Heil-Berufe

Inhalt

  • Was sind gute Ärzt*innen?
  • Sind Ärzt*innen ersetzbar?
  • Sind Hebammen ersetzbar?

letzte Überarbeitung: 28.05.2019

Was sind gute Ärzt*innen?

Manchmal braucht man gute Ärzt*innen. 

Ein Problem kann sich plötzlich so groß in den Vordergrund drängen, dass es alle andere Wahrnehmungen überdeckt und sofort nach einer Lösung verlangt. Dann haben erfahrene Handwerker Vorrang vor Trainern, Coaches oder Moderatoren.

Gute Ärzt*innen sind wach, freundlich, zugewandt und ruhig. Sie hören zu, und fragen zum Wesentlichen nach. Sind an den Problemen interessiert. Ihre tastend-fühlenden Hände vermittelten Sicherheit.

Ihre Körperhaltung drückt ruhige Selbstgewissheit aus, so als hätten sie viel erfahren und einige Stürme überstanden. Fachwissen vermitteln sie, indem sie die Grenzen und Risiken der vorgeschlagenen Eingriffe verständlichvermitteln oder aufmalen.

Gerade indem sie die Grenzen und Grauzonen ihrer Kompetenz offen thematisieren, schaffen sie Vertrauen. Und machen Vorschläge, die man überdenken kann. Sie nehmen Sorgen, Gefühle und Bedenken wahr. Sie treffen Vereinbarungen, die es erlaubten, sie bei verändertem Verlauf oder neuen Gesichtspunkten zu verändern.

Wenn sich Ärzt*innen so verhalten, fühlte sich ihre Patient*innen ernst genommen und aufgehoben.

Kriterien-Liste „Gute Ärztin – guter Arzt“

Grundlage des Verhaltens

  • Grundgesetz (u.a. § 2.2. GG: Unversehrtheit)
  • Vorsorgeprinzip (Im Zweifel nicht schaden).
  • Nicht betrügen
  • Bei begründeter Abweichung vom Vorsorgeprinzip (möglicher Nutzen, bei fehlendem Schadensbeweis): transparente Patienteninformation über den Grund
  • Kommunikations-Kompetenz
  • EbM basierte Patient*innen Information zu Nutzen, Risiken, Kosten
  • Offenheit und Transparenz
  • Wahrhaftigkeit als solide Vertrauensbasis (Keine Täuschung!)
  • Toleranz gegenüber Fremden und Unbekannten
  • Entwicklungsorientiertes Vorgehen: Autonomie fördernd
  • Patienten-orientiert Vorgehen: ärztliche Selbstbegrenzung

Verhalten

  • Aufmerksam, wach, freundlich, zugewandt, interessiert, ruhig, wertschätzend, respektvoll, empathisch
  • Hörte zu, fragte zum Wesentlichen nach.
  • Interessiert am anderen, offen, neugierig
  • Hände: respektvoll tastend, fühlend (keine grenzüberschreitung ohne Einwilligung)
  • Gefühle werden wahrgenommen, angenommen und im Rahmen einer professionell Haltung gespiegelt
  • Fachwissen wird verständlich und bildhaft vermittelt
  • Grenzen und Grauzonen der Kompetenz werden thematisiert
  • Vorschläge zeigen auch Alternativen auf.
  • Sorgen, Gefühle und Bedenken werden wahr- und angenommen.
  • Vereinbarungen erlaubten, sie bei verändertem Verlauf oder neuen Gesichtspunkten zu verändern.
  • Haltung: Am Dienst orientierter Ermöglicher im Rahmen einer Subjekt-Subjekt-Beziehung
  • Offenheit bei Fehlern – aus Fehlern lernen

Literatur

  • Dörner K: Der gute Arzt – Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung, Schattauer 2001
  • Stöhr M: Ärzte, Heiler Scharlatane, Steinkopf 2001
  • Schmacke N: Ärzte oder Wunderheiler – Die Macht der Medizin und der Mythos des Heilens, Westdeutscher Verlag 1997
  • Jäger H: Beziehungsreiche Medizin, DHZ, März 2014 (4):15-18
  • Patientenzentrierte Forschung: Lundberg Institute http://www.lundberginstitute.org/, James Lind Alliance http://lindalliance.org/, Picker Institute http://www.pickereurope.org/
  • Verghese A: Vortrag „A doctors touch“ (Ted 2011) www.ted.com/talks/abraham_verghese_a_doctor_s_touch ,  http://abrahamverghese.com/

Ethik der Patienten-Information

Schamanistisch Heilung. Graphik Jäger

Sind Ärzt*innen ersetzbar?

Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen greifbar nahe:
… die potentiellen Folgen sollten nicht unterschätzt werden. The Lancet, 23.12.2017

Die Kompetenz der Maschinen wächst 

Damit verlieren Ärztinnen und Ärzte im globalen Medizin-Markt zunehmend an Bedeutung:

Traditionelle Arztrolle. Graphik Jäger

Gesundheits-Apps erheben immer umfangreichere Datensammlungen zu fast allen Lebensäußerungen: Puls, Zahl der Schritte, Blutdruck, Atemfrequenz, Feinstaub-Belastung der Umgebungsluft, Sex, Kalorienverbrauch, Schweiß-Ausscheidung, Hauttemperatur … All das und vieles mehr kann fortlaufend registriert und ausgewertet werden.

Elektronisch erhobene Vitalmarker werden mit den Informationen der elektronischen Patientenkarte abgeglichen werden. Und natürlich auch mit den vielen Spuren, die die Vorlieben und das Surf- und Konsumverhalten in den sozialen Medien hinterlassen.

Operateure mit 3D-Datenbrillen, maßgeschneiderte, an den individuellen Patienten angepasste Therapien oder ruckzuck per Gentest identifizierte Krankheiten – all dies … könnte schon bald Wirklichkeit werden. Denn Big Data und lernfähige Computerprogramme haben das Potenzial, auch die Medizin zu revolutionieren. SineXX, Dossier: Big Data in der Medizin, 05.01.2017

Mathematische Analyse-Programme bilden alle Schattierungen eines Menschen ab.

Maschinen errechnen erstaunlich zutreffende Vorhersagen des künftigen Verhaltens und der damit verbundenen Risiken. Und scheinbar „wissen“ sie von den Betroffen auch deutlich mehr, als diesen selbst bewusst ist: Denn sie schätzen ein, was die PatientInnen „eigentlich“ wollen, sich aber noch nicht einzugestehen wagen. Und das, was sie deshalb sicher tun werden, und wie sie dabei in eine beabsichtigte Richtung beeinflusst werden können.

Moderne Algorithmen können aus eingefütterten Daten genaue Diagnosen ableiten, und weitere Labordiagnostik und ergänzende Untersuchungen anregen. Sie verwandeln verwirrend-komplexe Zusammenhänge durch ihre Benennung (die Diagnose) in etwas Einfacheres: in komplizierte Probleme, die von spezialisierten Experten leicht gelöst werden können.

Sobald  ein Problem eingegrenzt und benannt wurde, kann es mit einer standardisierten und überprüfbaren Intervention anvisiert, getroffen und beseitigt werden. Dazu können Algorithmen genormte Therapiepläne erstellen, die auf aktuellen Leitlinien, überprüfbarer Evidenz oder wirtschaftlicher Vorgaben beruhen.

… technology has the potential to transform medicine and the healthcare system. Mc Kinsey & Company 2015

Die wachsende Bürokratie im Medizinsystem, die vielfältigen Dokumentationen, Abrechnungen, Arztbrief-Schreibungen und das Ausfüllen der Formulare der Qualitäts-Sicherung können durch Algorithmen weitgehend automatisiert werden. Auch die Anwendung bildgebender Verfahren wird durch Algorithmen und „smarte“ Technik immer einfacher und bedienerfreundlicher. Bereits heute können einfache Hilfskräfte mit hoch-komplizierten Geräten rein kommerziell motivierte Spielereien wie „Baby-fernsehen“ (3D-Ultraschall in der Schwangerschaft) durchführen.

