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20. Mai 2022

Ethik und Heil-Berufe im Wandel

Inhalt


„Gute Rendite statt guter Medizin: Jetzt geht es auch den Arztpraxen an den Kragen. … Er (der Gesundheitsminister) könnte den Spuk (des Ausverkaufs) beenden. Macht er aber nicht.“ Dr. B. Hontschik, FR, 18.05.2022

Ärztliche Ethik im Neuen Gesund

Sie hinterfragen eigene Erfahrung und Messergebnisse. Und selbst ihre eigene Einstellung. Sie sind interessiert, respekvoll, neugierig, und versuchen Wechselwirkungen zu verstehen. Auf der Basis ihrer Grundwerte halten sie Ausschau nach günstigen und schädlichen Einflüssen. Sie finden Wege, um die Chancen für günstige Entwicklungen zu vermehren.

Ein „guter Arzt“ und Gesundheits-Philosoph: Prof. Bila Kapita, der Erstbeschreiber von AIDS in Afrika. Bild: Jäger, Kinshasa 1987

Der Gesundheitsmarkt ändert sich rasant

Mehr: Algorithmenmedizin

Heute ist „gute“, „ethische-gegründete“, „evidenz-basierte“, „patienten-zentrierte“, „empathische“, „integrierte“, „zusammenhänge-bezogene“ mega-out.

Die meisten Ärzt:innen wollen nicht hören, dass man sie im „Neuen Normal“ der Digital-Medikalisierung nicht mehr benötigen wird. Noch machen sie mit – gläubig oder schweigend. Noch klingelt die Kasse durch Testen und Piecksen. Beides könnten Apotheker:innen genauso gut, und Hilfskräfte wären viel billiger.

Noch aber braucht der Gesundheitskult Ärzt:innen. Allerdings nur noch für den „Placebo-Effekt“ (die „Droge Arzt“) und für die manuellen Techniken, die Roboter noch nicht können. Und für Tätigkeitsrituale für die billigere Arbeitskräfte bisher noch nicht zugelassen sind.

Eine der wenigen Chancen für engagierte, ethisch-orientierte Gesundheitsberufler:innen besteht darin, ihre Rollen radikal neu zu denken:

Ärzt:innen könnten Patient:innen so begleiteten, dass

  • deren Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sinkt, oder
  • sie den kommerziellen oder staatlich-verordneten Gesundheitsmarkt nur sehr selten aufsuchen müssen.

Die Realität im Gesundheitswesen ist komplex.

Der Erhalt von Gesundheit und die Entstehung von Krankheit, ist abhängig von Wechselwirkungen und Beziehungen.

Ärzt:innen, die (nicht nur Laborwerte) sondern Leben betrachten, handeln nicht sofort. Sie betrachten Beziehungen, Einflüsse und Wechselwirkungen, Entwicklungen, Veränderungen und Wachstum. Sie wissen: Krisen und Konflikte sind verwoben.

Ursprung ärztlicher Heilkunst

Die ersten Ärzte waren vor über 2.000 Jahren Gesundheits- und Staats-Philosophen.

Mehr: Heilkunst

Ihre Aufgabe sahen sie darin, Patient:innen zu helfen, Schamanismus, Kräuterapotheken und Religions-Rituale auf das Nötigste zu beschränken.

Ein Körper sollte wie ein Staat so organisiert sein, dass bei einem inneren, elastisch-stabilem Friedenszustand äußere Feinde erfolglos bleiben müssten. Allerdings wurden ihre guten Ratschläge schlecht bezahlt. Und so verkauften sich immer mehr Ärzte als Angestellte an Kräuterapotheken. Dort erklärten sie dann mit verschwurbelt-unverständlichen Experten-Theorien, warum die Apotheken-Produkte (z.B. gegen Impotenz, Sumpffieber oder Schlafstörungen) auch wirkten. (Prof. Unschuld 2013)

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Cyber-Doc:, die transhumane Vision eines Algorithmus, der genau weiß, was zu tun ist, und bald auch pieksen wird. Bild Jäger 2019

Heute bestimmen Labor-Tests die Diagnose.

Therapien folgen in Entscheidungs-Abläufen (Algorithmen) festgelegten Richtlinien zu Pharma-Produkt-Anwendungen. Und Aufklärung soll auf die Verlautbarung dessen begrenzt werden, was (behördlich festgelegt) getan werden muss. Vielleicht liegt die Chance für eine Erneuerung des Arztberufes nur noch darin, sich zurückzubesinnen auf die Gesundheits-Philosophie:

Produkt-neutrale und ritual-unabhängige Beratung und Begleitung ohne Heilversprechen.

