Heil-Berufe

Inhalt

  • Was sind gute Ärzt*innen?
  • Patient processing ohne Ärzt*innen?
  • Sind Hebammen ersetzbar?

letzte Überarbeitung: 28.05.2019

Was sind gute Ärzt*innen?

Manchmal braucht man gute Ärzt*innen. 

Ein Problem kann sich plötzlich so groß in den Vordergrund drängen, dass es alle andere Wahrnehmungen überdeckt und sofort nach einer Lösung verlangt. Dann haben erfahrene Handwerker Vorrang vor Trainern, Coaches oder Moderatoren.

Gute Ärzt*innen sind wach, freundlich, zugewandt und ruhig. Sie hören zu, und fragen zum Wesentlichen nach. Sind an den Problemen interessiert. Ihre tastend-fühlenden Hände vermittelten Sicherheit.

Ihre Körperhaltung drückt ruhige Selbstgewissheit aus, so als hätten sie viel erfahren und einige Stürme überstanden. Fachwissen vermitteln sie, indem sie die Grenzen und Risiken der vorgeschlagenen Eingriffe verständlichvermitteln oder aufmalen.

Gerade indem sie die Grenzen und Grauzonen ihrer Kompetenz offen thematisieren, schaffen sie Vertrauen. Und machen Vorschläge, die man überdenken kann. Sie nehmen Sorgen, Gefühle und Bedenken wahr. Sie treffen Vereinbarungen, die es erlaubten, sie bei verändertem Verlauf oder neuen Gesichtspunkten zu verändern.

Wenn sich Ärzt*innen so verhalten, fühlte sich ihre Patient*innen ernst genommen und aufgehoben.

Kriterien-Liste „Gute Ärztin – guter Arzt“

Grundlage des Verhaltens

  • Grundgesetz (u.a. § 2.2. GG: Unversehrtheit)
  • Vorsorgeprinzip (Im Zweifel nicht schaden).
  • Nicht betrügen
  • Bei begründeter Abweichung vom Vorsorgeprinzip (möglicher Nutzen, bei fehlendem Schadensbeweis): transparente Patienteninformation über den Grund
  • Kommunikations-Kompetenz
  • EbM basierte Patient*innen Information zu Nutzen, Risiken, Kosten
  • Offenheit und Transparenz
  • Wahrhaftigkeit als solide Vertrauensbasis (Keine Täuschung!)
  • Toleranz gegenüber Fremden und Unbekannten
  • Entwicklungsorientiertes Vorgehen: Autonomie fördernd
  • Patienten-orientiert Vorgehen: ärztliche Selbstbegrenzung

Verhalten

  • Aufmerksam, wach, freundlich, zugewandt, interessiert, ruhig, wertschätzend, respektvoll, empathisch
  • Hörte zu, fragte zum Wesentlichen nach.
  • Interessiert am anderen, offen, neugierig
  • Hände: respektvoll tastend, fühlend (keine grenzüberschreitung ohne Einwilligung)
  • Gefühle werden wahrgenommen, angenommen und im Rahmen einer professionell Haltung gespiegelt
  • Fachwissen wird verständlich und bildhaft vermittelt
  • Grenzen und Grauzonen der Kompetenz werden thematisiert
  • Vorschläge zeigen auch Alternativen auf.
  • Sorgen, Gefühle und Bedenken werden wahr- und angenommen.
  • Vereinbarungen erlaubten, sie bei verändertem Verlauf oder neuen Gesichtspunkten zu verändern.
  • Haltung: Am Dienst orientierter Ermöglicher im Rahmen einer Subjekt-Subjekt-Beziehung
  • Offenheit bei Fehlern – aus Fehlern lernen

Literatur

  • Dörner K: Der gute Arzt – Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung, Schattauer 2001
  • Stöhr M: Ärzte, Heiler Scharlatane, Steinkopf 2001
  • Schmacke N: Ärzte oder Wunderheiler – Die Macht der Medizin und der Mythos des Heilens, Westdeutscher Verlag 1997
  • Jäger H: Beziehungsreiche Medizin, DHZ, März 2014 (4):15-18
  • Patientenzentrierte Forschung: Lundberg Institute http://www.lundberginstitute.org/, James Lind Alliance http://lindalliance.org/, Picker Institute http://www.pickereurope.org/
  • Verghese A: Vortrag „A doctors touch“ (Ted 2011) www.ted.com/talks/abraham_verghese_a_doctor_s_touch ,  http://abrahamverghese.com/

Ethik der Patienten-Information

Überdiagnose

Patient processing ohne Ärzt*innen?

in Vorbereitung

Sind Hebammen ersetzbar?