Für die Patientenaufklärung sind direkte Gespräche nicht mehr zwingend erforderlich. Denn sie kann auf der Basis großer Datenbanken über Webportale, Downloads von Aufklärungsformularen, Avatare oder Call Center erfolgen. Mit immer besserer Verfügbarkeit der Medikamente durch Internet-Versand verliert schließlich auch die Beratung in den Apotheken an Bedeutung.

Selbst im Bereich des ärztlichen Handwerks werden Maschinen immer leistungsfähiger: auf der Basis hochauflösender 3D-Bildgebung und ausgefeilter Rechner werden in naher Zukunft Operations-Roboter in vielen Bereichen in der Lage sein, genormte Eingriffe durchzuführen. (Alpert 2017)

Für die Programmierung und Steuerung dieser modernen Medizin- und Informationstechnik werden Informatiker, Ingenieure, Physiker, Mathematiker und Biologen benötigt; und für ihre praktische Anwendung, Wartung und Bedienung hochspezialisierte, technisch ausgebildete Asissteninn/en und Hilfskräfte.

Gebraucht werden ggf. auch PsychologInnen, um die PatientInnen mit der Technik zu versöhnen. Damit sie in dem notwendigen Maß an dem mitwirken, was ihnen der Therapieplan vorschreibt (so genannte Compliance).

Immer weniger nachfragt werden

  • umfassende Kenntnisse, die es Nicht-Spezialisierten ermöglichen, Zusammenhänge zu überschauen, und
  • typisch menschliche Kompetenzen, wie Emotion und Empathie. 

Die elektronische Medizin-Vision

Informatik-Konzerne  (wie u.a. Google) arbeiten intensiv an einer Medizin-Zukunft, die so aussehen könnte:

  • „Gesundheits-Apps“erheben personenbezogene Daten zur Überwachung vieler Lebens-, Verhaltens- und Konsumfunktionen.
  • Möglicherweise deutet dabei ein Marker auf eine noch unbemerkte bestehende oder künftige Funktionsstörung hin. Oder jemand fühlt sich (scheinbar ohne Grund) „irgendwie“ diffus „unwohl“.
  • Dann veranlassen automatisierte Diagnose-Apps die Erhebung weiterer personenbezogener Daten, z.B. durch ergänzende Labortests, Fragebögen oder bildgebende Verfahren.
  • Anschließend vergleichen hoch-komplexe, „intelligente“ Algorithmen die gewonnen Datenmengen mit dem gesamten Repertoire existierenden Wissens, mit allen verfügbaren Leitlinien, den neuesten Studien und natürlich auch mit den Vorgaben der Interessen beteiligter Unternehmen.
  • Wenn dann die passende Diagnose feststeht, wird ein Therapieplan erstellt, und ggf. auch gleich der Versand von Medikamenten veranlasst.
  • Wenn dieser Ablauf den Konsumentinnen der Gesundheitsprodukte zu unpersönlich erscheint, werden sie an beratende hochspezialisierte Call-Center vermittelt, oder an lokale Büros der Krankenkassen o.ä., in denen ihnen kommunikativ geschulte Gesundheits-Sachbearbeiter/innen erläutern werden, was aufgrund der schriftlich fixierten Experten-Empfehlungen zu tun ist.

Zur Verwirklichung dieser Vision kaufte Google „DeepMind“. Den Programmierern dieses scheinbar vielschichtig „denkenden“ Rechen-Programms (Alpha-Go) war es zuvor gelungen, zwei der weltweit besten Go-Spieler zu besiegen. Obwohl das Go-Spiel weit mehr Handlungsstrategien und Möglichkeiten zulässt als Schach.

Nun soll der erfolgreiche Algorithmus für den Einsatz im Gesundheitswesen weiterentwickelt werden.

Um seine Kompetenzen auszutesten, schloss Google einen Vertrag mit drei Londoner Krankenhäuser ab. „DeepMind“ wurden die Daten von 1,6 Millionen Patientinn/en überlassen, um sie auf Anzeichen von Nierenschäden zu durchforsten.

