6. Oktober 2021

Todes-Angst

Modern: Die Angst vor dem Tod

In Deutschland gilt (seit der Corona-Pandemie) als höchstes Staatsziel: Die Sterblichkeit verringern. Der Infektionsschutz sei wichtiger als Grundrechte und Kindeswohl. Als gesund gilt, wer – getestet und kontrolliert – empfohlene medizinischen Produkte konsumiert. Gesundheitsziele, die früher zu sinkender Nachfrage nach Krankheitsbehandlungen führen sollten, gerieten in Vergessenheit.

Vorrangig sei die Verlängerung des Lebens. Koste es, was es wolle. Lebensqualität verliert an Bedeutung.

Entwickelt sich die menschliche Psyche gerade um Jahrtausende zurück?

Menschen sind zu liebevollen Beziehungen fähig:
herzlich miteinander verbunden, lachend, neugierig, fröhlich und zugewandt. Ihr Leben gemeinsam genießend und gestaltend. Oft denken sie dann nicht an das, was sie im Interesse übergeordneter Interessen tun sollten. Dann müssen sie gezwungen werden, zum Beispiel durch Auslösung von Angst. Am gefügigsten werden Menschen, die, zu Tode erschreckt, nur noch einen Tunnel erkennen, durch den sie rennen sollen. Masken sind besonders geeignet, um eine Bedrohung durch tödliche Gefahren zu übersteigern. Denn sie verdecken ihre Mimik, die Menschen untereinander verbindet. Masken verwandeln ein menschliches Gesicht in die Fratze eines Dämons. In ein Reptil, das keine Gefühle kennt. In ein übermenschliches Wesen, das keinen Widerspruch duldet. Links: Kongo-Maske, hinter der sich ein Gott, Geist oder Teufel verbergen kann, von dem der Träger der Maske gerade besessen ist (Bild: Jäger 2021, Urgeschichtliches Museum Blaubeuren), Mitte: „Herzgefühl“, Ulm, Donau-Ufer (Bild: Jäger 2021) Rechts: Römische Kriegsmaske, das starre Antlitz eines Menschen, der unmenschlich handelt (Nachbildung eines Originals aus Kalkriese) (Bild: Jäger 2021)

Vor langer Zeit: Lebensdynamik und Todesverachtung

Menschliche Jäger und Sammler, die schon vor über 200.000 Jahren durch Savannen streiften (u.a. Homo erectus), überlebten in Familien-Gruppen. Das Leben der Gemeinschaft war wichtiger als der Tod des Einzelnen. Ihre Heldinnen und Helden besiegten in wahnhafter Raserei Löwen, erschlugen Mammuts oder spießten Höhlenbären auf. Sterbend wurden sie betrauert, oder – wenn sie überlebten – reich belohnt.

In diesen Klein-Verbänden setzten sich (wie bei Schimpansen) die Ranghöchsten in unmittelbarer Konfrontation durch. Sie bestimmten die Marschrichtung und wurden, wenn sie schwächelten, aussortiert. Feigheit (Angst vor dem Tod oder realistische Einschätzung der Gefahr) wird durch die Alpha-Mitglieder der Gruppe direkt sanktioniert worden sein.

Diese Frühmenschen mussten sich in psychischen Zuständen befinden, die sie zu „über-menschlichen“, hochgefährlichen Leistungen (wie der Großwildjagd) befähigten, ohne Verletzungen oder Tod zu fürchten. Oder sie mussten durch schamanistische Rituale in Wahnvorstellungen oder Besessenheit verfallen.

Erste bekanntes Kunstwerk: Der Löwen-Mensch. Ausstrahlung gelassener Kraft und Entschlossenheit. Ein Schamane? Ein sakrales Mischwesen? Ein Löwe in Menschengestalt? Ein menschlicher Geist, der einen Löwen lenkt? Museum Ulm (Bilder Jäger 2021)

Hoch-Spannung und Beziehung

Die aus Afrika seit 40.000 Jahren ausgewanderten Homo-sapiens-Gruppen waren den, in Europa heimischen, Neandertalern deutlich unterlegen. Diese titanischen Vettern anatomisch moderner Menschen verfügten über einen wesentlich kräftigeren Körperbau und auch größere Gehirne. Sie waren gut an das raue Nordklima angepasst, nutzten robuste Waffen, und hatten sehr wirksame Jagdtechniken entwickelt. Trotzdem setzte sich die Homo-sapiens-Spezies in der Evolution durch. Es muss also (über das ihnen vermutlich gemeinsame den Tod verachtende Verhaltens hinaus) etwas gegeben haben, was die Menschen der Gattung Homo sapiens zu noch effektiverer Leistungen befähigte.