Die Idee hinter der neuen Verordnung (der GKV): Gebärende sollen künftig individueller betreut werden. Ein löbliches Ziel, finden die Hebammen, sehen dahinter jedoch ein ganz anderes: die Abschaffung der Beleghebammen, die die Krankenkasse wesentlich teurer kämen als die Festangestellten. In vielen anderen Bundesländern liegt der Anteil der Beleghebammen in den Kliniken laut Rühl bei 20 Prozent. In Bayern sind es im Schnitt 60 Prozent. Richter: Geburtshilfe vor dem Kollaps, Merkur 18.09.2017

Natürlich können Hebammen ersetzt werden:

durch ärztliches Assistenzpersonal.

Angelernte HelferInnen passen besser in einem Gesundheitsmarkt, der aufgrund von Krankheitsdiagnosen und Behandlungen floriert. Hebammen werden dagegen dafür bezahlt, die Eigen-Kompetenzen der von ihnen betreuten Frauen so zu stärken, dass Krankheitsrisiken (und damit die Kosten) möglichst klein bleiben. Daraus ergeben sich natürlich Konflikte mit den Berufsgruppen die davon leben, Krankheitsbehandlungen abzurechnen. Als so in den USA und in Latein-amerika Hebammen durch Anweisungsempfängerinnen verdrängt wurden, stiegen dort die Kaiserschnittraten.

Simbav
Gut umsorgt und geschützt. Bild: SIMBAV 2011

In Deutschland ist die Ausübung des Hebammenberufes gesetzlich geschützt. Es besteht sogar eine Hinzuziehungspflicht einer Hebamme zu einer Geburt. Und außerdem genießen  Hebammen bei den betroffenen Frauen ein hohes Ansehen. Aber trotzdem stehen die Hebammen auch in Deutschland mit dem Rücken zur Wand.

Zwar hat ihre Arbeit eine hohe gesellschaftliche Bedeutung für die gesunde Entwicklung von Kindern und Müttern, aber sie verdienen gemäß ihrer Gebührenordnung deutlich weniger als viele Handwerksberufe.

Da die Liegezeiten von Frauen nach Klinikgeburten (u.a. auch nach Kaiserschnitt) auf zwei bis drei Tagen gesunken sind, müssen zunehmend (zuvor klinische) Versorgungsleistungen durch Hebammen aufgefangen werden. Dafür werden aber nicht genügend Hebammen ausgebildet. Und weil der Beruf (wegen hoher Arbeitsbelastung und niedrigem Einkommen) zunehmend unattraktiv wird, fehlen Hebammen in der Versorgung.

Die GKV-Krankenkassen können offenbar mit dem frauen-stärkenden Berufsbild, das nicht in ihr Krankheits-Abrechnungs-Gefüge passt, wenig anfangen. Denn sie sägen seit einigen Jahren an den Grundlagen dieser Berufsgruppe.

2014 gelang es erst nach zähem Ringen einen gewissen Finanzausgleich für stark gestiegene Prämien in der hebammen-geleiteten Geburtshilfe zu finden, und eine geringe Anhebung der Kostenerstattungen zu erreichen.

Im Sommer 2017 wurde jedoch in Verhandlungen mit der GKV ein Schiedsspruch rechtskräftig, der nach der Erschwerung der niedergelassenen Hebammentätigkeit jetzt zusätzlich die Kliniken betrifft. Auf dort arbeitende Beleghebammen kommen durch eine neue Abrechnungspraxis Einkommensverluste von bis zu 40% zu. Sie müssen (zur Aufrechterhaltung einer Minimalversorgung nach den neuen gesetzlichen Vorgaben) für ihre Teams zusätzliche Hebammen  finden, die aber in Deutschland nicht in ausreichender Zahl verfügbar sind.