Die englische Datenschutzbehörde wurde erst durch investigativen Journalismus auf diesen Test an Menschen aufmerksam, und urteilte im Juli 2017, dass die Gesundheitsinstitutionen mit ihrer Datenweitergabe ohne Patienten-Einwilligungen gegen geltendes Recht verstoßen hatten. Das Vorgehen von „DeepMind“ dagegen kritisierten sie nicht. (Shah 2017)

Giving Google our private NHS data is simply illegal (Die Übergabe der Patientendaten an Google war illegal) Guardian 09.07.2017

Davon unbeeindruckt wurden die Ergebnisse wissenschaftlich in Ruhe ausgewertet und im August 2017 auch publiziert (Connell 2017)

Trotz dieses relativ kleinen Rückschlages (für Google) lässt sich der Trend zur weiteren Digitalisierung des globalen Medizin-Geschäftes nicht aufhalten. (Lee 2018)

Sattt Problem lösen Möglichkeiten aufzeigen. Graphik Jäger

Für alles was Maschinen können, sind Ärzte/innen zu teuer.

Die ärztlichen Arbeitsplätze in Deutschland sind nicht akut gefährdet. Noch sind die im vergangen Jahrhundert erstarkten ärztlichen Standes-Strukturen fest etabliert. Und das ärztliche Image hat weiterhin bei Institutionen und Patientinnen große (oft irrationale) Bedeutung.

Die wirtschaftlichen und administrativen Arbeitsbedingungen der Ärzte werden sich aber deutlich verschlechtern, und der Arzt-Beruf wird so an Attraktivität verlieren:

Auf Ärzte/innen kommen immer mehr bürokratisch-organisatorische Aufgaben zu, die eigentlich Maschinen und Hilfskräfte wesentlich besser  erledigen könnten. Es werden zunehmend nur noch normierte Leistungen bezahlt werden, die ingenieur-technisch zu erbringen sind.  Auch das Interesse der Pharmakonzerne und Gerätehersteller an direkten ärztlichen Kontakten sinkt, da sie als Zwischenhändler verzichtbar sind, und sich das Marketing direkt an „mündige“ Endverbraucher richten kann.

Selbständige Ärzte/innen werden zunehmend unter ökonomische Druck geraten, und der Konzentrationsprozess bei den Krankenhäusern wird zu einer Schrumpfung der Verfügbarkeit ärztlicher Arbeitsplätze führen. Gleichzeitig entsteht ein Überangebot an Gesundheits-Wissenschaftlerinnen, die an Fachhochschulen ausgebildet wurden, und die relativ kostengünstiger, hochspezialisierte Aufgaben übernehmen können, die bisher Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren.

Künstlicher Arztbedarf

Angesichts dieser Zwänge, suchen viele Ärzte und Ärztinnen nach dem Ausweg („sinn“-loser) Scheinlösungen, die ihnen helfen sollen, ihren ökonomischen Status zu erhalten:

Sie betreiben in-transparente Placebologie (genannt IGeL) und sorgen für die Wiederbelebung von Schamanismus und Scharlatanerie. Damit beschleunigen sie den Niedergang des Arztberufes, da Placebo-Anwendungen ärztlicher Ethik widersprechen. Das gilt auch für so genannte „Übertherapie“: eine verharmlosende Beschreibung unnötiger Behandlungen, oder die Praxis Patientinn/en so zu behandeln, dass sie möglichst bald und oft wiederkommen.

Überprüfbar sinn-volle, systemisch-wirkende „Individuelle Gesundheitsleistungen“, erfordern oft keine ärztliche Kompetenz, da sie von HeilpraktikerInnen, Hebammen, PhysiotherapeutInnen, Krankenschwestern oder Pflegern u.a. wesentlich preiswerter angeboten werden können.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Die Standardphrase am Ende der Reklame-Spots, die zum Kauf von Pillen anregen, weist in eine interessante Richtung. Offenbar braucht die Industrie Ärzte und Apotheker nur noch für die rechtliche Absicherung, nicht aber für die Vermarktung ihrer Produkte. Es reicht also, wenn die Ärzte/innen erklären, warum das, was gekauft wurde, auch wirkt, und damit das Risiko für die Nebenwirkungen übernehmen.