Anatomisch moderne Menschen bildeten größere Stammes-Verbände. Sie verfügten über eine hohe soziale Kompetenz und handelten arbeitsteilig. Einige von ihnen blieben im Hauptlager, um Waffen oder Kleidung zu erstellen oder Kinder aufzuziehen, während andere in kleinen Gruppen, weit entfernt, Wildgetreide hüteten, Antilopen verfolgten, andere Menschengruppen ausraubten oder neue Jagdgründe erkundeten. Sie waren in der Lage, weit verstreut, koordiniert zusammenzuwirken. Das erforderte einen starken Kit, ein immer präsentes, handlungsleitendes Verhaltensmuster, dass ihnen in jeder Situation vermittelte, was zu tun sei, um in der Stammesgemeinschaft belohnt zu werden. Eine Vorstellung, die auch in bewusstseinsklaren Augenblicken (außerhalb von Wahnzuständen) wesentlich höhere Bedeutung hatte, als eigene Bedürfnisse, Verletzungsgefahren oder der Tod.

Der Spannungsbogen der Gattung Homo sapiens

Weibliche und männliche Darstellungen ~ 20-40.000 v.u.Z.
Urgeschichtliches Museum in Blaubeuren. (Fotos: Jäger, 2021)

Im Prinzip handelt es sich bei dem Spannungsbogen um ein besonders wirksames (verzögertes) Belohnungssystem. Die Grundlagen dafür sind bei allen Säugetieren angelegt. Bei Tieren mit höher entwickelten Gehirnen werden die Hormone, die Belohnung vermitteln (insb. Dopamin), ausgeschüttet, bevor (!) der angestrebte Bedarf befriedigt wird.

Ein Esel erkennt das Objekt seiner Begierde „als direkt vor der Nase baumelnde Möhre“, und ist dafür bereit, sich anzustrengen. Wenn „die Möhre“ nur schwierig erreichbar ist, muss mehr Dopamin ausgeschüttet werden. Dann erscheint das Objekt noch begehrenswerter. Das Besondere an Homo-sapiens-Menschen ist nicht nur, dass die „Möhre“ (Sex) übersteigert gezeichnet wird: durch Körperform, Sexualmerkmale, Mimik, Stimme, Gang, Blicke, Schönheit, Sprache u.v.a. Zuschätzlich wird die „Möhre“ sehr weit weg gehängt. Sie ist (im Gegensatz zum Sex-Paradies der Bonobo-Zwergschimpansen) nur nach der Bewältigung gewaltiger Gefahren oder nach schier endlosem Warten zum Greifen nahe. Je größer sich die Hindernisse auftürmten, desto begehrenswerter erschien der oder die Geliebte, und vervielfachte die Energie für ungeheuren Leistungen.


Der Held im Pardelfeld. Georgische Sage aus dem 12. Jahrhundert n.u.Z. (archaischen Ursprungs). Bilder aus: Sprekelsen T, Menschik K Galiani Verlag2018, ISBN 978-3-86971-174-4.

Sie und er sehen sich nur für einen Augenblick – verschwommen durch einen Schleier. Aber ab jetzt wird sie für immer auf ihn warten, und er wird sich zahllosen Todesgefahren aussetzen und gegen gewaltige Mächte in den Krieg ziehen: gegen Könige, Räuber, Heere, Geister, Götter, Drachen … Sie glaubt an seinen Sieg und an ihre Errettung. Beide werden in Erwartung der vorgestellten Erlösung hochgefährliche Strapazen und Leiden erdulden. Die Zeit nach der Vereinigung, wenn der Pfeil (von den Leser:innen herbei gefiebert) tatsächlich ins Ziel traf, ist auch bei dieser Erzählung bedeutungslos. Wenn dennoch in erotischen Geschichten (mit viel Sehnsucht, Verlangen und Todesbereitschaft) die Zeit nach der Erfüllung der Sehnsucht beschrieben wird, enden sie oft, wie bei Leo Tolstoi’s Anna Karenina, in der Katastrophe. 