„Die Idee eines engagierten Arztes, der dem Wohl seiner lokalen Gemeinschaft dient, wird verschwinden: Ärzte werden Einnahmequellen für Unternehmen sein. … Sie sollten sich zusammenschließen, um das System zu umgehen und grundlegende, bezahlbare, wissenschaftliche Medizin anbieten.“ John Garvey (engl. Allgmeinarzt), 19.04.2022, sinngemäß übersetzt

Grundlegende ethische Prinzipien für Ärzt:innen:

  1. Nicht schaden
  2. Drohenden Schaden abwenden
  3. Nachfrage nach weiteren Behandlungsleistungen senken
  4. Übertherapie entgegenwirken und Untertherapie aufzeigen
  5. Nicht täuschen
  6. Selbstlösungspotential fördern

Nicht schaden

Das Vorsorgeprinzip „Nicht schaden“ ist die älteste Grundlage ärztlichen Handelns. Es verlangt im Zweifel nicht zu handeln sondern zu beobachten („Abwartendes Offenhalten“) oder sehr kontrolliert und sorgsam vorzugehen. In der Realität des Gesundheitsmarktes wird das Vorsorgeprinzip umgekehrt: „Handeln, solange kein Schaden bewiesen und eine Nutzenvermutung durch Kurzzeitbeobachtungen plausibel erscheint“. Erst im Nachhinein wird die Wirksamkeit von Maßnahmen in Langzeitbeobachtungen verifiziert, z. T. undokumentiert, unsystematisch und unverblindet. In der Zwischenzeit werden häufig Medikamente ohne Nutzenbeweis durch systematische, herstellerunabhängige Langzeitbeobachtungen verordnet.

Drohenden Schaden abwenden

Auch das Abwenden drohenden Schadens ist ein ärztliches Grundprinzip. Der Schutz vor iatrogenen und nosokomialen Schäden sollte nicht aufgrund kommerzieller Interessen missachtet werden. Insbesondere in den Entwicklungsländern sollten die bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen niemals für Profit ausgenutzt werden. Es sollte verhindert werden, dass ein bestehender Schaden (Krankheitsausbruch) durch einen anderen (bspw. die Abhängigkeit von Firmen) ersetzt wird.

Nachfrage nach weiteren Behandlungsleistungen senken

Die Nachfrage nach weiteren Behandlungsleistungen zu senken bedeutet, Behandlungswirksamkeit, Effektivität und Effizienz in den Fokus der Behandlungsqualität zu stellen. Interventionen, die zu immer neuen Interventionen und Abhängigkeiten führen würden, sollten kritisch hinterfragt und abgelehnt werden.

Übertherapie entgegenwirken und Untertherapie aufzeigen

Gut versorgte Patienten in Tansania nach Busunfall, Bild Jäger 1983

Übertherapie und Untertherapie sind im Gesundheitsmarkt eher die Regel als die Ausnahme. Es gehört zu den therapeutischen Aufgaben, Patientinnen und Patienten vor einer Medikalisierung ihrer Lebensprobleme zu schützen und andererseits z. B. bei Migrantinnen und Migranten oder im Zusammenhang von Global Health Mangelversorgungen aufzuzeigen.

Nicht täuschen

Eine optimale Kommunikation zwischen Patientin/Patient und Behandlerin/Behandler gründet sich auf Einfühlungsvermögen, Offenheit, Wahrhaftigkeit, Transparenz, Vertrauen und auch Selbstreflektion. Bei einem großen Teil der Angebote des Gesundheitsmarktes werden Interessen der Anbieter verfolgt, die nicht genannt werden und in Irreführung und Erzeugung von Abhängigkeit münden, Patientinnen und Patienten werden bewusst und unbewusst über Wirkungszusammenhänge getäuscht. Sie davor zu bewahren, ist ein wichtiges ethisches Ziel.

Selbstlösungspotential fördern

Das Empowerment der Patientinnen und Patienten ist umso dringlicher, je stärker Marktinteressen das Gesundheitswesen bestimmen. Lernen, persönliche Entwicklung, Förderung sinnvollen Verhaltens und gesunder Verhältnisse sollten im Fokus stehen. Im Interesse der Patientinnen und Patienten ist es nötig, Strategien zu entwickeln, die aus Abhängigkeiten befreien, damit sie die eigene Gesundheitssituation selbst bestimmt beeinflussen können. 

Heilsam handeln

Ärzt:innen können gegen etwas kämpfen – oder ihre Patient:innen begleiten. Und sie dabei unterstützen, ein sinnvolles und erfülltes Leben zu gestalten

Mezis-Nachrichten 3/2021

Weitere Kriterien für gutes ärztliches Verhalten

  • Aufmerksam, wach, freundlich, zugewandt.
  • Ruhig, wertschätzend, respektvoll, empathisch.
  • Interessiert am anderen, offen und neugierig zuhörend und interessiert nachfragend.
  • Respektvoll tastend, fühlend (keine Grenzüberschreitung ohne Einwilligung)
  • Sorgen und Gefühle wahrnehmend und spiegelnd.
  • Fachwissen verständlich und bildhaft vermittelnd.
  • Grenzen und Grauzonen der Kompetenz thematisierend.
  • Vorschläge und Alternativen aufzeigend.
  • Vereinbarungen vorschlagend, die sich bei verändertem Verlauf oder neuen Gesichtspunkten verändern können.
  • Zahl der Möglichkeiten vermehrend.
  • Aus Fehlern lernen.