Vielleicht sollten Ärzte/innen diese Aufforderung des Marktes ernst nehmen, und wieder zu  „unbestechlichen “ BeraterInnen (Mezis) werden. 

Ursprünglich waren Ärzte Gesundheits-Philosophen:

Einen menschlichen Körper oder einen Staat zu verwalten, schien ihnen auf den gleichen Prinzipien zu beruhen. Medizin bedeutete für sie „Nachsinnen“ (lat. meditatio), um die „die Mitte (lat. medias) zu finden“. Sie wollten den Zusammenhang erkennen, in dem Gesundheit und Krankheit entstehen können, und diesen durch vernünftiges Handeln beeinflussen.

Die magische Kunst der Diagnose und des Behandelns (Kneebone 2017) überließen diese frühen Mediziner daher noch den weiblichen und männlichen Schamanen und Kräutersammlern.

Dafür beherrschten frühe ÄrztInnen Kommunikations-Kompetenz.

Die seit 2.500 Jahren praktizierte Gesundheitsberatung kann durch Maschinen und Algorithmen nicht ersetzt werden. Denn die sortieren nur einzelne Details und Faktoren in großen Mengen wirrer Daten. Menschen dagegen können wie Quanten-Computer Milliarden von Bits gleichzeitig verarbeiten und so Zusammenhänge und Beziehungen verstehen. Sie können Ressourcen zu entdecken und wachsen lassen, und Möglichkeiten erkennen und nutzen.

Maschinen handeln in die Zukunft mit Programmen, die aus der Vergangenheit stammen.

Rechner spulen das ab, was in sie eingefüttert wurde. Sie projizieren Vergangenes in die Zukunft. Menschen dagegen können innovativ, kreativ und erfinderisch denken und handeln. Und sie können so Entwicklungen auf ganz neu Weisen günstig beeinflussen.

Wenn also Ärztinnen und Ärzte in der Rolle des Problemlösers an Bedeutung verlieren, könnten sie zunehmend ihre Rolle als Begleiter und Berater wieder entdecken.

Sie könnten dabei helfen, Kompetenzen für das Selberlösen von Problemen zu entwickeln, um neue Wege einzuschlagen und Herausforderungen zu bewältigen. Und sie könnten dabei mitzuhelfen, dass der Bedarf der von ihnen Beratenen nach weiteren Leistungen des Gesundheitsmarktes deutlich sinkt (weil sie gesunden).

Medizin ist eben nicht nur ein lukratives Geschäft mit Techniken, die Problem lösen, sondern ebenso Berührung, Beziehung, Kunst und Magie (Verghese 2011, Panda 2006, Kneebone 2017, Rosenkranz 2015).

Video-Vorträge

Literatur

  • Alpert JS: Digital Medicine: „O Brave new world“ Amjmed 2017, 130(3)243-244
  • Connell A: Service evaluation of the implementation of a digitally-enabled care pathway for the recognition and management of acute kidney injury. F1000-Research, 30.06.2017 eCollection.
  • Kneebone R: The art of medicine. Performing magic, performing medicine. Lancet 2017, 389:28-29
  • Lee SI et al.: A machine learning approach to integrate big data for precision medicine in acute myeloid leukemia. Nat Commun. 2018 Jan 3;9(1):42.
  • Panda SC, Medicine: Science or Art?,  Mens Sana Monogr. 2006 4(1): 127–138
  • Shah H: The Deep Mind debacle demands dialogue on data. Nature, 2017, 547:259

Überdiagnose

Sind Hebammen ersetzbar?