Spannung, Sehnsucht und Verlangen

In der griechischen Mythologie beginnt die Menschwerdung mit der Erscheinung der Brüder „Eros“ (Leidenschaft), „Himeros“ (Sehnsucht) und „Pothos“ (Verlangen). Der Spannungsbogen, der Leiden-schaft, symbolisiert eine hohe Energieaufladung, die sich nach der Erlösung in einer innigen Vereinigung sehnt.

Die Gött:innen der frühen Jäger und Sammler strahlten jugendliche (erotische) Kraft aus. In ihrem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen starben die Heldinnen und die Helden (rituell im Winter) und wurden beweint. Um dann wieder (im Frühling) symbolisiert durch neue Geburten wieder neu zu entstehen.

Eros galt als heilig und sakral – Un-erotischer Sex (oder gar Selbst-Befriedigung) wurden (folgt man den erotischen Geschichten) als banal, widerlich und profan geächtet. Die durch Spannung erzeugte, extrem hohe Antriebsenergie befähigte junge Frauen und Männer zu Höchstleistungen, weil sie die Vorstellung des anderen in sich („ihrem Herzen“) trugen.

Diese erotische Kommunikation der Nomaden war aber alles andere als behaglich. Wer versagte, wurde geächtet, ausgesondert, verstoßen, verstümmelt, kastriert oder umgebracht. In einem erotischen System belohnt zu werden, war es nötig Leiden und Schmerz in Kauf zu nehmen, und (für den anderen) auch in den Tod zu gehen. Wer die „Freiheit zum Tod“ nicht wagte, wurde versklavt und musste arbeiten. Wer dagegen zum Tod „Ja“ sagte und das Leben im Spannungsbogen voll auskostete, siegte (selten) in der Erfüllung der Vereinigung, oder starb (häufig) in der Gewissheit betrauert zu werden, oder scheiterte oft in einer endgültigen Auftrennung, die mit neuem Leben nicht mehr vereinbar erscheint.

Und so ist es (immer noch) bis heute:

… Love is a fever
And its burning me alive
It can’t be tamed or satisfied
There is no mercy
For the fallen or for the weak
Love is a nasty word to speak ..

Beth Hard: Video
Love is a lie sucking you dry
I’ve got a good mind
to give up living,
and go shopping instead

To pick up me a tombstone,
and be pronounced dead …

BB King: Video

Todesangst-Kult

Für Bauern, Städter, Sklavenhalter und Armeeführer waren die Belohnungssysteme „frei-lebender“ Nomaden nutzlos. Und darüber hinaus brandgefährlich. Denn Menschen sollten sich nicht von Liebe leiten lassen, sondern nur Gräben ausheben, Wälle befestigen, sakrale Bauwerke errichten und sich (freudlos) vermehren. Sie sollten die Forderungen der Geliebten – in sich – auslöschen. So wurde Menschen die Lebenslust ausgetrieben und durch nackte Angst ersetzt: durch Masken-Kulte, Opfer-Rituale, Trance-Zeremonien, Besessenheit-Fantasien und Todes-Religionen.

Der psychologische Horror-Überbau der Versklavung zwang die Menschen (zuerst in Eurasien, und später in Lateinamerika und Afrika) nach ihrer „Vertreibung aus dem Paradies“ zu Fronarbeit, Gehorsam und Kriegsdienst:

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Ab dann hieß Eros „Sünde“ und musste ausgerottet werden. Das homo-sapiens-typische Eros-Belohnungssystem erwies sich aber als erstaunlich robust. Vermutlich, weil es – vorgeburtlich erworben – die Psyche nachhaltiger prägte als kulturelle Hirnwäschen, die erst nach der Geburt wirksam werden können.