Mehr

Publikation

  • Ethische Herausforderungen i.d. Med.: MN 3/2019, S. 8
  • Ärztinnen und Ärzte am Wendepunkt: MN 3/2021, S. 7-10

Literatur

  • Dörner K: Der gute Arzt – Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung, Schattauer 2001
  • Stöhr M: Ärzte, Heiler Scharlatane, Steinkopf 2001
  • Schmacke N: Ärzte oder Wunderheiler – Die Macht der Medizin und der Mythos des Heilens, Westdeutscher Verlag 1997
  • Jäger H: Beziehungsreiche Medizin, DHZ, März 2014 (4):15-18
  • Patientenzentrierte Forschung: Lundberg Institute http://www.lundberginstitute.org/, James Lind Alliance http://lindalliance.org/, Picker Institute http://www.pickereurope.org/
  • Verghese A: Vortrag „A doctors touch“ (Ted 2011) www.ted.com/talks/abraham_verghese_a_doctor_s_touch ,  http://abrahamverghese.com/

Ethik der Patienten-Information

Hebammen

Hebammen sind an Gesundheit interessiert. Therapien können sie nicht abrechnen. Ärzt:innen müssen Krankheiten beseitigen oder verhindern. Ökonomisch sind viele von ihnen daran interessiert, Ihre Patient:innen so zu beahndeln, dass sie möglichst bald und oft wiederkommen.

Hebammen werden dafür bezahlt, die Eigen-Kompetenzen der von ihnen betreuten Frauen so zu stärken, dass Krankheitsrisiken (und damit die Kosten) möglichst klein bleiben.

Sie stärken bei Schwangeren und Müttern Selbstvertrauen, Selbstwert, Selbstsicherheit und Handlungskompetenz. Wird eine Hebamme optimal und rechtzeitig tätig, kommt es zu weniger Krankheits-Interventionen, Frühgeburtlichkeit oder Interventionen.

Hebammen fördern gesunde körperliche und psychische Funktionen – unabhängig davon, ob sie (als Nebeneffekt) natürlich auch krankheits-präventiv wirken. Sie stabilisieren familiäre Beziehungen, insbesondere die zwischen Mutter und Kind. Sie stärken einen Schutzraum, in dem Entwicklung möglich ist. Sie helfen dabei eine schwierige Situation zu verstehen, fördern Handlungskompetenz und Selbstmanagement und erweitern die Räume, in denen gehandelt werden kann. Sie unterstützen gesundes Wachstum im Sinne der Salutogenese. Und sie befähigen darüber hinaus  Frauen in unsicheren, gefährdeten und riskanten Situationen, wieder in eine ruhige Stabilität zurückzufinden. Sie fördern die Widerstandsfähigkeit für Belastungen (Resilienz)  und sorgen für den notwendigen Rahmen sozialer, familiärer und gesundheitsbezogener Unterstützung in einem Netzwerk. Sie helfen, einen Schutzraum zu bilden, in dem ein Kind geboren und gesund aufwachsen kann. Gerade unter betriebswirtschaftlichen Aspekten lohnt es sich deshalb für die Gesellschaft als Ganzes, die wichtigste menschliche Lebensphase zu stabilisieren. Das erspart der Gesellschaft später viele Tagessätze für Krankenhaus- und vielleicht auch Gefängnisaufenthalte.

Simbav
Gut umsorgt und geschützt. Bild: SIMBAV e.V. 2011

In Deutschland ist die Ausübung des Hebammenberufes gesetzlich geschützt. Es besteht eine Hinzuziehungspflicht einer Hebamme zu einer Geburt.

Ihre Arbeit eine hohe gesellschaftliche Bedeutung für die gesunde Entwicklung von Kindern und Müttern Trotzdem verdienen sie gemäß ihrer Gebührenordnung deutlich weniger als viele Handwerksberufe.

Die Gesundheitskosten im Erwachsen-Alter hängen davon ab, wie die Schwangerschaft, die Geburt und die erste Lebensperiode verlaufen sind. Je früher Hebammen tätig werden, desto größer sind die Chancen, dass sich ein Kind nachhaltig gesund entwickeln kann

Die Schaffung von Voraussetzungen für gesunde und soziale Entwicklungen, ist eine eindeutige staatliche Aufgabe. Dagegen führt die Bezahlung der Hebammen aus Krankenkassenmitteln dazu, dass nur Leistungen erstattet werden, die sich messbar auf Krankheitsbehandlung oder Krankheitsvermeidung beziehen, also nicht auf Kommunikation zur Stärkung von Selbstlösungs-Kompetenzen, die über Krankheitsprävention hinaus wirken.

Wegen der grundlegenden Bedeutung für gesundes gesellschaftliches Wachstum wäre es also folgerichtig, Hebammenarbeit im Rahmen einer staatlich gesicherten Daseinsfürsorge zu sichern. Zum Beispiel im Rahmen eines Zukunftsfonds, dessen Ziel es wäre, Schwangere, Mütter, Väter und Kinder wirksam zu schützen.

Bleibt es stattdessen bei dem Trend der schleichenden Abschaffung des Hebammenberufes, hätte das fatale Folgen für die Gesellschaft als Ganzes und für die unmittelbar betroffenen Familien.

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Letzte Aktualisierung: 27.06.2022