Die Idee hinter der neuen Verordnung (der GKV): Gebärende sollen künftig individueller betreut werden. Ein löbliches Ziel, finden die Hebammen, sehen dahinter jedoch ein ganz anderes: die Abschaffung der Beleghebammen, die die Krankenkasse wesentlich teurer kämen als die Festangestellten. In vielen anderen Bundesländern liegt der Anteil der Beleghebammen in den Kliniken laut Rühl bei 20 Prozent. In Bayern sind es im Schnitt 60 Prozent. Richter: Geburtshilfe vor dem Kollaps, Merkur 18.09.2017

Natürlich können Hebammen ersetzt werden:

durch ärztliches Assistenzpersonal.

Angelernte HelferInnen passen besser in einem Gesundheitsmarkt, der aufgrund von Krankheitsdiagnosen und Behandlungen floriert. Hebammen werden dagegen dafür bezahlt, die Eigen-Kompetenzen der von ihnen betreuten Frauen so zu stärken, dass Krankheitsrisiken (und damit die Kosten) möglichst klein bleiben. Daraus ergeben sich natürlich Konflikte mit den Berufsgruppen die davon leben, Krankheitsbehandlungen abzurechnen. Als so in den USA und in Latein-amerika Hebammen durch Anweisungsempfängerinnen verdrängt wurden, stiegen dort die Kaiserschnittraten.

Simbav
Gut umsorgt und geschützt. Bild: SIMBAV 2011

In Deutschland ist die Ausübung des Hebammenberufes gesetzlich geschützt. Es besteht sogar eine Hinzuziehungspflicht einer Hebamme zu einer Geburt. Und außerdem genießen  Hebammen bei den betroffenen Frauen ein hohes Ansehen. Aber trotzdem stehen die Hebammen auch in Deutschland mit dem Rücken zur Wand.

Zwar hat ihre Arbeit eine hohe gesellschaftliche Bedeutung für die gesunde Entwicklung von Kindern und Müttern, aber sie verdienen gemäß ihrer Gebührenordnung deutlich weniger als viele Handwerksberufe.

Da die Liegezeiten von Frauen nach Klinikgeburten (u.a. auch nach Kaiserschnitt) auf zwei bis drei Tagen gesunken sind, müssen zunehmend (zuvor klinische) Versorgungsleistungen durch Hebammen aufgefangen werden. Dafür werden aber nicht genügend Hebammen ausgebildet. Und weil der Beruf (wegen hoher Arbeitsbelastung und niedrigem Einkommen) zunehmend unattraktiv wird, fehlen Hebammen in der Versorgung.

Die GKV-Krankenkassen können offenbar mit dem frauen-stärkenden Berufsbild, das nicht in ihr Krankheits-Abrechnungs-Gefüge passt, wenig anfangen. Denn sie sägen seit einigen Jahren an den Grundlagen dieser Berufsgruppe.

2014 gelang es erst nach zähem Ringen einen gewissen Finanzausgleich für stark gestiegene Prämien in der hebammen-geleiteten Geburtshilfe zu finden, und eine geringe Anhebung der Kostenerstattungen zu erreichen.

Im Sommer 2017 wurde jedoch in Verhandlungen mit der GKV ein Schiedsspruch rechtskräftig, der nach der Erschwerung der niedergelassenen Hebammentätigkeit jetzt zusätzlich die Kliniken betrifft. Auf dort arbeitende Beleghebammen kommen durch eine neue Abrechnungspraxis Einkommensverluste von bis zu 40% zu. Sie müssen (zur Aufrechterhaltung einer Minimalversorgung nach den neuen gesetzlichen Vorgaben) für ihre Teams zusätzliche Hebammen  finden, die aber in Deutschland nicht in ausreichender Zahl verfügbar sind.

Zudem kommen erhöhte juristische Risiken auf sie zu, z.B. wenn sie sich weigern müssten, in bestimmten Situationen Frauen (wie aufgrund der Regelung verlangt) abzuweisen. Auch die bisherige Praxis niedergelassener Ärzte, Frauen in der Klinik von Hebammen mitkontrollieren zu lassen (z.B. an Wochenenden oder bei Terminüberschreitungen) wird nicht mehr möglich sein. Folglich werden solche Frauen vermehrt zu primären Kaiserschnitten eingewiesen werden.

