld. Kämpft sich aber ein tapferer kleiner Held durch die feindlichen Reihen, kann er sie wieder zum Leben erwecken, und ins Geschehen zurückholen.

Die Historikerin Yalom vermutet, dass der Aufstieg der Dame, das Auftreten starker weiblicher Führungspersönlichkeiten im Mittelalter widerspiegelt. Insbesondere das der Isabella von Spanien. Deren Armee gelang es, die Araber aus Grenada zu vertreiben.

Wer ist diese Dame?

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Unsere liebe Frau von Guadelupe (Bild: Wiki )

Es ist unbekannt, ob Isabella bereits Schach spielen konnte, bevor sie die maurischen Paläste stürmen lies. Vielleicht wurden auch dort erst Spielbretter und Figuren erbeutet. Und man musste dann Inquisition befragen, ob dieses Teufelswerk nicht verbrannt werden müsse.

Isabelas Soldaten (und sie selbst) fühlten sich geschützt durch die Mutter-Gottes von Guadeloupe. Es liegt deshalb nahe zu vermuten, dass die Dame aus Gründen politisch-religiöser Korrektheit in ein suspektes, arabisch-jüdisches Brettspiel eingeführt wurde.

Woher kam diese Gottesmutter Maria?

Denn die „Mutter mit den wilden Tieren“ herrschte schon vor 9.000 Jahren in Çatalhöyük (s.u.).

Der Muttergotteskult geht zurück auf die kleinasiatische Muttergöttin Kybele, ihren Sohnes Attys, den Helden Mithras und auf die verwandte ägyptischen Religion der Isis mit dem Horuskind. Es ist möglicherweise die älteste Religion der Welt:

Sie wurde später von Kleinasien bis nach China verbreitet, als König-Mutter des Westens. Vorübergehend wurde sie dann ab 600 v.u.Z. im persischen Großreich durch die Ein-Gott-Religion des Zarathustra verdrängt. Nach dem Sieg der Invasion Alexanders konnten Kybele und ihre Begleiter wieder zu neuer Blüte aufsteigen.

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Muttergottheit mit wilden Tieren. Çatalhöyük, www.catalhoyuk.com

Unter der Herrschaft der griechisch- mazedonisch-persisch-baktrisch-indischen Könige in der Nachfolge Alexanders stieg ihr Kult, und der ihres sonnengleicher Sohnes, in immer geringfügig neuen Varianten, zur Staatsreligion auf.

Jedenfalls so lange bis die östlich-griechischen Großreiche zum Buddhismus konvertierten (Menander).

205 n.u.Z wurden in Rom die Kulte der Muttergottheit (Mater deum magna idaea) und des Helden (Mithras), zur Staatsreligion verschmolzen. Die höchste Instanz dieser Muttergottesreligion war der Kaiser in Rom, die irdische Fleischwerdung der unbezwingbaren Sonne (Sol invictus), der Sohn der Gottesmutter.

Der letzte „Sol invictus“ (Konstantin), verfügte jede Woche an seinem Sonn(en)-Tag die Arbeit ruhen zu lassen. Und daran halten wir uns bis heute.

Die Kirche nennt Konstantin deshalb „groß“, weil er als der höchster römischer „Bischof“ der Muttergottesreligion, das christliche Konzil von Nikäa finanzierte, organisierte und auch „als Heide“ leitete. Er verhalf der (polytheistischen) Dreieinigkeits-Partei zu ihrem Sieg über die Minderheitsfraktion der Anhänger des reinen Monotheismus. Diese kluge Entscheidung erlaubte es ihm die bisherigen religiösen Traditionen des römischen Reiches mit den neuen mystischen Geistesströmungen zu vereinen, und so gläubige Massen für sein Machtgefüge zusammenzuhalten.

Möglicherweise durchstrahlt Konstantins Dame oder Isabels liebe Frau von Guadeloupe bis heute jeden Winkel des Schachbrettes und schützen so ihren kleinen Königssohn.

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Mithras, Sol invictus, Mondgöttin. Museum Vatikan. Wiki Commons

Warum fasziniert das Schachspiel bis heute?

Moderne, nicht-denkende Rechner können inzwischen auch gegen Großmeister gewinnen. Allerdings ist jedes Kleinkind diesen Robotern weit überlegen, wenn es die Figuren auf das Schachbrett setzt.

Schach ist, wie alles Menschliche, verkörpert. (Haugeland, Tschacher, Storch)

Schach ist also kein rein geistiges Spiel, da motorische Bewegungs-Programme aktiviert werden. Es kann deshalb tatsächlich als eine Art Sport gelten. Denn die menschliche Leistung besteht nicht nur darin, sich einen Zug auszudenken, der zum Sieg führt, sondern auch den Spielstein zu ergreifen und elegant-präzise dorthin zusetzen, wo er hingehört (Wolpert 2011).