Zudem kommen erhöhte juristische Risiken auf sie zu, z.B. wenn sie sich weigern müssten, in bestimmten Situationen Frauen (wie aufgrund der Regelung verlangt) abzuweisen. Auch die bisherige Praxis niedergelassener Ärzte, Frauen in der Klinik von Hebammen mitkontrollieren zu lassen (z.B. an Wochenenden oder bei Terminüberschreitungen) wird nicht mehr möglich sein. Folglich werden solche Frauen vermehrt zu primären Kaiserschnitten eingewiesen werden.

Die Krankenkassen fördern damit den Trend zu wenigen Geburtshilfe-Mega-Abteilungen in den Ballungszentren. Und dort werden sich die Hebammen nach dem Willen der GKV und der Krankenhäuser in die vielen ärztlichen Hilfsberufe einreihen müssen. (Mehr: siehe Schiedsstellenbeschluss)

Hebammen: gesellschaftlich wertvoll und unverzichtbar 

Die Gesundheitskosten im Erwachsen-Alter hängen davon ab, wie die Schwangerschaft, die Geburt und die erste Lebensperiode verlaufen sind.  Je früher Hebammen tätig werden, desto größer sind die Chancen, dass sich ein Kind nachhaltig gesund entwickeln kann (s. Bonding u. Mikrobiom).

Die Qualität der Hebammenarbeit besteht darin, die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen bei Schwangeren und Müttern zu senken: durch Stärkung von Selbstvertrauen, Selbstwert, Selbstsicherheit und Handlungskompetenz. Wird eine Hebamme optimal und rechtzeitig tätig, sollte es zu weniger Krankheits-Interventionen kommen, wie unter anderem durch Frühgeburtlichkeit oder Interventionen im Verlauf der Geburt.

Hebammentätigkeit geht also weit über Leistungen hinaus, die bestimmte Krankheiten früh erkennen und zu vermeiden. Denn Hebammen fördern gesunde körperliche und psychische Funktionen – unabhängig davon, ob sie (als Nebeneffekt) natürlich auch krankheits-präventiv wirken. Sie stabilisieren familiäre Beziehungen, insbesondere die zwischen Mutter und Kind. Sie stärken einen Schutzraum, in dem Entwicklung möglich ist. Sie helfen dabei eine schwierige Situation zu verstehen, fördern Handlungskompetenz und Selbstmanagement und erweitern die Räume, in denen gehandelt werden kann. Sie unterstützen gesundes Wachstum im Sinne der Salutogenese. Und sie befähigen darüber hinaus  Frauen in unsicheren, gefährdeten und riskanten Situationen, wieder in eine ruhige Stabilität zurückzufinden. Sie fördern die Widerstandsfähigkeit für Belastungen (Resilienz)  und sorgen für den notwendigen Rahmen sozialer, familiärer und gesundheitsbezogener Unterstützung in einem Netzwerk. Sie helfen, einen Schutzraum zu bilden, in dem ein Kind geboren und gesund aufwachsen kann. Gerade unter betriebswirtschaftlichen Aspekten lohnt es sich deshalb für die Gesellschaft als Ganzes, die wichtigste menschliche Lebensphase zu stabilisieren. Das erspart der Gesellschaft später viele Tagessätze für Krankenhaus- und vielleicht auch Gefängnisaufenthalte.

Die Schaffung von Voraussetzungen für gesunde und soziale Entwicklungen, ist eine eindeutige staatliche Aufgabe. Dagegen führt die Bezahlung der Hebammen aus Krankenkassenmitteln dazu, dass nur Leistungen erstattet werden, die sich messbar auf Krankheitsbehandlung oder Krankheitsvermeidung beziehen, also nicht auf Kommunikation zur Stärkung von Selbstlösungs-Kompetenzen, die über Krankheitsprävention hinauswirken.

Wegen der grundlegenden Bedeutung für gesundes gesellschaftliches Wachstum wäre es also folgerichtig, Hebammenarbeit im Rahmen einer staatlich gesicherten Daseinsfürsorge zu sichern. Zum Beispiel im Rahmen eines Zukunftsfonds, dessen Ziel es wäre, Schwangere, Mütter, Väter und Kinder wirksam zu schützen.

Bleibt es stattdessen bei dem (durch Krankenkassen geförderten) Trend der schleichenden Abschaffung des Hebammenberufes, hätte das fatale Folgen für die Gesellschaft als Ganzes und für die unmittelbar betroffenen Familien.

Letzte Aktualisierung: 31.07.2019