Die Krankenkassen fördern damit den Trend zu wenigen Geburtshilfe-Mega-Abteilungen in den Ballungszentren. Und dort werden sich die Hebammen nach dem Willen der GKV und der Krankenhäuser in die vielen ärztlichen Hilfsberufe einreihen müssen. (Mehr: siehe Schiedsstellenbeschluss)

Hebammen: gesellschaftlich wertvoll und unverzichtbar 

Die Gesundheitskosten im Erwachsen-Alter hängen davon ab, wie die Schwangerschaft, die Geburt und die erste Lebensperiode verlaufen sind.  Je früher Hebammen tätig werden, desto größer sind die Chancen, dass sich ein Kind nachhaltig gesund entwickeln kann (s. Bonding u. Mikrobiom).

Die Qualität der Hebammenarbeit besteht darin, die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen bei Schwangeren und Müttern zu senken: durch Stärkung von Selbstvertrauen, Selbstwert, Selbstsicherheit und Handlungskompetenz. Wird eine Hebamme optimal und rechtzeitig tätig, sollte es zu weniger Krankheits-Interventionen kommen, wie unter anderem durch Frühgeburtlichkeit oder Interventionen im Verlauf der Geburt.

Hebammentätigkeit geht also weit über Leistungen hinaus, die bestimmte Krankheiten früh erkennen und zu vermeiden. Denn Hebammen fördern gesunde körperliche und psychische Funktionen – unabhängig davon, ob sie (als Nebeneffekt) natürlich auch krankheits-präventiv wirken. Sie stabilisieren familiäre Beziehungen, insbesondere die zwischen Mutter und Kind. Sie stärken einen Schutzraum, in dem Entwicklung möglich ist. Sie helfen dabei eine schwierige Situation zu verstehen, fördern Handlungskompetenz und Selbstmanagement und erweitern die Räume, in denen gehandelt werden kann. Sie unterstützen gesundes Wachstum im Sinne der Salutogenese. Und sie befähigen darüber hinaus  Frauen in unsicheren, gefährdeten und riskanten Situationen, wieder in eine ruhige Stabilität zurückzufinden. Sie fördern die Widerstandsfähigkeit für Belastungen (Resilienz)  und sorgen für den notwendigen Rahmen sozialer, familiärer und gesundheitsbezogener Unterstützung in einem Netzwerk. Sie helfen, einen Schutzraum zu bilden, in dem ein Kind geboren und gesund aufwachsen kann. Gerade unter betriebswirtschaftlichen Aspekten lohnt es sich deshalb für die Gesellschaft als Ganzes, die wichtigste menschliche Lebensphase zu stabilisieren. Das erspart der Gesellschaft später viele Tagessätze für Krankenhaus- und vielleicht auch Gefängnisaufenthalte.

Die Schaffung von Voraussetzungen für gesunde und soziale Entwicklungen, ist eine eindeutige staatliche Aufgabe. Dagegen führt die Bezahlung der Hebammen aus Krankenkassenmitteln dazu, dass nur Leistungen erstattet werden, die sich messbar auf Krankheitsbehandlung oder Krankheitsvermeidung beziehen, also nicht auf Kommunikation zur Stärkung von Selbstlösungs-Kompetenzen, die über Krankheitsprävention hinauswirken.

Wegen der grundlegenden Bedeutung für gesundes gesellschaftliches Wachstum wäre es also folgerichtig, Hebammenarbeit im Rahmen einer staatlich gesicherten Daseinsfürsorge zu sichern. Zum Beispiel im Rahmen eines Zukunftsfonds, dessen Ziel es wäre, Schwangere, Mütter, Väter und Kinder wirksam zu schützen.

Bleibt es stattdessen bei dem (durch Krankenkassen geförderten) Trend der schleichenden Abschaffung des Hebammenberufes, hätte das fatale Folgen für die Gesellschaft als Ganzes und für die unmittelbar betroffenen Familien.

Letzte Aktualisierung: 13.06.2019