Bei Meistern führt eine präzise Raum-Zeit-Einzelfaktoren-Wahrnehmung zu einer schlagartigen Mustererkennung einer Situation, zu der eine bestimmte Reaktion passt, die dann in eine extrem genaue Muskelbewegung umgesetzt wird. Das wiederum verändert dann augenblicklich die Wahrnehmung von Raum-Zeit-Einzelfaktoren. (Merö 2002)

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Bild: Jäger, Sumqayit, Aserbaidschan 2019

Meisterschaft erfordert deshalb mehr als das Auswendiglernen tausender von Partien (was stumpfsinnige Rechner viel besser können). Stattdessen werden im Idealfall die Fähigkeiten der linken Großhirnhälfte (Analytisches Trennen und einzelnes Abwägen) verbunden mit denen der rechten Hemisphäre (Alles sehen und spontan sofort das tun, was zur Situation oder dem Muster passt).

Das ist nur möglich in einem meditativen Zustand der Ruhe, in dem die Gefühle und Emotionen des Säugetier-Mittelhirns und die Stressmuster des Reptilien-Stammhirns gedämpft werden.

Es geht bei Schach im Wesentlichen darum, die Möglichkeiten des eigenen Handelns zu erweitern und die Handlungsmöglichkeiten des Gegenübers zu begrenzen. Dazu ist es nötig, den Raum wahrzunehmen, in dem die Handlung erfolgt, inklusive der vierten Dimension der Zeit. Neben Tempo und Raum spielt natürlich auch das Material eine Rolle: die Zahl der eroberten Figuren. Aber deren Bedeutung kann geringer sein, wenn die Beziehungen der verbleibenden Figuren stark entwickelt sind.

Um die Schönheiten des Spiels erfühlen zu können, braucht es Übung. Der Einstieg ist zwar so einfach, dass jedes Kind rasch hineinfinden kann. Dann aber erfordert es Ausdauer und beharrliches „Dran-bleiben“, um seinen Spaß zu haben und innovativ neue Situationen zu gestalten.

Spieler unterscheiden sich (wie alle Menschen im realen Leben) u.a. hinsichtlich ihrer Fertigkeiten. Man könnte sie grob einteilen in

  • Anfänger, die mit den Regeln hantieren, den Spielsinn erahnen und sich damit die Zeit vertreiben, Figuren oder Spielsteine herum zuschieben.
  • Trainierten Anfänger mit gehobenem Standard, die verstanden haben, um was es geht, und die Spaß daran haben, mit anderen Anfängern weiterzukommen, zu üben und zu lernen.
  • Experten, die Bücher, Lehrsätze und Meinungen verinnerlicht haben und diese nun (oft selbstgefällig) abspulen lassen können. Sie sind die Lehrer und wissen genau, was in einer bestimmten Situation richtig und was falsch ist, weil es in der Vergangenheit so war. Nur wenigen davon gelingt es, sich von dem bequemen Expertentum, das durch so viele Mühen erobert wurde, wieder zu lösen.
  • Großmeister, die um ihr Nicht-Wissen wissen. Sie erfassen die Situationen spontan und handeln sofort, ohne vergangene Lehrsätze und Regeln durchrechnen zu müssen. Sie sind eingeschränkt-denkenden und nicht-kreativen Experten um vieles überlegen.

Großmeistern, welcher Disziplin auch immer, zuzuschauen, ist ein Genuss. Es kann allerdings auch frustrieren, weil man glaubt, solche Fähigkeiten nie erreichen zu können. Oder aber es weckt Sehnsüchte, das eigene wachzurufen und solange zu trainieren, bis irgendwann und ziemlich plötzlich, eine eigene, einzigartige Meisterschaft entsteht.

Links

Cybele Baktrien
Kybele mit Löwen und Sonnengott, Ai-Khanoum (Afghanistan), ~ 200 v.u.Z. (Quelle: Wiki-Commons)

Literatur

Ohne Titel-12
Geister-Schach der Makonde (Bild. Jäger, Tansania 1983)

Was Fasziniert mich an Bao?

In Afrika hat das „Wir“ traditionell eine größere Bedeutung als das „Ich“.

Einzelne Menschen wurden durch die Macht verborgener Kräfte, mystischer Urgewalten und durch Trance gezwungen, sich unterzuordnen. Persönliche Entfaltung war solange erlaubt, wie die wesentlichen Ziele nicht verloren wurden: Stabilität von Beziehungen und Fruchtbarkeit, die allen zugute kommen.

Afrikanisches Spiel

Seit mindestens zehntausend Jahren wird in Afrika mit diesen Aspekten der Realität gespielt.  Im Tanz, beim Rhythmus der Trommeln, und auch in beschaulicher Ruhe an Spielbrettern. Dort können sich müde Glieder im Schatten räkelnd entspannen, es wird Hirsebier genossen, Geschichten und Klatsch erzählt, und manche verteilen dabei nachdenkend Nüsse in die Mulden einer Holzplatte.