Erotische Renaissance

Vor 2.800 Jahren entstand Eros in Griechenland neu:

„… Und wie du begehrenswert lachst: das hat mir ja das Herz der Brust zusammenzucken lassen. Denn sobald ich auf dich blicke, nur kurz, bringe ich unmöglich noch einen Ton hervor, sondern die Zunge ist gebrochen, ein leichtes Feuer augenblicklich läuft unter der Haut, mit den Augen sehe ich rein gar nichts, es sausen die Ohren, hinab läuft der Schweiß, ein Zittern packt mich am ganzen Leib, grüner als Gras bin ich und fast schon tot erscheine ich mir selbst.“ Sappho

Sappho (630-570 v.u.Z) litt und verlangte unabhängig von Geschlecht oder Geschlechterrollen. Für sie galt nur als das Schönste „… das wonach sich einer in Liebe sehnt!“

Eros wurde als durch und durch menschentypische Beziehung wiedergeboren: befreit von Geistern, Göttern, Dämonen und anderen vorgestellten oder realen Mächten.

Die Renaissance des Spannungsbogens in der Antike

Bilder: Venus von Milo, 2 Jhh v.u.Z, Louvre.
Bronce von Riace, 5. Jhh v.u.Z, Museo Reggio Calabria.
Fotos aus Gasparini L: Erlebte Kunstgeschichte, VMB 2008

Auch im Osten erwachte Eros fast gleichzeitig als „Quelle der Lebensenergie“:

„Alle Schwäche beim Mann liegt an einer Verletzung des Dao des Geschlechtsaktes zwischen Yin und Yang. Frauen sind den Männern so überlegen, wie Wasser dem Feuer überlegen ist … Durch Hochschätzung des Ching (der sexuellen Energie), Kultivierung des Geistes und Einnahme von Pflanzenmedizin kann der Mann ein hohes Alter erreichen…
Das wesentliche ist, häufig junge Mädchen zu besteigen, aber nur selten zu ejakulieren. Das macht den Körper des Mannes leicht und vertreibt die hundert Leiden. Im Kampf mit dem Feind (der Frau) muss er sie wie Stoff oder Stein ansehen und sich wie Gold oder Jade: Wenn sein Ching gestiegen ist, muss er von ihrem Territorium sich sofort zurückziehen. Kein Sex zu haben wäre ein schwerer Fehler. Himmel und Erde haben ihr Öffnen und Schließen und Yin und Yang müssen ihre Aktivitäten und Transformationen haben. … Die Samenessenz kehrt zurück, um das Gehirn zu ernähren.“ The Classic of Su Nü

Der Dichter Aristophanes (~400 v.u.Z) glaubte, dass eine Erhöhung der Stellung der Frauen wieder zu einem erotischen Spannungsbogen mit sich gleichwertige gegenüberstehenden Polen führen könne. Und so könnte sinnloses Kriegsgemetzel enden und eine friedlich Entwicklungen zwischen verfeindeten Staaten eingeleitet werden:

Arsitophanes Lysistrate.
Rechts: Illustriert von Pablo Picasso. Mitte: Homoerotische Interpretation von Ralf König. Links: AWF Seeger & Aubrey Beardsley. „Make love not“: seit 1967 Slogan der Hippies & Antikriegs-Bewegung: John Lennon: „Love is the answer!“

„…  wir sitzen hübsch geputzt daheim, wir gehen im Florkleid von Amorgos (Kykladen-Insel), halb entblößt, mit glatt gerupftem Schoß, vorbei an ihnen: die Männer werden brünstig, möchten gern, wir aber kommen nicht- rund abgeschlagen! – Sie machen Frieden, sag ich euch, und bald!“ — “ ‚Nun was hast du vor?‘ – ‚Wir (die Frauen) verwalten die Finanzen … Denn unnötig ist vor allem der Krieg! ..’“ zitiert aus Aristophanes, Lysistrate, Reclam, 1969

Der Versuch des Aristophanes bleib (wie viel andere auch) erfolglos. Denn Eros erwies sich (ähnlich wie „Selber-Denken“) als hochgefährlich für den Zusammenhalt großer Imperien. Daher musste diese besonders menschen-typische Form zu Sein seit 3.000 Jahren immer wieder massiv „als teuflische Sünde“ bekämpft werden. Besonders intensiv durch die großen Religionen. Trotzdem: Eros ließ sich (bisher) nicht ausrotten.