Am Bao-Brett ist dann doch ein „Ich“ da, das sich freut zu gewinnen und einem anderen ein Schnippchen zu schlagen. Aber ohne Aggression, eingebettet in die Gemeinschaft und umgeben von „Experten“ (in Afrika seltener auch Expertinnen), die das Spiel fachmännisch kommentieren.

Die Herkunft der Brettspiele

In den ältesten bekannten Formen von Brettspielen wurde mit dem Zufall gespielt, hinter dem sich natürlich (wie in der Wahrsagekunst) das Schicksal, der göttliche Wille oder die Vorsehung verbarg. Spiele wie das ägyptische Senet (um 3.500 v.u.Z.), das königliche Spiel von Ur (um 2.600 v.u.Z.) und als alt-indische Spiel Chopat benutzten Würfel und erinnern damit an die heutigen Spiele Backgammon oder „Mensch ärgere dich nicht“. Es sind letztlich Renn-Spiele: der Schnellste und vom Glück begünstigte kommt als erster ins Ziel.

„Mühle“ (Nine Men’s Morris, Sri Lanka um 1.500 v.u.Z.) und das möglicherweise aus Ägypten stammende Mancala eliminierten dann den Zufall (die göttliche Intervention), und werteten damit das kreativ-selbst-denkende Ich auf.

Erstmals waren scheinbar nur die „geistigen“ Fähigkeiten des Spielers ausschlaggebend für Gewinn und Verlust. Beide Spiele benötigten noch keine Bretter, weil die Spielsteine bei „Mühle“ auf geritzte Linien oder bei den uralten Mancala-Arten in ausgescharte Erdmulden gelegt wurden.

Bao Game
Bao Spiel. Tansania 1983 (Bi Jäger)

Bao

Bao ist eine ostafrikanische  Weiterentwicklung Mancala-ähnlicher  Spiele. Das Ziel ist so einfach wie die Evolution: Der Fruchtbarste, der die meisten Samen erobert, gewinnt.

Bei Bao ist der Zufall bedeutungslos, ganz im Gegensatz zu der Mystik der Handbewegungen. Denn die Art, wie die Spielsteine verteilt werden, strahlt Kompetenz und Spielerfahrung aus, und das kann den Gegner schon einschüchtern.

Die Stimmung eines hereinbrechenden Bao-Abends in Tansania ist voll ruhig-fließender, nicht-konfrontativer, gelassen-wacher Aufmerksamkeit. Das Flirren des Lichtes unter einem Vordach vermischt sich mit dem im träg-bewegten Schatten eines Baumes, den Geräuschen des Dorfes, dem friedvollen Gebrabbel schwätzender Dorfbewohner, dem Zirpen und Geflatter der Tiere, dem Duft von Palmwein und den fernen Gerüchen der Kochstellen in der abklingenden tropischer Schwüle. Es ist die sinnlich erlebte Atmosphäre, in der gespielt wird, die fasziniert. (s.u.: Video)

Möglicherweise würden auch gute Baospieler gegen Maschinen verlieren, wenn sie die Spielkugeln am PC setzen würden. Theoretisch könnte eine Computer die Kugeln auch in einem ausgeklügelten Algorithmen so setzen, das endlose Spielschleifen entstehen würden (MacKay 1998).

Bao
Bao (Eigenbau, kanadisches Kirschholz)

Praktisch hat beides keine Bedeutung, denn die Art der räumlich-gefühlten Wahrnehmung und der Kunstfertigkeit, mit der flinke Hände die Steine setzen, ist ungleich komplexer als bei Schach,  und damit auch für modernste Computer nicht im Entferntesten erreichbar.

Bao ist ein „verkörpertes“ Spiel (s.u.), in dem die Kommunikation über die Gestik eine große Rolle spielt. Weil eben die Beziehung zwischen den Spielenden wichtig ist, macht „es“ Spaß immer wieder von neuem zu beginnen. Es ist nicht von Bedeutung, wenn „Ich“ verliere, weil der andere eben scheinbar Glück hatte oder eben besser spielt. Bao ist eben, im Gegensatz zu Schach, kein Kriegsspiel.

Meist geht es auch guten Spielern nicht um das Gewinnen an sich, sondern um die angenehme Ruhe eines verspielten Nachmittages oder Abends bei Freunden, die sich gegenseitig wertschätzen und sich in den Pausen des Spiels Geschichten erzählen. Oder sich gegenseitig zu erklären, warum der eine oder andere siegte.

Gegenüber dem asiatischen Go/Wéiqi, dem römischen Ludus latruncolorum und dem indo-griechischen Schach unterscheidet sich Bao in einen wesentlichen Aspekt: Bis kurz vor dem Verlust des letzten Spielsteines ist es möglich, das Blatt noch einmal zu wenden und dann sogar noch zu gewinnen. Vermeintliche Sieger glauben sich daher oft viel zu früh sicher und begehen dann leicht völlig unnötige Fehler.

Ein Bao-Spiel bleibt spannend bis zum Schluß.

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Letzte Aktualisierung: 23.07.2019