Langsamer Sterbeprozess des Eros

Matthes&Seitz 2015

Der Philosoph Byung-Chul Han beobachtet in den modernen Zivilisationen einen langsamen Sterbeprozess des Eros (eine Agonie). Mit zunehmend überspanntem und krankhaft-übersteuertem Selbstbezug verschwinde „das andere“. Die Liebe gehe heute an endloser Wahlfreiheit und dem Wahn oder dem Zwang zur Optimierung zu Grunde. Die Verteidigung des bloßen Lebens erhalte höhrere Bedeutung als sinnvolles oder gutes Leben. Und aus der Verabsolutierung und Fetischisierung der Gesundheit folge, dass der Tod (als natürlicher Prozess des Überganges) keinen Platz mehr habe, im kapitalistisch bestimmten Leistungskatalog des bloßen Lebens.

Durch die Maßnahmen zur Kontrolle der Corona-Pandemie hat sich der Niedergang des Eros noch erheblich beschleunigt. Die Menschen vereinsamen immer mehr, isolieren sich, finden keinen über „ein Ich“ hinausgehenden Sinn, während Sex als Porno-Konserve zur Selbstbefriedigung frei verfügbar ist.

Was den verschiedensten Finster-Religionen nicht gelungen ist, gerät im Rahmen des „Neuen Normal“ des kapitalistischen ReSet in greifbare Nähe: Die Ausrottung des Spannungsbogens und die Verherrlichung eines nackten (vegetativen) Lebens in Todesangst.

Bewusstseinswandel oder Metamorphose?

Ist Eros noch zu retten?

Die Menschheit erlebt zurzeit mehrere existenzielle Krisen. Um sie zu überstehen, müssten sich Menschen als Teil einer Dynamik lebender Ökosysteme begreifen, und sich von Schädlingen zu Nützlingen der Biosphäre wandeln.

Psychologisch betrachtet geschieht das Gegenteil: Die Bedeutung toter, isolierter, getrennter Einzelfaktoren wird überhöht. So starrt man auf Messergebnisse, von denen man glaubt, sie würden eine Realität wiedergeben. Und versucht mit immer mehr Einzel-Interventionen Gesamtzusammenhänge wirksm zu beeinflussen.

Der Psychiater Ian McGilchrist hält diese Verengung unserer Realitäts-Wahrnehmung als ein psychologisches Menschheits-Grundproblem, das dazu führen könnte, dass Homo sapiens seine letzten Chancen verspielt. (Vortrags-Comic 2010, akt. Lit. & Vorträge)

Die „Angst vor dem Tod“ ist ein Krankheitszeichen

Das Besondere, was die Gattung Homo sapiens ausmacht, verkümmert gerade: die Beziehungsfähigkeit der Liebe über den Tod hinaus. Im „Neuen Normal“ verlieren Werte, Ethik, Beziehung, Moral, Verbindung, Sinn immer mehr an Bedeutung. Stattdessen wurde „Gesundheit“ zu einem Kult stilisiert. Der Kampf um „Gesundheit“ (als Ausdruck für den gewünschten „Konsum von Gesundheits-Produkten“) soll rechtfertigen, dass zur Verhinderung des Todes weniger „Gefährdeter“ das Leben vieler „Nicht-Gefährdeter“ eingeschränkt wird, inklusive das der Kinder. Deren Grund-Menschen-Rechte auf Unversehrtheit, freie Entwicklung, Entfaltung, Bewegung, Bildung u.a. werden (aus „Angst vor dem Tod“) weggespült. 

Die Chancen, das Schicksal der Biosphäre (und damit die Evolution) bewusst neugestalten könnte, sind, angesichts der Rückentwicklung zu Todesangst und Lieblosigkeit, nicht rosig. Deshalb in Depression zu verfallen, bedeutete ebenfalls von der pandemischen Angst- und Endzeit-Krankheit angesteckt zu sein. Man kann stattdessen alles Lebendige auch als eine unendliche Vielzahl von Gestalten auffassen, die sich stetig ineinander verwandeln (Emmanuel Coccia Metamorphosen). Dann liegt es nahe, Wellen, die sich nicht aufhalten lassen, zu begleiten. Mit so viel Lebenslust, Beziehung, Liebe und klarem Denken wie möglich.

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Der ewige Kreis des Werdens und Vergehens. Tod kommt darin nicht vor.

Letzte Aktualisierung: 19.10.2021